Dienstag, 28. April 2009

Mehrheit FÜR Folter


Es fällt mir sehr schwer, über die Folterthematik zu schreiben - grad weil sie mich seit Jahren so sehr beschäftigt. Wie häufig, muss ich nach verschiedenen gescheiterten Versuchen einsehen, dass Andere das besser können:

Heinrich Wefing hat jetzt in der "Zeit" einen Artikel "Soll man die Folterer laufen lassen?" geschrieben, der in Vielem dem entspricht, was ich in meinem Kopf nicht richtig habe ordnen können:
Das Folter-Memorandum des US-Justizministeriums empfindet Wefing auch als "eine Welt bürokratischer Perversion", in welchem peinlich genau definiert wird, wann die menschenverachtende Quälerei als "legal" zu rechtfertigen sei, " inklusive praktischer Hinweise: Welche Temperatur darf das eisige Wasser nicht unterschreiten, mit dem die Gefangenen abgespritzt werden? Fünf Grad.", und so weiter und sofort. "Es ist eine albtraumhafte Verzerrung dessen, was Juristen (und Mediziner) in einem Rechtsstaat tun dürfen."

Die Diskussion, die in den USA zur Zeit geführt wird, ob sich Folter im Sinne der übergeordneten "nationalen Sicherheit" im Notfall nicht doch rechtfertige und dass die praktischen Vollstrecker der Quälereien als simple Nicht-Befehlsverweigerer straffrei bleiben sollen, ist "die klassische Rechtfertigung aller Folterer dieser Welt". Und dass der Sonderbeauftragte für Folter, der österreicher Manfred Nowak da anderer Meinung ist und dies als "Verstoss gegen das Völkerrecht" qualifiziert, ist selbstverständlich.
In weniger medial aufgeheizter Situation wurde die Thematik auch schon von politisch weniger in die Enge Getriebenen diskutiert (u.a. hier: "Das Folter Dilemma"). Das Gescheiteste dazu hat für mich - einmal mehr - Jan Philipp Reemtsma geschrieben und gesagt, kurz zusammengefasst in diesem TAZ-Interview 2005.
Ganz am Ende seines wichtigen Buchs "Folter im Rechtsstaat" zieht Reemtsma ein schlichtes Fazit zur Problematik: "Wir sind, was wir tun."

Und dass die Täter, die staatlich legitimierten Folterer, gar nichts Spezielles sind, schon gar nicht einfach nur besonders verwerfliche Unmenschen, sondern sich bei ihrem Tun sogar vom "Volk" getragen fühlen können, zeigen die neusten Umfragen des Instituts Gallup in den USA: Mehr als die Hälfte der Amerikaner finden die Anwendung der Folter ("harsh interrogation techniques") gegenüber Terroristen richtig. Sogar über 60 Prozent von denen, die sich "intensiv mit der Frage auseinandergesetzt" haben, halten die Folter für angebracht. (Eine Zusammenfassung und Einordnung der Umfrage liefert der ISN-Artikel "Costs of War" von Shaun Waterman).

Ich halte die Amerikaner in diesem Falle für überhaupt nicht speziell, sondern bin überzeugt, ähnliche Umfragen in ähnlichem Kontext würden ähnliche Resultate zum Beispiel auch in der Schweiz ergeben.

Mark Danner, Professor an University of California, der mit der Indiskretion der Veröffentlichung des Reports des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) "ICRC Report on the Treatment of Fourteen 'High Value Detainees' in CIA Custody" (die wichtigsten Auszüge hier) den Folter-Ball in den USA richtig ins Rollen gebracht hat, entlarvt in einem neuen Artikel "If everyone knew, wo's to blame?" in der Washington Post die ganze politische Aufregung und die dazu inszenierte Medien-Empörung als pure Heuchelei, indem er aufzeigt, dass das Wissen über die von höchster Stelle abgesegneten Folterverbrechen nicht erst seit dem IKRK-Bericht und der Veröffentlichung des offiziellen Folter-Memorandums des US-Justizministeriums diesen April vorhanden und öffentlich ist, sondern bereits seit 2004. Unter anderem hatte damals die New York Times darüber berichtet, auch über das "Waterboarding". Danner zeigt, dass diese "dirty little secrets" nicht nur schon seit längerem dem Bush-Lager bekannt waren, sondern auch den Demokraten im Kongress. Danner stellt nüchtern fest, dass das Argument von Bush-Vize Dick Cheney, diese "erweiterten Befragungstechniken" seien entscheidend gewesen, um "einen weiteren Grossangriff" auf Amerika (ähnlich 9/11) zu verhindern, im Prinzip von allen geteilt wurde.
Danner nennt diese offenbar allgemeine Haltung der US-Politiker "deeply pernicious", wirklich schlimm, "weil es bedeutet, dass es "unmöglich ist, das Land zu verteidigen, ohne das Gesetz zu brechen." "Damit", schreibt Danner, " werden unsere Ideale und Gesetze zu einer nationalen Dekoration reduziert, die man beim ersten Anzeichen von Gefahr zur Seite schiebt."

Montag, 27. April 2009

Mein deutscher Philosoph

Foto: AP
Keine Frage, mein deutscher Lieblingsphilosoph ist Peter Sloterdijk. Ich weiss, dass ich damit nicht sehr exklusiv bin. Sloterdijk ist für viele deutsche (oder deutschsprachige) Intellektuelle eine Art Guru. (Sloterdijks eigene Homepage ist hier zu finden.)

Auch Sloterdijks neustes Werk, "Du musst dein Leben ändern", beschäftigt nicht nur mich. Dazu hier ein Beitrag, inkl. Interview, mit Peter Sloterdijk von 3Sat:



Peter Sloterdijk ist immer originell und sehr aktuell. Ich habe hier in Contextlink auch schon mehr über ihn geschrieben. Sloterdijk schreibt und sagt manchmal Sätze, die ich als Motto meines Blogs verwenden oder ausgedruckt als eine Art Glaubensbekenntnis über mein Pult hängen könnte – als eine Art Botschaft an mein Umfeld: Seht her, so denke ich, das meine ich!
 
Z.B. „Die Menschheit wird sich teilen und teilt sich bereits vor unseren Augen: In die, die weitermachen wie bisher, und jene, die bereit sind, eine Wende zu vollziehen.“ (FAZ-Online hier).

