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Dienstag, 30. April 2013

Muslime: Die Hälfte geniesst den westlichen Lebensstil

Bild von Nusret Çolpan: Islamische Welt
Die allermeisten Anhänger der zweitgrössten Glaubensgemeinschaft der Welt, des Islam, sind der Meinung, die Lehren ihres Glaubens müsse nicht nur ihren Alltag prägen, sondern auch ihre Gesellschaft und die Politik. Gleichzeitig aber geniesst die Hälfte von ihnen den westlichen Lebensstil.
Dies ist die Haupterkenntnis der weltweiten Befragung des Pew Centers "Die Muslime der Welt".

Die überwältigende Merheit der Muslime ist überzeugt, ihr Glaube führe als einziger zum ewigen Leben, und um eine moralisch wertvolle Person zu sein, müsse man an Gott (Allah) glauben. Genau dieselben Aussagen würde man wohl von gläubigen Christen, den Anhängern der nach wie vor grössten Glaubensgemeinschaft auf dem Globus, bezüglich der Bedeutung ihres Glaubens erhalten.

Freitag, 25. Januar 2013

Mali: Die Jihadisten als Vorhut der Araber im Sahel?

Helfer des Roten Halbmonds aus Katar in Mali Sept. 2012
Die französischen Medien zeigen zur Zeit mit dem Finger auf Katar, einen weiteren guten „Partner des Westens“, der offenbar skrupellos ein doppeltes Spiel betreibt. Der Emir von Katar soll – neben Saudiarabien - direkt oder indirekt einer der wichtigen Finanzierer der Jihadisten in Mali sein. Dass Katar in den letzten Jahren via Hilfsorganisationen viel Geld im Norden Malis ausgegeben hat, ist unbestritten.

Donnerstag, 3. Januar 2013

Pakistan: düstere Perspektive 2013

Seit einigen Jahren bildet Pakistan eine Art Kulisse für den auch medial inszenierten „Clash of Civilisation“.
Die spektakulärsten Bilder fanatisierter Islamisten an Hassdemos gegen den Westen stammen meist aus Pakistan; hier richten „Gotteskrieger“ ungestraft Schulmädchen hin, die ihr Recht auf Bildung wahrzunehmen versuchen; Pakistan ist das Land, das Osama bin Laden jahrelang Unterschlupf geboten hat; hier befinden sich die Ausbildungslager, in denen auch militante Islamis­ten aus Europa ihr Terrorhandwerk lernen; und: Pakistan hat die «Islamische (Atom-)Bombe».

Die „Islamische Republik Pakistan“ mit ihren rund 180 Millionen Einwohnern ist zur Inkarnation des Feindbilds Islam geworden. Und es spricht leider Einiges dafür, dass das Land auch 2013 eine ideale Fläche zur Projektion unserer Vorurteile und Ängste bieten wird.

Dabei haben wird alle keine Ahnung von Pakistan. Das Land ist längst hinter den Feindbildern verschwunden.

Dienstag, 3. April 2012

Parallelen: Katholizismus und Islamismus

Khairat al Shater, Präsidentschaftskandidat Muslimbrüder Ägypten
Wir beobachten das Phänomen Post-Islamismus - und die zunehmende Ratlosigkeit des Westens mit der neuen politischen Realität des modernen, politischen Islam im arabisch-nordafrikanischen Raum. Neustes Kapitel: Der starke Mann der ägyptischen Muslimbruderschaft, Khairat al-Shater, kandidiert als Präsidentschaftskandidat. Der erfolgreiche Unternehmer und Vizepräsident der Muslimbrüder passt fast perfekt ins Bild der westlichen Propaganda und ihrem Verdacht des Wolfs im Schafpelz. Vor lauter Angst vor den Fundamentalisten" ist man im Westen offenbar bereit, sich weiterhin mit den definitiv demokratie-feindlichen Kräften der ägyptischen Armee ins Bett zu legen. Dabei würde ein Blick in die eigene (europäische) Geschichte helfen, etwas entspannter auf die neue Konstellation im muslimischen Nordafrika zu reagieren: Es gibt erstaunliche Paralleln des Postislamismus in Ägypten, Tunesien oder Marokko mit dem Katholizismus in Europa im 19. Jahrhundert:

Sonntag, 29. Januar 2012

Die Davos-Kultur integriert die Islamisten


Abdelilah Benkirane, Premierminister Marokko (Bild: Atlasinfo.fr)
Das World Economic Forum 2012 muss in die Geschichte eingehen: Jetzt gehören die Islamisten auch dazu. Die neuen - gemäss unserer westlichen Sprachregelung - islamistischen Premierminister von Marokko und Tunesien haben am vergangenen Freitag in Davos ihr "Commitment" zu den "westlichen" Werten wie Demokratie oder freie Meinungsäusserung abgegeben. Sie sind jetzt auch Teil der "Davos-Kultur", welche der US-amerikanische Soziologe Peter L. Berger, als die entstehende globale Kultur bezeichtnet - geprägt von westlichen Werten.

