Montag, 30. November 2009

Slavoj Zizek: Die Macht der Ideologie in der Krise


Er ist ein absoluter Querdenker: der slowenische Philosophe und Psychoanalytiker Slavoj Zizek. Man kann ihn leicht mit einer abschätzig-verächtlichen Bemerkung abtun: ein Spinner, ein Ewig-Linker. Ich ziehe es vor, ihm zuzuhören, ihn zu lesen (neu: "Auf verlorenem Posten". davor: "Die politische Suspension des Ethischen"). Auch wenn ich häufig nur den Kopf schütteln kann, er stellt Dinge in Frage, an die wir schon religiös glauben, nicht nur den Kasino-Kapitalismus.

Ein kleiner Einblick in sein radikales, für offene Geister höchst anregendes Denken, bietet der 3Sat-Beitrag: "Zlavoj Zizek über die Macht der Ideologie in der Krise". Und wem dabei die Minarettinitiative und das Gedöns um die "Demokratie" in den Sinn kommt: "Honni soit, qui mal y pense."

Sonntag, 29. November 2009

Einziger Schweizer unter den 100 Global Thinkers 2009: Tariq Ramadan

Schon frappierend: Am (erschütternden) Tag, an dem die Schweiz den Bau von Minarette an Moscheen verbietet, ist der einzige Schweizer, der es auf die Liste der 10 wichtigsten Denker des Jahres 2009 des renommierten US-Magazins "Foreign Policy" schafft, ein MUSLIM: Tariq Ramadan.

Begründung: "Weil er sein Leben der Aufgabe widmet zu beweisen, dass Europa und der Islam nicht unvereinbar sind."

Das ist der (englisch Text) im neusten FP-Magazin:


49. Tariq Ramadan

for dedicating his life to proving that Europe and Islam are not incompatible.

Religious scholar | Switzerland

For his entire life, this grandson of Muslim Brotherhood founder Hassan al-Banna has been called a walking contradiction: an Islamic intellectual who espouses democracy but believes religious law is universal, who detests Zionism but also denounces anti-Semitism, and who supports Palestinian resistance but criticizes terrorism. For just as long, Ramadan has been out to prove that his worldview makes perfect sense. Ramadan wants to articulate an Islam that is compatible with the liberal democracies of Europe (where he grew up and now lives), one that advocates an end to victimhood and engages with the world's political reality. Not surprisingly, Ramadan has often run into controversy -- and frequently has relished it. No wonder his latest book, What I Believe, "is a work of clarification," as he writes. It is meant to spell out the "basic ideas I have been defending for more than twenty years."

Reading list: The Sum of All Heresies, by Fredrick Quinn; Angels in My Hair, by Lorna Byrne; Contemporary Chinese Philosophy.

Wants to visit: Egypt, from which I am banned.

Best idea: Put an end worldwide to nuclear weapons.

Worst idea: Promote an "ethical capitalism."

Gadget: Facebook, BlackBerry, and iPhone.

Donnerstag, 26. November 2009

Tariq Ramadan: Stimme Europas in der Welt. Schweizer.

Unglaublich, wie kurzsichtig, nabelschauend wir sind: Zaghaft, der Not gehorchend, beginnen wir in der Schweiz wieder etwas offensiver über unsere Rolle in Europa nachzudenken. Eine fast peinliche Minarettinitiative zwingt uns, endlich über unser Verhältnis zum Islam und unseren mulimischen Miteinwohnern nachzudenken.

Nicht-Europäer würden wohl nur erstaunt den Kopf schütteln, wenn sie eine Ahnung hätten, wie weit weg von der globalisierten Welt wir geistig sind. Natürlich haben sie auch keine wirkliche Vorstellung von der Schweiz und von unserem Gefühl, etwas Besonderes zu sein, irgendwie auserwählt, aber nicht wirklich dazugehörend. Es frappiert sie keineswegs, wenn sie hören, dass Tariq Ramadan, den sie auf ihren TV-Kanälen (sei es in Japan, wo er eine Professur innehat, in Indonesien, im Iran, in Dubai und der ganzen arabischen Welt oder in Rio de Janeiro) sehen, ein Schweizer ist. Sie nehmen ihn als typischen Europäer wahr. Dass er Schweizer ist? Klar doch, die Schweiz liegt doch in Europa. Dass er mit einer waschechten Schweizerin verheiratet ist? Naheliegend, dass ein Schweizer mit einer Schweizerin verheiratet ist. Dass er Muslim ist? Wo ist das Problem? Muslime gibt es überall. Und in Europa schon seit dem frühen Mittelalter.

