Donnerstag, 30. Juli 2009

Landgrab: Die grosse Jagd nach Land

Bild und Grafik: Spiegel.

Jetzt gibt es endlich auch mal einen guten Artikel zum "Landgrab" in einem deutsch-sprachigen Medium. Im "Spiegel". "Die grosse Jagd nach Land". Interessanterweise im Netz nur als PDF hier. Auf Spiegel.de gibt's auch noch eine schöne Bildstrecke dazu. Siehe auch den Contextlink-Beitrag zum Thema: "Das neue Objekt der Begierde: Land."

Der Lead des Artikels von Horand Knaup und Juliane von Mittelstaedt:

Regierungen und Investmentfonds erwerben in Afrika und Asien Ackerland, um Nahrungsmittel anzubauen – ein lohnendes Geschäft, weil die Preise rasch steigen. Das Milliarden-Monopoly führt zu einem modernen Kolonialismus, dem sich viele arme Länder notgedrungen unterwerfen.

Sonntag, 26. Juli 2009

Ein individuelles, marktfähiges Recht auf Umwelt-Verschmutzung?

Grafik: megaphonemagazine.com
Knapp 10 Prozent der Weltbevölkerung verursachen 50 Prozent der CO2-Emissionen, schätzen die Autoren einer neuen Studie der Princeton-Universität zur Klimaproblematik. Hinter diese eigentlich wenig überraschenden Resultat steht ein neuer, hoffentlich wegweisender Ansatz: Die individuelle Messung der Umweltverschmutzung und daraus folgend, die individuelle Verantwortung zu deren Reduktion: "Die Reichen sollen sparen" könnte der Slogan heissen, den die Princeton-Universität als Fazit ihrer Studie zu den CO2-Emissionen ausgibt. "Sharing global CO2 emission reduction among one billion high emitters" heisst der Titel der Studie etwas wisenschaftlicher.

Ungenügende CO2-Messgrösse "pro Kopf und Land"
Das wichtigste Mass der Klimapolitik war bisher die Kohlendioxid(CO2-)-Verschmutzung pro Kopf der Bevölkerung je Land. Das hat zwar deutlich gemacht, dass die wohlhabenden westlichen Nationen die "Hauptschuldigen" an der zunehmenden Katastrophe sind: Der CO2-Ausstoss berechnet auf die gesamte Weltbevölkerung beträgt zur Zeit pro Kopf 5 Tonnen pro Jahr. Ein Europäer verschmutzt die Umwelt mit rund 10 Tonnen, ein Amerikaner grad nocheinmal doppelt so viel. (Alle Daten rund um die Klimakonvention gibt es hier).
Ganz im Sinne des Verursacherprinzips haben die Mächtigen der Welt beim Umweltgipfel in Kyoto 1997 beschlossen, die Staaten der Dritten Welt und sogenannte Schwellenländer wie Brasilien, China oder Indien, welche pro Kopf deutlich niedrigere CO2-Emissionen verursachten, von den Klimazielen auszunehmen, respektive von ihnen keine Einschränkungsmassnahmen zu verlangen.
Immer mehr zeigt sich, dass dieses Prinzip der „gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortlichkeiten“ so nicht mehr haltbar ist. Zwar kann man diesen Ländern nach wie vor nicht verbieten, sich weiter zu entwickeln - was heute gleichbedeutend mit mehr Umweltverschmutzung ist -, aber angesichts der Tatsache, dass diese Staaten inzwischen für gut die Hälfte der CO2-Verschmutzung verantwortlich sind und deren Anteil rasch und überdurchschnittlich wächst, muss eine neue Lösung gefunden werden.
Im Dezember findet in Kopenhagen der nächste, grosse Welt-Klimagipfel statt. Bisher ist keine Lösung in Sicht.

10% "Reiche" verantworten 50% der CO2-Emissionen
Immer deutlicher wird aber, dass das Instrument der pro Kopf-Berechnungen allein nicht weiterführt und vor allem ungerecht ist. Der pro Kopf-Massstab kaschiert ("maskiert" nennen es die Princeton-Forscher), dass es eine relativ kleine Gruppe von Menschen ist, die für einen Grossteil der Emissionen verantwortlich ist. Die Princeton-Forscher schätzen, dass rund 10 Prozent der Weltbevölkerung die Hälfte der Luftverschmutzung verursachen: Die Wohlhabenden, die Reichen.
Sie sind Vielflieger, fahren Autos mit überdurchschnittlichem Treibstoffverbrauch, sie wohnen in riesigen Häusern die entweder aufwändig gekühlt oder geheizt werden müssen, sie konsumieren Waren, die mit hohem Energieaufwand produziert worden sind und über tausende von Kilometern transportiert worden sind, usw..
Solche Menschen gibt es aber nicht nur in Amerika oder in Europa, sondern auch in Indien, Brasilien oder in China. Auch der Durchschnittsschweizer gehört zu diesen "Hauptsündern".

Hier zeigt sich die zweite Ungerechtigkeit des Pro-Kopf-Ansatzes: Auch in der Schweiz gibt es Menschen, die für weniger CO2 verantwortlich sind als der Durchschnitt. Weil auch in der Schweiz Einige extrem hohe CO2-Verschmutzungen verursachen, liegt sogar ein Grossteil der Schweizerinnen und Schweizer unter dem Durchschnitt. Dieser Anteil liegt aber immer noch weit über dem, was ein durchschnittlicher Afrikaner oder Asiat verschmutzt. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass es auch in jedem Dritte-Welt-Land Grossverschmutzer gibt, die im Luxus leben, und mehr CO2-Verschmutzung verursachen als der Durchschnittsschweizer.

Die Grossverschmutzer in die Verantwortung nehmen
Im Sinne des Verursacherprinzips und des Prinzips der „gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortlichkeiten“ der Kyoto-Konvention, schlagen die Princeton-Forscher jetzt vor, die "1 Milliarde Hoch-Verschmutzer", unabhängig ihrer Nationalität in die Verantwortung zu nehmen:
"Sharing Global CO2 Emissions Among 1 Billion High Emitters". Sie schlagen eine individuelle Obergrenze der CO2-Emission vor, die von diesen Hochverschmutzern nicht überschritten werde soll. Die Milliarde der Hochverschmutzer hätte es gemäss den Princeton-Berechnungen in der Hand, die CO2-Belastung unseres Planeten bis 2030 wenigsten auf dem heutigen Stand zu stabilisieren, wenn sie pro Person nicht mehr als 11 Tonnen CO2 pro Jahr verursachen würde.

