Montag, 26. Januar 2009

Chaos im Kongo. Oder Start zur Auferstehung?

Bild: Getty Images/AFP

"There are huge things going on in the Congo now!", schreibt Robert Stewart in seinem neusten Mail an mich. Immens Wichtiges passiert zur Zeit im Kongo, von grösster Relevanz nicht nur für Afrika, sondern für die ganze Welt.
Doch niemand scheint zu wissen, was wirklich abgeht, auch nicht Robert Stewart, trotz seiner Insiderrolle, seinen vielfältigen Kontakten im Rohstoffbusiness und bis in die Regierungsspitze in Kongos Hauptstadt Kinshasa.

Im Kongo herrscht das Chaos. Erneut stehen fremde Truppen im Kongo. Zwischen 5 und 7000 Soldaten der regulären ruandischen Armee haben an der Ostgrenze des afrikanischen Riesenstaates Kongo die Grenze überschritten. Mit dem Einverständnis des kongolesischen Staatspräsidenten Joseph Kabila. Mehr noch: Die bestens ausgebildete und bewaffnete ruandischen Truppe gehen gemeinsam mit den Lottereinheiten der kongolesischen Regierungsarmee gegen die Reste der (ruandischen) Hutuarmee (FDLR) vorgehen, welche nach dem Genozid in Ruanda in den Kongo geflohen sind, vorgehen. Im Klartext heisst das: Die FDLR, ihre Soldaten, werden vernichtet.

Dies ist eine dramatische Wende der Politik des Kongo oder zumindest des Staatspräsidenten Joseph Kabila. Noch vor wenigen Wochen haben seine Soldaten gemeinsame Sache mit der Hutuarmee gemacht und dabei schwer Haue bezogen von den Milizen Laurent Nkundas, eines Vasallen des kleinen, aber militärisch starken Nachbarstaates Ruanda.

Mindestens so dramatisch ist die 180 Grad Kehrtwende Ruandas. Es hat sich mit dem kongolesischen Präsident Kabila verständigt. Ruanda hat sein Instrument im Kongo, Rebellenführer Laurent Nkunda, der noch im Herbst erfolgreich für die Interessen Ruandas Krieg gegen die kongolesische Regierungsarmee geführt hat, fallen gelassen und verhaftet. Dafür gibt es nur eine Interpretation: Das Instrument Nkunda wird nicht mehr gebraucht, wie auch die Grande Dame des westlichen Journalismus über die Region der Grossen Seen, Colette Braeckmann in ihrem Blog schreibt.

Gemeinsam mit den congolesichen Gruppen, sind jetzt die Ruander jetzt ist den Ostprovinzen des Kongo im nördlichen und südlichen Kivus unterwegs um ihr oberstes Sicherheitsproblem definitiv zu lösen: Die Bedrohung durch die Hutuarmee an der Westgrenze Ruandas. Doch mit der Beseitigung dieses Sicherheitsrisikos fällt wird die bisherige offizielle Begründung Ruandas für die Einmischung im Kongo in den letzten Jahren, inklusive Stellvertreterkriegen durch Vasallen wie Laurent Nkunda hinfällig.

Warum Kabila die Ruander ins Land gerufen hat, ist bisher unklar. Sein haupziel sei, es den Rebellengeral Nkunda lsozu werden und endlich wieder die Kongolesische Flaggen über dem Rebellenhauptquartier in Rutshuru flattern zu lasen, wie sich eine Quelle innerahlb der UNO-Truppen MONUC gegenüber dem südafrikanischen Online-Portal IOL ausdrückte.

Sicher ist, dass Kabila damit intern eine grosses Risiko eingeht. Die Ruander sind im Kongo verhasst. Der erneute Einmarsch der Ruander im Kivu empfinden die meisten Kongolesen als erneute Schmach. Der Präsident des kongolesischen Parlament Vital Kamerhe ist wie die meisten Kongolesen entsetzt: Er sei total überascht von der neuste Entwicklung und er fürchte um die Moral der kongolesische Bevölkerung, "who have just emerged from a traumatic time at the hands of the Rwandans," welche in den letzten 10 jahren zweimal das Land ins das Land eingefallen seien.
Werden die ruandischen Gruppen nicht wie abgemacht in 14 Tagen das Land wieder verlassen haben, oder wird es - was im Kongo "normal" wäre - wieder zu Massakern auch an der Zivilbevölkerung kommen, scheint es wahrscheinlich, dass Kabila das Manöver politisch (und vielleicht auch physisch) nicht überlebt.

Es gibt aber auch Beobachter, die nicht ausschliessen, dass das Manöver zu einem Meisterstück für den 2006 vom Volk gewählten jungen Kabila werden könnte. wenn es ihm gelingt einen nachhaltigen Frieden im Osten zu erreichen, kann er sich endlich an die Entwicklung des potentiell reichsten Landes Afrikas machen. Basis dafür ist der Wiederaufbau des Minengeschäfts, der Hebung der unermesslichen Reichtümer an Bodenschätzen im Kongo.

Doch
Wie alle Beobachter ahnen die Kongolesen, dass der offensichtlich in schwerster Not befindliche Staatspräsident des Kongo den Ruandern, viel weitreichenderes Zugeständnisse machen musste: Der Osten des Riesenlandes Kongo, speziell die Provinz Kivu wird zur Einflusssphäre des Kleinstaates Ruanda.


Klar ist, dass das, was in den Medien berichtet wird, nur die die sichtbare Oberfläche ist. Natürlich muss man im Kongo im wörtlichen Sinn unter der Oberfläche suchen, wenn man wenigstens eine Ahnung davon erhaschen will, was wirklich abgeht. Es geht immer um das Geschäft mit den Bodenschätzen.

