Montag, 24. Mai 2010

"Journalismus" Schweiz 2010

Bild: Crédit Suisse

Über SI Online stosse ich auf ein "Interview in drei Folgen" mit Roger Federer. Mit vielen auch privaten Aussagen des wichtigsten Schweizer Sportlers aller Zeiten. Ich weiss jetzt zum Beispiel, dass bei Federers "überall etwas Spielzeug" herumliegt. Autor, respektive Interviewer, ist der "Head Publications" der Crédit Suisse, Daniel Huber. Erschienen ist das Interview im eMagazine der CS. Es ist ein Produkt der PR-Abteilung der Schweizer Grossbank, die seit November 2009 "Partner" von Roger Federer ist.

Mein erster Reflex ist negativ: "So weit ist es also gekommen mit unserem Journalismus."
Doch mein zweiter Gedanke ist nüchterer: "Eigentlich ist das nur ehrlich und konsequent."

"Unabhängige" Federer-Interviews gibt es spätesten seit der Übernahme der Vermarktung des "Produkts Federer" durch die IMG nicht mehr.
Die Sportreporter der "unabhängigen" Medien kennen die Spielregeln. Sie würden es nie wagen, etwas über Roger Federer zu veröffentlichen, das ihm und seinen PR-Strategen missfällt. Sie würden riskieren, bald nicht mehr zum erlauchten Kreis derer zu gehören, die über den Superstar aus der Schweiz berichten dürfen. Ihre Chance, jemals ein exklusives Interveiw mit Roger Federer zu erhalten, das heute schon höchst theoretisch ist, würde auf Null sinken. Ihre Aussicht, von ihrem Chefredaktor weiterhin  mit der Federer-Berichterstattung betraut zu werden, wäre dahin und damit neben dem Redaktions-internen Renommee auch das Privileg der zahlreichen, attraktiven Auslandreisen.

Und wenn ich das CS-Interview mit den Federer-Stories vergleiche, die in den letzten Monaten in den "unabhängigen" Medien erschienen sind, dann muss ich anerkennen: das Interview des Sponsors ist reichhaltiger. Es bietet mehr als die üblichen Interviews. Es befriedigt das Bedürfnis der Leser mit etwas Privatem, mit viel Smaltalk und einfach simpler Bewunderung.

Für uns Journis ist das natürlich ein Frust. Und für die Medienhäuser müsste es ein Alarmzeichen sein. Für ein reines Bewunderungsinterview - und viel mehr wollen die Federer-Fans auch nicht lesen - braucht es keinen "unabhängigen" Jounalismus. Das kann der PR-Chef eines Sponsors mindestens so gut, wenn nicht besser. Er hat den Zugang zu Federer und kann sich die USP "Exklusiv" sichern wann immer er will.

Dem Leser ist's egal, woher die "Informationen" stammen. Zur Not kann er sie auch einordnen. Er weiss, dass das Interview von Federers Sponsor kommt und deshalb wohl unkritisch ist. Es ist ihm egal, er kann das zumindest einordnen.
Sogar wenn der Leser SEHR kritisch ist, wird er das Interveiw des Sponsors als eher positiv empfinden, denn hier wird wenigstens mit offenen Karten gespielt. Es wird ihm nicht der pseudo-Anspruch der "Unabhängigkeit" vorgegaukelt.

Kommentare:

Johannes hat gesagt…

«Dem Leser ist's egal, woher die "Informationen" spannen.» Da scheint sich ein klassischer freud'scher Vertipper eingeschlichen zu haben. Oder du hast eine wortschöpferische Abkürzung für die eigentliche Motivation der Lesenden solcher Artikel erfunden. Dann sag ich - Hut ab. Schöner gehts nicht.

M.M. hat gesagt…

Für was bitte braucht es beim Sport überhaupt "unabhängigen Journalismus"? Das heisst, ist ein Sportjournalist überhaupt ein Journalist?

Anonym hat gesagt…

Ich finde auch, dass Sport und Journalismus nicht viel miteinander zu tun haben. Schließlich hat auch Politik mit Doping nicht viel zu tun...

bugsierer hat gesagt…

ich finde auch: sportjournalismus hat mit journalismus nichts zu tun.

der hier beschriebene fall findet im showbiz ähnlich statt. dort ist es zwar selten ein sponsor, der die besten storys selber publiziert, aber es wird sehr genau darauf geachtet, wer zu den stars zum vieraugengespräch vorgelassen wird. oft finden solche interviews im beisein eines pr-dings statt, der das interview in die richtigen bahnen lenkt.

insofern: es gibt grössere katastrophen im status quo des journalismus.