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Sonntag, 6. Dezember 2009

Brasilien: Führungsmacht des Südens

Grafik: Bundesstaat Amazonas/Brasilien

Brasilien ist einer der grossen Gewinner der globalen Krise. Nicht nur wirtschaftlich. Das Land profiliert sich zusehends als neue Führungsmacht des Südens. Auch als Gegenmacht zur USA.


„Deutschland empfängt in dieser Woche einen sehr selbstbewussten Gast“, schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung letzten Mittwoch zu Beginn des Besuchs des brasilianischen Staatspräsidenten Lula da Silva in Deutschland. Lula komme „als Vertreter eines neuen Wirtschaftswunderlands.“

Daran muss sich die westliche Welt, die alte Macht dieser Welt, zuerst noch gewöhnen. Da kommt einer aus den ehemaligen Kolonien der „Dritten Welt“ nicht als Bittsteller nach Europa, sondern auf Augenhöhe. Er hat etwas zu bieten, mehr noch: Er stellt Forderungen, zum Beispiel bei der Liberalisierung des Welthandels. Ein Schwergewicht wie Deutschland, Europa, tut heute besser daran, Brasilien als Partner zu hofieren, denn das Land vom Amazonas ist auch ein mächtiger Konkurrent: Brasilien hat die Wirtschaftskrise schneller überwunden als die westlichen Mächte und gehört heute zu den 10 grössten Volkswirtschaften dieser Erde und bis in 10, 15 Jahren dürfte es die alten imperialen Grossmächte Grossbritannien oder Frankreich hinter sich gelassen haben.


Trotz drängender Probleme im Innern ...

Niemand schliesst die Augen vor den nach wie vor drängenden Problemen Brasiliens, verdeutlicht durch die negativ-Schlagzeilen der letzten Wochen, die allein Rio de Janeiro gemacht hat: grasssierende Kriminalität hält ganze Stadtteile in Geiselhaft, eine rückständige Infrastruktur stürzt die ganze Stadt in Dunkelheit. Doch diese Probleme verdecken den generell positiven Trend nicht:

Brasilien hat die globale Wirtschaftskrise schneller überwunden als die meisten „westlichen“ Staaten. Wachstumsprognose 2010: Mindestens 5 Prozent. Das Land ist heute so finanzstark, dass es nicht nur die Konjunktur aus eigener Kraft anregen kann, sondern auch noch Gelder für Problemländer zur Verfügung stellen kann. Ausländisches Kapital fliesst in grossen Mengen nach Brasilien, die brasilianische Währung ist eine der stärksten des gesamten Globus.


... Vorbild für die Armen Länder ....

Brasilien ist ein leuchtendes Vorbild, ein Mutmacher und Selbstvertrauengeber für alle armen Länder und seine Menschen: Es verfügt über eine breit diversifizierte Wirtschaft, über einen eigenen starken Binnenmarkt, ist nicht einseitig von Rohstoffexporten abhängig, sondern eine selbstbewusste Exportmacht auch von hochwertigen, verarbeiteten Gütern wie Autos oder Flugzeugen. Vor allem aber: Brasilien gibt den Menschen in seinem Land eine Perspektive: Millionen sind in den letzten Jahren aus der Armut in eine wirtschaftlich mittelständische Klasse mit akzeptabler Lebensqualität aufgestiegen. Und: Brasilien ist eine Demokratie.

Und Brasilien will heute auch eine Rolle spielen im Konzert der Mächtigen und ist zu einer der tonangebenden Stimmen auf den Weltgipfeln geworden. Auch in Klimafragen.


Klimasünder und Umwelt-Musterland

Zwar zählt Brasilien mit seiner fast unbegrenzten Abholzung der Amazonaswälder, der „Lunge der Erde“, zu den schlimmsten Umweltsündern. Doch insgesamt ist Brasilien im internationalen Vergleich ein Musterland in Sachen Umwelt. Seine grüne Energiewirtschaft (Strom aus Wasser, Benzin aus Zuckerrohr) macht Brasilien zum Musterland in Sachen CO2-Emissonen, nicht nur in absoluten Zahlen, sondern auch pro Kopf der Bevölkerung.


Widerstand gegen die USA

Politisch ist Brasilien auf dem Weg zur Grossmacht. Führungsmacht des Südens. Und dabei spielt etwas eine zentrale Rolle, das man im Westen gerne übersieht, aber bei den verletzten Ländern des Südens um so wichtiger ist: Brasilien hat sich nicht nur vom Westen emanzipiert, China, nicht mehr Amerika ist sein wichtigster Handelspartner, Brasilien wagt es, den USA offen die Stirn zu bieten: Fast provokativ empfängt Lula da Silva den iranischen Paria Ahmadinedschad und reklamiert das Recht des Iran auf die Nutzung der Atomenergie.

Selbstbewusst und als Zeichen für Südamerika ungeheuer wichtig auch Brasiliens anti-amerikanische Position in Honduras: Brasilien unterstützt den vom Militär aus dem Land gejagten Manuel Zelaya. Bietet ihm seit Wochen in seiner Botschaft in der honduranischen Hauptstadt Tegucigalpa Unterschlupf und widersetzt sich der Anerkennung des neu gewählten und von den USA gestützten Porfirio Lobo.

Auch wenn Brasilien wohl in diesem Fall nachgeben werden muss, die symbolische Wirkung dieser anti-amerikanischen Haltung gegen die gehassten USA wird die Rolle Brasiliens als neue Führungsmacht des Südens weiter stärken.


Olympia als Plattform

Und der Westen hat Brasilien auch bereits eine Plattform vorbereitet, auf dem es sich als globaler Star präsentieren kann. Jung und selbstbewusst, schön und mächtig: Die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro.

Mittwoch, 3. März 2010

Der Antagonismus USA - Brasilien wächst

US-Aussenministerin Hillary Clinton ist zur Zeit auf Lateinamerika-Visite (eine Gesamtanalyse dazu gibt's hier bei Foreign Policy). Heute Mittwoch ist sie in Brasilien, der wichtigsten Station ihres Trips. Das Haupttraktandum heisst Iran.
Schon seit einiger Zeit profiliert sich Brasilien als "Führungsmacht des Südens", nicht zuletzt indem es mit anti-amerikanischen Positionen kokettiert: In Honduras, in Venezuela, in Haiti.

Bisher haben die USA das in Kauf genommen, denn Brasilien gilt in Amerika mit seinem charismatischen Präsidente Lula da Silva noch immer als verlässlichster und entscheidendsten Partner in Südamerika, nicht zuletzt als "Brücke zu der Lateinamerikanischen Linken (Staaten)", wie es die einflussreiche und der US-Administration nahestehende US-"Denkfabrik" Strategic Forecasting Inc. (Stratfor) in ihrer aktuellen Analyse formuliert. Vor allem aber weil man mit Da Silva "eine gemeinsame Sicht der wirtschaftsfreundlichen Politik" teile.

"In Schussdistanz" der USA
Jetzt aber schlägt die auch "Schatten CIA" genannte Stratfor in ihrer ausführlichen Analyse "Brazil, Iran: A Troublesome Relationship for the U.S." (Anm.: alle folgende Zitate stammen aus diesem Artikel) erstmals kritische Töne gegenüber Brasilien an. Offenbar ist Brasilien den Amerikanern jetzt mit ihrer wiederholten rhetorischen Unterstützung des Irans zu weit gegangen: Dies habe Brasilien jetzt "in Schussdistanz" ("within firing range") zu einem der sensibelsten politischen Felder der USA gebracht.

Brasilien unterläuft Isolation Irans
Seit Monaten unterläuft Brasilien systematisch die Bemühungen der USA zur Isolation der iranischen Regierung und ihres Präsidenten Ahmadinejad. Brasilien hat im vergangenen Sommer Ahmadinejads Wiederwahl offiziell begrüsst, ihn im Herbst sehr warm in Brasilien empfangen und eben hat sich da Silva auch explizit gegen die Isolation des Iran ausgesprochen: "Wenn man Frieden mit jemandem will, kann man ihn nicht isolieren".
Die "iranisch-brasilianische Liebesaffäre" sei bisher nichts mehr als "Rhetorik", schreibt Stratfor, aber die Irritation der USA ist offensichtlich. Brasilien ist zur Zeit Mitglied des UN-Sicherheitsrats, der wohl schon bald über weiterführende Sanktionen gegenüber Iran entscheiden wird.
Im Mai will Lula da Silva Teheran besuchen, um die weitere konkrete Zusammenarbeit zu verhandeln, mit dem Ziel, dass Iran auch gewisse "Sachen" in Brasilien kaufen könne, wie Lula am 24. Februar kryptisch formulierte.

Als wirklich kritisch betrachtet Stratfor zwei mögliche Kooperationsbereiche zwischen dem Iran und dem Irak: Die Atomenergie und das Bankenwesen. Dank bereits eingefädelter enger Kooperation mit brasilianischen Banken könnte der Iran wahrscheinliche US-Sanktion unterlaufen.

Jetzt will Aussenministerin Clinton also Lula da Silva die Knöpfe eintun. Doch Stratfor stellt nüchtern fest, Brasilien gehe es eigentlich gar nicht um den Iran, sondern um seine weitere Profilierung als Führungsmacht in Lateinamerika: "Brasilien hat das politische und wirtschaftliche Gewichte, sich selbst als regionale Hegemonialmacht zu erklären". Und Brasiliens da Silva betrachte es offensichtlich als "diplomatischen Gewinn", wenn er "vermehrt konträre Positionen zu den USA" propagiere.

