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Samstag, 4. Mai 2013

Menschenjagd. Amerikas schmutziger Krieg.

Es gibt Themen, für die ist das "Informationszeitalter" ein Schutz, ein Segen. Sie sind zwar da, es wird über sie berichtet, "aufgeklärt", aber sie gehen irgendwie einfach unter im ständigen Rauschen der Lärmwolke, welche die globale Informationsflut täglich produziert. Was diese Themen häufig so unsichtbar bleiben lässt, ist vielleicht auch der Umstand, dass wir eigentlich lieber nichts davon hören und wissen wollen.

Ein schlagendes Beispiel dafür ist für mich der "Krieg gegen den Terror" der USA. Er ist eine wahre Schande für unsere westliche Kultur und ihre Werte: Menschenrechte, Menschenwürde, Rechtsstaat, Demokratie, ..... Die führende Nation der Welt, die USA, tritt alle diese Werte mit Füssen unter dem Vorwand der Selbstverteidigung, nicht nur der USA, sondern der westlichen Zivilisation. Für Amerika "The World is a Battlefield", wie Jeremy Scahill in seinem schockierenden neuen Buch "Dirty Wars" schreibt und schmerzhaft belegt.

Mittwoch, 23. Mai 2012

Atomverhandlungen Iran: Will der Westen keinen Kompromiss?



Heute Mittag gab es viele positive Signale: Der Iran sei zu Zugeständnissen bereit, liessen die westlichen Verhandlungsführer gegenüber den Medien verlauten.
Ein Dejà-Vu. Nicht zum ersten mal signalisiert der Iran die Bereitschaft zu einem Kompromiss. Und anders als es in den Westmedien dargestellt wierden wird, dürfte erneut nicht der Iran einer Lösung im Weg stehene, sondern der Westen – weil er nicht wirklich eine Lösung will.

Mittwoch, 11. Januar 2012

Evangelikale: Egal wer, bloss nicht Obama

Langsam wird auch öffentlich deutlich, wie gross der Einfluss der christlichen Fundamentalisten in den USA ist. An diesem Wochenende wollen in Texas 125 evangelikale Führer (darunter einige Millionäre) auf einer Ranch in Texas treffen, um sich auf einen der konservativen Kandidaten zu einigen, die darum buhlen, im nächsten August zum offiziellen Präsidentschaftskandidaten der Republikaner erkoren zu werden. Ihrer Empfehlung kommt entscheidende Bedeutung zu. Bisher sind ihre Stimmen (bei den Vorvorwahlen in Iowa) und vor allem ihre Spenden noch auf verschiedene Kandidaten zersplittert. Klar ist nur eins: Egal wer, nur nicht Obama.

Warum darf der Iran eigentlich keine Atomwaffen besitzen?


Terror als Mittel der (westlichen) Staatspolitik? Heute ist erneut ein iranischer Wissenschaftler, der viellleicht am Atomprogramm Irans beschäftigt war, mittels einer Magnetbombe von unbekannten Terroristen getötet worden. Immer mehr Indizien deuten darauf hin, dass "der Westen", konkret Israels Geheimdienst Mossad, hinter dem Terror steht.

Ich kann es auch weiterhin nicht wirklich glauben, aber vor lauter Hetze könnte ja auch ein Krieg einfach "passieren". Zumal in den USA Wahlkampf herrscht.
Kern des Problems ist vorgeblich die drohende Gefahr, dass der Iran schon bald über Atomwaffen verfügen wird.
Kann mir irgendjemand sagen, warum genau eigentlich der Iran - anders als Israel, Pakistan, Indien, Russland oder die USA - keine Atombombe haben darf?

Montag, 5. Dezember 2011

US Neo-Cons: Neue Hetze für neuen Krieg

Sie haben schon erfolgreich die Kriegstrommel für den Krieg gegen Irak gerührt - die neo-konservativen "Thinktanks" in den USA. Jetzt tun sie es wieder. Seit Wochen hetzen sie gegen den Iran und für einen Krieg gegen die Mullahs.

Bisher haben die in Washington sehr einflussreichen Köpfe des American Enterprise Institute (AEI) und der Heritage Foundation die Story von der drohenden atomaren Zerstörung Israels gefahren. Jetzt plötzlich, schreibt MJ Rosenberg in seinem Blog, hätten die Neokonservativen einen drastischen Schwenk zur "Wahrheit" vorgenommen, um eine glaubhafte Begründung für den "notwendigen" Krieg gegen den Iran zu geben. Danielle Pletka,  Vizepräsidentin des AEI und eine der prominentesten Neokonservativen in Washington habe offen gesagt, was es "mit der aktuellen Besessenheit um das iranische Nuklearprogramm" wirklich auf sich hat:

Montag, 7. November 2011

Alle Jahre wieder: Israel droht dem Iran.

Sie spielen brav jedes Jahr ihre Rolle: Israel droht dem Iran mit einem Angriff auf dessen Atomkraftwerke, die westlichen Medien berichten "sorgenvoll" über die "drohende Gefahr". Neu ist dieses Jahr, dass zusätzlich ein peinlicher Anschlag auf einen saudische Diplomaten in den USA inszeniert und den Iraner untergeschoben wurde. Neu ist auch, dass sogar ein hoher israelischer Militär, Ex-Geheimdienstchef Meir Dagan, die leeren Drohungen als "Dummheit"http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/naher-osten-und-afrika/Angriff-auf-iranische-Atomanlagen-waere-eine-Idiotie/story/21158142 disqualifiert.Die Israelis werden NICHT angreifen. Aus Selbstschutz.

Montag, 10. Oktober 2011

Victor Bout: Jetzt auch Teil der Geschichte des Internets.

Victor Bout: "Geschäftsmann" oder "Händler des Todes"?
Victor Bout, der wohl berühmteste Waffenhändler der 90er-Jahre in Afrika und darüberhinaus, könnte künftig auch in der Geschichte des Internet einen festen Platz haben.
Morgen beginnt in New York der Prozess gegen den 44-jährigen Russen, der von den Medien gern als „Händler desTodes“ bezeichnet wird, weil er skrupellos Waffen an „Terroristen“ und Warlords zum Beispiel in Afghanistan, Liberia, Angola oder im Kongo geliefert hat.

Sonntag, 23. Januar 2011

Wikileaks: Das andere Bild der Atomverhandlungen gegen den Iran

Dies ist der dritte Teil der kleinen Contextlink-Serie zu den "gescheiterten Verhandlungen zur iranischen Atompolitik". Siehe Teil 1: "Iran/Nahost: Die Atomfrage ist bloss ein Nebenkriegsschauplatz." Teil 2: "Warum Israel die iranischen Atomanlagen NICHT bombardieren wird." 

Die anfängliche Aufregung um die Veröffentlichung der Botschaftsdepeschen der US-Diplomaten durch Wikileaks hat sich Ende des Jahres gelegt. Doch verborgen in der riesigen Masse der veröffentlichten Dokumente finden sich immer neue Detail-Informationen, deren Brisanz und Relevanz erst langsam und nur von Spezialisten erkannt wird.

Professor Gary Sick,  Iranspezialist und ehemals Mitglied des Nationalen Sicherheitsausschusses der USA, ist einer von ihnen. Und die Information, die er aus der von Wikileaks veröffentlichten Notiz eines Gesprächs zwischen einem amerikanischen Unterhändler mit dem türkischen Aussenminister Ahmet Davutoglu in Ankara am 12. November 2009 herausliest, zeichnet ein völlig anderes Bild der Verhandlungen zwischen den Westmächten und dem Iran wegen deren Atomanlagen. Für das wiederholte Scheitern der Verhandlungen sind keineswegs nur die Iraner verantwortlich. Es seien vielmehr die USA und ihre arabischen Verbündeten, die einen möglichen Durchbruch mehrfach hintertrieben hätten.

