Sonntag, 14. April 2013
Die (grossen) Wirtschaftsunternehmen am Pranger
"Das Business", der Kapitalismus, die neoliberale Marktwirtschaft und ihre Exponenten stehen am Pranger. Nicht nur in der Schweiz. Abstimmungsresultate wie die 67,9% Zustimmung zur Abzocker-Initiative am vergangenen 3. März sind Ausdruck einer tiefgreifenden Verunsicherung, eines immer weiter wachsenden Misstrauens breiter Teile der Schweizer Bevölkerung gegenüber dem Big Business und dem Wirtschaftsestablishment.
Schuld daran sind "zu einem guten Teil die Wirtschaftsunternehmen". Das sagt nicht etwa ein neidischer linker Populist, sondern der "Doyen der lebenden Management Gurus", Harvard Professor Michael Porter:
Dienstag, 2. April 2013
Leuchtturm 15: "Hat die Zukunft eine Schweiz" (2)
Editorial: Projekt Schweiz (Magazin Flipboard)
Die Schweiz denkt über ihre Zukunft nach. Endlich. Der Ausgang der Abzocker-Initiative am vergangenen 3. März macht's möglich.
Jahrelang haben offene, unabhängige Geister ein solches Nachdenken als dringlich angemahnt - u.a. Ben Vautier "La suisse n'extiste pas" oder David Gugerli "Hat die Zukunft eine Schweiz?) oder viel früher: Max Frisch "Achtung die Schweiz"), aber eine wirklich breite Diskussion ist nicht zustande gekommen. Die politisch etablierten Kreise waren nicht wirklich an einem solchen Nachdenken interessiert. Sie leben vom Status Quo.
Montag, 2. April 2012
Schweiz/Deutschland: Grotesker Tumult
Deutschland und die Schweiz, zwei Länder die gleich nebeneinander liegen. Das eine ist recht groß, das andere eher klein. Die Menschen in diesen Ländern sprechen mehr oder weniger die selbe Sprache, kucken den selben Mist im Fernsehen und sind auch sonst nahe. Natürlich kritteln die Menschen aus den beiden Ländern gerne am jeweils anderen Land und seinen Leuten rum, aber trotzdem, man kommt gut miteinander aus, wandert aus und ein, heiratet sogar. Gibt es aber einmal eine politische Auseinandersetzung, scheinen die beiden Länder mindestens auf zwei verschiedenen Planeten zu liegen. Das Steuerabkommen offenbart eine seltsame und erschreckende Distanz.
Samstag, 14. Januar 2012
Leuchtturm 13: Willkommen in der Ära der Wahrheitsfreiheit
Wahrheitsfreie Politik.
Der Titel ist der Versuch einer Übersetzung von "post-truth politics", einer Wortschöpfung von Nobelpreisträger Paul Krugmans in seiner New York Times Kolumne "The Post-Truth Campaign" vom 22. Dezember 2012. Die Übersetzung scheint mir nicht so richtig zu passen, aber ich habe auch keine bessere anzubieten. Dem Intro-Text von Binswangers Kolumne im aktuellen Magazin (Online nicht frei verfügbar) tut das aber keinen Abbruch:
Der Nobelpreisträger Paul Krugman beklagt, dass die amerikanische Politik in eine Ära der "Wahrheitsfreiheit" eingetreten sei (post-truth politics). Fakten, so Krugman, spielen keine Rolle mehr. Es genügt, über Medienmacht zu verfügen, um wirkungsvolle Kampagnen durchzuziehen. Es reicht, einen Gegner mit Falschbehauptungen zu diskreditieren, um ihn politisch zu vernichten. Mit der Hildebrand-Affäre ist auch die Schweiz definitiv in die Ära der wahrheitsfreien Politik eingetreten.
Freitag, 10. Dezember 2010
China, Schweiz, Iran, Nordkorea, ....
Tatsächlich scheint es sich China leisten zu können, zwar von den internationalen Regelungen und Dienstleistungen (inkl. Sicherheit) profitieren zu können, aber bei Bedarf auszuscheren. Ob das auch für Nordkorea gilt oder für den Iran oder die Schweiz, das wird sich weisen.
Der Tanz um den leeren Stuhl von Oslo und die empörten Belehrungen aus Norwegen wirken auf mich wie ein Teil eines Schauspiels. Das Schauspiel vom Niedergang des Westens, der zwar noch tapfer für die weltweite Einhaltung/Durchsetzung seiner "universellen" Werte kämpft, aber langsam zur Kenntnis nehmen muss, dass zumindest die Zeit seiner uneingeschränkten hegemonialen Dominanz zu Ende geht.
Samstag, 30. Oktober 2010
(Un-)heimliche Allianz der (extremen) Rechten mit den Islamisten
Contextlink möchte hier eine Verschwörungstheorie in die Welt setzen:
Die Rechtsaussenparteien Europas haben mit den Islamisten einen (un-)heimlichen Pakt geschlossen.
Natürlich ist diese Verschwörungstheorie genauso absurd wie alle anderen Verschwörungstheorien. Sie hat aber einen realen, wahren Kern: Es ist offensichtlich, dass beide Kontrakt-Parteien ein starkes, gemeinsames Interesse haben: Die Nichtintegration oder gar die Assimilierung der Immigranten/Zuwanderer aus dem Süden. Beide profitieren von einer zunehmenden Radikalisierung der Situation.
Die Rechtsaussenparteien sind die grossen Profiteure des Phänomens, das sie vorgeben zu bekämpfen. Die Anti-Migrations-Thematik ist ihr zentrales Vehikel, um die Macht in den Ländern Europas zu übernehmen. Sogar vermeintliche Bastionen der Toleranz, wie Holland oder die nordischen Staaten, haben die Rechtaussen dank dem Wahlkampfschlager Intergration/Fremdenhass schon erobert. Noch besser: Auch in den Ländern, in denen die Anti-Immigranten noch nicht mehrheitsfähig sind, haben sie erreicht, dass ihr Mono-Thema die politische Agenda dominiert und das politische Klima zielgemäss vergiftet.
Nur logisch, dass die Rechtsaussen alles dafür tun, dass ihnen dieser machtgarantierende Trumpf möglichst lange erhalten bleibt. Sie unternehmen alles, um eine Integration oder gar Assimilation der Zuwanderer aus dem globalen Süden zu verhindern und die Fremdenfeindlichkeit zu schüren. Ihre Massnahmen/Forderungen reichen von der Familien- und Erziehungspolitik (z.B. kein Hochdeutsch im Kindergarten) bis zur Sicherheitspolitik (Ausschaffung krimineller Ausländer).
Die Islamisten brauchen ihrerseits nicht allzuviel zu tun, um den Pakt zu erfüllen. Es reicht, wenn sie das Drohszenario terroristischer Anschläge einigermassen glaubwürdig bewirtschaften und ihre Hasspediger anweisen, immer mal wieder eine radikal-fundamentalistische Provokation zu inszenieren, die sich medial breit vermarkten lässt.
Contextlink glaubt allerdings, dass die Islamisten ihre Allianzpartner unterschätzen. Werden die Rechtsaussen nämlich definitiv an der Macht sein, werden sie den Pakt mit den Islamisten künden. Sie werden die (vielen) nützlichen Zugewanderten, auf die unsere Wirtschaft angewiesen ist, zwangsintegrieren und die weniger nützlichen ausschaffen. Dann werden die Fremden erst recht zum wichtigen Partner der Rechtsaussen. Denn längst haben die Vordenker der Rechten erkannt, dass man im Grunde ja dieselben konservativen Werte teilt: Man beschwört die traditionelle Familie, ist gegen Sex vor der Ehe, hält Homosexualität für eine widernatürliche Sünde, usw. .... und unterstützt charismatische Führer.
Die Zuwanderer werden ein wichtiger Pfeiler der konservativen Macht sein. Sie werden das rechts-konservative Elektorat stärken und dafür sorgen, dass sich Rechtsaussen auch langfristig an der Macht halten kann.
PS:
Weil sich die Neu-Integrierten noch eine Zeit lang eifriger vermehren werden als die Durchschnittsschweizer, werden sie auch eine wesentliche Rolle bei der Bewahrung unserer militärischen Stärke spielen: Als Frontsoldaten in den Schützengräben im Gotthard-Reduit, wenn wir den Angriff der EU-Armee auf unsere Alpenfestung abwehren.
...inch'allah.
Dienstag, 28. September 2010
Christoph Blocher: Der wichtigste Politiker der Schweiz seit 50 Jahren.
Damit hat Christoph Blocher, der immer als Bewahrer der Schweiz auftritt, eine der Grundfesten zerschlagen, auf der die Schweizer Politik seit rund 100 Jahren basiert. Ein Grundkonsens der "Classe Politique": Steter, einvernehmlicher Ausgleich der Interessen der wichtigsten Stakeholder, das "Volk" massvoll am ständig wachsenden Wohlstand beteiligen, abstimmen lassen über dies und das, aber wichtige Entscheide im Konsens der Landesführung, in engster Absprache mit der Wirtschaft treffen.
Spätestens seit der Einführung der Zauberformel Ende der 50er Jahre war auch die SP in das Spiel des grossen Konsens eingebunden und hat sich staatsmännisch daran gehalten.
Dieses freisinnige System könnte mit den Wahlen 2011 definitiv Geschichte ein. Sinnbildlich mit der definitiven Marginalisierung der seit der Staatsgründung im vorletzten Jahrhundert wichtigsten Partei der Schweiz, der FDP. Und diese historische Veränderung, diese "Revolution", trägt einen Namen: Christoph Blocher.
Seit den 80er Jahren hat er mit seiner SVP das Konsens-System untergraben und demontiert. Er hat die alte "Classe Politique" systematisch desavouiert und die Regeln der Schweizer Politik verändert - unter Nutzung der demokratischen Mittel des alten Systems.
Statt der Staatsräson gelten heute die Interessen der Partei. In der neuen Politik geht es nur noch vordergründig um Sachentscheide. Tatsächlich geht es um Einfluss, politische Ämter und Pfründe, um Macht. Auch sogenannte Volksentscheide sind immer ein Plebiszit für die Macht. Damit befindet sich die Schweiz im ständigen Wahlkampf.
Im neuen System bleibt wenig Platz für Konsens, Kompromisse, Ausgleich der Interessen oder gar Solidarität. Die Politik muss greifbar sein. These und Antithese. Gut und böse.
