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Freitag, 10. Oktober 2008

Oekonomisch unsinnig, aber vielleicht funktioniert's

Wir können zwar alle das Wort Finanzkrise nicht mehr hören. Aber den Kopf in den Sand stecken, kann nicht die Lösung für uns Intellektuellen sein. Deshalb: Noch einmal Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz:

Wie viele andere Oekonomen ist auch Stiglitz der Meinung, die Rettungspläne der Regierungen für das Finanzwesen könnten das Problem nicht lösen. In einem Interview mit "DemocracyNow" macht der ehmalige Präsidenten-Berater einen Vergleich, der mir gefällt, weil ich ihn begreife:

"Es ist, als ob man jemandem, der an inneren Blutungen leidet, eine starke Bluttransfusion macht. Man löst das eigentliche Problem nicht."
Aber, sagt Stiglitz, vielleicht ist es besser, dies zu tun, als gar nichts.

In der aktuellen "Die Zeit" (42/08 S. 63) zitiert der Philosoph Slavoj Zizek, Direktor des Londoner Birkbeck Instituts, eine Weiterung Stiglitz's dazu: Es sei für einen Politiker unmöglch, in einer solchen Situation nichts zu tun. Es bleibe uns jetzt nur zu "beten, dass ein Plan, der sich aus genau der fatalen Mischung von Sonderinteressen, irregeleiteten ökonomischen Theorien und rechten Ideologien zusammensetzt, irgendwie funktioniert - oder wenigstens keinen allzugrossen Schaden anrichtet."

Slavoj Zizek passt diese Aussage perfekt in seine Aussage, dass Märkte nicht rational funktionieren: "Märkte leben von dem, was die Marktteilnehmer glauben, dass andere Marktteilnehmer glauben." Entscheidend ist also nicht die mittelbare Wirkung der Massnahmen, sondern ob die Märkte an die Wirksamkeit dieser Massnahmen glauben. Das lässt Zizek hoffen,
"dass sogar ein Rettungspaket, das ökonmisch unsinnig ist, am Ende funktionieren kann."

Leider deutet heute alles darauf hin, dass die Märkte nicht an die Wirkung der Rettungspläne glauben.

Mittwoch, 1. Oktober 2008

Religion Marktwirtschaft

Seit der Aufklärung gilt die Ratio der (liberalen) Marktwirtschaft als eines der vorzüglichsten Mittel für den zivilisatorischen Fortschritt im Zeichen der Vernunft. Mit ihr verknüpft sind aufs engste die Hoffnungen auf Wohlstand und Demokratie und weltweiten Frieden.

Diese Vorstellung ist eine zutiefst christliche. Logisch: die Aufklärer waren tief verwurzelt in der christlichen Kultur und ihren seit Jahrhunderten gültigen Werten. Es ist die Vorstellung einer „gottgewollten Ordnung“, die immer nach einem „natürlichen Gleichgewicht“ strebt.

Ideologie nicht Wissenschaft
Wer glaubt, die Lehrsätze der Ökonomie würden ständig kritisch hinterfragt, der irrt. Seit der Aufklärung haben Wirtschaftstheoretiker immer nur versucht, die Ordnung dieser geltenden Funktionszusammenhänge zu erklären. „Deren Axiome sind weit mehr Ideologie und Glaubensbekenntnis als rational abgeleitetes und empirisch getestetes Grundwissen“ schreibt Heiko Kastner (Max Planck-Institut Inst. für Sozialanthropolgie) in seiner Abhandlung „Die Religion der Marktwirtschaft". Immer mehr wagen sich, die "heiligen" Gesetze der Marktwirtschaft kritisch zu begutachten, zum Beispiel Professor Carl Böhret von der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer oder auch der US-amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger und Präsidentenberater Joseph Stiglitz. Er spricht vom Ende des desaströsen Businessmodells und vom Ende "der Ideologie, dass freie, deregulierte Märkte immer funktionieren."

Neuer Glaube
Für Alexander von Rüstow, Deutscher Soziologe und in den 50er-Jahren einer der Vordenker und Mitbegründer des Neoliberalismus ("Ordoliberalismus") ist der „Geist der Liberalisierung“ schlicht eine „Säkularisierung eines deistisch-stoischen Harmonieglaubens“. Auch die Aufklärung habe es nicht vermocht, den Glauben einer gottgewollten Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft zu überwinden.

Für Heiko Kastner haben die Aufklärer einfach den alten Glauben durch einen neuen ersetzt: „ Es ist der Glaube an die dynamische Kraft des menschlichen Egoismus, der durch die "unsichtbare Hand" des Marktes den "allgemeinen Nutzen" mehrt".