Freitag, 23. Dezember 2011

Leuchtturm 10: "Das Gesicht des aufgeklärten Islam" (BaZ)

Ein Artikel, den ich diese Woche aufbewahrt habe - aus der Basler Zeitung (!): Die Zeitung,  die mit aller Gewalt versucht, sich mit ihrem national-konservativen Kurs in Basel unmöglich zu machen, setzt einen echten Leuchtturm: Der Hintergrundartikel zu Gamal al-Banna, Bruder des Gründers der Muslim Brüderschaft Hassan al-Banna, Grossonkel des modernen Vordenkers des aufgeklärten Islam, des Schweizers Tariq Ramadan - über den Contextlink immer wieder berichtet.

Sonntag, 6. März 2011

Der "neue Süden" als Chance für Europa

Faktum 1: Nordafrika und die arabische Welt hat im Überfluss, was der Schweiz und Europa mangelt: Junge Menschen. Viele davon sind gut ausgebildet und haben gar einen universitären Abschluss. Und viele von ihnen wollen nur eines: Nach Europa auswandern.

Faktum 2: Die Schweiz (und Europa) ist auf den Zuzug von jungen, gutqualifizierten Arbeitskräften angewiesen, wenn sie mittelfristig weiter wachsen und den Wohlstand für Viele erhalten will. "Wir brauchen die Einwanderung ... von qualifizierten Personen aus Drittstaaten», schreibt etwa die schweizerische FDP in ihrem fünfseitigen "Forderungskatalog" zur künftigen Schweizer Ausländerpolitik (Download FDP-Papier hier).

Man kombiniere Faktum 1 und Faktum 2. Die Lösung liegt wohl auf der Hand. Jeder Politiker, der sie nicht sieht und aktiv anstrebt, ist im Herbst eigentlich ncht wählbar.

Samstag, 26. Februar 2011

Wir westasiatischen Nabelschauer


Karten sind auch Ausdruck unserer Weltsicht. Unserer Sicht auf die Welt. Karten sind nicht neutral. Sie erzählen viel über diejenigen, die sie zeichnen, respektive zeichnen lassen. Sie sind nicht zuletzt auch politisch und suggestiv - wie die Karten zu den Ereignissen in der arabischen Welt, die zur Zeit in den meisten Medien bei uns zu sehen sind. Das Beispiel oben, stammt aus dem  Spiegel-Dossier "Aufruhr in der arabischen Welt", aber auch in den Schweizer Medien findet man dieselbe Darstellung:
Der arabisch-nordafrikanische Raum ist isoliert dargstellt. Eine Beziehung zu uns, zu Europa, gleich auf der anderen Seite des Mittelmeers, wird ausgeblendet. Die Karte entspricht perfekt unserer Haltung: Die "Revolution" in der arabischen Welt hat nichts mit uns zu tun. Oder gar: Das geht uns nichts an.

Donnerstag, 24. Februar 2011

Auswirkungen der "Revolution in Arabien" auf uns

Langsam werden die Auswirkungen der "Revolution in Arabien" auf den Westen - auf uns - offensichtlich. Wir müssen uns nicht nur auf eine Welle von "Flüchtlingen" einstellen, sondern auch auf steigende Ölpreise - nicht einfach nur vorübergehend. Und damit droht der eben einsetzende Aufschwung nach der Finanz- und Wirtschaftskrise wieder abgewürgt zu werden.

Vordergründig steigt der Ölpreis wegen den schlimmen Ereignissen in Libyen. Tatsächlich ist Libyen aber kein wirklich relevanter Öllieferant. Der saudiarabische Energieminister Ali al-Naimi hat am Dienstag denn auch versichert, die OPEC werde eventuelle Lieferausfälle kompensieren.

Doch der Ölpreis steigt weiter. Ganz offensichtlich genügt die Versicherungen der Saudis nicht, den Ölmarkt zu beruhigen. Die Ölhändler fürchten, auch die wirklich wichtigen Öllieferanten im Nahen Osten werden von der arabischen Revolution "angesteckt".

Montag, 14. Februar 2011

Mit unserem Sturmgewehr auf die Helden vom Tahrirplatz schiessen?

