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Freitag, 28. August 2009

Das Gehirn: Organ der Freiheit ... Eine Verpflichtung.

Bild: WDR

Wir Menschen sind gar nicht fähig, selbständig zu entscheiden, frei zu denken. Gefühle, Denkprozesse und daraus folgende Entscheidungen sind simple Folge von mechanisch-chemischen Vorgängen im Gehirn. Unser "freier Wille" ist demnach eine Illusion, die uns unser Gehirn nur vorgaukelt. In Wahrheit sind wir eine Art Roboter, die von der Natur so programmiert worden sind, dass wir es gar nicht bemerken. Unser "Geist" sei nichts anders als "Materie".
Diese sogenannt reduktionistisch-naturalistischen Positionen des Determinismus standen in den letzten Jahren im Zentrum der wissenschaftlichen "Erkenntnis" nicht nur der Hirnforschung.

Diese wissenschaftliche "Tatsache" war doch ziemlich deprimierend und es fiel uns schwer zu akzeptieren, dass wir in Wahrheit nicht wirklich kultiviert-rationale und eben freie Entscheide fällen können, sondern dass wir sozusagen nur "Opfer" von mechanisch-chemischen Prozessen in unserem Gehirn seien. Gleichzeitig hat uns das aber auch irgendwie von der Verantwortung für unser Denken und Handeln befreit. Der sogenannte "neurowissenschaftliche Determinismus" führt automatisch auch zum Fatalismus. Wir können die Hände in den Schoss legen, wir haben so keinen Einfluss auf das, was mit uns geschieht. Wir sind nicht wirklich verantwortlich für unsere Handlungen. Ein Straftäter wäre damit immer "unschuldig".

Der Determinismus ist populär, aber nicht nur Philosphen wehren sich vehement gegen die Absolutheit der Hirnforscher. Immer wieder wallt die Diskussion in den Feuilletons der Medien auf. Jetzt grad wieder in Deutschland, zum Beispiel in der neusten "Zeit" ("Freiheit und Fatalismus") oder in der FAZ. faz.net bespricht das neue Buch des deutschen Psychiaters und Philosophen Thomas Fuchs (Bild links) "Das Gehirn - ein Beziehungsorgan". Darin kritisiert der aus München stammende Heidelberger Professor die vorherrschende wissenschaftliche
Doktrin der Gehirnforschung: „Einem Teil des Organismus, dem Gehirn, werden psychologische und personale Tätigkeiten zugeschrieben, die nur dem Menschen als ganzem zukommen.“

Fuchs argumentiert ganzheitliche, auch philosophisch: Das Gehirn vermöge weder Entscheidungen zu treffen noch Handlungen vorzunehmen, denn Begriffe wie Überlegen, Fühlen, Wollen und Entscheiden seien auf die Ebene physiologischer Beschreibungen von vornherein nicht anwendbar. „Nicht Neuronenverbände, nicht Gehirne, sondern nur Personen fühlen, denken, nehmen wahr und handeln.“
Das Gehirn sei losgelöst vom übrigen Körper zunächst einmal bloss totes Organ. Lebendig werde es erst als Organ einer lebendigen Person, „in Verbindung mit unseren Muskeln, Eingeweiden, Nerven und Sinnen, mit unserer Haut, unserer Umwelt und mit anderen Menschen“. Für Professor Fuchs ist das Gehirn ein "Mediator, der uns den Zugang zur Welt ermöglicht, der Transformator, der Wahrnehmungen und Bewegungen miteinander verknüpft.“

Wirklich spannend ist Fuchs' Definition des Gehirns als „Organ des Geistes“ mit weitreichenden Folgen für unsere Verantwortlichkeit für unsere Handlungen und: unserer Verpflichtung, das Gehirn in verantwortlicher Weise zu trainieren. Das Gehirn sei nicht ein Käfig, in dem wir Gefangen seien, sondern ein "Organ der Möglichkeiten". „Nicht der Geist muss tun, was die Neuronen ihm vorschreiben, sondern die Neuronen ermöglichen alles, was sich im Geist entfaltet.“
Für Professor Fuchs ist das Gehirn ein sozial, kulturell und geschichtlich geprägtes Organ. Ein "Organ der Freiheit“. „Denn gerade das Gehirn ist das Organ, dessen zunehmende Komplexität im Verlauf der Evolution den starren Reiz-Reaktions-Mechanismus gelockert und so den Organismen bis hin zum Menschen immer mehr Freiheitsgrade ermöglicht hat.“

Und da kommt der entscheidende Punkt: Wir können die Verantwortung für unser Tun nicht auf das Spiel der Neuronen in unseren Hirnen abwälzen. Wir Menschen, jeder Einzelne, haben die Möglichkeit, "die Fähigkeiten des Denkens, Bewertens, Entscheidens zu erlernen" und dabei die "neuronalen Muster zu bilden, die uns dann zu freiem Handeln befähigen".

