Mittwoch, 31. Dezember 2008

Menschen in Gaza: Eingesperrt und bombardiert.

(Foto von Spiegel Online)

Während wir (ich) uns hochtrabende Gedanken über die Hintergründe oder die möglichen politischen Weiterungen der Israelischen Attacke auf Gaza machen, ist das Bombardement für 1,5 Millionen Menschen praktische Realität. Sie leben zusammengepfercht auf engstem Raum, meist ohne echten Schutz und ohne jede Fluchtmöglichkeit. Während Gaza auf der Frontseite von baz.online nicht einmal mehr eine Meldung wert ist, geht das Bombardement unvermindert weiter. Für die Menschen in der Stadt dauert der Horror inzwischen schon endlose 5 Tage an.

Menschen sind immer das Subjekt der Politik und im Krieg eben Opfer. Opfer sind nicht nur die, die in den Statistiken der Toten und Verletzten auftauchen. Vorvorgestern waren es die Menschen in Kellern der Deutschen Städte, vorgestern in Sarajevo, gestern in Grosny, heute in Gaza:
Für diese Menschen zählen nicht Kategorien wie Recht oder Unrecht. Es geht bloss um's Ueberleben, um maximale Bedrohung dessen, was allen Menschen am Nächsten liegt: Sie selbst, die engsten Verwandten, die Kinder, die Eltern, der Bruder, der Nachbar, die Kollegen.

Einen kurzen Einblick in die "Normalität" dieser Situation gibt diese Al-Jazeera-Reportage, aufgenommen gestern in Gaza. Nichts besonders Schreckliches, keine Toten, nur "Normalität":

Dienstag, 30. Dezember 2008

Israels arrogante Irrtümer

Foto Reuters

Es ist sehr schwierig, über Israel zu reden, zu schreiben. Auch in der Schweiz. Israel ist nach wie vor ein sehr emotionales Thema und der Einfluss der pro-israelischer Kreise ist beträchtlich.
Deshalb ist es besser, einer Stimme aus Israel eine Plattform zu geben, als sich selbst zu exponieren.

Der israelische Schriftsteller und Journalist Tom Segev schreibt in "Haaretz" :
"Der Hamas eine Lektion erteilen zu wollen, ist fundamental falsch."
( und der Umstand, dass eine israelische Zeitung solche Artikel und Meinungen veröffentlicht, ist definitiv eine Ehrenmeldung für Israel). Die Uebersetzung wie auch die kursiven ergänzenden Erläuterungen in der Klammer stammen von mir:

"Israel schlägt auf die Palästinenser ein, um "ihnen eine Lektion zu erteilen". Das ist die Basis-Prämisse (Presumption; Unterstellung), welche alle zionistischen Unternehmungen von Beginn an begleitet hat: Wir (Israelis) sind die Repräsentanten des Fortschritts und der Aufklärung, der Vernunft und der Moral, während die Araber primitive, gewalttätiges Gesindel sind, unwissende Kinder, die man erziehen muss, mit der Methode Karotte und Stock (carott-and-stick), genau wie der Eseltreiber dies mit dem Esel macht.

Israel hat schon immer geglaubt, wenn es die palästinensische Zivilbevölkerung leiden lasse, würde diese gegen ihre nationalistischen Anführer rebellieren. Diese Annahme hat sich aber wieder und wieder als falsch erwiesen.

Alle Kriege Israels basierten auf einer anderen Prämisse, die uns von Anfang an begleitet hat: Dass wir uns nur selbst verteidigen. "Eine halbe Million Israelis unter Beschuss" schrie die Schlagzeile der (Zeitung) Sunday Yedioth Ahronoth - als ob der Gazastreifen nicht einer übermässig langen Belagerung unterworfen gewesen wäre, die die Chance einer ganzen Generation zerstört hat, ein lebenswertes Leben zu leben.

Aber es lohnt sich, in diesem Zusammenhang noch eine weitere historische Wahrheit zu nennen: Seit dem Beginn der zionistischen Präsenz im Lande Israel hat keine militärische Operation je den Dialog mit den Palästinensern weitergebracht.

