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Donnerstag, 3. Januar 2013

Pakistan: düstere Perspektive 2013

Seit einigen Jahren bildet Pakistan eine Art Kulisse für den auch medial inszenierten „Clash of Civilisation“.
Die spektakulärsten Bilder fanatisierter Islamisten an Hassdemos gegen den Westen stammen meist aus Pakistan; hier richten „Gotteskrieger“ ungestraft Schulmädchen hin, die ihr Recht auf Bildung wahrzunehmen versuchen; Pakistan ist das Land, das Osama bin Laden jahrelang Unterschlupf geboten hat; hier befinden sich die Ausbildungslager, in denen auch militante Islamis­ten aus Europa ihr Terrorhandwerk lernen; und: Pakistan hat die «Islamische (Atom-)Bombe».

Die „Islamische Republik Pakistan“ mit ihren rund 180 Millionen Einwohnern ist zur Inkarnation des Feindbilds Islam geworden. Und es spricht leider Einiges dafür, dass das Land auch 2013 eine ideale Fläche zur Projektion unserer Vorurteile und Ängste bieten wird.

Dabei haben wird alle keine Ahnung von Pakistan. Das Land ist längst hinter den Feindbildern verschwunden.

Samstag, 8. Oktober 2011

Kampf um Aufmerksamkeit für Afrika

George Clooney in Südsudan (Bild Enough Project)
In diesem Beitrag geht es um PR. Ich erlaube mir deshalb, eines der besten PR-Mittel für ein Publikation voranstellen:
Dieser Post ist nicht geeignet für unter 18-Jährige.
Ich habe selber schmerzhaft erfahren müssen, wie schwierig es ist, in einem Mainstream-Medium eine "Geschichte" aus Afrika zu platzieren.

Samstag, 18. September 2010

Gendercide

Bild von ForeignPolicy Blog
"Allein in den letzten 50 Jahren sind weltweit mehr Mädchen getötet worden, nur weil sie Mädchen waren, als die Gesamtzahl aller Männer, die in den Schlachten des 20. Jahrhunderts zu Tode gekommen sind."Dieses Zitat aus den zahlreichen exzellenten Artikeln der neusten "Zeit" ("Das Kopftuch der Moderne"; noch nicht online verfügbar), stösst mich auf ein Thema, dem ich mich widmen muss und das ich auch sogleich weitergeben muss:
Gendercide.

Der schockierende Vergleich stammt aus dem eben erst auf deutsch erschienenen Buch "Die Hälfte des Himmels. Wie Frauen weltweit für eine bessere Zukunft kämpfen" (BeckVerlag) des amerikanischen Autorenehepaars Nicholas D. Kristof und Sheryl WuDunn. "Dieses Buch ist ein Ereignis" hat die FAZ  in ihrer Rezension vor zehn Tagen geschrieben.
Eine kurze Internet-Recherche bestätigt dies: Als das Buch vor einem Jahr in den USA erschien, sorgte es für ein Riesenaufsehen. Die New York Times widmete dem "Manifest" des Pulitzerpreisträgers Kristof und WuDunn ein ganzes Magazin. Und die Diskussion, die breite Unterstützung, für die Botschaft des Buches, dieses "Kompendium über das Martyrium von Millionen Frauen" reisst nicht ab. Eben erst hat auch der britische Guardian wieder einen erschütternden Artikel dazu veröffentlicht: "Half the Sky: how the trafficking of women today is on a par with genocide."

Dort finde ich auch einen weiteren schockierenden Vergleich: Heute werden 10-mal mehr Frauen gehandelt als früher Sklaven (zur Zeit des Höhepunkts des Sklavenhandels 1780).  The Guardian zitiert Sheryl WuDunn:

"When you hear that 60 to 100 million females are missing in the current population, we thought that number compares in the scope and size. And then you compare the slave trade at its peak in the 1780s, when there were 80,000 slaves transported from Africa to the New World, and you see there are now 10 times that amount of women trafficked across international borders, so you start to think you are talking about comparable weight."

Das Martyrium der Frauen hat viele Gesichter, weltweit: Von der Mädchentötung (Schwerpunkt China) oder der systematischen Vernachlässigung (z.B. keine Impfungen) über die Genitalverstümmelung bis hin zu Zwangsheirat und Frauenhandel. Eine eigene Homepage"Gendercide Watch" sammelt die greifbaren Horror-Geschichten weltweit.

Also: Buch lesen. Weiter drüber nachdenken. Und dann?

Eben hat die dänische Homepage Reden  ("The Nest International is an organisation which fights against women trafficking") diese starke Grafik zum Thema veröffentlicht:



Dienstag, 17. November 2009

Gastbeitrag aus Brasilien 3***: Bürgerkrieg

*** Adrian Zschokke - Kameramann, Filmproduzent, Schriftsteller - weilt zur Zeit in Brasilien. Er nimmt eine Auszeit, um ein neues Buch zu schreiben. Manchmal schreibt er mir ein Mail, das ich dann mit seinem Einverständnis in meinen Blog stelle. Danke, Adrian.