Stratfor-Gründer George Friedman kommt in seiner aktuellen  Analyse zum Schluss: "Die Atomfrage ist gar nicht so wichtig." - "Es geht um nichts weniger als die Zukunft der Arabischen Halbinsel".


Sonntag, 24. Oktober 2010

Kriegstagebuch Irak. Wer will das schon wissen?

"Das ist ja entsetzlich, was da passiert ist." Oder: "Das ist ja Wahnsinn, was da zum Vorschein kommt." Die wenigen Leute, die sich in meiner Bekanntschaft überhaupt mit den von Wikileaks verbreiteten  "War Logs" ("Kriegstagebücher aus dem Irak") beschäftigen, sind schockiert.

Und ich kann mich nur wundern über ihr Erstaunt-Sein. Offenbar haben die Medienkonsumenten ausserhalb des Iraks tatsächlich geglaubt, das, was sie täglich über die Fernsehkanäle der Mainstream-Sender zu sehen bekamen, sei die ganze Wahrheit.

Vielleicht ist die wirkliche Erklärung für ihr Erstaunen aber eine ganz andere: Man will die ganze Wahrheit gar nicht wissen. Man ist froh im Glauben gelassen zu werden, dass Krieg nicht einfach nur schmutzig sein kann. Die Normalität des Krieges, jedes Krieges, wie sie uns jetzt dank Wikileaks vor Augen geführt wird, will niemand wirklich sehen. Wie könnte man sonst ruhig bleiben, nach dem Tagesschaubericht aus dem Sofa aufstehen, ein neues Bier im Kühlschrank holen oder einfach zu "Dr. House" oder "TVtotal" weiterzappen.

Einige reagieren ablehnend auf die Wikileaks-Enthüllungen: "Was bringt das jetzt noch?" Oder: "Es befriedigt doch höchstens noch die Sensationslust einiger Freaks."

Auch einzelne Medien in der Schweiz gaben sich kurzfristig schockiert. Aber schon zwei Tage später geht man zum Beispiel bei der Sonntagszeitung  davon aus, dass sich ihre Leserschaft für das schwierige Thema nicht mehr interessiert. Die Sonntagszeitung begnügt sich mit einem einspaltigen Miniartikel, sogar ohne Bild.

Wie erwartet fiel die Reaktion der offiziellen Politik in den USA aus: Geheucheltes Entsetzen und/oder der Versuch, die Überbringer der schlechten Nachricht zu verunglimpfen oder zu beschimpfen.

Dabei müssen sich die Verantwortlichen für die Katastrophe nicht wirklich Sorgen machen. Sie können den Sturm, den Wikileaks momentan zumindest in den USA verursacht, einfach aussitzen. Die meisten Menschen im Norden reagieren wie die meisten meiner Bekannten: Kurzes Entsetzen ... dann: Schulterzucken.

Vielleicht haben sie ja sogar recht. Wenn man die Menschen dieser Welt zwingen würde, die "Warlogs" stundenlang und immer wieder anzusehen - würde sich etwas ändern? Würden nächste Kriege verhindert?

Nachhaltiger werden die Kriegstagebücher im Nahen Osten wirken. Sie werden den "Hass auf den Westen" weiter verstärken und der weiteren anti-westlichen Radikalisierung der Gesellschaft Vorschub leisten.

Im Westen/Norden bleiben die "Enthüllungen" dessen, was wir eigentlich schon wussten aus allen anderen Kriegen zuvor, wohl tatsächlich etwas für "Freaks". Und diese Freaks wissen, dass das, was diese Enthüllungen aus dem Irak zeigen, auch Alltag ist in den Kriegen, die aktuell stattfinden und in all den Kriegen, die noch kommen werden.

Immerhin markieren die Wikileaks-Tagebücher zumindest in der Kriegsberichterstattung einen Meilenstein. Eine umfangreiche, detaillierte Berichterstattung auch im Bild über einen Krieg aus der Sicht der Soldaten, unzensuriert.




Und noch etwas: Wikileaks hat die "Warlogs" einer Handvoll ausgewählter Medienhäuser schon vor der offizielle Veröffentlichung zugänglich gemacht. Diese haben den Vorlauf genutzt, um sie auf ihren Internetseiten teils vorbildich aufzubereiten. State-of-the-Art Online-Info. Ein leuchtendes Beispiel von Qualitätsjournalismus Online, den kein Printorgan bieten kann:

Freitag, 1. Oktober 2010

Wenn Milliardäre Steuern zahlen würden ....

Bild: Foreign Policy
Das ist doch ein bemerkenswerter Artikel des Foreign Policy-Autors und Bloggers David Rothkopf über die Spender-Reise der US-amerikanischen Milliardäre Bill Gates und Warren Buffet nach China. Rothkopf ist nicht gerade der Ausbund eines linken Eiferers. Der Titel seines Artikels in Foreign Policy heisst: "In search of real philanthropy" "Auf der Suche nach wahrer Menschenliebe"). Viel spannender und vielsagender ist allerdings der Titel, mit dem Foreign Policy den Rothkopf-Blog auf der Front an-teast: "If Billionaires Really Wanted to Help, They Would Pay Taxes". ("Wenn Milliardäre wirklich helfen wollten, dann sollten sie Steuern bezahlen").

Den Artikel gibt's übrigens auch in einer amüsanten Computerübersetzung auf deutsch hier.

Der wichtigste Abschnitt des Artikels ist wohl der folgende:
"Und wir möchten die grosszügigsten dieser Milliardäre ermuntern, einen Schritt weiter zu gehen und sich aktiv für Programme einzusetzen, welche es möglich machen, dass die Leute mehr dazu zu sagen haben, wofür die Reichtümer verwendet werden, die die Gesellschaft produziert ... Programme wie die Einkommens-Steuern."

"Das wäre tatsächlich die bahnbrechendste Initiative dieser Wahlsaison ... eine Bewegung der Reichen
für eine Steuerregelung, die es uns erlaubt, nicht mehr auf Kosten unserer Kinder leben zu müssen, um das System zu finanzieren, das einige Wenige reich macht. Das wäre echte Philanthropie (Menschenliebe) .. . reiche Amerikaner, die sich für die Aufhebung von Bushs Steuerkürzungen einsetzen, um sicherzustellen, dass künftige Generationen eine faire Chance für ein anständiges Leben haben, statt für die Abzahlung der Exzesse ihrer Eltern und Grosselter schuften zu müssen."


Übrigens: Auf Computer-deutsch heisst der Abschnitt: "In der Tat, das wäre der bewegendsten und bahnbrechende Initiative dieser Wahl Saison ... eine Bewegung unter den Reichen zu umarmen eine Anpassung der Abgabenordnung, damit wir Kinder stoppen Kredite von unseren zu wenige Finanzierung eines Systems, so dass bereichert. Das wäre echte Menschenliebe sein ... reiche Amerikaner streiten für dropping Bushs Steuersenkungen für Generationen zu sichern Zukunft hatte eine faire Chance zu einem menschenwürdigen Leben eher werktätigen bis zu den Großeltern zahlen für die Exzesse der Eltern und."

Donnerstag, 16. September 2010

Ultra-konservativ gefährdet konservativ. Rechts bedroht rechts. UPDATE 17.9.

"Kommt was von rechts?" und "Alles, was rechts ist." Das ist die Titelgeschichte der neuen Ausgabe der "Zeit" (Ausgabe Deutschland). Gleich in mehreren Artikeln beschwört sie die Gefahr einer neuen Rechts-Partei, rechts der CDU. "Praktisch täglich" könne man in Deutschland "das emotionale Potenzial" für eine solche Rechtsaussenpartei "wachsen sehen".