Sonntag, 18. Januar 2009

Waffenstillstand in Gaza? Der Krieg im Kopf geht weiter.

Vielleicht - hoffentlich - schweigen die Waffen in Gaza. Vielleicht hört das Sterben auf. Aber der Krieg in den Köpfen geht weiter, er ist erneut entfacht. Niemand kann verlangen, dass die Palästinenser, die den Krieg, die Bedrohung, die Angst, die persönlichen Katastrophen in den letzten 3 Wochen erlebt haben, vergeben oder gar vergessen werden. Wie soll nur auf diesen Trümmern im Kopf je ein Frieden aufgebaut werden?

Wer eine Ahnung erhaschen will, von dem, was ich meine, führt sich vielleicht diesen Blogbeitrag von André Marty, Korrespondent SF in Israel, zu Gemüt: "Krieg - Live im israelischen Wohnzimmer". Viele sollten ihn sehen, lesen, vor allem auch diejenigen, die zynisch-intellektuell von ihrem Schreibtisch im warmen Büro aus ihre "Analysen" über den Krieg machen, über "die Mitschuld der Hamas" dozieren oder beim Kaffee über "das Recht auf Selbstverteidigung" schwafeln.

Vielleicht verstehen sie, wenn sie das Video sehen - welches ausser einem völlig schockierten Nachrichtensprecher kein Bild zeigt, nur eine Stimme am Telefon -, dass es im Krieg für die Menschen, die drin sind, nicht um "wer ist schuld?" geht. Alles ist einfach unfassbar, unvorstellbar, ein schwarzes Loch, bestensfalls Leere. "Warum tut man uns das an? Warum?" fragt der Vater. Es kann einfach nicht sein, aber es ist.

Schuld? Schuld sind alle diejenigen - egal auf welcher Seite sie stehen - , die nicht alles unternehmen, was in ihrer Macht steht, dass so etwas gar NICHT und NIE geschieht. Krieg ist mit nichts zu rechtfertigen.

Man muss den Vater am Telefon im Video gar nicht verstehen - er spricht als Palästinenser noch in der schlimmsten Verzweiflung hebräisch -, aber wer sich die englische Übersetzung zumuten kann, muss mit dem Curser rechts in die unteren Ecke fahren und auf das rote Kästchen mit der Bezeichnung "cc" drücken".



PS: Das Video sollte sich nicht zuletzt auch die "Schweizerin des Jahres", Bundesrätin Widmer Schlumpf ansehen, welche Deserteuren, künftig kein Asyl mehr geben will. Deserteure sind Menschen, die es nicht verantworten können, in einen Krieg zu ziehen, Leid zuzufügen. Es sind Leute, die den einzigen Weg wählen, um nicht zu Tätern und Opfern zu werden. Und wenn alle so handeln würden, wenn niemand dem Aufruf "zu den Fahnen" folge leisten würden, dann würde so etwas wie in diesem Video auch nie geschehen.

PS2 (So. 1800): Inzwischen hat Newsnetz/bazonline das Video ebenfalls ins Netz gestellt mit zusätzlichen, wichtigen Informationen.

Schweizer Regenwald

Foto: National Geographic/Michael K. Nichols

Vorgestern habe ich vom Tod von Andres Gut erfahren. Gestern Nacht habe ich auf Arte den sehr bewegenden DOK-Film von Christoph Kühn (2007) über Bruno Manser gesehen.
Natürlich ist das kein Zufall. Hier aber zuerst als Erinnerung an Bruno Manser wenigstens der Trailer zum Film:



Bruno Manser ist seit 2000 in Borneo verschollen. Andres Gut ist vor Weihnachten 2008 gestorben.
Ich weiss nicht, ob sich die beiden je begegnet sind und wie sie sich verstanden hätten. Sie teilten aber eine gemeinsame Leidenschaft: Den Regenwald. Auf den ersten, uninformierten Blick mögen sich Freunde von Bruno Manser, dem Kämpfer für den Erhalt des Regenwalds als Lebensraum für die letzten Naturvölker, wehren gegen eine positive gedankliche Verbindung mit dem Präsidenten einer Firma, die ihr Geld mit dem Holzschlag im Regenwald verdient.
Doch dieser positive Zusammenhang besteht:

Bruno Manser hat den Kampf um die Erhaltung "seines" Regenwaldes in Sarawak (Borneo) verloren. Der Wald, indem er zusammen mit den Penang sechs Jahre lang gelebt hat, ist heute praktisch zerstört. Aber Bruno Manser hat wesentlich dazu beigetragen, dass sich die westliche Welt und speziell Europa für die Problematik des bedrohten Regenwalds sensibilisiert hat und heute mehr als die Hälfte des in Europa verkauften Tropenholzes aus "nachhaltiger Nutzung" stammt und deshalb mit dem Label FSC (Forest Stewartship Council) der Umweltorganisationen versehen ist. (Foto bmf.ch)

Schutz dank Nutzung
Und dieses FSC-Tropenholz ist das Geschäft von Precious Woods, der Schweizer Holzfirma, deren charismatischer Präsident Andres Gut war. Andres Gut hat sich auch als Schützer des Regenwalds verstanden. Sein Philosphie, die Precious Woods u.a. in den Wäldern im Amazonas und im Kongo-Becken umzusetzen versucht, heisst: "Erhalt des Regenwalds DANK Nutzung" oder noch drastischer: Nur wenn er auch kommerziell genutzt wird, kann der Regenwald überleben.
Und dies ist im Prinzip heute auch die Position von Umweltorganisationen wie Greenpeace oder WWF, die hinter dem FSC-Label stehen. Nur noch militante Regenwald-Pressure-Groups wollen den Dschungel so erhalten, wie sie ihn romantisierend-westlich wahrnehmen: Als unberührtes und unveränderliches Paradies der seltenen Tierarten und Pflanzen.
Heute anerkennen die meiste Umwelt-Organisationen, dass auch die Menschen, die im und vom Regenwald leben, ein Recht auf dessen Nutzung haben. Dies ist mit Sicherheit etwas, was auch Bruno Manser unterschrieben hätte.