Flüchtlinge in Lampedusa 11.2.11
Kampagne gegen Waffeninitiative
Zwei Bilder vom Sonntag sind in meinem Kopf eingebrannt. Das fremdenfeindliche Plakat der Waffenabstimmungssieger in der Schweiz und die Bootsflüchtlinge in Lampedusa. Die beiden Bilder vereinen sich zu einer sich abzeichnenden Katastrophe.

Noch vor wenigen Tagen haben wir heimlich mit ihnen mitgefiebert, als sie auf dem Tahrirplatz in Kairo oder in der Strassen von Tunis, Algier, Amman, Sanaa (bald in Dschiddah, Damaskus, Tripolis) "Freiheit" forderten. Heute strömen die Helden des "Volks"-Aufstands erneut zusammen: in Lampedusa, an der Grenze zu Europa. Vorerst sind es meist junge Männer aus Tunesien.

Samstag, 5. Februar 2011

Leuchtturm 6: Tariq Ramadan und Slavoj Zizek zu Ägypten

Ein Leuchtturm aus verschiedenen Gründen:
  1. Inhaltlich: Es geht in der arabischen Welt nicht um die Wahl zwischen islamischem Fundamentalismus und westlichem Liberalismus. Das ist West- (und Israel-) Propaganda.
  2. Zwei Ikonen des modernen, universellen Denkens auf einer Plattform.
  3. Auch wegen Details: Es scheint Tariq Ramadan, dem "islamischen Vordenker aus der Schweiz", ähnlich zu gehen wie mir, wenn er Slavoj Zizek zuhört: Fasziniert, aber immer auch etwas amüsiert. Sein Lachen im geteilten Bildschirm während Zizeks hektischen Ausführungen illustriert das wunderbar.

Sonntag, 30. Januar 2011

Bild des Tages: Ägypten

Ein Bild aus einem der vielen Videos aus dem exzellenten Al-Jazeera-Dossier  zu Ägypten, das alles sagt: Der Prozess ist unumkehrbar. Die Zeit des Mubarak-Regimes ist vorbei.
Aber wir ahnen: Wir sind fasziniert beobachtende Zeugen eines überfälligen Schritts in die richtige Richtung, aber die Zeit des Leidens ist damit für die Ägypterinnen und Ägypter nicht vorbei. Es wird noch viele Enttäuschung, viele Ernüchterungen geben, "Blut, Schweiss und Tränen". Aber immerhin bewegt sich was. Im ganzen arabischen Raum - in unserer unmittelbaren Nachbarschaft.

Sonntag, 16. Januar 2011

Arabische Welt: Jetzt richtet sich die Wut gegen innen.

Bild: Al-Jazeera (EPA)
Noch immer ist die Situation in Tunesien "volatil". Es ist unsicher, wie's weiter geht. Kommen wirklich substantielle Veränderungen, wie sie die vornehmlichen jungen Menschen in ihrem "Cyberwar" gefordert hat? Oder gelingt es der herrschenden Elite, doch noch weiter an der Macht zu bleiben, respektive den grossen Rest der Bevölkerung weiter von einer angemessenen Teilhabe an der Moderne auszuschliessen?

Tunesien ist ansteckend

Sicher aber ist, dass das, was zur Zeit in Tunesien abgeht, die arabische Welt nachhaltig verändert. "Die Tunesier haben eine Botschaft in die arabische Welt ausgesandt. Eine Warnung an alle Machthaber, sie seien nicht länger immun gegen die Wut der Bevölkerung." schreibt Lamis Andoni heute Abend auf Al-Jazeera (im hervorragenden AJ-Tunesien-Dossier).

Die tunesische Botschaft ist bereits in der arabischen Welt angekommen. Es fanden (und finden) Demonstrationen statt in Jordanien, Jemen, Gaza, Ägypten. Algerien hat schon wochenlange gewaltsame Manifestationen hinter sich. Weitere werden folgen.

Die Wut gegen den Westen
...

Die Wut der Bevölkerung. Das Phänomen der Wut, des Zorns in der arabischen (muslimischen) Welt, ist nicht neu. (siehe Contextlink "Generation des Zorns"). Bisher ist es den Machthabern (und islamisch-fundamentalistischen Kreisen) aber meist gelungen, diesen Zorn nach aussen, "Gegen den Westen" zu richten.

Dienstag, 14. September 2010

Fethullah Gülen: Der türkische Wolf im Schafspelz?



"Wohlwollen und Argwohn". Auf diese Formel reduziert das ZDF heute den klaren Sieg des türkischen Ministerpräsidenten Recep Erdogan und seiner Regierungspartei AKP in der Volksabstimmung zur Verfassungsreform vom Wochenende. Von einer "lautlosen Revolution" und von einer weiteren Annäherung an Europa ist - wohlwollend - die Rede.