Dass dies nicht reicht, unser Klimaproblem zu bewältigen, sei nur am Rande erwähnt. Der Princeton-Ansatz ist dennoch zukunftsweisend: Wir sind unterwegs zum "individuellen ökologischen Fussabdruck" (zum "ökologischen Fussabdruck" generell: hier). Noch gibt es kein brauchbares System, das gültig berechnen kann, wieviel CO2 ich und mein Nachbar ganz individuell verursachen, wie gross unser "individueller ökologischer Fussabdruck" ist. (ein Versuch zur Berechnung im Energiebereich: hier.) Dieser Ansatz ermöglicht aber spannende Konzepte, die unserer individualisierten Welt entsprechen, hundertprozent marktwirtschaftlich und "gerecht" sind:

Ein individuelles Verschmutzungsrecht?
Wir könnten individuelle Verschmutzungs-Rechte vereinbaren: Ich und mein Nachbar - und alle Übrigen - hätten ein jährliches CO2-Guthaben. Alle Güter, Waren und Dienstleistungen hätten nicht nur einen Frankenpreis, sondern auch einen CO2-Preis. Jeder Bezug würde von meinem individuellen CO2-Guthaben abgezogen. Wenn ich mich entscheide, statt meines japanischen SUV's, ein Elektro Auto zu fahren, das in Deutschland produziert wurde, könnte ich es mir weiterhin leisten, Wein aus Südafrika einzukaufen. Wenn ich mein Haus besser isolieren würde, verträgt mein CO2-Konto die nächsten 2 Jahre auch Tauchferien auf den Malediven. Usw..
Dies eröffnet spannende Perspektiven in vielen anderen Bereichen: Plötzlich würden Ferien in der Schweiz, Nahrungsmittel aus der Region, mit dem Velo zur Arbeit fahren, usw. attraktiver, respektive entsprechend würden die Anbieter dieser Produkte und Dienstleistungen profitieren.

Utopie: Individueller CO2-Handel
Dieses System könnte sogar das Recht beinhalten, das persönliche CO2-Guthaben zu überschreiten. Dieses Recht hätte aber im Sinne des Marktes seinen Preis. Was bereits auf der Ebene der Wirtschaftsunternehmen funktioniert, könnte für das Individuum übernommen werden: Der CO2-Handel: Ich könnte meinem Nachbarn, der zu Hause arbeitet und in einer kleinen Zweizimmer-Wohnung lebt, einen Teil seines CO2-Guthaben abzukaufen.

Was für eine Utopie: Energiesparen, die Umwelt schützen würde sich wirklich lohnen; marktwirtschaftliche Freiheit; Umverteilung von oben nach unten, ...... Gäbe es überhaupt Verlierer in dieser Utopie?

Samstag, 25. Juli 2009

Steven Gerrard, Sportler. KEIN Vorbild.

Ein Gericht in Liverpool hat Steven Gerrard (29) freigesprochen. Gemäss den Medienberichten hat ihm das Gericht abgenommen, er habe damals im Dezember bei der Schlägerei in einer Bar in Southport im Liverpooler Norden nur "aus Notwehr" zugeschlagen.

Wohl niemand glaubt im Ernst, dieses Urteil im Falle des Liverpool-Stars und Kapitäns der englischen Fussballnationalmannschaft sei gerecht. Die Bilder der Überwachungskamera in der Bar zeigen gemäss den offiziellen Auswertungen etwas anderes - auch wenn nicht wirklich viel drauf zu sehen ist. (Siehe Video am Schluss dieses Contextlink-Beitrags). Vor allem aber: Noch vor wenigen Tagen wurden Gerrards Kumpels, mit denen zusammen er die Keilerei mit einem DJ ausfocht, schuldig gesprochen. Sie hatten die Beteiligung an der Schlägerei auch zugegeben.

Die ganze Geschichte ist schädlich für den Sport. Die Signale, die an die Gesellschaft und speziell an die Fans gesendet werden, sind unschön und schlecht:
  • Das Gericht bestätigt einmal mehr: Einige sind gleicher. Gesetze, gesellschaftliche Werte gelten nicht für alle. Man muss nur gross, wichtig, mächtig genug sein. Warum sollen die Jungen Respekt haben vor einem Gesetz und ihren Exponenten, den Polizisten, wenn sie sehen, dass die Gesetze, denen sie sich unterwerfen sollen, biegbar sind?
  • Steven Gerrard ist ein Held der Massen, ein Vorbild insbesonderer für viele Fans. Ihre gelegentlichen Prügeleien werden durch sein Verhalten legitimiert. Steven Gerrard ist ein schlechtes Vorbild. Sein offiziell geäussertes Bedauern vor Gericht empfinden viele seiner Fans mit Sicherheit einfach als nötigen Bückling gegenüber der Obrigkeit, wie sie das auch immer machen, wenn sie sich unterlegen fühlen.
  • Offenbar ist sich Steven Gerrard seiner Verantwortung als Vorbild nicht wirklich bewusst. Wie ein Teil der britische Medien, die ihn als "gewöhnlichen", "normal"-gebliebenen britischen Jungen feiern, hat der Kapitän der englischen Nationalmannschaft nicht begiffen, welche Rolle er spielt, und welche Verantwortung er damit trägt. Menschlich mag man geneigt sein, ihm zu verzeihen, aber dann müsste er die Grösse haben, hinzustehen und zu sagen: "Ja, ich habe Scheisse gebaut", das Gericht müsste ihn verurteilen und er müsste büssen, genau wie seine Kollegen. DAS wäre ein Signal an die Fans: Wer gegen Werte der Gesellschaft verstösst, muss bezahlen. Niemand steht ausserhalb der Normen und Gesetze, nicht einmal ein Fussballgott. So hätte Steven Gerrard, trotz seines Fehltritts, ein Vorbild sein können. Er hat versagt.
  • Dass die Fans Steven Gerrard dieses Jahr zum Fussballer des Jahres gewählt haben, obwohl öffentlich bekannt war, was er getan hatte und dass ein Prozess gegen ihn lief, ist ein sehr schlechtes Zeichen.
  • Noch übler ist, dass es der englische Fussballverband (FA) war, der diese Wahl in einer Online-Abstimmung bei den Fans durchführt hat. Dass der Verband kein Wort zur Problematik - immerhin ist Gerrard der Kapitän des Nationalteams - verliert, zeugt von der Ignoranz und der Verantwortungslosigkeit der Fussballfunktionäre.
  • Schwerst versündigt haben sich nicht zuletzt auch die Journalisten. Nicht nur mit ihrer wohlwollenden Berichterstattung über den ach so "normalen" Steven, der verzeihlicherweise mal zugelangt hat wie ein Durchschnittsbrite. Die Vereinigung der Fussball-Journalisten Englands hat Steven Gerrard, während der Prozess noch lief, zum Fussballer des Jahres 2009 gewählt!