*******************
lieber andy

hier haben wir seit anfang jahr über 3000 tote. opfer von gewaltverbrechen, nicht inbegriffen sind die normalen verkehrsunfälle, meningitisfälle und sonstige natürliche todesursachen. am letzten wochenende waren es 39. und man merkt nichts davon. wenn ich ich nicht regelmässig die zeitung läse, würde ich es nicht einmal ahnen.
du warst ja auch in kriegsgebieten. schien dir das nicht auch immer so unwirklich, dass man in belgrad oder zagreb sass, während 40 oder 100 km weiter geknallt und geschlachtet wurde.
und jetzt kommt eine gruppe Cuisine sans frontieres aus der Schweiz,
die hier suppenküchen baut in den favelas, und irgendwie nervt mich das.
ich weiss gar nicht recht wieso ich eigentlich diese sympathie für lula hege. aber immerhin hat er programme lanciert, mit denen er den hunger bekämpfen will, die armut, die bildungsprobleme und sie greifen… natürlich nicht so schnell, wie man es auch angehen könnte, aber mir kommt bei so hilfswerken immer mehr die afrikanerin in den sinn, die das buch "dead aid" geschrieben hat, dambisa moyo.
wir sind einfach noch immer die arroganten schweizer, die wissen wie die suppe zu kochen ist. wahrscheinlich sind das alles nette kerle, ich kenne den einen von ihnen, ein alter tim, der auf allen hügeln seine suppentöpfe rührt.
interessant auch, wie die mittelklasse überall auf immer die selbe weise auf solche programme gegen die armut wettert. die wollen nicht mehr arbeiten, klar, ist ja am bequemsten, wenn man alles gratis erhält, und dergleichen gehässigkeiten mehr. ich frage mich dann immer, ob es je einen, der angeblich so unter steuerlast gelitten hat, gegeben hat, der freiwillig in diese armut abgetaucht ist, wo ja dann alles so bequem sein soll….
daneben sitze ich am strand, am sonntag ists grossartig. porto de barra, scheints einer der 10 schönsten strände der welt, ist umgeben von zwei forts, die weiss und uneinnehmbar auf kleinen hügeln stehen, wenn du da durch die dicke mauer trittst in ein unscheinbares und ziemlich popeliges museum, kommst du in eine überirdische stille, die, sobald du wieder nach draussen trittst, überfallen von sengender sonne und fröhlichem geschrei, gehupe, gequietsche.

wenn die flut die bucht schmälert, bis du nur noch etwa 1 meter sand hast, siehts am sonntag eben so aus. dicht an dicht, man trinkt bier, man isst crevettenspiesse, käsespiesse, acarajé, man trinkt kokosnuss, kokakola oder wasser, man wird eingeölt, sofern man möchte, kriegt einen hut, ein tuch, ein bikini, einen stuhl, sonnenschirm, alles... mit freundlichster miene, ohne lästig zu werden. es ist fast nicht zu glauben. wenn ich an sierra leone denke bspw. wo du am ende mehr oder weniger davonläufst, weil alle dir aggressiv etwas verkaufen wollen, hier ist es ein angenehmer basar. obschon eben salvador ein rauhes pflaster ist, am strand kann man ruhig sein, ich kann meinen fotoapparat mitnehmen, mein handy und schwimmen gehen und niemand rührt etwas an. vielleicht ein ungeschriebenes gesetz.

gegensätze. müsste man thematisieren können, oder.

heut abend kommt tom wolfe, hält einen vortrag hier, mal sehen ob er mir was zu sagen hat, so von schriftsteller zu schriftsteller :-)

gruss
a

Sonntag, 25. Oktober 2009

Wir Menschen: Von Natur aus Böse

Das sensationelle Bild ist eine Illustration des Schweizer Designers Markus Roost für die aktuelle Printausgabe der "Zeit" . Abgeknipst von mir, deshalb auch in schlechter Qualität, die ich aber in Kauf nehme, weil das Bild einfach stark ist.

Das Böse hat mich in Contextlink schon mehr beschäftigt ("Radovan Karadzic: AUCH ein guter Mensch?" und "Wir sind alle verführbar")
Jetzt bewegt mich ein Artikel in der neusten "Zeit" (44/2009 S. 37ff.) "Die Wurzel des Bösen". Es ist auch ein Bericht von der Jahreskonferenz der Academia Engelberg vom 14. bis 16. Oktober "Gewalt in der menschlichen Gesellschaft". "Zeit"-Autor Stefan Schmitt destilliert aus den Inhalten der Versammlung (und wohl aus vielen eigenen Recherchen) eine Art "Nacherzählung der Aggressionsgeschichte unserer Art" heraus:

Schon die letzten gemeinsamen Vorfahren von Schimpanse und Mensch vor rund sechs Millionen Jahren seien "Wesen mit einem aussergewöhnlichen Aggressionspotential" gewesen. Das Böse, die Gewalt, die Aggression gehört damit zum biologische Erbgut von uns Menschen.
Spätestens mit der Entwicklung der Fähigkeit des Menschen zur jagen, "genossen aggressive Individuen einen entscheidenden Überlebensvorteil."
Dass auch die Nächstenliebe evolutionsgeschichtlich aus der Boshaftigkeit entstanden ist, gilt als wissenschaftlich gesichert.

Gewalt als Kulturgut der Menschen
"Gegen andere gerichtete bösartige Handlungen wurden zum Bestandteil vieler Kulturen", schreibt Schmitt. " Davon zeugen noch Berichte aus moderner Zeit, in denen von Kannibalismus, Kopfjagd, Folter, systematischer Verstümmelung und Vergewaltigung unter Urvölkerung die Rede ist." Die Grausamkeit war ein strategisches Mittel unser Urahnen zur "Abschreckung von Feinden, Stärkung eigener spiritueller Kräfte, Zugriff auf Ressourcen".

