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Montag, 2. April 2012

Indien: Lernen, eine Grossmacht zu sein

BRICS Gipfel New Delhi/Indien 29.3.2012
Ein Nachtrag zum BRICS-Gipfel letzte Woche in Indien:
Die "Aufsteigenden Nationen", die BRICS-Staaten, haben mit breiter Brust deutlich gemacht, dass wir inzwischen in einer multipolaren Welt leben. Bemerkenswerestes Resultat des Gipfels der BRICS-Staaten war ihr unmissverständliches Unterlaufen der Embargo-Massnahmen des Westen gegen den Iran:  Der Iran habe das Recht, die Atomenergie zu nutzen - genau wie andere Staaten. (siehe auch Contextlink-Artikel) Man werde deshalb auch weiterhin Öl bei den Mullahs einkaufen.
Aus Sicht eines indischen Beobachters erscheint diese eigenständige, von der Doktrin des Westens/Nordens unabhängige Politik selbstverständlich. Für Sudheendra Kulkarni, den Kolumnisten des "Indien Express" ist das Bemerkenswerteste am Gipfel von New Delhi letzte Woche nicht die Iranposition der BRICS, sondern die Schwierigkeit Indiens, die neue Rolle als internationale Grossmacht zu leben.

Dienstag, 1. September 2009

China & Indien: Komische Bettgenossen

Wenn Sie diese Herren noch nicht kennen, sollten Sie sich ihre Gesichter einprägen. Ihnen unterstehen zwei von fünf Bewohnern dieser Erde. Der Herr links im Bild ( - das ich von Foreign Policy stehle -) ist Manmohan Singh, Premierminister Indiens. Der Herr rechts ist Hu Jintao, Staatspräsident der der Volksrepublik China.

Würden die beiden wirklich zusammenspannen, würden sie definitiv die Welt beherrschen. Doch China und Indien sind Rivalen. Nicht nur als Führungsmacht in Asien, sondern auch weltweit. Noch ist China mächtiger, aber Indien holt auf. Nicht wenige prophezeihen, dass Indien schon in 15 Jahren China den Rang abgelaufen haben wird. Schuld ist vor allem die Demographie. Indien wächst viel schneller, seine Gesellschaft ist viel jünger. China überaltert wegen seiner Ein-Kind-Politik schnell.

Nicht zuletzt aufgrund der Rivalität unterstützt China seit Jahren Chinas Erzfeind Pakistan. Es hat immer wieder Annäherungsversuche zwischen Indien und China gegeben, gleichzeitig aber auch immer weiter schwelende Konflikte. Doch jetzt scheint ein gemeinsames Problem, die beiden Rivalen einander näher zu bringen: Der Islam, respektive der militante Islamismus.
Aktueller Hauptfokus des gemeinsamen Problems ist Pakistan, genauer Waziristan, die von muslimischen Extremisten beherrschte Grenzregion Pakistans zu Afghanistan. Die Taliban und ihre aggressiv-fundamentalistische Politik werden inzwischen auch von Pakistan als Bedrohung wahrgenommen. Und dieser islamistische Extremismus stellt zunehmend auch eine Gefahr für Indien dar. Immerhin leben ausser in Indonesien nirgends so viele Muslime auf dieser Erde wie in Indien.

Und China: Das Schlüsselwort heisst Uiguren. Die muslimische Bevölkerung der chinesischen Westprovinz Xinjiang. Diesen Sommer ist uns diese Problematik mit dem "Aufstand der Uiguren" in "Chinas Wildem Westen" auf einen Schlag ins Bewusstsein gerückt. Nicht zuletzt ist dies der Verdienst einer der Organisationen "Weltkongress der Uiguren" mit Sitz in München und deren von den Westmedien häufig porträtierten charismatischen Führerin Rebiya Kadeer. Im Westen kaum wahrgenommen ist es aber eine andere Uiguren-Organisation, die China viel mehr sorgen bereitet:
ETIM (East Turkestan Islamic Movement). Anders als die Organisation Kadeers strebt die ETIM nicht nur ein grösseres Selbstbestimmungsrecht der Uiguren mit dem Hauptfokus der Uigurischen Identität (oder gar Ethnizität). Im Zentrum steht für die ETIM die Religion, der Islam. ETIM kämpft für einen eigenen Staat Ost-Turkestan als Teil der Umma, der islamischen Weltgemeinschaft. Die ETIM gilt als terroristische Organisation. Seit 2002 sind sie auf der US-Liste der Terror-Organisationen. China ist überzeugt, dass die al-Qaida vor 9/11 über 1000 Mitglieder der ETIM zu Terroristen ausgebildet hat. Und - hier kommt der Zusammenhang zu Indien und Pakistan - die Basis der ETIM liegt in Waziristan. China und Indien haben also ein gemeinsames Interesse, dass fundamentalistische Islamisten aus ihren Ländern von ihren Basen in Pakistan aus zur Bedrohung werden. Deshalb haben sich China gemäss den Informationen von Foreign Policy im Artikel "Strange Bedfellows" zu einer engeren Zusammenarbeit im Antiterrorismuskampf zusammengerauft. Zwar ist Foreign Policy skeptisch, aber die Entwicklung ist sehr spannend. Es wird nicht lange dauern, bis Pakistan sich davon bedroht fühlt, und niemand wird sich wundern, wenn insbesondere die pakistanischen Militärs und der pakistanische Geheimdienst bald wieder vermehrt mit den Taliban konspirieren, statt sie zu bekämpfen. Die Bedrohung durch den Erzfeind Indien halten sie nach wie vor für viel grösser als die innere Bedrohung durch die islamistischen Fundamentalisten und die Taliban.