Mittwoch, 22. Juli 2009

Kongo: Rohstoffbusiness als Kriegstreiber im Kivu

Die auf den Rohstoffhandel in der Dritten Welt und speziell in Afrika spezialisierte NGO "Global Witness" widmet ihren jüngsten Report dem kriegsversehrten Osten Kongos: "Was kannst Du schon tun, wenn ein Gewehr auf Dich zielt?". Der Report belegt an mehreren Beispielen, dass westliche, europäische Firmen, die den Handel mit Rohstoffen aus dem Bürgerkriegsgebiet im Kivu beherrschen, mit verantwortlich an der katastrophalen Situation sind und dazu beitragen, dass der Bürgerkireg nicht enden will. Contextlink hat diese Problematik schon früher, merhfach thematisiert. Global Witness bietet jetzt einen aussführlichen Hintergrund, der auf der Web-Site der NGO auch wirklich sehr schon präsentiert ist. Das Eingangsbild dieses Contextlink-Beitrags ist der Header der Site.

Dienstag, 21. Juli 2009

Kongo: Thierry Michel. Moise Katumbi. China

Thierry Michel, der Belgische Filmautor tut das, was ich gerne tun würde. Er macht Filme über Afrika, speziell über den Kongo.
Schon sein "Congo River - Beyond Darkness" 2006 war ein absolutes Highlight. Jetzt läuft sein neuer Film "Katanga Business" in Frankreich und Belgien an. Gleichzeitig auch im Kongo. Und dort ist er nicht gern gesehen, wie Colette Braeckman aus Kisangani berichtet.
Im Zentrum des Films steht Moise Katumbi, 45, Gouverneur der "Kupferprovinz" Katanga, eine schillernde, charismatische Figur, chinesischen Bergbaufirmen und Geschäftsleute und - natürlich - die Kongolesen.
Das entnehme ich den zahlreichen Artikeln, die es im Netz gibt und den recht aus ausführlichen Ausschnitten, Making-Ofs und Interviews, die Michel's Filmverleih ins Internet gestellt hat: Hier ein ausführlicher Trailer, inkl. ein Interview mit Thierry Michel:

Montag, 20. Juli 2009

Ameisen stehen nie im Stau



Nicht zum ersten Mal sind Ameisen in Contextlink Beispiel und Vorbild ("Ameisen und Menschen"). Diesmal in Sachen Verkehr und kooperativem Verhalten. FAZ.net hat einen spannenden Artikel dazu veröffentlicht: "Besser reisen: Ameisen stehen nie im Stau":
"Eine der längsten Straßen unseres Planeten ist fast sechstausend Kilometer weit und verbindet Norditalien mit der spanischen Atlantikküste. Milliarden sind täglich auf dieser Magistrale unterwegs, trotzdem wird weder gehupt noch gedrängelt. Es gibt keine riskanten Überholmanöver, kein Einfädeln in letzter Sekunde, keine Tempolimits oder Verbotsschilder. Baustellen werden elegant umfahren. Falls es doch zu einer kleinen Karambolage kommt, bleibt sie für die Beteiligten folgenlos. Und ganz egal, wie viele Reisende zur Stoßzeit auf die Piste strömen, in einen Stau gerät hier niemand. Der Verkehr fließt vollkommen störungsfrei."

Die Rede ist von der ursprünglich aus Argentinien stammende Ameisenspezies Linepithema humile. Sie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten an mindestens drei Stellen der Erde zu gigantischen Superkolonien vereinigt. Stressfrei. Und deshalb interessieren sich jtzt die Verkehrsexperten für die Ameisen: Wie schaffen die das bloss?
Ameisenforscher kennen die Antwort längst, schreibt faz.net: "Verständigung und Kooperation".

Doch genau das, schaffen wir Menschen nicht. Auf der Strasse kommt unser Charakter regelmässig und total ungeschminkt zum Vorschein: "Gerade hinter dem Steuer eines Kraftfahrzeugs verhält sich der Mensch besonders egoistisch, eitel und auch noch unaufmerksam", zitiert faz.net den amerikanischen Verkehrspsychologen und Autor Tom Vanderbilt ("Traffic").

Der Artikel spricht dann kaum merh davon, wei die Ameisen das Problem lösen, sondern wie unmöglich wir Menschen uns beim Autofahren verhalten. Zwei Umstände betonen die Forscher insbesondere: Wir überschätzn unsere Fähigkeiten beim Autofahren und wir sind unsozial egoistisch: "Den meisten Autofahrern geht es auf der Straße eben nicht um den kollektiven Fahrerfolg. Sondern darum, wie sie sich selbst am besten durchsetzen können."
Was die Wissenschaftler inzwischen beweisen können, wissen wir eigentlich längst: „Würden wir uns nicht mehr egoistisch verhalten, ginge es einigen wenigen schlechter, aber den meisten sehr viel besser." Forschung an indischen Wanderameisen hat ergeben: "Dn höchsten Durchsatz an Individuen pro Streckenabschnitt erzielen die Insekten, wenn sie alle im gleichen Tempo und in kleinen Trupps unterwegs sind."

Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von technischen Navigationshilfemitteln, doch die Psychologn und Verkehrswissenschafter sind sich einig, dass das nicht reicht, weil wir uns von dem "Assistenzsystemen" "bevormundet" fühlen.

