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Montag, 6. Mai 2013

England sozial fortschrittlicher als die Schweiz?

Bild: SwissCommunity
Die Schweiz ist das drittfortschrittlichste Land der Welt. Dieses auf den ersten Blick erfreuliche Resultat zeigt der Social Progress Index (SPI), der von Wissenschaftlern rund um Harvardprofessor Michael Porter mitte April erstmals präsentiert wurde.

Der zweite Blick lässt einen aber die Stirn runzeln: Schweden auf Platz 1? Okay, kann sein. Die Schweiz auf Platz 3? Das entspricht auch noch einigermassen unsern Erwartungen. Aber Grossbritannien vor der Schweiz auf Platz 2? Da werden Zweifel wach.

Sonntag, 14. April 2013

Die (grossen) Wirtschaftsunternehmen am Pranger


"Das Business", der Kapitalismus, die neoliberale Marktwirtschaft und ihre Exponenten stehen am Pranger. Nicht nur in der Schweiz. Abstimmungsresultate wie die 67,9% Zustimmung zur Abzocker-Initiative am vergangenen 3. März sind Ausdruck einer tiefgreifenden Verunsicherung, eines immer weiter wachsenden Misstrauens breiter Teile der Schweizer Bevölkerung gegenüber dem Big Business und dem Wirtschaftsestablishment.

Schuld daran sind "zu einem guten Teil die Wirtschaftsunternehmen". Das sagt nicht etwa ein neidischer linker Populist, sondern der "Doyen der lebenden Management Gurus", Harvard Professor Michael Porter:

Sonntag, 29. April 2012

Wer Einfluss nimmt/hat, muss Verantwortung tragen.

Harvard-Professor Dani Rodrik ist einer der "linken" US-amerikanischen Professoren, die versuchen, mit marktwirtschaftlichen Argumenten Gegensteuer zum gescheiterten Turbo-Neoliberalismus zu geben. Sein Blog ist eine Empfehlung. Sein Buch "Das Globalisierungsparadox" ein Must.
Jetzt hat (der türkisch-stämmige) Rodrik im Economist's Club des "Project Syndicate" einen sehr treffenden Artikel "Ideas over Interests" veröffentlicht.

Samstag, 31. Dezember 2011

Der Schlüssel zum Aufstieg des globalen Südens: die (neue) Mittelklasse

Bild: businessweek.com
Während sich Europa zum Jahresende in der Sorge um die wirtschaftliche Entwicklung suhlt, sonnt sich der globale Süden weiterhin in rosigen Perspektiven. Auch wenn 2011 nicht mehr die Werte der letzten Jahre erreicht wurden, geht man von China über Südafrika und Mexiko bis Brasilien auch 2012  weiter von einer robust wachsenden Wirtschaft aus.

Der Schlüssel dafür ist in allen Ländern des Südens derselbe: Die wachsende Mittelklasse und damit der stark wachsende Binnenmarkt. Allein in Brasilien sind in den letzten Jahren 40 Millionen Menschen aus der Armut in diese neue Mitteklasse aufgestiegen und kaufen wie verrückt. China mit seiner Milliarden-Bevölkerung gilt längst als "consumer-oriented society" und auch in (noch) armen" Regionen wie Afrika boomt der Konsum der rasch wachsenden städtischen Mittelschichten.

Freitag, 23. Dezember 2011

Leuchtturm 11: Krisen des demokratischen Kapitalismus (Lettre)

