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Freitag, 11. Januar 2013

Berichterstattung Pakistan: "Den Tod verdaubar machen."

Quetta (Pakistan) 10.1.2012 (Bild: LUBP)
Das Jahr 2013 hat übel begonnen in Pakistan. Es scheint die düsteren Prognosen definitiv wahrmachen zu wollen. Die Schreckensmeldungen häufen sich und die Bilanzen der täglichen terroristischen Anschläge sind so gravierend, dass die News aus Pakistan sogar wieder Eingang in unsere Medien finden. Die Bilanz des gestrigen Tages: 137 Tote (115 Quetta, 22 Mingora, ...???).

Der Tod droht das Leben in Pakistan zu ersticken, schreibt Rafia Zakaria heute in der Kolumne des "Dawn" ... und das herrschende Establishment inszeniert sein pseudo-demokratisches Polit-Theater.

Donnerstag, 3. Januar 2013

Pakistan: düstere Perspektive 2013

Seit einigen Jahren bildet Pakistan eine Art Kulisse für den auch medial inszenierten „Clash of Civilisation“.
Die spektakulärsten Bilder fanatisierter Islamisten an Hassdemos gegen den Westen stammen meist aus Pakistan; hier richten „Gotteskrieger“ ungestraft Schulmädchen hin, die ihr Recht auf Bildung wahrzunehmen versuchen; Pakistan ist das Land, das Osama bin Laden jahrelang Unterschlupf geboten hat; hier befinden sich die Ausbildungslager, in denen auch militante Islamis­ten aus Europa ihr Terrorhandwerk lernen; und: Pakistan hat die «Islamische (Atom-)Bombe».

Die „Islamische Republik Pakistan“ mit ihren rund 180 Millionen Einwohnern ist zur Inkarnation des Feindbilds Islam geworden. Und es spricht leider Einiges dafür, dass das Land auch 2013 eine ideale Fläche zur Projektion unserer Vorurteile und Ängste bieten wird.

Dabei haben wird alle keine Ahnung von Pakistan. Das Land ist längst hinter den Feindbildern verschwunden.

Mittwoch, 26. Dezember 2012

Pakistan: Das Jahr 2012 geht an die Taliban

Jedes Land hat den Jahresrückblick, den es verdient. Er erzählt viel über ein Land (und das, was die Verkäufer der Informationen als noch einmal für vermarktbar halten.)

The Dawn, eine der wichtigsten englisch-sprachigen Newsplattformen Pakistans, begnügt sich nicht mit einer langweiligen, chronologischen Aufzählung der Ereignisse des Jahres. Sie zieht eine Bilanz:
"Dieses Jahr geht an die Taliban und die Militanten", wie in einem Boxkampf: "Diese Rund geht an...".

Dienstag, 8. Dezember 2009

Pakistans moderne Musikszene: "Unser Problem sind nicht die Taliban, sondern die Amerikaner."

Wieder mal ein anderer Blick auf die Welt: Wir, hier im Westen, nehmen Pakistan nur wahr als Land endloser Probleme und Katastrophen. Wir sehen fast täglich schlimme Bombenanschläge, lesen von Kämpfen gegen die Taliban und von eher mittelalterlichen Zuständen.
Da frappiert ein Bericht von "The Dawn", dem News-Portal aus Pakistan, doppelt: "Tuned out by the New York Times."
Der Autor denkt über das Video der New York Times "Tuning out te Taliban" ("Die Taliban werden ausgeblendet") nach, welches sich sehr enttäuscht gibt darüber, dass die jungen Intellektuellen Pakistans, symbolisiert durch die moderne, junge Musikszene des Landes, nicht die Taliban verurteilt, sondern anti-amerikanische "Propaganda" macht. Das Video gehört zu einem Blog der New York Times "Pakistan Rock Rails Against the West, Not the Taliban".

Der Artikel/das Video (siehe unten) und der Dawn-Bericht zeigen zwei Dinge:

1. Pakistan ist nicht nur rückständig-konservativ. Es hat eine lebendige, junge Musikszene und eine riesige Fangemeinde von jungen, gut ausgebildeten Pakistani, die sich stark an der westlichen Musikkultur und anderen westlichen Werten orientiert.
2. Trotzdem ist diese junge, pakistanische Szene nicht bereit, einfach die westlichen, die amerikanischen Positionen zu übernehmen. Sie teilen zwar die kritische Haltung des Westens gegenüber dem islamischen Fundamentalismus, sie sind sehr kritisch gegenüber dem autoritären Regime, aber - und das schockiert den Berichterstatter der News York Time in seinem Blog "Tuning out te Taliban" ("Die Taliban werden ausgeblendet") - sie hassen die USA. "Die Taliban", sagt ein junger, moderner Pakistani im NYT-Video, "sind unser kleinstes Problem." Das eigentliche Probleme sei der totalitäre Staat, die Korruption, die Armut, welche den Extremismus (wie den der Taliban) fördert. Und eine Hauptschuld an der Entwicklung trägt nach Meinung vieler Pakistani die USA mit ihrer hegemonistischen Politik in Asien, speziell in Pakistan und Afghanistan, welche die totalitäre Politik der lokalen Regierungen stützt.

Sonntag, 11. Oktober 2009

Taliban: Nur 25'000 Kämpfer in Afghanistan

Bild: Al-Jazeera/EPA

Die Zahl der Talibankämpfer hat sich seit 2006 vervierfacht: Von damals 7000 auf heute 25'000. Dies ist gemäss der Nahrichtenagentur Reuters die aktuelle Schätzung des US-Geheimdienstes aufgrund seines neusten Reports. "Taliban-Truppen werden mehr" titelt das Handelsblatt, welches als eines der wenigen Medienprodukte diese Meldung aufgenommen hat.

Das soll wohl bedrohlich tönen. Doch bei Lichte betrachtet, kann man sich nur wundern: 25'000 Talibankämpfer, NUR 25'000 Talibankämpfer in ganz Afghanistan.

Zu ihrer Bekämpfung haben die vereinigten Kräfte der NATO (ISAF) und des afghanischen Staates (ANA) zur Zeit rund 200'000 Mann im Einsatz:
USA: rund 65'000 Mann
Übrige Alliierte: rund 39'000 Mann (Zahlen ISAF)
Afghanische Armee: rund 100'000 Mann (Stand August 2009).

Der oberste Kommandeur der US- und NATO-Truppen in Afghanistan, General Stanley McChrystal fordert eine rasche Aufstockung "seines" Truppenbestand um weitere 40'000 Soldaten. Friedensnobelpreisträger und US-Präsident Barack Obama zögert. Von einem Entscheid sei man "Wochen entfernt", hiess es nach dem Meeting vom vergangenen Freitag im Weissen Haus.

Heute kommen also auf einen Talibankämpfer vier Soldaten aus dem Alliierten Lager. Kommt die geforderte Aufstockung, sind es 1 : 5. Allerdings sind die Zahlen auf Seite der Taliban sehr unsicher, eben nur Schätzungen. Ständig unter Waffen und im Einsatz dürften tatsächlich viel weniger Taliban-Kämpfer sein. Wie der Bericht des US-Geheimdienstes einräumt (immer gemäss Reuters), sind in den 25'000 auch Anhänger mitgezählt, die "weniger in Kämpfe involviert sind". Ein Vertreter des US-Verteidigungsmininsteriums sagte, für Aufstände seien nicht viele Rebellen nötig, um einen großen Schaden anzurichten. Sie könnten sich Zeit und Ort aussuchen, um anzugreifen.