Da ist eine äussert spannende Entwicklung im Gang.

USA hofft auf Machtwechsel in Brasilien
Ziemlich unverholen droht Stratfor, die USA könnten Brasilien dort treffen, "wo es am meisten weh tut: In der Brieftasche". Nicht zufällig erwähnt Stratfor, dass Lula da Silvas Amtszeit dieses Jahr zu Ende geht und es noch keineswegs sicher ist, dass seine designierte Nachfolgerin Dilma Rousseff im Oktober die Präsidentschaftswahlen gewinnen wird. Es ist ganz offensichtlich, dass die USA darauf hoffen, dass sich mit dem Kandidaten der Opposition, Jose Serra, dem Gourverneur von Sao Paolo, ein dezidierter Amerikafreund durchsetzen wird, der die gemäss Stratfor "abenteuerliche" Aussenpolitik da Silvas beenden würde.

Samstag, 3. Oktober 2009

Brasilien: Jetzt sind wir dran!

Rio de Janeiro hat den Zuschlag für die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro bekommen. Das ist viel mehr als einfach die Vergabe des grössten Ereignisses des internationalen Sports an eine der grössten Sportnationen der Welt. Es ist ein politisches Zeichen, dessen Bedeutung vorallem in der Dritten, der nicht-weissen Welt, wahrgenommen wird. Dort wird dieses Ereignis auch gelesen als: Brasilien - Symbol des aufstrebenden "Südens" - besiegt die USA - Symbol des "Westens".
Dass auf den Jubelbildern vom IOC-Kongress inKopenhagen gestern abend nicht nur Brasiliens Präsident Lula da Silva, sondern auch alt-Fussballstar Pélé, ein Schwarzer, zu sehen ist, verstärkt die Botschaft - nicht zuletzt in Afrika.

Es ist das erste Mal überhaupt, dass olympische Spiele nach Südamerika vergeben werden. Das ist noch wichtiger als die erstmalige Vergabe der Fussball-WM 2010 an Südafrika. Diese hatte noch stark den Geruch der gönnerhaften Förderung der "armen 3. Welt" durch den grosszügigen "Westen" - und den noch grosszügigeren FIFA-Präsidenten Sepp Blatter, der damit seine Macht im Weltfussballverband weiter stärken konnte. Ganz anders die gestrige Vergabe der Olympischen Spiele 2016 nach Rio de Janeiro: Brasiliens Präsident Lula da Silva hatte im Vorfeld mehrfach betont, Brasilien "verdiene" diese Spiele. Es klang gar fast fordernd: Es ist unser Recht, jetzt endlich den Zuschlag zu erhalten. Jetzt sind wir dran.

Und weil der Sport immer ein Spiegel der Politik ist, ist die Symbolik dieses Entscheids nicht zu übersehen: Die Dritte Welt verlangt ihr Recht im internationalen Theater. Brasilien demonstriert damit seine führende Rolle unter den sogenannt aufstrebenden Ländern der "2. Welt". Brasilien ist heute schon eine Weltgrossmacht, Nr. 10 im Ranking der reichsten Nationen der globalisierten Welt.
Und Brasilien hat gemäss Foreign Policy "das Talent, die infrastrukturelle Kapazität und die politische Kraft, im globalen politischen Spiel mitzuspielen."
Für Lula da Silva ist es auch ein persönlicher Triumph. Seine Position in Brasilien ist weiter gestärkt, aber auch weit darüber hinaus wird die Position Brasiliens als Führungsmacht in Südamerika und als globaler Player unterstrichen: "Diese Bestätigung", schreibt Foreign Policy, "wird Lulas Fähigkeit weiter verstärken, internationale Diskussionen zu beeinflussen und noch nähere Beziehungen zu anderen Führungskräften zu pflegen."
Wie Lula seine Rolle, die Rolle Brasiliens und der "aufstrebenden Länder" sieht, hat er dieses Jahr mehrfach deutlich gemacht, u.a. auch in einer aufsehenerregenden Rede vor der UNO-Vollversammlung im September: Es sei Zeit für eine neue Weltordnung. Klares Ziel Lulas ist es, den sogenannten BRIC-Staaten, Brasilien, Russland, Indien und China eine grösseres Gewicht zu geben mit dem klaren Ziel, die Dominanz der USA zu beschränken.

Sonntag, 9. Juni 2013

Regierungsratswahl BL oder Der Elefant im Wohnzimmer 2

Bild: Onlinereports
Jedermanns Wahrnehmung ist geprägt von seiner persönlichen Geschichte und Erfahrungswelt. Ich bin zurzeit in Brasilien. Mein Fokus ist das Studium des Phänomens der Evangelikalen hier. Entsprechend ist meine Wahrnehmung auf Signale aus diesem Bereich sensibilisiert. Und dann sehe ich beim Surfen in Internet dieses Bild des Baselbieter Regierungsratskandidaten Jourdan auf OnlineReports und ein Film geht los in meinem Kopf:

Ich erinnere mich an Sunday Adelaja in Kiev in der Ukraine, der bei den Dreharbeiten zu unserem Dokumentarfilm "Kreuzzug" offen seine politische Strategie darlegt: Sein Ziel sei es, alle Bereiche der Gesellschaft zu durchdringen und, nicht zuletzt, Mitglieder seiner Kirche in allen politischen Organen und Kommissionen zu haben, welche Werte in Gesetze umsetzen.

Montag, 1. November 2010

Dilma Rousseff: Die (evangelikalen) Kirchen als Schiedsrichter

Jetzt hat sie es also doch noch geschafft. Dilma Rousseff ist die neue Präsidentin der Grossmacht Brasilien und damit eine der mächtigsten Frauen der Welt. Langfristig spielt es keine Rolle, dass sie überraschend in einen zweiten Wahlgang gezwungen wurde. Wegweisend ist aber, WARUM sie in den zweiten Wahlgang musste: Wegen den konservativen neuen Kirchen, den (protestantischen) Evangelikalen, die man bei uns als "fundamenatistisch-christlich" bezeichnen würde.

Kurz vor dem Ende des Wahlkampfes hatten christlich-konservative eine aggressive Kampagne gestartet: Dilma Rousseff sei nicht wählbar, weil sie vorhabe, den bis heute in Brasilien von Gesetzes wegen verbotenen Schwangeraschaftsabbruch zu legalisieren.
Die Kirchen finanzierten eine äusserst unappetitliche PR-Kampagne mit zerstückelten Babies, und die Pastoren riefen die Gläubigen in ihren Predigten und TV-Shows auf, nicht für die linke Kandiatin der Arbeiterpartei zu stimmen, sondern für den konservativen Kandidaten, José Serra.
Sogar der Papst, dem die Schäfchen zur Zeit auch in Brasilen in Massen zu den (protestantischen) Evangelikalen davonlaufen, hat noch versucht auf den PR-Zug der Fundamentalisten aufzuspringen: Der Schwangerschaftsabbruch sei "ein Verrat an der Demokratie".

Weil aber viele der Gläubigen ihre Stimme nicht einem rechten Kandidaten geben wollten, haben sie im ersten Wahlgang für Marina Silva gestimmt. Nicht wegen ihren grünen Positionen, sondern weil sie einer evangelikalen Kirche angehört.Weil Marina Silva in der Stichwahl nicht mehr antreten durfte und vor allem weil Dilma Rousseff öffentlich mehrfach feierlich erklärte, sie habe nicht vor, den Schwangerschaftsabbruch zu legalisieren, wurde die Kandidatin des scheidenden Über-Präsidenten Lula da Silva jetzt also doch gewählt.

Die evangelikalen Kirchen und ihre erzkonservativen Prediger müssen damit zu den grossen Siegern in Brasilien gezählt werden. Sie haben klar gemacht, dass man künftig ohne sie - oder gar gegen sie -  in Brasilien keine Politik machen kann.
Für Dilma Rousseff, die Hoffnungsträgerin der Frauen und der Linken, eine bittere Pille: Ihr sind ausgerechnet in der für die soziale Entwicklung des Landes so wichtigen Frage der Abtreibung, die Hände gebunden.
Für die Welt ist es ein Schrecksignal. Brasilien ist nicht irgendwer, sondern vermutlich DIE Vorbildmacht im globalen Süden. Ohne die (religiös-) Konservativen geht nichts.

Ach ja. zu den evangelikalen Wahlsiegern gehört auch Fussballstar Kakà. Er ist einer der vielen reichen Geldgeber einer der grössten evangelikalen Kirchen, die Igreja Renascer.

Samstag, 31. Dezember 2011

Der Schlüssel zum Aufstieg des globalen Südens: die (neue) Mittelklasse

Bild: businessweek.com
Während sich Europa zum Jahresende in der Sorge um die wirtschaftliche Entwicklung suhlt, sonnt sich der globale Süden weiterhin in rosigen Perspektiven. Auch wenn 2011 nicht mehr die Werte der letzten Jahre erreicht wurden, geht man von China über Südafrika und Mexiko bis Brasilien auch 2012  weiter von einer robust wachsenden Wirtschaft aus.