Das Mittel der neuen Politik heisst Populismus.
Die SVP bedient klare Feindbilder (die "Classe Politique, die Ausländer, alles Fremde, die EU) und sie hat einen offensichtlichen politischen Gegner definiert: "Die Linke", die SP. Denn auch das gehört zum neuen Spiel: Der Pluralismus einer vielfältigen Parteienlandschaft hat ausgedient. Es gibt nur noch links oder rechts. Die "Mitte"-Parteien dienen je länger je mehr einzig dazu, kurzfristig nötige Mehrheiten für die Linken oder Rechten zu schaffen. Und die Wahlen von 2011 dürften die Polarisierung weiter vertiefen.
Die Plattform der neuen Politik sind die Medien. Mit Abstand wichtigstes Organ ist das Fernsehen SRF, das einzig wirkliche nationale Medium der Schweiz, mit dem die breite Masse erreicht wird. Eine Schlüsselrolle in der Umwandlung der Schweizer Politik nach den Regeln des Marktes hat in den 80er Jahren die Sendung "Arena" gespielt.
Mit dem damaligen SP-Präsidenten Peter Bodenmann hatte Blocher einen kongenialen Partner gefunden, eine Art Waffenbruder, mit dem er in der Arena die Klinge kreuzen und die neuen Regeln einüben und zelebrieren konnte: Spektakel, Unterhaltung, Polarisierung.
Längst haben die übrigen Medien nachgezogen. Politik und Medien leben in einer ständigen Interessengemeinschaft. Kurzfristige Effekte und kurzfristiger Erfolg sind gefragt. Populismus und Boulevard sind heute zwei Seiten derselben Medaille.
Peter Bodenmann hat sich inzwischen zurückgezogen, aber die junge neue SP-Führung hat bisher das Spiel nach den neuen Regeln mitgespielt - sichtlich lustvoll. Es ist die Lust am Strippenziehen, Manipulieren, konspirative Strategien entwickeln und den Reiz zu erleben, ob und wie diese Strategien aufgehen. Aber die SP weiss auch, dass sie bei einer weiteren Polarisierung zwar kurzfristig einige Machtpositionen verlieren, aber - anders als die Mitte-Parteien - langfristig nur profitieren kann.
Die Abwahl Bundesrat Blochers und die Inthronisierung von Eveline Widmer-Schlumpf durch die SP im Dezember 2007 war ein Triumph der neuen Regeln à la Blocher. Die SP hatte Blocher sozusagen mit dessen eigenen Waffen besiegt. Damit hat sich die Umwandlung der Schweizer Politik nur noch weiter beschleunigt. Blocher fühlte sich persönlich sehr verletzt, aber die SVP hat inzwischen begriffen, dass die Abwahl ihres Übervaters nützlich war. Das veraltete Argument "Konkordanz", die Forderung nach einer dem Wähleranteil entsprechenden Anzahl Bundesräte, dient jetzt als Instrument zur Durchsetzung der Konkurrenzstrategie.
Am vergangenen Wochenden hat die SVP die Maske definitiv fallen gelassen: Schluss mit Konsens und Konkordanz. Wir wollen die Macht. Offiziell hat Parteipräsident Toni Brunner zwar nur eine "Garantie für den 2. Sitz" in der Regierung gefordert, aber wenn diese Forderung nicht erfüllt werde, sei er für einen "Systemwechsel", für "ein Regierungs- und Oppositionssystem" logischerweise unter Führung der SVP.
Die SP hat mit der gestrigen Departementsverteilung im Bundesrat eine bittere Niederlage erlitten. Die Bürgerlichen haben ihr eine Lektion erteilt: Man kann die neuen Regeln nicht nur bei Bedarf spielerisch einsetzen, sie werde knallhart immer angewandt. Die SP-Führung muss erkennen, dass sie arg blauäugig den Versprechungen der Mitte-Parteien vertraut hat und naiv davon ausgegangen ist, die Staatsräson habe zumindest im Bundesrat noch das Primat vor der Parteipolitik.
Die FDP und CVP haben ganz offensichtlich die Lektionen für die Anwendung der neuen Regeln besser gelernt als die SP. Sie haben konsequent ihre eigenen Interessen wahrgenommen, nach dem Motto: Retten, was noch zu retten ist. Auch wenn nur für kurzfristigen Gewinn. Dabei haben CVP und FDP in Kauf genommen, dass sie sich von Christoph Blocher für eines seiner Zwischenziele instrumentalisieren liessen: Die Marginalisierung der SP-Wahllokomotive Simonetta Sommaruga. Die "Klavierspielerin", höhnen einzelne Kommentatoren, soll sich am Ausländerdossier die Finger verbrennen.
Die SP weiss heute, dass sie letzte Woche bei der Bundesratswahl eine einmalige Chance verpasst hat, die Taktik der SVP zu durchkreuzen. Es war offensichtlich, dass die SVP ihren Kandidaten Jean-Francois Rime gar nicht wirklich wählen lassen wollte, um mit dem scheinheiligen Empörungsargument "Konkurrenz" in den Wahlkampf 2011 einsteigen zu können. Hätte die SP im letzten Wahlgang geschlossen für den SVP Kandidaten gestimmt, wäre Rime gewählt und die Ausgangslage für 2011 ganz anders gewesen.
Warum die SP-Führung diese Chance nicht genutzt hat, ist reichlich rätselhaft. Oder kommt ihr die Entwicklung etwa gar nicht ungelegen?
Jetzt werden die Wahlen 2011 definitive nach den neuen (blocherschen) Regeln der modernen Schweiz gespielt. Es kommt zum Showdown der Parteien, zur weiteren Polarisierung und mit einiger Wahrscheinlichkeit zum Systemwechsel. Weg vom Konsens hin zur Konkurrenz. Mit Regierung und Opposition, ganz ähnlich wie das alle unsere Nachbarstaaten kennen. Zumindest in dieser Beziehung wäre die Schweiz kein Sonderfall mehr.
Kein anderer Politiker der Schweiz, hat in den letzten 50 Jahren eine ähnliche Wirkung erzielt wie Christoph Blocher. Er wird auf jeden Fall in die Geschichtsbücher eingehen. Ob positiv oder negativ müssen spätere Generationen entscheiden. Sie werden Christoph Blocher in die Verantwortung nehmen und an den konkreten Resultaten der neuen Schweizer Politik, die er entscheidend geprägt hat, messen.
Dienstag, 31. August 2010
Buchhandel 2010 oder McThalia
Heute bei Thalia im "Stücki" Basel:
Ich: "Können Sie mir bitte helfen, das neue Muschg-Buch zu finden?"
Die Buchhändlerin: "Wie heisst der Autor?"
I.: "Ja, eben, Muschg".
B.: "Und der Vorname?"
I: "Adolf"
Die Buchhändlerin tippt im Computer. Zögert:
B: "Wie war nochmal der Name?"
I.: "Adolf Muschg"
B.: "Den haben wir hier nicht."
I.: "Das kann aber fast nicht sein. Muschg ist einer der bekanntesten Schweizer Schriftsteller. Eben ist sein neuster Roman "Sax" herausgekommen. Aber Sie haben mit Sicherheit auch ältere Werke von ihm."
B.: "Ich bin Deutsche."
I.: "Muschg kennt man allerdings in Deutschland sehr wohl."
B.: "Ich frag' mal meine Kollegin."
Die Kollegin sucht auch vergeblich im Compi. Dann die Erleuchtung:
B2: "Wenn er ein Schweizer Schriftsteller ist, müsste er unter den Schweizer Schriftstellern zu finden sein."
Die beiden Buchhändlerinnen gehen gemeinsam zum Gestell "Schweiz". Der neue Muschg-Roman steht zuvorderst. Offen präsentiert.
B2: "Da ist ja das Buch."
B1: "Ach so, der schreibt sich ja mit G."
Dienstag, 8. Juni 2010
UBS-Staatsvertrag-Theater: Symbol eines kranken Systems
Die Gleichheit des Contextlink-Titels zur Schlagzeile vor einer Woche "Bundesrat Merz: Symbol eines kranken Systems" ist natürlich kein Zufall: Beide "Ereignisse" sind die logische Konsequenz der "Krankheit" unseres politischen Systems:
Die Politik ist nicht mehr fähig, Entscheide im Sinne der Sache, im Sinne der Schweiz und des Gemeinwohls zu fällen. Die Parteien und ihre Exponenten befinden sich in einem ständigen Wahlkampf: "Es geht nicht mehr um das gemeinsame Erarbeiten von Lösungen, sondern nur noch um Polarisierung und persönliche Profilierung, Kampf um die Marktanteile der eigenen Partei zwecks Erlangung der wichtigsten Machtpositionen." Ein kapitaler Staatsvertrag mit den USA kommt da gerade Recht. Da kann man sich medienwirksam positionieren. Dem kurzfristigen Erfolg der Parteiprofilierung wird das Wohl des Staates und seiner Bevölkerung geopfert.
Skrupellos nutzt die SP die Gunst der Stunde, um nicht nur ihre (berechtigten) Forderung nach besserer Kontrolle der Banken einzubringen, sondern vor allem um sich für die Parlamentswahlen 2011 in Szene zu setzen.
Die SVP riskiert ihre Glaubwürdigkeit, indem sie weiter das Unmögliche versucht: Sich als "Wirtschaftspartei" zu bestätigen und gleichzeitig die Interessen des "Volkes", der "breiten Masse" zu vertreten. Wie die SVP ihrem wichtigsten Elektorat, den kleinen Leuten, klarmachen will, warum und wie man gegen eine Boni-Steuer sein kann, bleibt ihr Geheimnis.
Die bürgerlichen Parteien der sogenannten "Mitte" zeigen jetzt mit dem Finger auf die "S-Parteien". Dabei sind es in erster Linie sie, die die Gunst der Stunde verpasst haben, in der Praxis Massnahmen zur besseren Kontrolle der Finanzwirtschaft zu fixieren, welche dringend nötig und beim "Volk" populär sind. Doch sie verharren trotz traumatiserenden Erfahrungen in der Rolle der Erfüllungsgehilfen der Wirtschaftsmächtigen. Erst ihre Obstruktionspolitik hat der SP die Plattform geboten, sich jetzt mit ihren Forderungen zu profileren.
Noch können sie versuchen, den Leuten zu glauben, die darauf hoffen, es käme schliesslich doch noch ein Kompromiss zustande, respektive, die Mitte Parteien sind doch "nicht einfach doof" und gehen doch noch auf die Forderungen der SP ein, wie es Helmut Hubacher glaubt/hofft.
Samstag, 30. Januar 2010
Schweiz: Neue Helden braucht das Land