Das gefährlichste an allen falschen Clichés ist, dass es niemanden (auf Palästinenserseite) gebe, mit dem man reden könne. Das war noch nie wahr. Es gibt sogar Wege, mit der Hamas zu reden und Israel hat dieser Organisation (Hamas) auch etwas zu bieten. Die Beendigung der Belagerung Gazas und die Erlaubnis, sich frei zwischen dem Gazastreifen und der Westbank bewegen zu können, könnte das Leben im Gazastreifen wieder ermöglich.

Gleichzeitig ist es lohnend, die alten Pläne zu entstauben, welche nach dem 6-Tage-Krieg ausgearbeitet worden waren, welche vorsahen, tausende von Familien aus (den Flüchtlingslagern in) Gaza in die Westbank zurückkehren zu lassen. Diese Pläne wurden nie umgesetzt, weil die Westbank für jüdische Siedlungen bestimmt wurde. Und das war die schädlichste aller falschen, geltenden Prämissen."
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Montag, 29. Dezember 2008

... und Israels Beitrag zum Weltfrieden

(Foto Al-Jazeera aus Djakarta/Indonesien. Radikale Muslim-Gruppen in Indonesien suchen Freiwillige für einen Kampfeinsatz in Palästina)

Alle Analysten sind sich einig: Es ist nicht sicherheitspolitische Not, die Israels Krieg gegen die Hamas im Gazastriefen begründet, sondern simple innenpolitische Wahlkampftaktik.
Das darf aber einfach nicht wahr sein: Die persönlichen Animositäten und das innenpolitische Kalkül der israelische Politiker vergiften einmal mehr die Weltpolitik.

... und niemand weist die israelischen Politiker in ihre Schranken. Keine UN-Sanktionen, kein echter politischer Druck. Schamlos haben die Israelis das Vakuum des Präsidentenwechsels in den USA genutzt und zählen einmal mehr darauf, dass Europa wegen des schlechten Gewissens der Deutschen den Juden gegenüber unfähig ist, die nötige gemeinsame Nahost-Politik überhaupt erst zu entwickeln. Und so nimmt grad Europa in Kauf, dass die bescheidenen Ansätze für eine friedliche und partnerschafliche Entwicklung mit dem unmittelbaren Nachbarn und natürlichen Partner am Ostende des Mittelmeers wegen kurzfristigen innenpolitischen Interessen der israelischen Politikerkaste vor die Hunde gehen. Die Türken haben ihre Vermittlertätigkeit zwischen Israel und Syrien/Iran abgebrochen, die ausgestreckte Hand des Iran ballt sich wieder zur Faust, überhaupt werden alle Hardliner in der muslimischen Welt (inkl. Indonesien, Malysia, etc.) gestärkt, die Wut der frustrierten arabischen/muslimischen Massen kann sich wieder auf das westliche Feindbild fokussieren, und neue arabische Märtyrer werden bereit sein, den Dschihad bis in die Städte Europas zu tragen.

Oder gehen jetzt Europa vielleicht die Auge auf?

Freitag, 26. Dezember 2008

Text: Weihnachtsbotschaft Ahmadinedschad


Selten hat der alte französische Spruch: "Honnie soi qui mal y pense" besser getroffen wie jetzt: Alle diejenigen, die jetzt empört aufschreien ob er Rede des Iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinedschad, disqualifizieren sich und ihre Unterstellungen selbst. Es lohnt sich, Ahmadinedschad zuzuhören und zu verstehen zu versuchen. Vorurteilsfrei, ohne Hintergedanken und Unterstellungen. Die Rede wirkt für unsere Ohren sehr altbacken, aber auch sehr vertraut: Er redet halt wie ein verstaubter Pfarrer, aber jedes Wort, könnte auch von einer christlichen Kanzel so gepredigt werden.

Ich bin weit davon entfernt, die Augen zu verschliessen vor dem, was im Iran an Negativem läuft, aber es ist an der Zeit zu begreifen, dass hier eine ganze - uns sehr verwandte und nahestehende - Kulturnation, die von den USA (und Israel) zum maximalen Feindbild heraufstilsiert worden, uns, dem Westen, die Hand zum Frieden entgegenstreckt. Und nicht zum ersten Mal. Noch immer hat der künftige Präsident der USA, Barack Obama, das Gratulationsschreiben des Iranischen Präsidenten, mit ganz ähnlichen Inhalten wie in der Weihnachtsbotschaft, nicht einmal beantwortet!