Der Schlüssel dafür ist in allen Ländern des Südens derselbe: Die wachsende Mittelklasse und damit der stark wachsende Binnenmarkt. Allein in Brasilien sind in den letzten Jahren 40 Millionen Menschen aus der Armut in diese neue Mitteklasse aufgestiegen und kaufen wie verrückt. China mit seiner Milliarden-Bevölkerung gilt längst als "consumer-oriented society" und auch in (noch) armen" Regionen wie Afrika boomt der Konsum der rasch wachsenden städtischen Mittelschichten.

Samstag, 1. Januar 2011

Dilma Rousseff: Brasiliens neue Präsidentin und ihr "Geheimnis"


Heute hat sie ihren Amtseid geschworen: Dilma Rousseff (63), die neue Präsidentin der Vorzeigemacht des Südens, Brasilien. Viele glauben, die ehemalige Guerilla sei nur die vorgeschobene Puppe von Luis Inacio da Silva, der wegen Amtszeitbeschränkung nicht mehr kandidieren durfte. In Brasilien gibt es aber auch Leute, die damit rechnen, dass sich die 63-Jährige sehr rasch eigenständig profilieren werde.
Das Al-Jazeera-Porträt:



Noch ist Dilma Rousseff nicht richtig im Amt, schon zeichnet sich bereits ein erster (innenpolitischer) Prüfstein ab: Die Aufarbeitung der Vergangenheit Brasiliens zur Zeit der Diktatur 1964-85.

Freitag, 17. Juli 2009

Das neue Objekt der Begierde: Land.

,Bild: Künstliche Bewässerung in der Wüste Saudiarabiens

Shonda Warner ist ein Produkt der Wallstreet. Die 45-Jährige ist die Protagonistin eines hervorragenden Artikels des US-amerikanischen Wirtschaftsmagazins FORTUNE mit dem Titel "Betting the Farm".
Frau Warner (im Bild links; Fortune) machte früher gutes Geld im Finanzbusiness. Als Derivathändlerin und Führungskraft im Hedgefonds-Business. Jetzt geschäftet sie zu Hause im ländlichen Kansas. Sie tut zwar noch immer das, was sie am besten kann: Spekulieren. Ihr Spekulationsobjekt ist aber nicht mehr virtuelles Geld, sondern ein sehr konkretes Gut: Land. Landwirtschaftsland. Farmen.
Shonda Warner betreibt eine Investment-Firma. Das heisst, reiche Leute, Firmen, Pensionskassenfonds, etc. geben ihr viel Geld, mit welchem sie - eben - Land kauft. Genauer: Sie kauft relativ billiges Farmland und vermietet es am Bauern. Ihren Investoren bietet die Spekulantin eine jährliche Rendite von 13 – 16 %, etwa 4% davon kommen aus den Ernteeinnahmen, 8% aus dem gesteigerten Landwert und der Rest aus dem Spekulationsgeschäft mit dem Land, welches sie nach den „bewährten“ Methoden des Hedgefund-Businesses anlegt.
„Landwirtschaftsland“, sagt der amerikanische Rohstoffguru Jim Rogers in der Fortune-Geschichte, „wird eines der besten Investitionsgüter unserer Zeit sein.“
Die sehr freundliche und sehr smarte Frau Warner kann man auch in einem Fortune-Video kennenlernen:

Fortune porträtiert zwei weiter Finanzfachleute, die gross ins neue Land-Business eingestiegen sind. Sie vermarkten Landwirtschaftsflächen ausserhalb der USA, in der Dritten Welt: Der frühere Wallstreet-Banker und Rohstoffhändler Phil Heilberg (44) spekuliert mit Land im vom Bürgerkrieg zerrütteten Sudan, Lord Jacob Rothschild (73), Spross des alten, jüdisch-deutsch-britischen Bankhauses Rothschild, verkauft seinen Investoren die Hoffnung auf grosse Gewinne mit Landwirtschaftsland in Brasilien (Bild rechts: Soja in Brasilien. Foto: grain.org).

Land als reales Gut
Land ist das neue Objekt der Begierde. Immerhin erhalten Investoren damit einen realen Wert. Wenn er sehe, wie „Regierungen heute Geld drucken, so schnell sie können, Anleihen tätigen so viel sie können und Firmen retten, die 'Weisse Elephanten' sind", zitiert Fortune den Banker Rothschild, „dann ist es gescheit, auf einen harten Wert wie Land zu setzen.“

Regeln des Spekulations-Markts
Im neuen Land-Spekulationsgeschäft gelten die alten Regeln des heiligen (Finanz-)Marktes: Angebot und Nachfrage:
Land ist - und wird es zusehends mehr - ein knappes Gut. 1960 verfügte die Erde gemäss den Daten der UNO (FAO) über 1,1 Morgen (1 Acre ≈ 4046 m²) bebaubares Land pro Kopf der Bevölkerung. Im Jahr 2000 waren es noch 0,6 Morgen. Und in den nächsten 40 Jahren soll die Weltbevölkerung von heute gut 6 auf 9 Milliarden Esser anwachsen. Weil der Bedarf an hochwertigen Nahrungsmitteln und nicht zuletzt der Bedarf an Anbau-intensiven Nahrungsmitteln rasch weiter wachsen wird, weil zum Beispiel immer mehr Chinesen bald ähnlich viel Fleisch konsumieren wollen wie wir Westler, wird der Bedarf an Landwirtschaftsland noch viel stärker zunehmen. Kommt dazu, dass wegen der Klimaerwärmung viel heute noch bebaubares Land verwüsten und unfruchtbar werden wird.
Das alles heisst: Die Preise für Nahrungsmittel werden steigen. Für die Konsumenten insbesondere in ärmeren Ländern eine Katastrophe, für die Landbesitzer, respektive die Investoren ein Segen.

Landgrab
Kein Wunder findet zur Zeit ein eigentlicher Wettlauf um Land statt. Englisch heisst das Phänomen "Landgrab", übersetzt auf deutsch etwa "das-sich-Land-unter-den-Nagel-reissen". Das der UNO (genau der FAO, der Landwirtschaftsorganisation der UNO) nahestehende International Food Policy Research Institute (IFPR) hat letztes Jahr eine eindrückliche Bestandesaufnahme des Phänomens gemacht und in einer interaktiven Karte dargestellt:

(Hervorragende, ausführliche Hintergründe gibt es in der Studie der IISD "A Thirst for Distant Lands". Mehrere spezialisierte Organisationen und Webpages berichten ausführlich und sehr engagiert über die Thematik: grain.org, farmlandgrab.org oder landcoalition.org).

Grossinvestoren aus dem Ausland
Nicht nur private Spekulanten, Banken und Pensionskassen investieren grosse Summen in Land, sondern nicht zuletzt auch Grossfirmen wie die Koreanische Daewoo, die versucht hat, halb Madagaskar aufzukaufen. Zu den grössten Landkäufern insbesondere in Afrika - (eine ausführliche Studie zum Thema Landgrab in Afrika gibt es hier.) - gehören die Staaten am Arabischen Golf. Saudiarabien hat 2008 seine jahrelangen, extrem teuren Bemühungen aufgegeben, auf künstlich bewässerten Wüstenflächen (siehe Top-Bild) mehr Nahrungsmittel im eigenen Land zu produzieren, und kauft inzwischen unter anderem im Sudan riesige Agrarflächen auf.

Chance und Bedrohung
Natürlich stellt dieser "Landhunger" für Länder der Dritten Welt auch eine Chance dar. Plötzlich ist ihr bisher "wertloser" Boden viel Geld wert. Doch die wenigsten "unterentwickelten" Staaten sind so aufgestellt, dass sie die Chance im Sinne des Landes und seiner Bevölkerung nutzen können. Die Verlockung für die aktuellen Machthaber, die neue Geldquelle für die persönliche Bereicherung zu sichern, scheint zu gross und die staatlichen Strukturen und Prozesse zur Bewältigung des Problems sind zu schwach. (Siehe "Thirst for Distant Land"). Die FAO hat denn auch schon heftig vor einer aufziehenden Katastrophe gewarnt. FAO-Direktor Jacques Diouf (Bild rechts) spricht von "Neo-Kolonialismus".

Agrar-Hilfe G-8
Welch dramatische Bedeutung die Problematik Land/Nahrungsmittelsicherheit inzwischen hat, hat eben der Gipfel der mächtigsten Industrienationen in L'Aquila (Italien) unterstrichen: Im Kampf gegen Hunger und Armut wollen die G-8 die Landwirtschaft in den Entwicklungsländern in den kommenden drei Jahren mit 20 Milliarden Dollar unterstützen. Offenbar hat sich insbesondere US-Präsident Barack Obama dafür stark gemacht, dass die Industriestaaten " bildhaft gesprochen", wie die Frankfurter Allgemeine schreibt, "keinen Weizen zur Bekämpfung des Hungers liefern, sondern Saatgut und Pflüge, die die Menschen zur Eigenversorgung in die Lage versetzen."
Was gut tönt, könnte auch ein Alarmsignal sein: Die FAO hat denn auch prompt gewarnt, trotz dieser - bisher bloss versprochenen - Milliardenhilfe seien die Länder in Afrika, noch länger auf direkte Nahrungsmittelhilfe angewiesen.
Insbesondere wird mit der versprochenen Hilfe das Hauptproblem nicht gelöst: Solange die Industrieländer ihre eigenen Landwirtschaften mit Milliarden subventionieren und damit ihren Bauern erlauben, die Märkte in Afrika mit künstlich verbilligten Produkten zu überschwemmen, werden die afrikanischen Bauern unter dem strengen Regime der Auflagen des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank nicht einmal auf den Märkten im eigenen Land konkurrenzfähig sein. (Viel sehr kritisches Material dazu u.a. bei ATTAC hier.)