Europa: Superpower? Eine Bedrohung?

Wiedermal ist es horizonterweiternd die Sicht von Aussen auf ein Thema zu sehen, das man sonst nur von innen wahrnimmt: Das Al-Jazeera-Magazin "Empire" diskutiert die neuste Entwicklung der geeinigteren EU und hält uns ein Spiegelbild vor, das etwas anders ist und nachdenklich stimmt.

Frappierend zuerst, dass Al-Jazeera Gesprächsleiter Marwan Bishara das neue Europa als ein Vehikel des deutschen und französischen Grossmachtstrebens sieht. Die anderen EU-Mitglieder werden sozusagen von den Deutschen und Franzosen für ihre eigenen Interessen instrumentalisiert. Und: ganz offensichtlich empfindet zumindest ein Teil der arabische Welt, repräsentiert hier durch Al-Jazeera, dies als Bedrohung.

Die Gäste im Studio, der britische Historiker Timothy Garton Ash, der slovenische Philosoph Slavoj Zizek und der Star des modernen muslimischen Europas, Professor Tariq Ramadan (Schweizer!), widersprechen alle heftig, doch das Argument taucht mehrfach wieder auf.

Die Gäste sind sich auch einig, dass es kein "Vereinigten Staaten von Europa" geben wird, wie die "Vereinigten Staaten von Amerika", sondern eine Vereinigung souveräner, europäischer Staaten.

Sehr spannend finde ich eine Aussage von Garton Ash: Während es in den letzten Jahrzehnten um die Bildung, die Definition Europas nach innen gegangen sei, gehe es in den nächsten Jahren in erster Linie um die Definition Europas im Verhältnis zu seinen geographischen Nachbarn im Osten und im Süden.



Im zweite Teil der Sendung geht es dann - logisch für Al-Jazeera, aber vielleicht eben auch entscheidend für Europa - um die Türkei, ihren umstrittenen Beitritt zur EU und damit um das Verhältnis Europas zur muslimischen Welt.
Das ist natürlich das Thema Tariq Ramadans, des islamischen Vordenkers aus der Schweiz. Gemeinsam mit seinen Diskussionspartnern beklagt er, dass sich Europa häufig als "christlicher Club" versteht. "Der Islam, die Muslime sind immer 'sie', 'die Andern'", betont er. Entsprechend würden die Muslime in Europa beargwöhnt und ausgegrenzt. Ramamdan ist sich mit Zizek und Garton Ash einig, es brauche eine neue Geschichte," a new narrative", in der Europa erkenne, dass seine Geschichte sehr wohl seit dem frühen Mittelalter auch muslimisch ist. Es werde wohl noch zwei Generationen brauchen, meint Ramadan, bis wir in Europa von einem "Wir" reden werden und damit Europäer mit muslimischem und/oder christlichem Glaubens meinen.

Mittwoch, 18. November 2009

Landraub und Nahrungsmittelsicherheit

Cartoon Damien Glez für Afronline in farmlandgrab.org

Heute geht ein ohnmächtiger Weltgipfel für Nahrungsmittelsicherheit in Rom zu Ende: Nur am Rande ein Thema war dabei das zur Zeit wohl relevanteste Thema unserer globalisierten Welt überhaupt: Landraub - reiche Staaten und westliche Spekulanten ("Investoren") kaufen das landwirtschaftlich nutzbare Land (inkl. Wasser) armer Staaten auf. Die produzierten Güter werden exportiert und -- die Nahrungsmittelpreise steigen, so dass die Nahrungsmittel gerade für die Bewohner armer, landverkaufender Länder unerschwinglich wird. (Contextlink hat schon mehrfach darüber berichtet).

