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Samstag, 5. Februar 2011

Leuchtturm 6: Tariq Ramadan und Slavoj Zizek zu Ägypten

Ein Leuchtturm aus verschiedenen Gründen:
  1. Inhaltlich: Es geht in der arabischen Welt nicht um die Wahl zwischen islamischem Fundamentalismus und westlichem Liberalismus. Das ist West- (und Israel-) Propaganda.
  2. Zwei Ikonen des modernen, universellen Denkens auf einer Plattform.
  3. Auch wegen Details: Es scheint Tariq Ramadan, dem "islamischen Vordenker aus der Schweiz", ähnlich zu gehen wie mir, wenn er Slavoj Zizek zuhört: Fasziniert, aber immer auch etwas amüsiert. Sein Lachen im geteilten Bildschirm während Zizeks hektischen Ausführungen illustriert das wunderbar.

Sonntag, 4. Juli 2010

Ein aufregendes Stück Fernsehen: 50 Minuten Zizek. (Up-Date)


VPRO ist definitiv einer der spannendsten Fernsehsender in Europa. Er sendet auf Nederland 3 und macht Fernsehen wirklich vorbildlich anders. Jetzt hat er seinen Zuschauern 50 Minuten Slavoj Zizek zugemutet. Getreu dem VPRO-Motto:
The VPRO is a media company, in which content takes priority. The VPRO has a rather special position within the broadcasting system. Enthusiasm, curiosity and quality has more value than ratings. The VPRO takes its public task seriously but with slight stubbornness, purposefully choosing those programmes and topics that the other broadcasting companies pass over.

Dass das funktioniert, zeigt, dass es ein Fernsehpublikum gibt für Anspruchvolles, für Komplexes, für die grossen Zusammenhänge. Ganz offensichtlich gibt es in Holland genügend Leute, die fähig und bereit sind, sich 50 Minuten auf Slavoj Zizek einzulassen - auf englisch. Auch formal ist die Sendung ein Lehrstück: Der slovenische Philosoph und Psychoanalytiker bewegt sich einsam, manchmal winzig klein, manchmal in Grossaufnahme vor gigantischen Screens. Er wird "bombardiert mit Bildern der Realität", wie Zizek selbst es zu Beginn der Sendung nennt und nimmt dazu in freier Rede Stellung. Während er referiert, laufen auf den Grossbildschirmen rund um ihn herum Bilder zum Thema - im Sinne einer Einordnung und Verstärkung. Wirklich ein aufregendes Stück Fernsehen.
VPRO beweist: Qualitätsjournalismus am TV ist möglich. Auch grosse, komplexe Inhalte sind fernsehtauglich. Schade nur, dass niemand soetwas in der Schweiz wagt.

Zum Glück gibt es das Internet, so dass wir auch dabei sein können. Man kann sich über Zizeks Lispeln mockieren, man kann sich über seine manchmal abstrusen Argumente aufregen, man kann ihn einfach als unbelehrbaren Kommunisten schubladisieren. Aber wer fähig ist, sich auf Zizek einzulassen, wer sich von ihm provozieren und herausfordern lässt, wer bereit ist mitzudenken, der wird dazulernen. Dabei muss man gar nicht immer mit Zizek einig sein.

Themen der 50 Minuten:
  • Die Lehre aus der Finanzkrise (natürlich)
  • Afghanistan
  • Die Demokratie
Ein bereicherndes intellektuelles Vergnügen: (nur die kurze Einführung ist holländisch, der Rest englisch).



Up-Date: Ein spannender Artikel über Slavoj Zizek findet sich heute (5.7.) im Telegraph: "The World's Hippest Philosopher."

Montag, 30. November 2009

Slavoj Zizek: Die Macht der Ideologie in der Krise


Er ist ein absoluter Querdenker: der slowenische Philosophe und Psychoanalytiker Slavoj Zizek. Man kann ihn leicht mit einer abschätzig-verächtlichen Bemerkung abtun: ein Spinner, ein Ewig-Linker. Ich ziehe es vor, ihm zuzuhören, ihn zu lesen (neu: "Auf verlorenem Posten". davor: "Die politische Suspension des Ethischen"). Auch wenn ich häufig nur den Kopf schütteln kann, er stellt Dinge in Frage, an die wir schon religiös glauben, nicht nur den Kasino-Kapitalismus.

Ein kleiner Einblick in sein radikales, für offene Geister höchst anregendes Denken, bietet der 3Sat-Beitrag: "Zlavoj Zizek über die Macht der Ideologie in der Krise". Und wem dabei die Minarettinitiative und das Gedöns um die "Demokratie" in den Sinn kommt: "Honni soit, qui mal y pense."