Dieser allgemeine Nutzen ist die Heilslehre der liberalen Marktwirtschaft, wie sie zu jeder Religion gehört: Das natürliche System kommt allen zu gut, es muss nur konsequent genug angewendet werden.

Glaubensbekenntnis
Eine Gruppe namhafter Professoren hat in einem „Manifest Kontrapunkt“ vor einigen Monaten das liberale Marktsystem als unethisch und unmoralisch verurteilt.

Thomas Held vom liberalistischen Think Tank "Avenir Suisse", versucht in seiner Antwort auf das Manifest, die These von der Marktwirtschaft als Religion zu widerlegen. Er legt dabei allerdings gleich so etwas wie das Glaubensbekenntnis zur herrschenden Ideologie ab:

„Die Marktwirtschaft ist keine Religion, die von uns «gute Taten» verlangt. Sie funktioniert,
wenn jeder seine Eigeninteressen rechtmässig verfolgt. Für die grosse Mehrheit auf der Welt resultiert so mindestens ein wenig Wohlstand und ziemlich viel Freiheit.“

Natürlich ist Held wie auch anderen neoliberalen Intellektuellen nicht verborgen geblieben, dass etwas nicht stimmt, dass zum Beispiel nicht alle von der aktuellen Heilslehre der Globalisierung profitieren, doch sie klammern sich an ihren Glauben, den Galuben an das System, das zumindest langfristig nach dem Gleichgewicht strebt:
Die Globalisierung ist kein Sonntagsspaziergang. Die Potenzierung der marktwirtschaftlichen Freiheitsgrade führt zu Machtverschiebungen und temporären Ungleichgewichten."

Der Gleichgewichts-Mythos
Spannend, dass die gleiche pseudo-religiöse Vorstellung einer zum Gleichgewicht tendierenden „natürlichen“ Ordnung auch die Vorstellung der Umweltschützer prägt. Dabei, so belegt der Biologe Joseph Reichholf in seinen bahnbrechenden Studien, dass es das Wesen der Natur ist, NICHT im Gleichgewicht zu sein. Denn ohne Ungleichgewicht gäbe es keine Veränderung, keine Evolution. Speziell dazu Reichholfs Essay: "Leben kämpft stets gegen das Gleichgewicht."
Dies scheint 1 zu 1 auch für die Wirtschaft zu gelten.

Gläubige einer Ideologie als "Retter" des Systems?
Spätesten mit dem Zusammenbruch des US-amerikanischen Finanzsystems, müsste diese Ideologie nun definitiv hinterfragt werden. Doch die Rezepte zur „Rettung“ des Systems, welche jetzt fast panikartig und milliardenteuer zusammen gezimmet werden, entstammen wieder demselben liberalistisch-religiösen Gedankengut. Kein Wunder: Ihre Vordenker, wie der US-amerikanische Finanzminister Paulson gehören zur obersten Kaste des „Klerus“ der liberalen Finanzwirtschaft. Stiglitz und die FAZ bezeichnen ihn als "Hohenpriester" des Finanzsystems.

Ich bin überzeugt, die Paulson und Co. sind wohlmeinend. Sie sind Gläubige der Idelogie der liberalen Marktwirtschaft. Dabei sind sie sogar bereit eines der zentralen Axiome der Ideologie aufzugeben: Die Laisser-faire-Politik. Jetzt sind sie für vermehrte Regulierung, sprich für mehr Kontrolle des Staates, nachdem sie genau das jetzt jahrzehntelang als oberste Sünde verurteilt hatten, weil es eben die natürliche Ordnung störte. Der Markt würde das vorübergehende Problem - sei es Kontinente-weites Elend oder Massenarbeitslosigkeit im Sinne der „höheren Wahrheit“ - schon regeln.

