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Sonntag, 26. Dezember 2010

Basler Zeitung: Markt und/oder Mission

Eine komische "Weihnachtsgeschichte", die uns der neue Chefredaktor der BaZ da an "Heiligabend" (leider online nicht verfügbar) zugemutet hat: Die Geschichte eines jungen Schweizer Geheimdiensthauptmanns Alfred Ernst, der sich mit ein paar Kollegen vor 70 Jahren in einem "geheimen Bund" verschworen hat. "Um jeden Preis wollten sie das Land verteidigen."
Glaubt Chefredaktor Markus Somm wirklich, das wir Baslerinnen und Basler diese alte Geschichte als Weihnachtsbotschaft lesen wollen? Glaubt er wirklich, damit vielen LeserInnen zu gefallen? Glaubt er, so seinen Auftrag zu erfüllen, dafür zu sorgen, dass möglichst viele von uns auch nächstes Jahr weiter bereit sind, für diese Basler Zeitung zu bezahlen?

Ich hoffe sehr, Markus Somm glaubt es. Denn sonst stimmt das, was ihm von Vielen unterstellt wird: dass sein Auftrag gar nicht darin besteht, den existenzgefährdenden Leserschwund "unserer" Zeitung zu stoppen. Er sei vielmehr ein von rechtspopulistischen Kreisen entsandter Missionar, der möglichst viele Baslerinnen und Basler zur Sekte der Réduit-Gläubigen bekehren soll, diese innerschweizerische Glaubensgemeinschaft mit ihrer pseudo-religiösen Ideologie des Auserwählt-Seins im "Sonderfall Schweiz", erwachsen aus dem heroischen Abwehrkampf unserer Ahnen gegen alles Fremde.

Natürlich wäre der Chefredaktor der Basler Zeitung dann nicht einfach nur ein schwärmerischer Botschafter dieser rückwärts gewandten  Gläubigkeit. Wie alle Missionare wäre er vielmehr Teil einer in die Zukunft gerichteten Strategie: diesen Sonderfall zu erhalten, respektive die Kreise weiter zu stärken, die sich den Erhalt des Sonderfalls auf die Fahnen geschrieben haben. Die Basler Zeitung hätte damit die Funktion, möglichst viele Baslerinnen und Basler dazu zu bringen, endlich nicht mehr so unschweizerisch anders zu stimmen und so "links" zu wählen. Langfristig sollte sie dazu beitragen, das zu verhindern, was in diesen Kreisen als GAU (Grösster-Anzunehmender-Unfall) betrachtet wird, der Beitritt der Schweiz zur EU - gleichbedeutend mit der Akzeptanz "fremder Richter", "Verlust der Freiheit" und damit dem "Untergang der (ihrer) Schweiz".

Markus Somm ist eindeutig ein Missionar des fundamentalistischen Réduit-Glaubens. Sein Erweckungserlebnis, das ihn zum wiedergeborenen Réduit-Nationalisten werden liess, hatte er wohl irgendwann während den Recherchen zu seiner General-Guisan-Biographie. Er hat einen Hang zu  Übervätern und Heldenfiguren wie Christoph Blocher, Henry  Guisan oder Alfred Ernst: "Diese vielversprechenden, ehrgeizigen Männer waren bereit, sich grössten Risiken auszusetzen."
Das heisst aber noch lange nicht, dass er deshalb auch ein gedungener Gesandter der rechtspopulistischen Kreise zur Indoktrinierung der Baslerinnen und Basler ist. Ich glaube auch nicht, dass Christoph Blocher "ein Parteiblatt" der SVP in Basel eingerichtet hat.
Ich glaube vielmehr, Markus Somm geht es gleich wie den meisten von uns (Journalisten): Wir verwechseln unsere persönlichen Interessen, mit denen der Allgemeinheit. Wir wollen zuerst in unserem persönlichen Umfeld Applaus erhalten und wir sind nicht zuletzt darauf angewiesen, unsere Chefs, unseren Auftrag- und/oder Geldgeber zufrieden zu stellen.

Ich fürchte/hoffe allerdings, dass die Geldgeber der BaZ bald erkennen werden, dass mit Artikeln wie "Eine Weihnachtsgeschichte" oder Kolumnen wie "Frenkels Klowand"  in Basel nicht nur kein Staat zu machen ist, sondern mittelfristig auch kein Geld verdient werden kann. Und ich kann und will nicht glauben, dass es sich die Geldgeber der BaZ langfristig leisten wollen, eine unrentable Zeitung zu finanzieren.

Die Basler Zeitung und ihr Chefredaktor werden sich also rasch wieder am lokalen Markt orientieren müssen. Dass es dabei einige gut geschriebene, rechtslastige Farbtupfer vertragen kann, halte ich für wahrscheinlich. Sie haben bisher zumindest einen gewissen Unterhaltungswert gehabt.