Und damit sind wir bei einem zentralen Element der modernen Kriegsführung: Für die sind eine hochgerüstete Armee mit ihren traditionellen Strategien und maximalen Feuerkraft nicht geeignet. Hier finden keine strategische Schlachten von grossen Armee-Einheiten gegeneinander statt, sondern eine kleine Zahl von lokal perfekt verankerten "Aufständischen". Diese kann jederzeit fast überall zuschlagen ("hit and run") und ist auch von einer sehr grossen Anzahl von bestausgerüsteten Truppen nicht wirklich auszuschalten.

Das haben die Franzosen schon in den 50er Jahren in Indochina erfahren müssen, die Amerikaner zuerst in Vietnam und jüngst wieder im Irak. Und dort haben sie eine neue Militärtaktik entwickelt, die jetzt auf die speziellen Bedürfnisse in Afghanistan angewandt wird: Counterinsurgency. Die Krux dieser neuen Einsatzdoktrin erleben die USA zur Zeit in Afghanistan: Es braucht noch mehr Soldaten und es gibt noch mehr Tote in den eigenen Reihen.

Die neue Militärdoktrin der Counterinsurgency mag militärisch richtig sein, politisch aber ist sie unmöglich. Amerika (und Obama) muss dringend einen Ausweg finden. Die Lösung kann nicht militärisch, sondern muss politisch sein. Und alles deutet darauf hin, dass die USA begriffen haben: Wenn wir den Krieg GEGEN die Taliban nicht gewinnen können, müssen wir den Frieden MIT den Taliban machen. Und die USA sind unterwegs dazu.

Dienstag, 1. September 2009

China & Indien: Komische Bettgenossen

Wenn Sie diese Herren noch nicht kennen, sollten Sie sich ihre Gesichter einprägen. Ihnen unterstehen zwei von fünf Bewohnern dieser Erde. Der Herr links im Bild ( - das ich von Foreign Policy stehle -) ist Manmohan Singh, Premierminister Indiens. Der Herr rechts ist Hu Jintao, Staatspräsident der der Volksrepublik China.

Würden die beiden wirklich zusammenspannen, würden sie definitiv die Welt beherrschen. Doch China und Indien sind Rivalen. Nicht nur als Führungsmacht in Asien, sondern auch weltweit. Noch ist China mächtiger, aber Indien holt auf. Nicht wenige prophezeihen, dass Indien schon in 15 Jahren China den Rang abgelaufen haben wird. Schuld ist vor allem die Demographie. Indien wächst viel schneller, seine Gesellschaft ist viel jünger. China überaltert wegen seiner Ein-Kind-Politik schnell.

Nicht zuletzt aufgrund der Rivalität unterstützt China seit Jahren Chinas Erzfeind Pakistan. Es hat immer wieder Annäherungsversuche zwischen Indien und China gegeben, gleichzeitig aber auch immer weiter schwelende Konflikte. Doch jetzt scheint ein gemeinsames Problem, die beiden Rivalen einander näher zu bringen: Der Islam, respektive der militante Islamismus.
Aktueller Hauptfokus des gemeinsamen Problems ist Pakistan, genauer Waziristan, die von muslimischen Extremisten beherrschte Grenzregion Pakistans zu Afghanistan. Die Taliban und ihre aggressiv-fundamentalistische Politik werden inzwischen auch von Pakistan als Bedrohung wahrgenommen. Und dieser islamistische Extremismus stellt zunehmend auch eine Gefahr für Indien dar. Immerhin leben ausser in Indonesien nirgends so viele Muslime auf dieser Erde wie in Indien.

Und China: Das Schlüsselwort heisst Uiguren. Die muslimische Bevölkerung der chinesischen Westprovinz Xinjiang. Diesen Sommer ist uns diese Problematik mit dem "Aufstand der Uiguren" in "Chinas Wildem Westen" auf einen Schlag ins Bewusstsein gerückt. Nicht zuletzt ist dies der Verdienst einer der Organisationen "Weltkongress der Uiguren" mit Sitz in München und deren von den Westmedien häufig porträtierten charismatischen Führerin Rebiya Kadeer. Im Westen kaum wahrgenommen ist es aber eine andere Uiguren-Organisation, die China viel mehr sorgen bereitet:
ETIM (East Turkestan Islamic Movement). Anders als die Organisation Kadeers strebt die ETIM nicht nur ein grösseres Selbstbestimmungsrecht der Uiguren mit dem Hauptfokus der Uigurischen Identität (oder gar Ethnizität). Im Zentrum steht für die ETIM die Religion, der Islam. ETIM kämpft für einen eigenen Staat Ost-Turkestan als Teil der Umma, der islamischen Weltgemeinschaft. Die ETIM gilt als terroristische Organisation. Seit 2002 sind sie auf der US-Liste der Terror-Organisationen. China ist überzeugt, dass die al-Qaida vor 9/11 über 1000 Mitglieder der ETIM zu Terroristen ausgebildet hat. Und - hier kommt der Zusammenhang zu Indien und Pakistan - die Basis der ETIM liegt in Waziristan. China und Indien haben also ein gemeinsames Interesse, dass fundamentalistische Islamisten aus ihren Ländern von ihren Basen in Pakistan aus zur Bedrohung werden. Deshalb haben sich China gemäss den Informationen von Foreign Policy im Artikel "Strange Bedfellows" zu einer engeren Zusammenarbeit im Antiterrorismuskampf zusammengerauft. Zwar ist Foreign Policy skeptisch, aber die Entwicklung ist sehr spannend. Es wird nicht lange dauern, bis Pakistan sich davon bedroht fühlt, und niemand wird sich wundern, wenn insbesondere die pakistanischen Militärs und der pakistanische Geheimdienst bald wieder vermehrt mit den Taliban konspirieren, statt sie zu bekämpfen. Die Bedrohung durch den Erzfeind Indien halten sie nach wie vor für viel grösser als die innere Bedrohung durch die islamistischen Fundamentalisten und die Taliban.


Dienstag, 18. August 2009

Afghanistan: Die Rückkehr der Taliban

Diese Woche wählt Afghanistan. Es sind Präsidentschafts- und Provinzratswahlen. Alle Vorzeichen sind schlecht. Der Krieg wird weitergehen. Viele Soldaten, westliche, afghanische, pakistanische werden sterben, und noch viel mehr Zivilisten: Frauen, Kinder, Alte.

Für alle, die an einem Hintergrund zu diesen Wahlen und Krieg in Afghanistan interessiert sind: erstens der Hinweis auf das Fotoessay von Foreign Policy "Afghanistans long War" und zweitens der Dokfilm von Al-Jazeera "Afghanistan: How the East was lost" (in 4 Teilen). Es ist die Geschichte des vom Westen 2001 eingesetzten Präsidenten Hamid Karzai. Die Geschichte von der Niederschlagung der Taliban 2001 , die enttäuschten Hoffnungen, von der Korruption und den vielen vertanen Chancen .... bis zur Rückkehr der Taliban. Beschämend für die afghanische Elite, beschämend für den Westen:

Teil 1:


Teil 2:


Teil 3:


Teil 4:

Montag, 10. August 2009

Empfehlung Af-Pak Channel (Foreign Policy)

Bei allen so wichtigen, die Schweizer Medien dominierenden Themen wie Schweinegrippe, Federerzwillinge oder Tierschutz-Terroristen sollten wir nicht vergessen: In Afghanistan und in Pakistan herrscht Krieg. Menschen sterben. Nicht nur Soldaten aus den USA, Grossbritannien oder Deutschland (Tote Soldaten der westliche Alliierten seit 2001: 1297; siehe Grafik am Ende dieses Artikels), sondern auch junge einheimische Männer (Zahl unbekannt) ... und viele Zivilisten (allein in den ersten 6 Monaten dieses Jahres waren es über 1000 Menschen).