Die höchsten Journalisten-Preise gebühren dem britischen Sender Channel 4, der Ahmadinedschad diese Plattform geboten hat. Dass sogar das Newsnetz die Unanständigkeit hat zu unterstellen, dieser Leuchtturm des Journalismus sei pure Quotenjagd ("Wahrscheinlich hat Channel 4 bei der Auswahl auch an die grosse Öffentlichkeit und somit an mehr Zuschauerinteresse gedacht - schliesslich befindet sich der Sender derzeit in der Krise.") empfinde ich persönlich als beschämend.

Vermutlich haben die wenigsten Medienschaffenden, die jetzt die negativen Reaktionen multiplizieren, die Rede gar nicht wirklich gehört. Die Inhalte, der Text der Rede Ahmadinedschads wird denn auch den Lesern bis auf wenige, minimalste Fetzen vorenthalten :

Hier ist er ganze Text übersetzt auf deutsch von "Scusi":


„Im Namen des barmherzigen Gottes, des Erlösers.

Am Tage der Geburt Jesu, Sohn Marias, Wort Gottes, des Erlösers, grüsse ich die Anhänger der abrahamitischen Glaubensrichtungen, insbesondere die Christen
und die Bevölkerung Großbritanniens.

Der Allmächtige schuf das Universum für menschliche Wesen und den Menschen seiner selbst wegen.

Er schuf jeden Menschen mit der Fähigkeit zu vollkommener Perfektion zu gelangen. Er rief den Menschen auf, jeden Versuch zu unternehmen, in dieser Welt ein gutes Leben zu leben und daran zu arbeiten, zum ewigen Leben (in den Himmel) zu gelangen.

Auf dieser schwierigen und an Herausforderungen reichen Reise des Menschen vom Staub zur Göttlichkeit überliess Er die Menschheit nicht sich selbst. Er wählte unter denen, die er geschaffen hatte, die hervorragendsten als Propheten aus, damit sie die Menschheit anleiteten.

Alle Propheten haben dazu aufgefordert, zu Gott zu beten, Nächstenliebe und Brüderlichkeit walten zu lassen, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und in Liebe in der menschlichen Gesellschaft miteinander umzugehen. Jesus, Marias Sohn, ist der Überbringer (der Botschaft), das Zeichen für Gerechtigkeit, Nächstenliebe, Kampf gegen Tyrannei, Diskriminierung und Ungerechtigkeit.

Alle Probleme, die die Menschheit durch die Jahrhunderte bedrängten, kamen auf, weil die Menschen dem falschen Pfad folgten und nicht auf die Botschaft ihrer Propheten achteten.

Jetzt, wo die Menschheit als Folge einer hochkomplexen Krise von Myriaden von Problemen gequält wird, können die Wurzeln des Übels in der Verweigerung der Menschen gefunden werden, sich der Botschaft zu öffnen, insbesondere die Indifferenz und Gleichgültigkeit einiger Regierungen und Mächte gegenüber den Lehren der göttlichen Propheten, speziell gegenüber der Botschaft von Jesus Christus.

Die Krisen der Gesellschaft, der Familie, der Moral, der Politik, der Sicherheit und der Wirtschaft, die das Leben der Menschen hart gemacht haben und die weiterhin großen Druck auf alle Nationen ausüben werden, sind über uns gekommen, weil wir die Propheten vergessen haben, Gott ist vergessen worden und einige politische Führer haben sich von Gott entfremdet.

Wenn Christus heute auf der Erde lebte, er würde zweifellos auf der Seite der Bevölkerung gegen erpresserische, üble und expansionistische Mächte angehen.

Wenn Christus heute auf der Erde lebte, würde er das Banner der Gerechtigkeit und der Christlichen Nächstenliebe gegen alle Kriegstreiber, Besatzer, Terroristen und Erpresser auf der ganzen Welt erheben.

Wenn Christus heute auf der Erde lebte, würde er ohne Zweifel gegen die Tyrannei der herrschenden wirtschaftlichen und politischen Systeme kämpfen, so wie er es zu seinen Lebzeiten gemacht hat. Die Lösung der jetzigen Probleme ist die Rückkehr zu dem, was uns unsere Propheten gelehrt haben. Die Lösung der Krisen ist nur möglich, wenn wir unseren Propheten folgen, die Gott uns zum Besten der Menschheit gesandt hat.