Markus Somm muss sich jetzt aber rasch in die Basler Befindlichkeit - um nicht zu sagen Empfindlichkeit -  einlesen und einfühlen. Dann wird er begreifen, dass er zum Beispiel sein persönliches Lieblingsthema "Réduit" und die damit verbundene innerschweiz-tümlerische Bunkermentalität  in Basel öffentlich einfach lassen sollte.
Er muss verstehen lernen, dass es für uns randständige Schweizer schon unbegreiflich ist, dass eine solch perverse Strategie wie das Réduit überhaupt erdacht werden konnte; und dass man uns dieses Réduit heute gar als sinnstiftende  Grundlage unserer Gemeinwesens verkaufen will, ist für uns schlicht unglaublich: Unsere Grossväter wären gezwungen worden, ihre Frauen und Kinder hier in der Region Basel im Stich zu lassen, sie den feindliche Soldaten und ihren Gräueln zu überlassen, während sie selbst am fernen Gotthard in einem Bunker die unwirtliche und fast bevölkerungsleere "Urschweiz" hätten verteidigen und damit die Führungselite der "Willensnation Schweiz" retten sollen.

Unsere Vorbilder hier in Basel sind nicht stramme Armeeoffiziere des "bewaffenten Widerstands" oder gar die wilden, hinterwäldlerischen Bergler rund um den Gotthard, sondern unsere weltgewandten, braven Stadtväter, unsere international ausgerichtete "Handelsherren" und Firmengründer, die häufig aus dem heute deutschen und französischen Umland zugewandert waren. (Viel Spannendes nachzulesen gibt es hier). Die umsichtige, opportunistische Politik der Basler "Classe Politique" hat nicht nur dazu geführt, dass Basel jahrhundertelang die grösste, wirtschaftlich erfolgreichste Stadt zwischen dem Mittelrhein (Raum Köln) und den Alpen war, sie hat auch dafür gesorgt, das unsere Frauen und Kinder seit dem Mittelalter auf Stadtboden nie mehr unmittelbarer kriegerischer Gewalt ausgesetzt waren - während das benachbarte Umland mehrfach beinahe im Blut ertrank.  Der Schlüssel dazu war eine multilaterale Bündnispolitik, in der sich Basel bis Ende des 18. Jahrhunderts nie auf nur einen Partner verliess, sondern sich gleichzeitig auch mit untereinander konkurrierenden Parteien ins Einvernehmen setzte. Die alte Eidgenossenschaft war seit 1501 ein solcher Partner, bei weitem nicht der einzige. Ganz wesentlich zum Wohlstand und zur Bedeutung Basels beigetragen hat die Bereitschaft der Stadt, immer wieder Flüchtlinge, auch Wirtschaftsflüchtlinge, aufzunehmen. Ohne sie gäbe es heute in Basel z.B. keine Pharmaindustrie.

Basel hat schon aufgrund seiner Geschichte keinen Sinn für eine rückwärts- und nach innen gewandet Politik der Abschottung zur Bewahrung des "Sonderfalls Schweiz". Wenn überhaupt, beanspruchen wir den Sonderfall-Status für uns selbst: "Basel tickt anders". Das müssen die verantwortlichen Macher der Basler Zeitung verstehen, wenn sie mittel- und langfristig Erfolg haben wollen.

Vielleicht hilft ein kurzer Ausflug auf die Mittlere Brücke. Am Brückenkopf auf der Kleinbasler Seite - notabene jenseits des schweizerischen "Grenzflusses" Rhein - sitzt Helvetia,  eine Skulptur von Bettina Eichin. Sie hat ihre Waffe und ihren Schutzschild niedergelegt. Der inneren Schweiz, der Schweiz des Réduits dreht sie den Rücken zu. Sie ist reisebereit wie ihr Koffer signalisiert. Ihr Blick geht nicht nach innen. Er ist in die Ferne gerichtet, den Fluss hinunter, hinaus in die Welt.

Freitag, 20. Februar 2009

Bosnien: Die traurigste Liga der Welt

Foto: New York Times

Den Titel dieses Beitrags habe ich von einem Artikel auf Spiegel Online entlehnt. Er berichtet über die katastrophalen Zustände im Bosnischen Fussball. Aber er könnte problemlos auch als Titel für den Zustand des ganzen Landes gelten.

Der Fussball als Spiegel der Gesellschaft
"Lauter Heimsiege, Absprachen, bedrohte oder bestochene Schiedsrichter: Korruption und Misswirtschaft haben den bosnischen Fußball zerstört." Die Infos des Spiegelartikels basieren wesentlich auf einem Report des OCCPR, dem "Reportage-Projekt organisierte Kriminalität und Korruption", welches unter anderem von der UNO finanziert wird.
"Die Atmosphäre in unserer Fussballwelt ", sagt Mensur Dogan, Präsident der Vereinigung der Fussballtrainer in Sarajevo im OCCPR-Report, "ist wie im Wilden Westen. Das passt diesen Leuten, weil sie in einer Situation der Anarchie arbeiten können. Solche Leute mögen kein funktionierendes System."