Die Politik ist gefragt. Oder mehr noch Persönlichkeiten, die Ideen haben, die uns Perspektiven aufzeigen. Die Schweiz braucht eine Vision. Wo will sie hin? Wo stehen wir in der künftigen Welt? In Europa?
Diese Vision fehlt. Klar ist aber: Rückwärtsgewandt hat ausgedient. Die Schweiz braucht eine neue Identität. Vorwärtsgewandt, den aktuellen und kommenden Bedürfnissen unseres kleinen Landes in der globalisierten Welt angepasst.
Damit aber taugen auch die alten Geschichten nicht mehr, die unsere Landesväter im vorletzten Jahrhundert im Bemühen um die Bildung der Nation Schweiz erfunden haben und die von rechtskonservativen Kreisen noch heute beschworen werden. Die Geschichte der Schweiz in den Schulbüchern muss neu geschrieben werden. Die Tells und Winkelrieds gehören definitiv nach Ballenberg oder gleich ins Kuriositätenkabinett.
Die Schweiz braucht eine neue Erzählung - „narrative“ auf englisch. Es muss eine Geschichte der städtischen Schweiz sein, nicht mehr des ländlich-alpinen Raums. Das Réduit hat ausgedient. Es muss nicht nur raus aus den Schulbüchern, sonder auch raus aus den Köpfen.
Gefragt sind Offenheit, Anpassungsfähigkeit, Innovation und Vernetzung.
Eine neue Geschichte braucht aber auch neue Helden und Legenden, Vorbilder, an denen wir uns orientieren können. Neue Leitfiguren, die dem entsprechen, was die künftige Schweiz braucht.
Neue Helden also. Das ist nicht wirklich schwer. Tatsächlich sind auch einige alte Helden weiter brauchbar. Ihre Geschichte muss nur etwas anders erzählt, der Akzent in ihrer Geschichte muss anders gesetzt werden. Es sind Helden mit Eigenschaften, die unser Land geprägt haben. Qualitäten, die es möglich gemacht haben, dass wir da sind, wo wir heute stehen: Dass wir nach wie vor mit zu den Allerprivilegiertesten dieser Welt gehören. Mit ausgezeichneten Perspektiven, dass dies auch in Zukunft noch so sein wird.
Diese zentrale Eigenschaft ist die Anpassungsfähigkeit, der Opportunismus. Die Fähigkeit zur Vernetzung, ständig neue Allianzen zu schmieden, komplexe Zusammenhänge zu verstehen und Entwicklungen früh zu erkennen. Einfluss nehmen, den wichtigsten Playern dienen, sie beraten und beeinflussen. Viele Fäden zusammenzuführen und zusammenzuhalten.
Das ist meine Liste der neuen und alten Helden. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit.
Natürlich find’ ich das besonders reizvoll und kokett: Nicht nur das alte Feindbild Habsburg als Vorbild, sondern auch noch eine Frau als Ausgangspunkt:
Die grosse "Aargauerin", Enkelin des ersten Habsburgerkönigs Rudolf I., Tochter des bei Windisch ermordeten Deutschen Königs Albrecht I. Mit 15 an den Ungarnkönig Andreas III. verheiratet. Nach ihrer Rückkehr in den Aargau 1317 hat sie von Königsfelden aus die Fäden des Habsburgerreichs zusammengehalten und sehr nachhaltig zur gedeihlichen Entwicklung des Raumes der heutigen Schweiz beigetragen, von Luzern über Zürich und das Mitteland bis ins Elsass. Sie soll sehr beliebt gewesen sein in der Bevölkerung. Hochvereehrt bis sie der Glarner Geschichtsschreiber Aegidius Tschudi im 16. Jahrhundert zum Feindbild geschrieben hat.