Heute ruft der Volkswille überall nach fundamentalen Veränderungen. Das findet jetzt statt. Forderungen nach Veränderung, Forderungen nach Transformation, Forderungen nach einer Rückkehr zu den menschlichen Werten werden rasch zu den dringlichsten Forderungen der Nationen dieser Welt. Die Antwort auf diese Volksbegehren muss ehrlich und reell sein. Voraussetzung für diesen Wechsel ist eine Veränderung in den politischen Zielen, Absichten und Richtungen. Wenn tyrannische Ziele auf irreführende Weise nur neu verpackt und in Täuschungsabsicht umverpackt werden, um den Nationen erneut als Last auferlegt zu werden, dann werden die erwachten Nationen sich dagegen erheben.

Glücklicherweise gewinnt eine Welle der Hoffnung an „Momentum“, just in dem Augenblick, da sich die Verzweiflung und Krisen vervielfachen. Hoffnung kommt auf nach einer helleren Zukunft und Hoffnung auf Gerechtigkeit, Hoffnung auf wirklichen Frieden, Hoffnung darauf wirklich begabte politische Führer zu finden, die das Volk lieben und ihm dienen wollen – und das ist es, was der Allmächtige versprochen hat.

Wir glauben, dass Jesus Christus zurückkehren wird, zusammen mit einem der Kinder des verehrten Gesandten des Islam und er wird die Welt zur Liebe, Brüderlichkeit und Gerechtigkeit führen. Es liegt in der Verantwortung der Christen und der anderen abrahamitischen Religionen für die Erfüllung des göttlichen Versprechens den Weg zu bereiten wie für den Beginn dieses glücklichen und wunderbaren Zeitalters. Ich hoffe, dass der kollektive Wille der Nationen sich in nicht allzu ferner Zukunft vereint und dass mit Gottes Hilfe diese glückliche Zeit auf Erden anbricht.

Noch einmal grüsse ich Sie alle am Tage von Christi Geburt. Ich bete dafür, dass das Neue Jahr ein glückliches, prosperierendes, friedliches und brüderliches Jahr für die Menschheit wird.

Ich wünsche Ihnen allen Erfolg und Glück!"

Toter Esel

Die Süddeutsche Zeitung zitiert eine "klein Geschichte" aus dem "Kulturmagazin" "Die Gazette", die es Wert ist, multipliziert zu werden:

"Chuck kauft für 100 Dollar einen Esel. Das Tier stirbt vor der Lieferung. Chuck will sein Geld zurück, der Farmer hat es aber angeblich schon ausgegeben. Nun will Chuck den toten Esel, um ihn zu verlosen. Verlosen? Ich sag' den Leuten einfach nicht, sagt Chuck, dass er tot ist. Einen Monat später trifft der Farmer Chuck wieder. Was aus dem Esel geworden ist? Ich hab' ihn verlost, 500 Lose zu zwei Dollar verkauft und 998 Dollar Gewinn gemacht.

Hat sich keiner beschwert? Nur der Kerl, der den Esel gewonnen hat. Dem habe ich seine zwei Dollar zurückgegeben. "

Die Erzählung endet in der "Gazette" mit der Anmerkung: "Heute arbeitet Chuck für Goldman Sachs."

Dazu der Kommentar der Süddeutschen: "Die Geschichte erklärt, wie Leerverkäufe funktionieren. Sie erklärt nicht, wie so ein Eselsmodell zum Weltfinanzprinzip werden konnte und was dagegen zu tun ist."

Mittwoch, 24. Dezember 2008

Medikamente verschmutzen den Rhein

Einen wichtige Artikel in der BaZ von heute möchte ich anleuchten, weil er im Weihnachtstrubel unterzugehen droht. "Nicht abbaubare Stoffe belasten den Rhein." (Die Badische Zeitung hat schon am 1. Dezember darüber berichtet).
Die Problematik macht deutlich wie wichtig ein Umdenken in der Umweltfrage weg vom "Weniger-Schädlich" hin zum "Nützlich" ist, wie es das Prinzip Cradle to Cradle aufzeigt.