"Bäume ernten"
Es geht bei der Nutzung Regenwalds nach FSC-Kriterien, wie sie Andres Gut praktiziert hat, um ein nachhaltige, sparsame Nutzung des Dschungels in der Art, dass er nicht geschädigt wird und auch in den kommenden 50 oder 100 Jahren als Lebensraum für Flora und Fauna (inkl. Mensch) bestehen bleibt und auch weiter wirtschaftlich Nutzen bringen wird. Grossflächige Abholzung ist verboten, Bäume werden gezielt ausgewählt, einzeln gefällt und so abtransportiert, dass dem Wald kein nachhaltiger Schaden zugefügt wird. Wie das bei Precious Woods zum Beispiel in Brasilien funktioniert, zeigt dieses Video hier.

Nutzen für die einheimischen Menschen
Entscheidender Punkt ist nicht der Schutz der Umwelt oder zum Beispiel der Gorillas und Waldelephanten (dies auch), sondern der Schutz der Interessen der lokalen Bevölkerung. So ist eines der Kriterien zur Erlangung des FSC-Labels, die Beteiligung der lokale Bevölkerung. Dies hat dazu geführt, dass einzelne Holzfirmen die Pygmäen in "ihrem" Konzessionsgebiet mit GPS-Geräten ausgerüstet haben, mit welchen diese Bäume definieren, die sie nicht geschlagen haben wollen.
Diesen Aspekt des Einbezugs der lokalen Bevölkerung will die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) noch verstärken. Die Schweizer Sektion von GfbV hat das Prinzip des "Free Prior Informed Consent" (FPIC) erarbeitet, welches verlangt, dass eine Holzfirma nur eine Konzession für ein bestimmtes Dschungelgebiet erhält, wenn sie zuvor die in dem Gebiet lebenden Menschen umfassend über die Pläne informiert, sie mit diesen Plänen einverstanden sind und deren Beteiligung (Holz und/oder Gewinnanteil) vertraglich festgeschrieben ist.

Regenwald noch immer bedroht
Dies sind erfreuliche Entwicklungen. Bruno Manser und Andres Gut haben Wesentliches dazu beigetragen. Doch der Kampf um die Rettung des Regenwalds ist noch nicht gewonnen. Im Gegenteil. Bisher arbeiten nur die wenigsten Holzfirmen nachhaltig. Noch immer werden täglich riesige Flächen Regenwald zerstört, zum Schaden des gesamten Planeten Erde. Neben den Umweltorganisationen wie Greenpeace (viele Info zur Waldkampagne hier) oder GfbV braucht es neue Mansers und Guts. Es is auch ein Wettlauf mit der Zeit.

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Freitag, 16. Januar 2009

Andres Gut ist gestorben

Wie ich erst jetzt lese, ist Andres Gut am 12. Dezember gestorben.
Andres war eine beeindruckende Persönlichkeit. Er war ursprünglich Arzt und einer der Pioniere der Drogentherapie mit Jugendlichen. Seit 1983 war der Regenwald seine grosse Leidenschaft. In den vergangenen 25 Jahren hat er mit seinem Charisma und seinem Engagement dafür gesorgt, dass Precious Woods zu einem der weltweit führende Unternehmen der nachhaltigen Forstwirtschaft geworden ist. Seit 1997 war er Präsident des Verwaltungsrates von Precious Woods und hat sich auch den Respekt und die Anerkennung der Regenwaldaktivisten (u.a. Greenpeace) erworben. Die Hölzer aus den Precious Woods-Konzession (u.a. Amazonas, Congo) werden in Europa unter dem von den Umweltorganisationen (u.a. WWF, Greenpeace) anerkannten FSC-Label verkauft. Andres hat alle Leute immer korrigiert, wenn sie von "Holzschlag" gesprochen haben: "Wir ERNTEN Holz."

Ich habe Andres Gut erst im Frühjahr 2008 kennengelernt. Aber es hat noch gereicht für einige intensive, von Anfang an sehr persönliche Gespräche. Wir haben unter anderem auch gemeinsam Pläne für einen DOK-Film gemacht. Bei unserem zweiten Treffen hatte er eben die niederschmetternde Information erhalten, dass er Lungenkrebs habe. Er hat gekämpft, aber als Arzt war ihm bald klar, dass er nicht mehr lang zu leben hatte. Er hoffte aber, noch die Kraft zu haben, seine Pläne zur Übernahme einer Holzfirma in der Demokratischen Republik Kongo zu verwirklichen. Mehrfach ist er mit seiner Frau Erika in den Kongo gereist und immer noch begeisterter zurückgekehrt. Seine persönlichen Reiseberichte mit zahlreichen Fotos haben ich eben wieder fasziniert durchgeblättert (das Foto am Kopf dieses Contextlink-Beitrags und das Porträt nebenan stammen aus diesn Berichten).
Sehr schade, dass SF unseren DOK-Film-Antrag abgelehnt hat. Andres hätte es verdient gehabt, sein Lebenswerk durch ein ausführliches TV-Porträt gewürdigt zu sehen. Und für mich wäre es ein wunderbares Abenteuer mit vielen bereichernden Gesprächen mit diesem faszinierenden Menschen gewesen.

