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Montag, 15. Februar 2010

China: Universalismus ist westliche Ideologie

Mark Siemons von der FAZ hat eine gnadenlose Analyse geschrieben: "Wer 'Menschheit' sagt, will betrügen. Die chinesische Universalismuskritik."(Danke für den Hinweis, Matthias).

Der Westen beruft sich - gemäss dieser Analyse aus der Sicht des FAZ-Kultur-Korrespondenten in China - immer dann auf das Prinzip des Universalismus, wenn es ihm zur Durchsetzung seiner Interessen gegenüber den neuen Konkurrenten aus dem Süden gehe, z. B. beim Klima oder beim Internet (oder bei "globalen Werten" wie den Menschenrechten, Anm. Contextlink), "was sie bei anderen universellen, das Funktionieren des Gesamtsystems betreffenden Themen wie Finanzen, Wirtschaft oder Kernwaffen aus Eigeninteresse nicht tun."
Die bisher vom Westen dominierten "Weltorganisationen", die diese Bereiche regulieren sollen, die Vereinten Nationen, die Atombehörde, der Internationale Währungsfonds oder die Welthandelsorganisation, verteidigen gemäss der chinesischen Sicht Privilegien des Westens.

Die FAZ fasst die chinesische Position so zusammen: "Die Ungleichheit in der Welt sei so groß, dass die Anmahnung von Universalität ein manipulativer Trick sei von denen, die den Status quo der jetzigen politischen und kulturellen Machtverhältnisse erhalten wollen."

China hat jüngst deutlich gemacht: da machen wir nicht mehr mit. Nicht nur in der Google/Internetaffäre oder bei der geforderten Aufwertung seiner Währung, sondern z.B. auch beim Klima. In Kopenhagen hat sich China erfolgreich zum Sprecher des Südens gemacht, zusammen mit dem anderen Grosskonkurrenten aus dem Süden: Brasilien.
Sie forderten für alle Schwellen- und Entwicklungsländer das Recht auf eine "nachholende Industrialisierung". Ein brasilianischer Minister hatte es in Kopenhagen so formuliert: Die Schwellenländer seien jetzt zum Dessert geladen, während der Westen schon eine komplette Mahlzeit hinter sich habe. Und jetzt verlange der Westen, man solle die Rechnung teilen.

"Das Argument," schreibt der FAZ-Autor, "dass die behauptete Gleichheit aller angesichts der von europäischen Staaten jahrhundertelang betriebenen Kolonialisierung und der westlichen Dominanz in den globalen Institutionen eine Lüge sei, findet in Regierungen und Gesellschaften nicht-westlicher Länder viel Resonanz."

Der FAZ-Artikel fordert als eine Art Fazit, künftig "eine verstärkte Einbeziehung der nicht-westlichen Öffentlichkeiten in die westlichen Debatten". Gut möglich, dass das Deutsche Blatt bei aller Schärfe der Analyse, hier noch immer die Position des Westens überschätzt. China und der Süden wollen nicht nur mitreden, sie werden bald die Bedingungen diktieren. Denn China und der Süden setzen vermehrt eine universelle Regel in die Praxis um: Wer das Geld hat, hat die Macht.

Sonntag, 9. August 2009

Rohstoffe: Glencore, der Strippenzieher aus der Schweiz

Der britisch-schweizerische Rohstoffmulti Xstrata mit Sitz in Zug greift nach dem südafrikanischen Bergbau-Giganten Anglo American, der u.a. auch den Diamanten-Monopolisten De Beers kontrolliert (siehe Contextlinkbeitrag grad unterhalb).
Noch ist nicht sicher, ob ein wichtiger Teil der südafrikanischen Wirtschaft bald von der Bahnhofstrasse 2 in Zug von der Schweiz aus gesteuert wird. Sicher scheint aber, dass eine andere Schweizer Grossfirma im Rohstoffbusiness, die Glencore International, umsatzstärkstes Unternehmen der Schweiz (noch vor Nestlé und Novartis) und grösster Rohstoffhändler der Welt, von dem Deal profitieren wird. (Ein Porträt der Glencore von SF findet sich am Ende dieses Beitrags).
Internationale Spezialisten sind sich auf jeden Fall einig, dass Glencore, der eigentliche Strippenzieher hinter der aggressiven Politik der Xstrata ist.

John Foley von "BreakingViews" schreibt in World Finance unter dem Titel "Core of the matter": "Xstrata boss Mick Davis mag der König der gewagten Uebernahmen im Minen-Business sein. Aber Glencore ist der Königsmacher."

