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Sonntag, 16. Januar 2011

Arabische Welt: Jetzt richtet sich die Wut gegen innen.

Bild: Al-Jazeera (EPA)
Noch immer ist die Situation in Tunesien "volatil". Es ist unsicher, wie's weiter geht. Kommen wirklich substantielle Veränderungen, wie sie die vornehmlichen jungen Menschen in ihrem "Cyberwar" gefordert hat? Oder gelingt es der herrschenden Elite, doch noch weiter an der Macht zu bleiben, respektive den grossen Rest der Bevölkerung weiter von einer angemessenen Teilhabe an der Moderne auszuschliessen?

Tunesien ist ansteckend

Sicher aber ist, dass das, was zur Zeit in Tunesien abgeht, die arabische Welt nachhaltig verändert. "Die Tunesier haben eine Botschaft in die arabische Welt ausgesandt. Eine Warnung an alle Machthaber, sie seien nicht länger immun gegen die Wut der Bevölkerung." schreibt Lamis Andoni heute Abend auf Al-Jazeera (im hervorragenden AJ-Tunesien-Dossier).

Die tunesische Botschaft ist bereits in der arabischen Welt angekommen. Es fanden (und finden) Demonstrationen statt in Jordanien, Jemen, Gaza, Ägypten. Algerien hat schon wochenlange gewaltsame Manifestationen hinter sich. Weitere werden folgen.

Die Wut gegen den Westen
...

Die Wut der Bevölkerung. Das Phänomen der Wut, des Zorns in der arabischen (muslimischen) Welt, ist nicht neu. (siehe Contextlink "Generation des Zorns"). Bisher ist es den Machthabern (und islamisch-fundamentalistischen Kreisen) aber meist gelungen, diesen Zorn nach aussen, "Gegen den Westen" zu richten.

Mittwoch, 29. Dezember 2010

Leuchtturm 3: Entwicklung der Welt-Armut

Die Entwicklung der Armut, respektive der Zusammenhangs zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und Gesundheit in unserer Welt in den vergangenen 200 Jahren. Statistische Daten, aber keineswegs trocken. Im Gegenteil: Hochrelevante, teils frappierende Inhalte, unterhaltsam präsentiert vom schwedischen Professor Hans Rosling:


Über Hans Rosling und wie die Statistik die Welt verändert, gibt's übrigens auch einen spannenden DOK-Film online: "The Joy of Stats" (danke für den Tipp Mattias Daum)
.

Mittwoch, 12. Mai 2010

Armutsporno

Bild: BBC. Lindsay Lohan in Indien

Die BBC (Three) macht das, was auch das Schweizer Fernsehen tut. Nur viel konsequenter. Sie schickt Stars hinaus, um uns die Probleme dieser Welt "näher zu bringen".
In England sind es aber nicht die adretten (Jung-)Moderatorinnen (Bild links SF: Susanne Wille und Patrizia Laeri in Mumbai) , deren naives Entdecken der harschen Wirklichkeit wir "miterleben" dürfen, sondern es sind die WAGs, "Women and Girlfriends", die Frauen und Freundinnen der Fussballstars. "The girls are out to prove that there's more to them than fake tan and shopping sprees." "Die Mädchen gehen raus, um zu beweisen, dass es mehr gibt als Bräunungscrème und Shoppingspass", schreibt die BBC. Und weiter:
"Fünf WAGs lassen ihr verhätscheltes Leben hinter sich, um die Wirklichkeit zu erleben hinter dem Lack und Glamour der Fussballweltmeisterschaft. Sie werden ihre Ärmel hochrollen, um mit Kindern zu arbeiten, die um täglich ums Ueberleben kämpfen."

Te-Ping Chen schreibt dazu einen treffenden, ätzenden Kommentar in "Global Poverty": "Da gibt doch dem Ausdruck Armut-Porno einen ganz neuen Sinn, nicht?" 

Als erste Spielerfrau hat jetzt Chantelle Tagoe, die "Verlobte" von Aston Villa-Stürmer Emile Heskey, ihre Erfahrungen beim Armutsporno ("Part 1") im schön in rosarot gestylten BBC-Blog veröffentlicht. Zur Illustration hat die BBC nebenstehendes Bild von Chantelle verwendet.

Dabei erfahren wird, dass Emile sich Sorgen machte, sie würde es "wie Madonna oder Brangelina machen": "He was worried I might come back with loads of kids, ha ha ha!"

Die BBC hatte Mitte Januar schon die dringend auf eine Image-Politur angewiesen Schauspielerin Lindsay Lohan als "Reporterin" nach Indien geschickt.
Aber eben, wir sollten nicht allzu sehr über die WAGs und BBC lästern, andere tun dasselbe:
Susanne Wille, Nik Hartmann, Daniela Lager, aber auch Miss Schweiz Linda Fäh .... oder Roger Federer.

Tatsächlich kann man auch fragen, was daran schlecht sein soll. Wenn dies die einzige Chance ist, dass Themen wie Armut, Aids, etc. überhaupt noch in unseren Medien erscheinen, müssen wir das in Kauf nehmen.

Global Poverty-Autorin Te-Ping Chen versucht Erklärungen zum Sendekonzept zu liefern:
One: audiences can only bear to look at or think about HIV-positive children when they're juxtaposed against sleek-haired Western sex icons. 
Two: Who needs reporters anymore? Reality TV is a higher order of news. 
Three: It's entirely reasonable (and admirable) to fight global poverty by jetting in untrained Westerners for short-term volunteer stints. 
And four: After you're done thinking about poverty, tune back out and enjoy watching these women in their properly coiffed, comfortable environs. Meanwhile, we'll let our cameras linger on their cleavage.

Donnerstag, 22. April 2010

Toiletten-Geschichten: Das Peepoo-Projekt


Bild: Peepoople.com

Inzwischen sind die Toiletten-Geschichten auf Contextlink schon fast zur Serie geworden.
Dies ist mehr als ein Spleen: Die Toiletten, respektive die Menschliche-Fäkalien-Problematik ist hochrelevant:
4 von 10 Menschen dieser Erde steht nicht einmal die primitivste Form einer Latrine zur einigermasen diskreten und vor allem gesundheits-schützenden Befriedigung ihres tägliche Bedürfnisses zur Verfügung: 2,6 Milliarden Menschen haben kein WC. Sie kacken dahin, wo's grad geht.
Die Folgen sind so bekannt wie katastrophal: Menschliche Fäkalien verunreinigen das Wasser mit Viren, Bakterien, Würmern und Parasiten. Alle 15 Sekunden stirbt ein Kind aufgrund verunreinigten Wassers.
Um diesen Contextlinkbeitrag zu lesen (inkl. Video), brauchen Sie etwa 9 Minuten. Wenn Sie disen Beitrag fertig gelesen haben, werden also wieder sechsundreissig (36) Kinder in den Slums des Südens mehr gestorben sei.