Das US-amerikanische Magazin Foreign Policy (FP) hat schon viele, sehr lesenswerte Artikel zum Af-Pak-Theater veröffentlicht. Jetzt lanciert es das Projekt Af-Pak-Channel. Diese Infoquelle möchte ich empfehlen. FP ist - und berichtet - sehr amerikanisch und verfügt über exzellente Beziehungen nicht zuletzt auch in US-amerikanischen Militärkreisen. Trotzdem berichtet FP häufig sehr differenziert journalistisch und manchmal gar kritisch. Dazu spannende Autorenblogs.
Speziell lesenswert fand ich jüngst den Artikel "The Militarization of the Afghan Aid" und das sehr schöne Foto-Essay über die Geschichte des Afghanistankriegs.

Quelle: http://icasualties.org/oef/

Montag, 1. Juni 2009

Af-Pak: Medien-Krieg mit den Taliban

„Dank überlegener Feuerkraft verlieren die westlichen Truppen fast keine Schlacht gegen die Taliban-Kämpfer in Afghanistan. Aber in der Kommunikationsschlacht haben die Militanten die Oberhand.“ So lautet das Fazit einer Studie des „Council on Foreign Relation“ (CFR) zum „Informationskrieg“ in Afghanistan-Pakistan. „Die Taliban gewinnen nicht einfach nur den Informationskrieg,“stellt einer US-Kommunikationsspezialisten in Afghanistan fest, „wir wehren uns nicht einmal richtig dagegen.“ Und der Direktor für strategische Kommunikation der US-Armee, Oberstleutnant Shawn Stroud, bläst in selbe Horn: „Es sieht fast aus, als hätten wir das Schlachtfeld der Information aufgegeben.“
US-Aussenministerin Hillary Clinton hat es am 20.Mai vor einem Senatskomitee auf den Punkt gebracht: „The U.S. is losing the media war in Afghanistan and Pakistan." Und: „Es muss etwas getan werden.“
Das ist der Punkt:

Vorbereitung US Gegenpropaganda-Offensive
Natürlich haben die USA nicht einfach aufgegeben im Propagandakrieg gegen die Taliban. Die alarmierenden, selbstkritischen Analysen sollen das Feld bereiten, für die von den US-Militärs vorbereitete Informations-Offensive in Afghanistan-Pakistan. Sie soll insbesondere der Öffentlichkeit und der Politik in den USA bewusst machen, welch zentrale Rolle der Information auch im Krieg in Af-Pak zukommt und weshalb das viele Geld, das jetzt für den Medienkrieg verwendet wird, eben gut investiert ist.

Das Ziel der US-Militärs wird mit dem Titel der CFR-Studie formuliert: „Winning the information war.“ Damit soll auch eine der Forderungen des obersten US.Kommandanten, General Petraeus erfüllt werden.

Hier ein paar Hintergrund-Infos zur Situation auf Basis der mir zugänglich Informationen im Internet:

Die Taliban-Propaganda
Die Taliban sind den westlichen Alliierten in Sachen Propaganda gemäss einer Vielzahl von Berichten in den westlichen Medien (siehe u.a. Studie der International Crisis Group oder hier) sowohl an der inneren Front - gegenüber der einheimischen Bevölkerung - überlegen, sondern auch gegen aussen - bei der Nutzung der internationalen Medien.
Die Taliban haben schon länger begriffen, dass es ein zentrales, strategisches Ziel ist, die internationale Medien zu erreichen. Thomas X. Hammes, früher Oberst der US-Marine, schreibt in seinem Buch 2006 "The sling and the stone", die Taliban nutzten „alle irgendwie zugänglichen Netzwerke – seien sie politisch, sozial, wirtschaftlich oder militärisch, um die feindlichen Entscheidungsträger davon zu überzeugen, dass ihre strategischen Ziele entweder schlicht nicht erreichbar oder dass dafür ein zu hoher Preis zu bezahlen ist.“

Die Taliban schneller als Amerikaner
Es hat zum Beispiel 16 Tagen gedauert, bis die USA-Army den internationalen Medien ihre offizielle Version der US-Bombardierung in Bala Baluk, in der westafghanischen Provinz Farah vom 4. Mai 2009 liefern konnten, welche damals zum Tod von rund 60 Taliban-Kämpfern aber auch von zahlreichen Zivilisten geführt hatte. In den Medien (auch im Westen) war die Rede von 120 zivilen Opfern, die offizielle Untersuchung der US-Army spricht jetzt von "nur" 20 – 30 getöteten Zivilisten.

Die Taliban brauchten nach einer US-Militäraktion irgendwo in Pakistan nur 26 Minuten – um ihre Version der Ereignisses zu verbreiten, welche dann sofort auf den Newstickers zum Beispiel der BBC erscheinen. Dies berichtet Michael Doran, ehemaliger Assistent im US-Verteidigungsministerium in einem Vortrag über „öffentliche Diplomatie“ bei der Heritage Foundation. „Wir haben diese Zeit gestoppt."

Die Taliban schrecken gemäss der CFR-Studie auch nicht vor medienträchtigen Inszenierungen mit zivilen Opfern zurück. Wenn die Taliban-Führung zum Beispiel eine Botschaft verbreiten wolle, die afghanische Regierung sei nicht fähig, die eigenen Bevölkerung zu beschützen, würden die Taliban-Kommandanten zum Beispiel einen Hinterhalt planen und dafür sorgen, dass dieser fotografiert oder gefilmt werde, um das Material dann online via Mobiltelefone oder internationale Medienagenturen zu verbreiten. "Das Ziel der ganzen Militäraktion der Taliban ist es, ein Video zu machen,“ sagt Stephen Biddle von CFR.


Taliban-Propaganda gegen innen
„Radio Mullah“, der Spitzname von Maulana Fazlulla (Bild links) ist Programm. Der oberste Chef der Taliban im Swat-Tal nutzt seit Jahren das Radio als zentrales Mittel der Propaganda. Nicht zuletzt als Mittel zur Einschüchterung der Bevölkerung (NYT).

Die täglichen Sendungen der Taliban waren bis zur jüngsten Offensive der pakistanischen Armee im Swat-Tal Pflicht für die Bevölkerung, denn es kann gefährlich sein, Anordnungen, die die Talibanführung über Radio verbreitet, nicht zu kennen.

Die Taliban benutzen häufig mobile Radiosender, welche sie zum Beispiel auf einem Pick-Up montieren, um ihre Programme und Botschaften zu verbreiten: Anweisungen, was „unislamisch“ und deshalb verboten ist, zum Beispiel der Verkauf von DVDs, Kabelfernsehen schauen, singen oder tanzen oder sich den Bart abrasieren oder die Mädchen zur Schule schicken. Es kann aber auch sein, dass über Radio bekannt gegeben wird, welche Leute die Taliban kürzlich getötet haben, weil sie ihre Dekrete nicht befolgt haben – oder wer als nächstes getötet werden soll.
Diese Botschaften sind für die Radiohörer sehr glaubwürdig, denn die Taliban deponieren ihre geköpften Opfer zur besonderen Abschreckung und zur Einschüchterung aller Übrigen häufig auf offener Strasse (siehe Bild rechts).

In Afghanistan, in Gebieten, in denen es nicht genug Radiogeräte oder Sender gibt, lassen die Taliban auch sogenannte Nacht-Briefe ("Night-Letters) verteilen, welche dieselbe Funktion haben, wie die Radioprogramme: Einschüchterung und Kontrolle der Bevölkerung.

