Seit Wochen bewegt ein Bild des (weissen) Künstlers Brett Murray Süafrika. Besser: Es schüttelt Südafrika. Die Medien sind voll davon. Allein im Blog "Thought Leader" der Wochenzeitung Mail&Guardian sind in den letzten 4 Wochen locker dreissig Kolumnen der verschiedensten Autoren erschienen. Und es scheint noch kein Ende der Aufregung in Sicht.
Das Bild mit dem Titel "The Spear" zeigt den südafrikanischen Präsidenten Jacob Zuma in Leninpose. Vor allem aber sieht mein seinen nackten Penis.
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Montag, 4. Juni 2012
Montag, 2. April 2012
Indien: Lernen, eine Grossmacht zu sein
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| BRICS Gipfel New Delhi/Indien 29.3.2012 |
Die "Aufsteigenden Nationen", die BRICS-Staaten, haben mit breiter Brust deutlich gemacht, dass wir inzwischen in einer multipolaren Welt leben. Bemerkenswerestes Resultat des Gipfels der BRICS-Staaten war ihr unmissverständliches Unterlaufen der Embargo-Massnahmen des Westen gegen den Iran: Der Iran habe das Recht, die Atomenergie zu nutzen - genau wie andere Staaten. (siehe auch Contextlink-Artikel) Man werde deshalb auch weiterhin Öl bei den Mullahs einkaufen.
Aus Sicht eines indischen Beobachters erscheint diese eigenständige, von der Doktrin des Westens/Nordens unabhängige Politik selbstverständlich. Für Sudheendra Kulkarni, den Kolumnisten des "Indien Express" ist das Bemerkenswerteste am Gipfel von New Delhi letzte Woche nicht die Iranposition der BRICS, sondern die Schwierigkeit Indiens, die neue Rolle als internationale Grossmacht zu leben.
Montag, 6. September 2010
QED Fussball WM 2010: Die FIFA hat abgesahnt auf Kosten Südafrikas
"Falsche Versprechungen, überrissene Schätzungen, grosse Enttäuschung."
Unter diesem Titel hat das Schweizerische Arbeiterhilfswerk SAH am vergangenen Donnerstag eine Pressemeldung verschickt, um ihre Studie über die Bilanz der Fussballweltmeisterschaft vom vergangenen Sommer in Südafrika publik zu machen.
Ausser der WOZ, der das SAH das 14-Seiten Papier aus Südafrika offenbar vorgängig zur Verfügung gestellt hatte, berichtete kein Medium über die Resultate der Studie mit dem Titel "A Preliminary Evaluation of the Impact of the 2010 FIFA World CupTM: Southafrica" (Download hier).
Mögliche Gründe:
Was auch immer der Grund für die Nicht-Multiplikation der SAH-Studie sein mag, hier sind die wichtigsten Ergebnisse (Zusammenfassung ebenfalls pfannenfertig geliefert durch die SAH-Medienstelle (Download hier):
Unter diesem Titel hat das Schweizerische Arbeiterhilfswerk SAH am vergangenen Donnerstag eine Pressemeldung verschickt, um ihre Studie über die Bilanz der Fussballweltmeisterschaft vom vergangenen Sommer in Südafrika publik zu machen.
Ausser der WOZ, der das SAH das 14-Seiten Papier aus Südafrika offenbar vorgängig zur Verfügung gestellt hatte, berichtete kein Medium über die Resultate der Studie mit dem Titel "A Preliminary Evaluation of the Impact of the 2010 FIFA World CupTM: Southafrica" (Download hier).
Mögliche Gründe:
- Verschwörungstheorie: Wer will es als Journalist oder Medium schon mit der FIFA verderben.
- Die Studie bestätigt nur das, was von Beginn an zu erwarten war.
- Die PR-Abteilung des SAH hat irgendetwas falsch gemacht bei der Verbreitung der Inhalte der Studie (die Vorabveröffentlichung der Inhalte in der WOZ?).
Was auch immer der Grund für die Nicht-Multiplikation der SAH-Studie sein mag, hier sind die wichtigsten Ergebnisse (Zusammenfassung ebenfalls pfannenfertig geliefert durch die SAH-Medienstelle (Download hier):
- "Die Kosten für die südafrikanische Regierung sind um 1709% höher als erwartet - nämlich 39.2 Milliarden Rand (5.5 Milliarden Schweizer Franken) statt 2.3 Milliarden (CHF 321 Millionen)
- Statt des prognostizierten Gewinns von 4.9 Milliarden Rand (CHF 700 Millionen) resultierte für Südafrika aus der WM ein Netto-Verlust von mindestens 20 Milliarden Rand (CHF 2.8 Milliarden) - bei optimistischen Schätzungen. Die FIFA hat gleichzeitig ihre Einnahmen gegenüber der WM 2006 in Deutschland um 50 % gesteigert. Auf Druck der FIFA hat die südafrikanische Regierung die Gewinne der FIFA und ihrer Partner steuerbefreit. Adrian Lackay, Sprecher der südafrikanischen Steuerbehörde meint sogar: "Die Privilegien und Konzessionen, welche wir der FIFA zugestehen mussten, waren schlicht zu hoch und zu erdrückend, als dass für uns monetärer Nutzen hätte entstehen können."