Oder: „Der Begriff „Gott“ war eines der stärksten Schutzschilde, hinter die man sich ein Weltalter lang zurückzog, um dem Ungeheuren standzuhalten.“

Sloterdijk denkt sich tief in aktuelle Themen, die mich beschäftigen. Wie der von ihm verehrte und oft zitierte Friedrich Nietzsche betreibt Sloterdijk „Kultur-Planetenkunde“. Die „Methode besteht in Beobachtungen unseres Himmelskörpers mit Hilfe von Aufnahmen kultureller Formationen aus grosser Höhe“ ("Du musst dein Leben ändern" S. 61).

Tatsächlich ist Sloterdijk manchmal etwas zu „hoch“ für mich, um nicht zu sagen abgehoben. Er ist immer auch eine – wohltuende – intellektuelle Herausforderung und „Übung“, um einen der Schlüsselbegriffe seines neusten Buchs "Du muss dein Leben ändern" zu verwenden. Es fällt mir häufig schwer, Sloterdijk zu lesen, zu verstehen. Er ist sehr gescheit und sehr differenziert. Man muss sich schon Zeit nehmen, sich auf ihn und seine Sprache einzulassen. Das übliche, alltägliche Lesen, das wir uns beim Konsum der geschriebenen Medien angewöhnt haben, ist ja mehr ein Ueberfliegen-Querlesen. Wir scannen die Texte auf Schlüsselbegriffe, fast wie die Suchmaschine von Google. Bei Sloterdijk liegt die Essenz immer auch in der Nuance, im Detail, zum Beispiel häufig in Adjektiven, die es nur bei ihm zu lesen gibt. Damit entspricht er einer der vielen starken Aussagen in seinem neusten Buch, es sei die Hauptsache im Leben, die Nebensachen Ernst zu nehmen. „Wo Nebensachen erstarken, wird die Gefahr, die von der Hauptsache ausgeht, gezügelt. Im Nebensächlichen höher steigen heisst dann, in der Hauptsache vorankommen.“ (S. 68)
Textbeispiel: „Gerade für die jüngere Moderne war und blieb es typisch, eine Allianz zwischen Barbarei und Erfolg vor grossem Publikum zuzulassen, anfangs mehr unter der Form von trampelhaftem Imperialismus, heute in den Kostümen der invasiven Vulgarität, die durch die Vehikel der Popularkultur in praktisch alle Bereiche eindringt.“ (S. 27)


- Ein faszinierendes Detail als Bestätigung für das Anders-Schreiben Sloterdijks manifestiert sich übrigens, beim Abschreiben seiner Formulierungen im „Word“. Die automatische Rechtschreibehilfe unterstreicht immer wieder Wörter, die grammatikalisch richtig sind, das simple Computer-Rechtschreibeprogramm aber nicht kennt und deshalb als „falsch“ rot markiert. 

Sloterdijk kann aber – vor allem im Gespräch – auch sehr journalistisch-populär und trivial formulieren. Zum Beispiel im FAZ-Interview zu „Du musst Dein Leben ändern“:
  • Frage der Journalistin: Was müsste Peer Steinbrück ändern?
  • Antwort Sloterdijk: „Er müsste als Erstes verstehen, dass es nicht seine Aufgabe sein kann, Arbeitsplätze an Bord der „Titanic“ zu sichern.“
  • Frage der Journalistin: „Und was kann ich als Journalistin tun?“
  • Antwort Sloterdijk: „Sie könnten sich gegen den Zwang auflehnen, von Dingen zu reden, auf die es nicht ankommt.“
Ueberhaupt ist das Medien- und Journalistenbashing – neben dem Pfaffenbashing – eine von Sloterdijks Lieblingsspielwiesen. Und bei beidem spricht er mir, präziser als ich denken kann, aus dem Herzen: „Sprache, die von ‚Sein“ verlassen ist, gerät zum Geschwätz.“ Sloterdijk spricht von „anschwellender Beliebigkeit“ und einer „galloppierenden Inflation des Geschwätzes“ ... „Inmitten der allgegenwärtigen Geschäfte mit den prostituierten Zeichen...“. (S. 38)

Dabei ist Sloterdijk selbst Journalist und TV-Moderator. Seine ZDF-Sendung "Das Philosphische Quartett" ist Kult. Hier die Runde zur aktuellen Krise:


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Mein Deutschland. Konzentrationslager.

Ich sei etwas arg germanophil kritisieren mich gute Bekannte. Ich würde insbesondere die üblen dunklen Flecken der deutschen Geschichte und der Deutschen ausblenden. Gemeint ist natürlich in erster Linie der Holocaust.

Also bin ich in die KZ-Gedenkstätte Dachau gefahren, um mich mit dieser Geschichte, über die ich in den vergangenen 30 Jahren sehr viel gelesen und nachgedacht haben, unmittelbar zu konfrontieren.

Dachau: Nüchterne Gedenkstätte des KZ-Modells
Zuerst war da eine Irritation: Als ich auf den öffentlichen Parkplatz der Gedenkstätte knapp ausserhalb Dachaus fahre, tritt mir ein Mann in den Weg. "Parkgebühr 3 Euro." Kein Hinweis auf eine Gebührenpflicht, schon gar kein Einfahrtstor, keine Abschrankung - vielleicht hat man hier eine verständliche Sensibilität gegen Abschrankungen. Mein erster Reflex, der mich in dem Moment schon wundert, als es mir durch den Kopf geht: "Jetzt verdienen die auch noch Geld damit." Der Eintritt in die eigentliche Gedenkstätte war dann gratis.

Dachau war das erste deutsche Konzentrationslager. Die ersten Gefangenen wurden hier schon 1933 interniert. Es waren zuerst politische Gegner, darunter auch Juden, aber vor allem Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, später auch Homosexuelle, Romas, Zeugen Jehovas, alle "Menschengruppen, die nicht in das nationalsozialistische Gesellschaftsbild passten und aus der "Volksgemeinschaft" ausgeschlossen werden sollten," wie es auf der Web-Page der Gedenkstätte heisst.

Dachau war das Modell der SS für alle weiteren deutschen Konzentrationslager.
Der Besucher betritt das Lagergelände heute durch denselben Zugang wie die Gefangenen damals: durch ein kleines, schmiedeisernes Tor im "Jourhaus" mit dem berühmt-berüchtigten Schriftzug "Arbeit macht frei".