Wirklich nützen würden bauliche Massnahmen und zusätzliche Vorschriften/Verbote und deren Bestrafung bei Nichtbeachtung. Doch nicht nur in der Schweiz würden da Organisationen wie die IG Freiheit auf den Plan gerufen, die von "Entmündigung der Bürger" faseln würden und mit Freiheit, die Freiheit Einzelner, Rücksichtloser, Stärkerer auf Kosten des Schwächeren und der Allgemeinheit meinen.
Dabei würde ihr Glaubenssatz "Weniger Verbote" tatsächlich funktionieren: Der kürzlich verstorbene Verkehrsplaner-Guru Hans Mondermann hat im Auftrag der EU bei mehreren Experimenten in holländischen Städten sämtliche Verkehrsschilder entfernen lassen. Nur das Rechtsfahren und die Regel rechts-vor-links wurden beibeghalten. Es funktionierte: Alle Verkehrsteilnehmer haben aufeinander Rücksichten genommen. Trotzdem blieb es beim Experiment ohne dauernde Anwendung:
Im Endeffekt waren die Resultate für unsere Ansprüche aber doch ernüchternd, wie die FAZ schreibt: "Leider funktioniert Mondermans Prinzip bislang nur, wenn sich die Verkehrsteilnehmer mit einer Geschwindigkeit von weniger als dreißig Kilometern pro Stunde fortbewegen. Das entspricht im Übrigen dem Tempo einer rasenden Ameise, wenn man ihre Dimensionen auf die eines durchschnittlich großen Pkws hochrechnet."

Eben: Das geht natürlich nicht, so langsam! Wir sind doch keine Ameisen!
Doch wenigsten ein bisschen von den Ameisen lernen, könnten wir vielleicht. In aller Freiheit.

Schweinegrippe: .. und wer verdient die 26 Milliarden?

26 Milliarden Franken wird uns die Schweinegrippe-Pandemie kosten. Diese Schätzung findet sich heute in den Medien.
Ich kann nicht anders, aber meine Reaktion auf die Thematik ist jedesmal gleich: Eine Verschwörungstheorie. Ich weiss, ich bin nicht allein mit diesem Reflex. Es kursieren die wildesten Theorien im Netz (z.B. "wunderbar" diese hier oder diese).
Ich will mich nicht versündigen, aber seit Wochen habe auch ich das ungute - und hoffentlich falsche - Gefühl: Hier wird etwas hochgeschaukelt. Mit schaurigen Horrorszenarien und dramatischen Bildern. Jeden Tag eine neue Geschichte.
Und wenn Stewart's Tipp "Just follow the money trail" auch hier gilt, würde ich gerne mal einen Hintergrundbericht in unseren Medien lesen: Wer die 26 Milliarden kassiert.

Samstag, 18. Juli 2009

UP-DATE Mauretanien: Sklavenbefreier als Staats-Präsident?

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UP-DATE So. 19. Juli: Wie erwartet hat das Innenministerium Mauretaniens General Mohamed Ould Abdel Aziz mit 52% zum Wahlsieger erklärt. Messaoud Ould Belkhair hat demgemäss am zweitmeisten Stimmen erhalten: 16% der Stimmen. Boulkheir und andere Kandiaten der Opposition bezichtigen General Azis des Wahlbetrugs und ahben die intreantionel Gemeinschaft zu einer Untersuchung aufgefordert.
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"Ein Jahr nachdem es ihr gelungen ist, ihrem Herrn (Master) davon zu laufen, betet Barakatu Mint Sayed, dass die Wahlen vom Wochenende den Beginn des Endes der Sklaverei in Mauretanien markiern." Mit dieser etwas reisserischen Einleitung beginnt Nick Meo seinen Artikel für die australische Zeitung The Sunday Morning Herald zur Präsidentschaftswahl in Mauertanien dieses Wochende. Seine Geschichte über den Präsidentschaftskandidaten Messoud Ould Boulkheir ist für uns Westler so exotisch, dass sie es sogar in eine Tageszeitung im fernen Australien geschafft hat. Nicht, dass wir uns wirklich plötzlich für den Wüstenstaat an der Westküste Afrikas interessieren würden. Das Reizwort "Sklaverei" macht's möglich.

"Wie Tausende andere Sklaven oder befreite Sklaven im Sahara-Land Mauretanien", schreibt Meo weiter, "richtet sich ihre Hoffnung auf den Mann, der selbst als Sklavenkind geboren wurde und geschworen hat, er werde die Sklavenbesitzer bestrafen und alles dafür tun, um deren menschlichen Besitz zu befreien."

Die Rede ist von Messaoud Ould Boulkheir, 66, Präsident der mauretanischen Nationalversammlung und einer der aussichtsreicheren Kandidaten der Opposition. (Das Bild am Kopf dieses Contextlink-Beitrags ist der Header seiner Wahlkampf-Homepage). 1,2 Millionen Mauretanier haben inzwischen (heute Samstag) gewählt. Mit grösster Wahrscheinlichkeit wurde Boulkheir nicht gewählt, sondern Mohamed Ould Abdel Aziz, der General, der vor rund einem Jahr den ersten Präsidenten Mauretaniens, der in freien Wahlen an die Macht kam, in einem unblutigen Militärputsch gestürzt hat. (Mehr Infos zur aktuellen politischen Situation hier). Aber auch wenn Boulkheir nicht gewählt ist, er ist DER Polit-Star Mauretaniens. "Er ist der Obama Mauritaniens"," sagt Boubacar Messaoud von der Organisation SOS-Esclaves.

Auf der Wikipedia-Seite zu Boulkheir finden sich exotische Geschichten aus dem Leben des Sohns von Haratinsklaven aus dem Süd-Osten des Wüsten-Landes an der Grenze zu Mali.

Er selbst erzählt in einem Interview mit dem Online-Portal "Süd Online" von seiner eher zufälligen Einschulung 1950 als 7-Jähriger. Die einzige Schule der Region sei zwar obligatorisch gewesen. Weil sie aber französisch gewesen sei, sei sie von der einheimischen, muslimischen Bevölkerung abgelehnt worden. Um das Obligatorium für einen ihrer eigenen Söhne zu umgehen, hätten ihn die ehemalige Herren seiner Eltern gekidnappt, und ihn an deren Stelle eingeschult.

Boulkheir wird vom letztes Jahr gestürzten Präsidenten Abdallahi unterstützt. Er ist mächtig und einflussreich, versteht sich aber ganz als Mann des Volkes. Auf seiner Homepage nennt er sich selbst "Hoffnung der Armen". Eines seiner populärsten Ziele ist die definitive Beseitigung der Sklaverei.

