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Sonntag, 9. August 2009

Rohstoffe: Glencore, der Strippenzieher aus der Schweiz

Der britisch-schweizerische Rohstoffmulti Xstrata mit Sitz in Zug greift nach dem südafrikanischen Bergbau-Giganten Anglo American, der u.a. auch den Diamanten-Monopolisten De Beers kontrolliert (siehe Contextlinkbeitrag grad unterhalb).
Noch ist nicht sicher, ob ein wichtiger Teil der südafrikanischen Wirtschaft bald von der Bahnhofstrasse 2 in Zug von der Schweiz aus gesteuert wird. Sicher scheint aber, dass eine andere Schweizer Grossfirma im Rohstoffbusiness, die Glencore International, umsatzstärkstes Unternehmen der Schweiz (noch vor Nestlé und Novartis) und grösster Rohstoffhändler der Welt, von dem Deal profitieren wird. (Ein Porträt der Glencore von SF findet sich am Ende dieses Beitrags).
Internationale Spezialisten sind sich auf jeden Fall einig, dass Glencore, der eigentliche Strippenzieher hinter der aggressiven Politik der Xstrata ist.

John Foley von "BreakingViews" schreibt in World Finance unter dem Titel "Core of the matter": "Xstrata boss Mick Davis mag der König der gewagten Uebernahmen im Minen-Business sein. Aber Glencore ist der Königsmacher."

Tatsächlich ist die Xstrata de facto eine Tochter von Glencore - auch wenn sie auf das Schweizer Traditionsunternehmen Südelektra (gegründet 1926) zurückgeht. Der Zuger (genau Baar ZG) Rohstoffhandelskonzern hält knapp 35% der Aktien des Bergbauunternehmens und die Verwaltungsräte beider Unternehmen werden von dem deutschen Willi R. Strothotte (im Bild links) kontrolliert.

Die Handelszeitung, von der ich den Titel "Strippenzieher aus der Schweiz" abgekupfert habe, schreibt, Glencore spiele im Hintergrund "die Schlüsselrolle" in diesem Deal und "könnte als Großaktionär von Xstrata seinen ohnehin enormen Einfluss auf die globalen Rohstoffmärkte weiter ausbauen." Ohne die Zustimmung und "ohne die tiefen Taschen" seines mit 35 Prozent größten Aktionärs, könnte Xstrata-Boss Mick Davis keine Fusion mit Anglo betreiben.

BoerseGo.de titelt gar "Xstrata, Anglo American & der lachende Dritte". Der Dritte ist natürlich Glencore. "Obwohl offiziell Kostenersparnisse durch Synergien als Argument für einen Zusammenschluss (Xstrata/Anglo; d.V.) angeführt werden, geht es in Wahrheit wohl vor allem um Macht und Zugriff auf Lagerstätten." Und: "Ein Zusammenschluss von AngloAmerican und Xstrata würde die Position von Glencore als führendes Rohstoffhandelsunternehmen der Erde klar verstärken."
Glencor verdient sein Geld mit der Vermarktung der Rohstoffe, die seine Partner weltweit aus dem Boden holen. Mit einer Kontrolle der AngloAmerican würde Glencore wohl auch die Verkaufsrechte der Anglo-Rohstoffe (von Kohle über Diamanten und Gold bis Zink und Kupfer) übernehmen. Damit würde Glencore nicht nur noch mehr Geld verdienen, sondern auch seinen Einfluss auf den Rohstoffmarkt ausbauen. "Die damit verbundene Marktmacht", schreibt boerseGo.de, "kann es dem Konzern ermöglichen, die Preise wenn nicht zu steuern, so doch erheblich zu beeinflussen. Dabei wird es zunehmend wichtiger, tatsächlich Zugriff auf das physische Angebot zu haben. Durch die gegenwärtige Regulierungsdebatte auf dem Finanzmarkt und die Neuordnung der US-Börsenaufsicht werden Geschäfte nur auf dem Papier zukünftig erschwert werden. Das ist schlecht für die Konkurrenz, aber zweitrangig für Glencore. Schließlich handelt man kein Papier, sondern kontrolliert tatsächlich die Warenflüsse."

Mit dem Anglo-Deal könnte die Glencore gleichzeitig aber noch ein anderes Ziel verfolgen: eine raschere Behebung seiner (angeblichen) Liquiditätsengpässe und die Befriedigung seiner eigenen Cashbedürfnisse. Auch Glencore leidet unter der aktuellen Wirtschaftskrise und den sehr tiefen Rohstoffpreisen. John Foley von "BreakingViews" bringt deshalb auch eine Variante ins Spiel, Glencore könnte sich schliesslich direkt am Anglo Deal beteiligen und Aktien kaufen. "So günstig wie jetzt", schreibt boerseGo.de, "lassen sich Bergbaukonzerne wohl auf absehbare Zeit nicht mehr übernehmen. Neben Bargeld sind auch Aktien eine gute Akquisewährung." (siehe auch "Glencore auf Schnäppchenjagd" und "Die Elefanten des Bergbaus sind die Banken von morgen").
Mit neuen Anglo American-Aktien zusätzlich zu ihren Xstrata-Anteilen wäre Glencore in einer exzellenten Position, wenn sich ein anderes Gerücht in der Rohstoffwelt bewahrheiten sollte: Die Nummer 2 der Branche, die Vale (früher Companhia Vale do Rio Doce (CVRD)) aus Brasilien beteiligt sich wieder aktiv am aktuellen Konzentrationsprozess im Bergbau-Business.

Warum sollen nicht Teile der Xstrata und der Anglo neu zusammengefügt an die Brasilianer verkauft werden oder gar die ganze neue Xstrata/Anglo American?
Vor etwas mehr als einem Jahr wollte die Vale die Xstrata schon einmal übernehmen, "unfriendly". Nur ein nicht ganz koscheres Manöver der Glencore, hat die Uebernahme verhindert. Dem Vernehmen nach ist der Deal damals aber nicht zuletzt daran gescheitert, dass die Vale der Glencore nicht sämtliche Vermarktungsrechte der von Xstrata geförderten Rohstoffe garantieren wollte.
Gegenüber damals ist Glencore heute in einer noch stärkeren Position: Vale muss einkaufen, wenn sie gegenüber der Nummer 1 im Rohstoffmarkt, der BHP Billiton, die kräftig weiter acquiriert, nicht weiter an Boden und Einfluss verlieren will. Glencore aber würde einem Ganz- oder Teilverkauf von Xstrata/Anglo American an die Brasilianer wohl nur zustimmen, wenn es seine alte Forderung erfüllt erhält, wie boerseGo.de schreibt: "Weiterreichende Zugeständnisse von Vale bei der Vermarktung der Rohstoffe durch Glencore."

Glencore könnte als mit seinem Poker um AngloAmerican via seine Tochter Xstrata "zwei Fliegen auf einen Schlag" treffen: Mit dem Erlös aus dem Aktienverkauf an Vale würden grosse flüssige Mittel in die Kasse fliessen und gleichzeitig wären zusätzliche, milliardenwerte Verkaufsrechte gesichert.

Und hier nocheinmal das Glencore-Porträt des Wirtschaftsmagazins "Eco" des Schweizer Fernsehens:

Samstag, 7. März 2009

Obama's erster "Sieg": In Afrika

Fast unbemerkt von der medialen Öffentlichkeit im Westen haben die USA im Kampf um Einfluss und Rohstoffe in der neuen Weltordnung einen wichtigen Etappensieg errungen: In Afrika, genauer im Kongo. Die Ausdehnung des Einflusses Chinas im Land mit den grössten Rohstoffreserven Afrikas scheint gestoppt. Vor allem hat die neue Obama-Administration demonstriert, dass sie sich wieder aktiv einmischen wird in Afrika und den Chinesen nicht einfach das Feld - und die Rohstoffe - überlassen wird.