Eines der Millenium Ziele der UNO ist es deshalb, bis 2015 die Zahl der Menschen zu halbieren, die keinen Zugang zu frischem Wasser und Basis-Sanitärinstallationen haben. Die Welt ist weit davon entfernt, dieses Ziel zu erreichen. Verschiedene Initiativen und Projekte versuchen, einen Beitrag zur Lösung des Toiletten-Problems zu leisten. Es gibt sogar eine Welt-Toiletten-Organisation (WTO). Zur Zeit findet man in den Medien das Peepoo-Projekt (wörtlich: "PissScheiss-Projekt"). Es ist simple, billig effektiv: Peepoo ist eigentlich ein simpler Plastikbeutel, in den die Menschen scheissen. Das Video erklärt's besser als Worte, sogar, wenn man kein Englisch versteht:



Ganz wichtig bei Peepoo: Die vollen Toilettenbeutel werden wieder eingesammelt und als Pflanzendünger verwendet. Die Beutel selbst sind auch biologisch abbaubar. Dies ist der perfekte Kreislauf "Abfall = Nahrung", das Cradle to Cradle-Prinzip.

Das Peepoo-Projekt bekommt im Moment einen dringend nötigen Schub. Internationale Medien berichten über die Projektumsetzung in Bangladesh und im Slum Kibera in Nairobi (Kenya):

Freitag, 12. März 2010

Ein neues Mittel gegen die Schlafkrankheit.

Bild: MSF
Wiedermal eine Positiv-Geschichte.
Die ugandische Tageszeitung New Vision berichtet, die Weltgesundheitsorganisation der UNO (WHO) habe ein neues Medikament gegen die Schlafkrankheit freigegeben: NECT.
Dieses Mittel ist nicht nur ein grosser Fortschritt bei der Bekämpfung der wieder zunehmenden Tropenkrankheit Trypanosomiasis (Schlafkrankheit), sondern hat auch eine ganz spezielle Geschichte: NECT wurde nicht etwa von einem Pharma-Unternehmen entwickelt, sondern von einer NGO (Nonprofit-Organsiation), Drugs for Neglected Diseases initiative (DNDi).

Die DNDi ist eigentlich eine Anklage gegen die Pharmaindustrie. Diese NGO entstand auf Initiative der Médecins sans Frontières, die 1999 das Geld für den Gewinn des Nobelpreises erhalten hatte und um 2003 mit sechs anderen staatlichen und privaten Organisationen zur Entwicklung eines "alternativen Modells zur Forschung und Entwicklung neuer Medikamente für vernachlässigte Krankheiten" zur Verfügung stellte. Eine Notmassnahme, weil die kommerziell ausgerichteten chemisch-pharmazeutischen Unternehmen die Forschungsarbeiten im Bereich der tropischen Krankheiten praktisch eingestellt hatten. Mangels Profitabilität.

Die Schlafkrankheit ist ein Showcase dieser für die Pharmaindustrie beschämende Entwicklung. (Es ist hier allerdings anzufügen, dass die Pharma-Industrie inzwischen gemerkt hat, dass diese Entwicklung eigentlich rufschädigend ist und hat damit begonnen, Medikamente für die 3. Welt billig zur Verfügung zu stellen.):

Eigentlich glaubte man am Ende der Kolonialzeit, die Schlafkrankheit im Griff zu haben. Dank einem sehr alten Medikament: Arsobal (Wirkstoff Melarsopol). Leider hat mit den Jahren die Wirkung aber nachgelassen und die Zahl der Fälle hat seit den 80er-Jahren wieder rasch zugenommen. 1996 starben in Afrika wieder 150'000 Menschen an der Schlafkrankheit, 500'000 erkranken jährlich an dem von der Tse-Tse-Fliege übertragenen Erreger. Nicht zuletzt aber: Melarsopol ist hochgiftig (Arsen-Basis). Zwischen 5 und 10 Prozent der Patienten werden durch die Verabreichung des Medikaments getötet. Es muss direkt in die Venen gespritzt werden. Die Venen werden von dem Gift zerfressen.
Die Bilder einer Schweizer Krankenschwester der MSF in einem Film, den ich 2001 im Schweizer Fernsehen über die Schlafkrankheit gemacht habe (links ein Screenshot daraus), gehen mir noch heute nach: Wie sie verzweifelt versucht, bei einem Säugling eine noch einigermassen intakte Vene am Kopf zu spritzen: "Hier sterben die Leute an den Nebenwirkungen des Medikaments, nicht an der Krankheit", klagt sie im Film an.

Dabei gibt es seit den 80er-Jahren ein neues, viel besseres Mittel gegen die Schlafkrankheit: Ornidyl (Wirkstoff Eflornithin). Aber seine Herstellerin, das deutsche Pharma-Unternehmen Höchst (inzwischen längst von Aventis übernommen), hatte die Produktion anfang der 90er-Jahre eingestellt. Mangels Rendite. Eigentlich war das Medikament für den hochrentablen Krebsmarkt im Westen entwickelt worden, hatte aber nicht die erhoffte Wirkung gebracht. Allein mit der nur zufällig entdeckten Wirkung gegen die Schlafkrankheit lohnte sich die Produktion aus Sicht der Renditeerwartungen der Firma nicht. Vergeblich prangerte Médecins sans Frontières mit einer grossen Kampagne den Skandal an. Ein Zufall brachte im letzten Moment 2001 die "Rettung": Die Eitelkeit der Frauen in de USA. das US-Pharma-Unternehmen Bristol-Myers Squibb hatte entdeckt, dass der Wirkstoff Eflornithin hevorragend gegen Bartwuchs wirkt und haben Vaniqa, ein Enthaarungsmittel für Frauen auf den Markt gebracht.

Damit aber war sichergestellt, dass Eflornithin weiter produziert wurde, und dank dem öffentlichen Druck war Aventis bereit, den Wirkstoff zum Schlafkrankheitsmittel Ornidyl zu verarbeiten.

Leider ist die Anwendung des Eflornithin-Medikaments aber sehr aufwendig (ein Beispiel über die Anwendung in der Praxis im Südsudan im Video unten). Und es ist sehr teuer. Jetzt ist DNDi aber gelungen Eflornithin mit einem anderen Wirkstof, Nifurtimox, zu kombinieren, und damit ein praxistauglicheres Medikament (eben NECT) zu entwickeln. Einer der wichtigsten Partner bei der Entwicklung von NECT war übrigens das Schweizer Tropen-Institut (STI; neu Swiss TPH) in Basel.


NECT ist aber noch nicht die definitive Lösung. Es kommt nur bei Akutpatienten zur Anwendung. Weitere Forschung für neue Medikamente gegen die Schalfkrankheit müssen unbedingt gemacht werden.

Hier der Film (Superqualität in HD) über die Klinik der Malteser-Hilfsorganisation im Südsudan, wo das neue Medikament gegen die Schlafkrankheit angewandt werden soll. Es gibt auch einen neuen Film der MSF zu NECT, leider noch nicht auf YouTube.

Donnerstag, 11. Februar 2010

Hunger-Alarm für Niger: Wen interessiert das schon?