Relativierung der Taliban-Propaganda gegen aussen
So alarmierend die Berichte über die Propaganda der Taliban sind, sie müssen auch als Gegenpropaganda der Alliierten eingeordnet werden. Denn ganz so geschickt, wie dies in der aktuellen Informationskampagne der US-Army dargestellt wird, ist die Taliban-Propaganda nicht - zumindest, was den Bereich gegen aussen, gegenüber den Menschen im Westen, betrifft.
Der Weblog Sicherheitspolitik, ein der deutschen Bundeswehr nahestehende Website, relativiert:
"Den afghanischen Aufständischen wird allgemein unterstellt, zunehmend professionell Propaganda zu betreiben. Tatsächlich finden sie häufig westliche Journalisten, die ihre Darstellungen wenig kritisch übernehmen, und bestimmte Elemente der Propaganda der Taliban (Aufstandsbewegung als Massenbewegung, Aussichtslosigkeit von Interventionen in Afghanistan etc.) sind aufgrund der Weitergabe durch westliche Medien zunehmend Teil der Wahrnehmung innerhalb westlicher Gesellschaften."
Tatsächlich aber seien die Taliban "bei weitem nicht so professionelle Propagandisten, wie allgemein behauptet wird." Das Weblog Sicherheitspolitik hat die Aussagen des Talibansprechers Zabihmullah Mujahid in einem CNN-Interview analysiert: "Er versteht westliche Zielgruppen nur wenig, was die Effektivität seiner Botschaften deutlich mindert."

Kommentar AM: Das fehlende Verständnis für die "westlichen Zielgruppen" der Taliban-Führung zeigt einmal mehr, welches der wirkliche Fokus der Taliban ist: Er ist eben NICHT international, sondern höchstens regional ausgerichtet. Die Taliban führen keinen "Globalen Jihad". Schon fast verzweifelt versuchen die Kommunikationsspezialisten der alliierten Streitkräfte, dieses Bedrohungsszenario "Globaler Jihad" aufrecht zu erhalten. Denn, wenn die US-Bevölkerung erst einmal begriffen hat, dass es sich beim Krieg in Afghanistan "nur" um ein regionales Problem handelt, bei dem zwar die geostrategischen Interessen der USA betroffen sind, dass deswegen aber keine unmittelbare, physische Bedrohung des "US-Homelands" besteht, werden sie wohl kaum mehr lange bereit sein, eine ständig wachsende Zahl ihrer "Boys" in Afghanistan sterben zu sehen.

Die alliierten Kommunikationsspezialisten stehen vor einer sehr schwierigen Herausforderung: Eine Kommunikationsstrategie ist dann am glaubwürdigsten, wenn sie auf einem realen Boden steht, möglichst "wahr" ist. Es aber ihr Job, das Beste aus der fast unmöglichen Situation zu machen. So packen sie es an:

Gegenmassnahmen der US-Armee
Oberstleutnant Shawn Stroud (Bild links), der bis Mai 2009 Direktor der strategischen Kommunikation für Afghanistan war, hat sich nach Fort Leatherworth zurückgezogen. Auf diesem Armeestützpunkt im Bundesstaat Kansas hat schon General David Petraeus seine Counterinsurgency-Strategie entwickelt, welche heute die Grundlage der neuen Strategie der USA für den Irak und AF-Pak ist.
Stroud hat den Auftrag, bis im Herbst das "Information operations manual, FM 3-13" aus dem Jahr 2003 zu überarbeiten (Intro: "Information is an element of combat power."), respektive eine neues Manual vorzulegen, welches den aktuellen Bedürfnissen des Propagandakriegs in Afghanistan entspricht.
Stroud will gemäss CRF insbesondere die Zuständigkeit für die Vorort-Information ändern: Während bisher "hohe Offiziere weitab vom Schlachtfeld" über die Medieninformationen entschieden haben, ist es das Ziel des neuen Manuals, diese Verantwortung in die Zuständigkeit der Kommandanten vor Ort zu geben. "US-Kommandanten im Feld brauchen die Mittel, um kontraproduktive Botschaften schnell zu bekämpfen. Zum Beispiel direkt mit den News-Medien zu sprechen oder Operationen zu filmen und ihre eigenen Videos ins Netz zu stellen, bevor dies die Taliban tun."

Auch an der Front der Information gegen innen, gegenüber der afghanischen Bevölkerung, wollen die Kommunikationsverantwortlichen viel ändern. Dabei sollen sowohl technische wie "weiche" Massnahmen greifen. Admiral Gregory J. Smith, Kommunikationsdirektor des für Afghanistan zuständigen Central Command, spricht gegenüber CFR einerseits von der "Finanzierung von Radiosendetürmen und Nachrichtensendern, welche lokalen Programmanbietern erlauben soll, mit der lokalen Bevölkerung in Kontakt zu kommen."

Gleichzeitig will die US-Armee gezielt Radiosender (Transmitter) der Taliban zerstören und auch ihre zahlreichen Webpages aus dem Internet entfernen.
Auf diese Ankündigung der US-Army haben die Taliban bereits reagiert. Auf ihrer englischsprachigen Webpage "Theunjustmedia.com" schreiben sie, das sei keine neue Massnahme. Die US-Armee hätten in den letzten Jahren häufig ihre Kommunikationsmittel zerstört. "Die Amerikaner sollten sich wirklich schämen, dass sie trotz ihrer riesigen materiellen Überlegenheit Angst vor ein paar lokalen Internet-Sites und FM Radiostationen haben, welche nicht über einen 20-Kilometer-Radius hinaussenden können."

US-Experten empfehlen dringend, in Afghanistan auch inhaltlich neue Botschaften zu senden. Stephen Biddle von CFR nimmt eine Forderung von Präsidnet Obamas Sonderdiplomaten für Af-Pak, Richard Holbrooke auf, wenn er schreibt, die Koalitions-Kräfte sollten besser verstehen lernen, was die Taliban, warum sagen, um sie auch inhaltlich herausfordern zu können:
"In der Kunar-Provinz haben wir erfolgreich integrierte militärisch-politisch-wirtschaftlich Operationen entwickelt, um die lokale afghanische Bevölkerung mit der Regierung zu verbinden und eine Geschichte zu erzählen, welche die Taliban ins Offside stellt, die unschuldige Afghanen töten." Eine Geschichte, die die Amerikaner als diejenigen darstellt, die die Bevölkerung verteidigt und schützt.

Admiral Smith betont, es gehe im Grunde darum, "die Debatte unter den Afghanen zu fördern, nicht einfach nur Amerikanische Werte zu predigen."

Honni soit qui mal y pense.

Mittwoch, 27. Mai 2009

FBI inszeniert islamistische Terror-Bedrohung

Foto: Keivom/News
Die Al-Qaida ist kaum mehr fähig, weltweit Terroranschläge zu verüben. Davon sind jedenfalls Experten in Asien überzeugt. Die Taliban sind nicht gleich Al-Qaida und als Feindbild mit akuter Bedrohung für das "Homeland" Amerika ungeeignet, denn sie sind ein regionales Phänomen südlich des Himalaya ohne Terrorabsichten im Westen.

Was bleibt den USA, um den “Langen Krieg“ gegen den Terror weiter zu rechtfertigen und vor allem das Bedrohungsszenario, den permanenten State of Emergency im eigenen Land aufrecht zu erhalten? Man organisiert, inszeniert die Bedrohung selbst. Zu diesem Schluss muss man kommen, wenn man jetzt die Hintergründe zum „vereitelten Terroranschlag“ in New York liest, der im übrigen nur den Manipulations-Verdacht früherer Fälle wie der „Liberty City Seven“ und deren angeblich geplanten Anschlag auf die Sears Towers in Chicago bestätigt.

Walter Niederberger, USA-Korrespondent des Tagesanzeigers zeigt in einem aufregenden Artikel "Die Dilettanten des Terrors" (Danke, Wale!) die Hintergründe des neusten "vereitelten Anschlags in New York auf: Der Drahtzieher, der „pakistanische Anführer“, der vier amerikanischen Kleinkriminellen, war ein Mann des FBI. Er hat die potentiellen "Terroristen", die in einem US-Gefängnis zum Islam übergetreten waren, angeworben, hat ihnen Stinger-Lenkwaffen und Sprengsätze verkauft, welche aber so manipuliert waren, dass sie nicht losgegangen wären, und hat sie dann den Polizeibehörden zugeführt.