Es besteht heute tatsächlich eine realistische Hoffnung auf Frieden - und damit auf Entwicklung - im Kongo, nach schier endlosen Jahren des Kriegs. Die ruandischen Truppen haben letzte Woche das Land abmachungsgemäss wieder verlassen (Foto links: AP), nachdem sie ihre gemeinsame Operation mit der kongolesischen Armee zur Zerstörung der Reste der Hutu-Armee erfolgreich abgeschlossen haben. Möglich gemacht hat das eine dezidierte diplomatische Offensive der neuen US-Administration, die schon vor Obamas Amtsantritt im Januar begonnen hat, wie Colette Braeckman (Bild rechts), die Grande Dame des Journalismus in Zentralafrika, in ihrem jüngsten Blogbeitrag detailliert beschreibt. Resultat der US-Initiative war eine noch Anfang 2009 nicht vorstellbare 180-Grad-Wende der Politik Ruandas und des Kongo mit der jetzt gemeinsam abgeschlossenen Militäroperation in den Kriegsprovinzen Nord- und Süd-Kivu.

Hintergrund: Kampf um Bodenschätze
Natürlich geht es im Kongo wie immer (auch) um Bodenschätze. Der Westen, die Europäer und die Amerikaner, waren ziemlich erschrocken, als die Chinesen im Frühling 2008 einen 9 Milliarden Dollar - Deal mit dem Kongo abschlossen. Dazu brachte die BBC Newsnight letzten Sommer einen spannenden Hintergrund Report:


(Die Folgen 2 und 3 des Newsnightprogramms zum China-Kongo Deal sind hier und hier)

Der China-Deal als Hintergrund für den Krieg im Kivu?
Mit dem Vertrag verpflichten sich die Chinesen also, rund 3500 Kilometer Strassen und Eisenbahn zwischen den Bergbaugebieten im Süden (Kupfer, Kobalt) und dem Kivu im Nordosten (Gold, Diamanten, Coltan, Uran) zu bauen. Als Gegenleistung wurden ihnen umfangreiche Schürfrechte für Kupfer zugesichert. Noch fehlte aber die offizielle Bestätigung. Eine Spezialkommission des kongolesischen Parlaments (Kommission Lutundula) hatte schon 2005 eine Überprüfung aller Konzessionsvergaben abgeschlossen, aber die Regierung Kabila zögerte, ihre Entscheidungen bekannt zu geben, (Der Rapport der Parlamentskommission ist hier zu finden).

Als der von Ruanda unterstützte Rebellenführer Laurent Nkunda im Sommer 2008 seine Offensive im Kivu begann, ging sofort das Gerücht, er tue dies im Auftrag Ruandas, welches wiederum die Interessen der westlichen Minenunternehmen vertrete; diese seien mit der bevorstehenden Vergabe der Bergbaukonzessionen nicht einverstanden. Prompt wurde der Vergabe-Prozess denn auch von Kinshasa wegen des neuen Krieges ausgesetzt. (Hintergründe dazu unter anderem hier). Laurent Nkunda erklärte mehrfach öffentlich, eines der Ziele seiner Offensive sei die Verhinderung des Deals mit China.

In der Praxis des Krieges hat Nkunda Gebiete im Ostkongo erobert, in welchen sich auch Coltan- und Diamantenminen befanden, die von den FDLR-Milizien, den aus Ruanda geflohenen "Génocidaires"-Hutu, beherrscht wurden. Dass Nkunda Ende Oktober letzten Jahres die Provinzhauptstadt Goma nicht eingenommen hatte, kann nur mit einem Veto der Ruander erklärt werden, die ihrerseits Nkunda die Eroberung der Stadt nicht gestatteten, weil sie international unter Druck geraten waren. Wäre die Stadt gefallen, hätte dies nicht nur die Regierung Kabila in Kinshasa akut gefährdet, sondern auch die UNO maximal desavouiert, weil offensichtlich geworden wäre, wie macht- und hilflos die zahlenmässig grösste UNO-Aktion MONUC de Facto ist.

Anfang Februar berichtete die Financial Times, dass westliche (Geld-) Geberländer via den IMF Druck auf den kongolesischen Präsidenten Joseph Kabila ausübten, den China-Deal zurückzunehmen, ansonsten könne der vom Kongo so dringend benötigte 11 Milliarden US-Dollar-Schuldenerlass nicht bewilligt werden.

Weiter beschleunigt wurde das Bedürfnis des Westens - und nicht zuletzt der westlichen Rohstoff - Produzenten und - Händler - nach Frieden im Kongo durch die Entdeckung neuer, grosser Erdölreserven im Raum des Albert-Sees im Grenzgebiet zwischen dem Kongo und Uganda im Nord-Kivu.

Mit der neuen Obama-Administration in Washington, die aussenpolitisch von Clintonians dominiert werden, sind auch wieder die Kreise in den USA viel einflussreicher, die es schon unter Präsident Clinton ihre starken Firmen-Interessen (Bechtel Engineering, American Mineral Fields, etc.) im Gebiet der Grossen Seen zu einem allgemeinen politischen Interesse der USA zu machen. (siehe u.a. hier und hier).

Neues US-Engagement in Afrika
Diese alten Interessen, verbunden mit Obamas persönlicher Beziehung zu Afrika. und der Wettlauf um Einfluss und Rohstoffe in der neune Weltordnung haben jetzt offenbar dafür gesorgt, dass sich die USA wieder vermehrt in Afrika engagieren als dies unter der Bush-Administration der Fall war.

Man darf jetzt gespannt sein, was mit dem China-Deal im Kongo geschehen wird. Eine simple Streichung ist eigentlich nicht denkbar. Zu viele profitieren davon. Auch die westlichen und amerikanisch-kanadischen Firmen (inkl. die schweizerische Glencore/Katanga), die hinter der US-Initiative stehen. Wenn die Chinesen die dringendst benötigte Infrastruktur bauen, stärkt das auch die Position westlicher Firmen und ihre Investitionen im Kongo. Es erlaubt ihnen, die Rohstoffe einfacher aus dem Lande zu bringen. Interessanterweise würden die chinesischen Strassen- und Eisenbahnprojekte dafür sorgen, dass die Reichtümer des Kongos über die Ostafrikanischen Wirtschaftszentren (Uganda, Kampala) und von dort wohl zum grössten Teil via den Hafen von Daressalam (Tansania) aus dem Land transportiert würden, womit die östlichen Nachbarn Uganda und Ruanda wohl wichtige wirtschaftliche Ziele erreicht hätten. Mittelfristig ist deshalb auch damit zu rechnen, dass sich die Demokratische Republik Kongo zu einem zentralen Player in einer der aktuellen Formen der Ostafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaften engagieren wird.

Keine "Balkanisation" des Kongo
Nicht eingetroffen ist die grösste Befürchtung vieler Kongolesen: "Die Balkanisation des Kongo". Natürlich ist der jetzt erhoffte Friede eine Pax-America, wie "Le Potential" in Kinshasa schreibt. Bis Dato ist nicht eingetroffen, was man in Kinshasa seit Monaten befürchtete: Der Kongo ist nicht von den Siegermächten (Ruanda, Uganda und im Westen Angola) aufgeteilt worden. Im Gegenteil: Die gemeinsame Offensive der schwachen kongolesischen Armee hat mit den starken Verbänden Ruandas und Ugandas dafür gesorgt, dass "die Nationalflagge (des Kongo) über der ganzen Provinz Kivu flattert, es gibt keine Strassensperren und keine Pralellverwaltung der Rebellen mehr ...", stellt Colette Braeckman in diesen Tagen bei ihren Arbeiten im Kivu fest: "Qu'on enjuge."