Einer der vielen deutschen Immigranten, liberaler Vorkämpfer und Volksaufklärer. In Napoleons "Helvetischer Republik" Leiter des „Bureaus für Nationalkultur“. Später als Präsident der Helvetischen Gesellschaft setzte er sich offen für eine Reform der Schweiz in liberalem Sinn ein.




Samstag, 9. Januar 2010
UBS-Skandal: "Die Geister, die ich rief...."

Welch verlogene, unerträgliche Heuchelei!
Jetzt heulen sie: "Was für ein Skandal! Der Bundesrat, die FINMA: am Gängelband der UBS!"
Jetzt zeigen sie mit dem Finger auf die "Schuldigen": BR Merz, FINMA-Chef Haltiner.
Jetzt verlangen sie "Konsequenzen": "Blocher will, dass Bundesräte zahlen." Eine PUK soll her.
Dabei wissen alle: 2. In der Sache war der Entscheid richtig und die Herausgabe der UBS-Kundendaten an die USA hat den Schaden so weit noch möglich begrenzt.
Und vor allem 1. Das Verhalten der Staatsdiener ist nur konsequent.
Der Slogan der grössten und mächtigsten (bürgerlichen) Partei hiess jahrzehntelang "Weniger Staat". Schliesslich haben sogar die linken Parteien die Doktrin verinnerlicht: Der Staat soll sich nicht in den Markt einmischen, er soll bloss für optimale Rahmenbedingungen sorgen.

Bundesrat Merz, der "fügsame Wirtschaftsberater" und Ex-UBS-Angestellte, hat nur das gemacht, wozu er vorgesehen war: Die Interessen der Schweizer Top-Finanz zu vertreten; genau wie FINMA-Chef Eugen Haltiner, ebenfalls ein altgedienter UBS-Mann.