Aktuelle Realität im Kongo
Mich frappiert die unmittelbare Parallelität dieser wissenschaftlichen Analyse archaischer Gesellschaften mit der alltäglichen Realität im heutigen Kongo. In einem Video des Youtube-Channels nnger4life, schildern junge Milizionäre, warum sie regelmässig und systematisch Frauen vergewaltigen:

Bevor jetzt bei den LeserInnen auf Grund der schlimmen Momentaufnahme aus dem Kongo rassistoide Reflexe aufkommen wie "besonders primitive Menschen" oder ähnliches, bitte ich dies zu Bedenken:
Die Gewalt als "Normalität" des Kriegs
Vergewaltigung - wenn vielleicht auch nicht so häufig und systematisch wie im Kongo - gibt es seit Menschengedenken in allen Kriegen: Auch die Alten Eidgenossen waren schlimme Vergewaltiger, die Deutschen haben es im 2. Weltkrieg getan, die Amerikaner in Vietnam, die Serben, Kroaten und Bosniaken ..... Die Vergewaltigung ist nicht die Ausnahme im Krieg, sondern eher die Regel. Aber sie ist nicht nur einfach "Normalität" - ich tue mich schwer, den Begriff zu schreiben, wenn ich allein an die 5400 Frauen im Kongo denke, die allein in diesem Jahr bisher vergewaltigt worden sind -, sondern eben auch ein "strategisches Mittel" zur Verbreitung von Terror, ein Mittel zur ethnischen Säuberung und nicht zuletzt ein Mittel zur Demütigung des Feindes, der Demonstration der absoluten Macht, dem "Recht" die eigenen Gene weiterzugeben.

Das Böse ist, wie wir alle wissen, auch in den modernen Gesellschaften nicht auf den Krieg beschränkt. Der Krieg bringt diese Eigenschaft des Menschen nur besonders nackt zu Ausdruck und schafft ein Umfeld, in dem Menschen ihr böses Naturell ausleben bei reduziertem Risiko, dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden.

"Das Böse ist des Menschen beste Kraft"
Zynisch hat schon Friedrich Nietzsche im Zarathustra festgestellt: "Das Böse ist des Menschen beste Kraft". Der Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie der Charité, Hans-Ludwig Kröber, kommt mit Blick auf seine 25-jährige Erfahrung mit Straftätern im Interview mit der "Zeit" (Printausgabe 44/2009 S. 39) zum Schluss: "Man muss kein Böser Mensch sein, um böse Taten zu begehen". Wie schnell "gute" Menschen zu bösen Tätern werden können, hat Philip G. Zimbardo in seinem berühmte Experiment im Gefängnis von Stanford in aller Deutlichkeit gezeigt.

PS:
Zimbardo bietet übrigens eine neue Definition des Bösen an: "Evil is knowing better, but doing worse". Böse ist, wer wider besseres Wissen schlecht handelt. Damit kommt eine ganz neue Dimension des Böse-Seins, der Ausübung von Gewalt in Sicht, die in der modernen, globalisierten Zivilgesellschaft sehr aktuell ist, aber von uns Menschen noch gar nicht richtig als Böse wahrgenommen wird und die herkömmlichen Grenzen unserer Moral sprengt: Z.B. die Umweltzerstörung.
Gemäss der Definition von Zimbardo, bin ich also Böse, wenn ich weiter mit meinem SUV durch die Gegend fahre.

Zu Schluss füge ich noch M.C. Eschers berühmtes Bild "Der Zauberspiegel" des holländischen Künstlers M.C. Escher an. Wer sieht die Engel? Wer die Teufel? Gut oder böse?

Samstag, 25. Juli 2009

Steven Gerrard, Sportler. KEIN Vorbild.

Ein Gericht in Liverpool hat Steven Gerrard (29) freigesprochen. Gemäss den Medienberichten hat ihm das Gericht abgenommen, er habe damals im Dezember bei der Schlägerei in einer Bar in Southport im Liverpooler Norden nur "aus Notwehr" zugeschlagen.

Wohl niemand glaubt im Ernst, dieses Urteil im Falle des Liverpool-Stars und Kapitäns der englischen Fussballnationalmannschaft sei gerecht. Die Bilder der Überwachungskamera in der Bar zeigen gemäss den offiziellen Auswertungen etwas anderes - auch wenn nicht wirklich viel drauf zu sehen ist. (Siehe Video am Schluss dieses Contextlink-Beitrags). Vor allem aber: Noch vor wenigen Tagen wurden Gerrards Kumpels, mit denen zusammen er die Keilerei mit einem DJ ausfocht, schuldig gesprochen. Sie hatten die Beteiligung an der Schlägerei auch zugegeben.