William Swor, Mitglied des nationalen Verbands der Strafverteidiger der USA und einer der Anwälte, die "Terroristen" verteidigt, beschuldigt das FBI „frustrierten, verärgerten und an den Rand gedrängte Kleinkriminellen einen konkreten Aktionsplan verschaffe.“ (Zitat aus Tagi) Mehrere Prozesse gegen solche „Terroristen haben klar ergeben, dass „diese angeblichen Terroristen ohne das FBI weder zu Waffen gekommen wären noch einen konkreten Anschlagsplan entwickelt hätten.“

Selbst in den USA spricht man inzwischen bezüglich der Prozesse um vermeintliche Terroranschläge von einer "Counterterror Farce".

Die Verurteilung solcher "Attentäter" ist inzwischen in den USA schwieriger geworden. Swor hat einen „Terroristen“ herausgepaukt. In einem anderen Fall musste der Prozess mehrfach abgebrochen und die Geschworen ersetzt werden, bis ein Urteil zustande kam.

Rechtsexperten in den den USA, sehen gemäss Tagi in den aufgedeckten Fällen den Versuch, „die Terrorwarnung künstlich hochzuhalten“ und „eine abschreckende Wirkung zu erzielen.“

Ich unterstelle drei weitere Gründe:
1. Das Bedrohungsszenario des islamistischen Terrors muss offenbar mit allen Mitteln aufrechterhalten werden, um weiter eine Rechtfertigung für den Krieg in Af-Pak zu erhalten und
2. Die Bevölkerung wäre nicht mehr bereit, die gigntischen Sicherheitsmassnahmen, u.a. mit den endlosen Schikanen an Flugplätzen, zu akzeptieren, und das gesamte ebenso gigantische Sicherheitsbusiness würde zusammenbrechen.
3. Die Vereitelung der selbstinszenierten Anschläge rechtfertigt nicht zuletzt auch den riesigen Sicherheits- und Ueberwachungsapparat, den die US-Sicherheitsbehörden seit 2001 in Schwung halten.

„Vereitelte“ Anschläge werden aber bald nicht mehr reichen, um das Bedrohungsszenario glaubwürdig zu erhalten. Das FBI könnte in Versuchung kommen, eine der selbstinszenierten Aktionen nicht rechtzeitig zu „vereiteln“, sondern Gefahr laufen, sie stattfinden zu lassen.

Natürlich kommen mir dabei auch all die Bücher in den Sinn, die schon bezüglich der Mutter der Terroranschläge 9/11, Belege für die Verschwörungstheorie der amerikanischen Selbstinzenierung des Terrors gesucht haben.

Dienstag, 26. Mai 2009

Pakistan verstehen?

Foto: Dawn.com/White Star

Ich beschäftige mich zur Zeit regelmässig mit Pakistan. Ich versuche zu verstehen, was dort abgeht und vor allem warum.
Je mehr ich lese, desto weniger verstehe ich, vielleicht auch, weil ich nicht hinreisen kann.

Die drei Bilder aus Pakistan in diesem Beitrag (1 oben, zwei unten), die alle drei vor allem Frauen zeigen, manifestieren mein Nicht-Verstehen.

Foto: APP: Graduierung von Soldatinnen der Pakistanischen Armee

Foto: Dawn.com: Anti-Taliban-Proteste in er Provinz Punjab

Samstag, 23. Mai 2009

Die hässliche Fratze Amerikas

Bild: Prof. John Yoo

Barack Obama ist so etwas wie das Sonnen-Gesicht der USA – fast hätte ich geschrieben „das Schokolade-Gesicht“, aber das könnte in dem Fall politisch unkorrekt sein-, doch hinter dieser Positiv-Fassade scheint zur Zeit rund um die entlarvende Diskussion um die Folter auch wieder die hässliche Fratze Amerikas durch.

Da ist immer noch Dick Cheney, der Vize Bushs, der ganz offensichtlich Obama provozieren will. Das wirklich unmaskierte Gesicht des hässlichen Amerika ist aber ausgerechnet ein Secondo: John Yoo (Bild oben), 41 Jahre alt, als Kind mit seinen Eltern aus Korea in die USA eingewandert, heute Jura-Professor an der renommierten Berkeley-Universität. Im Justizministerium der Regierung Bush war er Mitglied des Rechtsrats. John Yoo ist einer der Verfasser jener Gutachten, die im »Krieg gegen den Terror« die Folter legitimierten. In perverser Detaillierung wurde festgelegt, was juristisch gerade noch nicht als Folter gelten könnte: wie viele Stunden Schlafentzug, die genaue Technik der Schläge, oder auch das berühmte Waterboarding.
Allerdings, schreibt Martin Klingst in seinem atemraubenden Yoo-Porträt in der „Zeit“, legt Yoo Wert auf eine weitere negative Verstärkung: „Selbst wenn diese Methoden Folter wären, dürfe der Präsident sie in Kriegszeiten gleichwohl anordnen.“
Das ist der springende Punkt: Krieg. Für die Bush-Administration befand sich die USA nach dem 9. September 2001 im Krieg. Im Krieg gegen den Terror. Und im Krieg – so die Logik - heiligt der Zweck die Mittel.
Und für John Yoo hat der Präsident in dieser Situation „so gut wie uneingeschränkte Macht.“ Mehr noch: „Gesetze, die den Präsidenten daran hindern, all jene Informationen zu erhalten, die er für notwendig erachtet, um die Vereinigten Staaten vor Angriffen zu schützen, sind verfassungswidrig.“ (zitiert nach "Zeit": "Schmerzfrei")

Harvard-Professor Jack Goldsmith, ehemaliger Kollege und privater Freund John Yoos, erinnert sich gemäss „Zeit“, „dass Yoo eine geradezu fanatische Liebe zu Amerika kultiviere. Wer die Vereinigten Staaten angreife, habe darum in Yoos Augen seine Rechte verspielt.“

Professor John Yoo ist kein besonders psychopathischer Fanatiker. Er steht in de USA keineswegs allein mit seiner arrogant US-zentristischen Haltung. Selbst demokratische Abgeordnete verweigern Obama die Gefolgschaft, wenn es um die nationale Sicherheit geht, konkret um die Folter und das völkerrechtswidrige Terrorgefängnis der USA in Guantanamo auf Kuba.
Martin Klingst schreibt: „Amerika ist tief gespalten ist in der Frage der Folter. Und in der Frage, ob John Yoo ein Patriot ist oder ein Advokat des Diktatorenrechts.“

USA steht ausserhalb internationalen Rechts
Breite Bevölkerungsschichten sind überzeugt, die USA seien besonders auserwählt (von Gott) und „Amerikas Gesellschaft, Verfassung und Rechtssystem seien außergewöhnlich. Doch diese Einzigartigkeit werde durch den Regelwahn der restlichen Welt bedroht, etwa durch internationale Verträge wie die Antifolterkonvention. Dem müsse Einhalt geboten werden.“

Diese Haltung auch der offiziellen USA ist nicht neu: Die USA weigert sich, die Kompetenz des internationalen Strafgerichtshofs (der UNO, u.a. Den Haag) bezüglich US-Soldaten anzuerkennen. Dort sollen die Milosevics, Haradinajs, etc. abgeurteilt werden, aber selbstverständlich sind sie nicht kompetent, über US-Bürger zu richten.