"Lettre International. Europas Kultur Zeitung" ist in sich ein heraussragender Leuchtturm im "Meer der Belanglosigkeit" der aktuellen Medienlandschaft. Jede Nummer. Das Highlight der aktuellen Ausgabe ist der Leitartikel "Die Krisen des demokratischen Kapitalsmus" von Prof. Wolfang Streek, Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung in Köln. Er ordnet die aktuelle Krise historisch ein: Der andauernde, eigentlich in seiner Grundkostellation zum Scheitern verurteilte Versuch, die Forderung nach sozialen Rechten mit dem Wirken freier Märkte in Einklang zu bringen. Kapitalismus und Demokratie als im Grunde unvereinbare Gegensätze.
Erstmals veröffentlich wurde das anspruchsvolle, aber gut lesbare Stück im Rahmen der "Max Weber Lectures Series" auf englisch.
Weiter unten ein ausführlicher Ausschnitt.
Lettre ergänzt den Beitrag gleich mit einem zweiten Artikel von Prof. Streek: "Völker und Märkte. Demokratischer Kapitalismus und europäische Integration. Ein Epilog". Genauso hervorragend.

Samstag, 9. Januar 2010

UBS-Skandal: "Die Geister, die ich rief...."

Bild: Screenshot vom Ausriss des "Beweis"-Dokuments im Tagi

Welch verlogene, unerträgliche Heuchelei!
Jetzt heulen sie: "Was für ein Skandal! Der Bundesrat, die FINMA: am Gängelband der UBS!"
Jetzt zeigen sie mit dem Finger auf die "Schuldigen": BR Merz, FINMA-Chef Haltiner.
Jetzt verlangen sie "Konsequenzen": "Blocher will, dass Bundesräte zahlen." Eine PUK soll her.

Dabei wissen alle: 2. In der Sache war der Entscheid richtig und die Herausgabe der UBS-Kundendaten an die USA hat den Schaden so weit noch möglich begrenzt.
Und vor allem 1. Das Verhalten der Staatsdiener ist nur konsequent.

Der Slogan der grössten und mächtigsten (bürgerlichen) Partei hiess jahrzehntelang "Weniger Staat". Schliesslich haben sogar die linken Parteien die Doktrin verinnerlicht: Der Staat soll sich nicht in den Markt einmischen, er soll bloss für optimale Rahmenbedingungen sorgen.

Der Staat und seine Exponenten verstehen sich schon länger als "Diener des Standorts" und als "Dienstleister der Mächtigen", wie es Roger de Weck in seinem Buch "Nach der Krise" formuliert.

Bundesrat Merz, der "fügsame Wirtschaftsberater" und Ex-UBS-Angestellte, hat nur das gemacht, wozu er vorgesehen war: Die Interessen der Schweizer Top-Finanz zu vertreten; genau wie FINMA-Chef Eugen Haltiner, ebenfalls ein altgedienter UBS-Mann.

Die Leute, die jetzt am lautesten nach einer PUK schreien, haben vor nicht allzulanger Zeit auch einen der Mächtigsten der Schweizer Wirtschaft zum Justizminister gewählt: Christoph Blocher.
Kein Wunder konnte der damals (2003) noch vergötterte Präsident der UBS, Marcel Ospel, frohlocken, die Grossbank sei jetzt in mehreren Ministerien "mit Vertretern unserer Interessen abgestützt." (zitiert nach de Weck).

Christoph Blocher hat mit seiner Partei jahrelang daran gearbeitet, die Glaubwürdigkeit und damit den Einfluss der "Classe Politique", der Inhaber staatlicher Ämter und politischer Mandate, Richter und unabhängige Experten, zu untergraben.

Wenn jetzt bürgerliche Finanzpolitiker wie Philipp Müller von der "Wirtschaftspartei" FDP von "Bananenrepublik" sprechen, haben sie zwar Recht, nur fällt die Anklage wie häufig auf diejenigen zurück, die mit dem Finger zeigen.

Statt Entsetzen zu heucheln, gilt es nüchtern festzustellen:
Die Saat ist aufgegangen. Und: Die Geister werden schwer wieder loszukriegen sein.

