Freitag, 5. Dezember 2008

Abfall = Nahrung

Ueber dieses Thema habe ich jetzt schon einige Zeit nachgedacht und versucht zu schreiben:
Waste = Food; Abfall ist Nahrung.
Doch alles, was ich nüchtern analysierend zu schreiben versuche, kommt total schwärmerisch heraus.

Das Prinzip "Cradle to Cradle" des amerikanischen Architekten William Mc Donough und seines deutschen Kollegen, Michael Braungart, Professor für Verfahrenstechnik an der Universität Lüneburg, scheint alles, was wir bisher über Oekologie gedacht und gesagt haben, über den Haufen zu werfen. Der Titel ihres Buch "Die nächste industrielle Revolution" scheint nicht einmal übertrieben. Das Prinzip ist so unglaublich logisch, einfach, überzeugend, so unglaublich anders, so positiv. Die "Welt" titelt ihren Leitartikel zum Thema denn auch schlicht: "Wie wir die Welt retten können."

Michael Braungart hat in der TAZ einen persönlichen Kommentar zum Prinzip Cradle to Cradle geschrieben, der auch sehr philosophisch ist.
Cradle to Cradle stellt einen zentralen Grundsatz der Ökobewegung auf den Kopf: „Es geht nicht mehr um Vermeidung und Verzicht, es geht um Lebensbejahung.“ Die Verschwendung, der Ueberfluss wird zur Tugend: „Tatsächlich herrscht in der Natur so etwas wie lustvolle Verschwendung, wie ein blühender Apfelbaum in jedem Frühjahr eindrücklich belegt.“

„Lustvolle Verschwendung“: Was für ein Paradigmawechsel.
Was für eine Befreiung. Geniessen ohne Schuldgefühl.

Und dass Cradle to Cradle keine bodenlose Fantasie irgendwelcher neuer grüner Spinner ist, sondern praktische Realität, zeigt die Kundenliste der Agentur, die Braungart und McDonough gemeinsam betreiben: Dazu gehören Konzerne wie Nike, BASF, Volkswagen, Ford und Unilever oder Airbus Industries. Auch Schweizer Firmen mischen mit: U.a. die Novartis oder Rohner Textilien.
Was diese Unternehmen überzeugt hat, ist nicht nur der Umweltgedanke, sondern auch der handfeste wirtschaftliche Wert. "This is business", sagt der oberste Chef des US-Autokonzerns Ford Motor Company, Martin Ford, im holländischen Dok-Film weiter unten.
Ford hat das ganze riesige Firmengelände in Detroit nach den Ideen und Plänen von McDonough/Braungart saniert und umgestaltet.

Der Konzernchef von Ford, hat die Prinzipien des Cradle to Cradle verinnerlicht: Abfall zu produzieren, hält er schlicht für Verschwendung. Alle in der Produktion verwendeten Materialien müssen nützlich sein, sei es, dass sie in einem ständigen Kreislauf der Nutzung und Wiedernutzung bleiben, sei es, dass sie der Natur wieder als "Nahrung" dienen.


(Die Handzeichnung habe ich aus der Magazin der Frankfurter Messe zur NUTEC, der "Internationalen Fachmesse zum ewigen Materialkreislauf" vom vergangenen November, kopiert.)

Bereits bei der Herstellung der Produkte, wird an deren Wiederverwertung nach Gebrauch gedacht. Es werden nur hochwertige Materialien benutzt und so verwertet, dass sie leicht wiederverwertbar sind. Und das rechnet sich, nicht nur bei Ford.

Auf seiner Firmen-Hompage formuliert Michael Braungart seine Vision und den Anspruch an "das Design" aller Cradle to Cradle-Produkte:
"Fort von einer 'Reduzierung der Nachteile' und hin zu einer "Maximierung des Nutzens". Diese neue Design-Perspektive erzeugt Triple Top Line-Wachstum: Produkte, die förderlich für die Natur und Kultur sind und gleichzeitig ökonomischen Wert haben. Das Design für die Triple Top Line orientiert sich an den Gesetzen der Natur und zeigt der Industrie Vorgehensweisen auf, um Systeme entwickeln zu können, die auch in Zukunft sicher funktionieren. In intelligent hergestellten Produkten, Prozessen und Produktionsstätten sind Werte und Qualität so enthalten, dass sie erfreuliche anstatt beklagenswerter Spuren hinterlassen."

Alles, was ich hier versuche, nüchtern zusammenzuschreiben erläutert ein holländischer Dokumentarfilm zum Thema "Waste = Food", welcher 2006 im niederländischen Fernsehen gezeigt wurde und in Holland richtig eingeschlagen hat. Der Film ist inzwischen selbst zu einem Ereignis geworden, von dem wir Journalisten meist nur träumen dürfen: er hat wirklich etwas bewegt:
Die Niederlande sind zum Vorreiter des Prinzips geworden und haben sich selbst zum Cradle to Cradle-Land erklärt. Die Provinz Limburg mit dem Zentrum Venlo will sich ganz dem neuen Prinzip verschreiben und seine Bau- und Umweltpolitik darauf ausrichten.

Ich werde versuchen, hier auf Contextlink auch noch Einiges zu Cradle to Cradle zu veröffentlicht. Vorerst aber nur der Film (und den gibt's leider nur auf englisch):

1 Kommentar:

Martina Müller hat gesagt…

Ja, mir gefällt dieser Ansatz auch. Ich habe vor ca. eineinhalb Jahren einen Aufsatz von Braungart im 'Zeitpunkt' gelesen. Titel ungefähr: machen wir aus unsererm Fussabdruck ein Feuchtgebiet. Es ist ein menschenfreundlicher Ansatz, der vom Reichtum der Erde ausgeht, was in meinem Vokabular auch 'Schöpfung' heissen kann. Nicht mehr die Verknappung von Ressourcen, um die sich die Menschen streiten müssen. Das lässt sich auch auf die Wahrnehmung aller Lebensbereiche ausdehnen. Die gleiche Haltung steht hinter der Idee des Grundeinkommens. Die Sache mit dem Verzicht hat mir nie gefallen, und das Gejammer von WWF und Co. geht mir schon lange auf den Wecker.