Signale der Arroganz
Präsident Obama warnt vergeblich: „Auf Dauer können wir dieses Land nicht sicher machen, wenn wir dafür nicht unsere fundamentalen Werte einspannen.“ (Tagi 22.5.)
Ich unterstelle Obama, dass er weiss, dass diese arrogante Haltung der grossen und kleinen John Yoos nicht nur eine Gefahr für die innere Sicherheit darstellt, sondern dass die führende Macht unserer Welt damit nicht zuletzt auch ein verheerendes Signal aussendet: Die moralischen (christlichen) Werte, die Amerika weltweit propagiert und Andersdenkenden notfalls auch mit Gewalt aufoktroyiert, gelten nicht für die USA selbst.

Die Glaubwürdigkeit der USA, die Legitimität ihres Anspruchs als Weltführungsmacht, wird damit untergraben. Die USA wird insbesondere in der nicht-westlichen Welt als skrupellose, nach uneingeschränkter Hegemonie strebende Macht wahrgenommen. Die ideologischen Werte wie Friede, Menschenrechte oder Demokratie werden als blosse Propagandavehikel zur Verwirklichung der hegemonialen, „imperialen“ Machtansprüche gewertet und entsprechend abgelehnt.

Mittelfristige Gefährdung der Sicherheit
In der Praxis des aktuellen Kriegs in Af-Pak torpediert deshalb die Diskussion um die Schliessung von Guantanamo und die dort angewandten Foltermethoden die Chance, den Krieg am Hindukusch zu gewinnen.
Schlimmer noch:
Die hässliche Fratze der arrogant-elitären Haltung breiter Kreise in den USA, die neben dem so positiven Gesicht Obamas durchscheint, befördert genau das, was die Yoos mit ihren menschenverachtenden Massnahmen eigentlich minimieren wollten: Die anhaltende Bedrohung der westlichen Welt durch terroristische Kreise.
Sie liefern den extremistischen, anti-amerikanischen Demagogen in der nicht-westlichen Welt eine Steilvorlage, eine drastische Bestätigung ihres Zerrbildes der USA, mit welcher sie die Masse der Frustrierten in ihren Ländern indoktrinieren und als militante Kräfte rekrutieren.

Fawaz Gerges schreibt in seinem Artikel „Al-Qaida at the crossroads“ (siehe Artikel Contextlink), nur „ein Wunder“ können den globalen Jihad der islamischen Extremisten noch retten. Das Signal, das die auf einer breiten Basis abgestützten Yoos aussenden, könnte dieses Wunder sein.

Barack Obama hat es wirklich nicht leicht.

Donnerstag, 21. Mai 2009

Al-Qaida: Unfähig zum globalen Jihad

"Al-Qaida befindet sich in einem Prozess der Selbstauflösung." "Die ursprüngliche Bedrohung (eines globalen Jihads; AM) der al-Qaida schwindet." "Fazit: Al-Qaida ist eher eine Sicherheitsbeeinträchtigung ("nuisance": auch im Sinne von "lästiges Aergernis") als eine strategische Bedrohung."

Das sind Schlüsselsätze aus dem Artikel "Al-Qaida today: A movement at the crossroad" auf dem Portal "OpenDemocracy" von Fawaz A Gerges, Dozent an der Sarah Lawrence Universität in New York und Autor verschiedener Bücher über islamischen Extremismus (zuletzt: "Journey of the Jihadist: Inside Muslim Militancy." Harcourt Press, 2006)

Gerges (Bild links) ist überzeugt, "nur ein Wunder kann den globalen Jihad wiederbeleben". Die Frage sei, ob Amerikas "Langer Krieg" (gegen den Terror; AM) Umstände schaffe, welche ein solches Wunder möglich mache. "Z.B. ein destabilisiertes Pakistan oder eine Eskalation der arabisch-israelischen Feindseligkeiten."

Gerges widerspricht damit fundamental der Analyse des US-Geheimdienstes CIA, welche auch die neue Afghanistan-Pakistan-Politik der US-Regierung ist. CIA-Direktor Leon Panetta (Bild rechts) wiederholt in einem Interview auf "Welt Online" genau dieselben Worte, die Präsident Obama bei der Vorstellung seiner neuen Af-Pak-Strategie gebraucht hat: Al-Qaida bleibt die größte Gefahr für Amerika und seine Alliierten. ... Das primäre Ziel der CIA ist deshalb, al-Qaida zu zerschlagen, aufzulösen und zu besiegen."

Fawaz Gerges untermauert seine These der Schwäche der Al-Qaida mit starken Argumenten:

Islamische Bevölkerung gegen al-Qaida
Internationale Umfrage-Agenturen haben in den letzten Monaten eine ganze Reihe von Befragungen zur Einstellung der Bevölkerung in der islamischen Welt gegenüber al-Qaida gemacht (Details siehe Artikel in OpenDemocracy), welche Gerges zusammenfasst:
"Einer überwältigenden Mehrheit der Muslime ist die Ideologie Osama Bin Ladens und seiner Gefolgsleute mehr als unsympathisch." Die al-Qaida sei Schuld an der schweren "Beschädigung des Images des Islams und der muslimischen Gesellschaften."
Alle diese Umfragen in der islamischen Welt von Arabien bis Indonesien zeige einen "neuen globalen Trend", der "Bände" (volumes) spreche, "über die moralische Diskreditierung der al-Qaida in den Augen der Muslime und über das generelle Scheitern des globalen Jihads."

Al-Qaida haben praktisch keinen Rückhalt mehr in der muslimischen Bevölkerung ausserhalb Europas. Insbesondere die "grausamen Attacken auf Zivilisten, speziell in muslimischen Ländern" hat al-Qaida gemäss Gerges "an den Rand der islamischen Gesellschaft relegiert, mit nur noch wenigen Verbündeten und unsicheren Rückzugsgebieten."
Dieser Verlust des Rückhalts in der muslimischen Bevölkerung habe "direkte Konsequenzen auf den Einflussbereich und die operativen Fähigkeiten der al-Qaida".

Nicht der "Krieg gegen den Terror" der alliierten Militär- und Polizeikräfte, sondern dieser neue "Mainstream der öffentlichen Meinung der Muslime wird sich als stärkste Waffe im Kampf gegen die al-Qaida und andere Terrorgruppen erweisen", schreibt Gerges.

Gefahr von Terror-Anschlägen bleibt
Die "Schwächung der al-Qaida" bedeutet aber gemäss Fawaz Gerges nicht , "dass sie nicht mehr gefährlich ist." "Terroranschläge durchgeführt durch einzelnen Zellen werden das nächste Jahrzehnt weitergehen." Diese "Realität", so schlimm sie sei -und diese Realität wird eben mit der "Vereitelung" eiens Anschlags in New York belegt -, dürfe aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die al-Qaida keine grundsätzliche strategische Bedrohung der westliche Welt mehr darstelle.
Al-Qaida verfügt gemäss den Recherchen und zahlreichen persönlichen Kontakten Gerges' mit ehemaligen al-Qaida-Leuten nach wie vor über eine gewisse Unterstützung in Zellen in Europa, "insbesondere bei jungen Muslimen, welche speziell entfremdet, ghettoisiert und anfällig für Indoktrination" sind. Aber es gebe auch hier deutliche Zeichen, dass die Unterstützung schwinde und viele Sympathisanten abspringen.

Die Gefahr, dass Osama bin Laden mit Hilfe des Internets oder einem Mobiltelefon aus seinem Versteck im gebirgigen Grenzgebiet von Af-Pak jederzeit einen Anschlag in der westlichen Welt befehlen könne, hält Gerges für "weit überschätzt".
Abgesehen davon, dass sich bin Laden wohl hüte, sein Handy überhaupt zu benutzen, weil er sonst binnen Sekunden geortet werde und von einer unbemannten Drohne der US-Armee bombardiert werde, spreche alles dafür, dass bin Laden schon seit einiger Zeit gar "keine operative Kontrolle" über die nur lose mit ihm verbunden Zellen habe. Gerges schreibt in seinem OpenDemocracy-Artikel: "Tatsächlich bedingt die Annahme, dass die al-Qaida unter enger zentraler Kontrolle stehe, physische Verbindung (zwischen den Zellen draussen und Bin Laden in den pakistanischen Bergen), die schon lange nicht mehr existiert."