Kabila gestärkt. Neue Partnerschaften?
Damit ist zumindest fürs erste auch das hohe Risiko aufgegangen, das Staatspräsident Joseph Kabila (rechts im Bild neben Paul Kagame) eingegangen ist, als er die - verhassten - ruandischen Truppen im Februar ins Land liess. Wäre die Aktion gescheitert, wären seine Tage an der Macht - und sein Leben - wohl gezählt gewesen.

Es ist allerdings davon auszugehen, dass auch die Rechnung der Ruander mit dem überraschenden Manöver aufgegangen ist: Mit der - wahrscheinlichen - Ausschaltung der Hutu-Armee im Kongo, ist die jahrzehntelange Bedrohung der Westgrenze Ruandas beendet. Darüber hinaus hat sich Ruanda als neuer Darling des Westens und speziell der Amerikaner bestätigt. Der schwarze Fleck auf der sauberen Weste Ruandas, der Bürgerkrieg im Kivu mit ruandischer Unterstützung ist beseitigt und nicht zuletzt dürfte sich Kigali die Interessen der ruandischen Businessleute in den Gold-, Diamanten- Coltan- und Uranminen im Kivu gesichert haben.

Wie auch immer: Der Präsident des Kongo, Joseph Kabila hat seine Position nicht nur gerettet, sondern gestärkt. Quasi als "Krönung" seines Erfolgs haben die USA dem Kongo eben beeindruckende Hilfsprogramme zugesichert, deren Summe die Budgets der Europäer weit überschreiten.

Grosse Gewinner aber sind die Amerikaner und ihre Verbündeten: Die Regierung Kabila wird sich künftig wieder verstärkt an den Interessen der USA und deren Bergbaufirmen orientieren. Für die Chinesen ist das ein herber Rückschlag.

Speziell bemerkenswert: Der erste schwarze Präsident der USA hat seinen ersten grossen geostrategischen Erfolg in Afrika errungen.

Donnerstag, 4. März 2010

"Wir werfen unsere Zukunft weg." UP-DATE

UP-DATE am Schluss des Artikels.

Schon lange nichts mehr über Cradle to Cradle gehört! Jetzt gibt's einen neuen Film des WDR darüber. Leider ohne Embedding-Code, aber hier kann man ihn ansehen: http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3517136?documentId=3817370

Ich bin immer noch verblüfft: Das Prinzip ist so schlagend logisch. Ich kann einfach nicht verstehen, warum sich Cradle to Cradle nicht schon längst durchgesetzt hat. Wo mag bloss der Haken sein?

Wie schon der alte holländische Film "Abfall ist Nahrung" stellt auch der WDR-Film Firmen vor, die nicht aus grünem Idealismus nach dem Cradle to Cradle-Prinzip produzieren, sondern aus kommerzieller Ueberlegung: Günstiger produzieren, einen Wettbewerbsvorteil haben. "Es ist gut für das Gewissen, aber vor allem gut fürs Geschäft", sagt der Repräsentant des Elektronikherstellers Philips, zufrieden grinsend in dem Film.

Mit fast allen Produkten, die wir nach Gebrauch wegschmeissen, werfen wir auch teils sehr wertvolle Rohstoffe fort. Viele dieser Rohstoffe (z.B. Oel, Kupfer, Coltan, usw.) sind endlich. Sie werden knapp und immer teurer. Dabei könnten wir sie wieder verwenden:
"Abfälle sind Ressourcen." Wer schon bei der Herstellung von Gütern, Materialien verwendet, die zu 100 Prozent ohne Wertverlust wiederverwertbar sind, kann auf die Länge billiger produzieren, weil er nicht ständig neue Rohstoffe kaufen muss.

"Die Produzenten werden zu Ressourcenbanken", sagt der Cradle to Cradle-Erfinder Michael Braungart. "Je mehr die Firmen herstellen, desto reicher werden sie."

Und wer käme schon auf die Idee, diese kommerziell und ökologisch so wertvollen Ressourcen wegzuschmeissen? Wenn wir diese Ressourcen - wie wir das heute tun - einfach wegschmeissen oder im besten Fall verbrennen, "werfen wir unsere Zukunft weg".

UP-DATE:
Habe inzwischen etwas weiter gesurft im Netz und musste lernen, dass da schon mehr gegangen ist, als ich als Durchschnittskonsument mitbekommen habe: Auf der Homepage von Braungart's Cradle to Cradle - Firma EPEA habe ich gelesen, dass der bisherige EPEA-Geschäftsführer, der Schweizer Albin Kälin, inzwischen in der Schweiz eine EPEA Switzerland - Filiale aufgemacht hat. Seit Januar betreut er jetzt ganz gezielt die Schweiz und Oesterreich mit bereist 12 Mitarbeitern von Bäch/SZ aus, hat er mir eben am Telefon erzählt. Und auf der EPEA Switzerland Homepage sehe ich, dass inzwischen sogar das NZZ-Folio und das Schweizer Fernsehen (im vergangenen Oktober) Cradle to Cradle entdeckt haben. Und natürlich auch Albin Kälin:

Einstein vom 08.10.2009

... à suivre ....

Montag, 21. September 2009

USA in Afrika: Kampf um Einfluss und Rohstoffe

Bild: AFRICOM: US-General William "Kip" Ward in Ruanda

"Americas neue Frontlinie" heisst die 4-teilge Dokumentation von Al-Jazeera über die neue, sehr aktive Rolle der USA in Afrika. (siehe dazu auch Contextlink: Obamas aerster Sieg in Afrika"). Autor des AJ-Reports ist Rageh Omaar, 42-jähriger ex-BBC Journalist mit somalischen Wurzeln. Der in Mogadischu geborene dunkelhäutige Omaar macht nicht nur eine Vielzahl spannender Aussagen, sondern kann sich auch spezielle Sätze erlauben: Vor dem Weissen Haus stellt er fest, dass dieses Gebäude nicht nur von schwarzen Sklaven gebaut wurde, sondern dass heute auch dessen aktueller "Herr" ein Schwarzer ist.

Rages Theorie, die er mit Aussagen von der US-Regierung sehr nahestehenden Spezialisten belegt, ist nicht neu: Afrika ist zu einem geostrategisch wichtigen "Einflussgebiet" geworden. Auch in Afrika geht es den USA nicht um "Freiheit" oder "Demokratie", sondern schlicht um ökonomische Interessen: Um die Sicherung der Rohstoffe Afrikas, nicht zuletzt einmal mehr um Oel. Hauptkonkurrent - natürlich - China.
Viele Bilder, die man so noch nicht gesehen, auf "unseren" TV-Kanälen, u.a. eine nahe Begleitung des (schwarzen) Kommandanten von AFRICOM, des Zentralen Kommandos der USA für Afrika, welches auch mit dem Anspruch auftritt, zivile Hilfe zu leisten.

Speziell spannend, wie deutlich er herausarbeitet, welch' zentrale Rolle im amerikanischen Dispositiv Ruanda spielt. Und die Bilder und Analysen zum Disaster des ersten US-amerikanische Kampf-Einsatzes in Zentralafrika bei der Jagd nach den Rebellen der "Lord's Resistence Army" im Dreiländegebiet Uganda, Sudan, Kongo.

Viele vor-Ort-Eindrücke, viel grossräumige Analyse. Jorunalism at its best.