Dienstag, 8. Juni 2010

Dilma Rousseff: Bald eine der mächtigsten Frauen dieser Welt?


Brasilien: Bisher lag sie in allen Umfragen deutlich hinter dem Kandidaten der Opposition, José Serra. Doch mit der neusten Umfrage hat sie aufgeschlossen: Dilma Rousseff, die offizielle Kandidatin der regierenden Arbeiter Partei und die Favoritin des scheidenden Präsidenten Lula da Silva, Es spricht einiges dafür, dass die Ex-Guerilla und Tochter eines Einwanderers aus Bulgarien die Frau an der Spitze des grössten Staates Lateinamerikas sein wird und damit angesichts der Rolle, die Brasilien künftig spielen wird, eine der mächtigste Frauen der Welt.

Offiziell beginnt der Wahlkampf erst am 6. Juli. Die Wahl findet am 3. Oktober statt. Aber natürlich ist der Kampf in den brasilianischen Medien bereist voll im Gang.  Er wird vo den Kandidaten auch via Internet und Social Media geführt. Zu Dilma Rousseff gibt's z.B. gleich mehrere Blogs und Facebook-Seiten.

Auf ihrem PR-Blog dilma2010 findet sich dieses Portrait-Video (brasilianisch)

Sonntag, 19. Februar 2012

Die unbeachtete Revolution: Das neue Christentum

Ougadougou (Burkina Faso) Nov. 2011 (Bild: 3Afilm.ch)
Die westliche Welt taumelt von Krise zu Krise. Zusehends zeichnen sich neben den wirtschaftlichen auch soziale Probleme ab. Die Schere zwischen unten und oben öffnet sich immer weiter.  Inzwischen ruft sogar der Weltwirtschaftsgipfel von Davos zur Suche nach Lösungen, zum Umdenken auf. Weil man aber „ein Problem nicht mit der Denkweise löst, die es erschaffen hat“, wie schon Einstein wusste, scheint jeder neue Gipfel der Mächtigen die Krise eher zu verlängern als einer Lösung näher zu bringen. Während das herrschende Establishment weiterhin „rat- und orientierungslos“ ist, wie das „Handelsblatt“ schreibt, ist längst eine unbeachtete „Revolution von unten“ im Gang.

Samstag, 3. Oktober 2009

Gastbeitrag aus Brasilien 1: Weisheiten ***

Bild: A. Zschokke

*** Adrian Zschokke - Kameramann, Filmproduzent, Schriftsteller - weilt zur Zeit in Brasilien. Er nimmt eine Auszeit, um eine neues Buch zu schreiben. Manchmal schreibt er mir ein Mail. Heute habe ich ihn überredet, mir zu erlauben, sein jüngstes Lebenszeichen in meinen Blog zu stellen.
Voilà:

lieber andy
lese ich doch heute dies im tagi: "Explodierende Benzinpreise als Rettung fuer die Welt"

und denke so bei mir, das habe ich doch schon vor etwa fünf jahren schon gesagt. und sicher nicht bloss ich, viele werden sich das überlegt haben. man sieht es ja auch im tagi online, es ist einer der meistgelesenen artikel. aber nun kommt also ein typ und schreibt ein buch ("20 Dollars Per Gallon"). irgendwann wird der preis vielleicht wirklich durchgebracht. und man denkt sich, wieso braucht alles immer so lange. und auch, wieso bin ich, wenn ich sowas sage, ein schwätzer und wenn es irgend wann ein herr steiner schreibt, wird der ernstgenommen.

da habe ich gedacht, so ein blog, wie du ihn führst, ist wohl eine richtige sache.

erstens kann dann niemand später sagen, ja jetzt kommst du, das sagen jetzt alle, man hat wenigstens den frust nicht, dass man noch beweisen muss, dass man es ja schon längst gesagt hat.
und zweitens wird vielleicht doch rein auf grund der multiplikation im netz ein gedanke schneller akzeptiert, als wenn ich auf nichts ahnende journalistinnen, die fürs 10 v10 irgend ein statement abholen müssen, einschwatze.

also drum sage ich es jetzt hier und dir: wir werden diese welt nicht weiterbringen, wenn wir nicht endlich das grundeinkommen auf globaler ebene einführen. es ist doch klar, das internet wird nicht in den griff des kapitals geraten und soll auch nicht. inhalte wie wikipedia sind eine revolution in der weltgeschichte und dass ideen allen gehören sollen, ist ein fortschritt. wenn ich als autor dann keine tantiemen mehr kriege, ist das schlecht, aber eigentlich schreiben wir ja, weil es uns spass macht. ausserdem sind die gedanken, die mir beim schreiben kommen, auch nicht rein von mir. ich werde beeinflusst, ganz konkret von andern autoren, aber auch von wind und wetter und schmerzenden knie und subliminalen einflüssen.

also alles klar, freies internet und grundlohn und teures benzin, dann endlich werden wir eine vernünftige welt zusammenbringen, oder
gruss
a


Mein Nachtrag zum Stichwort "Grundeinkommen":
Enno Schmidt und Daniel Häni haben übrigens 2006 in der Schweiz (genau im "Unternehmen Mitte" in Basel) eine Initiative "Grundeinkommen" gestartet und ein Film-Essay " "Kulturimpuls. Grundeinkommen" ins Netz gestellt.

Im Weiteren gibt's einen "Video-Blog" mit Filmen und Infos aus den verschiedens Ländern zum Thema Grundeinkommen.

Sonntag, 26. Juli 2009

Ein individuelles, marktfähiges Recht auf Umwelt-Verschmutzung?

Grafik: megaphonemagazine.com
Knapp 10 Prozent der Weltbevölkerung verursachen 50 Prozent der CO2-Emissionen, schätzen die Autoren einer neuen Studie der Princeton-Universität zur Klimaproblematik. Hinter diese eigentlich wenig überraschenden Resultat steht ein neuer, hoffentlich wegweisender Ansatz: Die individuelle Messung der Umweltverschmutzung und daraus folgend, die individuelle Verantwortung zu deren Reduktion: "Die Reichen sollen sparen" könnte der Slogan heissen, den die Princeton-Universität als Fazit ihrer Studie zu den CO2-Emissionen ausgibt. "Sharing global CO2 emission reduction among one billion high emitters" heisst der Titel der Studie etwas wisenschaftlicher.

Ungenügende CO2-Messgrösse "pro Kopf und Land"
Das wichtigste Mass der Klimapolitik war bisher die Kohlendioxid(CO2-)-Verschmutzung pro Kopf der Bevölkerung je Land. Das hat zwar deutlich gemacht, dass die wohlhabenden westlichen Nationen die "Hauptschuldigen" an der zunehmenden Katastrophe sind: Der CO2-Ausstoss berechnet auf die gesamte Weltbevölkerung beträgt zur Zeit pro Kopf 5 Tonnen pro Jahr. Ein Europäer verschmutzt die Umwelt mit rund 10 Tonnen, ein Amerikaner grad nocheinmal doppelt so viel. (Alle Daten rund um die Klimakonvention gibt es hier).
Ganz im Sinne des Verursacherprinzips haben die Mächtigen der Welt beim Umweltgipfel in Kyoto 1997 beschlossen, die Staaten der Dritten Welt und sogenannte Schwellenländer wie Brasilien, China oder Indien, welche pro Kopf deutlich niedrigere CO2-Emissionen verursachten, von den Klimazielen auszunehmen, respektive von ihnen keine Einschränkungsmassnahmen zu verlangen.
Immer mehr zeigt sich, dass dieses Prinzip der „gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortlichkeiten“ so nicht mehr haltbar ist. Zwar kann man diesen Ländern nach wie vor nicht verbieten, sich weiter zu entwickeln - was heute gleichbedeutend mit mehr Umweltverschmutzung ist -, aber angesichts der Tatsache, dass diese Staaten inzwischen für gut die Hälfte der CO2-Verschmutzung verantwortlich sind und deren Anteil rasch und überdurchschnittlich wächst, muss eine neue Lösung gefunden werden.
Im Dezember findet in Kopenhagen der nächste, grosse Welt-Klimagipfel statt. Bisher ist keine Lösung in Sicht.

10% "Reiche" verantworten 50% der CO2-Emissionen
Immer deutlicher wird aber, dass das Instrument der pro Kopf-Berechnungen allein nicht weiterführt und vor allem ungerecht ist. Der pro Kopf-Massstab kaschiert ("maskiert" nennen es die Princeton-Forscher), dass es eine relativ kleine Gruppe von Menschen ist, die für einen Grossteil der Emissionen verantwortlich ist. Die Princeton-Forscher schätzen, dass rund 10 Prozent der Weltbevölkerung die Hälfte der Luftverschmutzung verursachen: Die Wohlhabenden, die Reichen.
Sie sind Vielflieger, fahren Autos mit überdurchschnittlichem Treibstoffverbrauch, sie wohnen in riesigen Häusern die entweder aufwändig gekühlt oder geheizt werden müssen, sie konsumieren Waren, die mit hohem Energieaufwand produziert worden sind und über tausende von Kilometern transportiert worden sind, usw..
Solche Menschen gibt es aber nicht nur in Amerika oder in Europa, sondern auch in Indien, Brasilien oder in China. Auch der Durchschnittsschweizer gehört zu diesen "Hauptsündern".