Zum Bild: ja, dieses Bild habe ich schon einmal auf Contextlink verwendet. Ich bring's ganz bewusst nocheinmal. Das Kind (aus dem Kongo) ist mit Sicherheit schon längt verhungert, aber an der Situation hat sich nichts verändert.

Die Welt zelebriert zur Zeit die Hilfe für Haiti. Gut für die Haitianer.
Dabei gibt es zahlreiche Katastrophen auf dieser Welt, die von den Medien unbeachtet täglich geschehen, weniger spektakulär, wenn auch nicht minder dramatisch.
Es gibt auch Katastrophen, die sich ankündigen und die vermieden werden könnten, wenn rechtzeitig internationale Hilfe mobilisiert und organisiert würde. Für relativ wenig Geld.

Die UNO hat eben - einmal mehr - einen dringenden Hilfsappell für den Niger an alle "Partner" gerichtet. Doch die Medien berichten nicht darüber. Sogar in Google muss man lange suchen, um neben dem offiziellen UNO-Verlautbarung eine "Multiplikation" des Alarms zu finden. Schon gar nicht in einem Medium im reichen Westen, wo das Geld herkommen müsste.
Haiti ist viel sexier als Niger, und Haiti besetzt zur Zeit das Feld "Hilfe/Spenden" der Medien und damit ist der Wohltätigkeitsbedarf der reichen Menschen bis auf weiteres befriedigt.

Nach Schätzungen der UNO sind in den nächsten Monaten gut 5 Millionen Menschen, 3 von 5 der Bevölkerung des Nigers, vom Hunger bedroht. Es wird wohl im kommenden Sommer wieder die schrecklichen Bilder hungernder Kinder brauchen, den "CNN-Effekt" wie das der Spiegel bei der letzten Hungerkatastrophe im Niger 2005 nannte, dass dann wenigstens ein Alibi-Notprogramm zustande kommt. Es wird nicht nur zu spät kommen, sondern erst noch viel teurer sein, als wenn jetzt die Hilfe organisiert würde.

Dabei wissen alle, was "passieren" wird. Was 2005 galt, gilt auch 2010: "Die ignorierte Hungerkatastrophe", titelte der Stern 2005 auf dem Höhepunkt des Dramas in Niger , dem zweitärmsten Land der Welt. Und der Lead dazu: "Bereits seit Monaten warnen die Vereinten Nationen vor der Nahrungsmittelknappheit im Niger. Doch die internationale Gemeinschaft spendete nicht. Nun sind fast eine Million Kinder vom Hungertod bedroht."

Das können wir gleich copy-pasten im nächsten Sommer. Die Medien gefallen sich dann wieder in der Rolle der Ankläger. Man hätte "wieder einmal zu spät" reagiert (anderes Besipiel von 2005: CBS-News). Ich wette aber, kein einiges westliches Medium schickt jetzt rechtzeitig ein Reportage-Team nach Niamey, Maradi oder Zinder (das sind Städte im Niger; nie gehört oder?), um über die Situation zu berichten.

Herzergreifende, dramatisch inszenierbare Stories gäbe es genug: "Ein Großteil der Bevölkerung muss mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen, 63 Prozent der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Die Kindersterblichkeit ist extrem hoch. 80 Prozent der Kleinkinder unter fünf Jahren sterben an Malaria und Durchfall." (Zitat aus einem Situationsbericht der Caritas vom Juli 2009). Oder: "Rund 80 Prozent der Jugendlichen in der Hauptstadt Niamey finden keine Erwerbsmöglichkeit. Ihr Traum von Freiheit und Unabhängigkeit endet häufig auf der Straße mit ausbeuterischen Arbeitsstrukturen oder in der Kleinkriminalität." (ebenda).

Doch ich sehe vor meinem geistigen Auge schon, wie der verantwortliche TV-Produzent leicht genervt gähnt als Reaktion auf den entsprechenden Niger-Vorschlag eines einsamen Reporters: "Hey, da geht niemand hin oder kannst Du mir EIN wichtiges Medium nennen, das darüber berichtet hat?" Recht hat er. Ein internationales Thema ist erst verkaufbar, wenn breit, also möglichst von allen Medien, darüber berichtet wird. Exklusivität ist nicht gefragt. Nur "more of the same" verkauft sich.

Und die Chancen sind gleich null, dass die internationale Medienkaravane, die zur Zeit Haiti verlässt, weil das Interesse ihrer Zuschauer inzwischen bis zum Letzten ausgewrungen ist, ihre Zelte als Nächstes im unwirtlichen Sahel aufschlägt. Mit dem Niger und einer sich erst ankündigenden Katastrophe macht man keine Quoten.
Niger ist geopolitisch absolut unwichtig. Vielleicht verirrt sich ein Hollywoodstar auf Abenteuerurlaub in die Sahara. Dann könnte man den vielleicht entführen. Oder vielleicht könnten Madonna oder Angelina mit einer Sekte von Gesundbetern ein paar herzige Neger-Kinderchen zur Adoption entführen. Doch die Medien-Massen würde auch dadurch wohl nicht angelockt.

Und so wird's halt wieder "passieren". Diesmal sind nicht wie 2005 die Heuschrecken Schuld an der Hungersnot. 2010 sind noch viel mehr Menschen gefährdet als damals. Der Niger ist so abgewirtschaftet, die Bevölkerung inzwischen so verarmt, dass die ungenügenden Regenfälle im Herbst 2009 ausreichen, um die Katastrophe im Sommer 2009 auszulösen. 2,7 Millionen sind akut bedroht. Weitere 5,1 Millionen könnten zusätzlich betroffen sein. Die Hälfte der Bevölkerung hat laut Angaben der UNO nur noch Nahrungsmittelreserven für 2 Monate. Die nächste Ernte wird aber erst im kommend Oktober möglich sein.

Und so werden wir wohl etwa im Juli/August wieder die Bilder trauriger Kinderaugen und ausgemergelter Körperchen zu sehen bekommen. Oder sind es Bilder aus Somalia oder aus Äthiopien? Wer kann das schon unterscheiden, wer kann die Bilder überhaupt noch sehen?

Dabei würde ein Bruchteil der Hilfe, die jetzt für Haiti bestimmt ist - und dort zur Zeit gar nicht unter die Leute gebracht werden kann - ausreichen, um nicht nur die Katastrophe im Niger abzuwenden.

Rund 1 Milliarde Menschen werden 2010 gemäss UNO Hunger leiden. NUR 25 bis 40 Milliarden wären nötig, um die Welthungerkrise zu überwinden. Die Schweiz allein hat letztes Jahr fast doppelt soviel Geld allein zur Rettung einer einzigen Bank ausgeben.

Montag, 23. Februar 2009

"Die Krise tötet Menschen"

Foto: dpa

Weil Jeannot von den Schweizer Medien geschnitten wird und weil er immer noch viel zu sagen - egal wie auf seine Art populistisch - multipliziere ich hier wieder einmal Jean Ziegler, UNO-Beauftragter für Ernährung und auch mit 75 unbeugsamer Kämpfer für die, denen es noch schlechter geht. Dies ein Interview aus dem "Tagesspiegel":

Herr Ziegler, Sie müssen sehr zufrieden sein. Der Neoliberalismus, gegen den Sie seit Jahren kämpfen, scheint sich gerade selbst zu erledigen.