Mich frappiert zuerst die Grösse des Lagers. Es war ursprünglich für 6000 Gefangene geplant. Bei der Befreiung am 29. April 1945 trafen die US-Truppen aber auf 30'000 Menschen.
Verstärkt wird dieser Eindruck der Grösse durch den Umstand, dass die 34 Baracken des Lagers, streng symmetrisch entlang der von Pappel gesäumten, breiten "Lagerstrasse", bis auf zwei Gebäude abgebaut sind und nur durch ein steinernes Fundament markiert sind. Das Gelände vermittelt den Eindruck einer grossen Leere.

Aktuell-vertraute Parolen
Stehen gelassen wurden verschiedene Funktionsgebäude wie das Krematorium, das Lagergefängnis oder das Wirtschaftsgebäude auf der anderen Seite des grossen Apellplatzes, auf dem die Häftlinge jeden Tag stundenlang zu Zählungen oder anderen Schikanen antreten mussten. Gemäss der Dokumentation in der KZ-Gedenkstätte im Internet blickten die Gefangenen dabei auf eine Inschrift auf dem Dach des Wirtschaftsgebäudes: "Es gibt einen Weg zur Freiheit, seine Meilensteine heißen: Gehorsam, Fleiß, Ehrlichkeit, Ordnung, Sauberkeit, Nüchternheit, Wahrhaftigkeit, Opfersinn und Liebe zum Vaterland."
Diese Parolen kommen mir unangenehm vertraut-aktuell vor. Sie sind auch heute, so - oder zumindest sehr ähnlich - auch in der Schweiz wieder in Gebrauch.

Mitschuld der gewöhnlichen Deutschen
Auf der Treppe des "Mahnmals" auf dem Apellplatz, in der wärmenden Sonne des ersten wirklichen Frühlingstages dieses Jahres, lese ich wie zur Verstärkung der Negativ-Suche einen Artikel in der aktuellen Ausgabe der "Zeit": "Celle, 8. April 1945". Er unterstreicht die Mitschuld "gewöhnlicher" Deutscher an den Verbrechen der Nazi-Schergen: Fliehende Lagerhäftlinge wurden damals in der kleinen, nordwestdeutschen Stadt Celle "gnadenlos gejagt". Und an der Jagd beteiligten sich, nur drei Tage vor der Eroberung der Stadt durch die Briten, "auch etliche Celler Bürger".


Emotionale Reaktion
Bei meinem Gang durch das Lagergelände wird mir bewusst, dass mich die sehr nüchtern gehaltene Gedenkstätte emotional wenig berührt. Ganz ähnlich ist es mir übrigens ergangen, als wir 1996 auf den Feldern bei Srebrenica filmten, wo tausende fliehender Männer aus der Stadt ein Jahr zuvor von serbischen Einheiten hingerichtet worden waren: Kein anbiederndes "Spüren der Seelen der Getöteten" oder Ergriffenheit. Eher nüchternes Bewusstsein. Vielleicht ist das auch ein Schutzreflex.
Die einzige emotionale Reaktion, die ich in Dachau an mir selbst registriere, erlebe ich beim Mahnmal und richtet sich nicht etwa gegen die Deutschen, sondern gegen Israel: Die Inschrift mahnt die "Lebenden", sich zu "vereinen zur Verteidigung des Friedens und der Freiheit und in Ehrfurcht vor der Würde des Menschen." Wie kann sein, dass der Staat Israel - der Staat der Juden - sich angesichts dieser Geschichte, so gegenüber den Palästinensern verhält?

Schuld als Alibi?
Die Deutschen, auch die Generationen, die die Nazi-Zeit nicht selbst erlebt haben, müssen mit dieser Geschichte, die auch ihre ist, leben. Viele entziehen sich heute der aktiven Auseinandersetzung. Nur ganz wenige meiner deutschen Freunde und Bekannten waren je in einer der zahlreichen KZ-Gedenkstätten. (Nur Einzelne haben sich aktiv mit ihren Eltern oder Grosseltern mit dem Krieg befasst). Bewusst ist ihnen allen aber diese "Schuld", die sie als Last - oder zumindest als unangenehm - empfinden. Tatsächlich hat dies aber mit ihrem Alltag nichts mehr zu tun. Dies empfinde ich genauso. Ich wünschte mir sehr, sie würden diese Geschichte auch als i h r e Geschichte akzeptieren und nicht aus dem Bewusstsein verdrängen;
sie würden sich noch einmal aktiv mit dem Geschehen auseinandersetzen, um sich davon zu befreien und zu einem positiven Pflichtgefühl finden und Verantwortung für die Zukunft übernehmen, sich nicht auf den eigenen Vorgarten beschränken.
Ich hege für den Bereich der Politik sogar den Verdacht, die belastete deutsche Geschichte diene Deutschland inzwischen auch als Alibi, heute in Europa und in der Welt nicht die Verantwortung zu übernehmen, welche aufgrund seiner wirtschaftlichen Stärke - und vielleicht gerade auch aufgrund seiner Geschichte - übernehmen müsste: Als positive Führungsmacht in Europa. (siehe dazu meine früher Contextlinkbeiträge hier und hier).

Nachtrag: Leben mit der Holocaust-Geschichte
Im unmittelbaren Anschluss an die Lagermauer beginnt in Dachau eine typisch-deutsche Vorstadtsiedlung mit gepflegten Gärten, Grillplatz und Autogarage. Beim Weggehen von der Gedenkstätte habe ich mit dem Handy das unten stehende Foto der deutschen Normalität mit - oder trotz - KZ-Geschichte gemacht: Im Hintergrund einer der Wachtürme des KZ, davor die Gärten und - fast trotzig - eine deutsche Flagge (leider auf dem Fötteli etwas klein).

Sonntag, 26. April 2009

Südafrika: Der zersplitternde Regenbogen

"The Splintering Rainbow" heisst eine 4-teilige Dokumentation von Al-Jazeera (AJ) zur politisch-sozialen Situation im aktuellen Südafrika. (Südafrika nennt sich Regenbogen-Nation in Anspielung auf das Zusammenleben von zahlreichen Sprachen und Kulturen, symbolisiert in den Regenbogenfarben der Nationalflagge).
In der Zwischenzeit hat Jacob Zuma von der Mandela-Partei ANC) die Wahl gewonnen, aber nicht so deutlich wie erwartet. Die AJ-Dokumentation gibt ziemlich genau ein Jahr vor der Fussballweltmeisterschaft ein realistisches Bild Südafrikas.
AJ kann das besser als ich selbst. Mein Bild Südafrikas ist wohl - aufgrund meiner bisher fast ausschliesslich positiven Erfahrung - zu positiv-optimistisch. Der AJ-Bericht ist aber mit Sicherheit auch ausgewogener als das Bild, das der Roman "Kap der Finsternis" von Roger Smith im Verlag Klett/Tropen 2009 zeichnet: Ein Horrorgmälde einer hoffnungslos desolaten südafrikanischen Gesellschaft.