Samstag, 1. August 2009

1.Augustreden: Die Inkarnation von "Bullshit"


Der amerikanische Ausdruck "Bullshit" - oder "Bullshit reden"- ist längst in unseren täglichen Sprachgebrauch übergegangen. Er wird meist schlicht mit "Scheisse" oder "Mist" übersetzt. Der amerikanische Philosoph Harry G. Frankfurt hat schon 1986 ein kurzes Traktat "On Bullshit" geschrieben, das in seiner zweiten deutschen Auflage 2005 ein Beststeller war. Nicht zufällig, lese ich an diesem 1. August wieder darin:
Die 1. Augustreden zum Schweizer "Nationalfeiertag" sind so etwas wie die Inkarnation, die "Fleischwerdung" der Bullshit-Definition des amerikanischen Philosophen. Oder zumindest sind sie ideale Beispiele dafür.

Für Frankfurt kommt der deutsche Begriff "Humbug" dem englischen Bullshit am nächsten; oder das "Blödsinnquatschen", das "Rumpalavern", das "Heiße-Luft-Produzieren", wie es Daniel Schreiber in der taz formuliert.

Der Stoff aus dem 1. Augustreden sind, ist perfekt zum Bullshitten geeignet: "Freiheit" oder "Willen zur Unabhängigkeit, "alte Werte", "Vorväter", "Stolz", "Solidarität" oder "Einzigartigkeit".
Für Frankfurt wären wohl fast alle 1. Augustredner (und alle 1. August-Kolumnisten und - Inserenten) "Bullshitter" .... und gefährlich. Denn "Bullshit ist für die Wahrheit eine noch größere Gefahr als die Lüge".

Der Bullshitter, schreibt Frankfurt, ist schlimmer als der Lügner. Er umgeht die Wahrheit und erkennt so nicht einmal ihre Existenz an. Im Gegensatz zum Lügner, der absichtlich unwahre Behauptungen aufstellt und die Wahrheit daher auch kennen muss, interessiert sich der Bullshitter gar nicht für die Wahrheit - oder höchstens für seine eigene Wahrheit. Bullshit entsteht laut Frankfurter durch "Desinteresse an der Richtigkeit".
Der Bullshitter ist ein Opportunist. Es geht ihm nicht um die Sache, sondern immer nur darum, die aktuelle Situation so glatt und erfolgreich wie möglich zu meistern und die Gelegenheit zu nutzen, um Punkte zu sammeln. Für sich, für seine Partei.

Weil dem Bullshitter die Wahrheit aber egal ist, verzerrt sich auch seine eigene Wahrnehmung der Wahrheit. Er glaubt, was er sagt, auch wenn er sich fernab jeder Wahrheit oder Wirklichkeit befindet. Ob all seiner leeren Phrasen und Worthülsen hat der "Wortmüll-Lieferant" den Sinn für Tatsachenwahrheiten (oder zum Beispiel historische Fakten) längst verloren.
Bullshit ist für Frankfurt auch eine Folge des notorischen "Moralismus in der Politik". Und Bullshitter fühlen sich moralisch im Recht. Sie wollen uns immer glauben machen, sie meinten es gut. Sie versichern uns ihrer Aufrichtigkeit. Sie wollen uns überzeugen, sie seien sachkundig und zuverlässig. Sie reden über alles, am liebsten über Dinge, von denen sie nichts verstehen.

Bullshit, das Bullshitten, stellt für Frankfurt eine Gefahr für unsere Gesellschaft dar, denn "Bullshit ist ansteckend".
Je mehr Aussagen nur mit dem Augenmerk darauf gemacht würden, was im Moment am Besten passt, schreibt Frankfurt, desto stärker werde unsere Fähigkeit eingeschränkt, die Welt nach ihren realen Umständen zu beurteilen.

Wer diesen Contextlinkbeitrag bis hierhin gelesen hat, der hat natürlich längst erkannt, dass Harry G. Frankfurt mit seiner Kritik nicht nur auf gewöhnliche Schwätzer oder Politiker zielt, sondern auch auf die Medien - und die Journalisten.
Sie sind mitschuldig am grassierenden Problem des Bullshitting, indem sie immer häufiger, immer unkritischer, den immer gleichen Bullshittern eine Plattform zur Verbreitung ihrer "Botschaften" zur Verfügung stellen. Gleichzeitig erfüllt zunehmend auch das Themensetting der Medien den Umstand des Bullshittings. Mit der Aufblähung der Medienlandschaft habe auch der Blödsinn zugenommen, mit dem die Leser/Zuschauer/Zuhörer konfrontiert werden, schreibt Frankfurt. In einem Interview auf Amazon hat er seine Wahrnehmung des Phänomens so beschrieben: "Das meiste von dem, was ich in den Medien wahrnehme, ist Bullshit".