Der Rhein ist heute so sauber wie wohl seit dem frühen Mittelalter nicht mehr. Aber Grund- und Trinkwasser, für die der Rhein das "Eingangstor" ist, sind weiterhin belastet. Es sind nicht mehr die Produzenten giftiger Stoffe, die schädlichen Stoffe in den Rhein bringen, sondern die Konsumenten der Produkte dieser Produzenten: Menschen und Tiere. "Arzeinmittelnutzer sind die grössten Verschmutzer" titelt die Badische Zeitung. Das ist etwas zugespitzt. Tatsächlich sind Medikamente konsumiert von Menschen und Tieren die wichtigsten Verschmutzer des Trinkwassers, aber gemeinsam mit Pflanzenschutzmitteln aus der Landwirtschaft.
Es sind Stoffe, die "die Kläranlagen nicht schaffen", sie sind nicht abbaubar und werden von diesen Kläranlagen unerkannt in den Rhein gespült.
Gemäss den Befunden der Wissenschaftler der Arbeistgemeinscchaft Wasserwerke Bodensee-Rhein (AWBR) sind es:
Arzneimittelrückstände wie Antibiotika, Röntgenkontrastmittel, Pflanzenschutzmittel, Fluorverbindungen, Benzinzusatzstoffe und synthetische Komplexbildner.

Das Beispiel eines Pflanzenschutzmittels aus dem Obst- und Weinbau zeigt die Problematik und insbesondere die Komplexitität:

Im Sommer 2007 mussten unterhalb Basel mehrer Wasserfassungen am Rhein geschlossen werden, weil sie zu hohe Konzentrationen an Dimethylsulfamid (DMS) aufwiesen. DMS entsteht beim Abbau von Tolylfluanid, welches seit rund 30 Jahren als Fungizid in den Rebbergen und Obsthainen am Rhein verwendet wird. Bis vor kurzem galt es harmlos, respektive "untoxisch". Jetzt aber haben die Wissneshcaftler herausgefunden, dass das Abbauprodukt des Fungizids DMS bei der Trinwasseraufbereitung, genau bei der Ozonisierung in verschiedene
Substanzen zerfällt, darunter das krebserregende Nitrosodimethylamin (NDMA).

Lange mussten die Wissenschaftler suchen, bis sie die Spur gefunden hatten, woher das Nitrosamin kam. Inzwischen an man die enstprechenden Fungizide verboten. Doch die Chemikalien sind im Boden extrem langlebig und werden wohl noch länger im Trinkwasser zu finden sein.

All diese Informationen stammen von einer Pressefahrt, welche die AWBR Ende November veranstaltet hat. Dabei hat der Präsident der AWBR Johann-Martin Rogg auch die einzige, wirkliche Lösung für das Problem genannt (wobei offensichtlich niemand - vielleicht nicht einmal ers elbst - die Bedeutung dieser Aussage erkannt hat):
Es gelte "im Dialog mit den Produzenten Produkte zu entwickeln, die für die Gewässer nicht belastend" sind.

Das ist das Prinzip Cradle to Cradle: Alle Stoffe in einem ewigen Kreislauf zu halten und dabei Stoffe verwenden, die nicht anderes Leben schädigen. Das von der Umweltagentur EPEA in Hamburg verbreitete Prinzip geht vom "Design" eines Produkts aus, wie es der AWBR-Präsident gefordert hat: Bereits bei der Entwicklung des Produkts dürfen nur Stoffe verwendet werden, welche entweder rest- und schadlos abbaubar sind, oder zurück in den Kreislauf der Nutzung geführt werden können.

Beim Beispiel der Fungizide muss zum Beispiel die Agro-Chemie in die Verantwortung genommen werden, ein Produkt erst auf den Markt zu bringen, wenn auch seine Langzeitwirkung bekannt ist: was geschieht beim Abbau, wie reagiert es bei der eventuellen Weiterbehandlung in anderen Kreisläufen. Wie Komplex diese Problamtik ist, zeigt das Beispiel der Fungizids: Es genügt also nicht, nur zu garantieren, das ein das Fungizid weder für die bespritzen Pflanzen und das Wesen (Mensch oder Tier), das diese Pflanze konsumiert, unschädlich ist, es mus auch sichergestellt sein, dass das Produkt keine "Nebenrisiken" beim Weiterleben in anderen Kreisläufen mit sich bringt.