Aber gleichzeitig bleibt eben auch der Argwohn. Man traut Erdogan und der AKP weiterhin nicht so richtig über den Weg. Verbirgt sich hinter der modernen Fassade nicht heimlich die Agenda der Islamisierung? Dieses Misstrauen existiert nicht nur im Westen, sondern auch in der Türkei. Dort sind es nicht zuletzt immer wieder Frauen, die besorgt warnen:

"Ja, es ist eine Revolution", sagt zum Beispiel Canan Güllü, die Vorsitzende des säkularistischen Frauenverbandes TKDF: "Es ist eine Revolution gegen die Republik, hin zur Diktatur." Und: "Ich habe Angst, dass die Demokratie abgeschafft wird."

Das Misstrauen hat einen Namen: Gülen. Wer nicht weiss, wer das ist, braucht sich nicht zu grämen. Er/sie ist nicht allein:

Der führende Intellektuelle der Welt

2008 haben das  US-amerikanische Politmagazin "Foreign Policy" und die britische Zeitschrift "Prospect" gemeinsam ihre Leser aufgefordert, per Online-Abstimmung den "zur Zeit führenden Intellektuellen der Welt" zu bestimmen. Gewonnen hat Fethullah Gülen. Selbst der Herausgeber von "Prospect", David Goodhart, musste zugeben, noch nie von Gülen gehört zu haben.

Die Leser der renommierten Politmagazine offenbar schon. Ein Blick auf die Kommentare zur Rangliste zeigte, dass insbesondere besonders viele türkische und türkisch-stämmige Intellektuelle an der Abstimmung teilgenommen hatten. Mobilisiert wurden sie wohl nicht zuletzt durch einen Artikel über die Abstimmung auf der Frontseite der türkischen Tageszeitung "Zaman" (Print und Online). Sie gehört zum Imperium des Fethullah Gülen.

"Gut" oder "böse"?
Fethullah Gülen ist ein türkischer Iman, der in Pensylvania in den USA lebt. Der heute 69-jährige Prediger neigt dem Mystizismus und dem Sufismus der Nurculuk-Bewegung zu, die sich als religiöse Reformbewegung sieht, die moderne Technologie und Islam miteinander verbinden will. Insgesamt vertritt Gülen einen eher konservativen Islam, der sich aber deutlich vom Fundamentalismus des Saudiarabischen Wahabismus abgrenzt.
Es gilt als unbestritten, dass seine Bewegung ganz wesentlich für den Erfolg von Ministerpräsident Erdogan und seiner (sogenannt islamistischen) AKP mitverantwortlich ist: "Gülens Gefolgsleute sind die intellektuellen Vordenker der AKP", schreibt zum Beispiel die deutsch-türkische Soziologin Necla Kelek in der FAZ. (Widerspruch findet sich hier).

Für die US-Agentur Stratfor, von der man sagt, sie stehe dem amerikanische Geheimdienst nahe, ist die Gülen-Bewegung DER Schlüsselfaktor für die "Geostrategie der Türkei", respektive für die geostrategische Einordnung der Türkei  an der Seite der "Guten" oder der "Bösen" (Stratfor Special Report: Islam, Secularism and the Battle for Turkey's Future"). Aber auch Stratfor ist offenbar nicht sicher, wie die Gülenbewegung einzuordnen ist. Nützlich oder gefährlich? Insgesamt scheint mir Stratfor nicht negativ, aber höchst alarmiert.

Eine türkische Weltbewegung

Fethullah Gülen soll  heute etwa 1,5 Millionen Anhänger haben, weltweit. Meist sind es gut ausgebildete, gut positionierte Intellektuelle.
Die "Fethullah Gülen Bewegung" hat kein eigentliches organisatorisches Zentrum. Sie ist weltweit aktiv in über 100 Ländern: Von Russland über Deutschland bis in die USA, aber auch im "Süden", in Südamerika, Afrika und Asien, betreibt sie Schulen, Universitäten, Fernsehsender, Zeitungen, eine Bank, Versicherungen, einen Unternehmerverband und Gewerkschaften.

Der ursprünglich aus dem Raum Erzurum in Ostanatolien stammende Gülen hat bisher offenbar alles richtig gemacht. Schon früh hat er erkannt, dass er bei der Bildung ansetzen muss, wenn seine Bewegung nachhaltig Wirkung erzielen soll. Gülen soll heute weltweit über 1000 Privatschulen betreiben. Auch in der Schweiz gibt es Gülen-Schulen.

Bildung als Strategie zur Machtübernahme?