Hier zeigt sich die zweite Ungerechtigkeit des Pro-Kopf-Ansatzes: Auch in der Schweiz gibt es Menschen, die für weniger CO2 verantwortlich sind als der Durchschnitt. Weil auch in der Schweiz Einige extrem hohe CO2-Verschmutzungen verursachen, liegt sogar ein Grossteil der Schweizerinnen und Schweizer unter dem Durchschnitt. Dieser Anteil liegt aber immer noch weit über dem, was ein durchschnittlicher Afrikaner oder Asiat verschmutzt. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass es auch in jedem Dritte-Welt-Land Grossverschmutzer gibt, die im Luxus leben, und mehr CO2-Verschmutzung verursachen als der Durchschnittsschweizer.

Die Grossverschmutzer in die Verantwortung nehmen
Im Sinne des Verursacherprinzips und des Prinzips der „gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortlichkeiten“ der Kyoto-Konvention, schlagen die Princeton-Forscher jetzt vor, die "1 Milliarde Hoch-Verschmutzer", unabhängig ihrer Nationalität in die Verantwortung zu nehmen:
"Sharing Global CO2 Emissions Among 1 Billion High Emitters". Sie schlagen eine individuelle Obergrenze der CO2-Emission vor, die von diesen Hochverschmutzern nicht überschritten werde soll. Die Milliarde der Hochverschmutzer hätte es gemäss den Princeton-Berechnungen in der Hand, die CO2-Belastung unseres Planeten bis 2030 wenigsten auf dem heutigen Stand zu stabilisieren, wenn sie pro Person nicht mehr als 11 Tonnen CO2 pro Jahr verursachen würde.

Dass dies nicht reicht, unser Klimaproblem zu bewältigen, sei nur am Rande erwähnt. Der Princeton-Ansatz ist dennoch zukunftsweisend: Wir sind unterwegs zum "individuellen ökologischen Fussabdruck" (zum "ökologischen Fussabdruck" generell: hier). Noch gibt es kein brauchbares System, das gültig berechnen kann, wieviel CO2 ich und mein Nachbar ganz individuell verursachen, wie gross unser "individueller ökologischer Fussabdruck" ist. (ein Versuch zur Berechnung im Energiebereich: hier.) Dieser Ansatz ermöglicht aber spannende Konzepte, die unserer individualisierten Welt entsprechen, hundertprozent marktwirtschaftlich und "gerecht" sind:

Ein individuelles Verschmutzungsrecht?
Wir könnten individuelle Verschmutzungs-Rechte vereinbaren: Ich und mein Nachbar - und alle Übrigen - hätten ein jährliches CO2-Guthaben. Alle Güter, Waren und Dienstleistungen hätten nicht nur einen Frankenpreis, sondern auch einen CO2-Preis. Jeder Bezug würde von meinem individuellen CO2-Guthaben abgezogen. Wenn ich mich entscheide, statt meines japanischen SUV's, ein Elektro Auto zu fahren, das in Deutschland produziert wurde, könnte ich es mir weiterhin leisten, Wein aus Südafrika einzukaufen. Wenn ich mein Haus besser isolieren würde, verträgt mein CO2-Konto die nächsten 2 Jahre auch Tauchferien auf den Malediven. Usw..
Dies eröffnet spannende Perspektiven in vielen anderen Bereichen: Plötzlich würden Ferien in der Schweiz, Nahrungsmittel aus der Region, mit dem Velo zur Arbeit fahren, usw. attraktiver, respektive entsprechend würden die Anbieter dieser Produkte und Dienstleistungen profitieren.

Utopie: Individueller CO2-Handel
Dieses System könnte sogar das Recht beinhalten, das persönliche CO2-Guthaben zu überschreiten. Dieses Recht hätte aber im Sinne des Marktes seinen Preis. Was bereits auf der Ebene der Wirtschaftsunternehmen funktioniert, könnte für das Individuum übernommen werden: Der CO2-Handel: Ich könnte meinem Nachbarn, der zu Hause arbeitet und in einer kleinen Zweizimmer-Wohnung lebt, einen Teil seines CO2-Guthaben abzukaufen.

Was für eine Utopie: Energiesparen, die Umwelt schützen würde sich wirklich lohnen; marktwirtschaftliche Freiheit; Umverteilung von oben nach unten, ...... Gäbe es überhaupt Verlierer in dieser Utopie?

Freitag, 7. November 2008

Bewegung in der Weltordnung

Jetzt zeichnen sich die erwarteten Veränderungen der Machtverhältnisse in der Neuen Weltordnung nach der Finanzkrise ab. Diese neue Weltordnung wird nicht mehr nur den Interessen des alten Westens dienen, sondern muss die neuen Player in Asien, Lateinamerika und im Nahen Osten mitberücksichtigen.

"Gruppe der 20" statt G7
Noch immer ist die USA der Nabel der Welt. "Das Geld dieser Welt fliesst weiter nach Amerika" wie Stratfor schon fast triumphierend feststellt. Aber zum ersten Weltfinanzgipfel nach der Finanzkrise reisen am kommenden Wochenende die Staats- und Regierungschefs der 20 führenden Industrie-. und Schwellenländer nach Washington. Mit dabei auch China und Saudiarabien, Indien, Brasilien und Mexiko. Noch ist offen, wer wirklich teilnehmen wird, aber die Forderung der Schwellenländer mit dabei zu sein, ist deutlich. Der brasilianische Finanzminister Guido Mantenga gegenüber Al-Jazeera: "Nationen wie Brasilien werden nicht mehr länger nur brav Kafe trinken, während die reichen Nationen wichtige Finanzentscheide treffen."
Die Zeit der G7, des alten Clubs der "Industrieländer" scheint vorbei, die "Gruppe der 20" dürfte sich als neues Weltwirtschaftsgremium etablieren, schreibt u.a. "Die Zeit" in ihrer aktuellen Ausgabe ((46/08).


Multilaterales Europa vs. zentralistische USA und China
Natürlich sind auch die Europäer mit dabei, aber die Verhältnisse haben sich drastisch verändert:
Chinas Premier Wen Jiabao reist als grösster Gläubiger der USA nach Washington, "die Europäer sind nur noch Schuldner zweiter Ordnung", schreibt "Die Zeit" (Ausgabe 46/08).
Um die Neuordnung des Weltfinanzsystems mit weitgehenden Regulierungen zu schaffen, sind die Europäer auf die Unterstützung der Chinesen angewiesen. Europa selbst ist zu schwach, um sich selbst eine einheitliche Regelung und einheitliche Massnahmen zu verordnen, das haben die individualisierten Rettungsmassnahmen der Europäer zur Bewältigung der aktuellen Finanzkrise deutlich gemacht. Die EU ist ein Verbund souveräner Staaten. Ihre zentralen gemeinsamen Institutionen, wie z.B. die EZB (Europäische Zentralbank), verfügen nicht über die nötige Macht, Massnahmen für alle durchzusetzen.

Die nicht-geeinte EU steht bei den Verhandlungen zur neuen Weltwirtschaftsordnung den grossen zentralistischen Finanzorganisationen der USA und Chinas gegenüber, die nicht auf individuelle Bedürfnisse und Befindlichkeiten von Kleinteilhabern Rücksicht nehmen müssen. Stratfor-Herausgeber George Friedman stellt fast genüssiglich fest, dass sich die EU in der Krise (Finanzkrise, Georgien) als wenig einheitlich und weniger handlungsfähig erwiesen hat als zum Beispiel die USA. Er diagnostiziert den definitiven "Return of the Nation State", die Rückkehr des Nationalstaates. Multinationale Gebilde, inkl. die UNO, waren den Amerikaner schon immer suspekt.

Europa vs. USA
Die USA - und auch der neue Präsident - haben wohl kaum im Sinne, sich den europäischen Plänen einer internationalen Weltfinanzbehörde, sei es die IWF oder eine neue Institution - unterzuordnen. Stratfor schreibt in aller Deutlichkeit dazu: "Eine internationale Institution zur Regulierung der Finanzwelt, welche auch über Autorität gegenüber den US-banken verfügt, würde ein System schaffen, welches das US-Finanz-Management dem europäischen unterordnen würde." Da schätzen die Europäer die Situation und ihre Macht aus US-amerikanischer Sicht schlicht falsch ein. Der Finanzgipfel in Washington am 15. November wird einiges Aussagen über die aktuellen Machtverhältnisse.
Die Europäer brauchen starke Partner, wenn sie sich durchsetzen wollen.

China als Partner Europas
China könnte sich als starker Interessenpartner für die Europäer anbieten. Auf dem Asem-Gipfel Ende Oktober in Peking, bei dem sich 45 Staten aus dem asiatischen Raum getroffen haben, wurde klar ersichtlich, dass die Chinesen eine weitergehende Regulierung wollen als dies die Europäer anstreben. Mit einer offensichtlichen Spitze gegen die USA sagte Chinas Premier Wen Jiabao, es könne nicht angehen, dass einige Staaten über ihre Verhältnisse lebten und viele andere Staaten dafür bezahlen müssten.
Damit meinte er natürlich, das endlose Handelsbilanzdefizit der USA. Allerdings hat China mit der jahrelangen künstlichen Unterbewertung seiner Währung zu dieser Situation aktiv beigetragen. Und China wird sich hüten, zuviel Druck auf die USA auszuüben: Die amerikansichen Konsumenten sind die wichtigsten Käufer der billigen chinesischen Konsumgüter.