Die ganze Geschichte ist schädlich für den Sport. Die Signale, die an die Gesellschaft und speziell an die Fans gesendet werden, sind unschön und schlecht:
  • Das Gericht bestätigt einmal mehr: Einige sind gleicher. Gesetze, gesellschaftliche Werte gelten nicht für alle. Man muss nur gross, wichtig, mächtig genug sein. Warum sollen die Jungen Respekt haben vor einem Gesetz und ihren Exponenten, den Polizisten, wenn sie sehen, dass die Gesetze, denen sie sich unterwerfen sollen, biegbar sind?
  • Steven Gerrard ist ein Held der Massen, ein Vorbild insbesonderer für viele Fans. Ihre gelegentlichen Prügeleien werden durch sein Verhalten legitimiert. Steven Gerrard ist ein schlechtes Vorbild. Sein offiziell geäussertes Bedauern vor Gericht empfinden viele seiner Fans mit Sicherheit einfach als nötigen Bückling gegenüber der Obrigkeit, wie sie das auch immer machen, wenn sie sich unterlegen fühlen.
  • Offenbar ist sich Steven Gerrard seiner Verantwortung als Vorbild nicht wirklich bewusst. Wie ein Teil der britische Medien, die ihn als "gewöhnlichen", "normal"-gebliebenen britischen Jungen feiern, hat der Kapitän der englischen Nationalmannschaft nicht begiffen, welche Rolle er spielt, und welche Verantwortung er damit trägt. Menschlich mag man geneigt sein, ihm zu verzeihen, aber dann müsste er die Grösse haben, hinzustehen und zu sagen: "Ja, ich habe Scheisse gebaut", das Gericht müsste ihn verurteilen und er müsste büssen, genau wie seine Kollegen. DAS wäre ein Signal an die Fans: Wer gegen Werte der Gesellschaft verstösst, muss bezahlen. Niemand steht ausserhalb der Normen und Gesetze, nicht einmal ein Fussballgott. So hätte Steven Gerrard, trotz seines Fehltritts, ein Vorbild sein können. Er hat versagt.
  • Dass die Fans Steven Gerrard dieses Jahr zum Fussballer des Jahres gewählt haben, obwohl öffentlich bekannt war, was er getan hatte und dass ein Prozess gegen ihn lief, ist ein sehr schlechtes Zeichen.
  • Noch übler ist, dass es der englische Fussballverband (FA) war, der diese Wahl in einer Online-Abstimmung bei den Fans durchführt hat. Dass der Verband kein Wort zur Problematik - immerhin ist Gerrard der Kapitän des Nationalteams - verliert, zeugt von der Ignoranz und der Verantwortungslosigkeit der Fussballfunktionäre.
  • Schwerst versündigt haben sich nicht zuletzt auch die Journalisten. Nicht nur mit ihrer wohlwollenden Berichterstattung über den ach so "normalen" Steven, der verzeihlicherweise mal zugelangt hat wie ein Durchschnittsbrite. Die Vereinigung der Fussball-Journalisten Englands hat Steven Gerrard, während der Prozess noch lief, zum Fussballer des Jahres 2009 gewählt!

Freitag, 10. Juli 2009

Freiheit und Lust in und an der Gewalt

Ich habe es immer als Privileg empfunden, in eine Zeit, einer Region geboren worden zu sein, in der Friede und nicht Krieg herrscht, in einer Gesellschaft leben zu dürfen, die einigermassen zivilisiert und gefestigt ist. Dieses Privileg verschont mich nicht nur mit einiger Wahrscheinlichkeit davor, Opfer einer Gewalttat zu werden, sondern auch, selbst zum Täter zu werden.

Mit Blick auf die sich häufenden Gewaltexzesse insbesondere junger Täter, sei es im Rahmen von Fussballspielen oder einfach im Bus in die Stadt oder bei der Klassenfahrt in München, muss ich allerdings befürchten, dass dieses Privileg zumindest gefährdet ist. Und wenn ich den Artikel von Wolfgang Sofsky, „Der grausame Charakter“, heute im "Tagesanzeiger" lese, mache ich ganz direkte Bezüge zu meiner unmittelbaren Umwelt, zur Schweiz, zu mir selbst. Ich stelle erstaunt fest, dass auch mein subjektives Sicherheitsgefühl hier in der Schweiz kleiner geworden ist.
Ich wechsle heute auch in der Schweiz schon mal die Strassenseite, wenn mir nachts in der Stadt zwielichtige Gestalten entgegen kommen. Oder ich schaue im Nachtbus stur weiter unbeteiligt zum Fenster hinaus, selbst nachdem mir ein 15-Jähriger vor die Füsse gespuckt hat.

Sofkys Artikel im Tagi ist ein Ausschnitt aus seinem neuen Werk „Das Buch der Laster“, das Ende August auf den Markt kommen soll. Sofsky variiert darin sein ständiges Thema: Gewalt, speziell die Folter. Was Sofsky besonders spannend macht: er interessiert sich nicht nur für die Opfer, sondern meist mehr für die Täter.
Wie schon in seinen früheren Büchern (u.a. "Traktat über die Gewalt“ oder „Zeiten des Schreckens“) ist bei Sofsky fast jeder Satz einfach schrecklich: schmerzhaft drastisch und konkret. Unerbittlich konsequent analysiert er die Gewalttaten und leuchtet tief in die Abgründe - auch in die Abgründe unserer/deiner/meiner Seele. Für Sofsky sind Gewalttäter nicht einfach Monster oder Opfer besonderer Umstände oder der Geschichte. Gewalt ist für ihn eine „anthropologische Konstante“. Wir Menschen sind so. Auch Sie, Du und ich sind zu Taten fähig, die wir im Normalfall nicht einmal zu denken wagen.

