Mittwoch, 12. Mai 2010

Armutsporno

Bild: BBC. Lindsay Lohan in Indien

Die BBC (Three) macht das, was auch das Schweizer Fernsehen tut. Nur viel konsequenter. Sie schickt Stars hinaus, um uns die Probleme dieser Welt "näher zu bringen".
In England sind es aber nicht die adretten (Jung-)Moderatorinnen (Bild links SF: Susanne Wille und Patrizia Laeri in Mumbai) , deren naives Entdecken der harschen Wirklichkeit wir "miterleben" dürfen, sondern es sind die WAGs, "Women and Girlfriends", die Frauen und Freundinnen der Fussballstars. "The girls are out to prove that there's more to them than fake tan and shopping sprees." "Die Mädchen gehen raus, um zu beweisen, dass es mehr gibt als Bräunungscrème und Shoppingspass", schreibt die BBC. Und weiter:
"Fünf WAGs lassen ihr verhätscheltes Leben hinter sich, um die Wirklichkeit zu erleben hinter dem Lack und Glamour der Fussballweltmeisterschaft. Sie werden ihre Ärmel hochrollen, um mit Kindern zu arbeiten, die um täglich ums Ueberleben kämpfen."

Te-Ping Chen schreibt dazu einen treffenden, ätzenden Kommentar in "Global Poverty": "Da gibt doch dem Ausdruck Armut-Porno einen ganz neuen Sinn, nicht?" 

Als erste Spielerfrau hat jetzt Chantelle Tagoe, die "Verlobte" von Aston Villa-Stürmer Emile Heskey, ihre Erfahrungen beim Armutsporno ("Part 1") im schön in rosarot gestylten BBC-Blog veröffentlicht. Zur Illustration hat die BBC nebenstehendes Bild von Chantelle verwendet.

Dabei erfahren wird, dass Emile sich Sorgen machte, sie würde es "wie Madonna oder Brangelina machen": "He was worried I might come back with loads of kids, ha ha ha!"

Die BBC hatte Mitte Januar schon die dringend auf eine Image-Politur angewiesen Schauspielerin Lindsay Lohan als "Reporterin" nach Indien geschickt.
Aber eben, wir sollten nicht allzu sehr über die WAGs und BBC lästern, andere tun dasselbe:
Susanne Wille, Nik Hartmann, Daniela Lager, aber auch Miss Schweiz Linda Fäh .... oder Roger Federer.

Tatsächlich kann man auch fragen, was daran schlecht sein soll. Wenn dies die einzige Chance ist, dass Themen wie Armut, Aids, etc. überhaupt noch in unseren Medien erscheinen, müssen wir das in Kauf nehmen.

Global Poverty-Autorin Te-Ping Chen versucht Erklärungen zum Sendekonzept zu liefern:
One: audiences can only bear to look at or think about HIV-positive children when they're juxtaposed against sleek-haired Western sex icons. 
Two: Who needs reporters anymore? Reality TV is a higher order of news. 
Three: It's entirely reasonable (and admirable) to fight global poverty by jetting in untrained Westerners for short-term volunteer stints. 
And four: After you're done thinking about poverty, tune back out and enjoy watching these women in their properly coiffed, comfortable environs. Meanwhile, we'll let our cameras linger on their cleavage.

1 Kommentar:

philipp.buehler hat gesagt…

scheint der neue trend zu sein. Die Wurzeln liegen sicher etwas tiefer. Es ist ja auch bei jeder Naturkatastrophe so, dass unter all den Tausenden von Opfern immer jene beiden Schweizer Touristen am wichtigsten sind, die ebenfalls davon betroffen wurden. Und die Schweizer Touris welche heil zurück kommen dürfen dann im Blick erzählen, wie schockierend und traumatisierend das ganze für sie war.
Dass aber die meisten Betroffenen keine Schweizer Botschaft haben auf die sie rennen können, nur am Rande.

In dieselbe perverse Richtung geht meiner Meinung nach auch der "Volunteering-Tourismus". Da zahlt man einem Reisebüro Geld damit man in Afrika Brunnen bauen kann. So hat man zuhause was zu erzählen, man hat Armut mit eigenen Augen gesehen, man kauft man sich damit ein besseres Gewissen - und nimmt nebenbei der einheimischen Bevölkerung die Arbeit weg...