Freitag, 25. Dezember 2009

"Das Bullshiten ist vorbei"

Da hat noch jemand Harry G. Frankfurt gelesen und teilt unsere Sorge:
David Bosshart, Leiter des Gottlieb Duttweiler Instituts (GDI). Im Interveiw mit dem Tagi-Online (Danke Olivia) sagt er auf die Frage:
Was ist vorbei?
Das «Bullshiten». Wir alle quatschen und quasseln, dröhnen und stöhnen, jaulen und kraulen immer mehr, modern gesagt: wir kommunizieren und informieren uns immer mehr. Auf immer mehr Kanälen. Das ist völlig ok. Aber nicht ok ist, dass uns gleichgültig ist, ob gelogen und betrogen wird. Die Banken lügen, die Händler betrügen, das Fernsehen schummelt, die Wissenschafter drehen an den Zahlen.

Bosshart gebraucht hier sehr präzise die Definition Harry G. Frankfurts aus dessen kleinem, wunderbaren Büchlein: "On Bullshit". Warum bloss, hat Bosshart nicht gesagt, woher er die Weisheit hat?

Jetzt sollte der GDI-Direktor noch den Mut haben, die obersten Bullshitter in der Schweiz beim Namen zu nennen: z.B. die Polit-Populisten (insbesondere die SVP-Gewaltigen) oder die Boulevardmedien (inkl. Radio und TV).

Für die, die englisch können: Hier kann man Frankfurt selbst hören/sehen:

Donnerstag, 24. Dezember 2009

Eine Wirtschaft zum Wohle der Gesamtgesellschaft

Klaus Schwab, Gründer und Executive Chairman des World Economic Forum Davos, ist nicht grad ein Gegner des Wirtschaftsliberalismus. Was er heute in der Printausgabe des Tagesanzeigers auf S. 9 schreibt (leider noch nicht online), ist um so bemerkenswerter. Wenn schon die eigenen Prediger in der Kirche mahnen, dann müsste doch Hoffnung auf Veränderung bestehen.

Zitate aus dem Schwab-Text:

"Man fragt sich (aufgrund der neuen Boni-Debatte; AM), ob die Manager nichts gelernt haben."

"Die gesellschaftliche Erosion, die wir in den letzten Jahren nich nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Politik .... beobachten konnten, ist auf eine Aushöhlung des Gemeinschaftsgedankens zurückzuführen. Vor allem in der Wirtschaft ist diese Erosion gemeinschaftlicher Werte weit fortgeschritten."

"Wir erlebten in den letzten Jahren eine Transformation des Unternehmens von einer Sinn- zu einer Zweck-Einheit. Der Sinn gemeinsam Güter und Dienstleistungen zum Wohle der Gesellschaft zu erzeugen, wurde ersetzt durch den Zweck, kurzfristig möglichst hohe Gewinne zu erzielen."

"Gleichzeitig wurden die unternehmerischen Entscheidungsprozesse zunehmend von der Verantwortung abgekoppelt. Das führte zu einer Pervertierung des Systems."

"Anstelle eines gemeinsamen Pflichtbewusstseins gegenüber der Gesellschaft tritt ein Egoismus, bei dem das Gemeinwesen eine untergeordnete Rolle spielt."

"Um ein Auseinanderbrechen der Gesellschaft zu verhindern, brauchen wir Gemeinschaftssinn."

Dienstag, 28. Oktober 2008

Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst


NZZ-Online rezensiert den neusten Bericht der OECD über die zunehmende Ungleichheit in den Industrieländern unter dem Titel:
Die Schere öffnet sich