Damit aber geht die Verpflichtung einher, sehr vorsichtig damit umzugehen, wie wir unser Gehirn trainieren, mit welchen Informationen wir unser Gehirn füttern und konditionieren.

Drastischer ausgedrückt: Wir machen uns auch irgendwie schuldig, wenn wir unsere Gehirne - und noch viel mehr die Gehirne unserer Kinder - mit Bullshit, mit Pseudoinformationen zumüllen und damit verhindern, dass die Gehirne zu freiem Handeln befähigt werden.

Fuchs Theorie deckt sich übrigens weitgehend mit der rein philosophischen Argumentation des Schweizer Philosophen (und Gehirnforschers - und als Schriftsteller unter dem Pseudonym Pascal Mercier u.a. "Nachtzug nach Lissabon") Professor Peter Bieri, welche er in seinem Buch "Das Handwerk der Freiheit. Über die Entdeckung des freien Willens" entwickelt. Nicht immer leicht zu lesen, aber sehr bereichernd.

Ein spannendes Gespräch mit dem Tübinger Philosophen Manfred Frank findet sich in der aktuellen Zeit, nachzulesen auch auf Zeit.de online hier.

Samstag, 18. Juli 2009

UP-DATE Mauretanien: Sklavenbefreier als Staats-Präsident?

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UP-DATE So. 19. Juli: Wie erwartet hat das Innenministerium Mauretaniens General Mohamed Ould Abdel Aziz mit 52% zum Wahlsieger erklärt. Messaoud Ould Belkhair hat demgemäss am zweitmeisten Stimmen erhalten: 16% der Stimmen. Boulkheir und andere Kandiaten der Opposition bezichtigen General Azis des Wahlbetrugs und ahben die intreantionel Gemeinschaft zu einer Untersuchung aufgefordert.
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"Ein Jahr nachdem es ihr gelungen ist, ihrem Herrn (Master) davon zu laufen, betet Barakatu Mint Sayed, dass die Wahlen vom Wochenende den Beginn des Endes der Sklaverei in Mauretanien markiern." Mit dieser etwas reisserischen Einleitung beginnt Nick Meo seinen Artikel für die australische Zeitung The Sunday Morning Herald zur Präsidentschaftswahl in Mauertanien dieses Wochende. Seine Geschichte über den Präsidentschaftskandidaten Messoud Ould Boulkheir ist für uns Westler so exotisch, dass sie es sogar in eine Tageszeitung im fernen Australien geschafft hat. Nicht, dass wir uns wirklich plötzlich für den Wüstenstaat an der Westküste Afrikas interessieren würden. Das Reizwort "Sklaverei" macht's möglich.

"Wie Tausende andere Sklaven oder befreite Sklaven im Sahara-Land Mauretanien", schreibt Meo weiter, "richtet sich ihre Hoffnung auf den Mann, der selbst als Sklavenkind geboren wurde und geschworen hat, er werde die Sklavenbesitzer bestrafen und alles dafür tun, um deren menschlichen Besitz zu befreien."

Die Rede ist von Messaoud Ould Boulkheir, 66, Präsident der mauretanischen Nationalversammlung und einer der aussichtsreicheren Kandidaten der Opposition. (Das Bild am Kopf dieses Contextlink-Beitrags ist der Header seiner Wahlkampf-Homepage). 1,2 Millionen Mauretanier haben inzwischen (heute Samstag) gewählt. Mit grösster Wahrscheinlichkeit wurde Boulkheir nicht gewählt, sondern Mohamed Ould Abdel Aziz, der General, der vor rund einem Jahr den ersten Präsidenten Mauretaniens, der in freien Wahlen an die Macht kam, in einem unblutigen Militärputsch gestürzt hat. (Mehr Infos zur aktuellen politischen Situation hier). Aber auch wenn Boulkheir nicht gewählt ist, er ist DER Polit-Star Mauretaniens. "Er ist der Obama Mauritaniens"," sagt Boubacar Messaoud von der Organisation SOS-Esclaves.

Auf der Wikipedia-Seite zu Boulkheir finden sich exotische Geschichten aus dem Leben des Sohns von Haratinsklaven aus dem Süd-Osten des Wüsten-Landes an der Grenze zu Mali.

Er selbst erzählt in einem Interview mit dem Online-Portal "Süd Online" von seiner eher zufälligen Einschulung 1950 als 7-Jähriger. Die einzige Schule der Region sei zwar obligatorisch gewesen. Weil sie aber französisch gewesen sei, sei sie von der einheimischen, muslimischen Bevölkerung abgelehnt worden. Um das Obligatorium für einen ihrer eigenen Söhne zu umgehen, hätten ihn die ehemalige Herren seiner Eltern gekidnappt, und ihn an deren Stelle eingeschult.