Teil 1: Kampf und Oel und andere Rohstoffe



Teil 2: AFRICOM: Die Militärs als Entwicklungshelfer?




Teil 3: Brückenköpfe Djibouti und Ruanda




Teil 4: Aktiver Kampfeinsatz in Zentralafrika


Dienstag, 10. März 2009

China profitiert von der Krise (Update)

Foto: Paolo Woods
Während westliche Rohstoffgiganten angesichts der schwierigen Wirtschaftslage ihre Investitionspolitik überdenken, nutzt China den wirtschaftlichen Niedergang als "perfekter Sturm" und macht strategische Investitionen, um das langfristige Wachstum des Heimmarktes weiter anzuregen, schreibt Matthew Hulbert auf ISN ETH Security Watch.
China tut also genau das, was vereinzelte wirklich reiche Rohstoffunternehmen auch tun: Sie nutzen die schlechte Situation des Rohstoffmarktes und die für viele desaströs niedrigen Preise, um auf Schnäppchenjadg zu gehen (siehe contextlink-Beitrag "Die Elephanten von heute..." und mein baz.online-Artikel "Schweizer Rohstoffkonzern auf Schnäppchenjagd.").

Chinas "Kriegskasse" ist prall gefüllt
Anders als die meisten seiner Konkurrenten um Einfluss und Rohstoffe in der neuen Weltordnung verfügt China über die nötigen Mittel, um trotz der Krise auf Shopping-Tour zu gehen. Frank Sieren hat das in der "Zeit" mehrfach beschrieben:
"China hat im Krisenjahr 2008 290 Milliarden US-Dollar Handelsbilanzüberschuss eingefahren. Auch dieses Jahr werden die Chinesen voraussichtlich wieder einen hohen Überschuss erzielen. Die chinesische Regierung muss keine Bankenkrise bekämpfen. Und sie sitzt statt auf über zehn Billionen US-Dollar Schulden wie die Vereinigten Staaten auf etwa zwei Billionen Devisenreserven, die weiter wachsen." Während westliche Regierungen hoffen müssen, dass sie Abnehmer für ihre horrenden Staatsanleihen zur Finanzierungen ihrer Konjunturprogramme finden, verfügt China nicht nur über genügend Cash, um das interne Problem der 20 Millionen arbeitslosen Wanderarbeiter offensiv anzugehen, sondern auch um grosszügig im internationalen Rohstoffgeschäft zu investieren:

So will jetzt zum Beispiel auch
Chinas Staatsfonds CIC aktiv in den Rohstoffhandel einsteigen, wie das auf Rohstoffe spezialisierte Online-Poral Goldinvest.de berichtet. Der 200 Milliarden Dollar schwere CIC plane, "sein Portfolio in den Rohstoffbereich auszudehnen, nachdem man auf Grund von Investments im US-Finanzsektor schwere Verluste hatte hinnehmen müssen."

Wer Geld hat, investiert jetzt
Goldinvest geht davon aus, dass die Rohstoffpreise, welche zur Zeit tief im Keller sind, spätestens 2012 "noch stärker anziehen werden als im vergangenen Jahr", als im Rekordjahr 2007. Das bedeutet aber gemäss Goldinvest ("Schnäppchenjagd auf Kohleminen"), dass es sich anbieten würde, in den nächsten Monaten in Minen zu investieren, zum Beispiel in rentable Kohlenminen in Kolumbien oder Indonesien, die heute trotz den schlechten Weltmarktpreisen noch profitabel sind.
"Doch das Problem ist hier (wie in fast allen Bereichen der Wirtschaft zurzeit), dass viele der großen Minenkonzerne wie Anglo-American, BHP Billiton oder Rio Tinto, die als Käufer in Frage kämen, zurzeit rigorose Sparprogramme fahren." Mit wenigen Ausnahmen (z.B. die Schweizer Glencore, Bild links: Glencore's Neuerwerbung Kamoto-Mine im Kongo) sind privaten, börsenkotierten Unternehmen mangels liquiden Mitteln und ihren kurzfristigen Verpflichtungen ihren Aktionären gegenüber die Hände gebunden. Diese Probleme haben staatliche Unternehmen, z.B. aus den besonders rohstoffhungrigen asiatischen Schwergewichten Indien und China, nicht, "weil sie einerseits über Kapital zum Investieren verfügen – und sich andererseits keine Sorgen um Aktionäre machen müssen."

Cash gegen langfristige Rohstoff-Liefergarantien
ISN stellt fest, die Chinesen nutzten
die Krise "als entscheidendes Fenster ('crucial window') für Investitionen in globale Ressourcen." Wenn die privaten Firmen sich bei einer sich erholenden Wirtschaft wieder am Kampf um die weltweiten Rohstoffreserven beteiligen werden, werden sie feststellen müssen, dass insbesondere China, sich in der Zwischen einen grösseren Anteil gesichert haben wird - und erst noch zu einem niedrigen Preis. China und vom chinesischen Staat konrollierte Firmen funktionieren zur Zeit als Cash-Geber für in Liquditätsschwierigkeiten steckende Rohstoffproduzenten in Russland, Venezuela, Brasilien oder auch in Australien (im Bild Aluminium Mine Rio Tinto). Als Gegenteilen für Milliarden Cashzahlungen erhielten die Chinesen langjährige Ölliefergarantien von Russland und Venezuela.
Speziell der chinesische Deal mit den russischen Oel- und Gasliferanten Rosneft und Transneft bereitet westlichen Experten sorgen, denn damit verbunden ist auch der Bau von leistungsstarken Pipelines und damit eine nachhaltige Ausrichtung der Russen auf den asiatischen Markt.

Im Kampf um Einfluss und Rohstoffe punktet China zur Zeit auch im Mittleren Osten. Mit dem Iran hat China einen Milliardendeal im Oelgeschäft abgeschlossen, ist gleichzeitig aber auch erste Kooperation mit traditionell zum westlichen Einflussbereich gehörenden Staaten wie Ägypten oder Saudiarabien eingegangen. Die Saudis investieren als Gegengeschäft auch grosse Summen in chinesische Raffinerien. Vor der Krise, stellt ISN fest, hat sich China in erster Linie bei "marginalen" Produzenten engagiert, mit und dank der Krise gewinnt China
"immer mehr Anteile in den wichtigsten Rohstoffländern der Welt." Der Rückschlag im Land mit den grössten Rohstoffreserven Afrikas, im Kongo (siehe Contextlinkbeitrag "Obama's erster Sieg.") scheint eher die Ausnahme, die die Regel bestätigt.

Sonntag, 20. November 2011

Rohstoffe Kongo: Beweise für massiven Betrug auf Kosten der Bevölkerung

Bild: Comdev
Was wir alle schon lange wissen, scheint der englische Parlamentsabgeordnete Eric Joyce jetzt beweisen zu können:
Dokumente, die er als Präsident der britische Parlamentskommission für die Grossen Seen Afrikas erhalten und auf seinem Blog veröffentlicht hat, “bestätigen zum ersten Mal, dass Elemente der Regierung der DRC (Kongo), speziell der aktuelle Präsident Joseph Kabila, grosse Minenrechte zu Dumpingpreisen an verschiedenen Off-Shore-Firmen verkauft haben."
“Diese mächtigen Beweise", schreibt Joyce, "belegen, dass die natürlichen Rohstoffe des Kongo nicht als legitime Einnahmequelle für die kongolesische Bevölkerung genutzt werden. Eine ganze Reihe von komplexen Abmachungen zwischen der (kongolesischen) Regierung und den Briefkastenfirmen sorgt dafür, dass einige Wenige sich auf Kosten der breiten Bevölkerung bereichern." Wert der durch die illegalen Machenschaften verlorenen Einnahmen: über 5,5 Milliarden US-Dollar.