Leider wurde der Print-Artikel vom Tagi nicht ins Internet gestellt. Hier, die für mich wichtigsten Ausschnitte:

Einem Gewalttäter geht es laut Sofsky vor allem um die Ausübung, um das Erleben von Macht:
„Grausamkeit zielt auf vollkommene, totale und absolute Macht. Sie sucht alle Gegenwehr zu zerstören und dem Opfer die Fähigkeit zu rauben, Nein zu sagen. Sie spielt mit seinem Schmerz, zersprengt seinen Eigensinn, nimmt ihm den Willen und am Ende auch das Leben.“

Wobei, gemäss Sofsky, das Töten nicht das Ziel, sondern „für den Handwerker der Macht“ ein „Kunstfehler“ ist: „Mit dem Tod entgleitet ihm das Opfer. Nur solange es am Leben bleibt, dauert die Macht an. Wie es ihm gefällt, kann er den Menschen schänden und schinden, mit Wörtern und Schlägen, mit Gesten, Geschrei, Gelächter und Gewalt.“

Natürlich reflektiert hier Sofsky vor allem über die Folter, den Folterknecht und sein Opfer, aber die Situation, die Gefühlslage des Täters gilt genauso für einen jugendlichen Schläger, der auf ein hilfloses Opfer eindrischt. Auch die Situation des Opfers ist dieselbe:

„In der Hilflosigkeit des Opfers liegt der Genuss der Grausamkeit. ... Die wirksamste Methode ist der Schmerz. Ein wohlgezielter Schlag unterwirft die gesamte Person, überschwemmt ihre Empfindungen, tilgt die Selbstdistanz. Im zappelnden, wimmernden Schmerzbündel mutiert der Mensch zur Kreatur. ... Wer diese Metamorphose herbeizuführen vermag, der beherrscht den anderen vollständig. Nach Belieben kann er Schmerz an- oder abschalten, verstärken und verringern. Das Opfer ist ganz in seiner Hand.“

„Grausamkeit löst sich von allen Normen und Zielen. Sie ist kein Mittel zum Zweck, sondern Selbstzweck. Sie will nicht erpressen, strafen, vergelten, sondern sich selbst steigern. ... Sie anerkennt weder Regel noch Mass. Sie will nur sich selbst, die absolute Freiheit der Willkür.“

Sofsky spricht auch in seinen älteren Büchern in Zusammenhang mit absoluter Gewalt immer von einem "Gefühl der Freiheit" der Täter und/oder von einer „Emanzipation von der Moral“. Normen, Verpflichtungen, moralische Einschränkungen werden abgelegt. „ Die Fantasien des Bösen sind an keine Erfahrungen gebunden. Hemmungen und Regeln werden einfach abgeschüttelt.“
In der Grausamkeit der Tat entwickelt der Täter gemäss Sofsky eine spezielle „Kreativität“. Immer neue Formen der Peinigung entwickelt er. Diese Kreativität „öffnet die Schleuse für die Wonnen des Bösen. ... Die Laster, die er verschämt in sich verborgen hat, holt sie ans Tageslicht. Sie reizt seine Spielfreude, seine Selbstsucht, seine Lust an der Bestialität.“

„Die Emanzipation von der Moral bedeutet nicht, dass Grausamkeiten nur aus Perfidie oder Bösartigkeit begangen werden. Die wenigsten Menschenschinder handeln aus bewusster Immoralität.“ „Sie begeistern sich an der Machtaktion und nicht an deren amoralischer Qualität.“

„Die neue Freiheit hat ihren eigenen Reiz. Sie erspart Schuld und Scham, Mitgefühl und Selbstkontrolle, Verantwortung und Pflicht. Recht und Unrecht müssen nicht länger bedacht werden. Es ist wie das Abwerfen von Ballast. Daran kann das Gattungswesen rasch Gefallen finden. Der Grausame muss nicht mehr nachdenken, sich beherrschen, gegen sich ankämpfen. Endlich kann der Mensch seinen tiefen Riss in der Konstitution überwinden. Er kann einfach tun, was er will. Daher wird die Grausamkeit rasch zur lieben Gewohnheit, die auf Wiederholung drängt.“
Die Untat kann „mit Ekel, Stolz oder Geltungsdrang, mit Abenteuerlust und Langeweile, mit Berechnung oder Beflissenheit“ verbunden sein. „Unter den Lastern animiert sie – neben der Hochmut und der Untertänigkeit – vor allem die Feigheit zur Grausamkeit.“
„Der Feigling will nicht streiten und kämpfen, nicht mit Ebenbürtigen sich messen. Nur wenn er sich ganz sicher ist, wagt er sich aus der Deckung. ... In der Horde fühlen sich die Feiglinge stark.“

Täter fühlen sich oft gedeckt durch Hierarchien oder Gemeinschaften (Soldaten, Hooligans). „Die Täter sind grausam aus Gedankenlosigkeit, Willensschwäche oder Pflichtgefühl, aus Fügsamkeit oder Zügellosigkeit.“
Und:
„Was ihre moralische Ausstattung betrifft, unterscheiden sie sich keinen Deut vom gesellschaftlichen Durchschnitt.“


Uebrigens noch etwas Positives auf einer ganz anderen Ebene:
Mit dem Sofsky-Artikel setzt der Tagesanzeiger ein erfreuliches Zeichen: Es gibt noch wirklich lesenswerte Beiträge in der „Wüste der Beliebigkeit“ der Schweizer Medienlandschaft.

Mittwoch, 10. Dezember 2008

Hooligans


Mich frappiert seit einiger Zeit die Aehnlichkeit der Phänomene Hooligans/gewalttätige Fans, Soldaten/Marodeure. Und in dieses Bild passen auch die gewalttätigen Jugendlichen in Athen.