- Entgegen den Prognosen führte die WM nicht zu neuen, dauerhaften Jobs. Bereits auf Ende Juli 2010 nahm die Beschäftigung gegenüber dem Vorjahr wieder um 4.7% ab. Auf dem Bau gingen zwischen Juni 2009 und Juni 2010 111'000 Jobs verloren.
- Von den 10 für die WM gebauten oder erweiterten Stadien sind mindestens 3 sogenannte "White elephants", das heisst diese Stadien sind viel zu gross und viel zu teuer, als dass sie nach der WM je kostendeckend weiter betrieben werden könnten. Entgegen den Einwänden des südafrikanischen Fussballverbands und der Vertreter der Fussball- und Cricket-Ligen wurden die Stadien auf Druck der FIFA trotzdem gebaut.
- Anstatt wie 2007 vorausgesagt, kamen nicht 483'000 Touristen nach Südafrika, sondern 373'000 (Schätzung April 2010). Das ist ein Minus von 23%."
Samstag, 28. August 2010
Der globale Süden emanzipiert sich vom Norden
Das Bild zeigt den südafrikanischen Staatpräsidenten Jacob Zuma beim rituellen Hochzeitstanz der Zulus mit seiner 5. Frau Thobeka Madiba am 4. Januar 2010. Ich zeige das Foto keineswegs um Zuma (oder Afrika) irgendwie lächerlich zu machen. Im Gegenteil: Es ist ein Sinnbild des neuen Selbstvertrauens des Südens, der Emanzipation des Südens vom Norden und dessen "universellen" Regeln. Es ist auch eine Botschaft an "die Weissen" - nicht nur in Südafrika: "Jetzt gelten unsere Regeln."
Diese Woche weilte Zuma mit einer 300-köpfigen Wirtschaftsdelegation in China. China ist inziwschen Südafrikas wichtigster Handelspartner, wichtiger als die USA oder Europa. In einer Rede an der Renmin Universität in Peking hat der südafrikanische Staatspräsident die Botschaft des Hochzeitstanzes in politischen Worten ausgedrückt. Noch vorsichtig, diplomatisch, aber klar verständlich:
Früher hätten die Ökonomen aus dem Norden den Entwicklungsländern gesagt, "sie sollten sich mehr wie die entwickelten Länder benehmen. Wenn sie sich nicht verwestlichen, könnten sie Wachstum und ökonomische Entwicklung vergessen."
Doch die Zeiten haben sich gründlich verändert. Es sei eine "unbestreitbare Tatsache", rief Zuma den Studenten in Peking zu, dass sich "die wirtschaftliche Macht vom Norden in den Süden verschiebt und von West nach Ost." Wie "dramatisch" diese Machtverschiebung sei, habe zuletzt die Finanzkrise gezeigt.
Und dann kam der entscheidende Satz:
"Heute fragen wir, was wir von anderen (nicht-westlichen) politischen Systemen und Kulturen lernen können. Zum Beispiel: Ist die politische Disziplin in China ein Rezept für wirtschaftlichen Erfolg?"
Das ist eine wirklich dramatische Veränderung, vielleicht noch wichtiger als die Verschiebung der wirtschaftichen Macht in den Süden: Der Süden beginnt, sich selbstbewusst am Süden zu orientieren. Nicht mehr der Westen/Norden ist das Vorbild - und damit auch nicht mehr dessen "universellen" Werte und "überlegene" Kultur wie Demokratie, Menschenrechte oder "freie" Marktwirtschaft - sondern "andere politische Systeme oder Kulturen." Zum Beispiel China.
"Vielleicht ist es das", schreibt Slavoj Zizek in "Auf verlorenem Posten", "was uns am heutigen China beunruhigt: der Verdacht, dass der dortige autoritäre Kapitalismus nicht bloss ein Überbleibsel unserer Vergangenheit ist, ...., sondern ein Zeichen der Zukunft. Was, wenn sich die 'Vereinigung der asiatischen Peitsche und der europäischen Börse' als wirtschaftlich effizienter erweist als unser liberaler Kapitalismus? Was, wenn sie darauf hinweist, dass die Demokratie, wie wir sie verstehen, nicht länger eine Bedingung und ein Antrieb für die wirtschaftliche Entwicklung ist, sondern ein Hindernis?"
China ist nicht das einzige südliche Modell, an dem sich der Süden orientieren kann. Häufig genannt wird - das ebenfalls autoritäre - Singapur. Aber insbesondere gilt auch das noch stark "westliche" Brasilien als grosses Vorbild, nicht zuletzt auch in Afrika. Auch Südafrika selbst könnte/müsste zu einem Vorbild für die Dritte Welt werden.
Der Süden hat ein grosses Bedürfnis nach neuen Vorbildern aus dem Süden, zur Abgrenzung vom Westen/Norden. Nicht nur Jean Ziegler stellt fest, dass die Länder des Südens ihre Einordnung in die westliche Welt als Demütigung ("Das verwundete Gedächtnis") erlebt haben und einen regelrechten "Hass auf den Westen" empfinden.
Somit ist jedes nicht-westliche Vorbild zuerst einmal ein interessantes Vorbild.
Brasiliens Lula da Silva ist auch deshalb ein "Held des Südens", weil er wagt, offen anti-amerikanische Positionen zu vertreten. Chinas wachsende Popularität im Süden hat wohl auch viel mit seiner Rolle als "Gegenmacht zum Westen" zu tun.