Kein Wunder konnte der damals (2003) noch vergötterte Präsident der UBS, Marcel Ospel, frohlocken, die Grossbank sei jetzt in mehreren Ministerien "mit Vertretern unserer Interessen abgestützt." (zitiert nach de Weck).
Christoph Blocher hat mit seiner Partei jahrelang daran gearbeitet, die Glaubwürdigkeit und damit den Einfluss der "Classe Politique", der Inhaber staatlicher Ämter und politischer Mandate, Richter und unabhängige Experten, zu untergraben.
Wenn jetzt bürgerliche Finanzpolitiker wie Philipp Müller von der "Wirtschaftspartei" FDP von "Bananenrepublik" sprechen, haben sie zwar Recht, nur fällt die Anklage wie häufig auf diejenigen zurück, die mit dem Finger zeigen.
Statt Entsetzen zu heucheln, gilt es nüchtern festzustellen:
Die Saat ist aufgegangen. Und: Die Geister werden schwer wieder loszukriegen sein.
Samstag, 1. August 2009
1.Augustreden: Die Inkarnation von "Bullshit"

Der amerikanische Ausdruck "Bullshit" - oder "Bullshit reden"- ist längst in unseren täglichen Sprachgebrauch übergegangen. Er wird meist schlicht mit "Scheisse" oder "Mist" übersetzt. Der amerikanische Philosoph Harry G. Frankfurt hat schon 1986 ein kurzes Traktat "On Bullshit" geschrieben, das in seiner zweiten deutschen Auflage 2005 ein Beststeller war. Nicht zufällig, lese ich an diesem 1. August wieder darin:
Die 1. Augustreden zum Schweizer "Nationalfeiertag" sind so etwas wie die Inkarnation, die "Fleischwerdung" der Bullshit-Definition des amerikanischen Philosophen. Oder zumindest sind sie ideale Beispiele dafür.
Für Frankfurt kommt der deutsche Begriff "Humbug" dem englischen Bullshit am nächsten; oder das "Blödsinnquatschen", das "Rumpalavern", das "Heiße-Luft-Produzieren", wie es Daniel Schreiber in der taz formuliert.
Der Stoff aus dem 1. Augustreden sind, ist perfekt zum Bullshitten geeignet: "Freiheit" oder "Willen zur Unabhängigkeit, "alte Werte", "Vorväter", "Stolz", "Solidarität" oder "Einzigartigkeit".
Für Frankfurt wären wohl fast alle 1. Augustredner (und alle 1. August-Kolumnisten und - Inserenten) "Bullshitter" .... und gefährlich. Denn "Bullshit ist für die Wahrheit eine noch größere Gefahr als die Lüge".
Der Bullshitter, schreibt Frankfurt, ist schlimmer als der Lügner. Er umgeht die Wahrheit und erkennt so nicht einmal ihre Existenz an. Im Gegensatz zum Lügner, der absichtlich unwahre Behauptungen aufstellt und die Wahrheit daher auch kennen muss, interessiert sich der Bullshitter gar nicht für die Wahrheit - oder höchstens für seine eigene Wahrheit. Bullshit entsteht laut Frankfurter durch "Desinteresse an der Richtigkeit".
Der Bullshitter ist ein Opportunist. Es geht ihm nicht um die Sache, sondern immer nur darum, die aktuelle Situation so glatt und erfolgreich wie möglich zu meistern und die Gelegenheit zu nutzen, um Punkte zu sammeln. Für sich, für seine Partei.
Weil dem Bullshitter die Wahrheit aber egal ist, verzerrt sich auch seine eigene Wahrnehmung der Wahrheit. Er glaubt, was er sagt, auch wenn er sich fernab jeder Wahrheit oder Wirklichkeit befindet. Ob all seiner leeren Phrasen und Worthülsen hat der "Wortmüll-Lieferant" den Sinn für Tatsachenwahrheiten (oder zum Beispiel historische Fakten) längst verloren.
Bullshit ist für Frankfurt auch eine Folge des notorischen "Moralismus in der Politik". Und Bullshitter fühlen sich moralisch im Recht. Sie wollen uns immer glauben machen, sie meinten es gut. Sie versichern uns ihrer Aufrichtigkeit. Sie wollen uns überzeugen, sie seien sachkundig und zuverlässig. Sie reden über alles, am liebsten über Dinge, von denen sie nichts verstehen.
Bullshit, das Bullshitten, stellt für Frankfurt eine Gefahr für unsere Gesellschaft dar, denn "Bullshit ist ansteckend".
Je mehr Aussagen nur mit dem Augenmerk darauf gemacht würden, was im Moment am Besten passt, schreibt Frankfurt, desto stärker werde unsere Fähigkeit eingeschränkt, die Welt nach ihren realen Umständen zu beurteilen.
Wer diesen Contextlinkbeitrag bis hierhin gelesen hat, der hat natürlich längst erkannt, dass Harry G. Frankfurt mit seiner Kritik nicht nur auf gewöhnliche Schwätzer oder Politiker zielt, sondern auch auf die Medien - und die Journalisten.
Sie sind mitschuldig am grassierenden Problem des Bullshitting, indem sie immer häufiger, immer unkritischer, den immer gleichen Bullshittern eine Plattform zur Verbreitung ihrer "Botschaften" zur Verfügung stellen. Gleichzeitig erfüllt zunehmend auch das Themensetting der Medien den Umstand des Bullshittings. Mit der Aufblähung der Medienlandschaft habe auch der Blödsinn zugenommen, mit dem die Leser/Zuschauer/Zuhörer konfrontiert werden, schreibt Frankfurt. In einem Interview auf Amazon hat er seine Wahrnehmung des Phänomens so beschrieben: "Das meiste von dem, was ich in den Medien wahrnehme, ist Bullshit".
Freitag, 10. Juli 2009
Freiheit und Lust in und an der Gewalt

Mit Blick auf die sich häufenden Gewaltexzesse insbesondere junger Täter, sei es im Rahmen von Fussballspielen oder einfach im Bus in die Stadt oder bei der Klassenfahrt in München, muss ich allerdings befürchten, dass dieses Privileg zumindest gefährdet ist. Und wenn ich den Artikel von Wolfgang Sofsky, „Der grausame Charakter“, heute im "Tagesanzeiger" lese, mache ich ganz direkte Bezüge zu meiner unmittelbaren Umwelt, zur Schweiz, zu mir selbst. Ich stelle erstaunt fest, dass auch mein subjektives Sicherheitsgefühl hier in der Schweiz kleiner geworden ist.
Ich wechsle heute auch in der Schweiz schon mal die Strassenseite, wenn mir nachts in der Stadt zwielichtige Gestalten entgegen kommen. Oder ich schaue im Nachtbus stur weiter unbeteiligt zum Fenster hinaus, selbst nachdem mir ein 15-Jähriger vor die Füsse gespuckt hat.