Freitag, 25. Januar 2013

Mali: Die Jihadisten als Vorhut der Araber im Sahel?

Helfer des Roten Halbmonds aus Katar in Mali Sept. 2012
Die französischen Medien zeigen zur Zeit mit dem Finger auf Katar, einen weiteren guten „Partner des Westens“, der offenbar skrupellos ein doppeltes Spiel betreibt. Der Emir von Katar soll – neben Saudiarabien - direkt oder indirekt einer der wichtigen Finanzierer der Jihadisten in Mali sein. Dass Katar in den letzten Jahren via Hilfsorganisationen viel Geld im Norden Malis ausgegeben hat, ist unbestritten.

Dienstag, 11. Oktober 2011

Süd-Sudan: Ausverkauf der Zukunft?

Landwirtschaft Südsudan (Bild: Gurtong.net)
Alle sprechen vom Öl im Süd-Sudan. Kein Wunder: Rund dreiviertel der bekannten Ölvorkommen des Sudan liegen im Boden der neuen Republik Süd-Sudan. Doch der junge Staat am Weissen Nil verfügt über ein anderes Gut, das bald viel wichtiger sein wird als Öl: fruchtbares Land – oder noch präziser: Wasser.

Donnerstag, 26. April 2012

Schweizer Rohstoffhändler: "Wir sind alle Banditen."

Genf, Welthauptstadt der Rohstoffe
Genf ist die "Welthauptstadt der Rohstoffe". Glencore ist die grösste Firma der Schweiz, und der Welt grösster Rohstoffhändler. Seit die bislang äusserst diskrete Firma mit Sitz in Baar/ZG letztes Jahr an die Börse ging, wird Stück für Stück mehr bekannt über die nicht ganz umstrittenen Geschäftspraktiken des Zuger Unternehmens. Foreign Policy bringt jetzt neue, aufregende Details.
Für uns Schweizer speziell interessant, sind einige anekdotische Details, die der FP-Autor Ken Silverstein zum Besten gibt. Voralllem, weil sie illustrieren, welch erschreckendes Image die Schweiz im internationalen Business hat:

Dienstag, 6. Oktober 2009

Die Zukunft der Elektroautos liegt in Bolivien: Der Rohstoff Lithium

Die Zukunft des Autos ist elektronisch. Das hat inzwischen - dank der Wirtschaftskrise - auch die Automobil-Industrie begriffen. Jetzt endlich forcieren sie die jahrzehntelang vernachlässigte Forschung am abgasfreien Elektro-Antrieb.
Das Hauptproblem ist allerdings noch nicht gelöst: Die Speicherkapazität der Batterien. Nicht nur die Technik ist ein Problem: Noch wenig bekannt ist, dass es auch am nötigen Rohstoff fehlt. Basis der Lithium- Ionen-Akkus in den Autos ist der Rohstoff Lithium. Und auch dieser Rohstoff ist rar. Wir haben ein "Problem mit dem Lithium". Es gibt auf der Erde zu wenig Lithium, um die geplanten Millionen-Flotten von Hybrid- und Elektroautos anzutreiben.

Und - auch das ist für Manche ein Problem - die Hälfte der bekannten Lithiumvorräte dieser Welt liegen in Bolivien, unter dem Uyuni-Salzsee, auf rund 3700 Meter über Meer in der unwirtlichen Atacama Wüste. Jahrhundertelang haben Fremde die Rohstoffe des armen Andenstaates ausgebeutet. Zuerst die Spanier (Silber) und dann internationale Rohstoffkonzerne. Bolivien und die Bolivianer selbst hatten - mit Ausnahmen einer kleinen Gruppe von lokalen Oligarchen - wenig davon. Der ganze Reichtum aus dem bolivianischen Boden - sei es Silber, Zink, Oel, Gas oder Soja - floss ins Ausland. Seit 2006 ist das anders. Seit seinem Machtantritt hat der erste indianische Präsident eines lateinamerikanischen Landes den ausländischen Rohstoff-Firmen und den einheimischen Oligarchen Bedingungen aufgezwungen, die den Staat und damit die Bevölkerung Boliviens an den Einnahmen aus dem Rohstoffgeschäft beteiligen.

Und auch in Sachen Lithium hat Präsident Morales von Anfang an klargestellt, dass der bolivianische Staat den Abbau des "grauen Golds" kontrollieren will: "Wir suchen Partner - nicht Herren", hat er u.a. gegenüber dem österreichischen "Standard" gesagt.

Die Westmedien setzen schon reisserische Titel: Bolivien könnte "Mit Lithium reich wie Saudiarabien werden" ("Der Standard") oder "Salziges Gold" ("Süddeutsche Zeitung"). Und der "Spiegel" schreibt: "Es ist kaum zu glauben, dass der Rest der Welt, angeführt von großen Industriestaaten wie etwa Deutschland, Japan und den USA, irgendwie von dem desolaten Salzsee in Bolivien abhängig sein könnte. Doch genau das wäre der Fall, wenn die Regierungen, Rohstoffkonzerne und Autohersteller des Westens weiterhin energisch auf eine Zukunft mit Millionen von Hybrid- und Elektroautos setzen - auf leise summende Antriebe mit Akku-Paketen und Ladestationen mit Stromkabeln und Steckern anstelle von Tankstellen, Zapfsäulen und Tankrüsseln."

Doch Bolivien geht das Problem langsam und sichtlich gelassen an. Die Preise für Lithium steigen kontinuierlich und am Uyuni-See wird erst eine Versuchsfabrik gebaut, wie der sehr informative, zweiteilige Report von ArteTV zeigt, den ich ans Ende dieses Contextlink-Beitrags stelle.

Zuvor aber noch das:
Der Westen, die Auto produzierenden Industriestaaten haben alles Interesse daran, dass Bolivien stabil bleibt. Doch diese Stabilität ist sehr gefährdet. Am kommenden 6. Dezember finden in Bolivien Präsidentschaftswahlen statt. Evo Morales dürfte die Wahlen gewinnen. Doch internationale Beobachter fürchten, das es nach den Wahlen zu einer erneuten Eskalation der innenpolitschen Situation kommt. Insbesondere die von Morales etwas kürzer gehaltenen (meist weissen) Oligarchen drohen mit der Teilung des Landes. Offen reden sie von einem Bürgerkrieg und einer Abspaltung des reicheren, im Osten gelegenen Tieflandes. Nicht, dass ein Bürgerkrieg westliche Rohstoffkonzerne bisher daran gehindert hätte, die Rohstoffe eines Landes trotzdem auszubeuten. Aber mit Sicherheit, ist ein friedliches und sicheres Bolivien für den Abbau des so wichtigen Rohstoffes Lithium günstiger, als wenn das Land in einem gewalttätigen Chaos versinkt.
Vielleicht aber ist das Lithium auch eine Chance für Bolivien: Die Oligarchen könnten es sich angesichts der formidablen Gewinnaussichten mit dem Lithium im westlichen Hochland vielleicht doch noch einmal überlegen, ob sie es mit einer Abspaltung des östlichen Tieflandes wirklich ernst meinen.
Und für Morales bedeutet das Lithium die reale Chance, zumindest einen Teil der Hoffnungen, die man in Bolivien, in Südamerika und in der ganzen Dritten Welt auf ihn setzt, wahr zu machen.