Die Gülen Schulen sind in der Türkei die besten Ausbildungsstätten. Seit 30 Jahren schicken nicht zuletzt die Eliten ihre Kinder in diese Schulen, auch wenn sie selbst säkularistisch eingestellt sind. Der inhaltliche Schwerpunkt der Schulen liegt denn auch keineswegs auf der Religion. Im Zentrum stehen Sprachen, Mathematik und Wissenschaft. Ziel der Gülen-Bewegung ist es gemäss Stratfor, "eine Generation von gut-ausgebildeten Türken zu schaffen, welche der Gülen-Tradition verpflichtet ist und über die technischen Kenntnisse (und via die AKP über die politischen Beziehungen) verfügt, um hohe Positionen in den strategisch entscheidenden Sektoren der Wirtschaft, der Regierung und in der Armee zu besetzen."
Fethullahci, wie sich Gülens Anhänger nennen, "haben inzwischen Positionen bis in die höchsten türkischen Regierungskreise", schreibt Necla Kelek. Und Stratfor konstatiert nüchtern: "Die Gülen-Bewegung ist heute schlicht in allen türkischen Machtzentren präsent." Die Regierungspartei AKP und die Gülen-Bewegung haben eine "symbiotische Beziehung": "Die Gülen-Bewegung sorgt für die soziale Basis der AKP, die AKP bietet der Gülen-Bewegung dagegen die politische Plattform um ihre Agenda voranzutreiben."

Es sollen denn auch Gülen-Anhänger innerhalb der Armeeführung gewesen sein, die den zur Gülen-Bewegung gehörenden Medien die Informationen zugespielt haben, die in den letzten Jahren und Monaten die türkischen Militärs immer weiter desavouiert und damit die AKP gestärkt haben - bis hin zum "Sieg" im Verfassungsreferendum vom vergangenen Wochenende. Die Kontrolle wichtiger Medien in der Türkei gilt als zweiter strategisch entscheidender Faktor für den Einfluss der Gülen-Bewegung

Stratfor verdächtigt Gülen, eine ähnliche Infiltrationsstrategie auch im Ausland zu betreiben. Bereits schickten die Eliten in zahlreichen Ländern des Südens ihre Kinder auf die ausgezeichneten Gülen-Schulen, wo sie neben englisch auch türkisch lernen. Diese türkophilen Eliten sollen der Türkei künftig weltweiten Einfluss sichern.

Gülen selbst hat dafür gesorgt, das man ihn und seine Bewegung einer doppelten Agenda bezichtig. Als er 1999 in den USA weilte, zeigte das (damals noch säkularistische) türkische Fernsehen eine Rede Gülens, in der er sagte: "Ihr müsst euch in die Artherien des Systems hineinbegeben, ohne dass es jemand bemerkt, bis ihr die zentralen Positionen der Macht erreicht." Gülen hat die Publikation als manipuliert bezeichnet. Die dazugehörigen Anklagen der Staatsanwaltschaft sind inzwischen fallengelassen. Doch Gülen ist in den USA geblieben.

Ist die Gülen-Bewegung eine Alternative zum religiösen Extremismus?
Fethullah Gülen profiliert sich als toleranter Brückenbauer zwischen den Religionen.
Er engagiert sich in der „Welt-Ethos“-Bewegung des katholischen Schweizer Theologen Hans Küng, und trifft den Papst.
Die US-amerikanische Religionssoziologin Helen Rose Ebaugh sieht in der Bewegung des umstrittenen türkischen Predigers eine Chance für den Westen – und eine "ernsthafte alternative zum religiösen Extremismus".
Und Muhamet Cetin von der Gülen-nahen Zeitung Zaman schreibt: "Wer ihn einzig und allein als ‚religiösen Führer‘ bezeichnet, und nicht auch als produktiven Autor, sozialen Impulsgeber, Verfechter des interreligiösen Dialogs, um Versöhnung bemühten interkulturellen Meinungsmacher, Aktivisten, friedfertigen und fortschrittlichen Mentor der Zivilgesellschaft und als authentischen islamischen Gelehrten, der tut Gülen und seinem Publikum Unrecht."

Freitag, 10. September 2010

Die Minarettinitiative. Ein internationaler Meilenstein der Islamophobie.

Am Montag jährt sich 9/11, der Anschlag auf das World Trade Center in New York 2001. Dazu liefert "Die Zeit" in der Printausgabe eine Einordnung zur geplanten Grossdemo gegen die "Islamisierung Amerikas" und den islamophobischen Hype um die Pläne, in der Nähe von "Ground Zero" eine Moschee zu bauen.