Dienstag, 17. November 2009

Gastbeitrag aus Brasilien 3***: Bürgerkrieg

*** Adrian Zschokke - Kameramann, Filmproduzent, Schriftsteller - weilt zur Zeit in Brasilien. Er nimmt eine Auszeit, um ein neues Buch zu schreiben. Manchmal schreibt er mir ein Mail, das ich dann mit seinem Einverständnis in meinen Blog stelle. Danke, Adrian.

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lieber andy

hier haben wir seit anfang jahr über 3000 tote. opfer von gewaltverbrechen, nicht inbegriffen sind die normalen verkehrsunfälle, meningitisfälle und sonstige natürliche todesursachen. am letzten wochenende waren es 39. und man merkt nichts davon. wenn ich ich nicht regelmässig die zeitung läse, würde ich es nicht einmal ahnen.
du warst ja auch in kriegsgebieten. schien dir das nicht auch immer so unwirklich, dass man in belgrad oder zagreb sass, während 40 oder 100 km weiter geknallt und geschlachtet wurde.
und jetzt kommt eine gruppe Cuisine sans frontieres aus der Schweiz,
die hier suppenküchen baut in den favelas, und irgendwie nervt mich das.
ich weiss gar nicht recht wieso ich eigentlich diese sympathie für lula hege. aber immerhin hat er programme lanciert, mit denen er den hunger bekämpfen will, die armut, die bildungsprobleme und sie greifen… natürlich nicht so schnell, wie man es auch angehen könnte, aber mir kommt bei so hilfswerken immer mehr die afrikanerin in den sinn, die das buch "dead aid" geschrieben hat, dambisa moyo.
wir sind einfach noch immer die arroganten schweizer, die wissen wie die suppe zu kochen ist. wahrscheinlich sind das alles nette kerle, ich kenne den einen von ihnen, ein alter tim, der auf allen hügeln seine suppentöpfe rührt.
interessant auch, wie die mittelklasse überall auf immer die selbe weise auf solche programme gegen die armut wettert. die wollen nicht mehr arbeiten, klar, ist ja am bequemsten, wenn man alles gratis erhält, und dergleichen gehässigkeiten mehr. ich frage mich dann immer, ob es je einen, der angeblich so unter steuerlast gelitten hat, gegeben hat, der freiwillig in diese armut abgetaucht ist, wo ja dann alles so bequem sein soll….
daneben sitze ich am strand, am sonntag ists grossartig. porto de barra, scheints einer der 10 schönsten strände der welt, ist umgeben von zwei forts, die weiss und uneinnehmbar auf kleinen hügeln stehen, wenn du da durch die dicke mauer trittst in ein unscheinbares und ziemlich popeliges museum, kommst du in eine überirdische stille, die, sobald du wieder nach draussen trittst, überfallen von sengender sonne und fröhlichem geschrei, gehupe, gequietsche.

wenn die flut die bucht schmälert, bis du nur noch etwa 1 meter sand hast, siehts am sonntag eben so aus. dicht an dicht, man trinkt bier, man isst crevettenspiesse, käsespiesse, acarajé, man trinkt kokosnuss, kokakola oder wasser, man wird eingeölt, sofern man möchte, kriegt einen hut, ein tuch, ein bikini, einen stuhl, sonnenschirm, alles... mit freundlichster miene, ohne lästig zu werden. es ist fast nicht zu glauben. wenn ich an sierra leone denke bspw. wo du am ende mehr oder weniger davonläufst, weil alle dir aggressiv etwas verkaufen wollen, hier ist es ein angenehmer basar. obschon eben salvador ein rauhes pflaster ist, am strand kann man ruhig sein, ich kann meinen fotoapparat mitnehmen, mein handy und schwimmen gehen und niemand rührt etwas an. vielleicht ein ungeschriebenes gesetz.

gegensätze. müsste man thematisieren können, oder.

heut abend kommt tom wolfe, hält einen vortrag hier, mal sehen ob er mir was zu sagen hat, so von schriftsteller zu schriftsteller :-)

gruss
a

Mittwoch, 3. Februar 2010

Die demographische Bombe oder Wir sind bald die "Dritte Welt"

Bild: Visum-reportagen.de

In den wichtigen Polit-Publikationen hier in den USA ist die Demographie DAS Thema. Das Monatsmagazin "Foreign Affairs" z.B. titelt gross "The New Population Bomb". Und auch Foreign Policy fährt das Thema gross, allerdings mit einem anderen Fokus: "$123,000,000,000,000". So gross werde das Bruttosozialpodukt Chinas im Jahr 2040 sein. Im Untertitel fügt der Autor, Wirtschaftsnobelpreis-Träger Robert Fogel vielsagend an "Be warned", seid gewarnt. (Sehr spannend auch die Replik zum Fogel-Artikel von Nicholas Consonery auf Foreign Affairs).

Der Fokus China zeigt, worum es geht. Die Basisdaten für die alarmistischen Hintergrundartikel in den amerikanischen Publikationen sind nicht neu. Es sind die laufend aufdatierten UNO-Zahlen zur Entwicklung der Weltbevölkerung bis 2050. Bisher hat man sie zwar zur Kenntnis genommen im Sinne von: "Wow, 9,15 Milliarden Menschen", aber die gute Nachricht war, dass das die Obergrenze sein würde, dass die Weltbevölkerung ab 2050 nicht mehr weiter wachsen werde. Und allgemeine war man sich einig: Das müsste zu bewältigen sein.

Der Süden (und China) regiert die Welt
Unter dem Eindruck der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise und dem praktischen Erlebnis, dass der Westen an Einfluss verliert und der Süden (z.B. Brasilien) und insbesondere China inzwischen sehr selbstbewusst demonstrieren, dass die Zeiten der westlichen Dominanz definitiv vorbei sind, erscheinen die Zahlen in einem anderen, viel erschreckenderen Licht: Es herrscht Endzeitstimmung.
Nicht nur, dass die Chinesen mit 40% des Bruttoweltprodukts (GDP) die mit Abstand wichtigste Wirtschaftsmacht sein werden (zum Vergleich: USA 14%, Europa 5%), sie werden wohl auch die Regeln auf diesem Planeten diktieren. Nur logisch, wir haben das ja auch gemacht. Und das Verhalten der neuen Big-Player scheint die Befürchtung zu bestätigen, dass die wichtigste Regel des Kapitalismus auch die Zukunft gelten wird: Wer das Geld hat, hat die Macht.

Den Chinesen geht's bald besser als uns
Bisher schien das alles ja nicht so dramatisch mit der neuen Weltordnung. Wir konnten täglich am Fernsehen sehen, dass es den Chinesen nach wie vor schlecht ging, nicht nur in Sachen "Freiheit", auch in Sachen Lebensqualität und Konsummöglichkeiten. Wir wussten zwar, dass die führende westliche Macht, die USA, inzwischen wirtschaftlich total von China abhängig ist. Gleichzeitig hatten wir aber auch verstanden, dass die Chinesen umgekehrt genauso auf die USA als Abnehmer für ihre Güter angewiesen sind. Wir konnten beruhigt zu unserem gewohnten, privilegierten Alltag zurückkehren. Wir wussten, die Chinesen brauchen uns, als Konsumenten aber auch als Lieferanten von Hightechprodukten und als Berater.

Aber, stellen die Analysten erschreckt fest, das ist nicht mehr lange so. Bald sind wir auch als Knowhowträger und Konsumenten höchstens noch eine Randerscheinung. Bis im Jahr 2030 - das ist in 20 Jahren, dann sind meine Töchter 40 Jahre alt - werden 1,2 Milliarden Menschen der bisherigen 3. Welt den Lebensstil einer Mittelklasse erreicht haben. 1,2 Milliarden - das sind mehr als die Bevölkerung von Europa, Japan und der USA zusammen - mehr als 1,2 Milliarden Chinesen, Brasilianer, Inder oder Indonesier werden sich regelmässig ein Mittelklasse-Auto oder jährlich Ferien leisten können, auf jedem Stock im eigenen Haus nicht nur ein eigenes WC haben, sondern auch die neusten Errungenschaften der Elektronikindustrie.

Noch schlimmer, eigentlich unvorstellbar: Den Chinesen zum Beispiel, jedem Einzelnen, wird es im Schnitt besser gehen als uns. Robert Fogel prognostiziert in Foreign Policy, dass ein Durchschnitts-Chinese 2040 85'000 USDollar verdienen wird, doppelt so viel wie der Durchschnitts-Europäer. Oder anders ausgedrückt: Ein Chinese wird doppelt so gut leben, wie ein Franzose oder Deutscher oder Schweizer. Das ist in der Tat wohl für alle von uns schockierend.