Am 12. Dezember ist Andres Gut gestorben. Ich nehme an, er ist "zu Hause" in Altstetten/SG begraben, aber als mein Symbol der Trauer für Andres, möchte ich das Bild des Grabes von Albert Schweitzer in Lambarene, im Regenwald des Kongo in Gabun, an den Schluss dieses Beitrags stellen. Andres hat sich dem "Urwalddoktor" "irgendwie verwandt" gefühlt und wir hatten mit dem Gedanken gespielt, als Schluss-Szene des Dokfilms, am Grab Schweitzers ein letztes Gespräch zu führen, indem Andres eine Art Bilanz ziehen könnte.

Donnerstag, 15. Januar 2009

"War on Terror": "Ein Fehler"

Ein sehr bemerkenswerter Artikel des britischen Aussenministers David Miliband ist heute im "Guardian" erschienen: Der "War on Terror", der Krieg gegen den Terror, den die USA nach dem 11. September 2001 gestartet haben und den auch Grossbritannien aktiv unterstützt und mit geführt hat, sei "irreführend und falsch" gewesen und habe wohl "mehr geschadet als genutzt", schreibt Miliband. Das Konzept des Krieges gegen den Terror hätte die falsche Einschätzung gemacht, es handle sich um einen geeinten, transnationalen Feind, verkörpert in der Person Osama bin Ladens und der Al-Qaida.
Tatsächlich hätten die verschiedenen islamischen Terrororganisationen sehr unterschiedliche Identitäten und Motivationen.

Dies neue Haltung Grossbritanniens ist sehr bemerkenswert. Nicht nur, weil damit Amerikas bisher wichtigster Partner das Scheitern dieses Krieges zugibt, sondern auch, weil sich damit Grossbritannien zum ersten mal offensichtlich vom alten Partner USA emanzipiert. Damit besteht zumindest eine Chance, dass sich Grossbritannien auch militärisch-politisch seinen EU-Partnern annähert und gemeinsam mit ihnen eine eigenständige Strategie zum Umgang mit dem islamischen Fundamentalismus entwickelt.
Die USA haben in der muslimischen Welt jeden Kredit verspielt. Eine "Abnabelung" von der unklugen Politik der USA erhöht Europas Glaubwürdigkeit in der islamischen Welt und kreiert neue Chancen auf eine friedliche Entwicklung mit den islamischen Staaten inklusive Iran in gegenseitigem Respekt, welche langfristig dem Fundamentalismus den ideologischen Boden entziehen kann.

Erster Schritt muss eine eigenständige Politik Europas in der Palästina-Frage sein, die Israel klar in die Schranken weist. Zu lange schon vergiftet die Israel/Palästina-Frage die Weltpolitik. Gelingt es Europa, eine gemeinsame Politik mit den wichtigsten Partnern im Nahen und Mittleren Osten für Palästina zu entwickeln, wird das Gebiet am Ostende des europäischen Meers, dem Mittelmeer, geostrategisch zur europäischen Einflusszone. Gelingt es nicht, wird sich die arabische Welt weiter in Richtung Osten, hin zur chinesisch-indischen Einflussphäre, orientieren, wie dies heute schon zu beobachten ist.
.Zusatz:
Damit übernimmt der britische Aussenminister Miliband die These, welche 2006 schon der indisch-stämmige Herasugeberes von Newsweek Inernational Fareed Zakaria vertreten hat. Ausschnitt aus einem Interview mit der Zeit vom Sept. 2006:
"Die Bush-Regierung hat einen großen strategischen Fehler begangen, der noch schwerer wiegt als der Irak-Krieg: Sie geht davon aus, dass wir alle gegen eine große Kraft, den „Islamo-Faschismus“ kämpfen. Für sie sind alle Menschen auf der ganzen Welt, die zu den Waffen greifen oder Terror ausüben, Kämpfer in derselben Schlacht. Doch so sieht die Realität nicht aus, und wir sollten sie gar nicht erst erschaffen. Pakistanisch finanzierte Terroristen in Bombay, tschetschenische Rebellen in Russland, unzufriedene Londoner Moslems und Schiiten im Libanon in einen Topf zu werfen und zu einer großen islamo-faschistischen Bewegung zu erklären, ist völlig verrückt. Die Welt des Islam ist sehr vielfältig. Wir sollten die Unterschiede zwischen Persern und Arabern, Schiiten und Sunniten, Fundamentalisten und Moderaten lieber für uns ausnützen. Das Gefährliche an Bushs Sicht der Dinge ist, dass sie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung ist. Nach einer Weile fühlen sich all diese Leute gleichermaßen von der westlichen Welt gehasst und verfolgt. Und dann hat man den Kampf der Kulturen wirklich herbeigeführt."

Mittwoch, 14. Januar 2009

1000 Tote in Gaza. NUR 1000 Tote.

Bild: Reuters (Telegraph)

Inzwischen ist die Zahl der Toten im Gazakrieg auf über 1000 gestiegen. Viele davon "Zivilisten", Frauen, Kinder. 1000 Schicksale, tausend, durch nichts zu rechtfertigende Tote Menschen. Und abertausende Hinterbliebene, verzweifelt, wütend, traumatisiert.

Und doch ist die Zahl von 1000 Toten, NUR 1000 Toten, ein Beleg dafür, dass Israel tatsächlich bisher sehr vorsichtig vorgegangen ist. Denn eigentlich müssten bei einem konsequenten militärischen Vorgehen in einem so dicht besiedelten Gebiet wie Gaza viel mehr Menschen ums Leben kommen. Noch immer zögert die israelische Armee, den Krieg wirklich in Gazas Zentrum zu tragen. Doch dies ist unausweichlich, wenn Israel sein Hauptziel dieses Krieges erreichen will: Wieder glaubwürdig abschreckend sein.