Eine neue OECD-Studie belegt, dass die Schere zwischen Arm und Reich sich im Laufe der letzten 20 Jahre geöffnet hat. Auch in der Schweiz ist das Phänomen der «Working Poor» verbreitet. Laut der Studie beeinträchtigt starke Ungleichheit die gesamtwirtschaftliche Leistung.
Für die Industrienationen im allgemeinen belegt der OECD-Bericht aus offizieller Warte, was bisher in der politischen Diskussion viele vermutet haben:
  • Die Kluft zwischen Reich und Arm hat zugenommen. Die Zahl der Armen hat zugenommen. Die Einkommen der Reichen haben im Vergleich zu mittleren und niedrigen Einkommen abgehoben.
  • Alte Leute sind seltener von Armut betroffen als früher. Junge Erwachsene und Familien mit Kindern sind öfter von Armut betroffen. Von Armut besonders betroffen sind alleinerziehende Mütter und ihre Kinder sowie Arbeitslose mit geringer Ausbildung.
  • Arbeit schützt nicht vor Armut: Mehr als die Hälfte der armen Haushalte verfügen über ein oder zwei allerdings unzureichende Arbeitseinkommen.
  • Öffentliche Dienste vermindern die Ungleichheit, weil sie auch Ärmeren den Zugang zu Bildung und Gesundheitswesen ebnen. Indirekte Steuern (z.B. die Mehrwertsteuer) verstärken die Ungleichheit, weil sie die Armen stärker belasten als die Reichen.
Spannend ist eine interaktive Grafik dazu auf der Homepage der OECD, in der nicht nur jedes einzelne Land bezüglich seiner Ungleichheit dargestellt wird, sondern auch die Veränderung dieser Ungleichheit mit einer bewegten Grafik.
So sieht das z.B. für die Schweiz aus. (leider nicht als Video auf diesen Blog zu bringen, aber hier ist es aktiv zu finden)
Die OECD-Studie basiert auf Zahlen von 2005/2005. Die Auswirkungen der aktuellen Finanzkrise sind dabei natürlich nicht berücksichtigt. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass diese die Ungleichheit verstärken wird.

Negativ-Trend auch in de Schweiz
Natürlich stimmt, was nzz.online schreibt: "Insgesamt sind die Haushaltseinkommen in der Schweiz aber deutlich gleichmässiger verteilt als im Durchschnitt, die Einkommensspreizung ist geringer, wie aus der OECD-Studie «Growing Unequal?» hervorgeht."

Doch auch bei uns geht die Schere ständig weiter auf und die überdurchschnittliche Beschleunigung der Unterschiede zwischen oben und unten im Nachbarland Deutschland, kann ein Zeichen dafür sein, was auch bei uns kommen wird.
Immer weniger Deutsche aus der unterschicht, schaffen den Durchbruch nach oben, immer mehr Leute asu der Mittelschicht sinken ab. Bis 2020 wird in Deutschland gemäss einer Studie von McKinsey nicht einmal mehr die Hälfte der Menschen über "ein Einkommen auf Durchschnittsniveau" haben.

Ungleichheit gleich Unsicherheit
Im grösseren Zusammenhang ist die Entwicklung beunruhigend.
Bei Schwellenländern (Brasilien, Indien, etc.) gilt die Vergrösserung der Mittelschicht als klares Zeichen des Fortschritts und der zunehmenden Stabiliserung eines Landes.
Natürlich gilt auch der Umkehrschluss: Eine grössere Ungleichheit verschärft die sozialen Probleme, führt zu Instabilität, vermehrter Kriminalität und ist ein gefährlicher Nährboden für Populismus. Die Soziologen haben schon ganze Bücher darüber geschrieben.

Krise trifft vorallem die Mittelschicht
Präsidentschaftskandidat Barack Obama hat ein Programm zur Rettung der Mittelschicht initiiert. Nicht nur, weil diese Schicht in den USA immer noch die meisten Wählerstimmen bringt, sondern weil diese tatsächlich durch die Finanzkrise massiv bedroht ist. "Die Finanzkrise ruiniert die Mittelschicht" titelt welt.online eine aufschlussreichen Artikel über die Verhältnisse in de USA. Doch dies Geld genauso fü Deutschland und - wie immer in etwas abgeschwächter Form - auch für die Schweiz. Eine Rezession führt zwangsläuifg zu höherer Arbeitslosigkeit, zu einem Kaufkraftverlust und zu mehr Sozialfällen. Doch für die wirklich Armen in der Schweiz sorgt ein sehr gutes System von Sozialhilfebeiträgen, sei es in Form von direkter Unterstützung oder Vergünstigungen (z.B. Verbilligung Krankenkasse, keine Steuern, etc.).
Auch die Reichen können in der Krise von ihren Reserven zehren und vorallem geben sie einen wesentlich kleineren Anteil des ihnen zur Verfügung stehenden Geldes für ihren unmittelbaren Lebensunterhalt aus und häufig bezahlen sie unverhältnismässig wenig Steuern.