Aber die Verwüstungen, die er noch in seinem Niedergang verursacht, kann niemanden freuen. In den USA herrscht bereits Massenarbeitslosigkeit, dahinter verbergen sich Millionen persönlicher Tragödien. Und für die Dritte Welt ist die Krise eine Katastrophe. Laut Weltbank sind zu den 2,2 Milliarden extrem armer Menschen nun zusätzlich 100 Millionen unter die Armutsgrenze gefallen. ‚Wenn der Reiche abmagert, verhungert der Arme‘, sagt der französische Autor Alphonse Allais.

Ist das wörtlich zu verstehen?

Ja. Ein Beispiel: Im Oktober beschlossen die 15 Regierungschefs der Eurozone, 1700 Milliarden Euro zur Rettung ihrer Banken lockerzumachen. In der gleichen Woche wurden die Beiträge für die Humanitärhilfe der UN um durchschnittlich 50 Prozent gekürzt und tausende Entwicklungshilfeprojekte gestrichen.

Mit welchen konkreten Folgen?

Ich war kürzlich in Darfur. Dort leben 2,7 Millionen Flüchtlinge in 17 UN-Lagern. Die internationale Gemeinschaft ist verpflichtet, sie am Leben zu erhalten. Aber das Welternährungsprogramm kann nur noch Tagesrationen von 1500 Kalorien verteilen. Das sind 700 Kalorien weniger als die von den UN festgesetzten 2200 Kalorien, die ein Erwachsener täglich zum Überleben braucht. Die UN organisieren also die Unterernährung. Und das etwa auch in Somalia, Kenia und Bangladesch. Die Katastrophenbanker haben nicht nur die westlichen Volkswirtschaften ruiniert. Woanders morden sie. Das ist keine Hypothese, sondern eine Tatsache.

Müsste man sie strafrechtlich verfolgen?

Der internationale Gerichtshof für Wirtschaftskriminalität wird kommen. Darüber wird bei den UN schon diskutiert. Wirtschaftsdelikte müssen wie Kriegsverbrechen verfolgt werden. Die Banker haben mehr Menschen auf dem Gewissen als mancher afrikanische Warlord.

Zurück zu den Hilfen der EU-Länder für ihre Banken und Industrien. Es ist doch verständlich, dass sich jeder in der Krise selbst der Nächste ist?

Aus Regierungssicht ist das verständlich. Die afrikanischen Kinder sterben ja nicht auf dem Ku’damm oder den Champs Élysées. Einzig die Zivilgesellschaft kann die hungernden Kinder noch vertreten. Und zwar aus einem moralischen Imperativ heraus. Das klingt pompös, aber ich möchte Immanuel Kant zitieren: ,Die Unmenschlichkeit, die einem anderen angetan wird, zerstört die Menschlichkeit in mir.‘ Die Menschen der Herrschaftswelt müssen endlich begreifen, dass es so nicht weitergehen kann. Jeden Tag sterben hunderttausend Menschen am Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen. 963 Millionen Menschen sind permanent schwerstens unterernährt, alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter 10 Jahren. Laut Welternährungsorganisation aber könnte die derzeitige Landwirtschaft problemlos 12 Milliarden Menschen ernähren, also das Doppelte der Menschheit. Ein Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet. Wir brauchen einen neuen planetarischen Gesellschaftsvertrag.

Wo sehen Sie die ideologischen Ursachen für die Krise?


Sie ist eine direkte Folge der neoliberalen Wahnidee, dass sich der Markt ohne jede normative Instanz selbst regulieren müsse. So wurde der Staat unterminiert und die totale Liberalisierung der Dienstleistungen sowie der Kapital- und Warenströme betrieben. Diese Theorie besitzt eine innere Logik: Wenn sämtliche territorialen und normativen Beschränkungen abgeschafft sind, geht das Kapital spontan dahin, wo es maximalen Profit erzielt. Das ist zunächst geschehen: Laut Weltbank hat sich das Weltbruttosozialprodukt zwischen 1992 und 2002 mehr als verdoppelt, der Welthandel verdreifachte sich. Gleichzeitig aber fand eine ungeheure Monopolisierung statt. Die 500 größten der 85 000 multinationalen Konzerne auf der Welt kontrollierten letztes Jahr 52 Prozent des Weltbruttosozialprodukts, also die Hälfte aller auf der Welt erzielten Reichtümer. Das bedeutet Einfluss auf Regierungen und Parlamente und eine ideologische und finanzielle Kraft, die kein König, Kaiser oder Papst je hatte.

Welche Rolle spielten die Banken dabei?

Auf den Kapitalmärkten setzte sich das Finanzkapital durch, das keiner Aufsicht unterworfen war. Selbst das Risikomanagement der Banken entfiel wegen der Gier der Manager. Sie agierten wie Raubritter. Ein Beispiel: Richard Fuld, der ehemalige CEO von Lehman Brothers – einst die viertgrößte Bank der Welt –, hat am 12. September 2008 Gläubigerschutz beantragt, also die Vorstufe zum Konkurs. Am 26. September ging die Bank Konkurs. Aber in der Zwischenzeit hatte er 25 Millionen Dollar aus der Kasse genommen. Der Dezernatsleiter für organisierte Kriminalität beim LKA Nordrhein-Westfalen, Wilhelm Schwerdtfeger, hat gesagt: ,Organisiertes Verbrechen ist verschärfter Kapitalismus.‘

Aber die wichtigsten EU-Staaten haben gestern beschlossen, Regeln für die internationalen Finanzmärkte zu fordern.

Man wird sehr genau schauen müssen, was dabei herauskommt. Viele Politiker halten ja nach wie vor an den neoliberalen Glaubenssätzen fest, die ihnen die Lobbys jahrelang vorgebetet haben. Sie scheuen vor einer Analyse der Krisenursachen zurück und vertreten weiter die Partikularinteressen der sogenannten Wirtschaftseliten. Dahinter steckt die pathologische Annahme, dass alles so weitergehen werde wie bisher. Wissen Sie, worauf sich die Hedge-Fonds verlegt haben? Sie spekulieren mit Grundnahrungsmitteln. Das ist einer der Gründe für die Explosion der Weltmarktpreise von Reis, Mais und Getreide. Keine Regierung tut etwas dagegen.

Sie waren kürzlich auf dem Weltsozialforum im brasilianischen Belém. Die Globalisierungskritiker haben sich dort wieder nicht auf ein Programm einigen können.

Belém war sehr ermutigend, es war nicht so ein Vampirball wie das Weltwirtschaftsforum in Davos. Aber es gibt in der Tat keinen kohärenten Gegenentwurf zum globalisierten Raubtierkapitalismus. Es herrscht die Angst, dass ein Programm von oben die Lebendigkeit der Bewegung ersticken könnte. Der spanische Lyriker Antonio Machado hat gesagt: ,Wanderer, es gibt keinen Weg. Den Weg machen deine Füße selbst.‘ Das gilt auch für den Fortschritt der Geschichte.