Tatsächlich ist die Xstrata de facto eine Tochter von Glencore - auch wenn sie auf das Schweizer Traditionsunternehmen Südelektra (gegründet 1926) zurückgeht. Der Zuger (genau Baar ZG) Rohstoffhandelskonzern hält knapp 35% der Aktien des Bergbauunternehmens und die Verwaltungsräte beider Unternehmen werden von dem deutschen Willi R. Strothotte (im Bild links) kontrolliert.

Die Handelszeitung, von der ich den Titel "Strippenzieher aus der Schweiz" abgekupfert habe, schreibt, Glencore spiele im Hintergrund "die Schlüsselrolle" in diesem Deal und "könnte als Großaktionär von Xstrata seinen ohnehin enormen Einfluss auf die globalen Rohstoffmärkte weiter ausbauen." Ohne die Zustimmung und "ohne die tiefen Taschen" seines mit 35 Prozent größten Aktionärs, könnte Xstrata-Boss Mick Davis keine Fusion mit Anglo betreiben.

BoerseGo.de titelt gar "Xstrata, Anglo American & der lachende Dritte". Der Dritte ist natürlich Glencore. "Obwohl offiziell Kostenersparnisse durch Synergien als Argument für einen Zusammenschluss (Xstrata/Anglo; d.V.) angeführt werden, geht es in Wahrheit wohl vor allem um Macht und Zugriff auf Lagerstätten." Und: "Ein Zusammenschluss von AngloAmerican und Xstrata würde die Position von Glencore als führendes Rohstoffhandelsunternehmen der Erde klar verstärken."
Glencor verdient sein Geld mit der Vermarktung der Rohstoffe, die seine Partner weltweit aus dem Boden holen. Mit einer Kontrolle der AngloAmerican würde Glencore wohl auch die Verkaufsrechte der Anglo-Rohstoffe (von Kohle über Diamanten und Gold bis Zink und Kupfer) übernehmen. Damit würde Glencore nicht nur noch mehr Geld verdienen, sondern auch seinen Einfluss auf den Rohstoffmarkt ausbauen. "Die damit verbundene Marktmacht", schreibt boerseGo.de, "kann es dem Konzern ermöglichen, die Preise wenn nicht zu steuern, so doch erheblich zu beeinflussen. Dabei wird es zunehmend wichtiger, tatsächlich Zugriff auf das physische Angebot zu haben. Durch die gegenwärtige Regulierungsdebatte auf dem Finanzmarkt und die Neuordnung der US-Börsenaufsicht werden Geschäfte nur auf dem Papier zukünftig erschwert werden. Das ist schlecht für die Konkurrenz, aber zweitrangig für Glencore. Schließlich handelt man kein Papier, sondern kontrolliert tatsächlich die Warenflüsse."

Mit dem Anglo-Deal könnte die Glencore gleichzeitig aber noch ein anderes Ziel verfolgen: eine raschere Behebung seiner (angeblichen) Liquiditätsengpässe und die Befriedigung seiner eigenen Cashbedürfnisse. Auch Glencore leidet unter der aktuellen Wirtschaftskrise und den sehr tiefen Rohstoffpreisen. John Foley von "BreakingViews" bringt deshalb auch eine Variante ins Spiel, Glencore könnte sich schliesslich direkt am Anglo Deal beteiligen und Aktien kaufen. "So günstig wie jetzt", schreibt boerseGo.de, "lassen sich Bergbaukonzerne wohl auf absehbare Zeit nicht mehr übernehmen. Neben Bargeld sind auch Aktien eine gute Akquisewährung." (siehe auch "Glencore auf Schnäppchenjagd" und "Die Elefanten des Bergbaus sind die Banken von morgen").
Mit neuen Anglo American-Aktien zusätzlich zu ihren Xstrata-Anteilen wäre Glencore in einer exzellenten Position, wenn sich ein anderes Gerücht in der Rohstoffwelt bewahrheiten sollte: Die Nummer 2 der Branche, die Vale (früher Companhia Vale do Rio Doce (CVRD)) aus Brasilien beteiligt sich wieder aktiv am aktuellen Konzentrationsprozess im Bergbau-Business.