Offiziell wurde die Sklaverei in Mauretanien zwar bereits 1981 aufgehoben. Allerdings sah ein Gesetz statt Strafen für die Sklavenhalter eine Entschädigung wegen ihres Verlusts an Sklaven vor. Erst seit 2007 stellt ein Gesetz die Slavenhalterei jetzt auch unter Strafe. (Ein kurzer Hintergrund hier). Offizielle Statistiken zur Sklaverei gibt es in Mauretanien nicht. Die lokale NGO "SOS-Esclaves" bezeichnet rund 600'000 Menschen, 20 Prozent der Bevölkerung als "von der Sklaverei betroffen".

Messoud Ould Boukhir hat sich unter anderem auch in diesem Beitrag von AFP-Deutschland zur Sklaverei in seinem Land geäussert.

ArteTV hat Ende Mai zum Thema Sklaverei in Mauretanien. ihre Rechtfertigung in der Sharia und zum Widerstand islamischer Exponenten in den internationalen Gremium zur Aufklärung der Sklaverei einen sehr spannenden Hintergrund gesendet:



Nestlé-Chef Brabeck: Wasser-Alarm

Bild: powerhousemuseum.com: Der Gelbe Fluss bei Shapotou in China

Land, Landwirtschaftsland ist "Das neue Objekt der Begierde" (Contextlink). Aber natürlich wissen alle, die Land kaufen und/oder mit Land spekulieren, dass mit dem Land vor allem das Gut, der Rohstoff der Zukunft einhergeht: Wasser.
Das US-Polit-Magazin "Foreign Policy" nennt es "The Next Big Thing". In der entsprechenden Ausgabe der Foreign Policy tritt auch Nestlé-Präsident Peter Brabeck (im Bild links) als Autor auf mit einem flammenden Artikel zur Welt-Wasserproblematik. Brabeck hat sich schon früher gescheit und pointiert zur Wasserproblemtik geäussert. Z.B. in diesem Interview mit dem Tagi-Magi: "Kein Menschenrecht auf einen Swimmingpool", aber der Artikel in Foreign Policy hat eine andere Qualität. Es ist ein eigentlicher Wasseralarm.
Auch wenn Nestlé als Nummer 1 im Handel mit Wasser in Flaschen selbst gute Geschäfte mit dem Wasser macht und damit Teil des Problems ist, scheint mir Brabecks-Artikel um so bemerkenswerter. Und ich möchte ihn deshalb hier (fast) integral wiedergeben (meine Uebersetzung):

Während die Preise für Nahrungsmittel in den letzten zwei Jahren in die Höhe schossen, haben Staaten und staatlich gesponsorte Unternehmen still und heimlich Land rund um die Welt aufgekauft. ... Dabei geht es nicht um den Erwerb von Land, sondern um Wasser. Mit dem Kauf des Bodens ist das Recht verbunden, das Wasser zu nutzen, welches darin eingebunden ist - in den meisten Ländern eine kostenlose Dreingabe, die bald der wertvollste Teil des Deals sein könnte. Geschätzt auf der Basis einer Ernte pro Jahr entspricht das erworbene Land 55 bis 65 Kubik-Kilometer Frischwasser, das in diesem Land gebunden ist. Eine Menge, die etwa eineinhalb mal dem Inhalt des Hoover Staudamms entspricht. Weil dieses Wasser aber keinen Preis hat, übernimmt es der Investor tatsächlich gratis. Es mag nicht gerade das Szenario eines James Bond Films sein, aber der Ansturm zur Sicherung der knappen Wasserreserven in Agrargebieten ist trotzdem beunruhigend. Es bedeutet, dass wir nicht allzuweit von der nächsten Nahrungsmittelkrise entfernt sind.
Eigentlich ist der grosse Zugriff auf das Wasser (das grosse Wasser"grabschen", engl. grab) nur schlau und weitsichtig: Rund 70 Prozent des Frischwassers, das für den Gebrauch der Menschen dem Boden entnommen wird, geht in die Landwirtschaft. Der Grundwasserspiegel sinkt - in bestimmten Regionen mehrere Meter pro Jahr - und Flüsse trocknen aus, weil sie übernutzt werden. Die grössten Probleme beobachten wir in den wichtigsten Landwirtschaftsregionen der Erde: Im Osten Spaniens, in den Great Plains der USA, in Mittelost und in Nordafrika, in Teilen Pakistans, in Nordwestindien und im Nordosten Chinas. Wie der ehemalige Chef des Internationalen Instituts für Wassermanagement gewarnt hat, "riskieren wir jährliche Wasserverluste in der Grössenordnung der gesamten Getreideernte Indiens und der USA zusammen," wenn der aktuelle Trend anhält.
Wir würden besser eine Wasserpolitik entwickeln, die funktioniert, und zwar schnell. Es gibt Regionen dieser Welt, in denen Wasser nicht gratis ist, zum Beispiel Oman. Bauern müssen für die Infrastruktur bezahlen oder gemeinnützige Arbeit leisten, und weil Wasserrechte gehandelt werden können, hat das Wasser einen Preis. Omans System war während 4500 Jahren nachhaltig. Natürlich haben Preise und Handelbarkeit des Wassers Grenzen: Wir müssen auch genug Wasser zum Trinken und für die Basishygiene der Menschen garantieren, die nicht dafür bezahlen können und nicht zusätzliche Quoten für die Natur zur Seite legen. Marktmechanismen sowohl auf der lokalen (Handel mit Wasserrechten) und internationalen Ebene (multilateraler Freihandel in der Landwirtschaft) müssen Teil der Lösung sein. Aber wir müssen handeln, bevor der ständige Tropf der Ereignisse zu einer Sturzflut wird.

Bild: altes Wasser-Reservoir IWB Basel

Freitag, 17. Juli 2009

Das neue Objekt der Begierde: Land.