Ziel Abschreckung
Zipi Livni, Israels Aussenministerin, hat dieses Ziel heute in Bestätigung der schon früher geäusserten Thesen der Experten, z.B. von Stratfor, im Interview mit Spiegel Online offen zugegeben: "The operation was never about destroying Hamas -- rather our aim was to restore our deterrence capability." Es geht darum, das Image aus dem Libanonkrieg, aus Angst vor eigenen Verlusten nicht mehr wirklich konsequent militärisch vorgehen zu können, wieder zu korrigieren.
Doch das heisst, dass die israelische Armee jetzt dahin gehen muss, "wo's weh tut": Wirklich ins Zentrum von Gaza. Dabei wird Israel aber weiterhin alles daran setzen, die eigenen Verluste möglichst klein zu halten, so wenige Soldaten wie möglich im "Leichensack nach Hause zu bringen".

Militärisch-operative Logik
Was das bedeutet, hat einer der Generäle, Gadi Eisenkot, schon im Oktober in einem Interview mit der Zeitung Yedioth Ahronoth (zitiert in Al-Jazeera) klar gemacht, auch wenn er damals noch von einem Krieg in den Dörfern sprach. Dies gilt aber um so mehr für die Stadt:
"We will wield disproportionate power against every village from which shots are fired on Israel, and cause immense damage and destruction. From our perspective these [the villages] are military bases."... "This isn't a suggestion. This is a plan that has already been authorised."

Es geht darum, mit aller Macht alles maximal zu zerstören, was im näheren Umfeld der vorrückenden Truppen liegt. Es geht in erster Linie darum, die eigenen Soldaten zu schützen.

Maximale Gewalt und Zerstörung als Selbstschutz
Jeder Einheitskommandant, jeder Zugführer der in der Stadt vorrückenden Truppen hat nur ein Ziel: Möglichst niemanden seiner Leute zu verlieren. Das militärische Ziel des Auftrags wird zwar mechanisch ausgeführt, aber der Fokus der Menschen im Krieg ist einzig darauf ausgerichtet zu überleben.
Die Soldaten sind vollgepumpt mit Adrenalin. Sie haben Angst, Todesangst, alle Sinne sind panisch gespannt. Auch wenn die Luftwaffe und/oder die Artillerie schon alles platt gemacht hat, bevor die Soldaten in ihren Fahrzeugen oder zu Fuss in ein neues Gebiet vorrücken, gibt es keine Sicherheit, dass nicht irgendwo noch Feinde überlebt haben und sich versteckt halten. Niemand hat wirklich Lust aus dem Schützenpanzer auszusteigen, wenn die Gefahr besteht, dass noch irgendwo auch nur ein einziger Sniper/Scharfschütze in einem ausgebomten Gebäude lauert. Und niemand hat Lust, ein nur halbwegs zerstörtes Gebäude zu betreten, wo vielleicht noch feindliche Kräfte oder auch nur ein einzelner bewaffneter Zivilist verschanzt sind.
Und so wird wohl nocheinmal mit aller zur Verfügung stehend Zerstörungsmacht der eigenen Mittel wie Panzer, Granaten, etc. in die Gebäude gefeuert.

Und wenn sie dann schliesslich die zerstörten Gebäude doch zu Fuss durchkämmen müssen, sind die Männer immer noch voll panischer Angst und werden auf jeden Schatten schiessen, der sich vermeintlich bewegt. Wenn sie dann womöglich feststellen, dass sie nicht feindliche Kämpfer in dem Gebäude eliminiert haben, sondern vielleicht nur wehrlose Frauen, Kinder und Alte, ist der Horror nochmal grösser.
Doch die Soldaten müssen weiter vorrücken. Neue Gebäude, neue Gefahren, neue Angst, neue Gewalt und Zerstörung. Kameraden, Freunde drehen durch, werden verletzt oder getötet. Für Moral oder irgendwelche hehren Kriegsgesetze gibt es keinen Platz. Es geht nur um einen selbst und um den Kameraden im selben Dreck, der einem beisteht.

Psychische Zerstörung
Normale Menschen, auch trainierte Soldaten, können die tagelangen Angstzustände und den Horror, den sie selbst anrichten oder nur sehen, nicht verkraften. Sie werden traumatisiert, manche nachhaltig. Und sie tragen ihre Probleme zurück ins zivile Leben, in die Gesellschaft.

Das Phänomen heisst PTSD, Post Traumatic Stress Disorder. Genauer untersucht wurde es zuerst in den USA nach dem Vietnam-Krieg. Doch inzwischen gelten israelische Psychiater als die grössten Experten in Sachen Kriegstraumata. Sie habe jede Menge Erfahrung. Neuerdings versucht man, die psychisch zerstörten Soldaten mit einer Canabistherapie zu behandeln.
Untersuchungen über palästinensische PTSD-Patienten gibt es weniger.

Montag, 12. Januar 2009

Israels Krieg: Historische Vergleiche

Foto: Getty Images (Spiegel online)

Die Schweizer Medien vermeiden tunlichst jeden Vergleich zwischen dem Horror des 2. Weltkriegs und dem aktuellen Krieg Israels gegen Gaza. Kommentare in Leserbriefen oder auf Online-Portalen mit den Begriffen "Nazi", "Hitler", "Ghetto", usw. werden aussortiert. (Und auch ich hab's nicht gewagt, ein Bild aus dem 2. Weltkrieg an den Anfang dieses Blogbeitrags zu stellen).