Ideologie verhindert wirklich liberale Lösung
Hat jetzt also das Umdenken zum Guten begonnen? Wohl kaum. Die Rettungspläne entspringen denselben Köpfen, denselben „Gesetzmässigkeiten“. Viel schlimmer noch, das Milliarden-teure Flickwerk steht einer wirklichen Lösung im Weg. Von Rüstow hat das schon in den 50er Jahren erkannt: „Der neoklassische Liberalismus blockiert den Zugang zu einer Problem-adäquaten Wirtschaftstheorie und einer wirksamen Wirtschaftspolitik. Deshalb kann er die Risiken dynamischer Entwicklungsprozesse in komplexen arbeitsteiligen Geldwirtschaften weder erfassen noch vermeiden. Und deshalb kann er auch die im offenen System Wirtschaft liegenden Chancen, die von Liberalen so sehr beschworen werden, nicht ausschöpfen.“

Dienstag, 17. Juni 2008

Spekulation Oelpreis II

Kaum habe ich den untenstehenden Post zur Spekulation um den Oelpreis ins Netz gestellt, finde ich in der BaZ-Online, wie als offizielle Bestätigung, diese Meldung:


Börse geht mit Handelslimits

gegen Manipulation bei Öl vor

Washington. sda/reuters/baz. Im Kampf gegen eine Manipulation des Ölpreises wird die Londoner Future-Börse ICE erstmals den Handel mit Terminkontrakten regulieren.

Die zuständigen Aufsichtsbehörden in den USA und Grossbritannien bewegten nach eigenen Angaben vom Dienstag die Börse dazu, Limits auf den lebhaften Handel mit West Texas Intermediate (WTI) einzuführen.

Die oberste Aufsicht für die US-Terminbörsen CFTC werde auch andere Handelsplätze ausserhalb der USA dazu auffordern, ähnliche Begrenzungen einzuführen. Der Markt für Rohöl könne bislang leicht manipuliert werden, erklärte die CFTC.

US-Politiker drängen die CFTC seit Monaten dazu, mit einer schärferen Aufsicht gegen Spekulanten vorzugehen, die für den drastischen Ölpreis-Anstieg mitverantwortlich gemacht werden.

Oelpreis und Spekulation


Brav drucken die Medien seit Tagen die Erklärungen der Oelindustrie zum hohen Oelpreis und speziell zum Dieselpreis ab. Hauptargument ist selbstverständlich wie immer das heilige Gesetz des Marktes: Nachfrage bestimmt Preis. Die Nachfrage nach Oel (und speziell nach Diesel) ist enorm gestiegen in den letzten Monaten und Wochen. Schuld sind neben dem gestiegenen lokalen Bedarf (Diesel Schweiz 2007 plus 7,3%) einmal mehr natürlich die grossen Konkurrenten des Westens China und Indien.
Die speziellen Preissteigerung beim Diesel von mehr als 50 Rappen innerhalb eines Jahres wird weiter mit der speziellen Knappheit des Gutes erklärt, weil bei der Raffinierung eines Fasses Rohöl (159 Liter) nur rund 40% Diesel produziert wird. Warum dann aber der Preis für das "normale Benzin", von welchem bei der Raffinierung nur 20 bis 40% abfallen, weniger stark gestiegen ist als beim Diesel, wird nicht erklärt.

Der Oelpreis wird an der Börse gemacht. Dass der Preis an der Börse von Angebot und Nachfrage bestimmt wird, ist bekannt. Wenn die Opec die Förderhahnen etwas aufdreht, sollte der Preis sinken und umgekehrt. Nur: Es wird noch an einer ganz anderen Schraube gedreht: an der Spekulationsschraube.
Mit Markt hat das wenig zu tun oder höchsten mit der Manipulation des Oelmarktes. Auch beim Oel bereichern sich Einige schamlos auf Kosten der Allgemeinheit, indem sie den Oelpreis künstlich in die Höhe treiben. Besonders stossend daran ist, dass es gerade die auf Oel spezialisierten Finanzmärkte selbst sind, die den Preis zu ihren Gunsten manipulieren, in direkter Absprache mit den wichtigsten Oel-Multis.

Die kanadische "Center of Research on Globailsation" (CRG) hat am 2. Mai 2008 einen Artikel mit dem Titel "60% des Oelpreises ist pure Spekulation".

Der ganzen Artikel ist hier zu finden: http://globalresearch.ca/index.php?context=va&aid=8878

Der Artikel basiert auf den Resultaten eines Reports des US Senats vom Juni 2006, der aufgrund der aktuelen Entwicklung nur noch aktueller geworden ist: The US Senat's Permanent Subcommittee on Investigations report on “The Role of Market Speculation in rising oil and gas prices,”. Dieser Report kommt zum Schluss: “…there is substantial evidence supporting the conclusion that the large amount of speculation in the current market has significantly increased prices.”

Der Lead des CRG-Artikels:
The price of crude oil today is not made according to any traditional relation of supply to demand. It’s controlled by an elaborate financial market system as well as by the four major Anglo-American oil companies. As much as 60% of today’s crude oil price is pure speculation driven by large trader banks and hedge funds. It has nothing to do with the convenient myths of Peak Oil.