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Freitag, 10. Juli 2009

Freiheit und Lust in und an der Gewalt

Ich habe es immer als Privileg empfunden, in eine Zeit, einer Region geboren worden zu sein, in der Friede und nicht Krieg herrscht, in einer Gesellschaft leben zu dürfen, die einigermassen zivilisiert und gefestigt ist. Dieses Privileg verschont mich nicht nur mit einiger Wahrscheinlichkeit davor, Opfer einer Gewalttat zu werden, sondern auch, selbst zum Täter zu werden.

Mit Blick auf die sich häufenden Gewaltexzesse insbesondere junger Täter, sei es im Rahmen von Fussballspielen oder einfach im Bus in die Stadt oder bei der Klassenfahrt in München, muss ich allerdings befürchten, dass dieses Privileg zumindest gefährdet ist. Und wenn ich den Artikel von Wolfgang Sofsky, „Der grausame Charakter“, heute im "Tagesanzeiger" lese, mache ich ganz direkte Bezüge zu meiner unmittelbaren Umwelt, zur Schweiz, zu mir selbst. Ich stelle erstaunt fest, dass auch mein subjektives Sicherheitsgefühl hier in der Schweiz kleiner geworden ist.
Ich wechsle heute auch in der Schweiz schon mal die Strassenseite, wenn mir nachts in der Stadt zwielichtige Gestalten entgegen kommen. Oder ich schaue im Nachtbus stur weiter unbeteiligt zum Fenster hinaus, selbst nachdem mir ein 15-Jähriger vor die Füsse gespuckt hat.

Sofkys Artikel im Tagi ist ein Ausschnitt aus seinem neuen Werk „Das Buch der Laster“, das Ende August auf den Markt kommen soll. Sofsky variiert darin sein ständiges Thema: Gewalt, speziell die Folter. Was Sofsky besonders spannend macht: er interessiert sich nicht nur für die Opfer, sondern meist mehr für die Täter.
Wie schon in seinen früheren Büchern (u.a. "Traktat über die Gewalt“ oder „Zeiten des Schreckens“) ist bei Sofsky fast jeder Satz einfach schrecklich: schmerzhaft drastisch und konkret. Unerbittlich konsequent analysiert er die Gewalttaten und leuchtet tief in die Abgründe - auch in die Abgründe unserer/deiner/meiner Seele. Für Sofsky sind Gewalttäter nicht einfach Monster oder Opfer besonderer Umstände oder der Geschichte. Gewalt ist für ihn eine „anthropologische Konstante“. Wir Menschen sind so. Auch Sie, Du und ich sind zu Taten fähig, die wir im Normalfall nicht einmal zu denken wagen.

Leider wurde der Print-Artikel vom Tagi nicht ins Internet gestellt. Hier, die für mich wichtigsten Ausschnitte:

Einem Gewalttäter geht es laut Sofsky vor allem um die Ausübung, um das Erleben von Macht:
„Grausamkeit zielt auf vollkommene, totale und absolute Macht. Sie sucht alle Gegenwehr zu zerstören und dem Opfer die Fähigkeit zu rauben, Nein zu sagen. Sie spielt mit seinem Schmerz, zersprengt seinen Eigensinn, nimmt ihm den Willen und am Ende auch das Leben.“

Wobei, gemäss Sofsky, das Töten nicht das Ziel, sondern „für den Handwerker der Macht“ ein „Kunstfehler“ ist: „Mit dem Tod entgleitet ihm das Opfer. Nur solange es am Leben bleibt, dauert die Macht an. Wie es ihm gefällt, kann er den Menschen schänden und schinden, mit Wörtern und Schlägen, mit Gesten, Geschrei, Gelächter und Gewalt.“

Natürlich reflektiert hier Sofsky vor allem über die Folter, den Folterknecht und sein Opfer, aber die Situation, die Gefühlslage des Täters gilt genauso für einen jugendlichen Schläger, der auf ein hilfloses Opfer eindrischt. Auch die Situation des Opfers ist dieselbe:

„In der Hilflosigkeit des Opfers liegt der Genuss der Grausamkeit. ... Die wirksamste Methode ist der Schmerz. Ein wohlgezielter Schlag unterwirft die gesamte Person, überschwemmt ihre Empfindungen, tilgt die Selbstdistanz. Im zappelnden, wimmernden Schmerzbündel mutiert der Mensch zur Kreatur. ... Wer diese Metamorphose herbeizuführen vermag, der beherrscht den anderen vollständig. Nach Belieben kann er Schmerz an- oder abschalten, verstärken und verringern. Das Opfer ist ganz in seiner Hand.“