Warum eigentlich? Zweitens, weil solche Vergleiche nie wirklich stimmen - es war immer anders. Erstens aber, weil politisch einfach zu heikel. Zu schwer lastet noch immer die Erinnerung an den Holocaust auf Europa, nicht nur auf Deutschland. Um darüber wirklich nachdenken zu dürfen und gar drüber zu schreiben, muss man wohl Jude sein, wie Uri Avnery, Gründer der israelischen Friedensbewegung Gush Shalom, 1933 nach Palästina eingewandert, langjährigerAbgeordneter im israelischen Parlament. Er macht die historischen Vergleiche. Telepolis hat seinen Artikel "Die Lügen des Kriegs" veröffentlicht und Facts 2.0 sorgt in verdankenswerter Weise dafür, dass Einige mehr in der Schweiz darauf aufmerksam werden:


"Vor fast 70 Jahren wurde während des Zweiten Weltkriegs in Leningrad ein abscheuliches Verbrechen begangen. Länger als tausend Tage hielt eine Gang von Extremisten, die 'Rote Armee' genannt wurde, Millionen von Einwohnern der Stadt als Geiseln und provozierte die deutsche Wehrmacht aus den Bevölkerungszentren heraus. Die Deutschen hatten keine andere Möglichkeit, als die Bevölkerung zu bombardieren und sie einer totalen Blockade auszusetzen, die den Tod von Hunderttausenden verursachte. Nicht lange zuvor wurde in England ein ähnliches Verbrechen begangen. Die Churchilbande versteckte sich inmitten der Londoner Bevölkerung und missbrauchte Millionen von Bürgern als menschliche Schutzschilde. Die Deutschen waren so gezwungen, ihre Luftwaffe zu schicken und die Stadt widerwillig in Schutt und Asche zu legen."


Natürlich weiss Avnery, dass wir diese Geschichten anders kennen: "Dies ist die Beschreibung, die jetzt in den Geschichtsbüchern stünde – wenn die Deutschen den Krieg gewonnen hätten."


Absurd? fragt Avnery. Um gleich selbst die Antwort zu geben: "Nicht absurder als die täglichen Nachrichten unserer Medien, die so oft wiederholt werden, dass einem speiübel wird: Die Hamas-Terroristen halten die Bewohner des Gazastreifens als "Geiseln" und benützen die Frauen und Kinder als "menschliche Schutzschilde", sie lassen uns keine Alternative, als massive Bombardements durchzuführen, in denen zu unserm großen Bedauern Tausende von Frauen, Kinder und unbewaffnete Männer verletzt oder gar getötet werden."

Es ist ein wütender, schonungsloser Artikel.
Avnery bemüht wohl zu Recht keinen Vergleich des Warschauer Ghettos mit Gaza, wie das arabische Medien machen. Denn im Gegensatz zu der Politik der Nazis im ersten Weltkrieg, strebt Israel nicht die Vernichtung der Menschen im Getto an. Gaza ist auch nicht als Durchgangsstation gedacht für den späteren Weitertransport seiner Bewohner in ein Vernichtungslager.

Nur, wie dann weiter mit Gaza? Die Bevölkerung wächst und ewig kann Israel die Palästinenser nicht auf dem Gazastrip konzentrieren oder gar eingesperrt halten. Ist Israel bereit, die ethnischen Säuberungen, die Vertreibung der Palästinenser aus ihren Dörfern im 6-Tagekrieg rückgängig zu machen, respektive die damals offiziell ausgearbeiteten Pläne für eine Rückkehr der Palästinenser aus den Flüchtlingslagern in Gaza, der Westbank und in Jordanien in die Tat umzusetzen? Gibt es überhaupt Platz für zwei Staaten auf dem Gebiet Palästinas? Sind die Israelis bereit, die Palästinenser zu integrieren, sich langfristig mit den Palästinensern zu vermischen? Oder gar - angesicht des klaren demographischen Verhältnisses - langfristig in der palästinenschen Gesellschaft aufzugehen?

Wenn die Antworten darauf Nein heissen, bleiben nur zwei Optionen: Die definitive Vertreibung der Palästinenser noch weiter weg, z.B. die erzwungene Auswanderung nach Aegypten oder eben doch der Genozid. Beides ist politisch und moralisch undenkbar.

Israel muss umdenken, wird umdenken und auf Leute wie Avnery oder Segev und viele andere Landsleute hören. Die aktuelle Politik, die zum Krieg gegen Gaza geführt hat, ist für Israelis nicht nur ein Desaster, sondern, wie es Avnery formuliert: "... auch ein Verbrechen gegen uns selbst, ein Verbrechen gegen den Staat Israel."
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Freitag, 9. Januar 2009

Arbeitslose China Schweiz

Fast hätt' ich heute gedacht, die Beijing Review hat meine aktuelle Geschichte auf baz.online (und Newsnetz) übernommen: Der Titel des Aufmachers des englisch-sprachigen Newsportals "Beijing Review" heisst: "Staying Employed".
Das ist exakt die Zusammenfassung der Kernaussage für die Schweiz von BAK-Direktor Professor Urs Müller im baz.online-Interview: "Wer seinen Job behalten kann, der kommt unbeschadet durch diese Krise durch."

