Sonntag, 17. Oktober 2010

Geschichtsklitterei: Basels Mittlere Brücke als Teil des Schweizer Gotthard-Mythos.

Bild: altbasel.ch
Vorrede:
Seit Markus Somm Chefredaktor der Basler Zeitung ist, hat das Blatt einen neuen Reiz für mich: "Hat der Somm einen neuen Kommentar geschrieben?"
Ganz offensichtlich gelingt ihm das, wozu er angestellt ist: Der BaZ dazu zu verhelfen, dass sie wieder wahrgenommen wird.
Für mich persönlich stelle ich fest, dass Markus Somm etwas schafft, was heute nur wenigen Journalisten in der Schweiz gelingt: mich interessiert, was er schreibt. Ich teile zwar nur selten seine Meinung, aber er schärft meine Gedanken. Er provoziert meinen Widerspruch. Ich werde die BaZ weiter kaufen.

Geschichtsklitterei mit falschen historischen Fakten
Am Samstag hat der neue BaZ-Chefredaktor mit seinem Kommentar zum NEAT-Tunnel-Durchstich zum ersten Mal richtig daneben gegriffen. Nicht weil er aus meiner Sicht politisch falsch  argumentiert, sondern weil seine Polemik schlicht auf falschen Fakten basiert.

Der Bau der Mittleren Brücke in Basel zu Beginn des 13. Jahrhunderts war weder "ein Geniestreich" noch entstand mit ihr vor 700 Jahren in Verbindung mit dem Gotthardpass eine "einzigartige Verbindung", ein "Superhighway Europas", wie Markus Somm schreibt. Das ist Geschichtsklitterei.

Der neue Chefredaktor der Basler Zeitung ist offenbar immer noch gefangen im Mythos Schweiz, den die Staatsgründer vor gut 150 Jahren zusammengeschustert haben im Bemühen, diesem neuen nationalstaatlichen Gebilde Schweiz eine einheitliche Identität zu verpassen, welche es zuvor, im Bündnis heterogener Stände und Mentalitäten, nie gegeben hatte.

Mythos Gotthard

Die Bedeutung der Basler Rheinbrücke ist ein Konstrukt der dazugehörigen Geschichtsklitterei des 19. Jahrhunderts, die versuchte, dem Gotthard - dem "Herz der Schweiz" - eine Verkehrs- und staatspolitische Bedeutung zu geben, den er erst kurz nach der Staatsgründung tatsächlich erhielt: Mit der Eröffnung des Eisenbahntunnels 1882. Vorher war der Gotthard ein Pass unter vielen, zwar zentral gelegen, aber nur zwischen Juni und September/Oktober wirklich nutzbar. Im Vergleich zum Brenner weiter im Osten oder dem Mont Cenis im Westen hatte der Gotthard vergleichsweise geringe Bedeutung. Auch die Bündner Pässe oder der Grosse Sankt Bernhard spielten lange Zeit eine zumindest ebenso wichtige Rolle wie der Gotthard.

Wenn der Chefredaktor der BaZ heute noch zu schreiben wagt, was die moderne Geschichtswissenschaft schon längst als Legende entlarvt hat - "Der (Gotthard-) Pass stieg bald zur wichtigsten Alpentransversalen auf." - dann stellt er sich in eine Reihe mit den patriotisch-nationalistischen Propagandisten, die den Gotthard spätestens mit dem Zweiten Weltkrieg zur Metapher für die geistige und militärische Landesverteidigung machten. Zum Beispiel Bundespräsident Philipp Etter.  Er schrieb 1938 in einer Botschaft an den Bundesrat: «Es ist doch etwas Grossartiges, Monumentales, dass um den Gotthard, den Berg der Scheidung und den Pass der Verbindung, eine gewaltige grosse Idee ihre Menschwerdung, ihre Staatswerdung feiern durfte.» Und in einer Rede zur Eröffnung des Kollegienhauses des Univeristät Basel doppelte er 1939 nach: «Gotthard heisst für uns: Freiheit, Unabhängigkeit, bündische, eidgenössische Gemeinschaft, Freiheit des Menschen und Freiheit des Landes! Möge Ihre Universität in ihren neuen, lichten Räumen, Trägerin und Künderin dieses alten schweizerischen Geistes sein!»

Die Legende der "einzigen Brücke über den Rhein"
Mit dem Bestreben, dem Gotthard eine übersteigerte Bedeutung zu geben, richtete sich der Fokus auch auf die Rheinbrücke in Basel. Sie wurde zu einer Art Voraussetzung für die Gotthardroute hochstilisiert. Etwas Einmaliges, Grossartiges, "ein Geniestreich" wie die BaZ  am 16. Oktober 2010 schreibt. Und weiter (immer Zitat Basler Zeitung 2010): "Die Brücke war damals und blieb für lange Jahrhunderte danach der einzige feste Übergang über den Rhein zwischen dessen Mündung ins Meer und dem Bodensee."