Warum sollen nicht Teile der Xstrata und der Anglo neu zusammengefügt an die Brasilianer verkauft werden oder gar die ganze neue Xstrata/Anglo American?
Vor etwas mehr als einem Jahr wollte die Vale die Xstrata schon einmal übernehmen, "unfriendly". Nur ein nicht ganz koscheres Manöver der Glencore, hat die Uebernahme verhindert. Dem Vernehmen nach ist der Deal damals aber nicht zuletzt daran gescheitert, dass die Vale der Glencore nicht sämtliche Vermarktungsrechte der von Xstrata geförderten Rohstoffe garantieren wollte.
Gegenüber damals ist Glencore heute in einer noch stärkeren Position: Vale muss einkaufen, wenn sie gegenüber der Nummer 1 im Rohstoffmarkt, der BHP Billiton, die kräftig weiter acquiriert, nicht weiter an Boden und Einfluss verlieren will. Glencore aber würde einem Ganz- oder Teilverkauf von Xstrata/Anglo American an die Brasilianer wohl nur zustimmen, wenn es seine alte Forderung erfüllt erhält, wie boerseGo.de schreibt: "Weiterreichende Zugeständnisse von Vale bei der Vermarktung der Rohstoffe durch Glencore."

Glencore könnte als mit seinem Poker um AngloAmerican via seine Tochter Xstrata "zwei Fliegen auf einen Schlag" treffen: Mit dem Erlös aus dem Aktienverkauf an Vale würden grosse flüssige Mittel in die Kasse fliessen und gleichzeitig wären zusätzliche, milliardenwerte Verkaufsrechte gesichert.

Und hier nocheinmal das Glencore-Porträt des Wirtschaftsmagazins "Eco" des Schweizer Fernsehens:

Samstag, 8. August 2009

Schweizer Rohstoff-Giganten greifen nach Südafrikas Kronjuwelen

Verrückte, globalisierte Welt: Es ist gut möglich, dass der wichtigste Teil der Südafrikanische Wirtschafts- und Sozialpolitik schon bald von der Schweiz, von einem kleinen Büro an der Bahnhofstrasse 2 in Zug, gesteuert wird. Das ist die Geschichte:

Im internationalen Rohstoffgeschäft gilt schon länger das Motto "fressen und/oder gefressen werden." Zur Zeit geht es allen im Business schlecht, weil die Rohstoffpreise wegen der Wirtschaftskrise im Keller sind. Alle Bergbauunternehmen sind von feindlichen Uebernahmen bedroht, (fast) alle sind aber gleichzeitig selbst Angreifer und bedrohen Konkurrenten.
Ein aktuelles Beispiel ist die britisch-schweizerische Xstrata mit Sitz in Zug.

Mit einer aggressiven Einkaufsstrategie hat "Big Mick", Mick Davis, der CEO des Zuger Multis, die Xstrata innerhalb von knapp 8 Jahren zur Nummer 4 im Milliardenmarkt Bergbau gemacht. Wichtigster Rohstoff der Xstrata ist heute die Kohle (früher Ferrochrom und Vanadium), aber mit den Einkäufen verfügt die Firma über eine strategisch starke Diversifizierung in Kupfer, Platin, Gold Kobalt, Zink, u.a.m..

Anlässlich der Präsentation des Halbjahresergebnisses 2009 letzte Woche (4. August) hat die Xstrata den folgenden Chart präsentiert und auf die Firmenhomepage gestellt: Die Umsatzstärksten Unternehmen im Welt-Minen-Geschäft. Zu beachten, die Marktposition der Xstrata nach der angestrebten Fusion mit der AngloAmerican:
Noch letztes Jahr drohte der Xstrata eine Uebernahme durch die brasilianische Vale, Nummer 2 im Weltmarkt. Das "Unfriendly Takeover" konnte nur dank der tatkräftigen - und nicht in allen Teilen koscheren - Unterstützung von Hauptaktionärin Glencore, abgewendet werden.

Jetzt greift Xstrata einen der traditionellen Top-Player im Bergbaubusiness an, die britisch-südafrikanische Anglo American. Anglo American (AAC) ist noch immer einer der grössten Rohstoffmultis der Welt, aber gleichzeitig eine Legende. Gegründet 1917 von Ernest Oppenheimer steht AAC für die Geschichte des klassischen Minenlandes Südafrika. Im Guten wie im Schlechten. Anglo American kontrolliert mit einer Aktienmehrheit auch den vielleicht noch etwas berühmteren Diamanten-Monopolisten DeBeers.