Der Westen wird alt und teuer
Nicht, dass es uns schlecht gehen wird. Wir können noch immer davon ausgehen, dass wir im Durchschnitt nicht darben müssen - zum Beispiel hungern oder frieren, aber wir müssen kämpfen und uns wohl einschränken. Die Zeit des scheinbar gottgegebenen automatischen Immer-Weiter-immer-Mehrs ist vorbei.
Das Bruttosozialprodukt im alten Westen wird sich zwar bis 2050 noch einmal verdoppeln (das BSP der übrigen Welt gleichzeitig verfünffachen; Zahlen gemäss Goldstone: Foreign Affairs Print-Magazin), aber ein guter Teil des Wachstums droht durch steigende Gesundheits- und Sozialkosten aufgefressen zu werden. Es tickt die andere demographische Bombe: Die zunehmende Überalterung der Bevölkerung. Die UNO rechnet mit 47% mehr über-60-Jährigen in Europa. Gleichzeitig verliert Europa aufgrund der demographischen Entwicklung bis 2050 120 Millionen Erwerbstätige. Nicht nur, dass die Finanzierung der Alten zum dominierenden Problem wird, es fehlt schlicht auch an Konsumenten.

Neue Weltordnung
Jack A. Goldstone teilt in seinem Foreign Affairs-Essay die Welt der Zukunft in drei neue Gruppen ein:
1. Welt: Japan, USA, Europa, Südkorea, Taiwan, China nach 2030; Länder mit einer alternde Bevölkerung
2. Welt: Brasilien, Iran, Mexiko, Türkei und China bis 2030: junge, dynamische und gleichzeitig stark wachsende Länder
3. Welt: Länder mit schnell, wachsende Bevölkerung, viele Junge, aber wenig Wachstum, arm, politisch unstabil

Die Einteilung scheint mir etwas Willkürlich bezüglich Rangierung. Den Anspruch auf das Label 1. Welt gehört nicht mehr uns. man kann sich fragen ob wir noch die 2. Welt sind, angesichts der langfristigen Perspektiven wohl auch nicht, also wohl eher 3. Welt. Damit es nicht so negativ tönt, könnten wir uns ja um ein netteres Label bemühen: "Die alte Welt".

Montag, 9. Februar 2009

Tripolare neue Weltordnung

Foto: Photobucket

Nach den ersten Wochen Obama lichten sich die Euphorie-Nebel etwas: Viel positive Kommunikation, die uns allen und der Welt sehr gut tun. Aber klar ist auch: Die Analysen und Prognosen in Sachen künftige Weltordnung müssen nicht neu geschrieben werden. Obama wird den Lauf der Dinge kaum wesentlich verändern.

Keine neue Aussenpolitik der USA in Sicht ...
Vize-Präsident Joe Bidens Auftritt bei der Münchner Sicherheitskonferenz hat gezeigt, dass sich Obamas Aussenpolitik von der seines Vorgängers Bush kaum unterscheiden wird/kann, wie selbst Stratfor-Herausgeber George Friedmann in seiner aktuellen Analyse nüchtern feststellt.
Wenn er denn überhaupt wollte, Obamas Handlungsmöglichkeiten sind beschränkt, sowohl innen- aber vorallem auch aussenpolitisch. George W. Bush hat nicht einfach seine private Aussenpolitik betrieben, sondern die Politik, die Amerika und seine Sicherheitsexperten für richtig hielten. Diese Analyse und ihre daraus folgenden Bedürfnisse und Handlungen der USA haben sich mit einem neuen Präsidenten nicht von einem Tag auf den andern verändert. Bidens Auftritt in München zeige, schreibt Friedman, dass Obama die Rahmenbedingungen und Dringlichkeiten kenne, die Amerikas Aussenpolitik zugrunde liegen" und, dass Obama "die Grenzen seiner präsidialen Macht" kenne.

....aber ändernde Rahmenbedingungen
Doch der neue amerikanische Präsident und seine Sicherheitsexperten werden sich künftig mit einer sich laufenden verstärkenden Veränderung in der Aussenpolitik arrangieren müssen: Amerika ist nicht mehr, wie in den letzten Jahren, die allein bestimmende Macht dieser Welt, die sich einen Deut darum kümmern muss, was der Rest der Welt (und/oder die UNO) denkt und will.

Die Aufstieg Asiens, die "Rückkehr Asiens" wie es Kishore Mahbubani formuliert (siehe dazu meinen Contextlink-Beitrag), zu einem zentralen Player in der neuen Weltordnung, wird von allen Experten als Gegeben angesehen.
Umstritten ist, wie mächte die USA noch sein werden und ... welche Rolle Europa spielen wird.

Die für mich glaubwürdigste Analyse macht Parag Khanna, indisch-stämmiger US-amerikanischer Experte für Internationale beziehungen. Er sieht eine neue Weltordnung mit drei Polen: USA - Europa -China.

"Tripolare Welt" vs. "Das amerikanische Zeitalter"
Eine tripolare Welt sehen auch indische Experten wie Arvind Virmani, Direktor des indischen Thinktanks ICRIER. Allerdings sind seine drei Pole USA, China und .... Indien, nicht Europa.
Dass Europa's Zeiten als Machtzentrum definitiv vorbei ist im 21. Jahrhundert, glaubt auch George Friedmann, einflussreicher Herausgeber von Stratfor, dessen neustes Buch "The next 100 years" jeder Neuabonnent der Stratfor-Analysen als Geschenk erhält.
Friedmann verkündet das Ende des Europäischen Zeitalters und der Beginn des Abruch des Amerikanischen Zeitalter ("The Dawn of the American Age").
Er sieht nach wie Amerika im Zentrum: "The world does pivot around the United States." Andres als Mahbubani oder Khanna oder die Inder, galubt Friedmann nicht an China als kommende Superpower. Zu viele soziale Probleme, gefährdet als Einheit und strategisch-geographisch viel schlechter gelegen als Amerika, welches inmiten der Pazifiks und des Atlantiks liegt und seine Einfluss deshalb geltend mache kann.

Neu Player
Alle Analysten gehen davon aus, dass neue, wichtige Player im Spiel sein werden. In der Amerika-zentrierten Sicht Friedmanns ist das vorallem Mexico. Auffällig, dass bei allen Experten ein Land immer wieder als kommender Big-Player genannt wird, dessen Bevölkerung bei uns in Westeuropa bei vielen als minderwertig gilt, die Türkei.

Russland adieu
Alle sind sich einige, dass Russland nicht mehr lange eine wirklich wichtige Rolle spielen wird: Sinkende Bevölkerungszahlen, schlechte Infrastruktur, keine innerer Zusammenhalt. Russland dürfte in den nächste 10 bis 20 Jahren Europa und den USA noch grosse Schwierigkeiten machen, aber schliesslich wird Russland in Europa aufgehen.

Globaler Frieden oder neue Kriege?
Der Militärspezialist Friedmann macht der Welt für das 21. Jahrhundert insgessamt eine düstere Prognose: Er sagt, die neu aufstrebenden Mächte werden ihre Position gegenüber den USA in einem grossen "globalen Krieg" ab etwa 2050 auch mit Gewalt erkämpfen. Dieser "global war" wird aber, wei alle grossen Kriege der Vergangenheit auch eine neue ökonomichen Boom auslösen ("....kick off a massiveeconomic boom.")

Die Asiaten (inklusive Khanna) sehen die Entwicklung friedlicher. Insbesondere Asien, werde einen befriedenden Einfluss ausüben. Vorallem aber wird es nicht allein entscheidend sein, wie stark die militärische Macht eiens Pols ist, sondern auch wie gross sein wirtschaftliches und technisches Potential und - erstaunlich-erfreulich - seine kulturelle Stärke ist.

... und Europa?
Europa wird von den USA und aus Sicht vieler Asiaten als schwach beurteilt, weil satt und innerlich nicht geeint und Handlungs-fähig. Europa möchte ich aber in einer späteren Blog ausführlicher behandeln.
Parag Khanna, sieht Europa ganz anders. Ihm neige ich auch in der Gesamtanalyse zu. Seine Argumentation einer dreipolaren Welt scheint mir am überzeugendsten.

Der Kampf um die 2. Welt
Die entscheidende Rolle spielen für ihn dabei die aufstrebende Länder, die sogenannte "2. Welt". Welcher Pol schliesslich den grössten Einfluss und am meisten Macht haben wird, hängt gemäss Khanna davon ab, welches Imperium am meisten Staaten der 2. Welt auf seine Seite ziehen kann. Es geht um den "Kampf um die Zweite Welt", wie Khannas aktuelles Buch heisst.
Die Pole USA, Europa und China stehen im Wettstreit um aufstrebende Nationen wie Brasilien, Mexiko, Iran, Indien oder die Türkei. Diese Länder sieht Khanna in der Position des Wählen-Könnens. Sie werden sich dem Imperium annähern, das ihnen am meisten entspricht, ihnen am meisten bringt. Möglich auch, dass es diesen Ländern gelingt, zwischen den mächtigen Imperien zu lavieren und sich nicht in eine unilaterale Anhängigkeit zu begeben.

Ich halte es für sehr spannend, schon aktuellen politschen Entwicklungen unter diesem Aspekt zu beobachten: Wohin neigen, wohing gehen Länder wie der Iran, die Türkei, Brasilien oder Indien. Nicht zu vergessen sind auch Länder und Regionen, die über wichtige Rohstoffe verfügen, auf die die Grossen angewiesen sind. Sogar ein scheinbar verlorener Kontinent wie Afrika erhält dadurch eine wichtige Bedeutung.
Vorallem aber, alle diese Ländern, so schwierig ihre aktuelle Situation zur Zeit sein mag, sie sind in einer neuen Position: Sie agieren aus einer Position der Stärke.