Al-Jazeera fasst die Thematik in dem Video nocheinmal zusammen:

Dienstag, 17. November 2009

Gastbeitrag aus Brasilien 3***: Bürgerkrieg

*** Adrian Zschokke - Kameramann, Filmproduzent, Schriftsteller - weilt zur Zeit in Brasilien. Er nimmt eine Auszeit, um ein neues Buch zu schreiben. Manchmal schreibt er mir ein Mail, das ich dann mit seinem Einverständnis in meinen Blog stelle. Danke, Adrian.

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lieber andy

hier haben wir seit anfang jahr über 3000 tote. opfer von gewaltverbrechen, nicht inbegriffen sind die normalen verkehrsunfälle, meningitisfälle und sonstige natürliche todesursachen. am letzten wochenende waren es 39. und man merkt nichts davon. wenn ich ich nicht regelmässig die zeitung läse, würde ich es nicht einmal ahnen.
du warst ja auch in kriegsgebieten. schien dir das nicht auch immer so unwirklich, dass man in belgrad oder zagreb sass, während 40 oder 100 km weiter geknallt und geschlachtet wurde.
und jetzt kommt eine gruppe Cuisine sans frontieres aus der Schweiz,
die hier suppenküchen baut in den favelas, und irgendwie nervt mich das.
ich weiss gar nicht recht wieso ich eigentlich diese sympathie für lula hege. aber immerhin hat er programme lanciert, mit denen er den hunger bekämpfen will, die armut, die bildungsprobleme und sie greifen… natürlich nicht so schnell, wie man es auch angehen könnte, aber mir kommt bei so hilfswerken immer mehr die afrikanerin in den sinn, die das buch "dead aid" geschrieben hat, dambisa moyo.
wir sind einfach noch immer die arroganten schweizer, die wissen wie die suppe zu kochen ist. wahrscheinlich sind das alles nette kerle, ich kenne den einen von ihnen, ein alter tim, der auf allen hügeln seine suppentöpfe rührt.
interessant auch, wie die mittelklasse überall auf immer die selbe weise auf solche programme gegen die armut wettert. die wollen nicht mehr arbeiten, klar, ist ja am bequemsten, wenn man alles gratis erhält, und dergleichen gehässigkeiten mehr. ich frage mich dann immer, ob es je einen, der angeblich so unter steuerlast gelitten hat, gegeben hat, der freiwillig in diese armut abgetaucht ist, wo ja dann alles so bequem sein soll….
daneben sitze ich am strand, am sonntag ists grossartig. porto de barra, scheints einer der 10 schönsten strände der welt, ist umgeben von zwei forts, die weiss und uneinnehmbar auf kleinen hügeln stehen, wenn du da durch die dicke mauer trittst in ein unscheinbares und ziemlich popeliges museum, kommst du in eine überirdische stille, die, sobald du wieder nach draussen trittst, überfallen von sengender sonne und fröhlichem geschrei, gehupe, gequietsche.

wenn die flut die bucht schmälert, bis du nur noch etwa 1 meter sand hast, siehts am sonntag eben so aus. dicht an dicht, man trinkt bier, man isst crevettenspiesse, käsespiesse, acarajé, man trinkt kokosnuss, kokakola oder wasser, man wird eingeölt, sofern man möchte, kriegt einen hut, ein tuch, ein bikini, einen stuhl, sonnenschirm, alles... mit freundlichster miene, ohne lästig zu werden. es ist fast nicht zu glauben. wenn ich an sierra leone denke bspw. wo du am ende mehr oder weniger davonläufst, weil alle dir aggressiv etwas verkaufen wollen, hier ist es ein angenehmer basar. obschon eben salvador ein rauhes pflaster ist, am strand kann man ruhig sein, ich kann meinen fotoapparat mitnehmen, mein handy und schwimmen gehen und niemand rührt etwas an. vielleicht ein ungeschriebenes gesetz.

gegensätze. müsste man thematisieren können, oder.

heut abend kommt tom wolfe, hält einen vortrag hier, mal sehen ob er mir was zu sagen hat, so von schriftsteller zu schriftsteller :-)

gruss
a

Sonntag, 15. November 2009

Gesucht: Eine Vision, eine Perspektive für die Schweiz


Es ist ein Anfang, zu erkennen und uns einzugestehen, dass die Schweiz in einer Identitätskrise steckt. Entscheidend aber ist, ein Lösung, einen Weg aus dieser Krise zu finden.