Teil 1
(Doppelklicken auf das Bild bringt den grossen Bildschirm. Ei Klick auf das Symbol HQ, unten rechts am Bild, bringt die bessere Qualität)



Teil 2




Teil 3




Teil 4


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Mein Deutschland. Die Deutschen sind empört.

Die Deutschen sind empört
Nein, nicht die Schweizer sind der Grund für die aktuelle Empörung der Deutschen. Da verkennen wir die Grössenverhältnisse, respektive wir projizieren unser Schweizer Problem auf die Deutschen. Die bei uns medial so erfolgreiche Schweiz-Deutschland-Story interessiert hier niemanden.
Die Empörung dreht sich um Opel, genau, um die Gerüchte, Fiat könnte Opel übernehmen.

Anders als die Schweizer haben die Deutschen echt das Gefühl, persönlich von der aktuellen Wirtschaftskrise betroffen zu sein, oder zumindest bald einmal davon betroffen zu werden. Sie sind auf Einiges gefasst, aber das, das ist ein Schock: „Jetzt haben wir die jahrelang durchgefüttert und jetzt kaufen uns die Italiener auf“ , empört sich der bisher freundliche Herr am Frühstückstisch in einem Landgasthof unweit der Autobahn im Raum Augsburg, wo ich spät nachts noch einen verschlafenen Wirt rausgeklingelt habe. Das Frühstück ist mehr als reichlich, in der Ecke der guten Gaststube läuft das „Frühstücksfernsehen“. Gewerkschafter und Politiker überbieten sich in noch mehr Empörung und versuchen ihr Entsetzen mit pseudo-marktwirtschaftliche Argumenten zu kaschieren. Die Italiener, die ehemaligen Gastarbeiter, kaufen Opel. Dass Opel schon längst General Motors gehört, „ist etwas anderes,“ wie mein zufälliger Frühstückspartner klarstellt. Okay, es sei auch ein Fehler gewesen, sich mit „den Amis“ zusammenzutun: „Jetzt ziehen die uns mit runter, nicht nur bei Opel.“ Aber die Italiener, Opel: Undenkbar.
Was mein neuer Bekannter nicht sagt, ich ihm aber unterstelle zu denken, ist: Noch undenkbarer wären nur noch die Türken.

Natürlich ist es kein Zufall, dass auch hier in Deutschland die national-konservativen, z.B. die „Republikaner“ die Chance wittern, „dem Volk“ nach dem Mund zu reden: "Raus aus diesem Europa."

Die Schweiz? Nein, die Schweiz ist kein Thema, weder bei meinem Tischnachbarn noch bei meinen Freunden. Doch, doch, von irgendwelchen Schweiz-kritischen Äusserungen von Aussenminister Steinbrück gegenüber der Schweiz haben sie gehört, aber: „Das ist doch bloss Wahlkampf“ und: „Der wird sowieso nicht mehr gewählt.

Allerdings ist die Schweiz für fast alle Deutschen, die ich antreffe, sofort ein Thema, wenn sie mich als Schweizer wahrnehmen. Praktisch alle haben das Bedürfnis, mir gegenüber ihre positive Wahrnehmung der Schweiz kund zu tun.
Die Schweizer müssen zur Kenntnis nehmen, das die Problematik Schweiz – Deutschland oder Schweizer – Deutsche sehr einseitig und sehr schweiz-zentristisch provinziell ist: Viele bewundern die Schweiz geradezu, fast müsste man sagen: Die Deutschen lieben die Schweiz.

Das macht es für die Schweizer natürlich nicht einfacher. Ein Feind, der einen nicht ernst nimmt oder zumindest nicht in der Bedeutung wahrnimmt, die ich mir selbst zuordne, ist nur noch hassenswerter. Diese schlimme Erfahrung haben wir schon mit den Nachbarskindern im Sandkasten hinter dem Haus machen müssen.

Dabei sind es bei den Deutschen nicht etwa nur die üblichen Stereotypen der Schweiz, die Berge, die Ordnung, etc. Gegenstand ihrer positiv-Kritik: Es gibt kaum jemanden, der nicht zumindest Verständnis dafür hat - und mir das auch unbedingt mitgeben möchte -, dass „ihr Schweizer nicht in der EU seid“. Bei den Meisten klingt das fast wie eine Hochachtung. Auch die Kritischeren scheinen nicht zu bemerken, dass sie damit genau auf der Linie der Rechtsaussen mit ihrer anti-EU-Parole liegen.

Mittwoch, 22. April 2009

Mein Deutschland oder Wir Niemandskinder.


"Reise ich nach Deutschland, fühle ich mich sofort zu Hause," schreibt Jean Ziegler in "Kuhschweizer - Sauschwaben. Schweizer und Deutsche und ihre Hassliebe" (Herausgeber Jürg Altwegg und Roger de Weck 2003) und drückt damit einmal mehr das aus, was ich auch empfinde. „Warum diese Zuneigung?“ fragt sich der frankophile, aus der Deutsch-Sweiz stammende Genfer Soziologie-Professor Ziegler, „woher die vielen persönlichen Freundschaften?“
Natürlich begründet Ziegler seine „Faszination für Deutschland“ politisch-historisch. Genauer: Mit der Tatsache, „dass sich Deutschland stets geweigert hat, eine Nation zu bilden."
Und: "Die unerhörte kulturelle, lebendige, historische Vielfalt der deutschen Länder gibt Raum zum Atmen, bezaubert den Geist, weckt stete Neugier, belehrt und vermittelt ein unbändiges Gefühl de Freiheit.“

Dieses Gefühl der Freiheit erlebe ich auch wenn ich nach Deutschland fahre, allerdings viel profaner: Auf der Autobahn, ein befreiendes Gefühl des Unterwegs-Seins, hinauszufahren in den weiten Raum. Aber in einen vertrauten, nicht fremden Raum. Auch den Alltag zurücklassen. Ja, Deutschland verbinde ich auch stark mit Freizeit. Unzählige Male sind wir in früheren Jahren nach Deutschland zu Volleyballturnieren gefahren - "verdamp lang her"; ja, die Musik, volles Rohr, ist auch wichtig - , auch zum spielen, aber vor allem zum Party machen, alte Freunde treffen, neue Freunde machen. Einige dieser Freundschaften haben bis heute gehalten. Und diese persönliche Verbundenheit, diese Verwandtschaft mit vielen Deutschen, hat sich auch bis heute im beruflichen Bereich fortgesetzt und bestätigt. Und auch Ziegler scheint es ähnlich zu gehen: „Ich habe zum Glück viele Freunde und Bekannte in verschiedenen Länder Europas, aber die einzigen wirklichen Kosmopoliten unter ihnen sind die Deutschen."