So vielfältig die politischen Systeme im Süden noch sind und hoffentlich auch noch länger unterschiedlich bleiben werden, der Westen/Norden sieht sich einer wachsende Solidarität unter den Ländern des Südens gegenüber. Zuma in Peking: "Angesichts der gegebenen dramatischen Verschiebung in der Weltordnung und der globalen Machtverschiebung ist es keine Überraschung, dass die aufstrebenden Mächte (des Südens), die vielen gemeinsamen Herausforderungen gegenüberstehen, häufig gleiche Ansichten in wichtigen globalen Themen vertreten und entsprechend auch eigene Gremien etabliert haben."
Diese Woche weilte Zuma mit einer 300-köpfigen Wirtschaftsdelegation in China. China ist inziwschen Südafrikas wichtigster Handelspartner, wichtiger als die USA oder Europa. In einer Rede an der Renmin Universität in Peking hat der südafrikanische Staatspräsident die Botschaft des Hochzeitstanzes in politischen Worten ausgedrückt. Noch vorsichtig, diplomatisch, aber klar verständlich:
Früher hätten die Ökonomen aus dem Norden den Entwicklungsländern gesagt, "sie sollten sich mehr wie die entwickelten Länder benehmen. Wenn sie sich nicht verwestlichen, könnten sie Wachstum und ökonomische Entwicklung vergessen."
Doch die Zeiten haben sich gründlich verändert. Es sei eine "unbestreitbare Tatsache", rief Zuma den Studenten in Peking zu, dass sich "die wirtschaftliche Macht vom Norden in den Süden verschiebt und von West nach Ost." Wie "dramatisch" diese Machtverschiebung sei, habe zuletzt die Finanzkrise gezeigt.
Und dann kam der entscheidende Satz:
"Heute fragen wir, was wir von anderen (nicht-westlichen) politischen Systemen und Kulturen lernen können. Zum Beispiel: Ist die politische Disziplin in China ein Rezept für wirtschaftlichen Erfolg?"
Das ist eine wirklich dramatische Veränderung, vielleicht noch wichtiger als die Verschiebung der wirtschaftichen Macht in den Süden: Der Süden beginnt, sich selbstbewusst am Süden zu orientieren. Nicht mehr der Westen/Norden ist das Vorbild - und damit auch nicht mehr dessen "universellen" Werte und "überlegene" Kultur wie Demokratie, Menschenrechte oder "freie" Marktwirtschaft - sondern "andere politische Systeme oder Kulturen." Zum Beispiel China.
"Vielleicht ist es das", schreibt Slavoj Zizek in "Auf verlorenem Posten", "was uns am heutigen China beunruhigt: der Verdacht, dass der dortige autoritäre Kapitalismus nicht bloss ein Überbleibsel unserer Vergangenheit ist, ...., sondern ein Zeichen der Zukunft. Was, wenn sich die 'Vereinigung der asiatischen Peitsche und der europäischen Börse' als wirtschaftlich effizienter erweist als unser liberaler Kapitalismus? Was, wenn sie darauf hinweist, dass die Demokratie, wie wir sie verstehen, nicht länger eine Bedingung und ein Antrieb für die wirtschaftliche Entwicklung ist, sondern ein Hindernis?"
China ist nicht das einzige südliche Modell, an dem sich der Süden orientieren kann. Häufig genannt wird - das ebenfalls autoritäre - Singapur. Aber insbesondere gilt auch das noch stark "westliche" Brasilien als grosses Vorbild, nicht zuletzt auch in Afrika. Auch Südafrika selbst könnte/müsste zu einem Vorbild für die Dritte Welt werden.
Der Süden hat ein grosses Bedürfnis nach neuen Vorbildern aus dem Süden, zur Abgrenzung vom Westen/Norden. Nicht nur Jean Ziegler stellt fest, dass die Länder des Südens ihre Einordnung in die westliche Welt als Demütigung ("Das verwundete Gedächtnis") erlebt haben und einen regelrechten "Hass auf den Westen" empfinden.
Somit ist jedes nicht-westliche Vorbild zuerst einmal ein interessantes Vorbild.
Brasiliens Lula da Silva ist auch deshalb ein "Held des Südens", weil er wagt, offen anti-amerikanische Positionen zu vertreten. Chinas wachsende Popularität im Süden hat wohl auch viel mit seiner Rolle als "Gegenmacht zum Westen" zu tun.
So vielfältig die politischen Systeme im Süden noch sind und hoffentlich auch noch länger unterschiedlich bleiben werden, der Westen/Norden sieht sich einer wachsende Solidarität unter den Ländern des Südens gegenüber. Zuma in Peking: "Angesichts der gegebenen dramatischen Verschiebung in der Weltordnung und der globalen Machtverschiebung ist es keine Überraschung, dass die aufstrebenden Mächte (des Südens), die vielen gemeinsamen Herausforderungen gegenüberstehen, häufig gleiche Ansichten in wichtigen globalen Themen vertreten und entsprechend auch eigene Gremien etabliert haben."
So richtig offensichtlich ist die neue Solidarität des Südens jüngst in der Klimadebatte geworden: Die "Dritte Welt" liess den Gipfel von Kopenhagen platzen. Sie war nicht bereit, die Vorgaben des Nordens zu erfüllen. Der Süden hat damit der Welt - und sich selbst - seine neue Macht demonstriert: Er kann sich gegenüber dem Norden durchsetzen.