Ein Mega-Unternehmen gebaut auf Milliarden Schulden
Offiziell ist das Angebot, das Mick Davis der AAC Ende Juni unterbreitet hat, eine "Fusion unter Gleichen". Gleich sind nicht nur - in etwa - die aktuellen Umsätze der beiden Unternehmen, gleich gross - gigantisch gross - ist auch die aktuelle Verschuldung: Die Xstrata sitzt aktuell auf einem Schuldenberg von sage und schreibe 13 Milliarden Dollar, bei der AAC sind es "nur" 11 Milliarden.
Nichts kann aus meiner Sicht den kranken Zustand der Weltwirtschaft besser illustrieren als dieser Umstand, dass zwei total verschuldete Unternehmen zur Sicherung ihres Bestandes nicht zuerst einmal versuchen, ihre Schulden zu reduzieren, sondern im Gegenteil offenbar über Mittel verfügen, die es ihnen erlauben, maximal in die Offensive zu gehen und neue Milliardengeschäfte zu tätigen. Das ganze Business basiert zur Zeit auf Spekulation. Man hofft, dass die Rohstoffpreis bald wieder ansteigen und die Unternehmen wieder so satte Gewinne einfahren wie früher. Tatsächlich spricht da ja einiges dafür, allerdings kommt der Aufschwung nicht so schnell wie erhofft (Die aktuellen Zahlen 1. Hälfte 2009 gibt's hier). Immerhin bauen die Geldgeber im Bergbaugeschäft nicht nur auf virtuelle Werte wie im reinen Finanzbusiness. Die Bodenschätze sind reale Werte, die beim zu erwartenden Wirtschaftsaufschwung auch wirklich gebraucht und verkauft werden können - sei es Eisenerz, Gold, Kupfer, Uran oder Oel.

Mit dem Merger Xstrata/Anglo American würde ein Unternehmen mit einem Umsatz von rund 54 Milliarden US-Dollar entstehen (Zahlen Basis 2008), fast so gross wie die Welt Nummer 1 BHP Billiton. Die Fusion der australischen BHP mit der britischen Billiton 2001 hat gezeigt, dass so eine Elephantenhochzeit tatsächlich nicht nur grosse Synergieeffekte im Sinn von Ersparnissen beim Betrieb bringen kann, sondern auch eine krisenresistentere Position im Markt.

Politischer Widerstand
Trotzdem reagiert man in der Konzernzentrale in London und vor allem in Südafrika selbst sehr alarmiert auf die Offerte aus der Schweiz. Der Staat Südafrika ist nicht nur ein wichtiger Aktionär der Anglo, die AAC ist schlicht ein Teil von Südafrika, Teil seiner Identität und einer der wichtigsten Arbeitgeber. Anglo American und DeBeers sind so etwas wie die Kronjuwelen Südafrikas.
In den internationalen Medien sind denn auch verschiedentlich Kommentare zu lesen, dass der Deal nicht zustande kommen werde, weil die Südafrikanische Regierung ihr Veto einlegen werde. Ein absoluter Insider im Rohstoffbusiness betont gegenüber Contextlink, Südafrikas Staatspräsident Jacob Zuma engagiere sich persönlich: "Er übt grossen Druck auf die AAC aus, die Fusion zu vermeiden." "Allerdings", realisiere er nicht, "dass die AAC schon längst ihr ganzes Geld in London hat, wohin sie ihren Geschäftssitz vor 12 Jahren verlegt hat."

Diese Woche hat Mick Davis sein Angebot an die Anglo nocheinmal bestätigt und es ist ein offenes Geheimnis, dass es eine ganze Reihe von wichtigen AAC-Aktionären gibt, die ein Zusammengehen mit der Schweizer Xstrata sehr gerne sähen, nicht zuletzt, weil sie nach wie vor kein Vertrauen in die Anglo-Chefin Cynthia Carroll (im Bild links) haben. (Dahinter steckt auch eine spannende Geschichte über die Chancen und Schwierigkeiten einer Frau in der Top-Etage des internationalen Business, die ich in einem späteren Beitrag zu erzählen versuchen werde.)

Rohstoffmacht Schweiz
Es ist also sehr gut möglich, dass ein Unternehmen aus der rohstoffarmen Schweiz, bald das Sagen in einem Schlüsselbereich der südafrikanischen Wirtschaft hat. Gleichzeit würde aus der Provinzstadt Zug in der Schweiz das 2. grösste Bergbauunternehmen der Welt gesteuert.