Wie schon in seinen früheren Büchern (u.a. "Traktat über die Gewalt“ oder „Zeiten des Schreckens“) ist bei Sofsky fast jeder Satz einfach schrecklich: schmerzhaft drastisch und konkret. Unerbittlich konsequent analysiert er die Gewalttaten und leuchtet tief in die Abgründe - auch in die Abgründe unserer/deiner/meiner Seele. Für Sofsky sind Gewalttäter nicht einfach Monster oder Opfer besonderer Umstände oder der Geschichte. Gewalt ist für ihn eine „anthropologische Konstante“. Wir Menschen sind so. Auch Sie, Du und ich sind zu Taten fähig, die wir im Normalfall nicht einmal zu denken wagen.
Leider wurde der Print-Artikel vom Tagi nicht ins Internet gestellt. Hier, die für mich wichtigsten Ausschnitte:
Einem Gewalttäter geht es laut Sofsky vor allem um die Ausübung, um das Erleben von Macht:
„Grausamkeit zielt auf vollkommene, totale und absolute Macht. Sie sucht alle Gegenwehr zu zerstören und dem Opfer die Fähigkeit zu rauben, Nein zu sagen. Sie spielt mit seinem Schmerz, zersprengt seinen Eigensinn, nimmt ihm den Willen und am Ende auch das Leben.“
Wobei, gemäss Sofsky, das Töten nicht das Ziel, sondern „für den Handwerker der Macht“ ein „Kunstfehler“ ist: „Mit dem Tod entgleitet ihm das Opfer. Nur solange es am Leben bleibt, dauert die Macht an. Wie es ihm gefällt, kann er den Menschen schänden und schinden, mit Wörtern und Schlägen, mit Gesten, Geschrei, Gelächter und Gewalt.“
Natürlich reflektiert hier Sofsky vor allem über die Folter, den Folterknecht und sein Opfer, aber die Situation, die Gefühlslage des Täters gilt genauso für einen jugendlichen Schläger, der auf ein hilfloses Opfer eindrischt. Auch die Situation des Opfers ist dieselbe:
„In der Hilflosigkeit des Opfers liegt der Genuss der Grausamkeit. ... Die wirksamste Methode ist der Schmerz. Ein wohlgezielter Schlag unterwirft die gesamte Person, überschwemmt ihre Empfindungen, tilgt die Selbstdistanz. Im zappelnden, wimmernden Schmerzbündel mutiert der Mensch zur Kreatur. ... Wer diese Metamorphose herbeizuführen vermag, der beherrscht den anderen vollständig. Nach Belieben kann er Schmerz an- oder abschalten, verstärken und verringern. Das Opfer ist ganz in seiner Hand.“
„Grausamkeit löst sich von allen Normen und Zielen. Sie ist kein Mittel zum Zweck, sondern Selbstzweck. Sie will nicht erpressen, strafen, vergelten, sondern sich selbst steigern. ... Sie anerkennt weder Regel noch Mass. Sie will nur sich selbst, die absolute Freiheit der Willkür.“
Sofsky spricht auch in seinen älteren Büchern in Zusammenhang mit absoluter Gewalt immer von einem "Gefühl der Freiheit" der Täter und/oder von einer „Emanzipation von der Moral“. Normen, Verpflichtungen, moralische Einschränkungen werden abgelegt. „ Die Fantasien des Bösen sind an keine Erfahrungen gebunden. Hemmungen und Regeln werden einfach abgeschüttelt.“
In der Grausamkeit der Tat entwickelt der Täter gemäss Sofsky eine spezielle „Kreativität“. Immer neue Formen der Peinigung entwickelt er. Diese Kreativität „öffnet die Schleuse für die Wonnen des Bösen. ... Die Laster, die er verschämt in sich verborgen hat, holt sie ans Tageslicht. Sie reizt seine Spielfreude, seine Selbstsucht, seine Lust an der Bestialität.“
„Die Emanzipation von der Moral bedeutet nicht, dass Grausamkeiten nur aus Perfidie oder Bösartigkeit begangen werden. Die wenigsten Menschenschinder handeln aus bewusster Immoralität.“ „Sie begeistern sich an der Machtaktion und nicht an deren amoralischer Qualität.“
„Die neue Freiheit hat ihren eigenen Reiz. Sie erspart Schuld und Scham, Mitgefühl und Selbstkontrolle, Verantwortung und Pflicht. Recht und Unrecht müssen nicht länger bedacht werden. Es ist wie das Abwerfen von Ballast. Daran kann das Gattungswesen rasch Gefallen finden. Der Grausame muss nicht mehr nachdenken, sich beherrschen, gegen sich ankämpfen. Endlich kann der Mensch seinen tiefen Riss in der Konstitution überwinden. Er kann einfach tun, was er will. Daher wird die Grausamkeit rasch zur lieben Gewohnheit, die auf Wiederholung drängt.“
Die Untat kann „mit Ekel, Stolz oder Geltungsdrang, mit Abenteuerlust und Langeweile, mit Berechnung oder Beflissenheit“ verbunden sein. „Unter den Lastern animiert sie – neben der Hochmut und der Untertänigkeit – vor allem die Feigheit zur Grausamkeit.“
„Der Feigling will nicht streiten und kämpfen, nicht mit Ebenbürtigen sich messen. Nur wenn er sich ganz sicher ist, wagt er sich aus der Deckung. ... In der Horde fühlen sich die Feiglinge stark.“
Täter fühlen sich oft gedeckt durch Hierarchien oder Gemeinschaften (Soldaten, Hooligans). „Die Täter sind grausam aus Gedankenlosigkeit, Willensschwäche oder Pflichtgefühl, aus Fügsamkeit oder Zügellosigkeit.“
Und:
„Was ihre moralische Ausstattung betrifft, unterscheiden sie sich keinen Deut vom gesellschaftlichen Durchschnitt.“
Uebrigens noch etwas Positives auf einer ganz anderen Ebene:
Mit dem Sofsky-Artikel setzt der Tagesanzeiger ein erfreuliches Zeichen: Es gibt noch wirklich lesenswerte Beiträge in der „Wüste der Beliebigkeit“ der Schweizer Medienlandschaft.
Samstag, 20. Juni 2009
Wir brauchen eine Reformation

Ich habe heute Bundesrat Ueli Maurer in einem Editorial der Schweizer Illustrierten (erscheint am Montag) gelobt. Tatsächlich beeindruckt er mich. Nicht, dass ich plötzlich politisch das Heu mit ihm auf einer Bühne hätte, aber sein erstaunlicher, glaubwürdiger Wandel vom bärbeissigen Blocherjünger und Oppositions-Populisten zum magistral-populären Landesvater nötigt mir immer mehr Respekt ab, wie ich ihn ähnlich für den damaligen Bundesrat Dölf Ogi hegte.
Mein Bundesrat aber bleibt Moritz Leuenberger. In einem Beitrag für das Tagi-Magi - wann genau weiss ich gar nicht mehr - den ich bei einem meiner Südafrika-Aufenthalte in einem Pub in Johannesburg gelesen habe, mokierte er sich sehr liebenswürdig über mich. Er erinnerte sich an meine Einschätzung 1995 in der Tagesschau, er habe keine Wahlchancen. Dabei habe ich ihn schon als Nationalrat gemocht, persönlich, aber vor allem weil er einfach ungewöhnlich geistreich und kultiviert ist.