Welche Chancen eröffnet die Krise?

Leid ist nie positiv, aber wenn die Menschen leiden, beginnen sie nachzudenken. Aus diesem Wissenwollen kann eine vernünftigere und gerechtere Welt entstehen. Ich bin voller Hoffnung.

Kommt Ihre Hoffnung auch daher, dass das Schweizer Bankgeheimnis, gegen das Sie seit Jahrzehnten kämpfen, vor wenigen Tagen gefallen ist? Die Schweizer Großbank UBS will auf Druck der USA die Namen von Steuerhinterziehern herausgeben. Ein Kulturbruch?

Ja. Der schweizerische Bankenbanditismus geht dem Ende zu. Es wird geschätzt, dass rund 80 Prozent der 6000 Milliarden Dollar Fremdkapital, die in der Schweiz liegen, Fluchtgelder aus der Dritten Welt, Mafiagelder und vor allem Steuerhinterziehungsgelder insbesondere aus Deutschland sind. Bislang verweigerte die Schweiz jede Rechtshilfe an die deutsche Steuerfahndung. Nun wird die Plünderung der umliegenden Volkswirtschaften wohl enden. Die Schweiz wird zu einem ganz normalen europäischen Staat werden. Sie ist eine lebendige Demokratie, die auch das Ende des Bankgeheimnisses überstehen wird.

Dienstag, 28. Oktober 2008

Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst


NZZ-Online rezensiert den neusten Bericht der OECD über die zunehmende Ungleichheit in den Industrieländern unter dem Titel:
Die Schere öffnet sich

Eine neue OECD-Studie belegt, dass die Schere zwischen Arm und Reich sich im Laufe der letzten 20 Jahre geöffnet hat. Auch in der Schweiz ist das Phänomen der «Working Poor» verbreitet. Laut der Studie beeinträchtigt starke Ungleichheit die gesamtwirtschaftliche Leistung.
Für die Industrienationen im allgemeinen belegt der OECD-Bericht aus offizieller Warte, was bisher in der politischen Diskussion viele vermutet haben:
  • Die Kluft zwischen Reich und Arm hat zugenommen. Die Zahl der Armen hat zugenommen. Die Einkommen der Reichen haben im Vergleich zu mittleren und niedrigen Einkommen abgehoben.
  • Alte Leute sind seltener von Armut betroffen als früher. Junge Erwachsene und Familien mit Kindern sind öfter von Armut betroffen. Von Armut besonders betroffen sind alleinerziehende Mütter und ihre Kinder sowie Arbeitslose mit geringer Ausbildung.
  • Arbeit schützt nicht vor Armut: Mehr als die Hälfte der armen Haushalte verfügen über ein oder zwei allerdings unzureichende Arbeitseinkommen.
  • Öffentliche Dienste vermindern die Ungleichheit, weil sie auch Ärmeren den Zugang zu Bildung und Gesundheitswesen ebnen. Indirekte Steuern (z.B. die Mehrwertsteuer) verstärken die Ungleichheit, weil sie die Armen stärker belasten als die Reichen.
Spannend ist eine interaktive Grafik dazu auf der Homepage der OECD, in der nicht nur jedes einzelne Land bezüglich seiner Ungleichheit dargestellt wird, sondern auch die Veränderung dieser Ungleichheit mit einer bewegten Grafik.
So sieht das z.B. für die Schweiz aus. (leider nicht als Video auf diesen Blog zu bringen, aber hier ist es aktiv zu finden)
Die OECD-Studie basiert auf Zahlen von 2005/2005. Die Auswirkungen der aktuellen Finanzkrise sind dabei natürlich nicht berücksichtigt. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass diese die Ungleichheit verstärken wird.

Negativ-Trend auch in de Schweiz
Natürlich stimmt, was nzz.online schreibt: "Insgesamt sind die Haushaltseinkommen in der Schweiz aber deutlich gleichmässiger verteilt als im Durchschnitt, die Einkommensspreizung ist geringer, wie aus der OECD-Studie «Growing Unequal?» hervorgeht."

Doch auch bei uns geht die Schere ständig weiter auf und die überdurchschnittliche Beschleunigung der Unterschiede zwischen oben und unten im Nachbarland Deutschland, kann ein Zeichen dafür sein, was auch bei uns kommen wird.
Immer weniger Deutsche aus der unterschicht, schaffen den Durchbruch nach oben, immer mehr Leute asu der Mittelschicht sinken ab. Bis 2020 wird in Deutschland gemäss einer Studie von McKinsey nicht einmal mehr die Hälfte der Menschen über "ein Einkommen auf Durchschnittsniveau" haben.

Ungleichheit gleich Unsicherheit
Im grösseren Zusammenhang ist die Entwicklung beunruhigend.
Bei Schwellenländern (Brasilien, Indien, etc.) gilt die Vergrösserung der Mittelschicht als klares Zeichen des Fortschritts und der zunehmenden Stabiliserung eines Landes.
Natürlich gilt auch der Umkehrschluss: Eine grössere Ungleichheit verschärft die sozialen Probleme, führt zu Instabilität, vermehrter Kriminalität und ist ein gefährlicher Nährboden für Populismus. Die Soziologen haben schon ganze Bücher darüber geschrieben.

Krise trifft vorallem die Mittelschicht
Präsidentschaftskandidat Barack Obama hat ein Programm zur Rettung der Mittelschicht initiiert. Nicht nur, weil diese Schicht in den USA immer noch die meisten Wählerstimmen bringt, sondern weil diese tatsächlich durch die Finanzkrise massiv bedroht ist. "Die Finanzkrise ruiniert die Mittelschicht" titelt welt.online eine aufschlussreichen Artikel über die Verhältnisse in de USA. Doch dies Geld genauso fü Deutschland und - wie immer in etwas abgeschwächter Form - auch für die Schweiz. Eine Rezession führt zwangsläuifg zu höherer Arbeitslosigkeit, zu einem Kaufkraftverlust und zu mehr Sozialfällen. Doch für die wirklich Armen in der Schweiz sorgt ein sehr gutes System von Sozialhilfebeiträgen, sei es in Form von direkter Unterstützung oder Vergünstigungen (z.B. Verbilligung Krankenkasse, keine Steuern, etc.).
Auch die Reichen können in der Krise von ihren Reserven zehren und vorallem geben sie einen wesentlich kleineren Anteil des ihnen zur Verfügung stehenden Geldes für ihren unmittelbaren Lebensunterhalt aus und häufig bezahlen sie unverhältnismässig wenig Steuern.