Al-Qaida ist nicht gleich Taliban
Fawas Gerges ist aufgrund seiner eigenen jüngsten Erfahrungen und Forschungen auch überzeugt, dass der Einfluss der al-Qaida in Pakistan und Afganistan selbst überschätzt werde.
Al-Qaida sei "ein sehr kleines Element" in der Koalition der Kräfte, die gegen die fremden, westlichen Truppen in der Region kämpfe. Die Al-Qaida sei "eher ein Nebeneffekt, ein Parasit genährt von der herrschenden Gesetzlosigkeit und Instabilität als ein prägendes Element."

Die aktuelle Waffengemeinschaft der Taliban mit al-Qaida, welche im Wesentlichen aus Kämpfern bestehe, die nicht aus der Af-Pak-Region stammen, wird nach Einschätzung auch anderer Experten nur solange halten, wie sie die Paschtunen-Stämme als nützlich erachten. "Ein Abkommen mit den Paschtunen, welches die Taliban zurück in die Regierung bringt - so schmerzhaft und schwierig dies auch sein wird - wird wohl zu einer Ausweisung der al-Qaida und anderer fremden Militanten aus der Region führen."

Als "Schlüsselement" im Kampf gegen die al-Qaida empfiehlt Gerges den USA , die Paschtunen-Stämme und die al-Qaida nicht in einen Topf ("not to lump") werfen, sondern sie klar auseinanderzuhalten, wie man das die US-Armee erfolgreich im Irak in der Anbar-Region praktiziert habe.

Taliban keine Bedrohung für die Welt
Damit unterstützt Gerges eines der zentralen Elemente der neuen Counterinsurgency-Strategie der USA in Af-Pak. Vor allem aber macht er deutlich, dass die Taliban "nur" ein regionales Problem darstellen. Die Führer der Paschtunen-Stämme haben keine globalen Absichten. Ihr Ziel ist es, die fremden Truppe aus dem Land zu vertreiben und ihre persönliche Macht im eigenen Einflussgebiet zu stärken und nicht irgendwelche Terroranschläge in den USA oder in Europa zu verüben.

Sonntag, 10. Mai 2009

Was verstehen Sie unter dem Begriff Taliban?

Bild: WhiteStar/Fahim Siddiqui

Die weltweit bekannte indische Friedensaktivistin Arundhati Roy weilt zur Zeit in Pakistan. In einem Referat im Karachi Press Club hat sie sich unter anderem mit Fragen der drohenden "Talibanisierung" (zum Begriff Talibanisierung* siehe Ende dieses Beitrags) der gesamten Region gewidmet. Ich versuche eine Übersetzung eines Artikels in der englisch-sprachigen Online-Ausgabe der pakistanischen Zeitung "Dawn" (Dämmerung):

"Ich glaube, unsere Region ist schon (von der Talibanisierung) durchdrungen. Wir müssen sehr genau darüber nachdenken. In Indien gibt es zwei Arten von Terrorismus: einen islamischen und einen maoistischen Terrorismus. Aber wir müssen genau fragen, was wir mit dem Begriff Terrorismus meinen.
Ich bin hier in Pakistan um zu verstehen, was sie unter diesem Begriff verstehen. Wenn wir sagen, wir müssen die Taliban bekämpfen oder wir müssen sie besiegen, was heisst das? Ich versuche zu verstehen, was Sie meinen, wenn sie Talban sagen. Meinen Sie einen Militanten? Meinen Sie eine Ideologie? Was genau soll bekämpft werden?
Ich bin der Meinung, beides muss bekämpft werden. Wenn es eine Ideologie ist, muss sie anders bekämpft werden, als wenn es einfach eine Person mit einer Waffe ist.
Wir wissen aus der Geschichte des Kriegs gegen Terror, dass eine militärische Strategie die Sache nur noch schlimmer macht, auf der ganzen Welt. Der Krieg gegen den Terror hat die Welt gefährlicher gemacht. In Indien hat man seit 1947 Aufstände mit militärischen Mitteln bekämpft und Indien ist damit unsicherer geworden."


*Der Begriff "Talibanisierung" wird in den westlichen Medien auf die fortschreitende Machtübername der Taliban und die Islamisierung Pakistans verwendet. In den indischen Medien wird er breiter angewandt: im Sinne von religiöser Intoleranz, Machtübernahme einer religiösen Richtung, Auschaltung der (demokratischen) Rechte ud Gesetze. So sprechen Propagandisten der Nicht-Hinduparteien in Indien zum Beispiele von einer "hinduistischen Talibanisierung". Die christlichen Bischöfe in Indiens befürchten zum Beispiel, dass ein Sieg der nationalistischen Hindupartei BJP in den zur Zeit stattfindenden Wahlen zu einer "hinduistischen Talibanisierung" des Landes führen könnte.

Samstag, 9. Mai 2009

Af-Pak: Unrealistische US-Strategie (Up-date)

Bild: Centcom

Die neue Strategie der USA für Afghanistan ist gescheit und richtig. Es ist allerdings zu befürchten, dass sie zu gescheit ist für diejenigen, die sie in die Praxis umsetzen müssen: Die US-Militärs.

Der Vordenker der neuen US-Militärdoktrin und oberster Kommandant der US-Truppen für die ganze Grossregion Arabien/Zentralasien (Centcom), General David Petraeus, hat dem Herausgeber der Zeit, Joseph Joffe, ein weiteres spannendes Interview gegeben. Petraeus' Ideen sind grundsätzlich brillant, er ist differenziert und - natürlich - optimistisch. Aber auch er ist sich bewusst, dass die neue, im Irak in den letzen 3 Jahren angewandte Strategie eine "Kulturrevolution" (Zitat Petraeus) für die Militärs bedeutet.

Up-Date 11.5.09: Innerhalb der obersten Militärkreise und in der obersten Regierungspitze in den USA findet offenbar zur Zeit eine Diskussion über die Praktikabilität und die Richtigkeit der Petraeus-Strategie statt. U.a. wird auch darüber diskutiert, ob die aktuellen massiven Bombardements mit zahlreichen zivilen Opfern, der Hauptstossrichtung der neuen Strategie "Schutz der Bevölkerung" nicht diametral zuwiderläuft. Gen. David Petraeus hat gemäss einem Bericht von Stratfor jetzt davor gewarnt, Taktiken anzuwenden, welche "die strategischen Ziele der USA in Afghanistan untergraben". Nichts scheint mir offensichtlicher. Allein dass man darüber diskutiert, zeigt, dass die Militärs selbst nicht wirklich an Petraeus' Strategie glauben. Aber viel schlimmer noch: Wie Stratfor-Herausgeber Gorge Friedman schreibt, scheinen Präsident Obama und Verteidgungsminister gates nicht merh hinter der Strategie von Petraeus zu stehen. Das Desaster ist vorprogrammiert.

Das Zeit-Gespräch mit General Petraeus:

ZEIT: In der neuen Doktrin heißt es: Wer die moralische Legitimität verliert, der verliert den Krieg. Nur: Wie kann eine fremde Besatzerarmee je legitim sein?

Petraeus (Bild links): Man zeigt durch sein Tun, dass man da ist, um der Bevölkerung zu helfen – ihr Sicherheit zu geben, die Wirtschaft zu beleben, Schulen zu bauen, genau, was wir jetzt im Irak machen.

ZEIT: Eine Armee ist doch kein Wirtschafts- und Wohlfahrtsministerium.

Petraeus: Doch. Wir haben Reservisten, Bürgermeister, die wissen, wie man eine Stadt verwaltet. Ingenieure, die Zivilprojekte leiten.