Freitag, 28. November 2008

Fokus Asien

Buchstäblich mit Gewalt springt uns Asien zur Zeit ins Bewusstsein. Blutiger Terrorismus in Indien, Massenproteste in Thailand.

Gleichzeitig beginnt sich die westliche Welt darauf einzustellen, dass Asien eine neue, starke Rolle in der Weltordnung nach der aktuellen Wirtschaftskrise spielen wird. Und es ist offensichtlich: Der Westen muss zuerst lernen, mit diesem Asien umzugehen. Er muss es schnell tun, denn Asien wird nicht warten.

Es gibt Kreise im Westen, die Asien - und speziell China - zum neuen Feindbild hochstilisieren und es gibt Kreise, die Asien als neue Positivkraft einer post-anglophonen Moderne sehen.

Geradezu euphorisch feiert der Singaporer Politikwissenschaftler Kishore Mahbubani „Die Rückkehr Asiens“ und „Das Ende der westlichen Dominanz“. Diese asiatische Sicht auf die Welt tut richtig gut. Allerdings werden einige der Einschätzungen, die Mahbubani bei der Niederschrift seines Buches 2007 gemacht hat, durch die aktuelle Entwicklung als all zu optimistisch entlarvt.

Angesichts des schrecklichen Islamistischen Terrors, den die Welt zur Zeit via Fernsehen in der Indischen Megastadt Mumbai miterlebt , würde ich ihn gerne Fragen, wie dieser Gewaltexzess, der nur der bisherige Höhepunkt einer ganzen Reihe terroristischer Ereignisse in Indien in den letzten Jahren war, mit seiner Einschätzung zusammengeht, Indien werde künftig in der neuen Welt ein Motor der Integration unterschiedlicher Kulturen sein (S: 190): „Die indische Fähigkeit, andere Kulturen aufzunehmen, könnte die Rolle Indiens in den Beziehungen zwischen dem Osten und dem Westen bestimmen.... Diejenigen im Westen, die ein friedliches Zusammenleben mit der islamischen Welt für unmöglich halten, sollten sich ansehen, wie es Indien gelungen ist, so viele Kulturen zuzulassen – von der hinduistischen, über die buddhistische und islamische bis zur christlichen – und wie die meisten von ihnen während des grössten Teils seiner Geschichte in Frieden miteinander lebten.“

Auch Mahbubanis Einschätzungen über die neue Rolle Chinas in der neuen Weltordnung werden stark relativiert: China wird von der vom Westen ausgegangen Finanzkrise viel stärker betroffen als erwartet. Die Abhängigkeit Chinas von den Märkten in den USA, Europa und Japan ist offensichtlich, genauso wie die sozialen Probleme.

Da ist aber beileibe kein Grund für den Westen, irgendwie zu triumphieren, wie das erstaunlicherweise der Herausgeber der „Zeit“ , Josef Joffe, in der neusten Ausgabe (49/2008) passiert: „Die Krise zeigt gnadenlos die Schwäche Asiens.“ Richtig zynisch wendet er sich „den asiatischen Aufsteigern zu, die bekanntlich gerade dabei sind, 200 Jahre westlicher Vorherrschaft zu knacken.“ Mit Blick auf die Auswirkungen der aktuellen Krisen macht Joffe einen „Zwischenbericht: Die Aufsteiger werden weder die Retter noch die Rächer geben: Sie sind selber Teil der globalen Krise, und in der offenbaren sie nur ihre Schwächen.“

Fast scheint es, als habe Joffe bei seiner Erleichterung schon im Titel „Abendland ade? Keinesfalls“ nicht alle Artikel in der aktuellen Ausgabe der eigenen Zeitung gelesen: Max Otte schreibt in seinem sehr spannenden Beitrag im Zeit-Dossier „Wo ist das Geld geblieben“, wie China die aktuelle Krise nutzt, „um sich billig in westliche Firmen einzukaufen“.
200 Milliarden Dollar stehen dem chinesischen Staatsfond CIC für Investitionen zur Verfügung.“ Gao Xiqing, der Chef der CIC, hat den Auftrag, „80 Milliarden davon in ausländische Unternehmen zu investieren“. So hat er für 5 Milliarden Dollar Anteile der grössten US-Investmentbank Morgan Stanley übernommen und als er gar den chinesischen Anteil auf 49 Prozent steigern wollte, sind die Amerikaner in die Arme der Grossbank Mitsubishi UFJ geflohen, einem anderen asiatischen Grosseinkäufer im Westen.
„Schon länger fürchten amerikanische Politiker“, schreibt Otte, „ die Chinesen wollten ihr Land aufkaufen. Gao Xiqing hat darauf immer die gleiche Antwort: Politische Einflussnahme sei nicht sein Auftrag. 'Wir wollen nur Profit machen'. Er hat eben erst angefangen.“

Chinas Weg in die Moderne scheint unaufhaltsam, dürfte aber nicht so schnell dominant stattfinden, wie das Mahbubani 2007 gehofft hat. Aber viele Entscheidungsträger und möglichst viele ihrer Berater sollten Mahbubani lesen. Er hilft, die Sichtweise Asien zu verstehen, nicht zuletzt auch, dass der Westen vom Aufstieg Asiens nichts zu befürchten hat, sondern vielmehr davon profitieren wird.