"Mein Deutschland" hat Ziegler seinen Beitrag in Kuhschweizer - Sauschwaben" überschrieben. Er geht aber noch weiter und verwendet für "sein" Deutschland sogar einen häufig etwas schwierigen, missbrauchten Begriff: Heimat: "Heimat ist kein genealogischer, geographischer oder biologischer Begriff. Heimat ist ein Akt der Freiheit. Jeder wählt jene Heimat, die er will. Die Wahlverwandtschaften konstituieren jeden von uns. Viele deutsche Landschaften, Werke der Philosophie, Freundschaften und Gedichte sind Teil meiner Heimat."

So gesehen, ist das Deutsche tatsächlich auch für mich "meine Heimat". In diesem Sinne habe ich eine "deutsche Identität". Hugo Lötscher bezeichnet sie in seinem aktuellen Artikel in der "Zeit": "Was ist ein Schweizer" als "kulturelle Identität" im Gegensatz zu einer "nationalen Identität": "Meine nationale und kulturelle Identität decken sich nicht."
Was wie ein Nachteil aussieht, schreibt Loetscher, kann als Vorteil erachtet werden. Er zitiert Etienne Barilier (geb. 1947), einen Essayisten aus der französischen Schweiz: Ein Schweizer (Schriftsteller) lebt in einem Land, das nicht eine Kultur ist, und lebt nicht in einer Kultur, die eine Nation ist: »Wir sind Niemandskinder. Das ist weder eine Tugend noch ein Defizit, sondern das öffnet eine Perspektive auf die Welt.«

Diese Perspektive ist ein Privileg, aber auch eine Verpflichtung. Sie erlaubt keine Beschränkung auf eine einseitig nach innen gerichtete "Schweizer Identität". Jedenfalls nicht so, wie sie im Rahmen der Gründung des Staates Schweiz im 19. Jahrhundert erfunden wurde, eine romantisch-älplerische Mythologie verbunden mit einem gefährlichen Gefühl des Anders-Seins, gar des Ausserwählt-Seins, wie es heute von den National-Konservativen wieder missbräuchlich verwendet wird.

Es ist die Perspektive aus dem privilegierten Blick der Sicherheit, des Wohlstandes der Schweiz auf unsere deutsche Kultur und nicht zuletzt auch auf die Deutschen, mit ihrer unendlich schwierigeren Geschichte und Identität.

Für mich symbolisiert die Helvetia auf der Mittleren Brücke in Basel diese Perspektive und Haltung: Waffe und Schutzschild abgelegt, dreht sie der Schweiz den Rücken zu und blickt entspannt hinein in die Rheinebene. Dass in ihrem Blickfeld aber eben nicht nur Deutschland liegt, sondern auch das heute französische, an deutscher Kultur aber so reiche Elsass, unterstreicht diese kulturelle, deutsche Identität, die nicht durch neue, nationale Grenzen beschränkt wird.

Mittwoch, 15. April 2009

Die Habsburger: Eine neuer Mythos für die Schweiz?

Bild: Agnes von Ungarn, Habsburgerin, Aargauerin, gest. 1364

Es steht mir nicht an, meine ex-Kollegen vom Newsnetz zu kritisieren, aber weil ich mich zur Zeit intensiv mit den Habsburgern beschäftige, kommt mir ein Artikel auf baz.ch/tagesanzeiger.ch gerade Recht: "Familiensex-bis-zum-bitteren-Ende". Als spontane Reax habe ich dem Autor des Artikels, Matthias Chapman, ein Mail geschickt, das ich hier veröffentlichen und in einem Punkt ergänzen möchte, dem Passus zu Agnes von Ungarn am Schluss.

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Lieber Matthias

Was man nicht alles tut für eine Schlagzeile. Ich fürchte aber, mit dem Artikel beleidigst Du Deinen Intellekt. Die Verbindung Deiner Habsburger-Inzuchtgeschichte mit dem Schweizer Mythos (Morgarten, etc.) ist hanebüchen.
Generell sind Mythen immer gefährlich (manchmal mörderisch, echt. Siehe Backgroundinfos z.B. hier: "Mörderische Mythen"). Und alle, die sich ihrer bedienen, seien es Politiker, Journis oder andere Populisten, machen sich mitschuldig.

Ich gehe davon aus, dass Du die Hintergründe der Schweizer Mythen, geschaffen im 19. Jahrhundert, kennst. Zu Morgarten und der Rolle der "alten Eidgenossen" habe ich vor einiger Zeit ein kleines Stück geschrieben: "Der Blocher der alten Eidgenossen".

Spannend, aber auch Missbrauch-gefährdet wäre eine andere Habsburg-Schweiz-Geschichte: Die Geschichte "Ein Königshaus aus der Schweiz" (von Bruno Meier, Verlag Hier&Jetzt 2008). Es ist die Geschichte eines kleinen Grafengeschlechts aus dem Aargau, das sich zur Herrschaft über das römisch-deutschen Reich aufschwang, das Interesse an der hinterwäldlerischen Innerschweiz schnell verlor und sich statt dessen Oesterreich, Böhmen und Ungarn unter den Nagel riss. Keineswegs mit Inzucht-Sex, sondern - wenn schon - mit einer skrupellosen Heiratspolitik, welche die Söhne und Töchter des Hauses mit häufig wildfremden Partnern, häufig aus dem feindlichen Lager, verband.

Es könnte die Geschichte einer offenen, vernetzten Schweiz sein, die die "Globalisierung" seit Jahrhunderten geübt hat. Die Geschichte eines typisch schweizerischen Clans, echt europäisch. Die Habsburger wären Vorbilder, an denen sich moderne Schweizer orientieren könnten, nicht zuletzt unsere Bundesräte. Da könnten wir etwas lernen: Wie man Allianzen schmiedet, respektive die Grossen gegeneinander ausspielt, wie man Widersacher aus dem Weg räumt und andere (z.B. die alten Eidgenossen) das dreckig Geschäft für einen erledigen lässt.