Einer der ganz grossen Profiteure des Deals wäre eine andere Schweizer Firma, umsatzstärkstes Unternehmen der Schweiz (vor Nestlé und Novartis!) und grösster Rohstoffhändler der Welt: die Glencore mit Sitz ebenfalls in Zug (genau in Baar ZG).
Glencore ist mit 35% Aktienanteil nicht nur der grösste Teilhaber an der Xstrata, sondern ihr Verwaltungsratspräsident Willy R. Strothotte ist auch der oberste Boss der Xstrata. Die Xstrata ist eine Tochter der Glencore. In der Rohstoff- und Finanzwelt weiss man denn auch, dass der eigentliche Strippenzieher der andauernden Xstrata-Offensive - und ihre finanzielle Absicherung - die Glencore ist. (Dazu möchte ich aber eine separaten Contextlink-Beitrag verfassen.)

Donnerstag, 30. Juli 2009

Landgrab: Die grosse Jagd nach Land

Bild und Grafik: Spiegel.

Jetzt gibt es endlich auch mal einen guten Artikel zum "Landgrab" in einem deutsch-sprachigen Medium. Im "Spiegel". "Die grosse Jagd nach Land". Interessanterweise im Netz nur als PDF hier. Auf Spiegel.de gibt's auch noch eine schöne Bildstrecke dazu. Siehe auch den Contextlink-Beitrag zum Thema: "Das neue Objekt der Begierde: Land."

Der Lead des Artikels von Horand Knaup und Juliane von Mittelstaedt:

Regierungen und Investmentfonds erwerben in Afrika und Asien Ackerland, um Nahrungsmittel anzubauen – ein lohnendes Geschäft, weil die Preise rasch steigen. Das Milliarden-Monopoly führt zu einem modernen Kolonialismus, dem sich viele arme Länder notgedrungen unterwerfen.

Dienstag, 3. März 2009

Obamas fatales Signal an die Welt: Protektionismus

Foto: Keystone/AP

Das Massnahmenpaket der USA zur Ankurbelung der Wirtschaft („Stimulus“) missachte die globale Perspektive, befürchtet Peter Buxbaum in seinem neusten Beitrag für ISN Security Watch: „US Stimulus: Neglecting the Global Perspective?

Wie andere Experten auch konstatiert Buxbaum: die Antwort der führenden Wirtschaftsmacht dieser Welt, der USA, auf die erste wirklich globale Krise in der Geschichte der Weltwirtschaft, heisst Protektionismus: „Buy American.“ Trotz aller schönen Rhetorik: Wenn er denn überhaupt wollte, auch "Hoffnungsträger" Obama kann sich den innenpolitischen Zwängen der stärksten US-Lobbies nicht entziehen.

Dass diese für den internationalen UND auch für den US-Markt mittelfristig schlecht sein dürften, befürchten auch führende Wirtschafts-Experten und Politiker in den USA selbst.

Noch gravierender als die direkte Wirkung im Markt, sei aber ihr Symbolgehalt, das Signal, das Amerika damit an die Welt aussende, sagt Charles Freeman, China-Experte am Center for Strategic and International Studies, einem Thinktank in Washington im ISN-Artikel: "It will have an almost geometric impact." Dies werde beinahe „geometrische“ Auswirkungen haben. "Sendet die USA ein Signal, das protektionistsich erscheint, wird es für andere Staaten schwierig sein, nicht ebenfalls zum Mittel des Protektionismus zu greifen."

Dass der zunehmende Protektionismus für alle Teilnehmer im Globalen Markt schädlich ist, darüber herrscht internationaler Konsens. Die EU hat erst am Wochenende an ihrem Krisengipfel in Brüssel versucht, diese Tendenzen in Europa einzudämmen. Es bleibt abzuwarten, ob die Solidaritätsbekundungen mehr als eine schöne Absichtserklärung waren, wenn die verschiedenen Regierungschefs in ihren Ländern mit den kurzfristigen Bedürfnissen und Forderung der heimischen Grossunternehmen konfrontiert werden.

Insbesondere die Staaten, die wesentlich auf den Export angewiesen sind, sind durch den Protektionismus der grossen westlichen Märkte unmittelbar bedroht. Zu ihnen gehören fast alle Länder der 2. Welt, von Brasilien und Venezuela über China und die asiatischen "Tiger" bis zu Russland. Und nicht zuletzt auch die Schweiz.

Protektionismus birgt darüber hinaus mittelfristig auch ein nicht zu unterschätzendes sicherheits-politisches Risiko.

