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Montag, 17. August 2009

Die Türkei unterwegs zur Grossmacht

Bild privat: Contextlink Autor in Istanbul

Für Stratfor-Herausgeber George Friedman ist schon lange klar, dass die Türkei zu einem der
wichtigsten politischen Player im 21. Jahrhundert wird. Für Parag Khanna ist die Türkei schlicht
"der mächtigste, demokratischste und säkularste Staat in der islamischen Welt" ("Der Kampf um die 2. Welt" S. 83).
Die Türkei ist heute schon eine Wirtschafts- und Militärmacht. Sie gehört zu den 20 grössten Volkswirtschaften dieser Welt mit besten Wachstumsprognosen. Ausser der USA hält keine NATO-Land mehr aktive Soldaten unter Waffen wie die Türkei.

Zentrale Argumente der Türkei-Euphoriker sind die geographische Lage als Brücke zwischen Europa und Asien, damit verbunden die Vermittlerrolle zwischen der christlichen und muslimischen Welt und die Tradition, die Geschichte des Osmanischen Grossreichs.
Skeptischer ist man in der Türkei selbst: Das Land sei viel zu sehr mit sich selbst, mit innern Problemen beschäftigt, um eine aktive Rolle zu spielen, wenn sie denn überhaupt wollte.
Eine wie mir scheint sehr gute Gesamtsicht liefert das Central Asia-Caucasus Institute mit seinen "Silkroadstudies": "Prospects for a ‘Torn’ Turkey: A Secular and Unitary Future?" (Download hier).

Die letzten Monate haben einige Beispiele der inneren Unreife des Landes geliefert (u.a. der Fall "Ergenekon"), aber es hat sich auch gezeigt, dass die Türkei daran ist, viele seiner alten Probleme zumindest aktiv anzugehen. Vor allem zeigt sich, dass die Türkei von den wichtigsten künftigen Partner und Nachbarn im Grossraum zwischen Asien und Europa als künftiger Player akzeptiert, wenn nicht gar gesucht wird:

Die Grossmächte hofieren der Türkei
Im April hat der neue US-Präsident Barack Obama
die Türkei als erstes muslimisches Land überhaupt besucht und dessen Wichtigkeit für die Verbindung zwischen der westlichen und der islamischen Welt unterstrichen. Er nannte die Türkei ein "Modell für die Welt". Gleichzeitig hat die Europäer unmissverständlich aufgefordert, die Türkei als Vollmitglied in die EU zu integrieren.

Einen regen Austausch pflegt die Türkei mit Russland.
Zuletzt hat Anfang August der russische Regierungschef Vladimir Putin Ankara seine Aufwartung gemacht. Dabei ging es auch um Georgien. Die Türkei hat bisher in der heiklen Frage des russisch-georgische Konflikts an seiner Grenze am Schwarzen Meer erfolgreich eine neutrale Position gefahren. Diese neutrale Position ist das generelle Gebot der Türkei für den Kontakt mit dem noch immer mächtigen und selbstbewussten Nachbarn im Norden. Der gesamte benachbarte Kaukasus-Raum ist traditionell türkisches Einflussgebiet und dürfte ein heikles Dauerthema bleiben in der türkisch-russischen Beziehung. Wobei Russland eher in einer defensiven Position ist, nicht nur wegen der "religiösen" Nähe, sondern weil die Türkei nach wie vor den Flaschenhals des Bosporuskanals kontrolliert, Russlands einzigem Zugang zum Mittelmeer. (Bild oberhalb rechts: Russische Fregatte in Istanbul)

Schlüsselrolle als Energie-Hub
Zentraler Punkt der Putin-Visite war aber die Energiepolitik und die Unterzeichnung des Vertrags für das Projekt Southstream, mit welchem russisches Gas aus Zentralasien via die Türkei nach Europa gepumpt werden soll.

Nicht einmal einen Monat früher, Mitte Juli, hat die Türkei (endlich) einen ähnlichen Vertrag mit den Europäern für deren Projekt Nabucco abgeschlossen. Damit unterstreicht die Türkei seine Politik der Neutralität auch in der Energiefrage, vor allem unterstreicht sie ihre selbsbewusste Rolle als Hub für die Oel- und Gasversorgung Europas aus dem zentralasiatischen Raum.(siehe auch der Nabucco-Beitrag auf Contextlink).