"Wenn tatsächlich eine neue Partei entstehen sollte, wäre sie indes keine klassisch konservative, keine, die auf gutes Benehmen und alte Werte baut, sondern ehere das Gegenteil: eine Partei der Enthemmung."

http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,717560,00.html
Und vor allem: diese neue ultra-konservative würde die dominierende konservative Partei, die CDU gefährden:
"Es wäre eine Partei "der Spaltung, eine Antivolkspartei - im Namen des Volkes, das sich von seiner politischen Klasse nicht länger unterdrücken lassen will."

Die von der CDU-Enttäuschten bieten in Deutschland aber (noch) nicht Hand zur Attacke auf die "Mutterpartei". Friedrich Merz, frustrierter Rechtsaussen der Merkelpartei, erhält laut "Zeit" "Fluten von Zuschriften" eine Partei rechts der CDU zu gründen. Merz winkt - sehr staatsmännig - ab. Aus Angst vor den Ultra-Rechten: Jede bürgerliche Protestpartei würde automatisch auch Radikale anziehen. Als Anführer einer Truppe von Irrlichtern sieht sich Merz aber definitive nicht.

Vor allem weiss man in Deutschland: Eine Partei rechts der CDU würde die grosse konservative Regierungspartei schwächen - und damit den "linken" Erzrivalen SPD stärken.

Die USA weisen den Weg (?)
Genau das läuft zur Zeit in den USA im Vorfeld der Kongresswahlen ab. Dort irrlichtern die Ultrarechten von der Tea Party-Bewegung erfolgreich. Der Kampf war lang und schmutzig. Christine O'Donnell, die Erzkonservative, hat sich bei den Vorwahlen der Konservativen (Republikaner) für die Wahl ins nationale Parlament den USA (Kongress) im US-Staat Delaware gegen ihren "moderaten" Republikanergegner und Favoriten Mike Castle durchgesetzt. Castle ist Delawares früherer Gouverneur und langjähriger republikanischer Abgeordneter mit einem Multimillionen-Dollar-Etat für die Wahlkampagne.

In der Bibel heisse es, sagt Christine O'Donnell zum Beispiel, Lust empfinden sei Ehebruch. "Man kann nicht masturbieren, ohne Lust zu empfinden."

Karl Rove"The Architekt" der politsichen Erfolge George W. Bushs, wichtigster politischer Berater der Republikanischen Partei und ihr oberster Wahlstratege, hat nach dem Sieg der internen Gegner gegen seinen Wunschkandidaten Castel, auf dem konservativen PR-Sender Fox-News Gift und Galle gegen O'Donell gespuckt (siehe Video unterhalb), weil er weiss, dass die Republikaner mit der unwählbaren Tea-Party-Exponentin den sicher geglaubten Sitz in Delaware nicht gewinnen werden:"Wir waren unterwegs zu acht bis neun Sitzen im Senat. Wir werden jetzt wohl nur sieben oder acht machen. So kann man einen Wahlkampf nicht gewinnen."



Vielleicht muss Rove seine Berechnungen gar noch weiter nach unten korrigieren. Auch in New York hat ein Mitglied der Tea Party-Bewegung den offiziellen Kandidaten der Republikaner geschlagen. Da waren's nur noch sechs bis sieben.

UPDATE:
Das Establishment der Republikaner zieht mit: Nachdem sie den ersten Schock der Tea Party-Siege überwunden haben, haben jetzt einflussreiche Republikaner Christine O'Donnell die Unterstützung für die weitere Kandidatur als offizielle Kandidatin der Republikaner für die Senatswahlen zugesichert. Auch erste Aussage aus dem Fundraising-Team der Republikaner, die "Unwählbare" werde kein Geld aus dem Topf erhalten, wurde inzwischen korrigiert.

Die amerikanische Rechte tut offenbar das, was die deutsche Rechte (bisher noch) nicht tut: Sie rückt nach rechts. Dies verstärkt die Richtigkeit der Analyse von Foreign Policy (Online). Das renommierte Politmagazin diagnostiziert in seinem aktuellen gestrigen  Aufmacher-Artikel "The Radical Presidency" eine "Tendenz zum Extremismus" in der US-Politik und fragt besorgt: Wer weiss, wann ein Extremist vom Oval Office (Büro des US-Präsidenten) aus zur Nation sprechen wird?

Ultra-Konservative in Deutschland und in den USA im Aufwind. Lektionen für die Schweiz?

Zumindest droht auch bei uns die Gefahr, dass konservative Parteien zum Schluss kommen, ihren rechten Flügel befestigen zu müssen. Würde heissen: Bewirtschaftung der Themen der Ultrarechten, Beteiligung an der Macht (sprich Zuteilung von Posten und Funktionen).
"Gemässigte" Konservative könnten die Realpolitik als Rechtfertigung für den Rechtsrutsch anführen: Wenn wir nicht weiter nach rechts rutschen, entsteht rechts von uns eine Konkurrenz. Diese Aufsplitterung der Wähler im rechten Lager könnte dazu führen, dass keine der Rechtsparteien über einen für wichtige Polit-Posten relevanten Wähleranteil mehr verfügt, respektive, dass die Linksparteien diese Machtpositionen wieder mit grösserer Wahrscheinlich ergattern werden.

Das Motto der Rechten wäre dann: Lieber einen noch so Ultrakonservativen unterstützen, als den Linken zu mehr Macht verhelfen..

Freitag, 10. September 2010

Die Minarettinitiative. Ein internationaler Meilenstein der Islamophobie.

Am Montag jährt sich 9/11, der Anschlag auf das World Trade Center in New York 2001. Dazu liefert "Die Zeit" in der Printausgabe eine Einordnung zur geplanten Grossdemo gegen die "Islamisierung Amerikas" und den islamophobischen Hype um die Pläne, in der Nähe von "Ground Zero" eine Moschee zu bauen.

Was mich aber wirklich frappiert, ist die zum Artikel gestellte "Chronik der Konflikte: Islam und Westen" (siehe Bild oben).
Die Annahme der Anti-Minarett-Initiative durch das Schweizer Stimmvolk wird als einer der zentralen Meilensteine in der Chronik der Konflikte aufgelistet. In einer Reihe z.B. mit dem Irak-Krieg:
  • Im Februar 1989 bezichtigt der iranische Revolutionsführer Chomeini den britischen Schriftsteller Salman Rushdie der Blasphemie und verhängt über ihn das Todesurteil. Rushdie taucht unter.
  • Im Oktober 2001 beginnen die USA, als Reaktion auf die Anschläge vom 11. September, Krieg gegen die Taliban zu führen.
  • Am 20. März 2003 starten die USA einen Luftangriff auf den Irak. Es folgt eine Bodenoffensive amerikanischer Truppen.
  • Der niederländische Filmemacher Theo van Gogh wird im November 2004 von einem 26-jährigen Islamisten in Amsterdam auf offener Strasse erschossen.
  • Im September 2005 erregen 12 Karikaturen in der dänischen Zeitung "Jillands-Posten" Unruhen unter Muslimen: in der islamischen Welt ist die bildliche Darstellung des Propheten tabu. 
  • Im November 2009 stimmen 57,7 Prozent der Schweizer in einer Volksabstimmung gegen den Bau von Minaretten in der Schweiz.
  • Im Mai 2010 bringen sowohl Belgien als auch Frankreich ein Burka-Verbot auf den Weg.