Es gibt auch wunderschöne Parallelen - sehr boulevardesken Geschichten-Stoff - zwischen dem, was die habsburgischen Herren damals mit den Hinterwäldlern vom Vierwaldstättersee anstellten und dem was einige moderne Herren mit den bäurischen Pseudo-Patrioten in der aktuellen Schweiz anrichten. Eben Z.B. "Der Blocher der alten Eidgenossen".

Für die Frauen (ja, natürlich auch für die Männer) gäbe es unter den frühen Habsburgern eine äusserst spannende "Schweizerin" zu entdecken: Agnes von Ungarn (Bild oben am Kopf des Beitrags), Tochter von König Albrecht I. und Elisabetz von Görz-Tirol, mit 16 nach Ungarn verheiratet kehrte sie 1317 definitiv in ihre aargauische Heimat zurück. Vom Kloster Königsfelden aus zog sie bis zu ihrem Tod 1364 die Fäden der habsburgischen Interessen. Sie hat sich zwar sehr wohl auch um das Lokale (eher um die wichtigen Städte Zürich, Basel oder Bern als um die Waldstätte) gekümmert, ihr Horizont war aber das heutige Europa: Vom Burgund und Savoyen im Westen über die deutschen Fürstenhäuser im Norden, über Böhmen, Oesterreich und Ungarn im Osten bis Italien im Süden. (Meier S. 110 ff).

Ich wünsche Euch weiter viel Erfolg und auch einigen Spass bei der Arbeit

Gruss auch an die anderen Kollegen

Andrea

Sonntag, 12. April 2009

Die Geister der Demokratie, die wir rufen.

Foto: Rosemary McCabe
Die Empörung in den westlichen Medien hat sich auch Tage nach dem Bekanntwerden des Gesetzes über die ehelichen Pflichten schiitischer Frauen in Afghanistan nicht gelegt.
Nicht wahrnehmen wollen wir dabei, dass dieses Gesetz eigentlich nach Prinzipien entstanden ist, die wir - der Westen - in Afghanistan eingeführt haben und als universalen Wert bezeichnen: Die Demokratie.

Der Präsident Afghanistans, Hamid Karzai, hatte gemäss eigenen Angaben denn zunächst auch überhaupt keine Probleme, den Gesetzesentwurf, welcher das Familienleben innerhalb der schiitischen Minderheit (15%) in Afghanistan regeln soll, zu unterzeichnen.
Erst aufgrund des heftigen Aufschreis der westlichen Medien und der daraus folgende Reaktion der führenden westlichen Politiker hat Präsident Karzai beschlossen, das Gesetz noch einmal zu überprüfen.

In den westlichen Medien wird insbesondere der Passus, der das Sexualleben von schiitischen Ehepaaren regelt, herausgestrichen: In Artikel 132 des Gesetzes heißt es: "Die Frau ist verpflichtet, den sexuellen Bedürfnissen ihres Mannes jederzeit nachzukommen." (zitiert gemäss Spiegel.de) Wenn der Mann nicht auf Reisen sei, habe er mindestens jede vierte Nacht das Recht auf Geschlechtsverkehr mit seiner Frau. Ausnahmen kämen nur bei Krankheiten der Frau in Frage.

Obamas Reaktion an der NATO-Pressekonferenz vom 4. April entspricht natürlich unserem kulturellen Verständnis, zeigt aber das Dilemma: "Wir halten es für sehr wichtig, sensibel für die lokale Kultur zu sein, aber wird sind auch der Meinung, dass es gewisse Basis-Prinzipien gibt, die alle Nationen aufrechthalten sollten. Und der Respekt den Frauen gegenüber, ihrer Freiheit und Integrität, ist ein solches Prinzip."
In ähnlichem Sinne haben sich auch der britische Premier Brown und die deutsche Bundeskanzlerin Merkel geäussert. "
"Wir kämpfen dafür, dass alle Menschen in Afghanistan die gleichen Rechte haben.“


Gestern kam die zu erwartende Reaktion aus der islamsichen Welt: "Der Westen nimmt in Anspruch, die Demokratie nach Afghanistan gebracht zu haben", empörte sich der einflussreiche afghanische Kleriker Mohammad Asif Mohseni gestern auch vor westlichen Kameras. "Was bedeutet denn Demokratie? Es bedeutet Regierung des Volkes für das Volk. Der Westen sollte die Bevölkerung dieses Recht nutzen lassen", sagte der Kleriker und ihre Entscheide respektieren.


Tatsächlich hat der Westen ein unangenehmes Problem, mit dem er so oder in anderer Form in nächster Zeit noch öfter, nicht nur in Afghanistan, konfrontiert sein wird: Das für unser kulturelles Verständnis inakzeptable Familien-Gesetz für die Shia-Minderheit in Afghanistan ist das Resultat eines dreijährigen Prozesses, in den nicht nur die wichtigsten islamischen Gelehrten Afganistans, sondern auch das Parlament einbezogen waren.

Mit ihrer heftigen Reaktion demonstrieren die führenden Politiker des Westens allen anderen Kulturen deutlich, was sie unter "universalen" Werten verstehen oder als "Basis-Prinzipen, die für alle" geltend machen: Unsere westlich-christlichen Werte. Und zu diesem kulturellen Wertesystem gehören eben auch die "Menschenrechte" oder die "Demokratie".

Man darf sich nicht wundern, wenn Menschen anderer Kulturen besonders irritiert sind, wenn Resultate, die unter Anwendung der vom Westen verordneten demokratischen Regeln entstanden sind, nur dann gelten sollen, wenn sie auch den vom Westen erwarteten Inhalten entsprechen.

Aus Sicht der nicht-westlichen Welt ist mit der Empörung im Westen - und dem damit verbundenen Druck auf Präsident Karsai, das Gesetz über die "Sexpflicht für Frauen" zurückzunehmen, einmal mehr offensichtlich, dass "Demokratie" oder "universale Werte" eben doch nur Instrumente sind, die die Mächtigen dieser Welt je nach Gutdünken einsetzen, um ihre Interessen durchzusetzen.

Das Dilemma für uns Westler scheint unlösbar: Wir können uns ja wohl kaum vorstellen, dass wir im Namen der Demokratie akzeptieren, dass den (schiitischen) Frauen in Afghanistan grundlegende Rechte verwehrt werden. Wir sind aber auch nicht sehr glaubwürdig, wenn wir ein Land nötigen, einen demokratisch entstandenen Entscheid zurückzunehmen, wenn er uns nicht passt. Immerhin hat die Welt auch jahrzehntelang den Entscheid des Schweizer Stimmvolkes akzeptiert, den Frauen die gleichen politischen Rechte (das fundamentale Stimm- und Wahlrecht; erst 1971 eingeführt) zu verweigern.