Einflusssphäre Zentralasien ...
Wie grosszügig und weit die Türkei sein Einflussflussgebiet selber definiert, wurde jüngst klar, als sie die Problematik der Uiguren anlässlich der schweren Unruhen in der chinesischen Westprovinz Xinjiang vor den UN-Sicherheitsrat bringen wollte.
Sogenannte Turkvölker, die alle zur türkischen Sprachfamilie gehören leben im gesamten, schier endlosen zentralasiatischen Raum bis zum Hindukusch, entlang der historischen Seidenstrasse. Dies ist auch klassischer. muslimischer Kulturraum mit den "grossen" Islam-Städten Buchara und Samarkand (Bild rechts) im heutigen Usbekistan.

Hier in Zentralasien überschneiden sich nicht zuletzt die "Einflusssphären" der Türkei und Russlands (GUS-Staaten oder ehemalige UdSSR-Provinzen) und man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass es hier noch Anlass zu einigem Stress zwischen den Russen und den Türken geben wird.)

Parag Khanna hat die Bedeutung der "neuen Seidenstrasse" und Zentralasiens für die neue Weltordnung zuletzt in seinem Artikel "The Road to Kabul Runs Through Beijing and Tehran". Und wie praktisch die Türkei auf dieser doppelten Achse mitwirkt, wurde diese Woche gleich doppelt belegt:
Am vergangenen Freitag startete die erste Testfahrt eines Güterzuges in Islamabad, der Pakistan via Teheran mit Istanbul Verbindung (Karte links: BBC). Die neue Eisenbahnverbindung ist 6500 Kilometer lang und wird nicht zuletzt im Iran als wichtiger Meilenstein gefeiert. Ein Kommentar zum entsprechenden Artikel in der englisch-sprachigen, regierungsnahen Online-Publikation PressTV triumphiert: "Das sind grossartige Neuigkeiten. Alle Muslime sollten sich gemeinsam darüber freuen ... und die Amerikaner und die und haben Grund zum Weinen. Alle ihre Verschwörungen sind vergeblich, Gott sei's gedankt."

... bis Pakistan
Seit einigen Jahren pflegt die Türkei einen regen Austausch mit Pakistan, u.a. in Sicherheits- und Kulturfragen, private türkische Organisationen - unter anderem auch religiöse - unterhalten zahlreiche Projekte in Pakistan. Und Ende Monat findet in Istanbul das Forum "Friends of Democratic Pakistan" statt. Stargast: Richard Holbrooke, der Sondergesandte Präsident Obamas für Pakistan und Afghanistan.

Friedensstifter in Nahost?
Eine Schlüsselrolle
können die Türken auch im Nahen Osten einnehmen. Geschickt hat sich Präsident Erdogan während dem jüngsten Gazakrieg von Israel distanziert und Punkte im arabischen Lager gesammelt. Nach einer kurzen Zeit der Verstimmung haben jetzt die Israel ihren alten Vertrauenspartner Türkei offenbar wieder als Unterhändler bei den Friedensgesprächen mit Syrien akzeptiert.

Die arabische Welt ist offenbar bereit, die Türkei wieder als Regionalmacht zu akzeptieren, auch wenn es noch immer auch schlechte Erinnerungen an die jahrhundertelange Dominanz der Region durch die Türken als Osmanisches Reich gibt.

Vorbild als säkularer islamischer Staat
Längst übt die Türkei im gesamten arabischen Raum einen starken kulturellen Einfluss aus, als in der westlichen Welt erfolgreiche, muslimische Nation gilt sie vielen, insbesondere gemässigten Arabern als Vorbild. Nicht nur wegen seinem wirtschaftlichen Erfolg, sondern auch als Modell eines säkularen muslimischen Staates mit funktionierender Demokratie.
Eine wichtige Rolle bei der Verbreitung der "türkischen" Kultur spielt das Fernsehen. Türkische Fernsehfilme und insbesondere türkische Soap-Operas werden von zahlreichen arabischen Fernsehsender bis in das fundamentalistische Saudiarabien ausgestrahlt und sind wie TV-Serie "Noor" manchmal richtige Strassenfeger in ganz Nahost.