Das ist (noch?) keine absolute Umkehr der Hegemonie mit einer neuen Dominanz des Südens, aber der südafrikansiche Präsident Jacob Zuma hat in Peking den Tarif des Südens durchgegeben:
"Es ist objektive Realität, dass die wichtigsten Themen der Weltpolitik, wie die Reform der UNO, der Welthandelsorganisation (WTO), der Klimawandel, die globale Finanzpolitik in Verbindung mit der G20, die Wiederausbalancierung der Weltwirtschaft und die Lösung der Finanzkrise, nicht ohne das Einverständnis der Entwicklungsländer gelöst werden können."
"Es ist objektive Realität, dass die wichtigsten Themen der Weltpolitik, wie die Reform der UNO, der Welthandelsorganisation (WTO), der Klimawandel, die globale Finanzpolitik in Verbindung mit der G20, die Wiederausbalancierung der Weltwirtschaft und die Lösung der Finanzkrise, nicht ohne das Einverständnis der Entwicklungsländer gelöst werden können."
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Freitag, 18. Juni 2010
FIFA-Kolonie Südafrika
Auf den ersten Blick scheint es nur eine absurde, aber amüsante Posse zu sein und ein perfekter PR-Coup der holländischen Brauerei Bavaria: Die "Staatsaffäre um die "Beer Babes". Zwei "Rädelsführerinnen" aus einer Gruppe von 36 Holländerinnen , die zum 1. Runden-Spiel Holland-Dänemark mit in ihren orangenen Kleidchen vielen Fans die Augen verdrehten, wurden von der südafrikanischen Polizei verhaftet. Sie sollen wegen "Schleichwerbung" vor ein südafrikanisches Gericht gestellt werden.
Dass die FIFA eine Gelegenheit gesucht hat, um gegenüber ihren sehr viel Geld zahlenden Hauptsponsoren beweisen zu können, dass sie ihre Exklusivität schützt und energisch gegen sogenanntes "Ambush-Marketing" ("Trittbrettfahrer-Werbung") vorgeht, war schon vor Beginn der WM klar. Die Bierbrauerei aus Holland kann nur begeistert sein, dass sie es war, an der die FIFA das Exempel statuiert. Mehr Aufmerksamkeit hätte sie auch mit einer viel teureren Kampagne nie erreichen können.
Was wirklich frappiert ist nicht die Dummheit der FIFA, sondern die Willfährigkeit des Staates Südafrika. Wer hat der südafrikanischen Polizei aufgrund welchen beklagten Tatbestands befohlen, die fröhlichen jungen Frauen zu verhaften und ihnen den Pass wegzunehmen? Warum haben die zuständigen südafrikanischen Behörden, die FIFA nicht einfach aufgefordert, ordentlich - wie alle anderen Personen und Körperschaften in einem Streitfall um Markenschutz - gegen die Bavaria zu klagen? Warum hat man die FIFA nicht einfach darauf aufmerksam gemacht, dass sie es selbst in der Hand hat, wen sie bei ihrem privaten Anlass Fussball-WM in eines der von ihr gemieteten Stadien lässt.
Was hat Südafrika wohl schon bei der Bewerbung für die WM und schliesslich bei den offiziellen Ausrichter-Verträgen mit der FIFA unterschreiben müssen, dass die staatlichen Behörden jetzt offenbar gezwungen sind, so vorzugehen? Ganz offensichtlich hat die FIFA neues, temporäres Recht in Südafrika geschaffen, das wohl kaum mit den geltende Bestimmungen eines unabhängigen Rechtsstaates vereinbar ist.
Übrigens: Ganz Ähnliches hat auch die UEFA 2008 in der Schweiz anlässlich der Fussballeuropameisterschaft (vergeblich) versucht: Sie wollte die Hostcities zwingen, polizeilich z.B. gegen Bäckereien vorzugehen, die ein "Euro-Brötli" verkaufen wollten, ohne die UEFA dafür zu bezahlen.
Wir dürfen gespannt sein, wie die offizielle Anklage gegen die zwei jungen Holländerinnen in Südafrika lauten wird, gegen welches südafrikanische Gesetz sie verstossen haben sollen. Die Behörden können eigentlich nur hoffen, dass die Holländerinnen jetzt nicht den südafrikanischen Staat auf Schadenersatz einklagen. Dann müsste nämlich ein südafrikanisches Gericht u.a. rechtfertigen, warum man zwei fröhlichen Touristinnen, deren Bilder als beste PR für das "Gastland" Südafrika um die Welt gegangen sind, verhaftet hat.
Mit grösster Wahrscheinlichkeit, wird die Affäre der "Bavaria Babes" und das jetzt eingeleitete Verfahren NACH der WM klammheimlich beerdigt. Niemand ist an einer wirklichen Fortsetzung interessiert: Die FIFA hat gegenüber ihren Hauptsponsoren ihre Kompromisslosigkeit bewiesen, die Bavaria hat mehr PR gehabt, als sie sich träumen konnte und für Südafrika wäre das Verfahren nur peinlich.