Vielleicht tut der Westen besser daran, seine Interessen in dieser Welt nicht mit der Ideologie unserer Werte durchzusetzen zu versuchen, sondern ungeschminkt mit dem, was schliesslich auch die gewünschten Resultate bringt: Unsere Macht. Militärisch und wirtschaftlich.

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Übrigens: Dieselbe Erfahrung mit dem Westen haben auch die Palästinenser in Gaza gemacht. Sie haben 2005 in einer demokratischen Wahl, deren Rechtmässigkeit von internationalen Beobachtern bestätigt worden war, die Hamas gewählt. Der Westen hat sich aber geweigert, mit dieser gewählten Palästinenserregierung nur zu reden. Israel hat Hamas-Gaza mit einer Blokade belegt, und der Westen hat Israel schliesslich erlaubt, gegen dieses Volk und die von ihm gewählte Regierung einen blutigen Krieg zu führen.


Freitag, 10. April 2009

Blut-Smaragde aus der Schweiz Asiens

Bilder: alle von www.fieldgemolgy.org

Die Taliban haben sich neue Geldquellen (neben dem Opium-Handel) zur Finanzierung ihrer Kriegskosten im Kampf gegen die USA (und die pakistanische Regierungsarmee) gesichert. Wie auch andernorts wird der Krieg in Af-Pak nicht zuletzt durch Rohstoffe finanziert. Was in Sierra Leone, Angola oder dem Kongo die Blut-Diamanten sind ( Global Witness hat 1998 die Welt mit ihrem Bericht "Rough Trade" schockiert, ein starker DOK hat 2007 die Geschichte der Blutdiamanten nacherzählt), sind in Af-Pak die Blut-SMARAGDE.
Ende März haben Taliban-Kämpfer der TNSM (Tehreek-e-Nafaz-e-Shariat-e-Mohammadi = Bewegung zur Durchsetzung der Sharia) des Taliban-Führers Maulana Fazlullah die Smaragd-Minen von Mingora im Swat-Tal, der "Schweiz Asiens", in ihre Gewalt gebracht und sofort mit deren Ausbeutung begonnen. Vereinzelt wurde auch in den westlichen Medien darüber berichtet.
Im vergangenen Herbst hat Fazlullah gemäss dem indischen Politik-Institut IPCS zusammen mit dem verbündeten Taliban-Führer Baitullah Mehsud bereits die Smaragdminen von Fiza Ghat weiter oben im Swat-Tal erobert.
Diese Smaragdbergwerke rund um den Swat-Hauptort Mingora (Bild links) wurden bis anhin vom pakistanischen Staat kontrolliert. Eine Konzession für die Ausbeutung der Minen rund um die Stadt Mingora im Swat-Tal, hatte die amerikanische Bergbaufirma Luxury International inne, welche sich aber im vergangenen Sommer aufgrund des Bürgerkriegs zwischen der pakistanischen Regierungsarmee und den Taliban aus dem Gebiet zurückgezogen und die Minen stillgelegt hat. Die Taliban machen jetzt gemäss BBC geltend, dass sie mit der wieder Inbetriebnahme der Minen rund 1000 Menschen im Tal wieder Arbeit zu geben.
Oppositionelle Kreise in Pakistan behaupten, der pakistanische Geheimdienst ISI habe die Minen den Taliban zugehalten, um ihnen eine Finanzierungsquelle für den Krieg in Afghanistan zu bieten. (Hintergrund Pakistanischer Geheimdienst - Taliban siehe Contextlink-Beitrag "Obama und der Kampf um die Seidenstrasse").

Seit einiger Zeit sind die Taliban im Swat-Tal auch aggressiv in das Holz-Business eingestiegen, wie domain-b.com schreibt.

Auch im Norden Afghanistans haben die Taliban ihre Hand auf den Smaragdbergbau und - Handel gelegt. Im Panjshir-Tal, nördlich der NATO-Basis Bagram, wo zusammen mit den Amerikanern auch deutsche Bundeswehr-Einheiten stationiert sind.

Spannende fachspezifische Hintergründe zu den Smaragden aus Af-Pak liefert fieldgemology.org, eine Reiseorganisation für Diamantenfreunde, deren Experten 2006 eine Reise zu den Bergbaustätten im Swat- und Panjshirtal gemacht haben. Aus dem dazugehörigen Bericht stammen auch all die exklusiven Fotos in diesem Contextlink-Beitrag.
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Die Wasserkrise ist schon da (Up-Date)

Die neue Weltordnung ist ein "Kampf um Einflusssphären". Unter dem Strich: Kampf um die Kontrolle von Gebieten, in denen es "lebenswichtige Ressourcen" gibt. Dabei ist meist die Rede von Rohstoffen für die Industrieproduktion und in erster Linie der Kampf um Oel und Gas.

Dabei weiss man längst, dass es langfristig vor allem an EINER Ressource fehlen wird, ohne die Leben auf unserem Planeten schlicht nicht möglich ist: Wasser. Die UNO hat eben einen umfassenden, alarmierenden UN World Water Development Report vorgelegt. Eine hervorragende Info-Seite (inkl. Internationales) unterhält die Schweizer Wasserwirtschaft: Trinkwasser.ch.

Schon heute ist die Wasser-Krise da. Und keineswegs nur in der Dritten Welt (aktuell Mexico City, wo die Behörden die Wasserzufuhr für 2 Millionen Menschen unterbrochen haben) , sondern auch in der unbestrittenen Weltführungsmacht, den USA. Dazu im dritten Teil dieses Contextlink-Beitrags eine spannende Reportage von Al-Jazeera's "We the people - Water: Running On Empty".

Das globale Wasserproblem hat der Sender Phoenix (auf deutsch) sehr eindrücklich dargestellt:



Hauptsünder, Hauptverschwender ist die Landwirtschaft. Dazu der zweite Teil des Phoenix-Reportage:



Aber eben. Die Wasserkrise ist auch in der 1. Welt schon tägliche Realität. Auch in der Nation, die für sich in Anspruch nimmt, diese Welt auch in den nächsten 100 Jahren zu beherrschen: Die USA.