Was mich aber wirklich frappiert, ist die zum Artikel gestellte "Chronik der Konflikte: Islam und Westen" (siehe Bild oben).
Die Annahme der Anti-Minarett-Initiative durch das Schweizer Stimmvolk wird als einer der zentralen Meilensteine in der Chronik der Konflikte aufgelistet. In einer Reihe z.B. mit dem Irak-Krieg:
  • Im Februar 1989 bezichtigt der iranische Revolutionsführer Chomeini den britischen Schriftsteller Salman Rushdie der Blasphemie und verhängt über ihn das Todesurteil. Rushdie taucht unter.
  • Im Oktober 2001 beginnen die USA, als Reaktion auf die Anschläge vom 11. September, Krieg gegen die Taliban zu führen.
  • Am 20. März 2003 starten die USA einen Luftangriff auf den Irak. Es folgt eine Bodenoffensive amerikanischer Truppen.
  • Der niederländische Filmemacher Theo van Gogh wird im November 2004 von einem 26-jährigen Islamisten in Amsterdam auf offener Strasse erschossen.
  • Im September 2005 erregen 12 Karikaturen in der dänischen Zeitung "Jillands-Posten" Unruhen unter Muslimen: in der islamischen Welt ist die bildliche Darstellung des Propheten tabu. 
  • Im November 2009 stimmen 57,7 Prozent der Schweizer in einer Volksabstimmung gegen den Bau von Minaretten in der Schweiz.
  • Im Mai 2010 bringen sowohl Belgien als auch Frankreich ein Burka-Verbot auf den Weg.

Montag, 10. Mai 2010

"Gott schütze uns vor den Konvertiten" ... und den Boulevardmedien.

Hugo Stamm hat jüngst im Tagi einen hervorragenden Kommentar geschreiben mit dem sehr treffenden Titel: "Gott schütze uns vor den Konvertiten." 
Konvertiten, wie  Nicolas Blancho (im Bild oben in der Arena von SF am 23.4.2010) haben immer das Bedürfnis, päpstlicher als der Papst zu sein, um ihren "Glaubensbrüdern" zu beweisen, dass sie wirklich dazu gehören. Gemäss den Erläuterungen des Islamexperten Olivier Roy in seinem hervorragenden Buch "Heilige Einfalt" (Tagi-Rezension hier), sind Konvertiten auch besonders fundamentalistisch, weil sie nicht wirklich Teil der Kultur sind, aus der ihr Glaube stammt. Der Glaube eines geborenen Muslims ist "durch die (islamische) Kultur gebändigt",  schreibt Roy, und "Glauben ohne Kultur ist eine Erscheinungsform dessen, was wir Fanatismus nennen." ("Heilige Einfalt" S. 63)

Und zu den Konvertiten zähle ich im Falle der Schweizer Islamfundis auch ehemals säkulär aufgewachsene Sekondo-Muslime, wie Aziz Osmanoglu (eigentlich Aziz Kozabas), dem Protagonisten des Islam-Reports "Hinter dem Schleier" der Rundschau des Schweizer Fernsehens.  Sie sind hier aufgewachsenen und von der schweizerisch-westlichen Kultur geprägt, auch wenn sie jetzt wieder in den "wahren Glauben zurückgefunden" haben.
Gegenüber ihren "Glaubensbrüdern", die erst kürzlich zugewandert sind, haben sie entscheidende Vorteile bei der Propaganda ihres Gedankenguts und ihrer Werte: Sie reden nicht nur unsere (ihre) Sprache perfekt, sondern sie sind Teil unserer Kultur, auch wenn sie krampfhaft versuchen, anders zu sein. Sie wissen, wie die Schweiz und die Gesellschaft hier tickt und wie man mit ihren Exponenten und Institutionen umgeht. Z.B. mit den Medien.

Denn das hätte Hugo Stamm seinem exzellenten Kommentartitel beifügen müssen:  ".... und vor den Boulevardmedien". Die Konvertiten könnten nämlich keine so nachhaltige Wirkung erzielen, wenn ihnen die Medien, speziell die Boulevardmedien, nicht bald täglich eine Plattform bieten würden, ihre extremistischen Positionen zu verbreiten. Die Medien prägen damit ein Bild des Islams, das eine grobe Verzerrung der Relität eines Grossteils der Muslime in der Schweiz ist. Der absolute Grossteil der Muslime in der Schweiz ist nicht fundamentalistisch und hat häufig mit der Kriche genausoviel zu tun wie ein durchschnittlicher Schweizer Christ.