"Lithium. das graue Gold" Report Arte TV 2009:
Teil 1:


Teil 2:

Sonntag, 2. August 2009

Ein kleiner afrikanischer General und der Kampf um die Weltherrschaft

Vorbemerkung: Wie ich erst heute feststelle, ist ein erster Teil-Entwurf dieses Beitrages schon seit Tagen unfertig im Netz gestanden. Ein Lapsus, für den ich mich entschuldigen möchte. Hier der Artikel, so wie ich ihn für zumutbar halte:

Zwei kleine Meldungen der letzten Woche sind mir besonders hängen geblieben: Die eine hat es in der Schweiz zum Beispiel in die BaZ und in die NZZ geschafft: "Arbeiter in China prügeln Direktor zu Tode" titelt ungewohnt boulevardesk die Zürcher Zeitung (Printausgabe). Gar nicht in die Schweizer Medien geschafft hat es eine Meldung aus Namibia: "Armeechef Namibias wegen Korruption entlassen."
Ich weiss, so eine exotische Afrika-Meldung interessiert hier wirklich fast niemanden ausser mir, zumindest auf den ersten Blick. Erst wenn man etwas genauer hinsieht, entdeckt man, welch spannende, weltpolitisch hochrelevante Geschichte sich dahinter verbirgt ... und dass es erst noch einen Zusammenhang mit der Meldung vom Lynchmord in China gibt. Eine richtige Contextlink-Geschichte:
Es geht um Geostrategie und "Einflusssphären" - um nicht zu sagen um die Weltherrschaft - zwischen China und dem "Westen", um Rohstoffmärkte, um Korruption und um die politische Zukunft der kommunistischen Staatspartei in China.

Zuerst ist es eine leider nicht speziell seltene Korruptionsgeschichte aus Afrika:

1. Ein afrikanischer Mächtiger bereichert sich:
Am 23. Juli hat Hifikepunye Pohamba, der Präsident des südwestafrikanischen Staates Namibia, seinen Armeechef Martin Shalli fristlos entlassen. Der Vorwurf: Korruption. Offenbar hat sich der General von einer staatlichen chinesischen Baufirma schmieren lassen und ihr den Auftrag für den Bau eines neuen Eisenbahnabschnitts zur sambischen Grenze zugehalten, obwohl das chinesische Angebote 3-mal teurer war, als die Offerte einer lokalen Firma, hinter der ein italienisches Konsortium steckt. Eine andere Version erzählt die deutsch-sprachige namibische Zeitung AZ : Es gehe um die Beschaffung von "Armeematerial".

Wie auch immer. So wahnsinnig spannend ist das ja noch nicht, auch wenn es ein weiterer Beleg ist für die Skrupellosigkeit - meist staatlicher - chinesischer Unternehmen bei der Eroberung neuer Märkte in Afrika und für die Anfälligkeit der Mächtigen in Afrika, sich selbst zu bereichern. Brisanter wird's, wenn man liest, dass es bei der kleinen afrikanischen Geschichte eine Verbindung in die absolute Top-Etage des chinesischen Staates gibt:

2. Die Verwicklung des Sohns des chinesischen Staatspräsidenten
Eine Woche früher, am 19. Juli, hat schon ein anderer Korruptionsfall in Namibia für Schlagzeilen gesorgt, in den ein staatliches chinesisches Konsortium verwickelt ist.
Dabei ging es um den Verkauf einer grossen Menge von Scannern aus China. Chef der chinesischen Lieferfirma NUCTECH war bis vor einem Jahr der Sohn des chinesischen Staastpräsidenten Hu Jintao mit Namen Haifeng. Beim neusten Fall mit dem General und dem Armeematerial geht es jetzt offenbar unter anderem auch um solche elektronische Apparate.

Es ist zwar etwas unangenehm für Chinas Staatspräsident Hu Jintao, der übrigens letztes Jahr persönlich Namibia besucht hat, wenn sein Sohn im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika polizeilich gesucht wird wegen der Verwicklung in einen Korruptionsfall, während er selbst in China eine Kampagne zur Bekämpfung der Korruption fährt. Aber wirklich brisant wird's erst, wenn die amerikanische Nachrichten-Agentur ("Schatten-CIA")
Stratfor einen Zusammenhang der Namibia-Affäre mit der Rio Tinto-Affäre in China und Australien herstellt ("Namibia, China: Curious Cases of Bribery").

Der Zusammenhang mit dem weltweiten Kampf um Rohstoffe
China ist in den letzten Jahren zu einem der wichtigsten Investoren in der ehemals deutschen Kolonie Südwestafrika, in Namibia geworden. Nicht wegen den schönen Landschaften und den Wildtieren. Namibia ist reich an Rohstoffen: Diamanten und ... Uran. Immerhin einer der begehrtesten, wertvollsten und strategisch heikelsten Rohstoffe der Welt. Die Rössing-Mine, 80 Kilometer östlich der Hauptstadt Windhoek ist die grösste Tagbau-Uran-Mine der Welt. Rund 8 Prozent des jährlich weltweit produzierten Urans stammt aus Namibia. Kontrolliert wird die Rössing-Mine vom australischen Bergbaugiganten Rio Tinto. Er hält 69 Prozent der Rössing-Aktien.
Und China und Rio Tinto sind zur Zeit in einem Clinch, der viel mit Chinas riesigem Bedarf an Rohstoffen hat und auch sehr viel mit der Neuordnung der Welt nach der Finanzkrise:

Die Rio Tinto/China-Affäre
China ist der grösste Stahlproduzent der Welt. Rund 60% des Stahlbusinesses macht die erstaunlich vielfältige chinesische Schwerindsutrie. Die Stahlproduktion ist die Schlüsselindustrie Chinas. Dumm nur, dass es in China selbst gar kein Eisenerz gibt. China ist auf Importe angewiesen und insbesondere von den Lieferungen der drei grössten Bergbaukonzerne der Welt, BH Billiton und Rio Tinto (beide Australien) und Vale (Brasilien) - (siehe die Grafik von Bloomberg.com weiter unten) abhängig, die zusammen 70 Prozent des in China verarbeiteten Eisenerzes liefern. Das Kerngeschäft der Rio Tinto ist nicht Uran, sondern Eisenerz (Iron Ore). Ihre grössten Minen betreiben sie in Australien.
Im vergangenen Jahr, als die Rohstoffpreise aufgrund der Wirtschaftskrise einbrachen, sah China seine Chance gekommen, seine Rohstoffabhängigkeit zu verkleinern. Weltweit ging China auf Schnäppchenjagd . Auch die Rio Tinto hatte Liquiditätsengpässe und einen Schuldenberg von rund 39 Milliarden US Dollar angehäuft. Das chinesische Angebot über rund 20 Milliarden US-Dollar zur Uebernahme eines grösseren Aktienanteils war verlockend. Nur ein Veto der australischen Regierung hat diesen Deal im letzten Augenblick verhindert. Am vergangenen 4. Juni hat Rio Tinto offiziell auf die chinesischen Milliarden verzichtet.
Seither sind die Chinesen stinksauer, sie fühlen sich laut der Financial Times Deutschland „gedemütigt“. Jetzt versuchen sie, Rio Tinto und Australien in einem veritablen Wirtschaftskrimi zu erpressen.