,Bild: Künstliche Bewässerung in der Wüste Saudiarabiens

Shonda Warner ist ein Produkt der Wallstreet. Die 45-Jährige ist die Protagonistin eines hervorragenden Artikels des US-amerikanischen Wirtschaftsmagazins FORTUNE mit dem Titel "Betting the Farm".
Frau Warner (im Bild links; Fortune) machte früher gutes Geld im Finanzbusiness. Als Derivathändlerin und Führungskraft im Hedgefonds-Business. Jetzt geschäftet sie zu Hause im ländlichen Kansas. Sie tut zwar noch immer das, was sie am besten kann: Spekulieren. Ihr Spekulationsobjekt ist aber nicht mehr virtuelles Geld, sondern ein sehr konkretes Gut: Land. Landwirtschaftsland. Farmen.
Shonda Warner betreibt eine Investment-Firma. Das heisst, reiche Leute, Firmen, Pensionskassenfonds, etc. geben ihr viel Geld, mit welchem sie - eben - Land kauft. Genauer: Sie kauft relativ billiges Farmland und vermietet es am Bauern. Ihren Investoren bietet die Spekulantin eine jährliche Rendite von 13 – 16 %, etwa 4% davon kommen aus den Ernteeinnahmen, 8% aus dem gesteigerten Landwert und der Rest aus dem Spekulationsgeschäft mit dem Land, welches sie nach den „bewährten“ Methoden des Hedgefund-Businesses anlegt.
„Landwirtschaftsland“, sagt der amerikanische Rohstoffguru Jim Rogers in der Fortune-Geschichte, „wird eines der besten Investitionsgüter unserer Zeit sein.“
Die sehr freundliche und sehr smarte Frau Warner kann man auch in einem Fortune-Video kennenlernen:

Fortune porträtiert zwei weiter Finanzfachleute, die gross ins neue Land-Business eingestiegen sind. Sie vermarkten Landwirtschaftsflächen ausserhalb der USA, in der Dritten Welt: Der frühere Wallstreet-Banker und Rohstoffhändler Phil Heilberg (44) spekuliert mit Land im vom Bürgerkrieg zerrütteten Sudan, Lord Jacob Rothschild (73), Spross des alten, jüdisch-deutsch-britischen Bankhauses Rothschild, verkauft seinen Investoren die Hoffnung auf grosse Gewinne mit Landwirtschaftsland in Brasilien (Bild rechts: Soja in Brasilien. Foto: grain.org).

Land als reales Gut
Land ist das neue Objekt der Begierde. Immerhin erhalten Investoren damit einen realen Wert. Wenn er sehe, wie „Regierungen heute Geld drucken, so schnell sie können, Anleihen tätigen so viel sie können und Firmen retten, die 'Weisse Elephanten' sind", zitiert Fortune den Banker Rothschild, „dann ist es gescheit, auf einen harten Wert wie Land zu setzen.“

Regeln des Spekulations-Markts
Im neuen Land-Spekulationsgeschäft gelten die alten Regeln des heiligen (Finanz-)Marktes: Angebot und Nachfrage:
Land ist - und wird es zusehends mehr - ein knappes Gut. 1960 verfügte die Erde gemäss den Daten der UNO (FAO) über 1,1 Morgen (1 Acre ≈ 4046 m²) bebaubares Land pro Kopf der Bevölkerung. Im Jahr 2000 waren es noch 0,6 Morgen. Und in den nächsten 40 Jahren soll die Weltbevölkerung von heute gut 6 auf 9 Milliarden Esser anwachsen. Weil der Bedarf an hochwertigen Nahrungsmitteln und nicht zuletzt der Bedarf an Anbau-intensiven Nahrungsmitteln rasch weiter wachsen wird, weil zum Beispiel immer mehr Chinesen bald ähnlich viel Fleisch konsumieren wollen wie wir Westler, wird der Bedarf an Landwirtschaftsland noch viel stärker zunehmen. Kommt dazu, dass wegen der Klimaerwärmung viel heute noch bebaubares Land verwüsten und unfruchtbar werden wird.
Das alles heisst: Die Preise für Nahrungsmittel werden steigen. Für die Konsumenten insbesondere in ärmeren Ländern eine Katastrophe, für die Landbesitzer, respektive die Investoren ein Segen.

Landgrab
Kein Wunder findet zur Zeit ein eigentlicher Wettlauf um Land statt. Englisch heisst das Phänomen "Landgrab", übersetzt auf deutsch etwa "das-sich-Land-unter-den-Nagel-reissen". Das der UNO (genau der FAO, der Landwirtschaftsorganisation der UNO) nahestehende International Food Policy Research Institute (IFPR) hat letztes Jahr eine eindrückliche Bestandesaufnahme des Phänomens gemacht und in einer interaktiven Karte dargestellt:

(Hervorragende, ausführliche Hintergründe gibt es in der Studie der IISD "A Thirst for Distant Lands". Mehrere spezialisierte Organisationen und Webpages berichten ausführlich und sehr engagiert über die Thematik: grain.org, farmlandgrab.org oder landcoalition.org).

Grossinvestoren aus dem Ausland
Nicht nur private Spekulanten, Banken und Pensionskassen investieren grosse Summen in Land, sondern nicht zuletzt auch Grossfirmen wie die Koreanische Daewoo, die versucht hat, halb Madagaskar aufzukaufen. Zu den grössten Landkäufern insbesondere in Afrika - (eine ausführliche Studie zum Thema Landgrab in Afrika gibt es hier.) - gehören die Staaten am Arabischen Golf. Saudiarabien hat 2008 seine jahrelangen, extrem teuren Bemühungen aufgegeben, auf künstlich bewässerten Wüstenflächen (siehe Top-Bild) mehr Nahrungsmittel im eigenen Land zu produzieren, und kauft inzwischen unter anderem im Sudan riesige Agrarflächen auf.

Chance und Bedrohung
Natürlich stellt dieser "Landhunger" für Länder der Dritten Welt auch eine Chance dar. Plötzlich ist ihr bisher "wertloser" Boden viel Geld wert. Doch die wenigsten "unterentwickelten" Staaten sind so aufgestellt, dass sie die Chance im Sinne des Landes und seiner Bevölkerung nutzen können. Die Verlockung für die aktuellen Machthaber, die neue Geldquelle für die persönliche Bereicherung zu sichern, scheint zu gross und die staatlichen Strukturen und Prozesse zur Bewältigung des Problems sind zu schwach. (Siehe "Thirst for Distant Land"). Die FAO hat denn auch schon heftig vor einer aufziehenden Katastrophe gewarnt. FAO-Direktor Jacques Diouf (Bild rechts) spricht von "Neo-Kolonialismus".