Donnerstag, 24. Juni 2010

Afghanistan: Obama geht auf's Ganze


Jetzt soll es in Afghanistan also der grosse Star des amerikanischen Militärs richten: David Petraeus.
Damit setzt Präsident Obama seinen mit Abstand wichtigsten militärischen Joker. Er geht auf's Ganze:
  • Er schickt den Chef selbst an die Front. Petraeus war, als  Chef des US-Zentralkommoandos CENTCOM, bisher auch Vorgesetzter des geschassten Afghanistan-Oberkommandierenden Stanley McChrystal.
  • Petraeus ist aktuell DER Held des amerikanischen Militärs. Er hat die USA nach Meinung der wichtigsten Leute in den USA im Irak vor einem noch viel grösseren Desaster gerettet. Das soll ihm jetzt auch in Afghanistan gelingen. Sollte er scheitern, wäre das eine verheerende Katastrophe für das Image der Armee, womöglich mit Langzeitwirkung: z.B. weniger Verteidigungsaufgaben, bescheidenere US-Militär-Missionen und weniger Einsatz-Regionen.
  • Petraeus ist auch der Kopf der geltenden Einsatzdoktrin der USA: Counterinsurgency (die Inhalte der Doktrin hat Contextlink hier erläutert). Petraeus hat die Strategie ursprünglich für den Irak entwickelt und dort auch "erfolgreich" umgesetzt. Auf der Petraeus-Doktrin basierend haben die USA auch die Truppen für Afghanistan massiv aufgestockt. Seither steigt die Zahl der Toten Monat für Monat massiv: Im Juni sind es bisher allein 80, mehr als je zuvor. 
    Alle haben gewusst, dass mit der neuen Doktrin mehr Soldaten sterben werden, weil die neue Taktik verlangt,  dass die Soldaten ganz nahe bei der Bevölkerung sind, häufig in kleinen Gruppen und zu Fuss unterwegs. Dies wird auch Petraeus nicht ändern können, denn seine Taktik nimmt diese Mehr-Toten als vorübergehendes Opfer bewusst in Kauf. Wenn er mit der schmerzhaften Taktik nicht rasch durchschlagende Erfolge erzielt, wird Petraeus rasch die Unterstützung in den USA verlieren. Der Rückzug der Truppen wird gefordert werden und mit Petraeus Scheitern, scheitert auch die aktuelle Taktik der aktuell dominierenden Militärmacht  der globalisierten Welt. Ein Desaster für die USA, deren Dominanz in der aktuellen Weltordnung nicht zuletzt auf ihrer überlegenen militärischen Stärke beruht.
  • Scheitert Petraeus, scheitern die USA in Afghanistan, hat dies geostrategische Auswirkungen nicht nur auf den ganzen Raum Vor- und Zentralasien, sondern global.
  • Ein Scheitern der USA in Afghanistan würde Präsident Obama politisch nicht überleben. Damit knüpft Obama auch sein persönliches (politisches) Schicksal an General David Petraeus.
Gemäss dem von Präsident Obama im vergangenen Dezember angekündigten Plan sollen die Truppen (nach der vorübergehenden, aktuellen Erhöhung der Bestände) am Sommer 2011 schrittweise aus Afghanistan abgezogen werden, weil bis dann die afghanische Armee soweit ausgebildet sein soll, dass sie die Hauptlast des Kriegs gegen die Taliban tragen könne.
Daran glaubt schon länger niemand mehr. Im Gegenteil: Einige halten es für möglich und sogar sinnvoll, dass Obama jetzt mit Unterstützung der militärfreundlichen Kreise (u.a. Senator McCain) in die Offensive geht und kurzfristig noch mehr Truppen als so schon geplant nach Afghanistan schickt. Dies hat McChrystal immer schon gefordert und es entspricht auch der Petraeus-Doktrin: Ein kurzzeitiges, massives Aufrüsten, die Inkaufnahme eines erhöhten Blutzolls, um aber in relativ kurzer Zeit einen nachhaltigen Erfolg zu erzielen und die Truppen deshalb unterm Strich wieder schneller "nach Hause zu bringen".

Donnerstag, 10. Juni 2010

Die neue Front: ausländische Holdings in der Schweiz. Eine Chance für die Schweiz.


Eine der wichtigsten Taktiken der asiatischen Kampfkünste (speziell im Judo) heisst: Die Wucht des Angriffs des Gegners nutzen, um ihn zu Fall zu bringen.

Nicht überraschend, aber überraschend früh, hat die EU gestern die nächste Front gegen die Schweiz in Sachen Steueroase eröffnet. Im Visier stehen jetzt nach den Individualpersonen auch die ausländischen Firmen mit Sitz in der Schweiz, genauer die internationalen Holdings.
Die EU-Kommisson hat gestern beschlossen, "erste Gespräche über den EU-Verhaltenskodex für die Unternehmensbesteuerung" mit der Schweiz zu führen. Es geht dabei um "schädliche Steuerpraktiken".

Auch Konkurrenzkampf
Natürlich geht es dabei auch um die Ausschaltung lästiger Konkurrenz, denn eine ganze Reihe von EU-Staaten unterhält selbst Steueroasen, welche mit der Schweiz um den Markt der steuerhinterziehenden Firmen kämpfen. Aber die Schweizer Politik unterschätzt die Macht dieser neuen Front, wenn sie glaubt, den Angriff mit reinen Konkurrenzargumenten abwehren zu können. Der italienische Wirtschaftsminister Giulio Tramonti hat gestern in der Medienkonferenz in Brüssel klar gemacht, worum es geht: "Die Zeit der Steuerparadiese ist vorbei." "Paradis fiscaux" nennen es die Franzosen, Tax-Haven die Briten und Amis oder Offshore-Centres. Wobei solche Steuerinseln auch auf dem Festland liegen können. Die Schweiz ist eine der Wichtigsten weltweit.

EU und USA vs. Schweiz
Es ist nicht einfach die böse EU, die jetzt diese neue Front gegen die Schweiz, genauer das Schweizer Finanzbusiness, eröffnet: Die EU unterstützt mit ihrer Offensive die USA. Präsident Obama hat schon unmittelbar nach seinem Amtsantritt den Offshore-Zentren den Kampf angesagt.Die US-Steuerbehörden haben sich zuerst auf die Steuerparadiese vor der eigenen Küste gekümmert, z.B. die Cayman Islands. Von diesem Druck der USA auf diese Offshore-Zentren hat die Schweiz in den letzten Monaten profitiert. Bekanntestes Beispiel ist der Ölplattform-Multi Transocean, der Mitverantwortliche der Ölkatastrophe vor der US-Küste. Transocean ist 2009 vor dem Druck der US-Steuerbehörden vom den Cayman Inseln in die Schweiz, nach Zug geflohen. Sie gehört heute zur "Elite", der im SMI gehandelten Schweizer Topfirmen.
Glaubt wirklich jemand in der Schweiz, die USA würden sich das bieten lassen?

Mispricing, falsche Rechnungen zur Gewinn-Verschleierung
Die ausländischen Holdings ziehen in die Schweiz mit einem einzigen Ziel: Steuern sparen. Oder wie man ihren Heimatländern sagen würde: Um Steuern zu hinterziehen. Dabei geht es nicht wirklich um die Höhe des Steuersatzes für die Holding. Sie kommen zu uns, weil die Schweiz ein Offshore-Zentrum ist, das die Augen davor schliesst, dass diese Firmen riesige Steuersummen vermeiden/hinterziehen.  Gelder, die sie eigentlich in ihrem eigentlichen Heimatland und/oder in den Ländern versteuern müssten, in denen sie mittels Tochterunternehmen produzieren und Gewinne erwirtschaften.
Mit der Holding-Struktur und dem Unternehmenssitz in einem Offshore-Zentrum wie der Schweiz werden diese Gewinne mittels eines komplexen Systems, dem "Mispricing",  aber so verschleiert, dass die Steuerbehörden in den einzelnen Ländern die eigentlich fälligen Abgaben nicht kassieren können. So gelingt es den Offshore-Multis, jährlich immer noch grössere Gewinne in ihren Bilanzen auszuweisen und an ihre Aktionäre auszuschütten und gleichzeitig praktisch keine Steuern auf diese Gewinne zu bezahlen.