In der Schweiz wie in China ist nur ein verschwindend kleiner Prozentsatz der Bevölkerung von der Arbeitslosigkeit betroffen. Trotz Krise. Kein Trost ist das für die, die es trifft. In der Schweiz könnten das gemäss den Prognosen des Seco bis Ende Jahr rund 200'000 Leute sein. In China sind es 24 Millionen Menschen, die 2009 einen Job suchen werden. Gemessen am Anteil der Bevölkerung ist der Unterschied aber gar nicht so gross. Dank aggressiven staatlichen Lenkungsmassnahmen will China die Arbeitslosigkeit dieses Jahr auf 4,6 % senken. In der Schweiz ist die Rede von einem Anstieg auf rund 4%.
Die Zahlen für die USA übrigens: Aktuell 7,2%, Prognose 2009 9% oder rund 10 Millionen ohne Job.
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Dienstag, 6. Januar 2009

Eine politisches Desaster für Israel – eine Chance für den Frieden

Der aktuelle Krieg Israels gegen die Palästinenser ist ein Desaster – auch für Israel. Israel verliert seine letzten Verbündeten. Die USA und ihre pro-israelische Lobby werden wohl noch versuchen, Israels Interessen so gut es geht zu verteidigen, aber die Isolation Israels ist ansonsten praktisch total. Regierungen, die bisher versucht haben, einen Kompromiss mit Israel und im Sinne Israels zu finden - wie Aegypten, Jordanien oder die Türkei - haben sich abgewandt. Angesichts der Katastrophe, welche Israel in Gaza anrichtet, bleibt ihnen gar nichts anders übrig, als sich von Israel abzuwenden, wenn sie nicht selbst gegenüber ihren eigenen Bevölkerung unglaubwürdig werden wollen.

Deutschland hat inzwischen begriffen, dass es besser ist zu schweigen, angesichts der Fakten, welche es nicht erlauben, irgend etwas Positives für Israel zu sagen.
Und auch der künftige US-Präsident Barack Obama zieht es offenbar vor, solange wie möglich, nicht wirklich Stellung zu nehmen.

Vielleicht aber - so zynisch das angesichts der ständig steigenden Zahl getöteter Zivilisten in Gaza scheint - rückt damit ein Friede im Nahen Osten näher. Israels Position wird viel schwächer sein nach dem Ende dieses Kriegs, auch wenn es „militärisch gewinnen“ wird.

Die nicht-amerikanische Welt - und nicht zuletzt Europa - ist wohl nicht mehr länger bereit zu akzeptieren, dass Israel aufgrund seiner einseitigen, kurzfristigen Interessen die ganze Region destabilisiert und einen nachhaltigen Frieden im Nahen Osten und mit der gesamten islamischen Welt verunmöglicht.

Und auch immer mehr Menschen in Israel werden begreifen, dass es keine Zukunft für sie gibt, wenn es Israel nicht gelingt, mit den unmittelbaren Nachbarn in Frieden zusammen zu leben.

Sonntag, 4. Januar 2009

Ueber den Krieg: My Lai, Gaza, ...

Natürlich verfolge ich intensiv den Krieg in Gaza. Vieles kommt hoch. Ich krame alte Bücher zum Thema hervor, lese alte Texte, die ich selbst geschrieben habe, suche Neues im Internet. Und da finde ich eine Doku-Serie auf Al-Jazeera: "On war", "über den Krieg", von einem (relativ jungen, amerikanischen) Reporter Josh Rushing. Von einem solchen Auftrag habe ich manchmal geträumt, doch so etwas würde das Schweizer Fernsehen nie in Auftrag geben. Vielleicht zu recht, denn wer will sich so etwas vom Sofa aus ansehen. Wer ist schon bereit, sich darauf einzulassen. Es ist kein Vergnügen, weil man sich auch Gedanken über sich selbst machen muss.
Aber ich finde, es ist dringend nötig. Möglichst viele Leute, sollten sich damit auseinandersetzen müssen, es wäre die beste Friedensförderung. Vielleicht aber ist es einfach eine Ueberforderung.

Der erste Teil der Serie "On war" mit dem Titel "My Class of 2000" wurde Mitte Dezember ausgestrahlt. Josh Rushing hat im Herbst 2000 seine Ausbildung in der US-Armee bei den "legendären" "Marines" abgeschlossen. Er ist anschliessend aus der Armee ausgetreten, anders als die meisten seiner Kollegen. Jetzt hat er fünf seiner alten Kameraden porträtiert, allesamt sind sie heute Irak-Veteranen. Dieser erste Teil der Serie hat mich wenig berührt. Ich fand ihn relativ oberflächlich. Immerhin gibt er dem Krieg im Irak ein menschliches Gesicht.

Wirklich geschüttelt hat mich aber der 2. Teil, der heute Abend zwischen zwei Newssendungen von Al-Jazeera aus Gaza gesendet wurde: Josh Rushing ist nach My Lai gereist, an den wohl berühmt-berüchtigten Ort in Vietnam, wo amerikanische GIs 1967 ein Massaker an wehrlosen Bauern angerichtet haben. Die Berichterstattung darüber hat damals die Welt erschüttert. Rushing hat dort in My Lai Überlebende getroffen .... und erstmals einen der GI-Täter dorthin gebracht. Erschütternd in vielfacher Beziehung, hochaktuell:



Fortsetzung:


Viele Israelis, jedenfalls fast alle Offiziere, die jetzt im Gazastrip einmarschieren mussten, haben Kriegserfahrung (Libanon 2006 und/oder früher). Sie wüssten mit Sicherheit, wovon die Alten (die Opfer UND die Täter) in My Lai in diesem Film sprechen. Vom Sterben, aber vor allem auch vom Töten.