„Grausamkeit löst sich von allen Normen und Zielen. Sie ist kein Mittel zum Zweck, sondern Selbstzweck. Sie will nicht erpressen, strafen, vergelten, sondern sich selbst steigern. ... Sie anerkennt weder Regel noch Mass. Sie will nur sich selbst, die absolute Freiheit der Willkür.“

Sofsky spricht auch in seinen älteren Büchern in Zusammenhang mit absoluter Gewalt immer von einem "Gefühl der Freiheit" der Täter und/oder von einer „Emanzipation von der Moral“. Normen, Verpflichtungen, moralische Einschränkungen werden abgelegt. „ Die Fantasien des Bösen sind an keine Erfahrungen gebunden. Hemmungen und Regeln werden einfach abgeschüttelt.“
In der Grausamkeit der Tat entwickelt der Täter gemäss Sofsky eine spezielle „Kreativität“. Immer neue Formen der Peinigung entwickelt er. Diese Kreativität „öffnet die Schleuse für die Wonnen des Bösen. ... Die Laster, die er verschämt in sich verborgen hat, holt sie ans Tageslicht. Sie reizt seine Spielfreude, seine Selbstsucht, seine Lust an der Bestialität.“

„Die Emanzipation von der Moral bedeutet nicht, dass Grausamkeiten nur aus Perfidie oder Bösartigkeit begangen werden. Die wenigsten Menschenschinder handeln aus bewusster Immoralität.“ „Sie begeistern sich an der Machtaktion und nicht an deren amoralischer Qualität.“

„Die neue Freiheit hat ihren eigenen Reiz. Sie erspart Schuld und Scham, Mitgefühl und Selbstkontrolle, Verantwortung und Pflicht. Recht und Unrecht müssen nicht länger bedacht werden. Es ist wie das Abwerfen von Ballast. Daran kann das Gattungswesen rasch Gefallen finden. Der Grausame muss nicht mehr nachdenken, sich beherrschen, gegen sich ankämpfen. Endlich kann der Mensch seinen tiefen Riss in der Konstitution überwinden. Er kann einfach tun, was er will. Daher wird die Grausamkeit rasch zur lieben Gewohnheit, die auf Wiederholung drängt.“
Die Untat kann „mit Ekel, Stolz oder Geltungsdrang, mit Abenteuerlust und Langeweile, mit Berechnung oder Beflissenheit“ verbunden sein. „Unter den Lastern animiert sie – neben der Hochmut und der Untertänigkeit – vor allem die Feigheit zur Grausamkeit.“
„Der Feigling will nicht streiten und kämpfen, nicht mit Ebenbürtigen sich messen. Nur wenn er sich ganz sicher ist, wagt er sich aus der Deckung. ... In der Horde fühlen sich die Feiglinge stark.“

Täter fühlen sich oft gedeckt durch Hierarchien oder Gemeinschaften (Soldaten, Hooligans). „Die Täter sind grausam aus Gedankenlosigkeit, Willensschwäche oder Pflichtgefühl, aus Fügsamkeit oder Zügellosigkeit.“
Und:
„Was ihre moralische Ausstattung betrifft, unterscheiden sie sich keinen Deut vom gesellschaftlichen Durchschnitt.“


Uebrigens noch etwas Positives auf einer ganz anderen Ebene:
Mit dem Sofsky-Artikel setzt der Tagesanzeiger ein erfreuliches Zeichen: Es gibt noch wirklich lesenswerte Beiträge in der „Wüste der Beliebigkeit“ der Schweizer Medienlandschaft.

Dienstag, 28. April 2009

Mehrheit FÜR Folter


Es fällt mir sehr schwer, über die Folterthematik zu schreiben - grad weil sie mich seit Jahren so sehr beschäftigt. Wie häufig, muss ich nach verschiedenen gescheiterten Versuchen einsehen, dass Andere das besser können:

Heinrich Wefing hat jetzt in der "Zeit" einen Artikel "Soll man die Folterer laufen lassen?" geschrieben, der in Vielem dem entspricht, was ich in meinem Kopf nicht richtig habe ordnen können:
Das Folter-Memorandum des US-Justizministeriums empfindet Wefing auch als "eine Welt bürokratischer Perversion", in welchem peinlich genau definiert wird, wann die menschenverachtende Quälerei als "legal" zu rechtfertigen sei, " inklusive praktischer Hinweise: Welche Temperatur darf das eisige Wasser nicht unterschreiten, mit dem die Gefangenen abgespritzt werden? Fünf Grad.", und so weiter und sofort. "Es ist eine albtraumhafte Verzerrung dessen, was Juristen (und Mediziner) in einem Rechtsstaat tun dürfen."