Boulkheir wird vom letztes Jahr gestürzten Präsidenten Abdallahi unterstützt. Er ist mächtig und einflussreich, versteht sich aber ganz als Mann des Volkes. Auf seiner Homepage nennt er sich selbst "Hoffnung der Armen". Eines seiner populärsten Ziele ist die definitive Beseitigung der Sklaverei.

Offiziell wurde die Sklaverei in Mauretanien zwar bereits 1981 aufgehoben. Allerdings sah ein Gesetz statt Strafen für die Sklavenhalter eine Entschädigung wegen ihres Verlusts an Sklaven vor. Erst seit 2007 stellt ein Gesetz die Slavenhalterei jetzt auch unter Strafe. (Ein kurzer Hintergrund hier). Offizielle Statistiken zur Sklaverei gibt es in Mauretanien nicht. Die lokale NGO "SOS-Esclaves" bezeichnet rund 600'000 Menschen, 20 Prozent der Bevölkerung als "von der Sklaverei betroffen".

Messoud Ould Boukhir hat sich unter anderem auch in diesem Beitrag von AFP-Deutschland zur Sklaverei in seinem Land geäussert.

ArteTV hat Ende Mai zum Thema Sklaverei in Mauretanien. ihre Rechtfertigung in der Sharia und zum Widerstand islamischer Exponenten in den internationalen Gremium zur Aufklärung der Sklaverei einen sehr spannenden Hintergrund gesendet:



Donnerstag, 11. Dezember 2008

Das Versagen der UNO im Congo - Unsere Mitschuld

Robert Stewart hat mich auf dieses Video hingewiesen, das die New York Times heute veröffentlicht hat.
Es "beweist", dass es Truppen von Rebellenführer Laurent Nkunda waren, die das Massaker in Kiwanja Anfang Oktober angerichtet haben.
Doch dieses Video kann ich so nicht stehen lassen. Ich habe Robert heute Abend diese Antwort gemailt:

"What does it really prove? A massacre by the rebels? The only "evidence" the video shows is a rebel-leader walking down the street of Kiwanja. We hear witnesses, yes, but .... .
The footage and the content tell an other story, the failure, the helpnessless of the UN (MONUC). Again.

Don't understand me wrong: I am very sure that the soldiers of Nkunda commit war crimes as described. All the soldiers do, not only in Congo or Africa. Our brave "Alte Eidgenossen" did it in Marignano 1515, the Germans did it in Russia 1943, the Americans did it in Vietnam, the Serbian Chetniks did it in Bosnia and tomorrow may be the Indians will do it Pakistan.

The fact, that it is done - and in Africa as in the Balkan even systematically - does not at all reduce the guilt of the soldiers (and their leaders) comitting these crimes.

The story New York Tims is telling is more than correct: It is blaming UN. Not these helpless guys from Pakistan or Bangla Desh doing that horrible job as UN-soldiers, but the world community, specially us Westerners representing the UN. We have an major guilt in that, going back to 1994: It would have needed even not 5000 additional UN-troops in Rwanda to prevent the genocide. Preventing the slaughtering of 800'000 Rwandans (mostly so called Tutsis), would have prevented the mass flight of the "genocidaires", the Hutus over the border to the Congo and the followong catastrophy causing until now up to 5 million deaths among civilians.

And again: I am far away of excusing the Ugandans or the Rwandans for there direct or indirect involvment in the congolese catastrophy."

Und genau diese Mitschuld der UNO, der westlichen Welt, an der andauernden Katastrophe im Kongo thematisiert auch Andrea Böhm in ihrem Artikel "Die Mörder und wir" in der neusten Ausgabe der "Zeit" (51/2008). Sie erinnert auch an die "responsibility to protect", die Schutzverantwortung, welche sich die UNO an ihrem Welt-Gipfel in Tunis im September 2005 auf die Fahne geschrieben hat: Wenn ein Staat nicht willens oder in der Lage ist, seine Bevölkerung vor schwersten Menschenrechtsverletzungen zu schützen, dann steht die internationale Gemeinschaft in der Pflicht - im Notfall auch militärisch.

Doch für den Kongo scheint das nicht zu gelten. Die "EU erwägt einen Militäreinsatz im Kongo", sie "erwägt": Die Belgier ud Franzosen wollen Truppen in den Kongo schicken, die Briten und die Deutschen aber wehren sich.

Gestern war der 60. Geburtstag der Einführung der Menschenrechte durch die UNO (1948). Al-jazeera hat gestern dazu ein informatives, aber auch sehr kritisches Dossier publiziert, welches erschreckend deutlich, die häufig selektive Gültigkeit dieser "grössten Errungenschaft der Menschheit" aufzeigt.

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