Mittwoch, 23. Juli 2008

Karadzic: Die Geister der Vergangenheit

Natürlich beschäftigt mich die Verhaftung Karadzics sehr. Verschiedene Freunde haben mich darauf angesprochen, sie vermissten meine Blog-Beitrag zu den aktuellen Ereignissen im Balkan. Aber es fällt mir schwer darüber zu schreiben.

Die Verhaftung Karadzics löst zahlreiche persönliche Erinnerungen bei mir aus. Speziell, wenn ich im Schweizer Fernsehen Bilder sehe, die ich selbst gedreht habe und auf denen ich selbst zu sehen bin, wie im dritten Teil des 10vor10-Beitrags vom 22.7.08:



Autorin des SF-Beitrags ist Jasna Bastic, meine alte, gute Freundin aus der Zeit unmittelbar nach dem Krieg in Bosnien. Wir waren zusammen in Srebrenica und in den Leichentunneln in Tuzla, die im Film zu sehen sind.

Neben all den Greueln habe ich aber auch sehr viele, sehr positive Erinnerung. An Menschen, die wir getroffen haben, mit denen wir viel Zeit verbracht haben. Schwer traumatisiert die Meisten, aber fast alle sehr offen, sehr menschlich, oft herzlich.

Die Erinnerung ist aufwühlend, sehr emotional. Für die Menschen in Bosnien ist es wie ein Schock: Mit der Verhaftung Karadzics ist die kaum verdrängte Erinnerung auf einen Schlag wieder brutal präsent. (Und ich merke, dass dies alles auch bei mir selbst noch nicht wirklich verarbeitet ist.)

Jasna ist viel kompetenter, darüber zu reden und zu schreiben. Deshalb hier ihr Artikel, den sie heute in Stern.online veröffentlicht hat:

In Sarajevo fällt die große Feier aus


© Koca Sulejmanovic/EPA/DPA
Fast alle Zeitungen in Serbien titeln mit der Verhaftung von Radovan Karadzic

Von Jasna Bastic

Zwei Tage nach der Verhaftung von Radovan Karadzic mischt sich bei seinen Opfern Euphorie, Bitterkeit und Enttäuschung: Die Menschen hatten jahrelang vergeblich auf das Ereignis gewartet. Viele sehen darin deshalb nur einen Schachzug der neuen pro-europäischen Regierung.

Die Nachricht wurde seit 13 Jahren erwartet. Doch als sie endlich eintrifft, sind die Menschen in Sarajevo geschockt: "Mich überwältigt Glück, aber auch Traurigkeit. So viele Mütter von Srebrenica sind nicht mehr am Leben und können diese Nachricht nicht mehr hören", sagt Munira Subasic, Leiterin der Gesellschaft "Mütter von Srebrenica".

Auch ihr Sohn und ihr Mann wurden in Srebrenica ermordet, einem Massaker an 7500 muslimischen Männern und Jungen, das zum grausamen Symbol der Kriege nach dem Auseinanderfallen Jugoslawiens geworden ist. In der Nacht auf den Montag fuhren ein paar Autocorsos hupend durchs Zentrum. Schon am Dienstagmorgen aber ist kein Zeichen der Euphorie mehr im Stadtbild zu sehen. Keine Fahnen, keine Feste, keine öffentlichen Kundgebungen. Ernüchterung.

Karadzic ist das Tagesgespräch
"Ich bin enttäuscht. Serbien wird gelobt für die Verhaftung vielleicht mit der Aufnahme in die EU belohnt werden", sagt Sabina Cudic, eine junge Forscherin an der Hochschule für Technologie, "aber die Verhaftung kam viel zu spät. Karadzic hatte ein großes Netzwerk von Helfern hinter sich, das immer noch funktioniert."