Wie das Prinzip dieses Betrugs funktioniert, hat die NGO Transparency International am Beispiel eines französsichen Hersteller von Luxus-Kugelschreibern illustriert:



Ein weiteres Beispiel hat Greenpeace anhand des Kongobusiness der Tropenholzfirma Danzer, mit Sitz in der Schweiz, aufgezeigt.

Gigantische Summen fehlen in der Staatskasse
In den USA gehen die Bundesbehörden davon aus, dass dem amerikanischen Fiskus, nein, der amerikanischen Bevölkerung wegen dem Offshore-Umgehungsgeschäft der Multis rund 100 Milliarden Dollar verloren gehen. Das Geld fehlt für die Lancierung von Arbeitsprogrammen, für die Gesundheitsreform, für Bildungsprogramme, usw.. Auf 200 Milliarden Euro werden die Steuerverluste der EU geschätzt.


Die Schweiz kann  nur verlieren ...
Die Summen dieses Steuerbetrugs mit Hilfe der Offhore-Zentren sind gigantisch und für die EU, die USA und alle andern "Opfer" relevant. Die Schweiz darf sich keine Illusionen machen, sie kann auch an dieser neuen Front nur verlieren. Warum sollte die USA auch einfach schlucken, dass sich die Transocean dem Zugriff ihrer Steuerbehörden entzieht und von der Schweiz geschützt wird? Warum sollte die EU nicht die Schweiz zur Rechenschaft ziehen, wenn sie den EU-Firmen aktive Beihilfe zur Steuerhinterziehung leistet, aber geleichzeitig drauf angewiesen ist, dass ihre Exportindustrie im EU-Markt ihr Geld verdienen kann?

... sich als Lösungsbringer profilieren
Das beste, was die Schweiz aus dem Wissen um diese Chancenlosigkeit machen könnte, ist, selbst in die Offensive zu gehen, sich als Lösungsbringer zu profilieren.  Die Lösungen sind bekannt. Sie heissen "internationale  Steuerharmonisierung" und "Transparenz" (Bilanzierungsregeln Country-by Country). Die Schweiz kann vorangehen, enstprechende Vorstösse in den interantionalen Finanzgremien einbringen und damit die anderen Offshore-Zentren und ihre Beschützer in der EU und den USA zwingen, mitzugehen. Das wird funktionieren, weil alle an einer solchen Lösung interessieret sind.

Die Schweiz als Gewinnerin
Die Schweiz könnte dabei als grosse Gewinnerin herauskommen: Denn bei einer international harmonisierten Steuerregelung für Holdinggesellschaften - wenn alle wieder die gleich langen Spiesse haben -, kämen die echten, komparativen Vorteile der Schweiz zum Tragen. Die Schweiz wäre bei höheren Steuereinnahmen trotzdem ein Topstandort für interantionale Unternehmen. Dann würden nämlich die Argumente wirklich zählen, die ausländischen Offshorefirmen in der Schweiz offiziell schon heute offiziell als Grund dafür angeben, warum sie hier sind: Die exzellenten Dienstleistungen und die Lebensqualität: Von der sozialen und physischen Sicherheit, über die Schulen für die Kinder der Expats bis hin zur reichen Kultur, dem Klima und den landschaftliche Schönheiten.

Die Schweiz könnte den Schwung des neuen Angriffs der EU (und der USA) nutzen, um hinterher besser dazustehen als bevor.

Mittwoch, 9. Juni 2010

Iran Saktionen: "Schwacher Tee"


Foreign Policy hat das obige Bild zu ihrem aktuelle Artikel "Weak Tea" ("Schwacher Tee" oder auf deutsch wohl "Ein dünnes Süppchen") über die neuen UN-Sanktionen gegen den Iran ausgesucht. Das Bild sagt alles. Der Einordnung von UNO-Experte Andreas Zumach in der Tagesschau von SF ist eigentlich nichts beizufügen.

Offenbar ist es schliesslich für die USA nur noch darum gegangen, das Gesicht zu wahren und nach einem Jahr Verhandlungen überhaupt noch eine Resolution mit dem Titel "Iran-Sanktion" zu erhalten.
Es fehlt sichtbar schlicht der Wille, Iran wirklich hart anzufassen. Nicht nur, dass sich so wichtige Player der neunen Weltordnung wie China, Brasilien und die Türkei dagegen stellen, auch der Verdacht, dass die USA längst einen Weg MIT dem Iran suchen, hat neue Nahrung erhalten.

Der Verlierer ist Israel. Um die jüdische Lobby in den USA einigermassen ruhig zu halten, gilt offenbar das neue politische Ziel: Der ganze Nahe Osten als atomwaffenfreie Zone. das heisst nichts anderes als: man kann vom Iran nicht etwas verlangen, das nicht auch für Israel gilt.

Dienstag, 8. Juni 2010

UBS-Staatsvertrag-Theater: Symbol eines kranken Systems


Die Gleichheit des Contextlink-Titels zur Schlagzeile vor einer Woche "Bundesrat Merz: Symbol eines kranken Systems" ist natürlich kein Zufall: Beide "Ereignisse" sind die logische Konsequenz der "Krankheit" unseres politischen Systems:

Die Politik ist nicht mehr fähig, Entscheide im Sinne der Sache, im Sinne der Schweiz und des Gemeinwohls zu fällen. Die Parteien und ihre Exponenten befinden sich in einem ständigen Wahlkampf: "Es geht nicht mehr um das gemeinsame Erarbeiten von Lösungen, sondern nur noch um Polarisierung und persönliche Profilierung, Kampf um die Marktanteile der eigenen  Partei zwecks Erlangung der wichtigsten Machtpositionen." Ein kapitaler Staatsvertrag mit den USA kommt da gerade Recht. Da kann man sich medienwirksam positionieren. Dem kurzfristigen Erfolg der Parteiprofilierung wird das Wohl des Staates und seiner Bevölkerung geopfert.

Skrupellos nutzt die SP die Gunst der Stunde, um nicht nur ihre (berechtigten) Forderung nach besserer Kontrolle der Banken einzubringen, sondern vor allem um sich für die Parlamentswahlen 2011 in Szene zu setzen.
Die SVP riskiert ihre Glaubwürdigkeit, indem sie weiter das Unmögliche versucht: Sich  als "Wirtschaftspartei" zu bestätigen und gleichzeitig die Interessen des "Volkes", der "breiten Masse" zu vertreten. Wie die SVP  ihrem wichtigsten Elektorat, den kleinen Leuten, klarmachen will, warum und wie man gegen eine Boni-Steuer sein kann, bleibt ihr Geheimnis.
Die bürgerlichen Parteien der sogenannten "Mitte" zeigen jetzt mit dem Finger auf die "S-Parteien". Dabei sind es in erster Linie sie, die die Gunst der Stunde verpasst haben, in der Praxis Massnahmen zur besseren Kontrolle der Finanzwirtschaft zu fixieren, welche dringend nötig und beim "Volk" populär sind. Doch sie verharren trotz traumatiserenden Erfahrungen in der Rolle der Erfüllungsgehilfen der Wirtschaftsmächtigen. Erst ihre Obstruktionspolitik hat der SP die Plattform geboten, sich jetzt mit ihren Forderungen zu profileren.

Noch können sie versuchen, den Leuten zu glauben, die darauf hoffen, es käme schliesslich doch noch ein Kompromiss zustande, respektive, die Mitte Parteien sind doch "nicht einfach doof" und gehen doch noch auf die Forderungen der SP ein, wie es Helmut Hubacher glaubt/hofft.