Schweiz: Cash-cow Mittelschicht
Das Geld holt der Staat auch in der Schweiz bei der Mittelschicht. Sie bezahlen mit Abstand am meisten Steuern, haben die höchsten Krankenkassenprämien, zahlen die höchsten Mieten, usw.. Belegt wurde dies bereits 2004 im Bericht über die "Einkommens- ud Vermögensverhältnisse in der Schweiz" des Bundesamtes für Statistik nachgewiesen und diese Trend der "Wohlstandsumverteilung" zu Ungunsten des Mittelstandes hat sich seither verstärkt und würde durch eine Finanzkrise noch weiter akzentuiert.

Dienstag, 21. Oktober 2008

The bigger picture

Dieser Blog ist auch mein steter Versuch, den Blick auf das Ganze, die grösseren Zusammenhänge, "the bigger picture" nicht zu verlieren.

3 Ereignisse gehören für mich heute dazu:

1. Die OECD hat ihren neuen Armutsbericht veröffentlich. Hauptaussage: Die Kluft zwischen Arm und Reich nimmt zu. Auch in Mitteleuropa.
Dazu mehr in einem separaten Post später.

2. "Die Finanzkrise stürzt die Schwellenländer ins Desaster", ein Spiegel.Online-Hintergrund zu den Folgen der globalen Wirtschaftskrise. Und

3. "Der Coup". "Chinas Oelmulti Cnooc kauft ein norwegisches Hightech-Unternehmen" auf zeit.de.

Die aktuelle Weltordnung: "Mörderisch und verlogen"

Zum Glück hat Jean Ziegler jetzt wieder Konjunktur. Lange wurde er von den Mächtigen - und vielen Medien - als eine Art Clown bestensfalls geduldet, meist als sozialistischer Eiferer belächelt bis verachtet.
Aber Jeannot hat immer weiter gekämpft. Er ist ein Star in Afrika, geniesst grössten respekt in Frankreich und jetzt hören hoffentlich auch ihm wieder viele zu. Vielleicht schafft er es ja doch noch, etwas zu verändern, andere Mächtige dazu zu bringen, endlich etwas gegen die schreiende Unordnung dieser Welt zu tun und mehr Menschen am Wohlstand zu beteiligen.

Die FAZ hat Jean Ziegler jetzt eine Stimme in Deutschland gegeben. Er ist laut, drastisch wie immer, aber seine Botschaft muss verbreitet werden. Deshalb auch hier. Nicht nur in Stichworten, sondern in Extenso.


"Tribunal für Spekulanten"

Der Schweizer Soziologe Jean Ziegler fordert Strafen für Wetten auf Nahrungsmittel und warnt vor den Wirkungen der Finanzkrise auf die armen Regionen der Welt.
Herr Ziegler, gibt es auch etwas Positives an der Finanzkrise?

Ja, sicher: Die neoliberale Wahnidee ist endlich im Eimer. Die Theorie der Autoregulierung der Märkte, der staatenlosen globalen Entfesselung der Märkte als Ziel der Geschichte. Jetzt kann jeder sehen, dass das in den Abgrund führt.

Was muss jetzt geschehen?

Wer immer für die normativen Menschenrechte war, wie etwa das Recht auf Nahrung, wusste, dass es Eingriffe in den Markt geben muss. Das kann jetzt wieder geschehen. Die Welthandelsorganisation muss die Ernährungssouveränität der Länder wieder respektieren und nicht durch Total-Liberalisierung weiteres Agrar-Dumping zulassen. Auf jedem afrikanischen Markt kann man heute deutsches und französisches Gemüse zu einem Drittel des Preises einheimischer gleichwertiger Produkte kaufen.

Welche Auswirkungen hatte die Liberalisierung der Weltmärkte auf Armutsregionen der Welt?

Das hat unter anderem dazu geführt, dass alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren verhungert. Täglich sterben über 100 000 Menschen am Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen. 923 Millionen Menschen auf der Welt sind permanent schwerst unterernährt. Letztes Jahr waren es noch 854 Millionen Menschen. Das sind UN-Zahlen.

Was haben diese erschreckenden Zahlen mit dem Finanzmarkt zu tun?

Der Autor
Jean Ziegler ist weltweit als scharfzüngiger Globalisierungskritiker bekannt. Zuletzt veröffentlichte der 1934 geborene Soziologe und Politiker das Buch "Imperium der Schande" (C. Bertelsmann). In dem Band brandmarkt er die multinationalen Konzerne als Mitverursacher des Hungers.

In unserer Serie kommentieren Prominente aus Politik, Wirtschaft und Kultur die Finanzkrise. Bislang kamen zu Wort: der ehemalige Daimler-Chef Edzard Reuter und der chinesische Ökonom Ding Xueliang.
Es gibt drei Dinge, die das Leid hauptsächlich verursachen: Erstens das Agrar-Dumping. Die EU subventioniert das und wir exportieren unsere Überschüsse zum Beispiel nach Afrika, wo diese Überschüsse die Landwirtschaft zerstören. Zweitens die Produktion von Agrar-Treibstoffen. Die USA haben im vergangenen Jahr 138 Millionen Tonnen Mais verbrannt, um Agrar-Rohstoffe herzustellen. Dazu Hunderte Millionen Tonnen Getreide. Das hat zu einer unglaublichen Verknappung der Nahrungsmittel geführt. Das dritte Übel ist die Spekulation auf Nahrungsmittel. Das funktioniert mit Agrar-Rohstoff-Zertifikaten, die an der Börse gehandelt werden.

Wie funktioniert diese Spekulation genau?

Die Schweizer Großbank UBS hat zum Beispiel gerade Prospekte aufgelegt, die überall in der Schweiz für diese Finanzprodukte werben. Für ein Zertifikat auf Reis. Im Prospekt heißt es, dass dieses Zertifikat auf Reis außergewöhnlich hohe Profite verspricht. Die großen Hedgefonds haben auf der Suche nach profitablen Anlegemöglichkeiten die Agrar-Rohstoffbörsen der Welt angesteuert und dort ihre Termingeschäfte aufgebaut. Sie haben auf Mais, Getreide und so weiter gewettet. Der Reispreis ist innerhalb von nur sechs Monaten um 83 Prozent gestiegen. Mais um 67 Prozent und Getreide um 111 Prozent. Vor allem die Slumbewohner hat das weltweit zuerst getroffen. Die Spekulanten sollten jetzt vor ein Tribunal kommen, wie die Nazi-Verbrecher nach dem Krieg in Nürnberg angeklagt wurden. Das sind Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Wen trifft die Krise am meisten, die Erste oder die Dritte Welt?

Jeden Tag werden derzeit in den USA etwa 10 000 Familien aus ihren Häusern ausgewiesen, weil die Kredite platzen. Da kommt die Polizei, klopft an die Tür und sagt: ihre Wohnung wird in 24 Stunden geräumt. 25 Millionen Familien haben in den USA in diesem Jahr ihre Wohnung verloren. Auch die Altersvorsorge ist in den USA börsengebunden. Das ist schlimm, aber was in den Armutsregionen der Welt passiert, ist unfassbar. Ich komme gerade aus Darfur zurück. Dort leben 2,2 Millionen Menschen in Lagern. Die werden von den UN geschützt. Wenn dort nicht die weißen Lastwagen mit Mehl und Reis, Trockenmilchsäcken und Wasser kommen, dann sterben die Menschen. Das Welternährungsprogramm verteilt nur 1500 Kalorien pro Erwachsenen pro Tag, obwohl das Existenzminimum laut Weltgesundheitsorganisation bei 2200 Kalorien liegt. Obwohl dort die UN-Fahne weht, werden die Menschen in der Unterernährung gehalten. Und warum? Weil die freiwilligen Beiträge der Staaten gestrichen worden sind.