Dienstag, 1. Juni 2010
UP-DATE: Arte: "Die FIFA und das Geld"
Eigentlich eine Toilettengeschichte: Die Karikatur des südafrikanischen Magazins "Daily Voice" zu Sepp Blatters Anspruch, das Badezimmer seiner Suite im Luxushotel in Johannesburg im "afrikansichen Stil" umzugestalten. (Via Transparency in Sport). Da Bild ist nicht ganz neu, aber wenigstens ein kleiner Trost für den enttäuschenden Fussball-Südafrika-Themenabend auf Arte.
Mini-Protokoll:
19. 00 Uhr: Vorfreude auf den Fussball-Abend à la Arte (ab 2015): Politisch.
Im Mittelpunkt: Andrew Jennings und seine Recherchen rund um die FIFA. Vieles davon steht schon in seinem Buch "Foul", aber der Film bringt auch Neues, Aktuelles (22.30 Uhr: Leider, nein. Nichts Neues). Arte-Trailer siehe ganz unten.
21.50 Uhr: Enttäuschung. Arte hat heute den alten Film von Andrew Jennings von 2006 nocheinmal gezeigt. Wer aktuelleres zur FIFA-Südafrikageschichte erfahren will, der muss sich die Studie des Institutes for Security Studies "Player and Referee" herunterladen.
22.10 Uhr: Zur Aktualisierung schiebt Arte noch ein "10 Fragen an Andrew Jennings" nach. Die Überinszenierung des On-Camera-Vortrags des FIFA-Kritikers in einer Kirche gefährdet die Glaubwürdigkeit der an sich so wichtigen Informationen. Ich empfehle, die brisante Sammlung der FIFA-Unverschämtheiten auf Jennings Homepage "Transparency in Sport" nachzulesen.
Nachtrag 23.30 Uhr: Arte hätte wohl besser den Film "Fahrenheit 2010" des Südafrikaners Craig Tanner gezeigt. Dieser offenbar sehr kritische Film (Trailer grad anschliessend) wird von den südafrikanischen TV-Anstalten boykottiert. Man will es mit der FIFA nicht verderben. "Unser Job ist es, die WM zu promoten und alles zu bekämpfen, was als negativ empfunden werden könnte," sagte Kaiser Kganyago, der Sprecher der öffentlich-rechtlichen SABC, gegenüber der Wochenzeitung Mail & Guardian. "Voet-Sepp" könnte dem braven Lobbyisten eigentlich ein Ticket schenken. Er hat ja soviele übrig (siehe Artikel Süddeutsche heute).
Hier der Trailer zum Arte-Themenabend mit einem Vorfilm, der ganz okay war.
Im Sinne der Kontrast-Pflege kann man sich auch noch einmal "Die Sportlounge" von SF gestern abend antun: hier.
Sonntag, 30. Mai 2010
Social Media vs. FIFA-Exklusivität 1 : 0
Den Drei-Minuten-Werbespot "Write the Future" von Nike mit den Fussballstars Didier Drogba, Wayne Rooney, Franck Ribery und Christiano Ronaldo haben letzte Woche 7,8 Millionen Menschen im Internet angesehen. Das ist ein "Weltrekord".
Den zweiten Platz belegt der Spot "The Sienna Family" von Toyota mit 1,6 Millionen Views, gefolgt vom Babyspot "Live Young" von Evian und einem weiteren Fussballspot: "Ah, Africa" von Pepsi; mein persönlicher Favorit.
Die "Top 10 Viral Video Ads Chart" liefert "Visible Measures", eine Agentur, die mit der Hitliste ihr Messtool für Videos im Intrenet anpreist. Das spannende an der Rangliste ist, dass damit die wirkliche Reichweite gemessen wird. Also kommerzielle (bezahlte) Platzierungen der Videos PLUS die (gratis) Weiterverbreitung ("Share") via die Social Media (Facebook, Twitter, etc.). Im Sinne von: "Hey Heiri, hesch dä geil Spot vo Nike scho gseh?"
Damit werden die Social Media auch zu einer Art Schiedsrichter über die Qualität/Attraktivität eines Werbespots. Ein zentrales wichtiges Kriterium für den Erfolg eines Spots ist heute auch sein "virales Potential". Es muss das Ziel für die Agentur und ihre Auftraggeber sein, dass der Spot möglichst häufig von den Sozial Media Nutzern weitergegeben wird.
Nike ist das ganz offensichtlich gelungen.
- Weil der Spot einfach gut ist,
- Weil sie den Hype um die Fussball-WM und die Popularität der Fussball-Stars nutzt. Und
- Weil Nike ganz gezielt Facebook als Plattform zur Lancierung und Verbreitung des Spots genutzt hat.
Dabei haben sie der FIFA 100 Millionen Dollar gegeben, um exklusiv rund um die WM in Südafrika werben zu können.
Was jetzt Adidas und CocaCola mit den Fussball-Spots von Nike und Pepsi und deren Internet-Strategie passiert, ist aber auch Gift für die FIFA.
Warum sollten Sponsoren künftig der FIFA soviel Geld nachwerfen, wenn Konkurrenten am Schluss für einen Bruchteil der Kosten die grössere Wahrnehmung erzielen?
Die FIFA kämpft denn auch mit allen Mitteln und harten Bandagen, um die Exklusivität ihrer Sponsoren zu schützen. Sie verfolgt alle "Trittbrettfahrer" mit einer Armada von Juristen. Bis ins Detail. Sie nimmt sogar Dritte - wie die Fernsehstationen, die sich ebenfalls für teures Geld die Übertragungsrechte gekauft haben, oder die Hostcities - in die Pflicht, kein "Ambush"-Marketing im Umfeld des FIFA-Events zuzulassen. So werden wir rund um die WM-Berichterstattung nie einen Werbespot von Nike oder Pepsi im Fernsehen zu sehen bekommen.