Buhlen um den Iran oder die Türkei oder um Kasachstan
Damit kann man zum Beispiel die Politik, die der Iran heute zu spielen versucht viel besser verstehen: Der Iran muss nicht um eine Annäherung an den Westen, dei USA oder Europa betteln. Im Gegenteil: Die USA und /oder Europa tun gut daran, den Iran positiv einzubinden, wenn sie ihn nicht an Asien/China verlieren wollen.
Oder die EU muss begreifen, dass es nicht darum geht, die Türkei "gnädigst" aufzunehmen und ihr irgendwelche Bedingungen zu stellen, es gilt dafür zu kämpfen, dass sich die Türkei wirklich für Europa entscheidet und sich nicht primär Richtung Osten orientiert.

Viel spannender Stoff für endlos viele Blogbeiträge.

Samstag, 15. Mai 2010

Grüne Fussball WM 2018


Gestern haben England, Russland, die USA, Australien, Holland/Belgien und Spanien/Portugal ihre Kandidatur für die Fussball-WM bei der FIFA in Zürich  eingereicht.

Allgemein geht man davon aus, dass nach Afrika (Südafrika 2010), Südamerika (Brasilien 2014) 2018 wieder Europa an der Reihe sein wird. Offiziell versucht Holland die FIFA mit grünen Argumenten zu überzeugen. Ruud Gullit, alt-Fussballstar und Präsident des Kandidaturkomitees Holland/Belgien, verspricht "die grünste Fussball-WM aller Zeiten". Die Durchführung einer Fussball-WM (oder -EM) ist, wie jetzt grad Südafrika (oder zuvor auch die Schweiz) erfahren muss, eine zweischneidige Sache.
Den Mut zur Lächerlichkeit haben die Herren aus Holland/Belgien gestern jedenfalls schon mal bewiesen, als sie PR-trächtig auf Velos in standesgemäss steifem Business-Outfit vor dem FIFA-Palast auf dem Zürichberg vorfuhren (Bild oben: The Guardian). Das war "Unprofessional Foul" das "Bild des Tages" wert.

Übrigens: der propere Herr auf Fahrrad im Bild oben ist derselbe wie der auf dem Foto rechts: Ruud Gullit. Er hat mal sooo gut ausgesehen . (Siehe Foto links.) Geradezu klassisch: "HilavokuOliba" (Hinten lang, vorne kurz, Oberlippenbart)

Der immer wunderbar lästernde Fussball-Blog aus den USA hat den PR-Gag der Holländer gestern in Zürich gewohnt ätzend-süffig kommentiert: Der Fokus auf die Umwelt sei das beste Verkaufsargument, das die Niederlande für ihre Kandidatur vorbringen konnten, "ausser den Drogen und den Huren, welche zwar gute Verkaufspunkte, aber nicht wirklich gute Marketingargumente sind."

Unprofessional Foul liefert auch noch etwas Statistik: Englands Kandidatur-Dossier - überreicht von David Beckham - umfasst 1752 Seiten, das der USA 1250 Seiten, das von Korea wiegt 250 Kilo. Australiens Bewerbungsdossier ist weniger umfangreich, ist aber, gemäss Unprofessional Foul "in Känguruhleder gebunden, vermutlich recycliert aus alten Fussballschuhen."

In den aktuellen Medien-Artikeln steht nichts darüber, was die Kandidatur-Länder der FIFA für die Durchführung versprechen mussten. Die Details stehen im offiziellen FIFA-Reglement, das fast so umfassend ist, wie die Kandidatur-Dossiers.  Der langen Paragraphen kurzer Sinn: Die öffentliche Hand, die Steuerzahler werden den Löwenanteil der Kosten übernehmen, während der gemeinnützige Verein FIFA den grossen Reibach macht.

Sonntag, 18. Januar 2009

Schweizer Regenwald

Foto: National Geographic/Michael K. Nichols

Vorgestern habe ich vom Tod von Andres Gut erfahren. Gestern Nacht habe ich auf Arte den sehr bewegenden DOK-Film von Christoph Kühn (2007) über Bruno Manser gesehen.
Natürlich ist das kein Zufall. Hier aber zuerst als Erinnerung an Bruno Manser wenigstens der Trailer zum Film:



Bruno Manser ist seit 2000 in Borneo verschollen. Andres Gut ist vor Weihnachten 2008 gestorben.
Ich weiss nicht, ob sich die beiden je begegnet sind und wie sie sich verstanden hätten. Sie teilten aber eine gemeinsame Leidenschaft: Den Regenwald. Auf den ersten, uninformierten Blick mögen sich Freunde von Bruno Manser, dem Kämpfer für den Erhalt des Regenwalds als Lebensraum für die letzten Naturvölker, wehren gegen eine positive gedankliche Verbindung mit dem Präsidenten einer Firma, die ihr Geld mit dem Holzschlag im Regenwald verdient.
Doch dieser positive Zusammenhang besteht:

Bruno Manser hat den Kampf um die Erhaltung "seines" Regenwaldes in Sarawak (Borneo) verloren. Der Wald, indem er zusammen mit den Penang sechs Jahre lang gelebt hat, ist heute praktisch zerstört. Aber Bruno Manser hat wesentlich dazu beigetragen, dass sich die westliche Welt und speziell Europa für die Problematik des bedrohten Regenwalds sensibilisiert hat und heute mehr als die Hälfte des in Europa verkauften Tropenholzes aus "nachhaltiger Nutzung" stammt und deshalb mit dem Label FSC (Forest Stewartship Council) der Umweltorganisationen versehen ist. (Foto bmf.ch)

Schutz dank Nutzung
Und dieses FSC-Tropenholz ist das Geschäft von Precious Woods, der Schweizer Holzfirma, deren charismatischer Präsident Andres Gut war. Andres Gut hat sich auch als Schützer des Regenwalds verstanden. Sein Philosphie, die Precious Woods u.a. in den Wäldern im Amazonas und im Kongo-Becken umzusetzen versucht, heisst: "Erhalt des Regenwalds DANK Nutzung" oder noch drastischer: Nur wenn er auch kommerziell genutzt wird, kann der Regenwald überleben.
Und dies ist im Prinzip heute auch die Position von Umweltorganisationen wie Greenpeace oder WWF, die hinter dem FSC-Label stehen. Nur noch militante Regenwald-Pressure-Groups wollen den Dschungel so erhalten, wie sie ihn romantisierend-westlich wahrnehmen: Als unberührtes und unveränderliches Paradies der seltenen Tierarten und Pflanzen.
Heute anerkennen die meiste Umwelt-Organisationen, dass auch die Menschen, die im und vom Regenwald leben, ein Recht auf dessen Nutzung haben. Dies ist mit Sicherheit etwas, was auch Bruno Manser unterschrieben hätte.

"Bäume ernten"
Es geht bei der Nutzung Regenwalds nach FSC-Kriterien, wie sie Andres Gut praktiziert hat, um ein nachhaltige, sparsame Nutzung des Dschungels in der Art, dass er nicht geschädigt wird und auch in den kommenden 50 oder 100 Jahren als Lebensraum für Flora und Fauna (inkl. Mensch) bestehen bleibt und auch weiter wirtschaftlich Nutzen bringen wird. Grossflächige Abholzung ist verboten, Bäume werden gezielt ausgewählt, einzeln gefällt und so abtransportiert, dass dem Wald kein nachhaltiger Schaden zugefügt wird. Wie das bei Precious Woods zum Beispiel in Brasilien funktioniert, zeigt dieses Video hier.

Nutzen für die einheimischen Menschen
Entscheidender Punkt ist nicht der Schutz der Umwelt oder zum Beispiel der Gorillas und Waldelephanten (dies auch), sondern der Schutz der Interessen der lokalen Bevölkerung. So ist eines der Kriterien zur Erlangung des FSC-Labels, die Beteiligung der lokale Bevölkerung. Dies hat dazu geführt, dass einzelne Holzfirmen die Pygmäen in "ihrem" Konzessionsgebiet mit GPS-Geräten ausgerüstet haben, mit welchen diese Bäume definieren, die sie nicht geschlagen haben wollen.
Diesen Aspekt des Einbezugs der lokalen Bevölkerung will die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) noch verstärken. Die Schweizer Sektion von GfbV hat das Prinzip des "Free Prior Informed Consent" (FPIC) erarbeitet, welches verlangt, dass eine Holzfirma nur eine Konzession für ein bestimmtes Dschungelgebiet erhält, wenn sie zuvor die in dem Gebiet lebenden Menschen umfassend über die Pläne informiert, sie mit diesen Plänen einverstanden sind und deren Beteiligung (Holz und/oder Gewinnanteil) vertraglich festgeschrieben ist.

Regenwald noch immer bedroht
Dies sind erfreuliche Entwicklungen. Bruno Manser und Andres Gut haben Wesentliches dazu beigetragen. Doch der Kampf um die Rettung des Regenwalds ist noch nicht gewonnen. Im Gegenteil. Bisher arbeiten nur die wenigsten Holzfirmen nachhaltig. Noch immer werden täglich riesige Flächen Regenwald zerstört, zum Schaden des gesamten Planeten Erde. Neben den Umweltorganisationen wie Greenpeace (viele Info zur Waldkampagne hier) oder GfbV braucht es neue Mansers und Guts. Es is auch ein Wettlauf mit der Zeit.

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