Sonntag, 21. Dezember 2008

"Das Zeitalter des Weniger"" vs. "Lustvolle Verschwendung"

"Eat less. Consume less. Waste less." So lautet, gemäss David Bosshart, CEO des GDI (Gottlieb Duttweiler Institute) in Rüschlikon/Zürich, das Motto für die Zukunft. Und: "Willkommen im "Zeitalter des Weniger" schreibt das Trendforschungs-Institut GDI (The Brain Pool) in seinem neusten Newsletter (Den gibt's nur via gratis-Mitgliedschaft). Das GDI hat im September eine ganze "Trendtagung" durchgeführt, um über den "Paradigmawechsel" zum "Weniger ist mehr" nachzudenken. Dabei wurden "erfolgversprechende Strategien für die Zukunft des Weniger" entwickelt. Von "Mässigung", "Beschränkung","Vernunft" war einmal mehr die Rede.

Das ist Depression pur. Und darauf sollen wir unsere Zukunft bauen? Sicher nicht.
Längst gibt es optimistische, realistische und vorallem lebensbejahende Perspektiven. Schade, dass auch das "renommierte" GDI weiter das depressive Lied des "Weniger" als Megatrend predigt.

Depressives Selbstbild: Der Mensch ein Schädling
Hinter diesem "Trend" des "Weniger" steht ein hochgradig depressives Selbstbild der Menschen/der Menschheit: Wir sind schlecht! Der deutsche Umweltforscher Michael Braungart spricht von einem "Schuldkomplex". Wir wissen: Wir Menschen zerstören die Natur. Der Mensch ist ein Schädling. Wir sägen am Ast, auf dem wir sitzen.
Pessimistische Umweltphilosophen wie Derrick Jensen sehen uns deshalb schon im "Endgame", weil "Zivilisation grundsätzlich unvereinbar (ist) mit ökologischer Nachhaltigkeit". Die besten Wissenschaftler und die UNO stellen Szenarien auf: "Wieviel Mensch erträgt die Welt?".

Religiös verbrämte Selbstüberschätzung: Die Krone der Schöpfung
Dieses depressive Selbstbild ist die Kehrseite unserer (westlichen) Selbstüberschätzung, welche wir religös untermauert haben: Wir sind "die Krone der Schöpfung", was uns ein einmaliges Recht gibt: "Macht Euch die Erde untertan". Die Erde, die Natur steht uns zur Verfügung, wir nutzen sie, wir beuten sie aus. Der Mensch steht ausserhalb der Natur, der "Schöpfung" wie Theologen oder gläubige Christen sagen würden.

Diese schizophrene Haltung zwischen Selbstüberschätzung und Selbstkritik sorgt zur Zeit für eine "Kultur des schlechten Gewissens". Was uns allerdings nicht davon abhält, unser Verhalten weiter nicht wirklich zu ändern: Wir wissen, dass wir die Umwelt verschmutzen, wenn wir Autofahren. Wir fahren trotzdem. Wir sind sogar bereit, für unsere Sünden zu bezahlen, z.B. über dem Emissionshandel, welcher uns ein perverses "Recht auf Verschmutzung" gibt.

Ziel: Weniger schlecht sein?
Was das GDI als "Motto für die Zukunft" ausgibt, als "Paradigmawechsel", ist nichts anderes als das, was auch die offizielle Politik der Mächtigen dieser Welt als höchstes Ziel anstrebt: Weniger. Von Umkehr, gar von Umdenken, ist da keine Spur. Verzweifelt versucht man, etwas weniger Schaden anzurichten, die Umwelt etwas weniger zu verschmutzen, das Artensterben zu verlangsamen, etc.. In der Summe versuchen wir, etwas weniger schlecht zu sein. Doch unter dem Strich bleibt der Mensch ein Schädling, der auf sein selber verursachtes Ende zutreibt, vielleicht etwas weiniger schnell, aber genauso unausweichlich.