Diese Legende ist so unausrottbar wie falsch. Die Mittlere Brücke in Basel war weder die erste noch die einzige Brücke über den Rhein, nicht einmal die erste in der engeren Region.
Seit Ende des 12. Jahrhunderts gab es eine Brücke nur 20 Kilometer weiter flussaufwärts in Rheinfelden. Gebaut von den Zähringern. Die hatten die Brücke wohl in Konkurrenz zu den Habsburgern gebaut, welche eine Brücke in Laufenburg betrieben, noch einmal nur wenige Kilometer weiter aufwärts. 1207 ist diese Brücke erstmals urkundlich erwähnt in einem Rechtsstreit zwischen der Äbtissin von Säckingen und dem (habsburgischen) Schirmvogt von Laufenburg. In Säckingen selbst gab es im 13. Jahrhundert auch schon eine Brücke.

Tatsächlich war der Bau der Brücke (wohl 1225) in Basel also eher eine Folge des Brückenbaus in der unmittelbaren Nachbarschaft weiter flussaufwärts als ein "Geniestreich". Der Bauherr, Heinrich von Thun, Bischof des Bistums Basel,  war kein "Visionär" des internationalen Handels, sondern ein regionaler Fürst, der sich dagegen wehren musste, dass seine benachbarten Konkurrenten ihm die Butter vom Brot nahmen. Denn die Brücken erschlossen den Schwarzwald für die Güter, die dort produziert wurden. Und nach diesem Markt streckten Anfang des 13. Jahrhunderts die im heute aargauischen Baden und im südlichen Elsass beheimateten Habsburger ihre Hand aus. Mit dem Hinscheiden des letzten Zähringers in Freiburg 1218 war ein Vakuum und damit eine günstig Gelegenheit entstanden, sich neue Einfluss- und Einkommensgebiete im Schwarzwald zu erschliessen. Die Brücken in Rheinfelden und Laufenburg waren ein grosser Wettbewerbsvorteil für die Habsburger, den Bischof Heinrich mit dem Bau der Brücke in Basel zu kontern versuchte. Zu den Geldgebern für die Brücke zählten denn  auch nicht nur die wohlhabenden Bürger der Stadt Basel, die sich natürlich einen hübschen Profit von den neuen Märkten jenseits des Flusses erhofften, sondern insbesondere der Abt von St. Blasien am Schluchsee im Schwarzwald (oberhalb von Waldshut) und der Prior von Bürgeln im heutigen Markgräflerland etwas weiter  Rhein abwärts.

Der Rhein als Zentrum nicht als Grenze
Wer das Entstehen einer internationalen Handelsroute zwischen den mittelalterliche Wirtschaftszentren am Nieder- und Mittelrhein (heute Holland und Deutschland) via Basel weiter in den Süden vom Bau einer Brücke am Oberrhein abhängig macht, verrät schlechte geographische Kenntnisse. Auf jeden Fall manifestiert er auch eine trans-jurane, respektive innerschweizerische Sicht, die mir für einen Historiker aus dem (habsburgischen) Aargau doch erstaunlich scheint. Es ist die Sicht der Reduit-Schweiz, die den Rhein als horizontale Grenze zum Ausland im Norden, zu Deutschland kennt, sozusagen die erste "natürliche" Befestigungslinie des Bollwerks Schweiz mit seinem Kern, dem Gotthard. Jenseits des Rheins liegt das Fremde, das Bedrohliche.

Da haben wir in Basel schon rein physisch einen anderen Horizont. Nicht nur liegt das Kleinbasel mit Riehen und Bettingen jenseits dieser Grenze, sondern auch unser natürliches Hinterland, der  Schwarzwald, dessen zentraler Markt jahrhundertlang Basel war (Genau wie auch für den Sundgau im Elsass). Vor allem aber sehen wir täglich, dass dieser Rhein in Basel einen scharfen Bogen Richtung Norden macht. Er bildet nicht nur keine Grenze, sondern öffnet uns im Gegenteil den Raum Richtung Norden zum Meer. Um in die nächstgelegene, wichtige (deutsche) Stadt Strassburg zu gelangen, mussten unsere Vorväter den Rhein nie überqueren. Strassburg liegt genauso linksrheinisch wie Basel (das "Grossbasel"). Und alle wichtigen Städte weiter Fluss-abwärts bis zum Meer waren ohne Rheinquerung zu erreichen: Mainz, Köln, Speyer auch Aachen, Brügge und Antwerpen. Der Rhein ist für uns keine Grenze, sondern ein Zentrum. Nicht zuletzt auch ein Verkehrsweg an dem unsere während Jahrhunderten wichtigsten Handelspartner lebten.