Die Medien machen sich damit schuldig, denn sie wissen, was sie tun. Sie wissen, dass sie nur einen ganz kleinen Teil der Wahrheit über den Islam und die Muslime in der Schweiz verbreiten. Sie geben vor aufzuklären, zu warnen. Tatsächlich leisten sie dem Vorschub, was sie vorgeben mit ihrer "Aufklärung" und "Information" verhindern zu wollen: Die Ausbreitung des fundamentalistischen Islams in der Schweiz und in Europa. Die dringend nötige, nüchterne Diskussion über die Integration der Muslime wird damit praktisch verhindert.

Die gleiche Mitschuld gilt für die andere Gruppe, die mit den Konvertiten-Fundis Quoten bolzt: Die Populisten in der Politik. Sie beuten das Thema für ihre Interessen aus und produzieren reisserische Sprechblasen, die wiederum die Quoten der Medien befeuern, etc.

"Gott behüte uns ...!"


PS:
Ist es Zufall, dass die eingefleischtesten Boulevardjournalisten selbst auch Konvertiten sind? Viele von ihnen brüsten sich gerne damit, früher Mitglieder der RML oder anderer ultralinker Organisationen gewesen zu sein. Um so vehementer vertreten sie heute marktfundamentalistische Positionen.  Sie haben Information zur Ware degradiert. Ziel der Inforamtionen ist nicht mehr die Aufklärung oder gar die Bildung, sondern die Unterhaltung. Die Inhalte der Informationen sind belanglos.  Man verkauft, was Quote oder Auflage macht.
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Sonntag, 7. März 2010

Wo bleibt die grosse Integrationsdebatte in der Schweiz?


Die Abstimmung zur Minarett-Initiative war für viele offene Schweizer Geister - die gibt es noch! - ein Schock.
Eine der Positiv-Reaktionen auf die Abstimmung war, dass die Minarett-Initiative ein heilsamer Schock sein könnte, weil jetzt eine längst nötige Diskussion über den Islam in der Scweiz (in Euopa) die Menschen muslimische Glaubens unter uns, im speziellen und die Integration von "Fremden", generell stattfinden werde.
Doch abgesehen von vereinzelten Bemühungen, kann davon keine Rede sein: Die grosse Integrationsdebatte hat nicht stattgefunden, weder negativ noch positiv. das Thema wird in der Schweiz weiter gefährlich verdrängt. Anders in England. Mit prominenter Beteiligung aus der Schweiz - "natürlich" Tariq Ramadan - fand am 23. Februar ein vielbeachtetes Podium des BBC World News und des British Council in London statt.

Warum gibt's nicht Ähnliches bei uns? Oder: Wer wagt es, die Initiative zur Debatte zu ergreifen?

Freitag, 11. Dezember 2009

Zahra Rahnavard: Einflussreichste "Denkerin" 2009

Bild: windowsoniran.wordpress.com

Sie ist die erste Frau auf der Liste der "Global Thinkers 2009" des renommierten US-Magazins "Foreign Policy": Zahra Rahnavard, die Frau des unterlegenen Präsidentschaftskandidaten Mir-Hossein Moussavi. Sie rangiert an dritter Stelle, gleich hinter US-Präsident Barack Obama (2.) und Ben Bernanke, dem Top-klassierten US-Notenbank-Chef.
Natürlich ist diese Wahl auch Teil der US-Propaganda gegen den Iran, aber tatsächlich ist die 64-jährige Malerin und Bildhauerin, promovierte Politologin, ein sehr wichtige Figur weit über den Iran hinaus.

Idol der Frauen
Zahra Rahnavard ist der "Star der grünen Bewegung", der Opposition im Iran, oder wie es Foreign Policy in ihrer Laudatio ausdrückt "the brains behind Iran's Green Revolution", das "Hirn" der iranischen Opposition, die sich trotz brutaler Unterdrückung nicht davon abhalten lässt, weiter fast täglich in Teheran zu demonstrieren.
Frau Rahnavard, die ihren Mädchennamen, nicht den ihres Mannes benutzt, ist das Idol der Frauen im Iran und sicher die einflussreichste Frau des Landes. Sie trägt zwar ein sehr strenges Kopftuch, aber das hindert sie nicht öffentlich das rabiate Vorgehen der Sittenpolizei gegen "unislamische" Kleidung zu geisseln: "Das ist die mieseste und dreckigste männliche Bevormundung von Frauen." Frauen würden im Iran systematisch erniedrigt und behandelt wie Bürger zweiter Klasse. Überhaupt sagt sie öffentlich Dinge, die sonst kaum jemand privat auszusprechen wagt. "Ihr seid hier," ruft sie den Demonstranten zu, "weil ihr Fanatismus hasst. Ihr seid hier, weil ihr von einem freien Iran und friedlichen Beziehungen mit dem Rest der Welt träumt."