Schlüsselrolle im Irak
Einiges spricht dafür, dass die Türkei jetzt mit dem Abzug der Amerikaner aus dem Irak eine zentrale Rolle an Euphrat und Tigris übernehmen wird. Nicht nur die Amerikaner scheinen auf die Türken zu setzen, auch für den Iran sind sie ein akzeptabler Friedensstifter und künftiger Mit-Machthaber.
Seit dem Juli 2008 gibt es einen türkisch-irakischen "strategischen Kooperationsrat" und eben ist der neue türkische Aussenminister Ahmet Davutoglu von einer Irakreise zurückgekehrt. Offiziell ging es um den Ausbau der wirtschaftlichen Zusammenarbeit, doch der Türkei geht es auch um vitale Sicherheitsfragen.
Die Türkei wird alles unternehmen, um ein Auseinanderbrechen des Iraks zu verhindern. Die Türken befürchten, es könnte an ihrer Südgrenze ein neuer kurdischer Staat entstehen, der auch die staatliche Integrität der Türkei gefährden könnte. (Bild rechts: Türkische Soldaten in Kurdistan)

Auf diesem Hintergrund sind auch die erfreulichen Entwicklungen zu sehen, dass die Türkei offensichtlich endlich bereit ist, ihr "ewiges" Problem mit der kurdischen Identität in Ostanatolien und dem 25-jährigen Bürgerkrieg mit der PKK zu lösen.

Einen weiteren, für die ganze Region symbolischen Schritt hat die Türkei ebenfalls in den letzten Tagen beschlossen: Im Rahmen des Davutoglu-Besuchs hat die Türkei dem Irak zugesichert, künftig rund 40 Prozent mehr Wasser über die Flüsse ins alte Kulturland von Euphrat und Tigris fliessen zu lassen. Nicht zuletzt wegen dem Wasser, ist die Türkei für den arabischen Raum ein lebenswichtiger Partner.

Türkei ist auch Europa
Die Zuwendung der Türkei, die zu erwartende neue Rolle als Grossmacht im Nahen Osten und Zentralasien heisst nicht, dass die Türkei sich von Europa abwenden wird, für Europa "verloren" ist. Parag Khanna bringt es auf den Punkt, wenn er schreibt: "Die Türkei IST bereits ein europäisches Land" ("2.Welt" S. 83).

Unbestritten gehört die Türkei mit einem nicht unwesentlichen Teil der Grossregion Istanbul auch geographisch zu Europa. Und wer schon einmal im hippen Stadtteil Beyoglu in Istanbul (Bild rechts) oder auch jenseits des Bosporus bereits in Asien im Stadtteil Fenerbace unterwegs war, zweifelt nicht daran, dass die Türkei auch europäisch ist. Istanbul ist eine der wichtigste Kulturstädte Europas. Während Jahrhunderten war Konstantinopel die wichtigsten Stadt der christlichen Kultur.

Für Parag Khanna ist das moderne Istanbul mehr: das
"Wirtschaftszentrum einer von Budapest bis Baku reichenden Region". In einer seiner spannenden Reisereportagen berichtet Khanna über die rasante, sehr westlich-moderne Entwicklung die der östliche Balkan dank der Türkei in den letzten Jahren erlebt hat. Bulgarien werde "mehr und mehr zu einem Vorort der Megalopolis Istanbul," schreibt er in der "2. Welt". Ein Mischgebilde, das man "Istanbulgarien" nenne könnte.

Europa braucht die Türkei
Khanna nennt die Türkei in seinem Beitrag "Die nächste Welt" für "Die Zeit" "die grösste Herausforderung" für Europa. Und er wiederholt die Forderung des US-Präsidenten Obama: Das Land muss unbedingt Vollmitglied der EU werden, um seine Scharnierfunktion zum Mittleren Osten wahrzunehmen."
Die EU muss begreifen, dass es nicht darum geht, die Türkei "gnädigst aufzunehmen und irgendwelche Bedingungen zu stellen (wie ich schon früher in Contextlink geschrieben habe). Europa braucht die Türkei und nicht umgekehrt.
(Bild unten: Skyline des modernen Istanbul bei Nacht)



Mittwoch, 8. Juli 2009

Xinjiang: Chinas Wilder Westen

Fotos: AP/Reuters Urumqi Juli 2009

Die Provinz ganz im Westen Chinas, Xinjiang, wird seit Tagen von Unruhen erschüttert. Mit aller Härte versucht die chinesische Zentralregierung die Unruhen niederzuschlagen.
Noch bevor die Unruhen losgingen hat Parag Khanna auf seiner Homepage spannende Hintergründe aus dem "Wilden Westen Chinas", wie er die Provinzen Tibet und Xinjiang nennt, geliefert.