Doch die FIFA hat die Rechnung ohne die Social Media gemacht. Die FIFA kann mit all ihren Millionen nicht kontrollieren, welcher Spot von den Internet-Usern weitergeben wird.
Und Nike und Pepsi haben natürlich ihre Hausaufgaben gemacht. Sie kennen die Regeln der FIFA. Sie wissen, dass die FIFA schon gegen sie vorgehen würde und damit die Videos im Netz stoppen könnte, wenn sie in ihren Spots z.B. nur das Wort "Weltmeisterschaft" verwendet hätten.
PS:
Die Spots markieren auch den "State of the Art" der TV/Online-Video-Produktion: das Geschichten-Erzählen mit Bildern (wunderbar!), Kameraführung, Schnitttechnik, Computereinsatz, usw..
... und auch ein ganz besonderes Highlight: Wayne Rooney mit Bart, als Clochard:
Samstag, 22. Mai 2010
"Hinweise" für Schiedsrichterbestechung an der Fussball-WM. Oder: "Kill the messenger."
Bild: "The Guardian" (von links: Capello, Trieman, Beckham)Nicht einmal einen Monat vor dem Start zur Fussball WM in Südafrika liess einer der gewichtigsten Fussballfunktionäre, Baron David Triesman, Präsident des Englischen Fussballverbands und Chef der Bewerbung Englands für die Fussball WM 2018, vor einer Woche eine Bombe platzen:
"Spanien sucht Unterstützung bei Russland, um Hilfe bei der Bestechung der Schiedsrichter an der Weltmeisterschaft zu erhalten." (Originalton zu hören bei MailOnline)
Die Aufregung in England ist gross, aber nicht etwa wegen der "Enthüllung", dass im Fussball wiedermal mit viel Geld betrogen wird. " Nein. Man ist empört über dem Überbringer der Botschaft, Baron Triesman. Nicht WAS er erzählt, ist der "Skandal", sondern, DASS er es gesagt hat.
Denn - davon ist man in der Fussballwelt überzeugt - damit sind die Chancen Englands, den Zuschlag für die Ausrichtung der WM 2018 zu erhalten auf Null gesunken.
Baron Triesman musste per sofort von allen seinen Aemtern im Fussballbusiness zurücktreten. Die englischen Boulevard-Medien bolzen Auflage mit der Story um die angebliche oder realen Affäre des Lords mit Melissa Jacobs, Triesmans Privatsekretärin in der Zeit als er Staatsminister war. Jacobs hatte Lord Triesmans Aussagen bei einem privaten Mittagslunch aufgezeichnet und letzte Woche den Medien zugespielt. (Melissa's Blog hier; mit vielen Detail über ihre Beziehung zum Ex-Minister)
Der Inhalt von Triesmans Aussage scheint in England und auch in der übrigen Fussballwelt niemanden zu interessieren. In den Medien wird kaum weiter nachgefragt. Niemand verlangt, dass der Baron seine Behauptung belegen soll. Vielleicht, weil die meisten gar nicht daran Zweifeln, dass die Aussage wahr ist, weil man das Schmiergeldzahlen im Fussballbusiness für "normal" hält - nicht nur in Form von Schiedsrichterbestechungen. Vielleicht will man uns aber auch einfach die Vorfreude auf die anstehenden WM nicht mit einem neuen, unappetitlichen Kapitel aus dem endlosen Fussball-Sumpf-Saga verderben.
Dass da aber mehr hinter der Sache stecken muss, als nur eine inner-englische Soap-Intrige, zeigt die (späte) Reaktion der FIFA in Zürich: Sie hat am 21. Mai Interpol eingeschaltet.
FIFA-Generalsekretär Valcke: "We cannot go to the World Cup with the feeling that something is going on there." .... "There cannot be another story that comes out about match-fixing. We have to stop this at once. The World Cup is the most important asset we have.”
Unprofessional Foul liefert dazu eine "Übersetzung": "If we call in the European feds, then maybe everyone will stop asking us questions about this mess and bother Interpol instead."
Sehr dünn ausgefallen ist auch die Reaktion der FIFA bezüglich eine mögliche Auswirkung der Aussagen Baron Triesmans auf Englands Kandidatur-Chancen: “It is quite difficult to speculate about the potential impact on England’s bid. There are still six months to go until the bid announcement and a lot can happen in six months.”
Unprofessional Fouls "Übersetzung dazu: "There's still plenty of time to bribe us and make this right."
Mittwoch, 12. Mai 2010
Armutsporno
Bild: BBC. Lindsay Lohan in Indien
Die BBC (Three) macht das, was auch das Schweizer Fernsehen tut. Nur viel konsequenter. Sie schickt Stars hinaus, um uns die Probleme dieser Welt "näher zu bringen".