"Der Calvinismus wurde zum Vorbild demokratischer Staatsführung und Machtteilung, wie wir sie in unserer Demokratie der rotierenden Präsidien heute noch praktizieren.
Was Anmassung der Macht bedeutet, hat Calvin erfahren. Das hatte nichts mehr mit der Botschaft Christi zu tun, als Religionsherrscher nur eigenen Vorteilen frönten, als die Kirche die Gläubigen zur eigenen Bereicherung plünderte, als sie nicht mehr Mass hielt und sich um Armut und Elend einen Deut kümmerte.
Calvin hielt diesen Auswüchsen die ursprüngliche Botschaft Christi entgegen und trieb die Reformation voran.
Max Weber hat die Ethik der Reformation mit dem Geist des Kapitalismus in Verbindung gebracht. Allerdings beruht Webers Theorie auf einem idealisierten Kapitalismus. Heute denkt beim Begriff Kapitalismus gewiss niemand an Calvin. Kapitalismus wird heute spontan mit seinen kleptomanischen Auswüchsen verknüpft.
Aber es gab und gibt auch einen anderen Kapitalismus:
Es gab die Überzeugung des sozialen Kapitals bei Duttweiler oder bei Rockefeller junior, welcher die Thesen über das Recht formulierte, nach individuellem Glück zu streben, und dass jedes Privileg eine Pflicht beinhalte.
Dieser Kapitalismus war ethischen Grundsätzen verpflichtet, mit denen er den Staatssozialismus herausforderte und ihm die eigene moralische Überlegenheit beweisen wollte. An der Berliner Mauer bezichtigte John F. Kennedy in einer epochalen Rede den Kommunismus des moralischen Bankrotts.
Die kapitalistische Marktwirtschaft obsiegte tatsächlich. Es fiel der eiserne Vorhang, es fiel die Mauer in Berlin. Wo früher John F. Kennedy dem Kommunismus ein Ende prophezeite, triumphierte nun Bill Clinton im Namen des siegreichen freien Marktes. Jetzt sei die Freiheit schlechthin ausgebrochen, jubelte er, wörtlich: „Alles ist möglich".
Die Globalisierung der Wirtschaft nahm rasch und ungezügelt ihren Lauf. Doch die Politik hielt mit dieser Entwicklung nicht Schritt, teils weil sie es nicht konnte, vor allem aber weil sie es nicht wollte.
„Weniger Staat", hiess die Losung, auf dass das Geld ungestört arbeite. Dow-Jones und SMI wurden zu Fixsternen der gesamten Lebensorientierung.
So wie hundert Jahre zuvor der Manchesterliberalismus soziale Verantwortung vernachlässigte, missachtete nun der Neoliberalismus demokratische Strukturen, die Endlichkeit der natürlichen Ressourcen, ja die Substanz des Kapitals selber.
Reserven wurden geplündert, Pensionskassen ausgeblutet. Vertrauen war kein Wert mehr, Masslosigkeit und Gier waren die Triebfedern. Aus Banquiers wurden Bankers. In einer moralischen Leere wucherte eine wirtschaftliche Anarchie zur grössten Finanz- und Wirtschaftskrise.
Doch blasen wir nicht zur Hexenjagd auf Banker. Masslosigkeit gibt es nicht nur in ihrer Welt. Zügellosigkeit herrscht überall.
Wir übernutzen die natürlichen Ressourcen und überhitzen das Klima und steuern so in eine Krise der Umwelt und der Humanität.
Wir haben den Respekt gegenüber der Natur vergessen und die Solidarität zu den Ärmsten verdrängt. Wir haben das Mass der Freiheit und die Orientierung verloren.
Es gebietet sich eine Reformation. Wir müssen unseren Lebensstil gegenüber der Natur reformieren, wir müssen die Marktwirtschaft reformieren, wir müssen weltweit Armut verhindern und wir müssen neu um Werte bekennen, an denen wir uns orientieren.
Eine Reformation unseres Lebensstils
Vor 500 Jahren sagte Calvin:
„Denn wenn wir leben sollen, so müssen wir auch die zum Leben erforderlichen Mittel benutzen. Wir müssen also Mass halten, um jene Mittel mit reinem Gewissen verwenden." (Inst. III.10.1) (Fuchs S. 191).
Heute verbrennen wir fossile Brennstoffe, zerstören die Atmosphäre, wir plündern Wälder und Meere. Würde jeder Mensch auf der Erde gleichviel Energie brauchen wie wir Menschen in Europa, bräuchten wir drei Planeten. Jeden Tag verschwindet eine Tier- oder Pflanzenart. Fleischproduktion und Biotreibstoffe führen zu Mangel an Wasser, Ackerland und Nahrung. Wir plündern die Erde aus.
Unser Planet hat Grenzen. Wenn wir ihn nicht nachhaltig bewirtschaften, zerstören wir die Grundlagen unseres Lebens. Ohne natürliche Ressourcen können wir keine soziale Welt schaffen und auch keine Wirtschaft erblühen lassen. Daraus ergibt sich die Pflicht, die Schöpfung, die Vielfalt der Fauna und Flora zu achten und weiter zu vererben.
- Ethisches Verhalten gegenüber der Natur gebietet sich also in unserem ureigenen Interesse. Wir nützen damit auch uns selber.
Globale Solidarität
Die Bekämpfung von Armut und Hunger war ein zentrales Anliegen von Jean Calvin. Das beste Mittel gegen Bettelei bestand für ihn darin, die wirtschaftlichen und moralischen Ursachen zu bekämpfen und allen Erziehung und Arbeit zu ermöglichen.
Heute gibt es neben unglaublichem Reichtum bitterste Armut. 1,2 Milliarden Menschen leben mit weniger als einem Dollar pro Tag, drei Milliarden mit weniger als zwei Dollar. Rund ein Drittel der Weltbevölkerung hat keinen Zugang zu sauberem Wasser, die meisten afrikanischen Bauern haben kein Wasser, um ihre Felder zu bewässern. Armut und Hunger sind ein humanitärer Skandal. Reichtum ist mit Macht und Einfluss verbunden, und wenn diese zum Selbstzweck verkommen, begründen sie Unfreiheit für die anderen und damit eine Ungleichheit, die nicht legitimiert werden kann.
Vor hundert Jahren war der Sozialstaat eine ethische Korrektur der industriellen Revolution. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die soziale Marktwirtschaft geschaffen. Mit der Globalisierung überwanden dann die Märkte nationalstaatliche Grenzen und entbanden sich so sozialer Verpflichtungen.
Doch heute hat immer noch jeder Nationalstaat seine eigene Sozialpolitik, schottet sich und seine Bürger ab gegen Sozialdumping, mit anderen Worten: er sperrt Brüder und Schwestern aus ärmeren Ländern und Kontinenten aus. Eine menschengerechte Sozialpolitik jedoch bedingt globale Reformation. Die Wirtschaft hat die Grenzen überwunden. Die Solidarität noch immer nicht.
- Der Abbau weltweiter Ungleichheit erfolgt in unserem ureigenen Interesse. Soziale Spannungen führen zu Krieg und Revolten. Sie zu vermeiden nützt allen.
Eine Reformation der Marktwirtschaft
Damit Arme und Arbeitslose Beschäftigung fänden, nahm Calvin vor 500 Jahren die Politik und die Wirtschaft in die Pflicht. Er erreichte einen Kredit der Stadt Genf zur Errichtung einer Tuch- und Samtfabrikation. Später übernahm die Uhrenindustrie diese Funktion. Inspiriert von Calvin tat Genf damals, was in Zeiten der Krise noch heute aktuell ist, es liess mit Konjunkturpaketen die Wirtschaft erblühen.
Wenn wir das heute auch tun, so müssen wir es, wie es Calvin auch tat, nach ethischen Gesichtspunkten tun und nicht einfach wieder alles ankurbeln, damit es so läuft wie vorher, nämlich aus dem Ruder.
Der freie Markt als solcher nimmt weder auf die Schwachen noch auf die Umwelt Rücksicht. Diese Rücksichtslosigkeit macht ihn zukunftsblind und ziellos. Die wertfreie Marktwirtschaft führt nicht automatisch zu Demokratie und Menschenrechten. Das ist inzwischen gründlich widerlegt. Die These, dass die Summe aller Einzelinteressen automatisch zu Gemeinwohl führe, ebenfalls.
Ohne Vertrauen keine Gemeinschaft und keine wirtschaftliche Prosperität. Handel besteht nicht darin, andere zu übertölpeln. Handel muss fair sein. Es ist ein Privileg, mit investiertem Geld Gewinn erzielen zu können. Es ist aber verwerflich, Geld einzig und allein nach den abstrakten Kriterien Risiko und Gewinn anzulegen und nicht danach zu fragen, wozu die Investition denn eigentlich verwendet wird. Der Preis eines Produktes ist nicht sein wichtigstes Merkmal, ebenso wichtig sind die Umstände, unter welchen es hergestellt wurde, die Arbeits- und die Umweltbedingungen.
Wir haben wohl das Recht zu arbeiten und zu wirtschaften, wir haben sogar die Pflicht dazu.
„Der Mensch ist zur Tätigkeit, nicht zur trägen Untätigkeit bestimmt." (Kommentar zu Genesis 1,15 (Fuchs S. 194)
Doch besteht der Sinn nicht im Gewinn als solchem. Ökonomischen Werten wird im heutigen Gesellschaftsleben einseitig gefrönt. Sofortige Renditen und kurzfristige Gewinnentwicklung als Ziel sind letztlich nichts anderes als ein Tanz um das goldene Kalb.
- Nachhaltiges Wirtschaften erfolgt in unserem ureigenen Interesse. Den Gewinn langfristig anzustreben und ihn verantwortungsvoll für die Gemeinschaft einzusetzen, bedeutet auch wirtschaftlichen Erfolg.
- Ohne Regeln und ohne selbstverantwortliches Verhalten zerstört sich der freie Markt selbst. Regulierung und Ethik sind daher Verbündete des Kapitalismus.
Es ist dieser Erfolg ethischen Verhaltens, den Max Weber als Geist des Kapitalismus beschrieben hat. Immer wieder wird der leise Vorwurf erhoben, die Grundlage dieses Erfolgs beruhe auf dem Protestantismus, der Askese nur predige, um wirtschaftlichen Erfolg zu erlangen. Dieser Vorwurf ist unreflektiert, denn die Reformation wollte eben nie Kasteiung, nicht karges Leben, sondern vernünftiges Leben, das mit Erfolg, Freude und Glück verbunden ist.
Markt und Ethik können sich verbinden. Es werden diejenigen ökonomisch erfolgreich sein, welche sich ethisch orientieren. Das war vor 500 Jahren so wenig eine Schande, wie es heute keine ist. Die Schande besteht vielmehr darin, nach wirtschaftlichem Erfolg zu streben, ohne andere Kriterien zu achten.
Eine Reformation der Werte
Jetzt, wo das Pendel zurückschlägt, moniert mancher Politiker das Primat der Politik, auch ich. Doch eine Reformation des Verhaltens kann nicht allein auf Vorschriften basieren. Ethisches Denken und Handeln kann nicht amtlich verordnet werden, sondern baut auf Eigenverantwortung, auf Freiwilligkeit, auf dem Einsatz der Citoyens.
Ethik muss als endogener Faktor wirken, nicht nur in der Freiwilligenarbeit, sondern in jedem Beruf, auch in der Wirtschaft und den Medien.
Wirtschaftlicher und politischer Pragmatismus füllen das moralische Vakuum nicht aus. Staaten und Staatengemeinschaften sind auf moralische Grundlagen angewiesen. Kulturen, Religionen bilden seit jeher dieses ewige Grundwasser, das eine Gemeinschaft erst ermöglicht. Ohne Werte, an denen die Menschen sich orientieren und nach welchen sie leben, können Staaten nicht funktionieren. Doch worauf beruhen diese Werte?
Längst nicht mehr allein auf dem Christentum und seinen Konfessionen. Juden, Moslems und Hindus gestalten unsere Kultur ebenso mit wie Atheisten und Agnostiker. Wir sagen, unsere Welt sei säkularisiert, verweltlicht also. Aber nicht nur die Religion, auch politische Ideologien haben an Bedeutung verloren, seit der Wettlauf zwischen Kapitalismus und Kommunismus beendet ist.
Nicht dass wir Ideologien nachtrauern - wodurch aber wurden sie ersetzt? Eitle Beliebigkeit machte sich breit, Einschaltquoten und Spass wurden zu Zielmarken, Wirtschaftspragmatismus ohne moralische Grundlagen setzte sich durch.
Eh der Hahn kräht, werden in der heutigen Orientierungslosigkeit all die Werte, welche die Reformation erneuert hat, dreimal verraten. Wirtschaftlich effiziente Staaten werden unverhohlen bewundert, obwohl sie keine demokratischen Strukturen kennen, obwohl sie Menschenrechte verletzen und Umweltschutz vernachlässigen. Errungenschaften des Roten Kreuzes, die auch eine Folge der Reformation sind, schwinden in unserem Bewusstsein. Wenn heute in Sri Lanka der Schutz der Zivilbevölkerung mit Füssen getreten wird, die weisse Fahne nicht als Kapitulation anerkennt wird, wenn medizinische Helfer kriminalisiert werden, dann erfolgt kein empörter weltweiter Aufschrei. Es herrscht nur die stille Trauer der geflüchteten Tamilen, die bei uns arbeiten.
Nein, wir können uns nicht mit dem Jubelruf begnügen: „Alles ist möglich!" Eine Welt, in der alle Menschen in Frieden leben können, braucht mehr als Beliebigkeit, nämlich Arbeit, Einsatz und Solidarität. Dieses Ziel wurde vor 500 Jahren reformiert und wir rufen es uns heute wieder in Erinnerung.
Reformation ist nicht Revolution, die die Absicht hat, eine neue definitive Ordnung zu etablieren. Reformation ist sehr viel anspruchsvoller. Reformation ist die ewige Unrast, welche das Gewissen befragt und sich neu orientiert, die neu Geschaffenes stets wieder in Frage stellt und wiederum neu gestaltet. Das bedeutet auch Unsicherheit und Ungewissheit. Doch gerade sie können eine Chance zur kreativen Gestaltung der Welt sein.
Wir stehen mitten in der Reformation. Das ist eine Hoffnung. Sie dient nicht nur dem Andenken Calvins. Sie nützt uns allen. Lasst uns für diese Hoffnung arbeiten."
Danke, Herr Leuenberger.
Mittwoch, 15. April 2009
Die Habsburger: Eine neuer Mythos für die Schweiz?
Es steht mir nicht an, meine ex-Kollegen vom Newsnetz zu kritisieren, aber weil ich mich zur Zeit intensiv mit den Habsburgern beschäftige, kommt mir ein Artikel auf baz.ch/tagesanzeiger.ch gerade Recht: "Familiensex-bis-zum-bitteren-Ende". Als spontane Reax habe ich dem Autor des Artikels, Matthias Chapman, ein Mail geschickt, das ich hier veröffentlichen und in einem Punkt ergänzen möchte, dem Passus zu Agnes von Ungarn am Schluss.
*****************
Lieber Matthias
Was man nicht alles tut für eine Schlagzeile. Ich fürchte aber, mit dem Artikel beleidigst Du Deinen Intellekt. Die Verbindung Deiner Habsburger-Inzuchtgeschichte mit dem Schweizer Mythos (Morgarten, etc.) ist hanebüchen.
Generell sind Mythen immer gefährlich (manchmal mörderisch, echt. Siehe Backgroundinfos z.B. hier: "Mörderische Mythen"). Und alle, die sich ihrer bedienen, seien es Politiker, Journis oder andere Populisten, machen sich mitschuldig.
Ich gehe davon aus, dass Du die Hintergründe der Schweizer Mythen, geschaffen im 19. Jahrhundert, kennst. Zu Morgarten und der Rolle der "alten Eidgenossen" habe ich vor einiger Zeit ein kleines Stück geschrieben: "Der Blocher der alten Eidgenossen".
Spannend, aber auch Missbrauch-gefährdet wäre eine andere Habsburg-Schweiz-Geschichte: Die Geschichte "Ein Königshaus aus der Schweiz" (von Bruno Meier, Verlag Hier&Jetzt 2008). Es ist die Geschichte eines kleinen Grafengeschlechts aus dem Aargau, das sich zur Herrschaft über das römisch-deutschen Reich aufschwang, das Interesse an der hinterwäldlerischen Innerschweiz schnell verlor und sich statt dessen Oesterreich, Böhmen und Ungarn unter den Nagel riss. Keineswegs mit Inzucht-Sex, sondern - wenn schon - mit einer skrupellosen Heiratspolitik, welche die Söhne und Töchter des Hauses mit häufig wildfremden Partnern, häufig aus dem feindlichen Lager, verband.
Es könnte die Geschichte einer offenen, vernetzten Schweiz sein, die die "Globalisierung" seit Jahrhunderten geübt hat. Die Geschichte eines typisch schweizerischen Clans, echt europäisch. Die Habsburger wären Vorbilder, an denen sich moderne Schweizer orientieren könnten, nicht zuletzt unsere Bundesräte. Da könnten wir etwas lernen: Wie man Allianzen schmiedet, respektive die Grossen gegeneinander ausspielt, wie man Widersacher aus dem Weg räumt und andere (z.B. die alten Eidgenossen) das dreckig Geschäft für einen erledigen lässt.
Es gibt auch wunderschöne Parallelen - sehr boulevardesken Geschichten-Stoff - zwischen dem, was die habsburgischen Herren damals mit den Hinterwäldlern vom Vierwaldstättersee anstellten und dem was einige moderne Herren mit den bäurischen Pseudo-Patrioten in der aktuellen Schweiz anrichten. Eben Z.B. "Der Blocher der alten Eidgenossen".
Für die Frauen (ja, natürlich auch für die Männer) gäbe es unter den frühen Habsburgern eine äusserst spannende "Schweizerin" zu entdecken: Agnes von Ungarn (Bild oben am Kopf des Beitrags), Tochter von König Albrecht I. und Elisabetz von Görz-Tirol, mit 16 nach Ungarn verheiratet kehrte sie 1317 definitiv in ihre aargauische Heimat zurück. Vom Kloster Königsfelden aus zog sie bis zu ihrem Tod 1364 die Fäden der habsburgischen Interessen. Sie hat sich zwar sehr wohl auch um das Lokale (eher um die wichtigen Städte Zürich, Basel oder Bern als um die Waldstätte) gekümmert, ihr Horizont war aber das heutige Europa: Vom Burgund und Savoyen im Westen über die deutschen Fürstenhäuser im Norden, über Böhmen, Oesterreich und Ungarn im Osten bis Italien im Süden. (Meier S. 110 ff).
Ich wünsche Euch weiter viel Erfolg und auch einigen Spass bei der Arbeit
Gruss auch an die anderen Kollegen
Andrea
Sonntag, 15. Februar 2009
Integration: „Ein Plädoyer für klare Regeln“