Sonntag, 5. April 2009

Unter Taliban-Feuer (Menschen im "Af-Pak-Theater"

Bild: Screenshot des BBC-Reporters Ben Anderson in der VBS.tv-Dokumenation "Inside Afghanistan")

Truppenverstärkung ("Surge") heisst das Schlüsselelement der neuen "AF-Pak-Strategie" der US, und der NATO: Die USA werden in den nächsten Tagen und Wochen über 20'000 zusätzliche Soldaten in das "Af-Pak-Theater" schicken; und auch die Europäer haben nach langem Zögern am NATO-Gipfel in Strassburg zugestimmt, zusätzliche 5000 Soldaten mit in die Hölle zu schicken. Damit folgen die "westlichen Verbündeten nach langem, berechtigtem Zögern, den Forderungen der neuen "Af-Pak-Strategie" der USA: Mehr Soldaten, mehr Feuerkraft." Noch immer ist es eine "Exit-Strategie". Hauptziel, ist der baldmögliche Rückzug aus Afghanistan, wobei alle wissen, dass bald in "Af-Pak" wohl mehrere Jahre bedeutet. Der Oberkommandierende der NATO-Streitkräfte in Af-Pak, US-General Petraeus, will sich auf keine präzise Prognose einlassen. Zur Strategie gehört aber auch eine neue Kriegstaktik: "Mehr Sicherheit für die lokale Bevölkerung." (Eine der gescheiteren Kritiken an der "neuen" Strategie hat Ulrich Iadurner in der "Zeit" geschrieben: "Der Bush in Obama".)

Wie das Leben der westlichen Soldaten in Af-Pak aussieht, zeigt eine Dokumentation von VBS.TV/Video. Zu sehen sind keine offensichtlichen Horrorszenen, Blut, Tote, Brutalitäten, sondern einfach Menschen im Krieg:
Durst, Müdigkeit, Galgenhumor und vor allem ANGST.
Der Film zeigt die Realität hinter dem hochtrabenden Gerede der Politiker von Freiheit, Demokratie und Sicherheit.

Die Dokumentation - mit den erläuternden Kommentaren des Autors Ben Anderson von der BBC (ein Artikel zum TV-Bericht hier) - erzählt gleichzeitig Einiges über die Journalisten, die über den Krieg berichten, die über kürzere oder längere Zeit mit den Soldaten leben. Sie haben sich alle um den Job in Af-Pak, sogar den Auftrag dort draussen an der Front, aktiv bemüht in ihrer Heimredaktion. Lassen Sie sich aber von der oberflächlich demonstrierten Coolness und dem Zynismus nicht täuschen: Auch die Journalisten sind im Stress, haben Angst, usw. Immerhin müssen sie niemanden töten und sie können bald wieder in sicheres Gebiet zurückkehren. Vor allem aber: Genau wie die Soldaten sind die Journalisten, die längere Zeit in Afghanistan im Kampfgebiet verbrachten, völlig desillusioniert: Dieser Krieg ist nicht zu gewinnen.

Die Bilder der Dokumentation wurde schon 2007 in Afghanistan gedreht, aber sie ist top-aktuell. Sie zeigt eine der ersten Operationen einer britischen Einheit gemäss der neuen Strategie "Counterinsurgency", die heute die offizielle Strategie der US-Armee und der NATO-Allierten für Afghanistan ist: Die britischen Soldaten kämpfen in kleinen Gruppen gemeinsam mit Soldaten der afghanischen Armee. Ihr Auftrag heisst nicht mehr früher nur "Clearing" (Räumung) eines bestimmten Gebiets und dann zurück in die gesicherte Grossbasis, sondern "Halten", dort bleiben in kleinen Aussenposten, so dass das Gebiet nicht nach dem Abzug der NATO-Soldaten von den Taliban/AlQaida (siehe Contextlink "Schattenarmee") wieder besetzt werden kann.

(die unvermeidliche Werbung zu Beginn jedes Teils kann oben links weggeklickt werden)
Teil 1



Teil 2



Teil 3



Teil 4




Teil 5




Teil 6



Teil 7



Teil 8



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Samstag, 4. April 2009

In die Hölle geschickt

Foto: Kanadische Truppen im Transportflugzeug in Kandahar (Afghanistan)

"Dispatches", Michael Herr's Vietnam-Roman aus dem Jahr 1977, "die Mutter aller Kriegsbücher", heisst auf Deutsch "An die Hölle verraten".
Die amerikanischen Militärs bezeichnen ein Kriegsgebiet als "Theater" . Afghanistan-Pakistan ist das "Af-Pak-Theater". Und in dieses höllische Theater werden jetzt also noch zig-tausend mehr junge Menschen geschickt. So haben es die proper krawattierten Chefpolitiker - und vereinzelt adrett jackettierten Chefpolitikerinnen - in Strassburg entschieden.

Ich weiss nicht, ob einer der Politiker heimlich darüber nachdenkt, was er da beschlossen hat? Was seine Zusage am Rande eines feinen Nachtessens in Baden/Baden für Tausende von jungen Menschen bedeutet? Für deren Freunde, Partner, Eltern, usw.? Hat er eine Vorstellung, was diese Menschen in Uniform dort im Af-Pak-Theater erwartet? Wie sie sich fühlen werden? Was sie erleben und erleiden werden? Und: Was sie anrichten werden?

Weiss er von der endlosen Angst, der diese Menschen ausgesetzt sein werden, die sie zerfressen und viele von ihnen psychisch zerstören wird? Hat er eine Ahnung vom Leben "dort draussen" in einem "Outpost", wie sie die neue US-Militärdoktrin der "Counterinsurgency" vorsieht? Von der Menschlichkeit, von der notgedrungen, aber um so intensiveren Kameradschaft, dem Gefühl der Zusammengehörigkeit, aber auch der Verantwortung füreinander? Von den vielen kleinen, aber um so wichtigeren, schönen Momenten auch in der schwierigsten Situation?

Einige der Politiker beim Gipfel grad jenseits der Grenze nördlich von Basel wissen ganz bestimmt davon, aber ich bin mir fast sicher, sie haben es verdrängt, als sie die technische Massnahme "Truppenverstärkungen" beschlossen haben. (Und vom Leiden derjenigen, die unter dem, was diese jetzt hinausgeschickten jungen Menschen im Namen des Friedens, der Freiheit, der Demokratie und der Sicherheit der gesamten Weltbevölkerung in Af-Pak anrichten werden, rede ich ich gar nicht.)

Wer zumindest einen Hauch von Ahnung erhaschen will, wie das Leben der westlichen Soldaten in Af-Pak aussieht, kann sich die Dokumentation von VBS.TV/Video im nächsten Contextlink-Beitrag ansehen.