In England sind es aber nicht die adretten (Jung-)Moderatorinnen (Bild links SF: Susanne Wille und Patrizia Laeri in Mumbai) , deren naives Entdecken der harschen Wirklichkeit wir "miterleben" dürfen, sondern es sind die WAGs, "Women and Girlfriends", die Frauen und Freundinnen der Fussballstars. "The girls are out to prove that there's more to them than fake tan and shopping sprees." "Die Mädchen gehen raus, um zu beweisen, dass es mehr gibt als Bräunungscrème und Shoppingspass", schreibt die BBC. Und weiter:
"Fünf WAGs lassen ihr verhätscheltes Leben hinter sich, um die Wirklichkeit zu erleben hinter dem Lack und Glamour der Fussballweltmeisterschaft. Sie werden ihre Ärmel hochrollen, um mit Kindern zu arbeiten, die um täglich ums Ueberleben kämpfen."
Te-Ping Chen schreibt dazu einen treffenden, ätzenden Kommentar in "Global Poverty": "Da gibt doch dem Ausdruck Armut-Porno einen ganz neuen Sinn, nicht?"
Als erste Spielerfrau hat jetzt Chantelle Tagoe, die "Verlobte" von Aston Villa-Stürmer Emile Heskey, ihre Erfahrungen beim Armutsporno ("Part 1") im schön in rosarot gestylten BBC-Blog veröffentlicht. Zur Illustration hat die BBC nebenstehendes Bild von Chantelle verwendet.
Dabei erfahren wird, dass Emile sich Sorgen machte, sie würde es "wie Madonna oder Brangelina machen": "He was worried I might come back with loads of kids, ha ha ha!"
Die BBC hatte Mitte Januar schon die dringend auf eine Image-Politur angewiesen Schauspielerin Lindsay Lohan als "Reporterin" nach Indien geschickt.
Aber eben, wir sollten nicht allzu sehr über die WAGs und BBC lästern, andere tun dasselbe:
Susanne Wille, Nik Hartmann, Daniela Lager, aber auch Miss Schweiz Linda Fäh .... oder Roger Federer.
Tatsächlich kann man auch fragen, was daran schlecht sein soll. Wenn dies die einzige Chance ist, dass Themen wie Armut, Aids, etc. überhaupt noch in unseren Medien erscheinen, müssen wir das in Kauf nehmen.
Global Poverty-Autorin Te-Ping Chen versucht Erklärungen zum Sendekonzept zu liefern:
One: audiences can only bear to look at or think about HIV-positive children when they're juxtaposed against sleek-haired Western sex icons.
Two: Who needs reporters anymore? Reality TV is a higher order of news.
Three: It's entirely reasonable (and admirable) to fight global poverty by jetting in untrained Westerners for short-term volunteer stints.
And four: After you're done thinking about poverty, tune back out and enjoy watching these women in their properly coiffed, comfortable environs. Meanwhile, we'll let our cameras linger on their cleavage.
Die BBC (Three) macht das, was auch das Schweizer Fernsehen tut. Nur viel konsequenter. Sie schickt Stars hinaus, um uns die Probleme dieser Welt "näher zu bringen".
In England sind es aber nicht die adretten (Jung-)Moderatorinnen (Bild links SF: Susanne Wille und Patrizia Laeri in Mumbai) , deren naives Entdecken der harschen Wirklichkeit wir "miterleben" dürfen, sondern es sind die WAGs, "Women and Girlfriends", die Frauen und Freundinnen der Fussballstars. "The girls are out to prove that there's more to them than fake tan and shopping sprees." "Die Mädchen gehen raus, um zu beweisen, dass es mehr gibt als Bräunungscrème und Shoppingspass", schreibt die BBC. Und weiter:
"Fünf WAGs lassen ihr verhätscheltes Leben hinter sich, um die Wirklichkeit zu erleben hinter dem Lack und Glamour der Fussballweltmeisterschaft. Sie werden ihre Ärmel hochrollen, um mit Kindern zu arbeiten, die um täglich ums Ueberleben kämpfen."
Te-Ping Chen schreibt dazu einen treffenden, ätzenden Kommentar in "Global Poverty": "Da gibt doch dem Ausdruck Armut-Porno einen ganz neuen Sinn, nicht?"
Als erste Spielerfrau hat jetzt Chantelle Tagoe, die "Verlobte" von Aston Villa-Stürmer Emile Heskey, ihre Erfahrungen beim Armutsporno ("Part 1") im schön in rosarot gestylten BBC-Blog veröffentlicht. Zur Illustration hat die BBC nebenstehendes Bild von Chantelle verwendet.
Dabei erfahren wird, dass Emile sich Sorgen machte, sie würde es "wie Madonna oder Brangelina machen": "He was worried I might come back with loads of kids, ha ha ha!"
Die BBC hatte Mitte Januar schon die dringend auf eine Image-Politur angewiesen Schauspielerin Lindsay Lohan als "Reporterin" nach Indien geschickt.
Aber eben, wir sollten nicht allzu sehr über die WAGs und BBC lästern, andere tun dasselbe:
Susanne Wille, Nik Hartmann, Daniela Lager, aber auch Miss Schweiz Linda Fäh .... oder Roger Federer.
Tatsächlich kann man auch fragen, was daran schlecht sein soll. Wenn dies die einzige Chance ist, dass Themen wie Armut, Aids, etc. überhaupt noch in unseren Medien erscheinen, müssen wir das in Kauf nehmen.
Global Poverty-Autorin Te-Ping Chen versucht Erklärungen zum Sendekonzept zu liefern:
One: audiences can only bear to look at or think about HIV-positive children when they're juxtaposed against sleek-haired Western sex icons.