Montag, 17. November 2008

Asien tut der Welt gut

Der Finanzgipfel von Washington hat viele positive Zeichen, viel Zuversicht und erwartungsgemäss nicht viel wirklich Konkretes gebracht. Stratfor-Herausgeber George Friedmann nennt die Schlusserklärung gar "meaningless", bedeutungslos. Die Lösung der Wirtschaftskrise scheint plötzlich nicht mehr so dringlich. Die Welt wartet auf den neuen US-Präsidenten Obama. Die G-20 will sich erst im nächsten März wieder treffen.

Noch immer standen in washington die Regierungschefs des Westens bei den Medienkonferenzen im Vordergrund - zumindest in denen, die bei uns gezeigt wurden. Aber für alle scheint es jetzt selbstverständlich, dass eine ganze Reihe Staaten aus anderen Kontinenten künftig nicht mehr nur zur Kaffeepause eingeladen sein werden, wie es Brasiliens Finanzminister Guido Mantega formulierte, sondern mit am Tisch sitzen und mit entscheiden werden. Das sind auch Schwellenländer wie Brasilien aus Südamerika, aber vor allem ist es Asien ( China, Indien, Iran, Saudiarabien).

Der Singaporer Politikwissenschaftler Kishore Mahbubani hat ein Buch geschrieben, das weltweit Beachtung findet.
Nicht nur schreibt Mahbubani selbstbewusst, "der Aufstieg Asiens wird der Welt gut tun", gut tut vorallem auch seine andere Sicht auf die Welt. Schon der Titel zeigt das: "Die Rückkehr Asiens".
Da spricht das Selbstvertrauen und Bewusstsein eines Menschen, der sich in einer Tradition versteht, die sich vor dem Westen nicht zu verstecken braucht.

Immer frappierend für uns Westler ist schon die Perspektive, aus der ein Asiate die Welt betrachtet. Wir sind auf ihrem Globus, auf ihrer Weltkarte irgendwo am äussersten Rand links-oben, kaum wahrnehmbar. Die Welt, die im Blickfeld, die im Zentrum steht, beginnt für die absolute Mehrheit der Menschen dieser Erde ganz links aussen mit Israel und endet rechts mit Japan. Israel und Japan bezeichnet Mahbubani in seinem Buch als "die beiden einzigen modernen Gesellschaften Asiens" im alten (westlichen) System.
Israel gehört zu Asien. Das ist geographisch unbestritten, aber für uns - und für Israel selbst - gehört Israel klar zur westlichen Hemisphäre. Erst an Israels Ostgrenze beginnt für uns "die fremde Welt".
Auf Grund seiner asiatischen Sicht auf die Welt, ist es aber für Mahbubani nichts als logisch, dass es eine Lösung für Israel nur gemeinsam mit den anderen asiatischen (arabischen) Staaten am Westende Asiens geben kann.

In einem ausführlichen Gespräch mit dem Leiter des angesehenen "Institute of International Studies" der Universität Berkley California, Harry Kreisler" erläutert Mahbubani seine Thesen.



Für Mahbubani wird die Welt dank dem Aufstieg Asiens sicherer und stabiler. Der Westen müsse sich nicht vor der aktuellen Machtverschiebung - oder zumindest der neuen Machtteilung - fürchten, sondern er könne sich viel mehr darüber freuen. Asien werde nicht einfach die Werte des Westens übernehmen, sondern zusätzlich eigene Kompetenzen einbringen.

In einem Interview mit dem Spiegel unter dem Titel "Schluss mit Belehrungen" hat Mahbubani zum Beispiel erläutert, warum es in der Welt auch Platz für autoritäre Regimes geben müsse:

SPIEGEL: Lehren Sie Ihre Studenten, dass autoritäre Staatsformen unter Umständen besser sein können als demokratische?
Mahbubani:
Interessant, dass es in Ihrem Verständnis nur Schwarz oder Weiß gibt, demokratisch oder autoritär.
SPIEGEL:
Gibt es Zwischenformen?
Mahbubani:
Ja. Uns geht es um verantwortungsbewusste Regierungsführung. Alle Staaten müssen verantwortungsbewusst geführt werden, Entwicklungsländer aber ganz besonders. Ob man das autoritär oder demokratisch macht, ist erst mal nicht so wichtig. Die Form muss zu einer Gesellschaft und zu ihrem Entwicklungsstand passen. China zum Beispiel wird nicht demokratisch regiert, aber verantwortungsbewusst.