Schweiz: Cash-cow Mittelschicht
Das Geld holt der Staat auch in der Schweiz bei der Mittelschicht. Sie bezahlen mit Abstand am meisten Steuern, haben die höchsten Krankenkassenprämien, zahlen die höchsten Mieten, usw.. Belegt wurde dies bereits 2004 im Bericht über die "Einkommens- ud Vermögensverhältnisse in der Schweiz" des Bundesamtes für Statistik nachgewiesen und diese Trend der "Wohlstandsumverteilung" zu Ungunsten des Mittelstandes hat sich seither verstärkt und würde durch eine Finanzkrise noch weiter akzentuiert.

Dienstag, 23. September 2008

Erste Anzeichen des Sturms oder nur ein paar Querulanten?

Die Sparer und Kleinanleger in der Schweiz beginnen sich zu wehren. Der Ombudsman hat gemäss Berichten von baz.online jede Menge zu tun. Ebenso die Banken selbst, wie ebenfalls bazonline zum Beispiel im Artikel "CS-Kunden fühlen sich betrogen".
Schon allein, dass die Medien nicht nur die Durchhalteparolen der Machthabenden mulziplizieren, sondern über das wachsende Aufbegehren der Kleinsparer zu berichten beginnen wie im Artikel "Ich will mein Geld zurück", ist für das System bedrohlich. Denn wenn jetzt das Misstrauen einzelner, sich ausbreitet und bei den Kleinsparern der berühmte Herdentrieb einsetzt, dann ist wie in den 30-er Jahren "kein Halten mehr". (siehe meinen Artikel gleich unterhalb).

Spannend auch die Kommentare der Leser zu den Artikeln auf bazonline. Noch scheinen es nur ein paar ewige Motzer zu sein, aber weil es tatsächlich handfeste Gründe für die Wut dieser Leute gibt, könnte dies ansteckend sein. Gott - oder wer auch immer - bewahre.

Montag, 22. September 2008

„Das Ende eines desaströsen Geschäftsmodells“

Unglaublich, wie die Mächtigen aus Politik und Wirtschaft versuchen, die weltweite Finanzkrise klein zu reden – und die Medien beten ihre Schönfärbereien und Durchhalteparolen brav nach. Das Thema wird abge-handelt wie eine gottgegebenen Naturkatastrophe. Immerhin erscheinen jetzt auch vereinzelt Artikel, die die Katastrophe in ihre richtige Dimension rücken und auch die Ursachen und Verantwortlichen beim Namen nennen.

Frank Schirrmacher regt sich auf FAZnet zurecht auf in seinem Artikel „Mehr als eine Finanzkrise. Das Zeitalter des Unglücks“:

„Eine „Finanzkrise“? Mit gleichem Recht könnte man behaupten, dass die infame Spezialität
von Hurrikan „Ike“ darin bestehe, Open-Airkonzerte am dreißigsten Breitengrad zu stören, aber alles andere, das er auch durcheinanderwirbelt, verschweigen.“

Auch der amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger und Berater von Ex-US-Präsident Bill Clinton, Joseph Stiglitz, konstatiert schlicht «das Ende der Ideologie, dass freie, deregulierte Märkte immer funktionieren» und „Das Ende eines desaströsen Geschäftsmodells.