Chinas Preispoker und australische „Spionage“ in China
Am 5. Juli haben die chinesischen Behörden Stern Hu, einen australischen Staatsbürger mit chinesischen Wurzeln verhaften lassen. Er ist der oberste Repräsentant der Rio Tinto in China. Begründung: Bestechung und .... Spionage. Tatsächlich stand der Rio Tinto-Chef (Bild rechts) bei seiner Verhaftung mitten in intensiven Verhandlungen mit der China Iron & Steel Association (CISA). Die CISA hat von der chinesischen Regierung einen exklusiven Verhandlungsauftrag. Rio Tinto und die anderen Eisenerzlieferanten sollen nur mit der CISA über die Preise für den Rohstoff verhandeln.
Doch die staatlich gelenkte CISA hat die Preisverhandlungen verbockt. Amerikanische Medien stellen genüssiglich fest, dass sich die Unterhändler des chinesischen Staates reichlich tappig anstellen. Die chinesische Regierung hat sich verspekuliert. Sie glaubte, deren schwierige Marktsituation der Bergbaukonzerne nutzen und die Preise und Bedingungen diktieren zu können. Während sich andere Stahlnationen wie Japan und Korea mit den drei Grossen (Rio, BHP und Vale) schon Anfang Juni auf eine Preisreduktion von 33% geeinigt hatten, glaubte China, für die eigenen Stahlkocher eine Preissenkung um 45 – 50 Prozent durchsetzen zu können. Doch inzwischen hat der Wind des Marktes gedreht. Nicht zuletzt wegen dem Deal mit Japan und Korea ziehen die Preise für Eisenerz am Rohstoffmarkt jetzt wieder an. Die Chinesen stehen ohne Vertrag da und müssen sich zur Zeit am Spotmarkt eindecken zu Preisen, die teurer sind, als das, was die Konkurrenz in Japan und Korea bezahlen muss. Die Chinesen sind unter Zeitdruck. Obwohl sie in der Zeit der tiefen Preise riesige Mengen Eisenerz gekauft haben, reichen ihre Lager nur noch etwa zwei Monate.

Anfang Juni fanden in Shanghai deshalb neue Verhandlungen zwischen der Rio Tinto und der CISA statt. Die chinesischen Unterhändler hatten gemäss chinesischen Medienberichten ein geheimes Mandat mit einem nach unten begrenzten Spielraum. Dumm nur, dass der Mann am anderen Ende des Tisches, diese Schmerzgrenze offenbar kannte. Als die Chinesen diesen Umstand realisierten, haben sie die Verhandlungsdelegation des australischen Rohstoffmultis kurzerhand verhaftet. Der Vorwurf: Rio-Tinto-Chefunterhändler Stern Hu habe sich mit Schmiergeldzahlungen chinesische Staatsgeheimnisse angeeignet.
Die chinesische Wirtschaftszeitung „Economic Observer“ verdächtigt kleinere chinesische Stahlunternehmen, diese Information an die Australier weitergegeben zu haben: Die Verhaftung der Rio Tinto Leute sei nur die bisher „letzte Salve in der andauernden Schlacht zwischen der CISA und der Mehrheit der Chinesischen Stahlunternehmen". Damit öffnet der Economic Observer den Blick auf den inner-chinesischen Zusammenhang:

Hintergrund interner Machtkampf in China
In China ist offenbar ein Machtkampf im Gang zwischen den nach mehr Unabhängigkeit strebenden Wirtschafts-Unternehmen und dem zentralistisch-dirigistischen Staatsapparat der Kommunistischen Partei. Eine ganze Reihe wichtiger Stahlbaufirmen wehren sich gegen das Diktat der CISA. Die (relativ) unabhängigen Stahlkocher wären bereit gewesen, den höheren Preis zu bezahlen, respektive eine Reduktion um nur 33 Prozent auf Eisenerz zu akzeptieren, den auch ihre wichtigsten Konkurrenten auf dem Weltmarkt bezahlen. Insbesondere die Unternehmen, die über eine eigene Importlizenz verfügen, haben unter anderem gute Geschäfte gemacht, indem sie einen Teil ihrer Importe teuer an Firmen weiterverkauften, die über keine Lizenz verfügen. Einige haben sogar Ende Juni unter Umgehung der CISA neue Verträge mit dem brasilianischen Eisenerzmulti Vale abgeschlossen.

Die chinesische Staatsführung versucht, die für den chinesischen Aufschwung zentrale Schwerindustrie weiter unter Kontrolle zu halten. Sie hat deshalb im vergangenen Januar einen Wirtschaftsplan verabschiedet, der bis 2011 die Vielzahl der chinesischen Stahlunternehmen zu grösseren Einheiten zusammenführen soll. Unter anderem sollen Firmen geschlossen werden, die nicht den strenger geworden Umweltregeln entsprechend produzieren oder unrentabel sind.
Eine der im Rahmen dieses Plans beschlossenen Firmenzusammenlegung hat diese Woche zu dem auch in der Schweiz gemeldeten Zwischenfalls in Tonghua mit Massenprotesten der Stahlarbeiter und dem Lynchmord an einem Manager geführt. Um die Gemüter etwas zu beruhigen hat die Zentralmacht im Fall von Tonghua inzwischen nachgegeben. Vorübergehend, wie Experten befürchten. China versucht damit Zeit zu gewinnen und den momentanen Druck, der aktuell wegen der Rio-Tinto-Affäre international auf China lastet, etwas abzumildern.

China krebst zurück unter Wahrung des Gesichts
China ist wegen der Rio Tinto-Affäre in den letzten Wochen international unter Druck geraten. "China sollte den Umstand beachten, dass dieser Fall Auswirkungen haben könnte auf die gesamte Internationale Wirtschaftsgemeinschaft, warnte der australische Wirtschaftsminister Stephen Smith schon Mitte Juni. "Pekings Spionage-Unterstellung schwächt das Vertrauen der Investoren", titelte die grosse australische Zeitung "The National" und die Brunei Times im neuen Wirtschaftszentrum am persischen Golf titelte: "Australien sagt, China gefährdet seinen Ruf als Business-Standort." Und das Sprachrohr der US-amerikanischen Finanzwelt, das Wall Street Journal spricht von "China's war for ore", Chinas Krieg um Eisenerz. Der Fall könnte China und der Welt einen "bleibenden Schaden" ("final casualty") verursachen: Die Erkenntnis der "überschätzen ("overblown") makroökonomischen Kompetenz, von der soviele Hoffnungen für eine wirtschaftliche Erholung abhängen". "Die Welt könnte", schreibt der ziemlich wütende WSJ-Kommentar, "ein Zeichen gut gebrauchen", dass "die chinesische Regierung weiss, was sie tut".
Während sich die westlichen Medien besorgt und verärgert geben, mockiert sich Al-Jazeera: Das Chinageschäft sei schon immer ein "Risky Business" gewesen. Die westlichen Firmen hätten aber von den nicht immer rein marktwirtschaftlichen Verhältnissen in China profitiert. Alle kennen die Spielregeln und werden sich auch in Zukunft an diese sehr speziellen Regeln zu halten haben. Al-Jazeera zitiert den Direktor der Marktforschungsfirma "Acess Asia", Matthew Crabbe: "Das viele der fremden Business-Leute in China dazu neigen zu vergessen, dass sie in einem kommunistischen Land stationiert sind, ist verständlich: Sie sind geblendet von all den hellen Lichtern und den marmorgeschmückten Gebäuden."

Tatsächlich scheint jetzt China aber zu erkennen, dass der Schaden der Affäre grösser ist, als der Nutzen. So hat sie nicht nur gegenüber den Stahlarbeitern in Tonghua nachgegeben, sondern auch im "Stahlkrieg": Wie australische Medien berichten will China die Rio Tinto Leute nur noch in Sachen Schmiergeldzahlungen anklagen. Der Vorwurf der Spionage wird fallen gelassen. Als Gegenleistung ist Australien, respektive die Rio Tinto bereit, den Chinesen beim Preis für Eisenerz doch etwas entgegen zu kommen. Im Sinne einer Gesichtswahrung.