Die Revolution im Iran ist weiblich

Schon 1979 beim Sturz des Schahs haben Frauen, allen voran auch Zahra Rahnavard, eine wichtige Rolle gespielt. Auch heute wieder. "Die Revolte ist weiblich", hat der Spiegel diesen Herbst getitelt. Und die Mullahs haben Grund, die Frauen zu fürchten:
Der Iran das Land in der arabischen Welt mit dem grössten Frauenpotential. Viele Frauen sind gebildet. 60 Prozent aller Studenten sind weiblich, bestens qualifiziert "und doch chancenlos auf einen Aufstieg in Spitzenpositionen", wie FR-Online schreibt. Der Idee der Gleichberechtigung im westlichen Stil stehe die wichtigste Frau Irans aber "highly critical" gegenüber, stellt die britische Politik-Professorin Haleh Afshar in einem BBC-Porträt klar. Frau Rahnavard hat sich auch mehrfach deutlich für das Tragen des Kopftuchs ausgesprochen. Dies entspreche der islamischen Sitte. Professorin Afshar bezeichnet sie dennoch als "fundamentally feminist". Und sie scheint entschlossen, eine neue Revolution zu entfachen.

Hoffnungsträgerin der USA
Zahra Rahnavard ist deshalb auch eine Hoffnung der USA. Frauen in den USA vergleichen sie gerne mit ihrem neuen Politstar, Michelle Obama. Doch die Iranerin wehrt sich sehr selbstbewusst in eienm Interview mit BBC-Radio: "Ich bin nicht die Michelle Obama des Iran. Sie ist die Zahra Rahnavard von Amerika."

Screenshot von Zahra Rahnavards Facebook-Seite:

Donnerstag, 3. Dezember 2009

Unser muslimisches Erbe

Es ist an der Zeit, etwas zur Aufklärung über die gemeinsame Geschichte Europas und der islamischen Welt zu tun. Mehr noch: mithelfen aufzuzeigen, wieviel Europa den Muslimen verdankt. Berichten über eine Zeit, als die modernen Muslime dem rückständigen Europa Kultur (bei-)brachten.
Sehr anschaulich beschreibt Ilija Trojanow den fundamentalen Beitrag der islamischen Welt zur kulturellen Entwicklung Europas in seinem Buch "Kampfabsage". Viel sehr Erhellendes zeigt die mehrteilige Fernsehdokumentation "Islam in Europa - Als die Muslime Europa regierten" der britischen Historikerin Bettany Hughes. In 11 Teilen:

Teil 1:


Teil 2:


Teil 3:


Teil 4:


Teil 5:


Teil 6:


Teil 7:


Teil 8:


Teil 9:


Teil 10:


Teil 11:

Mittwoch, 2. Dezember 2009

Die Scham, die uns befällt....

Inzwischen zählt die Facebook-Gruppe „Ich schäme mich für das Resultat der Minarett-Initiative" über 72'000 Mitglieder (Stand 2.11.09 23.18 Uhr). Ich bin nicht beigetreten, habe aber dieselben Gefühle. .... Und da kommt Slavoj Zizek und hält uns brutal den Spiegel vor:

„(Es ist) ... die Scham, die uns befällt, wenn uns die heuchlerischen Masken vom Gesicht gerissen werden und wir unmittelbar mit unseren eigenen Einstellungen konfrontiert werden.“ In: „Die Politische Suspension des Ethischen“, Suhrkamp 2005.

Wieder ein Problem, das wir entweder beschönigt oder gar verdrängt haben: das unmittelbare, tägliche Zusammenleben mit Anderen, mit „Fremden“, aktuell manifestiert durch den Islam in Europa, durch die Muslime in der Schweiz. Nicht mit den Assimilierten, den Angepassten, sondern mit den Unangepassten, den Randständigen, den „Extremisten“.

Wir stellen schockiert fest, dass wir wieder ein Feld den Populisten überlassen haben, das sie jetzt skrupellos, aber instinkt-sicher ausschlachten. Ein Thema, von dem wir schon länger wissen, dass wir „es angehen“ müssen. „Die Notwendigkeit“, schreibt Zizek, „den Status der Einwanderer, etc. zu ‚regeln’, ist heute Teil des Mainstreamkonsenses.“ Jetzt hat uns die verdrängte Problematik eingeholt. Um es aber echten Lösungen zuzuführen, müssen wir uns der Thematik endlich stellen. Wir müssen die Problematik zuerst zurückerobern, unseren Polit-Fundamentalisten/Populisten das Monopol auf das Thema wieder entreissen, um Lösungen zu finden, die unseren Grundwerten (christlich? demokratisch?) entsprechen. Lösungen, die uns erlauben, die Scham zu überwinden.