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Sonntag, 4. Juli 2010

Ein aufregendes Stück Fernsehen: 50 Minuten Zizek. (Up-Date)


VPRO ist definitiv einer der spannendsten Fernsehsender in Europa. Er sendet auf Nederland 3 und macht Fernsehen wirklich vorbildlich anders. Jetzt hat er seinen Zuschauern 50 Minuten Slavoj Zizek zugemutet. Getreu dem VPRO-Motto:
The VPRO is a media company, in which content takes priority. The VPRO has a rather special position within the broadcasting system. Enthusiasm, curiosity and quality has more value than ratings. The VPRO takes its public task seriously but with slight stubbornness, purposefully choosing those programmes and topics that the other broadcasting companies pass over.

Dass das funktioniert, zeigt, dass es ein Fernsehpublikum gibt für Anspruchvolles, für Komplexes, für die grossen Zusammenhänge. Ganz offensichtlich gibt es in Holland genügend Leute, die fähig und bereit sind, sich 50 Minuten auf Slavoj Zizek einzulassen - auf englisch. Auch formal ist die Sendung ein Lehrstück: Der slovenische Philosoph und Psychoanalytiker bewegt sich einsam, manchmal winzig klein, manchmal in Grossaufnahme vor gigantischen Screens. Er wird "bombardiert mit Bildern der Realität", wie Zizek selbst es zu Beginn der Sendung nennt und nimmt dazu in freier Rede Stellung. Während er referiert, laufen auf den Grossbildschirmen rund um ihn herum Bilder zum Thema - im Sinne einer Einordnung und Verstärkung. Wirklich ein aufregendes Stück Fernsehen.
VPRO beweist: Qualitätsjournalismus am TV ist möglich. Auch grosse, komplexe Inhalte sind fernsehtauglich. Schade nur, dass niemand soetwas in der Schweiz wagt.

Zum Glück gibt es das Internet, so dass wir auch dabei sein können. Man kann sich über Zizeks Lispeln mockieren, man kann sich über seine manchmal abstrusen Argumente aufregen, man kann ihn einfach als unbelehrbaren Kommunisten schubladisieren. Aber wer fähig ist, sich auf Zizek einzulassen, wer sich von ihm provozieren und herausfordern lässt, wer bereit ist mitzudenken, der wird dazulernen. Dabei muss man gar nicht immer mit Zizek einig sein.

Themen der 50 Minuten:
  • Die Lehre aus der Finanzkrise (natürlich)
  • Afghanistan
  • Die Demokratie
Ein bereicherndes intellektuelles Vergnügen: (nur die kurze Einführung ist holländisch, der Rest englisch).



Up-Date: Ein spannender Artikel über Slavoj Zizek findet sich heute (5.7.) im Telegraph: "The World's Hippest Philosopher."

Montag, 13. Oktober 2008

Ein Sündenkonto für jedermann

Einen sehr interessanten Vorschlag macht Olaf L. Müller, Dozent Naturphilosophie und Wissenschaftstheorie an der Humboldt Universität Berlin, in der letzten "Zeit" (42/08, S. 53) im Artikel mi dem Titel: "Ein Sündenkonto für jedermann". Dort habe ich schon die zu diesem Artikel gehördende "Krümelbombe" abgeschrieben.

Müller (Olaf!) will nichts weniger als "Gerechtigkeit" im Bereich der Luftverschmutzung. Die bisherige Debate um Grenzwerte hält er für "unbefriedigend":
"Grenzwerte für Autos sind dem Klima gleichgültig. Wer mit dem sparsamsten Auto herumfährt wie ein Irrer, schadet dem Klima mehr als der Besitzer einer Luxuslimousine, die in der Garage bleibt."
"Nicht die Autos sind das Problem, sondern die Autofahrer. Aber nicht nur die - ...."

Müller möchte von einem simplen Prinzip ausgehen:
"Jeder Mensch hat das Recht, genausoviel Co2-Emisionen zu verursachen wie der andere. Das gilt für Chinesen und Inder genauso wie für uns. Und zwar sofort!"

Experten gehen davon aus, dieses von der Erde verkraftbare Mass liege bei 2000 bis 3000 Kilogramm CO2 pro Kopf und Jahr. Das ist nur etwa halb soviel wie die Erdenbürger heute im Durchschnitt in die Atmosphäre pusten. Doch dieser Durchschnitt kommt sehr einseitig zustande. Wir Europäer verdrecken die Umwellt mit etwa doppelt soviel CO2 wie der Weltdurchschnitt - oder viermal soviel, wie eigentlich verträglich. Unser Verbrauch ist aber nur die Hälfte davon, was Amerika pro Kopf in die Atmosphäre entlässt (20'100 Kilo).