Die Staaten sparen wegen der Finanzkrise an der Nothilfe?

Ja. Die Weltgesundheitsorganisation hat die Malaria-Impfkampagne unterbrochen. Alle 22 UN-Organisationen haben ein Budget. Je nach Aufgabe gibt es freiwillige Beiträge. Die Finanz-Krise wirkt sich unmittelbar auf die Budgets aus. Das ist eine Katastrophe für die Dritte Welt. Man muss sich das einmal vorstellen: Um die großen Millenniumsziele der UN zu erreichen, also die acht schlimmsten Plagen der Menschheit vom Hunger bis zur mangelnden Bildung zu besiegen und wirklich die ganze Dritte Welt aus der materiellen Not zu führen, bräuchte es laut UN-Berechnungen nur 82 Milliarden Dollar pro Jahr für einen Zeitraum von fünf Jahren! Wenn ich jetzt ein Mensch wäre in einem Land der südlichen Hemisphäre und sehe, dass in New York in einem Monat 3000 Milliarden Dollar vernichtet worden sind und der amerikanische Finanzminister 700 Milliarden Dollar mobilisiert, um solche Bankhalunken freizukaufen, würde ich mich total verachtet fühlen! Dann sehe ich weiße Rassisten, die sich nur um sich selbst kümmern.

Würden Sie den Banken denn kein Geld geben?

Doch, aber es müssen Bedingungen gestellt werden. Es ist richtig, dass der Interbankenverkehr unterstützt, Spareinlagen geschützt und das Eigenkapital heraufgesetzt wird. Aber das müsste an strikte Bedingungen gebunden werden: Abschaffung der goldenen Fallschirme für Manager, Transparenzpflicht in der Buchhaltung, Kontrolle über die Manager. Sonst wird die öffentliche Hand nur geschröpft, damit die Gleichen mit den gleichen Methoden weitermachen. Warum sind denn eigentlich die Aktienkurse nach der ersten Ankündigung der Rettungspläne noch einmal in die Tiefe gestürzt? Weil die großen Hedgefonds eventuell denken: wenn der Staat schon bereit ist, zu zahlen, dann setzten wir ihn noch etwas unter Druck. 
Welche Lehren müssen aus der Finanzkrise gezogen werden?

Es muss ein neuer Gesellschaftsvertrag durchgesetzt werden. Die gesellschaftliche Souveränität muss wiederhergestellt werden. Der Finanzmarkt bleibt ein Instrument. Es geht ja nicht um Kollektivierung im DDR-Stil. Aber wir wollen keine Marktgesellschaft, wir wollen eine Marktwirtschaft. Der freie Markt ist nur eine Maske für die unglaubliche Gier weniger Menschen. Der Chef von Lehman Brothers, Richard Fuld, hat sich in den letzten Krisentagen 20 Millionen Dollar Bonus angeeignet. Das ist Banken-Banditismus, Kriminalität mit Hilfe einer Bank.

Kann die Erste Welt die Krise auch als Chance zur Neubestimmung begreifen?

Ja, genau. Der Zusammenbruch der neoliberalen Wahnidee macht die Sicht frei auf die Notwendigkeit einer ganz anderen Gesellschaft, eines planetaren Gesellschaftsvertrages. Wenn die Menschen in der Herrschaftswelt begreifen, was für ein Irrweg diese spekulative globalisierte Kapitalismus-Ordnung war. Absurd und mörderisch zugleich. Mörderisch, weil sie tötet, und absurd, weil sie unnützerweise tötet. Weil man ja alle materiellen Probleme lösen könnte mit diesem einzigartigen Überfluss an Ressourcen. Wenn diese Sicht sich in der westlichen Öffentlichkeit durchsetzen würde, dann wird auch die Sicht auf die Dritte Welt ganz anders. Dann kommt es zu einem Dialog, zu gemeinsamem Widerstand.

Was können wir in der Krise von der Dritten Welt lernen?

Dass wir auf derselben Welt leben und dass der Hunger besiegt werden muss, weil es sonst kein Glück für keinen gibt. Kant hat gesagt: Das Leid, das einem anderen angetan wird, zerstört die Menschlichkeit in mir. Das ist ganz sicher so. Die Banker, die wir jetzt haben, begreifen so etwas nicht. Das sind Dschungel-Wegelagerer. Dabei ist doch klar, dass nur dort Investitionen sich auszahlen, wo auch Menschenrechte verwirklicht sind. Der globalisierte Dschungel-Kapitalismus mit seiner Gier, mit seiner Deregulation, mit seinem Irrglauben, seinem Lug und Betrug muss verschwinden. Dieses ganze Weltbild muss verschwinden. Das muss wie die Nazis in den Eimer geworfen werden! Bei den Nazis waren Armeen nötig, um sie zu besiegen. Den Dschungel-Kapitalismus wird hoffentlich die öffentliche Meinung besiegen. Es muss ein Übergang kommen vom Kapitalismus zur Zivilisation. Die planetarische soziale Gerechtigkeit muss durchgesetzt werden. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit haben wir die materiellen Mittel, um das umzusetzen. Das materielle Leid können wir besiegen. Liebeskummer, Krankheit und Tod sind doch schon Leid genug.

Glauben Sie, dass die Menschen hierzulande umdenken?

Es wird sich die Erkenntnis durchsetzen, dass die Paradigmen der gegenwärtigen Weltordnung mörderisch und verlogen sind. Diese Erkenntnis wird sich durchsetzen, weil jetzt die Menschen im Herzen des Herrschaftsbereiches Opfer sind. Und wenn jemand leidet, dann denkt er richtig.

Interview: Matthias Thieme

Freitag, 17. Oktober 2008

Hungerkrise schlimmer als Finanzkrise

"Europas Regierungschefs denken an die Finanzkrise. Doch ihre Gedanken sollten bei den Armen der Welt sein", fordert der ehemaligen UNO-Generalsekretär Kofi-Annan heute in einem Artikel des "Tagesspiegel".

"Die Hungerkrise ist viel schlimmer als die Finanzkrise"
, klagte die Vorstandsvorsitzende der Welthungerhilfe, Ingeborg Schäuble gestern anlässlich des Welternährungstages (16. Oktober).

Heute sind 13'000 Kinder auf dieser Erde an Hunger gestorben, morgen werden es wieder 13'000 sein.
Nächstes Jahr werden sage und schreibe 1 Milliarde Menschen, 1'000'000'000, Hunger leiden. Die Bevölkerung der gesamten Schweiz mal 130. Das sind die neusten Zahlen der UNO.