Der wirkliche Paradigmawechsel: Der Mensch als Nützling
Was die Menschheit braucht ist ein wirkliches Umdenken, einen echten Paradigmawechsel:
Der Mensch ein Nützling, kein Schädling mehr.
Doch das ist fast unmenschlich schwierig, denn der Mensch muss sich von seinem religiös verbrämten arroganten Selbstbildnis lösen, etwas Spezielles, Höheres, Auserwähltes zu sein.
Wir Menschen müssen lernen, uns als Teil dieser Natur zu sehen. Nicht mehr oder weniger als eine Ameise, eine Amöbe oder ein Virus.

Das ist die Philosophie, das Prinzip "Cradle to Cradle". "Fort von einer 'Reduzierung der Nachteile' und hin zu einer "Maximierung des Nutzens".
Das ist der Paradigmawechsel, eine radikale Abkehr von der Depro-Strategie des Weniger, eine positive Herausforderung: Es genügt nicht einfach nur WENIGER zu schaden, wir müssen NUETZEN".

Was für eine Befreiung! Wir dürfen wieder wachsen ohne schlechtes Gewissen, wenn dieses Wachstum nicht schadet, sondern nützt, allen, der Natur. Mehr noch: Wir dürfen sogar verschwenden, "intelligent verschwenden" wie es die Vordenker des "Cradle to Cradle" William McDonough und Michael Braungart formulieren, sogar "lustvoll verschwenden".

Dass dies keine esoterische Fantasterei ist, illustriert Michael Braungart anhand zahlreicher Fälle aus der Praxis in seinem neusten Buch "Die nächste Industrielle Revolution". Für Firmen wie Ford, Nike, Airbus, Unilever oder Shaw ist das Prinzip Cradle to Cradle schlicht "Business". Den Film dazu habe ich in den früheren Contextlink-Beitrag "Abfall = Nahrung" gestellt.

Dass davon das GDI, der "ThinkTank" und "Brain Pool" offenbar bisher noch nichts gehört hat, ist mehr als erstaunlich.

Samstag, 20. Dezember 2008

Weihnachtskitsch

Gastbeitrag von Martina Müller (Theologin)

Gestern war ich an einem traditionellen Krippenspiel, mit Maria und Josef, Hirten, Königen und allem, was sonst noch dazu gehört. Wenn es nach mir ginge, müsste dieser ganze Kitsch verboten werden. Nein, die Geschenke, die Musik, die Spendenfreudigkeit, auch der Stress vor dem Fest, das stört mich nicht. Ich kann mich ja raushalten. Aber diese unsägliche Geschichte von der Herbergssuche und der Geburt im Stall, dem Besuch der redlichen Hirten und der Könige.

Dabei ist diese Geschichte von der Geburt des Jesus von Nazareth eine Geschichte aus dem Untergrund, eine Geschichte vom Widerstand gegen ein diktatorisches Regime. Ob unsere Kinder diese Geschichte nicht viel spannender und vor allem inspirierender fänden als den süssen Krippenkitsch?

Ich denke, es war so (Bibeltext und Kommentare lassen diesen Schluss zu):

Die Geschichte
Maria, ein sehr junges Mädchen, vielleicht aus frommem Haus, bereits verlobt mit einem aufrechten jungen Mann, wird schwanger. Das Land ist unter Besatzung. Liegt der Gedanke, dass der Erzeuger dieses Kindes ein Besatzungssoldat ist, so fern? Es liegt nahe, dass auch damals die Soldaten in einem besetzten Land genauso verfuhren mit der Bevölkerung, den Mädchen und Frauen, wie heute. Josef, der junge Mann, gehörte vielleicht zum bewaffneten Widerstand gegen die Besatzer, ziemlich sicher aber zu deren Sympathisanten (die Namen aller seiner Söhne, inkl. Jesus, sind Widerstands-Namen). Er muss sehr wütend gewesen sein, als er das mit der Schwangerschaft seiner Verlobten erfuhr. Es war ihm aber offensichtlich auch klar, dass er sie jetzt nicht im Stich lassen konnte und durfte. Diese jungen Leute und mit ihnen andere, alte und junge, haben eine Vision von einer Welt, in der die Menschen von der eigenen Hände Arbeit in Frieden untereinander ein gutes Leben leben können. Manche dieser Leute, und ich denke unser junges Paar gehörte dazu, rechneten mit der Kraft des Himmels als Hilfe in dieser Sache, manche hofften auf einen ‚König’, eine integre Führungsfigur, beauftragt von Gott, genannt "Messias", der die Wende herbeiführen würde. Andere wollten diese mit Waffengewalt herbeiführen.