Lieber einen Umweg um die Innerschweiz
Ich stelle mir einen Handelsreisenden oder einen Adligen vor, der im Mittelalter oder in der frühen Neuzeit z.B. aus den Handelszentren Köln oder Brügge nach Italien reisen möchte. Tatsächlich führt der direkteste Weg über den Gotthard, aber der ist nicht wirklich verlockend. Nicht nur ist er von Oktober bis Ende Mai kaum begehbar, er wird auch beherrscht von unkontrollierten Hinterwäldlern und bietet keine anständige Infrastruktur  und Sicherheit in grösseren Städten. Wenn irgendwie möglich, wird der Reisende sich schon früh für die Route weiter östlich via Würzburg und Augsburg über den Brenner nach Italien entscheiden  - speziell wenn er nach Venedig will - oder er wird die Westroute wählen  via Dijon und Lyon über den Mont Cenis ins Piemont und nach Mailand und Rom. Wer es vorzog den Rhein bis Basel hochzureisen, konnte der unwirtlichen Innerschweiz und dem Gotthard immer noch via die gastliche Stadt Zürich über die Bündnerpässe in die Lombardei ausweichen, oder via Bern und Genf über den Mont Cenis, oder direkter von Bern via den Grosse St. Bernhard ins Piemont gelangen.

Basel als Beispiel der Offenheit, nicht der Isolation

Der Reichtum Basels hat sehr wenig mit dem internationalen Handel zu tun, sondern mit der regionalen Zentrumsfunktion in einer natürliche Region Oberrhein/Jura. Basel verdankt seine Freiheit und jahrhundertelange Verschonung von Krieg und Zerstörung auch nicht den wehrhaften alten Eidgenossen am Fuss des Gotthards, sondern der geschickten Politik seiner Stadtoberen.

Also: Bitte hört auf, Basel für irgendwelche schweiz-tümlerische Geschichtsklittereien zu missbrauchen. Basel könnte viel eher dazu dienen aufzuzeigen, wie geographische natürlich zusammengehörende Regionen zu einer Zeit gelebt haben, als sie nicht in das einschnürende Korsett von künstlichen Nationen und Identitäten eingezwängt waren. Basel ist ein Beispiel dafür, wie man sich weiterbringt, indem man sich nirgends wirklich bindet und festlegt, ständig wechselnde Allianzen schliesst. Und, nein, Isolation, wie sie der Chefredaktor neben der Offenheit empfiehlt, war nie die Politik Basels. Im Gegenteil: eine der grossen Stärken Basels war während Jahrhunderten die Aufnahme anderswo Verfolgter. Diese haben immer neue Entwicklungen mitgebracht, die Basel zu dem gemacht haben, was es jahrhundertlang war und heute immer noch sein möchte: Ein bedeutendes regionales Zentrum in der Mitte Europas, von dem aus durchaus auch "weltweite" Geschäfte getätigt werden.

Kommentare:

Mark Lang hat gesagt…

Danke für diesen intelligenten Artikel. Höchstens noch die Religion wird so oft wie die Geschichte missbraucht, um Politik (Macht) zu machen. Wer nur ein bisschen über ein tiefgehendes Geschichtsverständnis verfügt, wird wissen, dass alles relativ ist und Nationalitäten, Grenzen und Zentren kommen und (ver-)gehen wie das Kraut im Garten...

Anonym hat gesagt…

Ich bin immer wieder dankbar für Meinungsäusserungen, welche den Stellenwert Basels innerhalb des Dreyecklandes in einen Kontext stellen, der der Bedeutung dieser Stadt gerecht wird: Basel ist ein durchaus bedeutendes, aber sehr regional zu verstehendes Zentrum. Daran ändern auch gelegentlich hier residierende Geistesgrössen, vor allem in vergangenen Jahrhunderten im Umfeld von Uni und Buchdruck, nichts Grundsätzliches. Auch wird damit die weltweit bedeutende Stellung der beiden Chemiegrosskonzerne nicht geschmälert. Aber wie sagt doch der Planungschef des Campus der Novartis heute in der BaZ: " Ich möchte aber betonen, dass wir durch diese Investitionen ( in den Campus) nicht an den Standort Basel gefesselt sind." Mark Lang meint im vorausgehenden Kommentar: "Grenzen und Zentren kommen und vergehen wie das Kraut im Garten." Dasselbe gilt vielleicht auch für heutige Weltkonzerne, auch Basels Stellung ist nicht in Stein gemeisselt... Stephan Luethi-Brüderlin