Insgesamt 4613 Milliarden Franken (ohne die 67 Milliarden der Schweiz für die UBS) pumpen die Regierungen der (westlichen) Welt zur Rettung in ihre Banken. Nicht einmal ein Hundertstel, gemäss UNO zwischen 25 und 40 Milliarden US Dollar, wären nötig, um die Welthungerkrise zu überwinden.

Die Hälfte des Geldes, das ein einziges Land, die Schweiz, zur Stützung einer einzigen Bank, die UBS, auszugeben bereit ist, würde reichen, dass niemand auf dieser Welt mehr Hunger leiden müsste.

Tausende Milliarden an Steuergeldern stützen ein Finanzsystem, das in den letzten Jahren auch mit Spekulation im Rohstoff und Nahrungsmittelbereich nicht nur Unsummen verdient hat, sondern aktiv dazu beigetragen hat, dass sich die Hungerkrise in den letzten Jahren verstärkt, statt wie mit den Milleniumszielen abgemacht, abgeschwächt hat.
Schon seit Mitte der achtziger Jahre lebt die Menschheit ökologisch auf Pump - sie verbraucht mehr Ressourcen, als die Erde regenieren kann. Das Footprint Network errechnet jedes Jahr den World Overshoot Day, den Tag also, an dem wir als Ressourcenschuldner des Planeten einmal mehr Kredit aufnehmen. Dieses Jahr war's der 23. September, wir sind also längst wieder im roten Bereich und haben unser Konto schon jetzt um 30 Prozent überzogen.

Die Spekulationen der Finanz- und Rohstoffmärkte haben dazu geführt, dass sich die Nahrungsmittelpreise massiv erhöht haben. Und dies trifft zuerst die Ärmsten, welche einen Grossteil ihres Geldes für die Beschaffung von Nahrungsmitteln aufwenden müssen.

Schlimmer noch: Die Finanzkrise verschärft die Hungerkrise weiter.
Einerseits ist davon auszugehen, dass die reichen Länder jetzt noch weniger Geld für die Dritte Welt ausgeben werden. Sie werden ihre heimischen Agrarmärkte noch aktiver schützen und mit Milliardensubventionen stützen. Andrerseits werden sich wegen der steigenden Rohstoffpreise nicht nur die Nahrungsmittel weiter verteuern, sondern auch deren Produktion in den armen Ländern. Bauern in der Dritten Welt werden es sich z.B. nicht mehr leisten können, Benzin für landwirtschaftliche Geräte oder für Bewässerungspumpen zu kaufen.

Die Finanzkrise verstärkt den Trend, der schon in den letzten Jahren zu beobachte war:
Während die Entwicklungshilfe zurück ging, schnellten die Lebensmittelpreise in die Höhe. Innerhalb von 14 Monaten ist etwa der Preis für Reis in Bangladesch um 66 Prozent gestiegen. Im Senegal hat sich der Weizenpreis verdoppelt, in Somalia sogar vervierfacht.

Eine Studie der britischen Entwicklungsorganisation Oxfam belegt, dass die Profite aus den Preissteigerungen der letzten Monate ausschließlich an wenige internationale Lebensmittelkonzerne und Supermarktketten gegangen sind. So hat Nestlé seinen weltweiten Umsatz im ersten Halbjahr 2008 um neun Prozent gesteigert. Die englische Supermarktkette Tesco verzeichnete ein Plus von zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Rekordgewinne gingen an den weltgrößten Saatgut-Hersteller Monsanto: Mit 3,6 Milliarden US-Dollar stiegen die Gewinne bereits im ersten Quartal um 26 Prozent.

Auf der Welternährungs-Konferenz in Rom hatten die Industrieländer noch im Juni dieses Jahres 12,3 Milliarden US-Dollar für die Hungerhilfe versprochen - bisher wurde lediglich eine Milliarde gezahlt. Viereinhalb Tausend mal weniger als jetzt die Banken erhalten sollen.

Samstag, 27. September 2008

16 Milliarden für die Armen, 700 Milliarden für die Banken


Der Armutsgipfel der UNO hat Finanzzusagen von 16 Milliarden US-Dollar erbracht. Ein Erfolg, der "alle Erwartungen übertrifft", meint UN-Generalsekretär Ban Ki Moon. Schande, finde ich.

Abgesehen davon, dass es sehr unsicher, wieviel die verschiedenen Geberstaaten von dem Geld, das sie jetzt beim UNO-Gipfel zur Armutsbekämpfung versprochen haben, auch wirklich bezahlen werden, reicht das Geld nirgends hin. Es unterstreicht die Erkenntnis, dass die hehren Milleniumsziele, die die "Internationale Gemeinschaft" 2000 beschlossen haben, mit Sicherheit bis 2015 bei Weitem nicht erreicht werden. Der britischen Hilfsorganisation Oxfam ist in ihrem Urteil beizupflichten, die Gipfelteilnehmer (rund 100, der 192 UNO-Mitgliedstaaten) hätten "versagt", insbesondere mit Blick auf die eskalierende Hungerkatastrophe.

Die ganze Peinlichkeit der 16 Milliarden wird aber erst richtig klar, wenn man sie mit den 700 Milliarden Dollar vergleicht, die die US-Regierung jetzt zur Rettung der Banken ausgeben will.

Andreas Zumach - Kollege aus der Zeit der Balkankriege und wirklich einer der Journalisten, die meinen uneingeschränkten Respekt geniessen - nennt in seinem Kommentar zum Armutsgipfel in der taz aufschlussreiche Vergleichszahlen:

- Mit den 700 Milliarden ließen sich für die nächsten 46 Jahre die Aidsmedikamente für die zehn Millionen Menschen finanzieren, die für ihr Überleben auf die sogenannte antiretrovirale Therapie angewiesen sind, sich diese aber wegen der zu hohen Kosten bislang nicht leisten können.

- Etwa die Hälfte dieser Summe, rund 350 Milliarden Dollar, geben die USA, EU, Kanada und Japan seit Mitte der Neunzigerjahre pro Jahr aus, um ihre Farmer und Bauern hoch zu subventionieren - diese setzen ihre Überproduktion dann mit Dumpingpreisen auf den Märkten der Länder des Südens ab, wodurch sie die Existenz vieler Bauern in diesen Ländern zerstören.

- 350 Milliarden US-Dollar - einmalig, nicht jährlich! - wären erforderlich, um den Anteil der Hungernden in der Welt und der "extrem armen" Menschen, die mit maximal 1,25 Dollar pro Tag auskommen müssen, bis zum Jahr 2015 nicht nur zu halbieren, wie es die Millenniumsziele vorsehen, sondern sogar auf null zu bringen.

-Ein Vierhundertfünfundsiebzigstel der 700 Milliarden US-Dollar würde ausreichen, um allen 250 Millionen Menschen, die sich jährlich mit Malaria anstecken, ein imprägniertes Moskitonetz zur Verfügung zu stellen. 880.000 Menschen, zumeist Kinder unter fünf Jahre, sterben daran.