Freitag, 2. April 2010

Blog-Tipp: Unprofessional Foul

Auf die Gefahr, bei echten Fussball-Fans Wasser in den Rhein zu tragen, möchte ich heute für einmal auf einen Fussballblog hinweisen: Unprofessional Foul.
Einiges finde ich bemerkenswert an dem Blog:
Neben allerlei Geschichten rund um die Aktualität aus der britischen Fussballszene - was mich persönlich weniger interessiert -, bringt Unprofessional Foul (UF) immer wieder spannende Geschichten aus dem sportpolitischen Umfeld:
Zum Beispiel zur Fussball-WM in Südafrika. Zuletzt die Geschichte "FIFA... They'll Even Unermin Your Own Sovereignty", welche sich kritisch mit der Steuerbefreiung der FIFA und ihrer Partner bei der Vermarktung in Südafrika befasst.
Oder die Story über die vorübergehende "Entfernung" der Bettler aus Kapstadt in eine spezielle Siedlung (Camp) 20 Kilometer ausserhalb der Stadt, damit die auswärtigen Fans ja keinen "schlechten Eindruck" von Südafrika erhalten: "At Least They Are Putting Their Own into Camps".

Auch eher speziell: UF ist eine US-amerikanische Site. Die Macher sind Amerikaner.
Die USA ist eines der wenigen Länder, in denen der Fussball nicht die dominierende Sportart ist. Jedenfalls nicht im Bereich Männerfussball. Anders ist das bei den Frauen. Überhaupt ist Fussball de facto auch in den USA eine Massensportart. Sehr häufig wird an Colleges und in immer mehr Hinterhöfen und Parks gespielt. Nicht zuletzt die vielen Zuwanderer aus Europa, Afrika und vor allem aus Lateinamerika infiltrieren die amefrikanische Gesellschaft mit Fussball.
Häufig sind es auch Intellektuellen-Kreise, die angefressene Fussball- ("Soccer"-) Fans sind. Sie verfolgen insbesondere den britischen Fussball, und sind dabei immer mehr  nicht nur auf die europäischen Programme angewiesen, die sie über Satelliten empfangen. Auch die amerikanischen Sportkanäle FSC, FSP und ESPN übertragen immer häufiger Fussball (vor allem) aus Europa.

Die Fussball WM 1994 in den USA hat zwar nicht den erhofften Boom in Amerika gebracht, aber der weltweit grösste Sportanlass  (man sagt offiziell zwar: "... zusammen mit den Olympischen Spielen wichtigster ...") gewinnt jetzt definitiv auch in den USA an (kommerzieller) Bedeutung, wie UF in einem der jüngsten Blog-Post zufrieden konstatiert:

"Es ist toll festzustellen, dass Fussball jetzt auch zum Mainstream in der TV-Kultur geworden ist. Weil FSC, FSP und ESPN Fussball jetzt ernst nehmen (oder ernster als früher), ist es heute unmöglich, das Welt-Spiel zu verpassen." "Und weil die zunehmende Fokussierung auf den besten Fussball (den europäischen; Contextlink) und nicht auf das amerikanische Produkt (Major League Soccer/MSL), gehen die (amerikanischen) Zuschauer mit mehr Fachwissen in die diesjährige Weltmeisterschaft als je zuvor."

Untrügliches Zeichen auch für Unprofessional Foul, dass Fussball/Soccer jetzt auch in den USA ankommt, ist die Bedeutung, die US-amerikanische Grosskonzerne/Marken, dem Anlass WM2010 in Südafrika geben: Von Budweiser über Coca Cola/Powerade bis McDonalds, die alle Hauptsponsoren der FIFA sind. (Dazu aber mehr in einem späteren Blog. Hoffentlich).

Die Macher von UF ziehen es vor, anonym zu bleiben. Es gibt weder ein Impressum, noch ein "About Us". Doch auf meine Zuschrift an die Kontaktadresse habe ich prompte und sehr sympathische Antwort erhalten. Sie hätten "mit der Idee rumgespielt", die Anonymität aufzugeben, schreibt mir einer der Editors, aber zu den UF-Leuten gehörten auch Juristen, die dies nicht wollten, und dafür könne er sie nicht kritisieren. Auch ich nicht. Die Texte sprechen für sich.

Contextlink wird jedenfalls Unprofessional Foul auch als Quelle für spannende Stories verwenden.

Montag, 22. März 2010

Die Geschichte des Marlboro-Soldaten

Das Bild ist eine Ikone der aktuellen Kriegs-Fotographie: Lance Corporal James Blake Miller von den US Marines nach der "Schlacht um Falludja" im Irak 2004. Das Bild wurde von einem Fotojournalisten der Los Angeles Times, Luis Sinco geschossen.
Sinco war einer der "embedded journalists", der wochenlang mit den US-Einheiten im Irak unterwegs war. "Embedded", eingebunden, und damit auch unter ständiger Kontrolle der US-Armee, aber genauso exponiert und gefährdet. Im Unterschied zu den Soldaten kann - muss - sich ein "embedded journalist" nicht selbst verteidigen. Er ist damit völlig abhängig von den Soldaten, mit denen er die ganze Zeit lebt, vom "Schutz", den sie ihm bieten. Das ist keine einfache Situation, aber eben doch ein ganz entscheidender Unterschied: "Ich musste nie jemanden töten," sagt Luis Sinco in seiner eindrücklichen Reportage "The Marlboro Marine" über die Geschichte des Soldaten auf dem Bild auf Mediastorm.org. (alle weiteren Bilder sind Screenshots aus der MediaStorm-Reportage.)

 Die ständige Todesangst stellt für jeden Menschen einen kaum zu ertragenden Stress dar. Aber was "normale" Menschen wirklich verrückt macht, ist das Töten. Menschen sind nicht gemacht, andere Menschen zu töten. Normale Menschen werden verrückt dabei. Sie werden krank. PTSD heisst die Krankheit, Post Traumatic Stress Disorder.
Das "Kriegstrauma" ist ein Riesenproblem schon im Feld während dem Einsatz, aber noch viel mehr hinterher für alle Heimkehrer und nicht zuletzt auch für die Gesellschaft, in der die Kriegs-"Veteranen" leben. Die PTSD-Problematik gibt's, seit es Kriege gibt. Schon der griechische "Held" Achilles war ein Opfer von Krankheit. Sein Verhalten im Krieg, wie von Homer in der Illias beschrieben, weist alle Merkmale eines PTSD-Gestörten auf, wie der US-amerikanische Psychiater und Autor Jonathan Shay in seinem berühmten Buch "Achilles in Vietnam" beschreibt.

Das Problem PTSD ist längst erforscht, aber deswegen wird es nicht kleiner. Die USA, die Familie der Rückkehrer aus dem Krieg im Irak, Freunde, Nachbarn oder Arbeitgeber müssen täglich damit leben.  Rund die Hälfte der jungen USA-Männer, die laufend aus dem Irak zurückkommen, sind psychisch krank, depressiv und häufig gewalttätig. "Der Krieg im Kopf" geht weiter.

Auch der Marlboro-Soldat James Blake Miller (Bild oben "in Zivil") ist ein solches Kriegsopfer. Reporter Luis Sinco hat ihn bei seiner Rückkehr 2004 weiter begleitet. Die Reportage gibt es auf MediaStorm.org. Aufwühlend, schrecklich wie alle diese Geschichten, und es wurden schon sehr viele dieser Geschichten publiziert.