Karte: Stratfor

"Psychologisch", schreibt Khanna in seinem sehr ausführlichen Artikel "China's Final Frontier", "ist China ohne Xinjiang und Tibet wie Amerika ohne das Land westlich der Rocky Mountains." Auf seiner 3000 Kilometer langen Reise durch die Westprovinzen Chinas, Tibet und Xinjiang, hat Khanna auch festgetsellt, was Stratfor sorgfältig auflistet: Die Chinesen, genau die Han-Chinesen, nehmen demographisch im muslimischen Westen Chinas gegenüber der einheimischen, turkstämmigen Bevölkerung der Uiguren überhand: "Die Migrationspolitik der Regierung hat die ethnische Balance verschoben: Ende 2007 war das Verhältnis zwischen Han und Uiguren 46:54. In Urumqi, der Hauptstadt der Autonomen Provinz Xinjiang Uigur, sind die Han mit 73:27 in der Mehrheit."

Khanna schildert die Hintergründe der aktuellen Probleme. Wie meist geht es zuerst um Rohstoffe: "Tibet und Xinjiang haben das geographische Pech, entweder auf den Bodenschätzen zu liegen, die China will, oder auf dem Weg zu den Bodenschätzen, die China haben will." Xinjiang, das so gross wie Texas ist, verfügt über die grössten Rohstoffvorkommen in China für Oel, Gas, Kohle, Uran und Gold. Tibet hat Holz, Uran und Gold.

Dazu kommt der Bevölkerungsdruck aus dem chinesischen Osten: "Da die meisten (Han-)-Chinesen im Osten leben, die Bodenschätze aber im Westen liegen, ist der anhaltende Marsch der Chinesen westwärts unausweichlich", schreibt Khanna.
Chinas interne Konsolidierung, sei die "Geschichte einer multiethnischen, wiedergeborenen Grossmacht, die Strategien anwende, ähnlich der früheren Westexpansion Amerikas.

Und dann gibt's da ja auch noch das ewige Streben nach "Einflussgebieten". In Anlehnung an das historische "Great Game" zwischen Russland und Grossbritannien um Zentralasien im 19. Jahrhundert und um die "Seidenstrasse" (siehe Contextlink-Beitrag "Kampf um die Seidenstrasse") schreibt Khanna: "China ist entschlossen, die 21.Jahrhundert-Version des Great Game in Zenralasien zu gewinnen." Und dieses Einflussgebiet geht über die Westprovinz Xinjiang hinaus in die unendlichen Weiten Zentralasiens. Die Mittel, die China jenseits der Grenze anwendet, sind nicht militärisch sondern wirtschaftlich. Sei es, dass man einen Hafen in Pakistan baut oder eine Oelpipeline nach Turkmenistan und/oder Azerbeidschan finanziert; oder im Kleinen, indem chinesische Kaufleute - wie seit Urzeiten - den Kleinhandel in den Provinzstädten Kazakhstans, Kirgistans oder Usbekistans dominieren.

Karte: Stratfor

Montag, 16. Februar 2009

Gurbanguly Malikgulyyevich Berdymukhammedov

Gurbanguly Malikgulyyevich Berdymukhammedov, der Name ist zu schön, um ihn nicht zu einem Contextlink-Titel zu machen. Sie kennen ihn nicht? Ich hatte bis vor Kurzem auch nichts von ihm gehört, und ich mache eine Wette, auch ein Grossteil meiner auf Aussenpolitik spezialisierten Kollegen in den Schweizer Medien wissen nicht, wer dieser leicht rundliche - und trotz seinen 52 Jahren - jugendlich wirkende Herr ist: Gurbanguly Berdymukhammedov ist seit 2007 Präsident des zentralasiatischen Staates Turkmenistan,
Nicht so wichtig? Vielleicht müsste man all die Leute in Osteuropa von der Ukraine über Serbien bis nach Ungarn fragen, die diesen Winter gefroren haben, als ihnen die Russen das Gas abstellten. Berdymukhammedov ist eine Hoffnung für sie, auch wenn sie seinen Namen - im Gegensatz zu allen westlichen Energieunternehmen und -Ministern - noch nicht kennen.
Als Präsident Turkmenistans ist Berdymukhammedov auch Herr über die wichtigsten Erdgasreserven der Welt. Erst letztes Jahr wurden neue riesige Felder im ansonsten unwichtigen Ex-Sowiet-Staat an der Grenze zu Iran und Afghanistan entdeckt.