Die Alten Eidgenossen haben ausgedient
Als erstes braucht die Schweiz eine Vision, eine Perspektive. Sie muss vorwärts blicken. Das bisherige Selbstverständnis der Schweiz war ausschliesslich rückwärtsgewandt und defensiv. Die Staatsgründer der modernen Schweiz haben in der Zeit um 1848 gemäss der geltenden romantischen Überzeugung, ein Staat brauche eine eigene Mythologie, eine ebenso romantische wie falsche Geschichte erfunden. Bäuerisch-ländlich, alpin. Die alten Eidgenossen, die Tells, die Winkelrieds und die Melchtals sollten unsere Vorbilder sein. Knorrige Bergler, freiheitsliebend, basis-demokratisch, die sich heldenhaft und erfolgreich gegen Bedrohungen von aussen behaupteten. Die Inkarnation dieser Mythologie, die perfekte Umsetzung dieser Haltung und maximal identitätsstiftend für viele Schweizer bis heute: das Reduit im 2. Welt: Das Konzept des Rückzugs der Schweiz in die "Alpenfestung".

Schluss mit der autistischen Mentalität
Parallel dazu hat sich eine schon fast autistische, nach innen gerichtete Mentalität entwickelt: "Wir fahren am besten, wenn wir nur auf uns selbst schauen." Eine defensive Haltung des Bewahrens, des Verteidigens. Damit verbunden war immer mehr auch eine Ausgrenzung alles Fremden.

Die Geschichte des letzte Jahrhunderts hat diese Haltung in der "Praxis" scheinbar bestätigt: Die Schweiz konnte sich aus den beiden verheerenden europäischen Konflikten des letzten Jahrhunderts, den beiden "Weltkriegen", heraushalten. Sie konnte unversehrt, mit einem gewaltigen materiellen Vorsprung in die fantastische wirtschaftliche Entwicklung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts starten. Das Abseits-Stehen, das "neutrale" sich "Nicht-Einmischen" hatte sich ganz offensichtlich gelohnt. Jahrzehntelang ging es schlicht niemandem auf dieser Welt besser als uns Schweizern.

Doch jetzt, mit der Wirtschaftskrise, ist dieses Selbstverständnis plötzlich erschüttert. Jetzt kommen Zweifel. Mehr: Die Angst geht um, die Angst, dass wir bald zu den Verlierern gehören. Plötzlich erkennen wir unsere Abhängigkeit, unser Fremdbestimmtsein in einer vernetzten, globalisierten Welt. Wir können nicht darüber abstimmen, ob die Börsenkurse an der Wallstreet fallen oder steigen. Aber ganz offensichtlich hängt davon unser Wohlergehen ab.

Bald werden wir auch erkennen, dass die Geschichten, die man uns erzählt hat und die wir gerne geglaubt haben, nicht nur falsch sind, sondern auch untauglich für die Zukunft. Nein, wir brauchen keine neue Mythologie. Wir wissen, das verklärt-nostalgische Rückwärtsschauen hilft nicht. Wir müsse uns für die Zukunft öffnen. Die Schweiz braucht eine Vision, eine Perspektive wohin die Reise geht.

Ehrlich nach vorne blicken
2048 wird der Staat Schweiz 200 Jahre alt sein, wenn es ihn dann noch gibt. Dieses historische Datum scheint mir ein guter Orientierungspunkt, ein greifbarer Meilenstein. Wir sollten möglichst sofort einen Prozess unter Mitwirkung aller Menschen, die in der Schweiz leben, einleiten, in dem wir eine gemeinsame Vision entwickeln und einen Weg festlegen, wie die Schweiz im Jahre 2048 sein soll.