Müller weiss ("Ich gehöre nicht zu den ökologischen Antikapitalisten, denen ein Bankrott der kapitalistischen Volkswirtschaft am liebsten wäre"), dass es nicht machbar ist den CO2-Austausch auf einen Schlag auf ein ökologisch verträgliches Mass zu senken.
"Nein, wenn es schon gerecht zugehen soll, dann unter möglichst geringen Wohlstandsverzichten und ohne Harakiri. Erstes Ziel müsse es deshalb sein, den weiteren Anstieg des Co2-Anteils in der Atmosphäre nicht weiter ansteigen zu lassen, aber ohne dabei die Chinesen und Inder, weclhe im Vergleich zum Westen einen Nachholfbedarf in Sachen Industrialsierung haben, zu übervorteilen. Müllers Vorschlag:
"Jeder Mensch hat bis auf Weiteres das Recht, genau die augenblickliche Durchschnittsemission pro Erdenbürger zu verursachen. "
Weil es aber wenig sinnvoll wäre, die Inder oder die Afrikaner aufzufordern künftig viel mehr CO2 zu emittieren, um gleichviel CO2 zu emittieren wie wir, sollen diese Rechte als Zertifikate gehandelt werden. Das heisst, ein Inder mit aktuell niedrigem Bedarf, soll seine nicht beanspruchten Kilos Co2 an uns weiterverkaufen.

Wir Europäer müssten bei diesem System für gut die Hälfte unserer Emissionen bezahlen, respektive die Verbrauchsrechte bei jemandem einkaufen, der sie nicht braucht. Geregelt und gehandelt würden diese Rechte an einer Welt-Co2-Börse. Müllers Vorschlag weist einen radikalen Unterschiede zur aktuellen CO2-Börse auf: "Das ganze Geld, das durch die Versteigerung der Zertifikate zusammenkommt, wird in regelmässgen Abständen und ohne Abzüge an jeden einzelnen Menschen ausgezahlt - an Menschen, nicht an Staaten."

Möglichen Kritikern, dies sei bürokratisch nicht zu bewältigen, hält der Naturphilosoph eine andere Idee entgegen:" Kein Antragswesen, kein Papierkrieg, keine Entscheidungen von irgendwem - nur die Auszahlung per Fingerabdruck am Computer des Geldlastwagens. Dafür ist weltweit weniger Personal nötig als bei eine hmanitären Intervention in irgendeinem Balkanland."

Zu den Kosten: Zur Zeit kosten Klimaprojekte circa zwei Cent (Euro) pro eingespartes Kilo CO2. Das wäre für Müller der Refernzpreis. Für uns Mitteleuropäer würde dies bedeuten, dass wir pro Jahr etwa 12o Euro pro Kopf für unseren Zuvielverbrauch bezahlen müssten.
Jeder hätte die Möglichkeit, seine Kosten zu senken, indem er weniger CO2 verbraucht. Jeder entscheidet selbst, ob er mehr oder weniger Auto fährt, wie warm er seine Wohnung heizt, etc..
Ein durchschnittlicher Inder bekäme pro Jahr 80 Euro auf die Hand. Viel Geld für einen indischen Landbewohner.

Mein Vorschlag: Bevor alle, sich den Kopf zerbrechen, warum Müller's Idee nicht funktioniern kann in der Praxis, sollten die "Experten" sich den Kopf zerbrehcen, wie die Umsetzung dieser Idee in die Praxis möglich gemacht werden kann.

Die Welt im Jahr 2030

Das Bild kommt aus der Fotostrecke zum Artikel auf Spiegel Online.

Am Mittwoch ist EU-Gipfel. Als zentrales Thema war eigentlich der Klimawandel geplant. Aber natürlich werden alle anderen Themen jetzt von den Problemen rund um die Finanzkrise marginalisiert.
Trotzdem bemühen sich die Medien, das Thema Klima nicht ganz untergehen zu lassen. Es ist langfristig bestimmt noch viel wichtiger.
Deshalb hier zwei Posts aus deutschen Medien.
Der erste aus Spiegel-Online. Eigentlich ist es nur eine Rezension einer Studie der britischen Organisation "Green Futures" publiziert in deren "Forum for the Future". Der Spiegel hilft, den grossen ausführlichen englischen "Report" leichter zu bewältigen.

Besonders spannend finde ich den 4. Teil des Reports mit dem Titel:

Die Neudefinition des Fortschritts
Dieses Szenario ähnelt eher einer sozialen Utopie, die aus wirtschaftlicher Not geboren wird. Die globale Depression von 2009 bis 2018 hat den Menschen insbesondere in den Industrieländern einen bescheideneren Lebensstil aufgezwungen, so dass man sich nun stärker auf den persönlichen Wohlfühlfaktor und die Lebensqualität besinnt. In den USA arbeiten die Menschen üblicherweise 25 Stunden pro Woche für sich selbst und zehn weitere freiwillig für ihre Gemeinden. ................
"Dies ist keine postkapitalistische Welt", sagen die Autoren des Berichts. "Die Menschen arbeiten, konsumieren und machen Profite." Nur sähen die Menschen in diesem Szenario den Zweck des Geldes eben ein wenig anders als heutzutage.