Doch der Schaden, den China mit der Tinto Affäre angerichtet hat, dürfte nachhaltig sein. Und das füht uns zurück zur Korruptionsgeschichte in Namibia:

Zahlt China den Preis für die Rio Tinto-Affäre in Namibia?
Die zeitliche Koinzidenz zwischen der Verhaftung des Rio-Tinto-Unterhändler in Shanghai und der Verhaftung der Nuctec-Leute in Namibia und des namibischen Armeechefs kann kein Zufall sein. Stratfor formuliert es vorsichtig: "Wenn da irgendwelche Fäden gezogen werden, dann ist die Rio Tinto der Puppenspieler."
Rio Tinto hat offenbar dafür gesorgt, dass China mit der Aufdeckung der Verwicklung des Präsidentensohnes in die Korruptionsaffäre in Namibia noch mehr unter Druck gerät. Der Bergbau-Multi hat als Retourkutsche für die Verhaftung ihres Chefunterhändlers in China den Sohn des chinesischen Staatspräsidenten sozusagen in Geiselhaft genommen. Es ist schon erstaunlich, welche rustikale Methoden im Kampf um Einflusssphären und Weltmarktanteile zur Anwendung kommen.
Doch der Schaden für China dürfte über die persönliche Desavouierung und Erpressung des chinesischen Staatspräsidenten hinausgehen. Die entscheidende Frage für den internationalen Rohstoffmarkt und die Geostrategie - dem Kampf um Einflusssphären - lautet:

Warum hat sich Namibia in diesem Power-Game zwischen China und dem Westen instrumentalisieren lassen?

China ist in den letzten Jahren zu einem der wichtigsten Investoren in Namibia geworden. China hat 2007 vertraglich zugesichert, nicht nur grosse Mengen namibische Waren einzukaufen, sondern gewährt Namibia auch attraktive Kredite. Nicht zuletzt ist China auch in Namibia – genau wie in anderen afrikanischen Staaten - daran, die Infrastruktur (Strassen, Eisenbahn, Elektrizität) wieder aufzubauen. Es geht China dabei sowohl um kurzfristige Geschäfte, wie das Scanner-Beispiel zeigt, als auch um geostrategische Massnahmen: Die Ausdehnung seines „Einflussgebiets“, "die "Eroberung Afrikas".
Warum sollte Namibia, wegen vergleichsweiser Bagatellen wie die NUCTEC-Scanner-Geschichte oder der Anekdote mit dem geschmierten Armee-General die Hand beissen, die sie füttert? Namibia würde nie ein Zerwürfnis mit China riskieren, folgert Stratfor messerscharf, „ohne etwas dafür zu bekommen.“ Das können nur Geschäfte mit dem Westen sein, die noch attraktiver sind, als das, was China in den nächsten Jahren zu bieten hat. Natürlich geht es um Diamanten, vielleicht noch mehr um den Rohstoff Uran für die Nukleartechnik.

Die Affäre Rio-Tinto-China-Australien hat damit Auswirkungen auf den „Kampf um Afrika. Der Westen, wohl zuerst die USA, nutzen die chinesische Schwäche und ihre strategischen Fehler im Rohstoffbusiness, um sich eine Einflusssphäre in Afrika, die über strategisch eminent wichtige Rohstoffe verfügt, zurückzuholen, die ernsthaft gefährdet war.

... und der namibische General?
Es macht den Eindruck, dass General-Leutnant Martin Shalli nur zufällig im falschen Moment am falschen Ort war. Namibische Medien bringen Shallis Entlassung in Zusammenhang mit einer internen Auseinandersetzung, einem Machtkampf innerhalb der Staatsgründerpartei SWAPO. Progressive Kräfte nutzen die Gunst der Stunde, die Gelegenheit der Verwicklung des Generals in die chinesische Schmiergeldaffäre, um einen alten Kämpen des SWAPO loszuwerden.
Die lokalen Parteistrategen in Namibia nutzen also den aktuellen Kampf um Rohstoffmärkte und Einflussgebiet, dem Kampf der Grossmächte um die Weltvorherrschaft, um ihre lokalen, partei-internen Probleme zu lösen und ihre persönliche Macht zu vergrössern.

Was für eine wunderbare Geschichte!

Mittwoch, 8. Juli 2009

Xinjiang: Chinas Wilder Westen

Fotos: AP/Reuters Urumqi Juli 2009

Die Provinz ganz im Westen Chinas, Xinjiang, wird seit Tagen von Unruhen erschüttert. Mit aller Härte versucht die chinesische Zentralregierung die Unruhen niederzuschlagen.
Noch bevor die Unruhen losgingen hat Parag Khanna auf seiner Homepage spannende Hintergründe aus dem "Wilden Westen Chinas", wie er die Provinzen Tibet und Xinjiang nennt, geliefert.

Karte: Stratfor

"Psychologisch", schreibt Khanna in seinem sehr ausführlichen Artikel "China's Final Frontier", "ist China ohne Xinjiang und Tibet wie Amerika ohne das Land westlich der Rocky Mountains." Auf seiner 3000 Kilometer langen Reise durch die Westprovinzen Chinas, Tibet und Xinjiang, hat Khanna auch festgetsellt, was Stratfor sorgfältig auflistet: Die Chinesen, genau die Han-Chinesen, nehmen demographisch im muslimischen Westen Chinas gegenüber der einheimischen, turkstämmigen Bevölkerung der Uiguren überhand: "Die Migrationspolitik der Regierung hat die ethnische Balance verschoben: Ende 2007 war das Verhältnis zwischen Han und Uiguren 46:54. In Urumqi, der Hauptstadt der Autonomen Provinz Xinjiang Uigur, sind die Han mit 73:27 in der Mehrheit."

Khanna schildert die Hintergründe der aktuellen Probleme. Wie meist geht es zuerst um Rohstoffe: "Tibet und Xinjiang haben das geographische Pech, entweder auf den Bodenschätzen zu liegen, die China will, oder auf dem Weg zu den Bodenschätzen, die China haben will." Xinjiang, das so gross wie Texas ist, verfügt über die grössten Rohstoffvorkommen in China für Oel, Gas, Kohle, Uran und Gold. Tibet hat Holz, Uran und Gold.

Dazu kommt der Bevölkerungsdruck aus dem chinesischen Osten: "Da die meisten (Han-)-Chinesen im Osten leben, die Bodenschätze aber im Westen liegen, ist der anhaltende Marsch der Chinesen westwärts unausweichlich", schreibt Khanna.
Chinas interne Konsolidierung, sei die "Geschichte einer multiethnischen, wiedergeborenen Grossmacht, die Strategien anwende, ähnlich der früheren Westexpansion Amerikas.

Und dann gibt's da ja auch noch das ewige Streben nach "Einflussgebieten". In Anlehnung an das historische "Great Game" zwischen Russland und Grossbritannien um Zentralasien im 19. Jahrhundert und um die "Seidenstrasse" (siehe Contextlink-Beitrag "Kampf um die Seidenstrasse") schreibt Khanna: "China ist entschlossen, die 21.Jahrhundert-Version des Great Game in Zenralasien zu gewinnen." Und dieses Einflussgebiet geht über die Westprovinz Xinjiang hinaus in die unendlichen Weiten Zentralasiens. Die Mittel, die China jenseits der Grenze anwendet, sind nicht militärisch sondern wirtschaftlich. Sei es, dass man einen Hafen in Pakistan baut oder eine Oelpipeline nach Turkmenistan und/oder Azerbeidschan finanziert; oder im Kleinen, indem chinesische Kaufleute - wie seit Urzeiten - den Kleinhandel in den Provinzstädten Kazakhstans, Kirgistans oder Usbekistans dominieren.

Karte: Stratfor