Two: Who needs reporters anymore? Reality TV is a higher order of news.
Three: It's entirely reasonable (and admirable) to fight global poverty by jetting in untrained Westerners for short-term volunteer stints.
And four: After you're done thinking about poverty, tune back out and enjoy watching these women in their properly coiffed, comfortable environs. Meanwhile, we'll let our cameras linger on their cleavage.
Sonntag, 14. März 2010
Südafrika WM 2010: "Fussball ... plündert das Land."
Bild: Bauarbeiter-Streik auf der WM-Baustelle in Johannesburg Juli 2009Der Titel dieses Posts ist ein Zitat eines jungen Südafrikaners im Artikel "Fussball-WM in Südafrika: Invictus verkehrt" in "Edge of Sports", der wöchentlichen Kolumne des in Amerika berühmten Sport-Kritikers Dave Zirin (Autor so wichtiger Bücher wie "Welcome to the Terrordome: The Pain, Politics, and Promise of Sports" oder "A People's History of Sports: From Bull-Baiting to Barry Bonds").
Ein Ausschnitt aus "Invictus in Reverse" (übersetzt von AM/Contextlink):
"Die aktuelle Situation in Südafrika könnte man „Invictus verkehrt“ nennen. Für alle, die nicht das Vergnügen hatten, den Film zu sehen: Invictus zeigt, wie Nelson Mandela den Sport – und speziell die fast ausschliesslich weisse Sportart Rugby genutzt hat, um das Land nach dem Fall der Apartheid zu einen. Im Gegensatz dazu wird anlässlich der Weltmeisterschaft versucht, jede Art von Konflikten zu vertuschen, um der Welt das Bild einer geeinten Nation zu vermitteln. Wie es Danny Jordaan, der südafrikanische Organisationschef der Weltmeisterschaft sagt: „Die Leute werden sehen, dass wir afrikanisch sind. Wir sind Weltklasse.“ Man beachte, dass es darum geht, was die Welt wahrnimmt, nicht die Südafrikaner. Was die Südafrikaner sehen, ist, wie es ein junger Mann mir gegenüber ausdrückte „Fussball ... plündert das Land.“ Die Kontraste werden zu Konflikten, weil die Regierung auf Geheiss der FIFA entschlossen ist, eine gute Show zu bieten, egal wie gross die sozialen Kosten sein werden."
Natürlich kommt mir das ziemlich vertraut vor, natürlich bin ich parteiisch. Nach meinen persönlichen Erfahrungen mit der anderen grossen Fussballorganisation mit Sitz in der Schweiz, der UEFA, glaube ich jede noch so drastische Geschichte aus diesem Bereich.
Aber trotzdem staune ich: nicht über die Machenschaften der FIFA, nicht über die Auswirkungen zuungunsten der Bevölkerung in Südafrika, .... ich bin frustriert über die Medien bei uns, dass sie kaum über die negativen Auswirkungen der Fussball-WM in Südafrika berichten. Man muss ziemlich intensiv bei Google recherchieren, um in den deutschsprachigen Medien Infos zu Stichworten, wie Zwangsumsiedlung, Arbeiterstreik, Versieben-einhalb-fachung der Kosten, Staatverschuldung, oder Vertreibung der Kleinhändler zu finden.
Wenn Kritisches zu lesen ist, dann geht es um Sicherheit, um die Sicherheit von uns Touristen, wenn wir es denn überhaupt wagen, nach Südafrika zu reisen. Unterm Strich sind diese Berichte aber schlicht rassistoid-diskriminiernd: man traut Südafrika die Durchführung eines solchen Mega-Anlasses gemäss den Standards der westlichen Welt nicht zu.
Selbst wenn die UNO die FIFA öffentlich kritisiert, wird das nur am Rande erwähnt und geflissentlich mit einer offiziellen Verwedelung der FIFA abgeschwächt.
Als Erklärungsversuche für das un-journalistische Schweigen kann ich nur zwei Varianten bieten: A) Die Redaktionschefs in den grossen Verlagshäusern sind der Meinung, diese Themen interessieren ihre Konsumenten nicht oder aber B) die Journalisten wollen nicht riskieren, bald von den Fussballmächtigen wegen einer möglichen Kritik geschnitten zu werden.
Noch besteht ja etwas Zeit und Hoffnung bis im Sommer 2010. Ich bin mal gespannt, ob es in den deutsch-sprachigen Medien doch auch bald Kolumnen und Beiträge à la "The Edge of Sports" auftauchen werden ... und wenn auch nur ausserhalb der Sportseiten und - Gefässe.
PS: Der Vollständigkeit halber: Es gibt sie schon, vereinzelte Berichte aus Südafrika, die genauer hinsehen. Ein gute Zusammenfassung bietet z.B. "Ein Kick für das ganze Land?" in der "Zeit". Immer wieder kritische Infos gibt's auf dem Blog von Jens Weinrich.
Noch immer aktuell ist Thomas Kistners Cicero-Artikel aus dem Jahr 2006: "Das System Blatter".
Dazu noch zwei Buchtipps:
1. David A. Yallop: "Wie das Spiel verloren ging. Die korrupten Geschäfte zwischen FIFA und Medien."
2. Thomas Kistner, Ludger Schulze: "Die Spielmacher"
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