Man sagt auch bei uns, der Sport, speziell der Fussball, sei nur ein Abbild der Gesellschaft. Wenn das auch für Bosniens Fussball gilt, dann steht es um Bosnien wirklich nicht gut.

Milliarden Hilfsgelder gestohlen
Vor 13 Jahren wurde der Krieg in Bosnien mit dem Abkommen von Dayton und der De-Facto- 3-Teilung des kleinen Landes beendet. Seither sind mehr Hilfsgelder nach Bosnien geflossen als nach dem 2. Weltkrieg im Rahmen des Marschallplans an 18 europäische Länder zusammen. Das berichtet Anes Alic auf ISN, dem International Relations and Security Network der ETH Zürich unter dem Titel "The donation sieve", das Hilfsgelder-Sieb.
Man weiss in Bosnien nicht einmal genau, wieviel Geld wirklich in den letzten Jahren zum Wiederaufbau des Landes nach Bosnien geflossen ist. Die Rede ist von 7 bis 10 Milliarden Euro. Man weiss nur: Ein Grossteil ist in tiefen Taschen von "rund 50 Geschäftsleuten, Politikern, kirchlichen Würdenträgern, Journalisten und ähnlichen".

Die Diebe verhindern die Aufklärung
Das Bosnische Parlament startete im Januar bereits die dritte Untersuchungskommission seit 1996. Der Versuch soll herauszufinden, wie die Milliarden Hilfsgelder verwendet wurden, respektive wer, wieviel davon entwendet hat. Und nicht nur in Bosnien geht man davon aus, dass diese dritte Untersuchung genau soviel an den Tag bringen wird, wie ihre zwei Vorgänger: Nichts. Auch wenn ihr Kommissionspräsident ein alter Kriegshaudegen, Ex-General Sefer Halilovic (Bild rechts von Kikeri), der vom Internationalen Kriegsverbrechertribunal zweimal von entsprechenden Klagen freigesprochen worden ist.

Alle wissen in Bosnien, in wessen Taschen das Geld geflossen ist. Es sind die Leute, die seit 1995 immer noch an der Macht sind. Ihre Vasallen stellen auch wieder den Grossteil der Mitglieder der Parlaments-Kommission Halilovic, und so wäre eine Publikation möglicher Resultate eine Überraschung, ein Anklage und Verurteilung der Schuldigen aber eine Sensation. Um so nötiger ist sie, denn was Bosnien braucht, ist ein radikaler Wechsel.

Bosnien, ein "totes Pferd"?
Die Situation im dreigeteilten Land hat sich in den letzte Jahren nicht verbessert, im Gegenteil.
Er habe keine Lust mehr, ein totes Pferd zu reiten, sagte der oberste EU- Verwalter, der Hohe Repräsentant für Bosnien, der Slowake Miroslav Lajcak (Bild links), als er im Januar resigniert sein Amt niederlegte.
In einem Interview mit der Tageszeitung Oslobodjenie hat er zwar betont, er habe damit nicht Bosnien, sondern die EU-Verwaltung gemeint, doch die Bosnier haben schon verstanden. Viele Bosnier haben längst resigniert. Wer konnte, hat das Land verlassen.

Einer der Vorgänger als EU-Verwalter Bosniens war der Österreicher Wolfgang Petritsch. Er empfiehlt in einem dringlichen Apell, bevor ein neuer EU-Verwalter ein Amt antritt, müssen neue Bedingungen mit der bosnischen Politik ausgehandelt werden. Die bisherigen "Zustände" seien eine "nicht mehr leistbare Geldverschwendung."
In erste Linie wird es darum gehen, die ethnische Spaltung, deren von der Verfassung zementierten Struktur, zu überwinden, was aber definitiv nur gelingen kann, wenn die alten, nationalistischen Köpfe und Parteien entfernt werden; nicht nur der im Westen und auch von Lajcak vielgescholtene Chef der Republika Srbska, Milorad Dodik (Bild rechts), sondern auch die nationalistisch Ewig-Gestrigen im "muslimischen" Bosnien und im "christlich"-kroatischen Westen des Landes. Nicht zuletzt gilt es auch, den zunehmenden Einfluss der muslimischen Kleriker wie dem Obermufti von Sarajevo, Mustafa Ceric, zurückzubinden.

Die aktuelle Wirtschaftskrise, findet Petritsch, sei eine Chance für einen Neuanfang in Bosnien.

Vielleicht wäre es ein guter Anfang, wenn die EU-Verwaltung Kommissionspräsident Halilovic so unterstützen könnte, dass er tatsächlich Licht in den Korruptionssumpf bringen könnte und so die alten Nationalisten- Seilschaften endlich von der Macht verdrängt werden könnten.