ZEIT: Trotzdem: Die Aufgabe einer Armee ist es, zu töten, zu zerstören.

Petraeus: Das ist eben das Neue, die bemerkenswerte Verwandlung unserer Soldaten. Die haben wie die Teufel gekämpft. Kaum aber war der Feind besiegt, mussten sie Nation-Building betreiben. Am nächsten Tag die Grundversorgung sicherstellen. Lokalwahlen organisieren.


Kritik an Petraeus-Strategie

Petraeus ist überzeugt, diese Strategie sei im Irak erfolgreich gewesen und könne jetzt auch mit wichtigen Anpassungen in Afghanistan angewandt werden.
Natürlich ist er der Meinung, die Kritiker hätten unrecht, die behaupten, der Erfolg in Irak sei einzig und allein auf die massive Aufstockung der US-Truppe ("Surge") zurückzuführen. Die aktuelle, sich wieder akut verschlechternde Lage im Irak scheint anderen Kritikern Recht zu geben: Petraeus habe mit seiner Strategie, die Milizen der Sunni-Mullahs zu bewaffnen, die Voraussetzungen für die künftige grosse Katastrophe im Irak nach dem Abzug der US-Truppen (ab Juni 2009) geschaffen: ein grosser Bürgerkrieg zwischen den Schiiten und den Sunniten.

Petraeus weiss um die völlig andere Situation in Afghanistan, und dass er noch viele Tassen Tee trinken muss, um echte Fortschritte zu machen, aber Petraeus glaubt - hofft? -, auf seine Soldaten vertrauen zu können:
"... vergessen Sie nicht, wie viel Erfahrung wir inzwischen gesammelt haben. Die Truppe, die jetzt zur Verstärkung nach Afghanistan geht, hat schon vier Jahre im Irak gekämpft, davor in Bosnien. Es gibt keine Armee in der Welt, die so viel Erfahrung mitbringt, außer Teile der britischen."

Überforderung der Soldaten
Doch die bisherigen Erfahrungen mit der US-Armee in Afghanistan lassen nicht nur Obama und Gates, sondern auch aussenstehenden Beobachter am Optimismus von Petraeus zweifeln. Nicht nur die politische Lagebeurteilung Petraeus scheint zweifelhaft, sondern auch seine Einschätzung der Fähigkeiten der US-Truppen und ihrer Kommandanten, die äusserst anspruchsvollen Vorgaben der neuen Strategie in der komplexen, andern Realität in Afghanistan umzusetzen.
Das Beispiel der Katastrophe von Wanat (Bild oben FP Foreign Policy) im vergangenen Juli in Ostafghanistan, wo eine ganze Einheit von US-Soldaten in einem Aussenposten - gemäss der neuen Strategie - verheizt wurde, zeigt, dass die Strategie schon für viele Truppenkommandanten eine Überforderung darstellt. Noch grösser sind die Zweifel, dass die gewöhnlichen Soldaten fähig sind, die Anforderungen der Strategie zur erfüllen. Nicht zuletzt deren wirklich militär-kultur-revolutionäre Forderung der "kulturellen Sensibilität".

Christliche Gotteskrieger
Zu den am häufigsten angeklickten Videos auf Al-Jazeera zählt zur Zeit die Predigt des obersten Militärpfarrers der US-Armee in Afghanistan, Oberstleutnant Gary Hensley in Bagram, einer der grössten US-Militärbasen in Afghanistan. Der evangelikale Fundamentalist Hensley heizt seinen uniformierten Schäflein ein: "Die Jungs von den Spezialeinheiten - sie jagen Männer. Wir tun dasselbe als Christen, wir jagen Menschen für Jesus. Wir tun es, wir jagen sie." und: "Schickt den Himmelhund aus nach ihnen, so werden wir sie ins Königreich bekommen."
Auf dem Boden der US-Militärkapelle: Ein Stapel Bibeln, übersetzt auf Pashtu, die Sprache der meisten Afghanen, die Sprache der Taliban.



Gerne wüsste ich, ob General Petraeus angesichts solcher Vorfälle, die mit Sicherheit nicht einfach als Einzelfälle abgetan werden können, nicht auch von Albträumen geplagt wird.

Eine Strategie kann nur so gut sein, wie die Leute, die sie umsetzen. Ich fürchte, da bleibt wirklich nur das Beten.

Freitag, 10. April 2009

Blut-Smaragde aus der Schweiz Asiens

Bilder: alle von www.fieldgemolgy.org

Die Taliban haben sich neue Geldquellen (neben dem Opium-Handel) zur Finanzierung ihrer Kriegskosten im Kampf gegen die USA (und die pakistanische Regierungsarmee) gesichert. Wie auch andernorts wird der Krieg in Af-Pak nicht zuletzt durch Rohstoffe finanziert. Was in Sierra Leone, Angola oder dem Kongo die Blut-Diamanten sind ( Global Witness hat 1998 die Welt mit ihrem Bericht "Rough Trade" schockiert, ein starker DOK hat 2007 die Geschichte der Blutdiamanten nacherzählt), sind in Af-Pak die Blut-SMARAGDE.
Ende März haben Taliban-Kämpfer der TNSM (Tehreek-e-Nafaz-e-Shariat-e-Mohammadi = Bewegung zur Durchsetzung der Sharia) des Taliban-Führers Maulana Fazlullah die Smaragd-Minen von Mingora im Swat-Tal, der "Schweiz Asiens", in ihre Gewalt gebracht und sofort mit deren Ausbeutung begonnen. Vereinzelt wurde auch in den westlichen Medien darüber berichtet.
Im vergangenen Herbst hat Fazlullah gemäss dem indischen Politik-Institut IPCS zusammen mit dem verbündeten Taliban-Führer Baitullah Mehsud bereits die Smaragdminen von Fiza Ghat weiter oben im Swat-Tal erobert.
Diese Smaragdbergwerke rund um den Swat-Hauptort Mingora (Bild links) wurden bis anhin vom pakistanischen Staat kontrolliert. Eine Konzession für die Ausbeutung der Minen rund um die Stadt Mingora im Swat-Tal, hatte die amerikanische Bergbaufirma Luxury International inne, welche sich aber im vergangenen Sommer aufgrund des Bürgerkriegs zwischen der pakistanischen Regierungsarmee und den Taliban aus dem Gebiet zurückgezogen und die Minen stillgelegt hat. Die Taliban machen jetzt gemäss BBC geltend, dass sie mit der wieder Inbetriebnahme der Minen rund 1000 Menschen im Tal wieder Arbeit zu geben.
Oppositionelle Kreise in Pakistan behaupten, der pakistanische Geheimdienst ISI habe die Minen den Taliban zugehalten, um ihnen eine Finanzierungsquelle für den Krieg in Afghanistan zu bieten. (Hintergrund Pakistanischer Geheimdienst - Taliban siehe Contextlink-Beitrag "Obama und der Kampf um die Seidenstrasse").

Seit einiger Zeit sind die Taliban im Swat-Tal auch aggressiv in das Holz-Business eingestiegen, wie domain-b.com schreibt.

Auch im Norden Afghanistans haben die Taliban ihre Hand auf den Smaragdbergbau und - Handel gelegt. Im Panjshir-Tal, nördlich der NATO-Basis Bagram, wo zusammen mit den Amerikanern auch deutsche Bundeswehr-Einheiten stationiert sind.

Spannende fachspezifische Hintergründe zu den Smaragden aus Af-Pak liefert fieldgemology.org, eine Reiseorganisation für Diamantenfreunde, deren Experten 2006 eine Reise zu den Bergbaustätten im Swat- und Panjshirtal gemacht haben. Aus dem dazugehörigen Bericht stammen auch all die exklusiven Fotos in diesem Contextlink-Beitrag.
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