Ich sitze in Istanbul und hatte eigentlich vor, etwas über die geostrategische Rolle der Türkei zu schreiben. Doch im Rahmen der Internet-Recherchen stosse ich wieder einmal auf einen Artikel von Necla Kelek,

Hier ausführliche Passagen aus ihrem "Heimat"-Text:
Selbstverantwortung
Wir dürfen die Migranten, ihr Verhältnis zu ihren Söhnen und Töchtern, ihre Einstellung zu Glauben und Religion, zu Rechtsstaatlichkeit und Demokratie nicht länger unter Naturschutz stellen. Migranten sind nicht per se »Opfer«. Mit ihnen auf gleicher Augenhöhe zu verkehren heißt, sich überall dort einzumischen, wo sie den »Geist der Gesetze« dieser Republik verletzen, aber auch jede vormundschaftliche Politik aufzugeben, die sie zu Mündeln degradiert. Niemand kann ihnen die Verantwortung für ihr eigenes Leben abnehmen.
Die „neue Heimat“ akzeptieren
Wer als Migrant gekommen ist, muss Deutschland als seine »wahre Heimat« annehmen. Er muss aufhören, die Deutschen als Fremde zu sehen, deren Sitten und Gebräuche er verachtet; er muss lernen, sich mit diesem Land auseinander zu setzen, und er muss respektieren, dass auch ein Migrant vor Einmischungen in seine »Angelegenheiten«, vor Kritik nicht gefeit ist. »Es ist
völlig in Ordnung, dass Muslime, dass alle Menschen in einer freien Gesellschaft Glaubensfreiheit genießen sollten«, schreibt der Muslim Salman Rushdie. »Es ist völlig in Ordnung, dass sie gegen Diskriminierung protestieren, wann und wo immer sie ihr ausgesetzt sind. Absolut nicht in Ordnung ist dagegen ihre Forderung, ihr Glaubenssystem müsse vor Kritik, Respektlosigkeit, Spott und auch Verunglimpfung geschützt werden.« Diesen selbstbewussten Umgang mit den Errungenschaften der Aufklärung wünschte ich den Muslimen, aber auch ihren selbst ernannten Verteidigern, die auf Kritik reagieren, als würde damit ein Dschinn, ein böser Geist, losgelassen.
In der Moschee auf Deutsch predigen
„Der organisierte Islam hat eine besondere Verantwortung für die Integration. Auch an ihn sind Forderungen zu richten: Koranschulen müssen ihr Programm und ihr pädagogisches Konzept öffentlicher Kontrolle zugänglich machen; Unterricht und Predigten müssen in deutscher Sprache erfolgen; Männern und Frauen ist gleichberechtigter Zutritt zu allen Veranstaltungen zu gewähren; die Betreiber von Moscheen haben ihre Satzung und ihre Finanzen offen zu legen; Moscheevereine verpflichten sich, ein Angebot für Sprachförderung anzubieten; Hodschas haben neben Sprachkenntnissen auch Kenntnisse in Landes- und Gesetzeskunde nachzuweisen.“
Identität und Glauben nicht aufgeben
„Sich an die Arbeit der Integration zu machen bedeutet nicht, seine Muttersprache zu vergessen, seine Identität zu verraten oder seinen Glauben aufzugeben. Bis heute berührt mich nichts so sehr wie meine türk halkmüzigi, türkische Volksmusik, ich esse immer noch nur zu gern meinen Döner und tanze leidenschaftlich gern tscherkessische Tänze – so wie ich Latte Macchiato, Grünkohl, Bach und Jazzrock schätzen gelernt habe. Kultur ist ein ständiger Lernprozess, eine sinnliche Erfahrung, die anderes hören, anderes sehen, anderes schmecken, anderes
fühlen lässt – eine Erweiterung für alle. Es kann nicht darum gehen, Identitätspolitik zu betreiben, wie es die türkisch-muslimischen Vereine immer noch gern tun. Es kann nicht darum gehen, normativ für alle Türken und Muslime zu definieren, was es heißt, »türkisch« oder
»muslimisch« zu sein, wie die Gesellschaft den Türken zu begegnen hat und was die Türken selbst zu tun und zu lassen haben. Verräterisch sind Formeln wie »wir Türken« oder »wir Muslime«, sie erheben immer noch das »Türkentum« und das »Muslim-Sein« zur kollektiven Identität. An dem »Sprachenstreit« auf deutschen Schulhöfen wird deutlich, dass die Auseinandersetzung um die Integration erst jetzt begonnen hat. Jeder in dieser Gesellschaft hat das Recht, Türke, Deutscher, Muslim, Christ oder etwas anderes zu sein. Als Individuum kann er frei wählen, seine Integration als Türke oder Türkin, als Muslim oder Muslimin muss daran
keineswegs scheitern – wohl aber, wenn er sich zurückzieht auf die kollektive Identität. Ein Einzelner kann integriert werden, ein Kollektiv nicht.“
Freitag, 9. Januar 2009
Arbeitslose China Schweiz

Das ist exakt die Zusammenfassung der Kernaussage für die Schweiz von BAK-Direktor Professor Urs Müller im baz.online-Interview: "Wer seinen Job behalten kann, der kommt unbeschadet durch diese Krise durch."
In der Schweiz wie in China ist nur ein verschwindend kleiner Prozentsatz der Bevölkerung von der Arbeitslosigkeit betroffen. Trotz Krise. Kein Trost ist das für die, die es trifft. In der Schweiz könnten das gemäss den Prognosen des Seco bis Ende Jahr rund 200'000 Leute sein. In China sind es 24 Millionen Menschen, die 2009 einen Job suchen werden. Gemessen am Anteil der Bevölkerung ist der Unterschied aber gar nicht so gross. Dank aggressiven staatlichen Lenkungsmassnahmen will China die Arbeitslosigkeit dieses Jahr auf 4,6 % senken. In der Schweiz ist die Rede von einem Anstieg auf rund 4%.
Die Zahlen für die USA übrigens: Aktuell 7,2%, Prognose 2009 9% oder rund 10 Millionen ohne Job.
.
Donnerstag, 4. September 2008
Aufgeben, Herr Bundesrat Schmid.

Wenn es überhaupt noch eines Beweises bedurft hätte, wie tief Bundesrat Schmid in der Scheisse steckt, dann war es sein heutiger Auftritt live im Studie der Tagesschau von SF in Leutschenbach. Nicht was er gesagt hat, - das war unglaubwürdig und peinlich genug - sondern vielmehr, dass er überhaupt dort war.
Ein Live-Besuch im Studio in Zürich ist eine Kommunikations-Todsünde. Ich weiss nicht, was sich seine Berater gedacht haben. Es gibt einige ungeschriebene Gesetze in der eidgenössischen Politik. Zum Beispiel:
Das Fernsehen hat zu einem Bundesrat zu gehen. Ein Bundesrat geht höchstens ins Bundeshausstudio in Bern, von wo aus er sich live von der Tagesschau interviewen lässt. Dass er sich jetzt selbst zum Gang nach Canossa ins Studio in Leutschenbach aufgemacht hat, zeigt, dass er politisch tot ist.
Schade für Samuel Schmid. Fast wehmütig erinnere ich mich an seine Auftritte bei mir in der Sendung "Bernerhof": Der anständigste SVP mit einer offenen Haltung nicht zuletzt auch in Fragen der internationalen Politik, wie zum Beispiel dem UNO-Beitritt der Schweiz oder dem Auslandeinsatz von Schweizer Soldaten.
Schade, dass den Zeitpunkt für einen einigermassen ansstädnigen Rücktritt verpasst hat. Sein Stolz ist falsch, sein pathetischer Spruch heute: "Es ist meine heilige Pflicht ...." ist nur peinlich.
Aufgeben ist manchmal besser, Herr Bundesrat. Lieber ein peinliches Ende, als eine endlose Peinlichkeit.
Samstag, 2. August 2008
Kuhschweizer


Drei Viertel der Bevölkerung der Schweiz lebt in städtischen Gebieten, wie kann es nur sein, dass ihr eine rein bäuerlich-berglerische Kultur als "typisch schweizerisch" verkauft wird.

Dabei fühle ich mich sehr wohl als Schweizer. Hier ist es mir wohl, hier kenne ich mich aus und hier fühle mich auch (meist) zugehörig.
Aber so ein Schweizer, wie er da in allen Medien dargestellt ist, bin ich nun wirklich nicht.
Das Bild das man da von mir, Schweizer, zeichnet und auch international verbreitet, empfinde ich als peinlich.

Nichts soll die Schweizer Söldner zu Beispiel in Marignano mehr zur Weissglut und zur Aufgabe jeder taktischen Disziplin veranlasst haben, als die Beschimpfungen durch die deutschen Landsknechte als "Kuhschweizer".
Eine derartige Schmähung hatte eine heute schwer nachzu vollziehende Dimenison mit schwerwiegenden Konsequenzen, denn Sodomiter wurden traditionsgemäss mit Ketzern gleichgesetzt, die aus der christlichen Gesellschaft ausgeschlossen wurden.
Speziell in Basel hat man lange Jahre ein sehr negatives Image von den primitiven Kuhschweizern gepflegt. Schimpfwörter bezogen auf die Schweizer wie "Milchsüfer, Milchstinker, Chuefigger oder Chueschnäggler" haben sich in Basel umgangssprachlich lange gehalten. Und dies, obwohl die ganze Region Basel lange von der kriegerischen Unterstützung angewiesen.

Die Hilfe der "Schweizer" war auch nicht ganz selbstlos. Immerhin galt das Elsass damals "Kornkammer und Weinkeller" der Eidgenossen und die Schweizer haben sich ihre Söldnerdienste teuer bezahlen lassen, was die Finanzen Basels und Mülhausen arg strapazierte. Und die wilden Horden haben sich den auch gütlich getan. Ihr Ruf war denkbar schlecht, der Bevölkerung der Region Basel (inkl. Esass) hat schwer unter den "Verbündeten" aus Schweiz gelitten. So sind die Eidgenossen Ende der 60er Jahre des 15. Jahrhunderst den Mülhausern zu Hilfe geeilt. Sozusagn im Vorbeigehen haben sie aber rund 60 Dörfer verwüstet. Was das für die Bevölkerung bedeutet hat, ist klar: Mord, Vergewaltigungen, Brandstiftung.
Die Ueberraschung und das Entsetzen war denn bei Vielen auch gross, als sich Basel 1501 de Bund der Eidgenossen anschloss. Nicht wenige Basler sind aus Protest damals ins (habsburgische) Rheinfelden oder ins Elsass ausgewandert.

Eidgenossenschaft verband, suchte Kontakt mit Leuten, welche Sodomie mit Kühen trieben ("Kuhschweizer"). Und die Mülhauser mussten sich bei ihrer Rückkehr von einem Kirchweihfest in Liestal zum Beispiel beim Durchzug in Sierentz übel beschimpfen lassen: Erwartungsgemäss wurden sie als Kuhsodomiten und Verräter beschimpft; die gängige Form der Verleumdung war "gelbes Kuhmaul", denn Gelb bezeichnete traditionsgemäss das Vergehen des Verrats. Der Bund mit den Basler wurde aber 2006 trotzdem besiegelt (siehe Bild).
... und diese Geschichten kommen mir in den Sinn, anlässich der 1. Augustfeiern!!!
..... und: Ist es Zufall, dass Basel nicht am 1. August, sondern am 31. Juni ein Fest feiert?