Eine zentrale Rolle wird auch für Mahbubani der Iran spielen, nicht nur als Brücke zwischen Asien und dem Mittelmeerraum und Europa.

Den gleichen Blick auf die Welt hat auch ein anderer wichtiger Player der neuen Weltordnung, der Regierungschef Singapurs, Lee Hsien Long.
Asien werde gestärkt aus der Weltwirtschaftskrise hervorgehen, sagt er im Interview in der "Zeit" (Printausgabe 47/08), und an Einfluss gewinnen. Gleichzeitig beruhigt er den Westen mit einem auf den ersten Blick bescheidenen Argument: "China kann die Welt nicht retten." Die Krise habe dem Ansehen des Westens in Asien zwar geschadet und die Weltwirtschaft werde multipolarer. "Doch wenn es um Macht geht, denke ich, dass die USA die einzige Supermacht sind und es für eine ganze Weile noch bleiben werden. Die Chinesen wissen, dass sie sich auf ihr Wirtschaftswachstum konzentrieren und mit der Rückständigkeit und Armut eines grossen Teils ihres Landes umgehen müssen."

Samstag, 15. November 2008

Bretton Woods II: Kampf um Vormachtstellung

Stratfor denkt immer in militärischen Dimensionen. Es geht um Macht und Führungspositionen, um Strategie und Dominanz. Nach solchen Kriterien beurteilt Stratfor die Welt, und so beobachtet und interpretiert die in den USA sehr einflussreiche Nachrichtenagentur natürlich auch den G20-Gipfel von Washington:

1. Die Europäer unter der aggressiven Führung des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy streben die Schaffung einer internationalen Finanz-Kontrollbehörde an, in der sie (die Europäer) dominieren:
"Creation of a European-lead oversight body..."

2. USA werden aber auch mit ihrem neuen Präsidenten Barack Obama nicht bereit sein, ihre Vormachtstellung in der Weltwirtschaft "zu opfern": "(Obama) doesn't look as though he is prepared to sacrifice American primacy in the global economy."

Was an der aktuellen Stratfor-Analyse verwundert, ist die Fixierung auf das "Duell" Europa-USA. Welche Absicht verfolgt Stratfor (und die Amerikaner), dass sie versuchen, unsere ganze Aufmerksamkeit auf die Europa/USA-Frage zu lenken und gleichzeitig die Rolle Chinas still zu schweigen?

Während der Gipfel in Washington angelaufen ist, wird immer deutlicher, dass die Hoffnungen, die die Europäer in den künftigen US-Präsidenten Obama setzen, unrealistisch sind. Obama wird die Interessen von Wallstreet verteidigen.

Gleichzeitig müssen die Europäer zur Kenntnis nehmen, dass in Washington an diesem Wochenende wohl keine wirklich wichtigen Entscheide für eine Neuordnung der Weltwirtschaft fallen wird. Die Erwartungen der Europäer sind überzogen. Die Europäer versuchen offenbar vergeblich, jetzt - im Vakuum des nicht mehr handlungsfähigen Noch-Präsidenten Bush - Fait-Accomplis zu schaffen. Doch diese Taktik scheint bereits gescheitert. Die Welt wartet auf Obama.
Gleichzeitig spielt die USA auf Zeit ... und verhandelt wohl im Hintergrund mit den Chinesen und den Schwellenländern (Brasilien, Indien, Korea, etc.).
Das werden die Europäer aber wohl genauso tun. Es läuft im Hintergrund wohl ein wirklich spannender und extrem zukunftsreleavnter Weltthriller: Die neue Weltordnung.

..

Freitag, 7. November 2008

Bewegung in der Weltordnung

Jetzt zeichnen sich die erwarteten Veränderungen der Machtverhältnisse in der Neuen Weltordnung nach der Finanzkrise ab. Diese neue Weltordnung wird nicht mehr nur den Interessen des alten Westens dienen, sondern muss die neuen Player in Asien, Lateinamerika und im Nahen Osten mitberücksichtigen.