Und vielleicht ist dieses Wissen der Grund, warum die Iraelis heute Sonntagabend, 4. Januar 2008, zögern, ins Stadtzentrum von Gaza vorzurücken. Dort wird der Krieg zum Häuserkampf. Die Soldaten wissen, dort lauert nicht nur die Gefahr für jeden einzelnen, selbst getötet zu werden, sondern nicht zu letzt auch die Gefahr, selbst zu töten.
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Freitag, 2. Januar 2009

Gaza: Israelische Bodenoffensive

Bild: AP, Archiv: Israelische Panzer in Gaza 2007

Die Militär-Analysten von Stratfor kommen zu einem spannenden Schluss:

Israel, das seit Tagen mit einer Bodenoffensive gegen Gaza droht, versucht alles, diese Offensive NICHT durchführen zu müssen. Die Hamas dagegen unternimmt alles, um Israel zu zwingen, diese Bodenoffensive eben doch zu starten.

Für die Stratfor Experten ist klar, dass Israel seine militärischen Ziele in Gaza mit der Luftoffensive nicht erreicht hat: Die Ausschaltung der wichtigsten Führungsinfrastruktur der Hamas und die Zerstörung der Abschussbasen für die Hamas-Rakete. Wenn Israel diese Ziele erreichen will, dann muss Israel seine Panzer und Soldaten in den Gazastreifen schicken.

"Time favors hamas", schreibt Stratfor. "Alles was Hamas jetzt tun muss, ist, sich auf das Ueberleben seiner wichtigsten Führungskräfte und seiner militärischen 'assets' konzentrieren." Israels Luftwaffe bombardieren gemäss Stratfor zur Zeit Ziele, die aufgrund von Geheimdienstinformationen vor Beginn des Kriegs definiert worden sind. Je länger sich der Luftkrieg hinzieht, desto wertloser werden diese Informationen. Die Hamas haben inzwischen ihre wichtigsten Personen und Waffen verschoben und auch das Kommando über die Kämpfer und deren Waffen an kleine, kaum lokalisierbare Untereinheiten delegiert.

Gemäss Stratfor versucht die Hamas mit ihrem fortgesetzten Rakenet-Beschuss israelischer Städte die Israelis "davon zu überzeugen, dass die Luftkampagne nicht funktioniert" und dass dadurch Israel "gezwungen wird, zum Bodenkrieg überzugehen."
"And that is where things get really messy":

Stratfor: "In einem Bodenkrieg würde Hamas nicht einfach nur auf heimischem Terrain kämpfen, sondern in einer Stadt. Der Gazastreifen ist kein Land, sondern eine Flüchtlingsgemeinschaft, welche seit einer ganzen Generation in einem rechtlichen no-man's-land gewachsen ist. Dies ist nicht ein Flüchtlingslager mit Zelten, sondern eine Stadt mit einer Bevölkerungsdichte fast wie New York, allerdings mit weniger Hochhäusern. Ein Krieg unter diesen Umständen bevorteilt in jeder Beziehung eine irreguläre, vielzählige Kampforganisation wie die Hamas und benachteiligt die technisch hochgerüsteten ('technophile'), aber zahlenmässig limitierten israelischen Einheiten."

Hamas sei daran, seine Kämpfer auf einen Abnützungskampf mit den Israelis vorzubereiten, "when they present themselves as targets". Eines der Mittel, welches Hamas gegen die israelischen Soldaten anwenden wird, sind Selbstmordattentate. Auch die Hamas wissen, schreibt Stratfor, dass die israelische Armee immer empfindlicher für Verluste (tote Soldaten) geworden sei ("causality-averse").

Alle wissen, dass die öffentliche Meinung in Israel sehr schnell gegen die Weiterführung des Krieges drehen wird, wenn israelische Soldaten sterben oder - fast noch schlimmer - in Gefangenschaft geraten. Und enstprechend spielt Hamas auch gezielt diese Karte: Sie droht mit Racheakten gegen israelische Soldaten. «Wir warten auf euch, dass ihr in den Gazastreifen kommt, um euch zu töten oder zu Schalits zu machen», hiess es in einer Erklärung der Hamas unter Anspielung auf den Soldaten Gilad Schalit, der vor zweieinhalb Jahren gefangengenommen wurde.
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Donnerstag, 1. Januar 2009

Victor Bout (41): "Händler des Todes" (Folge1) ... Eine Geschichte, die zum Himmel stinkt.

Das ist der Stoff, aus dem Politthriller sind und seine Geschichte soll auch die Vorlage für den Thriller "Lord of War" mit Michael Cage in der Hauptrolle gewesen sein: Victor Bout (41): "Merchant of Death", "Der Händler des Todes". Er soll der grösste private Waffenhändler der Welt (gewesen) sein.
Noch so eine "Inkarnation des Bösen". Natürlich fasziniert mich seine Geschichte, seine Person. Nicht zuletzt auch, weil seine Geschichte auch an Schauplätzen spielt, zu denen ich eine starke Beziehung habe. Afrika, der Kongo, aber weit darüberhinaus. Vor allem aber bin ich überzeugt, Bout's Geschichte ist viel vielschichtiger und noch viel spannender, als sie uns erzählt wird. Oder deutlicher: Die Geschichte, die man uns bisher von Victor Bout erzählt hat, stinkt zum Himmel.

Das heisst nicht, dass ich Bout für unschuldig halte. Er ist ohne Zweifel ein unglaublich skrupelloser Geschäftsmann, der bereit war, über Leichen zu gehen. Aber die wahre Geschichte liegt unter der spektakulären Oberfläche, bei denen, die jetzt mit dem Finger auf Bout zeigen, respektive bei denen, die die Medien mit Infos über den "Händler des Todes" füttern, um von der ganzen Wahrheit und ihrer direkten Implikation abzulenken.

Das ist die Geschichte, die man uns erzählt zusammengefasst in 5 Minuten:



Ausführlichere Infos zur Geschichte Victor Bouts, was ich dazu recherchiere und was ich persönlich hinein interpretiere, folgen in späteren Blogs.
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