Trotz der Enttäuschung ist Karadzic das Tagesgespräch. Nicht öffentlich, aber zu Hause, unter Freunden. Begierig nehmen die Menschen jedes neue Detail über sein angebliches Leben im Untergrund aus den lokalen Medien auf: "hatte große Liebe in Belgrad" oder "Karadzic hielt öffentliche Ansprache in Serbien" lauten die Überschriften.

Das Gericht in Den Haag wird einen guten Job machen
Auch der Architekt Borislav Curic verbrachte am Dienstag viele Stunden vor dem Fernseher. "Karadzic und Milosevic haben uns während der Belagerung Sarajevos das Leben zur Hölle gemacht", schimpft er. "Das Gericht in Den Haag wird sicherlich einen guten Job machen. Unsere Probleme werden dadurch aber nicht gelöst. Wie kann Bosnien ein funktionierender Staat werden?"

Er besteht heute aus zwei Teilstaaten: Der "Föderation Bosnien und Herzegowina" und der "Republika Srpska", die 49 Prozent des Staatsterritoriums ausmacht. Es besteht aber nicht ein mal eine Landverbindung zwischen beiden Teilen. Vor dem Krieg lebten in der Republika Srpska 350.000 Bosniaken. Heute nur noch ein Zehntel davon, der Rest ist geflohen, wurde vertrieben oder ermordet. Vertreibungen gab es auch auf der Gegenseite, aber nicht im Ausmaß eines Srebrenica, das heute ebenfalls zur Republika Srpska gehört.

Trauriger Erfolg der ethnischen Säuberung
Das Friedensabkommen von Dayton legte 1995 die genauen Grenzen fest. In Sarajevo - de jure die Landeshauptstadt beider Teile - wird die Existenz der Republica Srpska deshalb als ein trauriger Erfolg der ethnischen Säuberungen betrachtet.

Neben Milosevic soll nun Karadzic als der wichtigste Urheber dieser Teilung zur Verantwortung gezogen werden. Er war während des Krieges Vorsitzender der Serbischen Demokratischen Partei in Bosnien und der zweite Präsident der Republika Srpska. Er strebte die Abspaltung der serbischen Siedlungsgebiete vom jungen Staat Bosnien-Herzegowina und die Vertreibung der dort lebenden Bosniaken und Kroaten an. Sein Ziel war die Vereinigung der "gesäuberten" Gebiete mit einem "Großserbien".

Projekt von Karadzic und Milosevic lebt noch
Nach der Vertragsunterzeichnung von Dayton verzichtete Karadzic auf alle politischen Ämter. Im Austausch gegen seine Immunität, behaupten Analysten. Im Jahr darauf tauchte er ab. Karadzics Nachfolger haben in den Folgejahren immer wieder mit einem Referendum und der Abspaltung der Republica Srpska vom Staat Bosnien-Herzegowina gedroht.

Kaum jemand glaubt deshalb in Sarajevo, dass die Verhaftung Karadics Zeichen eines politischen Umdenkens Richtung einer gemeinsamen Zukunft ist. Als Beleg dient meist der Verweis auf den immer noch in Freiheit lebenden Oberbefehlshaber der serbischen Truppen während des Krieges, Ratko Mladic.

"Das Projekt von Karadzic und Milosevic ist immer noch am Leben", behauptet Haris Silajdzic, der immerhin der bosniakische Vertreter im dreiköpfigen Staatspräsidium von Bosnien-Herzegowina ist. Und Sulejman Rihic, Vorsitzender der stärksten Partei der bosniakischen Muslime, sagt: "Die Republik Srpska existiert noch und wir hoffen, dass die internationale Gemeinschaft auch diese Ungerechtigkeit berichtigen wird."


Liebe Jasna, vielen Dank für alles!

1 Kommentar:

Stuecki hat gesagt…

Ich gehöre auch zu denen, die auf einen Artikel von Dir gewartet haben, weil ich niemanden kenne, der kompetenter darüber Auskunft geben könnte. Vielen Dank.