Russland gewinnt Turkmenistan
In den letzten Jahren haben sich die USA (und mit ihnen Europa) einen Wettstreit um die Gunst Turkmenistans mit Russland geliefert. Russland und sein Energieriese Gazprom haben ihn letztes Jahr (zumindest vorläufig) gewonnen und einen langfristigen, privilegierten Vertrag abgeschlossen. Das heisst nicht, dass künftig kein Gas aus Turkmenistan die Heizungen in Serbien oder Deutschland oder Belgien feuern wird, aber es heisst, dass Europa diesbezüglich weiter vom Goodwill Russlands abhängig sein wird.

Das heisst aber auch auch, dass die grossartigen Pläne, die Europa mit dem Projekt Nabucco zur Befreiung aus der Abhängigkeit vom Goodwill Russlands gemacht hatte, arg ins Schleudern geraten sind. Due geplante Pipeline aus dem Raum Kaspisches Meer via die Türkei nach Europa hat nur eine Zukunft, wenn die Europäer mit dem Iran ins Geschäft kommen.
Dazu aber mehr im Nabucco-Beitrag.

Freitag, 13. Februar 2009

Obama und der Kampf um die Seidenstrasse

Foto: Reuters
Afghanistan wird die News-Schlagzeilen in den nächsten Monaten beherrschen. US-Präsident Barack Obama hat sich Afghanistan als erstes Schlachtfeld ausgewählt. Das heisst die amerikanischen Medien - und wir - alle Medien des Westens in ihrem Schlepptau - werden breit über das "Theater Afghanistan" berichten.
Obama verlegt den Schwerpunkt der US-amerikanischen Kriegspolitik vom Irak weiter östlich ins unwirtliche, riesige Bergland am Hindukusch. Und alles deutet darauf hin, dass Obama diese Schlacht verlieren wird. Militärisch können die Amerikaner den Krieg in den Bergen Afghanistans genauso wenig gewinnen wie die Russen 1979 - 89. Auch 30'000 US-Soldaten mehr werden's nicht richten und auch nicht zusätzliche europäische Truppen, wie sie Obamas Vize Joe Biden an der Sicherheitskonferenz in München gefordert hat.


Kampf um Vorherrschaft an der Seidenstrasse
Das Problem Afghanistan kann nur gelöst werden, wenn es im Gesamtkontext des Mittleren Ostens und Zentralasiens angegangen wird. Und dabei geht es nicht einfach um die Befriedung dieses Gebiets oder gar um die Zerstörung der Taliban, Al-Qaida und des harten Kerns des islamistischen Terrors, sondern es geht um den Kampf um die Vorherrschaft im Gebiet zwischen dem Nahen Osten und Ostasien entlang der historischen Seidenstrasse. "The New Great Game on the Silk Road is already underway." Das grosse Spiel an der Seidenstrasse läuft bereits, schreibt Parag Khanna in einem Artikel für Foreign Policy. Dabei bezieht er sich auf den "Silk Road Startegy Act", genannt eben auch das "New Great Game", welchen der US-Kongress 1999 als Amerikas Zentralasien-Strategie verabschiedet hat. Ganz bewusst macht er aber auch eine historische Anspielung auf die Jahrtausende währenden Kämpfe um den Einfluss auf die wichtigste Handelsverbindung zwischen China und dem Nahen Osten und Europa (ein paar Bilder zur Seidenstrasse hier.)
Über diese uralten, endlosen Konflikte gibt es ein wunderbares, sehr schwer zu lesendes, neues Buch: "Schnee in Samarkand. Ein Reisebericht aus dreitausend Jahren". In unzählige Details und liebevoller Sorgfalt schildert der Schweizer Fotograf Daniel Schwartz die uralten, kulturellen und politischen Zusammenhänge in Zentralasien, von den Zeiten vor Alexander des Grossen Feldzug an den Indus und dem uralten, traditionellen Einfluss der Chinesen und Perser.

Der Weg nach Kabul führt über Peking und Teheran
Und eine Lösung in Afghanistan kann auch heute wieder nur über diese Macht-Pole und zentralen Player im Grossraum der Seidenstrasse führen. Weshalb der Geostratege Pedrag Khanna den Titel: "The Road to Kabul runs through Bejing and Tehran", setzt.

Khanna schildert in seinem Artikel sehr überzeugend, dass die USA und ihr neuer Präsident nur eine Chance auf eine Lösung haben, wenn sie dabei China und Iran aktiv einbeziehen.