Die Diskussion, die in den USA zur Zeit geführt wird, ob sich Folter im Sinne der übergeordneten "nationalen Sicherheit" im Notfall nicht doch rechtfertige und dass die praktischen Vollstrecker der Quälereien als simple Nicht-Befehlsverweigerer straffrei bleiben sollen, ist "die klassische Rechtfertigung aller Folterer dieser Welt". Und dass der Sonderbeauftragte für Folter, der österreicher Manfred Nowak da anderer Meinung ist und dies als "Verstoss gegen das Völkerrecht" qualifiziert, ist selbstverständlich.
In weniger medial aufgeheizter Situation wurde die Thematik auch schon von politisch weniger in die Enge Getriebenen diskutiert (u.a. hier: "Das Folter Dilemma"). Das Gescheiteste dazu hat für mich - einmal mehr - Jan Philipp Reemtsma geschrieben und gesagt, kurz zusammengefasst in diesem TAZ-Interview 2005.
Ganz am Ende seines wichtigen Buchs "Folter im Rechtsstaat" zieht Reemtsma ein schlichtes Fazit zur Problematik: "Wir sind, was wir tun."

Und dass die Täter, die staatlich legitimierten Folterer, gar nichts Spezielles sind, schon gar nicht einfach nur besonders verwerfliche Unmenschen, sondern sich bei ihrem Tun sogar vom "Volk" getragen fühlen können, zeigen die neusten Umfragen des Instituts Gallup in den USA: Mehr als die Hälfte der Amerikaner finden die Anwendung der Folter ("harsh interrogation techniques") gegenüber Terroristen richtig. Sogar über 60 Prozent von denen, die sich "intensiv mit der Frage auseinandergesetzt" haben, halten die Folter für angebracht. (Eine Zusammenfassung und Einordnung der Umfrage liefert der ISN-Artikel "Costs of War" von Shaun Waterman).

Ich halte die Amerikaner in diesem Falle für überhaupt nicht speziell, sondern bin überzeugt, ähnliche Umfragen in ähnlichem Kontext würden ähnliche Resultate zum Beispiel auch in der Schweiz ergeben.

Mark Danner, Professor an University of California, der mit der Indiskretion der Veröffentlichung des Reports des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) "ICRC Report on the Treatment of Fourteen 'High Value Detainees' in CIA Custody" (die wichtigsten Auszüge hier) den Folter-Ball in den USA richtig ins Rollen gebracht hat, entlarvt in einem neuen Artikel "If everyone knew, wo's to blame?" in der Washington Post die ganze politische Aufregung und die dazu inszenierte Medien-Empörung als pure Heuchelei, indem er aufzeigt, dass das Wissen über die von höchster Stelle abgesegneten Folterverbrechen nicht erst seit dem IKRK-Bericht und der Veröffentlichung des offiziellen Folter-Memorandums des US-Justizministeriums diesen April vorhanden und öffentlich ist, sondern bereits seit 2004. Unter anderem hatte damals die New York Times darüber berichtet, auch über das "Waterboarding". Danner zeigt, dass diese "dirty little secrets" nicht nur schon seit längerem dem Bush-Lager bekannt waren, sondern auch den Demokraten im Kongress. Danner stellt nüchtern fest, dass das Argument von Bush-Vize Dick Cheney, diese "erweiterten Befragungstechniken" seien entscheidend gewesen, um "einen weiteren Grossangriff" auf Amerika (ähnlich 9/11) zu verhindern, im Prinzip von allen geteilt wurde.
Danner nennt diese offenbar allgemeine Haltung der US-Politiker "deeply pernicious", wirklich schlimm, "weil es bedeutet, dass es "unmöglich ist, das Land zu verteidigen, ohne das Gesetz zu brechen." "Damit", schreibt Danner, " werden unsere Ideale und Gesetze zu einer nationalen Dekoration reduziert, die man beim ersten Anzeichen von Gefahr zur Seite schiebt."