Jetzt hat weltonline.de einen Artikel mit dem Titel "Jugendkultur" über die Forschungsarbeit des britischen Autors ("Punkchronist") Jon Savage veröffentlicht, der doch einigen theoretischen Hintergrund bietet und meine Ueberlegungen stützt. Auch die "Zeit" hat zum Thema einen Hintergrundartikel geschrieben mit einem Titel, der für all diese verschiedenen Erscheinungsformen desselben Phänomens "Jugendgewalt" Gültigkeit zu haben scheint: "Wut, Frust, Lust".
Auf der Basis einer im Frust geborenen Wut des Aufbegehrens gegen alles Obrigkeitliche, gegen das Establishments, die Welt der Erwachsenen und jede Ordnung, manifestiert sich bei einer eigentlich beliebigen Gelegenheit nicht nur anarchische Gewalt, sondern immer auch die pure Lust an der Gewalt. Die Lust, sich zu spüren, unmittelbare Wirkung zu erzielen.

Savage wagt auch - was ich bisher stark empfunden, aber nicht gewagt habe zu schreiben - die Paralleln zwischen dem "normalen" Hooliganismus" und der Gewalt im Krieg zu zeigen.

Es ist wohl naheliegend, dass die Jugendlichen in den Strassenschlachten in Athen dieselben Sensationen erleben wie die Fussballhooligans im Tränengasnebel der Basler Polizei: Sie sind vollgepumpt mit Adrenalin in einer Mischung aus Aggressivität, Euphorie und Angst. Dazu kommt ein starkes Gefühl der Identifikation mit anderen Mitgliedern der Gruppe und die bedingungslose Unterordnung unter die Führerschaft einzelner informeller Chefs. Es ist eine Art Rausch, mitreissend, irgendwie losgelöst. Das alte Wort "Raserei" passt auch, das, was die Römer "Furor" genannt haben. Peter Sloterdijk spricht von der "thymotischen Energie" von aufgestautem Frust, der sich mit der Zeit anreichert und bei Gelegenheit als verhehrender, rächender Zorn ausbricht.
In diesem Zustand sind die involvierten (Randalierer und häufig auch die Polizisten) zu Aktionen und Handlungen fähig, die sie sich selbst nie zugetraut haben.
Und - ich wage die Behauptung - ganz ähnliche Sensationen erleben auch die (meist sehr jungen) Soldaten im Krieg. Gestern oder/und heute. Heute im Kongo bei der Stürmung und Plünderung eines Dorfes, damals die GIs in Vietnam oder die Tschetniks in Bosnien oder noch früher die "alten" (sehr jungen) Eidgenossen auf ihren Kriegszügen.

Sonntag, 24. August 2008

Radovan Karadzic: AUCH ein guter Mensch?

(Auch eine Antwort auf Martinas Kommentar zum Artikel "Wir sind alle verführbar.")

Schauen wir dem Menschen Radovan Karadzic in die Augen. Er ist verantwortlich für beispiellose Greuel, unbeschreibliches Elend und Verzweiflung. Und er hat auch viele gute Menschen zu Mördern gemacht. Aber ich muss trotzdem davon ausgehen, dass Radovan Karadzic AUCH ein guter Mensch ist. Ich weiss, das muss ich erklären:

"Ihr Menschenbrüder, lasst mich euch erzählen, ....". So beginnt das Vorwort zum (fiktiven) Lebensbericht von Maximilian Aue im aufwühlenden Roman "Die Wohlgesinnten" von Jonathan Littell. Maximilian Aue ist die Inkarnation des Bösen, ein SS-Offizier, ein Masssenmörder. Ganz bewusst stellt er sich gleich zu Beginn mit seinen Lesern auf eine Ebene. Er nennt sie "Menschenbrüder". Er weiss, dass sich die meisten seiner Leser gegen diesen Uebergriff verwahren werden, aber er zwingt sie/uns auf seine Ebene: "Ich bin wie ihr." "Ich bin ein Mensch wie jeder andere, ich bin ein Mensch wie ihr." Max will sich nicht rechtfertigen, er bittet auch nicht um Verzeihung. Er weiss um seine Schuld: "Ich habe die dunklen Ufer überschritten, all das Böse drang in mein Leben, und nichts von all dem kann wiedergutgemacht werden." Aber Max sagt seinem Leser, er solle sich nichts einbilden und mit dem Finger auf ihn zeigen: "Wenn ihr in einem Land und in einer Zeit geboren seid, wo nicht nur niemand kommt, um eure Frau und eure Kinder zu töten, sondern auch niemand, um von euch zu verlangen, dass ihr die Frauen und Kinder anderer tötet, dann danket Gott und ziehet hin in Frieden."
Hier die sehr eindrückliche Lesung des Vorworts von "Die Wohlgesinnten" im FAZ-Forum:



Der Roman von Jonathan Littell über Max Aue, den Massenmörder, ist eine Anhäufung von Schrecklichkeiten, beschrieben bis in alle Details. Und in Ich-Form. So abstossend die Inhalte sind - und je länger je mehr auch ermüdend; man hat die Botschaft nicht erst am Ende der fast 1400 Seite begriffen - so verstörend die Feststellung: man beginnt sich in Max hinein zu versetzen, man beginnt mit ihm zu fühlen. Man beginnt sich zu fragen, wo hätte Max/ich aussteigen können/müssen? Wie hätte ich gehandelt?. Der jüdisch-stämmige Autor Jonathan Littell, der sich als Ich-Erzähler in die Rolle des SS-Schlächters Max versetzt, hat sein Ziel erreicht, seine Botschaft ist schon längst rübergekommen: "Ich bin wie ihr".