Und doch weise ich mit diesem Blog auf "The Marlboro Marine" und MediaStorm.org hin. Aus drei Gründen:

1. Weil man über den Krieg und was er mit den Menschen anrichtet, die ihn führen müssen, immer wieder berichten MUSS.
Auch als Gegengewicht zur täglichen Berichterstattungs-Routine in den Tagesschauen dieser Welt. Auch als Gegengewicht zu dem hurra-patriotischen PR-Bullshit, mit dem diese Kriege gerechtfertigt werden. Die kaputten jungen Männer, die in ihre Familien zurückkehren, geben dem Krieg ein Gesicht. Sie sind eine Anklage: Ein Krieg ist mit nichts zu rechtfertigen. Er ist nie gerecht, immer ein Verbrechen. An den Menschen. Menschen sterben, auch auf Seiten der Sieger. Sogar Täter sind Opfer. Mir stockt der Atem, wenn ich Lance Corporal Miller in der Reportage davon erzählen höre, was er empfindet, wenn er über die Kimme seines Gewehrs schaut, wenn er auf einen Iraki zielt.

2. Wegen dem direkten Einbezug des Autors:
Luis Sinco (Bild rechts) nimmt selber Teil an und in der Geschichte. Er ist nicht nur aussenstehender, neutraler Berichterstatter. Er ist Teil der Geschichte, nicht nur persönlich "betroffen", sondern auch engagiert. Wenn ich ihn sehe und vor allem höre, ist seine eigene Traumatiserung offensichtlich.

Und 3. - und nicht zuletzt - Wegen der Form der Reportage:
"The Marlboro Marine" ist eine sehr eindrückliche Art der Dokumentation. Erstklassige Fotos werden unterlegt mit Original-Tönen, mit Off-Kommentaren auch der abgebildeten Akteure, vermischt mit kurzen Videosequenzen und Texteinblendungen. Das ganze in einer sorgfältigen Dramaturgie, in einem eindringlichen Rhythmus.
Diese Form findet man in angelsächsischen und auch französsichen Medien immer häufiger. Ein grosser Gewinn. Jeder einzelne Beitrag auf "MediaStorm.org", der Internetsite, auf der auch "The Marlboro Marine" veröffentlicht wird, ist ein Stück Klassejournalismus, weil man es bei uns nur sehr selten zu sehen bekommet.
Und da scheint mir noch etwas Bemerkenswertes: MediaStorm ist eine unabhängige Organisation für Multimedia-Produktionen, die nicht von einem traditionellen Verlag geschaffen wurde. Die Los Angeles Times ist allerdings heute der wichtigste Sponsor der Organisation.  Es wäre ein Traum, wenn deutschsprachige Medienhäuser, ein solches Projket finanzieren würden.

Sonntag, 7. März 2010

Unterwegs zu einem Deal USA - Iran?

Grafik: behzadbashu.com

Neue Sanktionen gegen den Iran scheinen angesichts des anhaltenden Widerstands der Veto-Mächte China und Russland im UN-Sicherheitsrat immer unwahrscheinlicher.
Es deutet einiges daraufhin, dass die Welt zur Zeit die letzten Zuckungen der veralteten und gescheiterten Nahostpolitik der Westmächte erlebt. Die USA stehen womöglich vor einer fundamentalen Kehrtwende, die angesichts der neuen Machtverhältnisse in der neuen Weltordnung ihren Einfluss im Nahen Osten sichern soll: Ein Deal MIT dem Iran. Unfreiwillig soll dabei die Türkei eine Schlüsselrolle spielen.


Noch trommeln die USA zur Zeit für neue, harte Sanktionen des UN-Sicherheitsrats gegen den Iran. Sie machen Druck auf nicht-willige Partner und sie haben die publizistische Propaganda-Maschine in den Medien in Gang gesetzt. Nocheinmal gilt es, glaubhaft zu machen, dass Iran nicht nur kurz vor dem Bau einer Atombombe steht, sondern auch willig ist, diese aggressiv einzusetzen. Zu dieser Propaganda gehört z.B. der grosse Artikel in der renommierten Zeitschrift "Foreign Affairs": "After Iran Gets the Bomb" und ein Artikel derselben Autoren in der Washinton Post.

Doch gleichzeitig erscheinen in anderen renommierten US-Medien (Stratfor, Foreign Policy) Berichte, die darauf hindeuten, dass der Wind in Sachen Iran am Drehen ist: Die USA sind offenbar bereit zu akzeptieren, dass der Iran in absehbarer Frist über die Möglichkeit verfügt, eine Atombombe zu bauen.
In seinem "Foreign Policy"-Beitrag "How not to contain Iran" bezeichnet Harvard-Professor Steven M. Walt den Foreign Affairs-Artikel als "Wolf im Schafspelz", sprich, der Artikel bereite eigentlich das Feld für die neue Politik der Akzeptanz der US für die iranische Atombombe vor und verberge dies bloss (noch) hinter einer aggressiven Rhetorik.
Noch Aufsehen erregender ist ein Artikel der den US-Militär- und Geheimdienstkreisen nahestehenden Analyse-Agentur "Stratfor": "Nachdenken über das Undenkbare: Ein US-iranischer Deal", statt mit aller Gewalt eine iranische Atombombe zu verhindern, könne die USA auch versuchen, "die iranische Frage neu zu definieren."
Das ist ein ziemlicher Hammer. Stratfor ist nicht irgendein (linker) Thinktank, sondern steht bekanntermassen den US-Militär- und Geheimdienstkreisen nahe. Das öffentliche Nachdenken von Stratfor über eine radikale Kehrtwende der US-Politik im Nahen Osten kann kein Zufall sein.
Es deutet einiges darauf hin, dass das aktuelle Säbelrasseln rund um die UN-Sanktion ein Rückzugsgefecht der USA ist, um das Gesicht zu wahren. Einerseits gegenüber Israel und der immer noch starken Israel-Lobby in den USA, aber auch generell gegenüber der Öffentlichkeit. Eine solch fundamentale politische Kehrtwende droht nicht nur die traditionellen Partner, sondern auch die Bevölkerung der westlichen Welt zu überfordern. Immerhin war die Stigmatisierung des Irans als Bedrohung eine der grossen Konstanten, wenn nicht die Basis der Nahostpolitik der letzten fünf US-amerikanischen Präsidenten (siehe: Washington Monthly: The Grand Bargain".)

Der Iran als Partner statt als Feindbild: Tatsächlich eröffnet diese neue Position völlig neue und vielversprechende Perspektiven für den Nahen Osten und den Weltfrieden. Da ist es egal, dass diese Politik wohl aus der Not geboren ist, nicht nur weil die USA den Iran im Irak brauchen, sondern auch aufgrund der geopolitischen Veränderungen mit der aktiven Rolle Chinas in der Region.

Professor Walt listet in seinem Foreign Policy- Artikel "How not to Contain Iran" acht Gründe auf, warum Iran auch MIT Atombombe bei weitem nicht so gefährlich ist, wie bisher vom Westen behauptet: Iran sei nicht nur militärisch zu schwach, um die Bombe zu mehr als Abschreckungszwecken zu benutzen, der Schiitische Islam sei keine wirkliche Bedrohung für die anderen (sunnitischen) arabischen Staaten in Nahost und auch eine Weitergabe von Nuklearwaffen an islamische Terroristen hält er für unwahrschenlich.

Verlierer einer solchen Kehrtwende der USA in Nahost wären Israel und Saudiarabien - und vielleicht auch US-Präsident Barack Obama, wenn er überhaupt den Mut aufbringt, diese Kehrtwende zu wagen. Innenpolitisch ist die Israel-Lobby noch immer sehr einflussreich und ein Deal mit dem Iran könnte Obama in de USA leicht als neues Zeichen der Schwäche angekreidet werden. Auch Stratfor bezeichnet ein solches "Manöver" Obamas als "speziell schwierig", aber sicherheits- und realpolitisch ist für Stratfor der Fall klar: Die USA sind nicht bereit, für Israel einen militärisch sehr schwierigen Krieg gegen den Iran zu führen, der nicht in seinem geostrategischen Interesse liegt. "Israel can no more drive American strategy than can Saudi Arabia." Der Iran ist heute schlicht wichtiger als Israel und Saudiarabien.