„Die Zeit“ fragt in ihrer Ausgabe vom 18. September „Ist der Finanzkapitalismus am Ende?“, um gleich die eigene Frage zu bejahen: „Jetzt birst die Blase des angelsächsischen Finanzkapitalimus. Aufgepumpt durch die Gier der Banker, .....“ Und: „... es ist das Ende der Herrschaft der angelsächsischen Finanzindustrie, der andere Länder nachstrebten und von der sie bedenkenlos Schulden übernahmen.“

Und Robert von Heusinger macht in der Frankfurter Rundschau in seinem Artikel "Lehrstunde in Kapitalismus" den logischen Link zur Religion, zum Glauben:
„Jeder, der liest, sieht und finanzielle Verluste bedauert, und sei es nur in künftig niedriger verzinsten Lebensversicherungen, muss VOM GLAUBEN abfallen. Vom Glauben an die Überlegenheit freier Märkte. Denn das Desaster, dessen Zeuge wir werden, haben unregulierte Finanzprodukte angerichtet, die auf unregulierten Märkten von oftmals unregulierten Vehikeln wie Hedgefonds oder Zweckgesellschaften gehandelt worden sind.“

Tatsächlich wurde uns die Marktwirtschaft und ihre Regeln quasi als Religion inklusive Heilsversprechung verkauft, deren Gesetze wenn nicht heilig, so doch naturgegeben sind. Der Kapitalismus und seine extreme Form der freien Marktwirtschaft als ein sich selbstregulierendes System, das schliesslich allen zum Glück verhelfen wird.


Die Katastrophe ist hausgemacht, "man-made".

Schon länger haben wir eigentlich alle gesehen, das etwas nicht stimmen konnte an „dem System“. Es machte die einen immer reicher, während immer mehr Menschen und ganze Kontinente immer weiter ver-tröstet wurden, sie würden dann schon noch am Erfolg teilhaben. Doch wer gewagt hat, kritische Fragen zu stellen, wurde entweder als Ignorant milde belächelt oder gar als Linker oder Kommunist - eben als Sytem-gefährder - verdächtigt und disqualifiziert. Ein berufliches (Karriere-) Risiko.

Jetzt müssen alle schmerzhaft erfahren, dass nicht nur dieses „System ganz offensichtlich nicht funktioniert, sondern dass es auch nicht von irgendwelchen „rationalen Gesetzen“ gesteuert wird, sondern von den ganz profanen, menschlich-biologischen Trieben der Top-Manager und ihren Zauberlehrlingen an den Börsen, die sich selbst gerne als „Herrscher des Universums“ sahen.
Unter dem Titel „Der Testosteron-Wahn der Broker“ fasst baz.online die Ergebnisse eines Forschungspro-jekts norwegischer Wissenschaftler zusammen: „Urzeitliche Reflexe, Herdentrieb und Hormone spielen aus Sicht von Psychologen und Biologen eine wichtige Rolle bei Kauf- und Verkaufsentscheidungen von Börsen- und Finanzhändlern.“ Ein zu hoher Testosteron- oder Cortisol-Spiegel verneble allzu oft das Urteilsvermögen der meist jungen Börsenhändler.
Die Chefs der jungen Wilden, welche mit ihren irrationalen Entscheiden Schicksal für ganze Finanzsystem spielen, geben - wie beim Fall der deutschen IKB - offen zu, „dass sie die Praxis, die
Handlungen und Verfahren nicht verstehen und nie verstanden haben.“
Sie haben es nicht verstanden!“

Fazit:
Schirrmacher: „Das Unglück, von dem man reden muss, ist ein hergestelltes, ein produziertes, ein vor unseren Augen zusammengeschraubtes Unglück - ein Unglück, das mit Fleiß in die Welt gesetzt wird und dessen Anstifter, Täter, Mittäter, Beihelfer, Mitwisser anders als bei einem
Wohnungseinbruch (um Enzensberger zu zitieren) nicht zu benennen sind.“

Die aktuelle „Finanzkrise“ hat eine tiefgreifende Dimension, nicht nur weil sie uns alle ganz direkt betrifft, sondern weil sie eine grundsätzliche Erschütterung des Vertrauens in die Marktwirtschaft bedeutet. Die folgen sind noch nicht offensichtlich, aber liegen eigentlich auf der Hand.

Aber dazu in einem nächsten Beitrag mehr.