Es ist für mich nur auf den ersten Blick tröstlich zu wissen, dass ich zu der privilegierten Gruppe von Menschen gehöre, die - dank der liebevollen Erziehung meiner Eltern in behüteten Umständen - eine etwas bessere Chance hat, nicht zum Täter zu werden, wie mir die von Martina in ihrem Kommentar zitierte Psychologin und Philosophin Alice Miller (hat in Basel studiert) versichert:
"Menschen, deren Integrität in der Kindheit nicht verletzt wurde, die bei ihren Eltern Schutz, Respekt und Ehrlichkeit erfahren durften, werden in ihrer Jugend und auch später intelligent, sensibel, einfühlsam und hoch empfindungsfähig sein. Sie werden Freude am Leben haben und kein Bedürfnis verspüren, jemanden oder sich selber zu schädigen oder gar umzubringen." Und ganz ähnlich schätzt das ja auch Philip G. Zimbardo im Interview mit der Zeit ein.
Doch ich bin weit davon entfernt zu glauben, dass ich nicht auch gefährdet bin, selbst zum Täter zu werden, "dem Druck zu widerstehen, dem Gruppendruck, dem Druck der Autorität. .... Ein wichtiger Faktor ist das akzeptierte Sozialverhalten in der Gruppe. Was tun die anderen? Für was wird man belohnt?" (Zimbardo). Vorallem bin ich weit davon entfernt, Menschen, die zum Beispiel unter den Umständen eines Kriegs und dem, was sie dort erleben, zu Tätern werden.

Ich habe selbst Menschen kennengelernt, die schlecht und böse sind wie Max, die Menschen getötet haben, nicht nur in Notwehr, und ich habe mit Schrecken feststellen müssen, dass ich diese Menschen irgendwie doch gemocht habe, obwohl ich um ihre Taten wusste.

Deshalb muss ich davon ausgehen, dass Radovan Karadzic AUCH ein guter Mensch ist/sein kann.
Genauso wie ich überzeugt bin, dass Max Aue AUCH ein guter Mensch war. Genauso wie Borislav Herak, das "Monster" von Vogosca/Sarajevo (Bild rechts) AUCH ein guter Mensch ist . Ich weiss, das "Jasna's Goran" ("Krieg im Kopf") ein guter Mensch ist, obwohl er daran zugrunde geht, was er im Krieg getan hat, und ich weiss, dass Ramush Haradinaj, der UCK-Kommandant, ein guter Mensch ist, auch wenn er mit grosser Sicherheit für Unakzeptables, was im Kosova geschehen ist, zumindest verantwortlich ist, auch wenn ihn das Haager Kriegstribunal mangels Beweisen freigesprochen hat.
Und ich weiss, dass ich selbst ein guter Mensch bin, aber ich muss für mich akzeptieren, dass ich - unter anderen Umständen und trotz guten familiären und gesellschaftlichen Voraussetzungen - auch fähig sein könnte, abgrundtief Böses zu tun. Auch ich könnte in Den Haag angeklagt sein.

Es geht nicht darum, sich einfach zurückzulehnen und den Umstand zu akzeptieren, dass wir Menschen "im Kern halt einfach böse" sind. Es gibt keine Entschuldigung (oder "Vergebung") für die Bösen (Max sucht sie auch nicht), sie müssen Rechenschaft ablegen für das, was sie getan haben, sie sollen dafür bestraft werden. Es geht auch nicht darum, sich einfach aus der Verantwortung zu stehlen, weil wir Menschen "halt so sind und nicht anders können". Im Gegenteil: Es ist unsere Verantwortung, alles in unseren Möglichkeiten Stehende dazu beizutragen, dass Menschen nicht in die Situation kommen, Böses zu tun.

Freitag, 22. August 2008

Generation des Zorns

Die NZZ-Online hat ihr hervorragendes "Dossier: Wie begegnen wir dem Islamismus" durch einen weiteren, sehr lesenswerten Artikel ergänzt: "Generation des Zorns". Autor ist der Politologe Volker Perthes. Er leitet die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin und hat zahlreiche Studien über den Nahen und Mittleren Osten veröffentlicht.

Er sieht keinen "Clash der Zivilisationen", des Westens mit der arabisch-muslimischen Welt: "Es gibt keinen Kulturkonflikt, der «den Westen» gegen «den Islam» positioniert. Der eigentliche clash findet innerhalb der arabisch-islamischen Zivilisation statt. Er verläuft zwischen denjenigen, die ihre Länder in die Globalisierung führen wollen, und reaktionären Utopisten, die ihren Gesellschaften totalitäre Zwangsjacken verpassen möchten." "Gleichwohl darf man nicht übersehen, dass es in weiten Teilen der arabischen und muslimischen Welt eine transnationale Stimmung gibt, die eine gewaltsame Mobilisierung im Namen eines kämpferischen Islam zumindest erleichtert. Auch wenn die gesellschaftliche Mehrheit dieser Länder keineswegs radikal oder gewaltorientiert ist, finden wir von Marokko bis Pakistan und auch in der muslimischen Diaspora in Europa mittlerweile mindestens zwei Generationen junger Männer – und einiger Frauen –, deren Zorn in Gewaltbereitschaft oder in Indifferenz gegenüber Gewaltaktionen umschlägt."

Diese Generation ist die Generation nach Al-Qaida. sie wurde "im Schatten des amerikanischen Kriegs gegen den Terror sozialisiert, den viele als Kampf des Westens gegen den Islam verstehen. Der Zorn dieser Generationen wird nicht mehr von revolutionären Regimen oder nationalen Befreiungsbewegungen kanalisiert. Der Zorn ist weiter politisch, die Zornigen aber, vor allem ihre Vordenker, bedienen sich einer religiösen Sprache, um den radikalstmöglichen Widerstand gegen die Verhältnisse zu legitimieren.