"Gruppe der 20" statt G7
Noch immer ist die USA der Nabel der Welt. "Das Geld dieser Welt fliesst weiter nach Amerika" wie Stratfor schon fast triumphierend feststellt. Aber zum ersten Weltfinanzgipfel nach der Finanzkrise reisen am kommenden Wochenende die Staats- und Regierungschefs der 20 führenden Industrie-. und Schwellenländer nach Washington. Mit dabei auch China und Saudiarabien, Indien, Brasilien und Mexiko. Noch ist offen, wer wirklich teilnehmen wird, aber die Forderung der Schwellenländer mit dabei zu sein, ist deutlich. Der brasilianische Finanzminister Guido Mantenga gegenüber Al-Jazeera: "Nationen wie Brasilien werden nicht mehr länger nur brav Kafe trinken, während die reichen Nationen wichtige Finanzentscheide treffen."
Die Zeit der G7, des alten Clubs der "Industrieländer" scheint vorbei, die "Gruppe der 20" dürfte sich als neues Weltwirtschaftsgremium etablieren, schreibt u.a. "Die Zeit" in ihrer aktuellen Ausgabe ((46/08).


Multilaterales Europa vs. zentralistische USA und China
Natürlich sind auch die Europäer mit dabei, aber die Verhältnisse haben sich drastisch verändert:
Chinas Premier Wen Jiabao reist als grösster Gläubiger der USA nach Washington, "die Europäer sind nur noch Schuldner zweiter Ordnung", schreibt "Die Zeit" (Ausgabe 46/08).
Um die Neuordnung des Weltfinanzsystems mit weitgehenden Regulierungen zu schaffen, sind die Europäer auf die Unterstützung der Chinesen angewiesen. Europa selbst ist zu schwach, um sich selbst eine einheitliche Regelung und einheitliche Massnahmen zu verordnen, das haben die individualisierten Rettungsmassnahmen der Europäer zur Bewältigung der aktuellen Finanzkrise deutlich gemacht. Die EU ist ein Verbund souveräner Staaten. Ihre zentralen gemeinsamen Institutionen, wie z.B. die EZB (Europäische Zentralbank), verfügen nicht über die nötige Macht, Massnahmen für alle durchzusetzen.

Die nicht-geeinte EU steht bei den Verhandlungen zur neuen Weltwirtschaftsordnung den grossen zentralistischen Finanzorganisationen der USA und Chinas gegenüber, die nicht auf individuelle Bedürfnisse und Befindlichkeiten von Kleinteilhabern Rücksicht nehmen müssen. Stratfor-Herausgeber George Friedman stellt fast genüssiglich fest, dass sich die EU in der Krise (Finanzkrise, Georgien) als wenig einheitlich und weniger handlungsfähig erwiesen hat als zum Beispiel die USA. Er diagnostiziert den definitiven "Return of the Nation State", die Rückkehr des Nationalstaates. Multinationale Gebilde, inkl. die UNO, waren den Amerikaner schon immer suspekt.

Europa vs. USA
Die USA - und auch der neue Präsident - haben wohl kaum im Sinne, sich den europäischen Plänen einer internationalen Weltfinanzbehörde, sei es die IWF oder eine neue Institution - unterzuordnen. Stratfor schreibt in aller Deutlichkeit dazu: "Eine internationale Institution zur Regulierung der Finanzwelt, welche auch über Autorität gegenüber den US-banken verfügt, würde ein System schaffen, welches das US-Finanz-Management dem europäischen unterordnen würde." Da schätzen die Europäer die Situation und ihre Macht aus US-amerikanischer Sicht schlicht falsch ein. Der Finanzgipfel in Washington am 15. November wird einiges Aussagen über die aktuellen Machtverhältnisse.
Die Europäer brauchen starke Partner, wenn sie sich durchsetzen wollen.

China als Partner Europas
China könnte sich als starker Interessenpartner für die Europäer anbieten. Auf dem Asem-Gipfel Ende Oktober in Peking, bei dem sich 45 Staten aus dem asiatischen Raum getroffen haben, wurde klar ersichtlich, dass die Chinesen eine weitergehende Regulierung wollen als dies die Europäer anstreben. Mit einer offensichtlichen Spitze gegen die USA sagte Chinas Premier Wen Jiabao, es könne nicht angehen, dass einige Staaten über ihre Verhältnisse lebten und viele andere Staaten dafür bezahlen müssten.
Damit meinte er natürlich, das endlose Handelsbilanzdefizit der USA. Allerdings hat China mit der jahrelangen künstlichen Unterbewertung seiner Währung zu dieser Situation aktiv beigetragen. Und China wird sich hüten, zuviel Druck auf die USA auszuüben: Die amerikansichen Konsumenten sind die wichtigsten Käufer der billigen chinesischen Konsumgüter.