Karte von Stratfor

Iran: Partner der USA
Die USA brauchen Iran als Partner. Zunächst als Zufahrtsroute für ihre Kriegslogistik (vom iranischen Hafen Chabahar über die neue, mit von Indien gebaute Autobahn Zaranj-Delaram nach Kandahar und/oder Kabul). Eben haben die USA ihre Basis in Kirgistan verloren. Tadschikistan und Usbekistan sind sehr unsichere, wenig stabile Alternativen und die USA werden soll wohl kaum einsietig auf das erstaunliche neue Transitangebot Russlands verlassen wollen.
Iran spielt auch eine wichtige Rolle als glaubwürdiger Beeinflusser der verschiedenen iranisch-stämmigen Stämme in Afghanistan und der (sunnitischen) Taliban. Und deren Machtgebiet ist längst nicht auf Afghanistan beschränkt, sondern erstreckt sich über das ganze Siedlungsgebiet der Pashtunen-Stämme, weit hinein nach Pakistan, nach Waziristan (das "Zentrum des Dschihadimsus") . Das Schweizer Fernsehen hat Anfang Februar einen hervorragenden DOK-Film gezeigt - den es leider nicht als öffentliches Video gibt -, der die Aussichtslosigkeit des Kriegs der USA und den Zusammenhang des Afghanistankriegs mit dem pakistanischen Waziristan verstehbar gemacht hat. Einen ausführlichen, erschreckenden Hintergrund dazu gibt es auch bei Al-Jazeera zu lesen.

Riesenproblem Pakistan
Spätestens mit der Ermordung von Benazir Butto und dem Sturz von General Musharaf ist klar geworden, dass die Atommacht Pakistan nicht nur das Rückzugsgebiet der Taliban und der Al-Qaida ist, sondern selbst ein Pulverfass mit einem islamistischen Fundamentalismus-Problem. Darüber hinaus scheint Pakistan auf die Länge ein höchst unsicher Partner der USA im Gesamt-Theater: Längst ist offensichtlich, dass insbesondere der Pakistanische Geheimdienst ISI die Taliban aktiv schützt und unterstützt bis hin zu Kampfeinsätzen gegen US-Truppen in Afghanistan.
Mit grosser Sorge sieht Pakistan den rasch zunehmenden Einfluss seines Erzfeindes Indien in Afghanistan. Indien hat nicht nur die neue, 217 Kilometer lange Verbindungsstrecke zwischen der iranischen Grenze und der Kandahar-Kabul-Autobahn fertig gestellt, die wohl bald auch die NATO-Truppen als Logistikroute benutzen werden, sondern das indische Militär trainiert auch afghanische Polizeieinheiten. Gleichzeitig plant Indien schon länger gemeinsam mit dem Iran eine Pipeline quer durch Afghanistan zur Oelversorgung. Die USA müssen eigentlich nur noch ihr Okay dazu geben. In Pakistan glauben bereits viele an ein indisch-amerikanisches Komplott mit dem Ziel, ein unabhängiges Belutschistan zu schaffen
Pakistan fühlt sich von beiden Seiten bedroht.

China diskret aber maximal präsent
Natürlich geht nichts im unmittelbaren Umfeld von China ohne Peking. Und wie gewohnt von anderen Problemgebieten hat China auch in Afghanistan in den letzten Jahren und ohne viel öffentlichen Lärm, sein Netz auch in Afghanistan gesponnen.
Chinas langfristige Strategie in Afghanistan ist gemüss Pedrag Khanna "offensichtlich": "China ist zum grössetn Investor Afghanistans geworden." Nicht nur die Ausbeutung der Kupfermine Aynak südlich von Kabul ist dank chinesichem Geld möglich, China investiert auch sonst in Infrastrukturprojekte wie die (indische) Autobahn zur iranischen Grenze. China baut sich systematisch einen direkten Zugang zum arabischen Meer auf. So hat Peking auch den neuen Tiefseehafen von Gwadar an der Küsten Pakistan's gebaut.
China wacht auch sorfältig darüber, was die USA in den zentralasisatischen -stans (Kirgistan, Kasachstan, Tadschikistan, Usbekistan) unternimmt. Dort gerät die USA nicht nur Russland, senden vermehrt auch China ins Gehege.

Obama hat könnte sich nicht nur an Afghanistan selbst die Zähne ausbeissen, sondern auch dei regionalen Implikationen unterschätzen, schreibt Khanna: "Trotz der Aufregung um die die amerikanischen Aktivitäten in der Region, sei es "überhaupt nicht klar, dass Washington iregndwie näher daran sei, die Dynamik in Zentral-Asien" begriffen zu haben. Die Europäer tun gut daran, nicht einfach blind mit Obama und den USA mitzulaufen und erneut wie im Irak mit in eine auswehgslose Situation zu geraten.