Agrar-Hilfe G-8
Welch dramatische Bedeutung die Problematik Land/Nahrungsmittelsicherheit inzwischen hat, hat eben der Gipfel der mächtigsten Industrienationen in L'Aquila (Italien) unterstrichen: Im Kampf gegen Hunger und Armut wollen die G-8 die Landwirtschaft in den Entwicklungsländern in den kommenden drei Jahren mit 20 Milliarden Dollar unterstützen. Offenbar hat sich insbesondere US-Präsident Barack Obama dafür stark gemacht, dass die Industriestaaten " bildhaft gesprochen", wie die Frankfurter Allgemeine schreibt, "keinen Weizen zur Bekämpfung des Hungers liefern, sondern Saatgut und Pflüge, die die Menschen zur Eigenversorgung in die Lage versetzen."
Was gut tönt, könnte auch ein Alarmsignal sein: Die FAO hat denn auch prompt gewarnt, trotz dieser - bisher bloss versprochenen - Milliardenhilfe seien die Länder in Afrika, noch länger auf direkte Nahrungsmittelhilfe angewiesen.
Insbesondere wird mit der versprochenen Hilfe das Hauptproblem nicht gelöst: Solange die Industrieländer ihre eigenen Landwirtschaften mit Milliarden subventionieren und damit ihren Bauern erlauben, die Märkte in Afrika mit künstlich verbilligten Produkten zu überschwemmen, werden die afrikanischen Bauern unter dem strengen Regime der Auflagen des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank nicht einmal auf den Märkten im eigenen Land konkurrenzfähig sein. (Viel sehr kritisches Material dazu u.a. bei ATTAC hier.)

Freitag, 10. Juli 2009

Freiheit und Lust in und an der Gewalt

Ich habe es immer als Privileg empfunden, in eine Zeit, einer Region geboren worden zu sein, in der Friede und nicht Krieg herrscht, in einer Gesellschaft leben zu dürfen, die einigermassen zivilisiert und gefestigt ist. Dieses Privileg verschont mich nicht nur mit einiger Wahrscheinlichkeit davor, Opfer einer Gewalttat zu werden, sondern auch, selbst zum Täter zu werden.

Mit Blick auf die sich häufenden Gewaltexzesse insbesondere junger Täter, sei es im Rahmen von Fussballspielen oder einfach im Bus in die Stadt oder bei der Klassenfahrt in München, muss ich allerdings befürchten, dass dieses Privileg zumindest gefährdet ist. Und wenn ich den Artikel von Wolfgang Sofsky, „Der grausame Charakter“, heute im "Tagesanzeiger" lese, mache ich ganz direkte Bezüge zu meiner unmittelbaren Umwelt, zur Schweiz, zu mir selbst. Ich stelle erstaunt fest, dass auch mein subjektives Sicherheitsgefühl hier in der Schweiz kleiner geworden ist.
Ich wechsle heute auch in der Schweiz schon mal die Strassenseite, wenn mir nachts in der Stadt zwielichtige Gestalten entgegen kommen. Oder ich schaue im Nachtbus stur weiter unbeteiligt zum Fenster hinaus, selbst nachdem mir ein 15-Jähriger vor die Füsse gespuckt hat.

Sofkys Artikel im Tagi ist ein Ausschnitt aus seinem neuen Werk „Das Buch der Laster“, das Ende August auf den Markt kommen soll. Sofsky variiert darin sein ständiges Thema: Gewalt, speziell die Folter. Was Sofsky besonders spannend macht: er interessiert sich nicht nur für die Opfer, sondern meist mehr für die Täter.
Wie schon in seinen früheren Büchern (u.a. "Traktat über die Gewalt“ oder „Zeiten des Schreckens“) ist bei Sofsky fast jeder Satz einfach schrecklich: schmerzhaft drastisch und konkret. Unerbittlich konsequent analysiert er die Gewalttaten und leuchtet tief in die Abgründe - auch in die Abgründe unserer/deiner/meiner Seele. Für Sofsky sind Gewalttäter nicht einfach Monster oder Opfer besonderer Umstände oder der Geschichte. Gewalt ist für ihn eine „anthropologische Konstante“. Wir Menschen sind so. Auch Sie, Du und ich sind zu Taten fähig, die wir im Normalfall nicht einmal zu denken wagen.

Leider wurde der Print-Artikel vom Tagi nicht ins Internet gestellt. Hier, die für mich wichtigsten Ausschnitte:

Einem Gewalttäter geht es laut Sofsky vor allem um die Ausübung, um das Erleben von Macht:
„Grausamkeit zielt auf vollkommene, totale und absolute Macht. Sie sucht alle Gegenwehr zu zerstören und dem Opfer die Fähigkeit zu rauben, Nein zu sagen. Sie spielt mit seinem Schmerz, zersprengt seinen Eigensinn, nimmt ihm den Willen und am Ende auch das Leben.“

Wobei, gemäss Sofsky, das Töten nicht das Ziel, sondern „für den Handwerker der Macht“ ein „Kunstfehler“ ist: „Mit dem Tod entgleitet ihm das Opfer. Nur solange es am Leben bleibt, dauert die Macht an. Wie es ihm gefällt, kann er den Menschen schänden und schinden, mit Wörtern und Schlägen, mit Gesten, Geschrei, Gelächter und Gewalt.“

Natürlich reflektiert hier Sofsky vor allem über die Folter, den Folterknecht und sein Opfer, aber die Situation, die Gefühlslage des Täters gilt genauso für einen jugendlichen Schläger, der auf ein hilfloses Opfer eindrischt. Auch die Situation des Opfers ist dieselbe:

„In der Hilflosigkeit des Opfers liegt der Genuss der Grausamkeit. ... Die wirksamste Methode ist der Schmerz. Ein wohlgezielter Schlag unterwirft die gesamte Person, überschwemmt ihre Empfindungen, tilgt die Selbstdistanz. Im zappelnden, wimmernden Schmerzbündel mutiert der Mensch zur Kreatur. ... Wer diese Metamorphose herbeizuführen vermag, der beherrscht den anderen vollständig. Nach Belieben kann er Schmerz an- oder abschalten, verstärken und verringern. Das Opfer ist ganz in seiner Hand.“

„Grausamkeit löst sich von allen Normen und Zielen. Sie ist kein Mittel zum Zweck, sondern Selbstzweck. Sie will nicht erpressen, strafen, vergelten, sondern sich selbst steigern. ... Sie anerkennt weder Regel noch Mass. Sie will nur sich selbst, die absolute Freiheit der Willkür.“