Mit dem Zorn greift Volker Perthes ein Element auf, das auch Peter Sloterdijk 2006 in seinem "Zorn und Zeit" als zentrales Element der Aggression fundamentalistisch-muslimischer Kreise ansieht. Sloterdij entwickelt eine Theorie der "Weltbank des Zorns": Ueber Generationen hätte sich eine Frustration in der arabischen Welt gegnüber dem Westen aufgestaut und wie Kapital auf einer Bank akkumuliert, welches jetzt politisch von religös-extremistischen Strömungen genutzt werden könne. Der Fundamentalismus ist für Sloterdijk weniger eine Sache des Glaubens, sondern er ist eine "Aufreizung zum Handeln", eine "Bereitstellung von Rollen, durch welche grosse Zahlen potentieller Akteure in den Stand gesetzt werden, von der Theorie zur Praxis überzugehen - eher noch von der Frustration zur Praxis."
"Die Religion liefert zusätzliches Oel für ein Feuer, dessen Ausgangsbrennstoff nicht von ihr stammt." Sloterdijk zitiert hier aus Gunnar Heinsohns "Söhne und Weltmacht".

Der islamische Terror als Racheakt für die Demütigungen, welche die arabische Welt und die islamische Kultur in den letzten Jahrhunderten vom "Westen" erlitten hat.

Sloterdijk kombiniert seine Philosophie der Zornbank mit der Theorie von Gunnar Heinssohn des "Jungmännerüberschusses": "Junge, männliche Singles als Bedrohung der Ordnung". Der Elan und die Rekrutierungsstärke des islamischen Fundamentalismus an gewaltbereiten Jungen Männern resultiert laut Sloterdijk "aus dem Vitalitätsüberschuss einer unaufhaltsam anschwellenden Riesenwelle von arbeitslosen und sozial hoffnungslosen männlichen Jugendlichen zwischen 15 und 30 Jahren".
"Indem die islamistischen Organisationen in ihren Basisländern Gegenwelten zu den bestehenden Ordnungen schaffen, kreieren sie Gitter von alternativen Positionen, in denen sich zornige junge Männer mit Ambitionen wichtig fühlen dürfen - dazu gehört der Drang zum Losschlagen gegen nahe und ferne Feinde, lieber heute als morgen."

...... und: Warum nur erinnert mich das an die Saubannerzüge der "Eidgenossen" im Mittelalter und gleichzeitig an die Fussball-Hooligans?

Samstag, 16. August 2008

Zum Beispiel: "Wir alle sind verführbar"


Die Frankfurter Rundschau (online) fragt den berühmten Psychologieprofessor Philip G. Zimbardo: "Ist der Mensch im Kern böse?"

Zimbardo hat schon 1971, das berühmte Experiment im Gefängnis von Stanford durchgeführt. Damals ließ er 24 Studenten zwei Wochen lang eine Gefängnis-Situation simulieren – zwölf waren die Häftlinge, zwölf die Wärter. Zimbardo wollte beobachten, wie es sich auf das Verhalten auswirkt, wenn man eine bestimmte Rolle einnimmt.
Die Misshandlungen der "Wärter" eskalierten aber in kürzester Zeit so, dass er das Experiment nach sechs Tagen abbrechen musste. Auch die "Guten" unter den Wärtern hatten nicht bei Alarm geschlagen und Zimbardo selbst hatte in der Rolle des Gefängnisdirektors fast sechs Tage lang indifferent den schlimmen Misshandlungen zugesehen.

Die Parallelen zu den Ereignissen im Foltergefängnis der US-Armee in Abu Ghraib (Irak) sind so frappierend wie logisch.

"Wir sind alle fasziniert vom Bösen" sagt er im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau.

FR-online: "Glauben Sie trotz Ihrer Erkenntnisse, dass es gute Menschen gibt, die niemals auf den schlechten Pfad geführt werden könnten?"

Zimbardo: "Wenige schaffen es, dem Druck zu widerstehen, dem Gruppendruck, dem Druck der Autorität. Faszinierend finde ich, dass wir nie vorhersagen können, wer das sein wird. Ein wichtiger Faktor ist das akzeptierte Sozialverhalten in der Gruppe. Was tun die anderen? Für was wird man belohnt?"

Immerhin stellt Zimbardo fest: "Wer ein Konzept von sich als 'wertvoll, geliebt, geschätzt' hat, ist weniger in Gefahr, dem Gruppendruck nachzugeben. Die Situation kann aber trotzdem so mächtig sein, dass man ihr nachgibt. C.S. Lewis hat 1941 in einer berühmten Rede Cambridge-Studenten davor gewarnt, dass sie irgendwann im Leben
verführt werden, Teil eines inneren Zirkels von Privilegierten zu werden. Für die meisten Menschen ist das unwiderstehlich. Lewis sagte: Manche derjenigen, die sich verführen lassen, werden Schurken und manche berühmte Politiker - aber beide haben dasselbe getan."

"Gerade wer sich für etwas Besonderes hält, ist noch leichter verführbar. Jeder Mensch ist in Gefahr, den Kräften der Situation zu erliegen."

Und:
"In meiner Kindheit waren die meisten Helden Kriegshelden - Männer, die Leute getötet hatten."

Das ganze Interview: hier.