Ein US-iranischer Deal wäre aber nicht nur ein grosser "Schock" für Israel und Saudiarabien, sondern für die ganze die Welt. Nüchtern hält Stratfor dagegen, es sei auch ein Schock gewesen als Präsident Roosevelt im 2. Weltkireg einen Deal mit Stalins Russland geschlossen habe und später Präsident Nixon mit Mao's China. Es geht um pragmatische Politik, um die Wahrung der eigenen (US-)Interessen:
Und gemäss Stratfor haben der Iran und die USA starke gemeinsame Interessen in der Region Vorderasien. Insbesondere:
1. Beide Mächte haben ernsthafte Streitpunkte (quarrells) mit dem sunnitischen Islam.
2. Beide Mächte sähen gerne eine Reduktion der US-Truppen in der Region und
3. Beide Länder haben ein Interesse an der Sicherung des Ölflusses (im PersiSchen Golf).

Stratfor denkt immer in militärischen-geostrategischen Kategorien: "Der Irak, nicht die Atomwaffen, sind das fundamentale Thema zwischen dem Iran und den USA." Voraussetzung für die Stabilität der Region war und ist für die westlichen Militärstrategen eine Machtbalance zwischen dem Irak und dem Iran.

Die USA planen, ihre Truppen diesen Sommer aus dem Irak abzuziehen. Dagegen wehren sich - immer offener - die US-Militärs und einflussreiche US-Publizisten. Stratfor-Chef George Friedman fürchtet, der Iran werde das entstehende Vakuum füllen und zur einseitig dominierenden Macht am Golf werden. Die US-Militärs wollen zwar auch sobald wie möglich raus aus dem Irak - nicht zuletzt wegen Afghanistan-, aber erst, wenn ein "Gegengewicht zum Iran" gefunden ist. Und dieses Gegengewicht heisst ---- TÜRKEI.

Ein Deal mit dem Iran, so das schon fast hinterhältige Kalkül der Stratfor-Experten, würde automatisch die Türken auf den Plan rufen. Es würde die Türken zwar "verärgern ('infuriate'), weil sie gezwungen wären, schneller (im Irak) aktiv zu werden", schreibt Stratfor, aber "es würde den Interessen der USA dienen." "Sie (die Türken) würden dadurch zum Gegengewicht des Iran im Irak." Die Türken als (unfreiwiliger) Statthalter der USA in Nahost.

Alles nur Sandkastenspiele oder bald Realität? Ein entscheidender Punkt wäre schon noch zu klären: Sind die Chinesen einverstanden (und die Russen)? Die USA (und der Westen) haben heute nicht mehr die Macht, zentrale geostrategische Veränderungen durchzuziehen, die nicht auch im Sinne Chinas (und des Ostens) sind. Aber eben, vielleicht ist ja die mögliche Kehrtwende der USA auch eine Folge der veränderten Machtverhältnisse dieser Welt.

Mittwoch, 3. März 2010

Der Antagonismus USA - Brasilien wächst

US-Aussenministerin Hillary Clinton ist zur Zeit auf Lateinamerika-Visite (eine Gesamtanalyse dazu gibt's hier bei Foreign Policy). Heute Mittwoch ist sie in Brasilien, der wichtigsten Station ihres Trips. Das Haupttraktandum heisst Iran.
Schon seit einiger Zeit profiliert sich Brasilien als "Führungsmacht des Südens", nicht zuletzt indem es mit anti-amerikanischen Positionen kokettiert: In Honduras, in Venezuela, in Haiti.

Bisher haben die USA das in Kauf genommen, denn Brasilien gilt in Amerika mit seinem charismatischen Präsidente Lula da Silva noch immer als verlässlichster und entscheidendsten Partner in Südamerika, nicht zuletzt als "Brücke zu der Lateinamerikanischen Linken (Staaten)", wie es die einflussreiche und der US-Administration nahestehende US-"Denkfabrik" Strategic Forecasting Inc. (Stratfor) in ihrer aktuellen Analyse formuliert. Vor allem aber weil man mit Da Silva "eine gemeinsame Sicht der wirtschaftsfreundlichen Politik" teile.

"In Schussdistanz" der USA
Jetzt aber schlägt die auch "Schatten CIA" genannte Stratfor in ihrer ausführlichen Analyse "Brazil, Iran: A Troublesome Relationship for the U.S." (Anm.: alle folgende Zitate stammen aus diesem Artikel) erstmals kritische Töne gegenüber Brasilien an. Offenbar ist Brasilien den Amerikanern jetzt mit ihrer wiederholten rhetorischen Unterstützung des Irans zu weit gegangen: Dies habe Brasilien jetzt "in Schussdistanz" ("within firing range") zu einem der sensibelsten politischen Felder der USA gebracht.

Brasilien unterläuft Isolation Irans
Seit Monaten unterläuft Brasilien systematisch die Bemühungen der USA zur Isolation der iranischen Regierung und ihres Präsidenten Ahmadinejad. Brasilien hat im vergangenen Sommer Ahmadinejads Wiederwahl offiziell begrüsst, ihn im Herbst sehr warm in Brasilien empfangen und eben hat sich da Silva auch explizit gegen die Isolation des Iran ausgesprochen: "Wenn man Frieden mit jemandem will, kann man ihn nicht isolieren".
Die "iranisch-brasilianische Liebesaffäre" sei bisher nichts mehr als "Rhetorik", schreibt Stratfor, aber die Irritation der USA ist offensichtlich. Brasilien ist zur Zeit Mitglied des UN-Sicherheitsrats, der wohl schon bald über weiterführende Sanktionen gegenüber Iran entscheiden wird.
Im Mai will Lula da Silva Teheran besuchen, um die weitere konkrete Zusammenarbeit zu verhandeln, mit dem Ziel, dass Iran auch gewisse "Sachen" in Brasilien kaufen könne, wie Lula am 24. Februar kryptisch formulierte.

Als wirklich kritisch betrachtet Stratfor zwei mögliche Kooperationsbereiche zwischen dem Iran und dem Irak: Die Atomenergie und das Bankenwesen. Dank bereits eingefädelter enger Kooperation mit brasilianischen Banken könnte der Iran wahrscheinliche US-Sanktion unterlaufen.

Jetzt will Aussenministerin Clinton also Lula da Silva die Knöpfe eintun. Doch Stratfor stellt nüchtern fest, Brasilien gehe es eigentlich gar nicht um den Iran, sondern um seine weitere Profilierung als Führungsmacht in Lateinamerika: "Brasilien hat das politische und wirtschaftliche Gewichte, sich selbst als regionale Hegemonialmacht zu erklären". Und Brasiliens da Silva betrachte es offensichtlich als "diplomatischen Gewinn", wenn er "vermehrt konträre Positionen zu den USA" propagiere.

Da ist eine äussert spannende Entwicklung im Gang.

USA hofft auf Machtwechsel in Brasilien
Ziemlich unverholen droht Stratfor, die USA könnten Brasilien dort treffen, "wo es am meisten weh tut: In der Brieftasche". Nicht zufällig erwähnt Stratfor, dass Lula da Silvas Amtszeit dieses Jahr zu Ende geht und es noch keineswegs sicher ist, dass seine designierte Nachfolgerin Dilma Rousseff im Oktober die Präsidentschaftswahlen gewinnen wird. Es ist ganz offensichtlich, dass die USA darauf hoffen, dass sich mit dem Kandidaten der Opposition, Jose Serra, dem Gourverneur von Sao Paolo, ein dezidierter Amerikafreund durchsetzen wird, der die gemäss Stratfor "abenteuerliche" Aussenpolitik da Silvas beenden würde.