Dabei brauchen wir uns gar nicht zu verbiegen. Noch funktionieren unsere demokratischen Instrumente. Die Schweiz ist klein und übersichtlich und insbesondere unsere Wirtschaft ist hochentwickelt und erstklassig international vernetzt. Nicht einmal die reale Politik müssen wir verändern. Denn längst ist erwiesen, dass sich die Mächtigen dieses Landes in Politik und Wirtschaft nicht an das gehalten haben, was sie uns immer erzählt haben. Zu unserem grossen Glück. Sie haben sich keineswegs nur nach innen orientiert, sich eingeigelt und gegen aussen abgegrenzt. Im Gegenteil. Die Stärke der Schweiz war und ist die Vernetzung. Und der Opportunismus. Wenn unsere Geschichte der letzten 150 Jahre etwas auszeichnet, dann diese Fähigkeit, sich anzupassen an die reale Situation, unsere Fähigkeit uns zu verbandeln, im richtigen Moment die richtigen Allianzen zu schmieden, es aber mit niemandem zu verderben und immer die Kunst zu pflegen, die süssesten Rosinen herauszupicken.

Wir sollten jetzt aber auch ideologisch dazustehen und gemeinsam Bedingungen schaffen, die uns die weitere flexible Anpassung an die globabilisierte Welt erlauben.

Samstag, 14. November 2009

Die Schweiz in einer tiefen Identitätskrise

Bild: Reuters

Ja, ich bin auch begeistert, von den Jungs und werde mir morgen das Finale der U-17 Fussball-WM in Nigeria nicht entgehen lassen. Aber es ist schon erstaunlich, wie eine Gruppe von halbstarken Secondos die Schweiz kollektiv in einen Taumel der Begeisterung versetzt:„UNSERE Jungs“ und „Wir sind stolz auf Euch“.

Die Schweiz, wir Schweizer haben ein Problem. An den Fussball-Junioren wird es offensichtlich: Wir stecken in einer tiefen Identitätskrise. Die Erfahrungen der letzten Jahre und Monate haben die Schweiz schwer traumatisiert. Der erste Schock war wohl das Grounding der Swissair. UNSERE Swissair, die beste Fluggesellschaft der Welt: gescheitert, von den Deutschen übernommen. Das Bankgeheimnis, Heiliger Gral der Schweiz: zerzaust von respektlosen Fremden. Die UBS, Flaggschiff der Schweizer Finanzmacht: muss mit Steuermitteln gerettet werden. Ein despotischer Wüstenfürst spielt mit uns Katz und Maus.... Und wir sind die Maus.

Alle diese bis vor kurzem schlicht unvorstellbaren Ereignisse haben unser kollektives Selbstvertrauen erschüttert. Wir realisieren, dass dieses zentrale Gefühl, das unsere Identität, unser Selbstverständnis in den letzten Jahren geprägt hat, falsch ist. Dieses Gefühl des „Irgendwie-Auserwählt-Seins“, des Besser-Seins, dieses „Wir-fahren-am-Besten-wenn-wir-draussenbleiben-und nur-auf-uns-selbst-schauen“, das uns unsere Geschichte des letzten Jahrhunderts suggerierte und uns insbesondere die populistischen Parteien eintrichterten. Dieses Gefühl ist dem schockierenden Bewusstsein gewichen, dass wir abhängig und verwundbar sind. Unser Selbstvertrauen ist der Angst gewichen, bald zu den Verlierern zu gehören, unterzugehen.

Und jetzt also diese UNSERE Jungs: „Hey, wir sind ja doch noch wer!“ Diese Multikultitruppe mit dem Schweizer Kreuz auf der Brust verkörpert alles das, was wir nicht mehr sind, aber eigentlich sein möchten: mutig, frech, kämpferisch, manchmal sogar elegant und spielerisch leichtfüssig. Voller Selbstvertrauen und Optimismus. Vor allem aber: ERFOLGREICH.

„Unsere Helden in Nigeria“ sind eine grosse Chance für die Schweiz. Es ist höchste Zeit, uns Gedanken über die Schweiz in der globalisierten Welt zu machen. Eine Schweiz, vernetzt mit unseren Märkten, ein multikulturelles Einwanderungsland, wie es unserer Tradition auch entspricht. Es gilt zuerst die Angst zu überwinden, nicht zuletzt die Angst vor allem „Fremden“. Auch die Angst vor den Jungs, die heute die Schweiz in Nigeria vertreten.

Denn: Würden wir dieser Truppe von laut johlenden, mit Adrenalin vollgepumpten, halbstarken Secondos nachts um halb 2 in der Innenstadt begegnen, würden wir wohl die Strassenseite wechseln.