Sofsky spricht auch in seinen älteren Büchern in Zusammenhang mit absoluter Gewalt immer von einem "Gefühl der Freiheit" der Täter und/oder von einer „Emanzipation von der Moral“. Normen, Verpflichtungen, moralische Einschränkungen werden abgelegt. „ Die Fantasien des Bösen sind an keine Erfahrungen gebunden. Hemmungen und Regeln werden einfach abgeschüttelt.“
In der Grausamkeit der Tat entwickelt der Täter gemäss Sofsky eine spezielle „Kreativität“. Immer neue Formen der Peinigung entwickelt er. Diese Kreativität „öffnet die Schleuse für die Wonnen des Bösen. ... Die Laster, die er verschämt in sich verborgen hat, holt sie ans Tageslicht. Sie reizt seine Spielfreude, seine Selbstsucht, seine Lust an der Bestialität.“

„Die Emanzipation von der Moral bedeutet nicht, dass Grausamkeiten nur aus Perfidie oder Bösartigkeit begangen werden. Die wenigsten Menschenschinder handeln aus bewusster Immoralität.“ „Sie begeistern sich an der Machtaktion und nicht an deren amoralischer Qualität.“

„Die neue Freiheit hat ihren eigenen Reiz. Sie erspart Schuld und Scham, Mitgefühl und Selbstkontrolle, Verantwortung und Pflicht. Recht und Unrecht müssen nicht länger bedacht werden. Es ist wie das Abwerfen von Ballast. Daran kann das Gattungswesen rasch Gefallen finden. Der Grausame muss nicht mehr nachdenken, sich beherrschen, gegen sich ankämpfen. Endlich kann der Mensch seinen tiefen Riss in der Konstitution überwinden. Er kann einfach tun, was er will. Daher wird die Grausamkeit rasch zur lieben Gewohnheit, die auf Wiederholung drängt.“
Die Untat kann „mit Ekel, Stolz oder Geltungsdrang, mit Abenteuerlust und Langeweile, mit Berechnung oder Beflissenheit“ verbunden sein. „Unter den Lastern animiert sie – neben der Hochmut und der Untertänigkeit – vor allem die Feigheit zur Grausamkeit.“
„Der Feigling will nicht streiten und kämpfen, nicht mit Ebenbürtigen sich messen. Nur wenn er sich ganz sicher ist, wagt er sich aus der Deckung. ... In der Horde fühlen sich die Feiglinge stark.“

Täter fühlen sich oft gedeckt durch Hierarchien oder Gemeinschaften (Soldaten, Hooligans). „Die Täter sind grausam aus Gedankenlosigkeit, Willensschwäche oder Pflichtgefühl, aus Fügsamkeit oder Zügellosigkeit.“
Und:
„Was ihre moralische Ausstattung betrifft, unterscheiden sie sich keinen Deut vom gesellschaftlichen Durchschnitt.“


Uebrigens noch etwas Positives auf einer ganz anderen Ebene:
Mit dem Sofsky-Artikel setzt der Tagesanzeiger ein erfreuliches Zeichen: Es gibt noch wirklich lesenswerte Beiträge in der „Wüste der Beliebigkeit“ der Schweizer Medienlandschaft.

Mittwoch, 8. Juli 2009

Xinjiang: Chinas Wilder Westen

Fotos: AP/Reuters Urumqi Juli 2009

Die Provinz ganz im Westen Chinas, Xinjiang, wird seit Tagen von Unruhen erschüttert. Mit aller Härte versucht die chinesische Zentralregierung die Unruhen niederzuschlagen.
Noch bevor die Unruhen losgingen hat Parag Khanna auf seiner Homepage spannende Hintergründe aus dem "Wilden Westen Chinas", wie er die Provinzen Tibet und Xinjiang nennt, geliefert.

Karte: Stratfor

"Psychologisch", schreibt Khanna in seinem sehr ausführlichen Artikel "China's Final Frontier", "ist China ohne Xinjiang und Tibet wie Amerika ohne das Land westlich der Rocky Mountains." Auf seiner 3000 Kilometer langen Reise durch die Westprovinzen Chinas, Tibet und Xinjiang, hat Khanna auch festgetsellt, was Stratfor sorgfältig auflistet: Die Chinesen, genau die Han-Chinesen, nehmen demographisch im muslimischen Westen Chinas gegenüber der einheimischen, turkstämmigen Bevölkerung der Uiguren überhand: "Die Migrationspolitik der Regierung hat die ethnische Balance verschoben: Ende 2007 war das Verhältnis zwischen Han und Uiguren 46:54. In Urumqi, der Hauptstadt der Autonomen Provinz Xinjiang Uigur, sind die Han mit 73:27 in der Mehrheit."

Khanna schildert die Hintergründe der aktuellen Probleme. Wie meist geht es zuerst um Rohstoffe: "Tibet und Xinjiang haben das geographische Pech, entweder auf den Bodenschätzen zu liegen, die China will, oder auf dem Weg zu den Bodenschätzen, die China haben will." Xinjiang, das so gross wie Texas ist, verfügt über die grössten Rohstoffvorkommen in China für Oel, Gas, Kohle, Uran und Gold. Tibet hat Holz, Uran und Gold.

Dazu kommt der Bevölkerungsdruck aus dem chinesischen Osten: "Da die meisten (Han-)-Chinesen im Osten leben, die Bodenschätze aber im Westen liegen, ist der anhaltende Marsch der Chinesen westwärts unausweichlich", schreibt Khanna.
Chinas interne Konsolidierung, sei die "Geschichte einer multiethnischen, wiedergeborenen Grossmacht, die Strategien anwende, ähnlich der früheren Westexpansion Amerikas.

Und dann gibt's da ja auch noch das ewige Streben nach "Einflussgebieten". In Anlehnung an das historische "Great Game" zwischen Russland und Grossbritannien um Zentralasien im 19. Jahrhundert und um die "Seidenstrasse" (siehe Contextlink-Beitrag "Kampf um die Seidenstrasse") schreibt Khanna: "China ist entschlossen, die 21.Jahrhundert-Version des Great Game in Zenralasien zu gewinnen." Und dieses Einflussgebiet geht über die Westprovinz Xinjiang hinaus in die unendlichen Weiten Zentralasiens. Die Mittel, die China jenseits der Grenze anwendet, sind nicht militärisch sondern wirtschaftlich. Sei es, dass man einen Hafen in Pakistan baut oder eine Oelpipeline nach Turkmenistan und/oder Azerbeidschan finanziert; oder im Kleinen, indem chinesische Kaufleute - wie seit Urzeiten - den Kleinhandel in den Provinzstädten Kazakhstans, Kirgistans oder Usbekistans dominieren.

Karte: Stratfor