Nun kommt der Steuerbefehl der Besatzer in die Aufregung mit der Schwangerschaft. Josef wird wohl einer von denen gewesen sein, die sich geweigert haben, Steuern zu zahlen. Den Römern ist er nichts schuldig. Denen dient er nicht. Das heisst aber, er muss weg! Am Besten geht er nach Bethlehem, dort hat er Verwandtschaft, dort kann er untertauchen. (So verstehe ich die ‚Schatzung’ des Kaisers). Und Maria geht mit. Als das Kind in Bethlehem zur Welt kommt, legen sie es in eine Futterkrippe. Sie bringen es nicht um bzw. setzen es aus, obwohl sie bestimmt nicht in einer Lage sind, in der man sich ein Kind wünscht. Sie umsorgen es nach ihren Möglichkeiten. Natürlich waren Hirten in der Nähe. In deren Unterstand kam das Kind wahrscheinlich zur Welt.

Die Deutung

So beginnt das Heil der Welt. Immer, nicht nur damals: Eine junge Frau gibt sich nicht geschlagen, ein junger Mann lässt sie nicht im Stich. Sie weigern sich, den Herrschenden zu Diensten zu sein. Hirten, eine verachtete und übel beleumundete Spezies, geben ihnen Unterschlupf. Ein Kind kommt zur Welt und wird, so schlecht die Lage auch ist, willkommen geheissen und umsorgt, so gut es geht. Kein Wunder, dass Engel sich dies nicht entgehen lassen wollen, dass göttlicher Glanz auf der Erde erscheint, dass ein Stern aufgeht und Gelehrte vom Land der aufgehenden Sonne herbeilockt. Auch kein Wunder, dass ein machtbesessener König Herodes Angst bekommt vor soviel Widerstandskraft und versucht, dieses neue Leben, dieses Symbol des Widerstands, zu vernichten.

Gott selber sei damals zur Welt gekommen. Was für eine Vorstellung von Gott! Eine Kraft von unten. Ein Potential wie neugeborenes Kind. Unvollkommen, im Werden, ausgerichtet auf Zukunft, an dem, was sein kann.

Das wäre doch eine Mutgeschichte, nicht nur für unsere Kinder. Oder nicht?

Ach ja: die Originalgeschichte steht in der Bibel im Evangelium von Lukas und von Matthäus.

Freitag, 19. Dezember 2008

Von Ameisen und Menschen

Ameisen haben eine 4-mal grössere Biomasse als die Menschen. Ihr Kalorienverbrauch entspricht dem vom 30 Milliarden Menschen. Und trotzdem sind die Ameisen keine Belastung für die Umwelt - anders als die Menschen, die Mengen-mässig viel weniger "gewichtig" sind als die Ameisen.

Diesen frappierenden Vergleich macht Michael Braungart, Vordenker des Prinzips Cradle to Cradle, wenn er seine These zu erläutert, dass nicht die schiere Masse der Menschen (6,5 Mio) das Problem ist, sondern ihr Umgang mit der Umwelt und den Ressourcen dieses Planeten.

Die Ameisen sind KEIN ökologisches Problem. "Im Gegenteil" schreibt Braungart in einem Artikel auf taz.de: "Während die Menschen in großem Umfang Abfälle produzieren, gibt es in der Welt der Ameisen nur Nährstoffe: Was sie ausscheiden, ist für andere Lebewesen nicht nur unschädlich, sondern sogar nützlich. Und was sie konsumieren, sind Ausscheidungen anderer Lebewesen. Insofern spielt in der Natur die Menge des eingesetzten Materials keine Rolle, weil sie ständig zirkuliert."

Eine Ameise ist ein Nützling. Der Mensch ist ein Schädling.
Und die Lösung liegt damit auf der Hand oder besser in der Hand der Menschen: Wir müssen aufhören Nützlinge werden, wie die Ameisen.

Diese Lösung bringt Cradle to Cradle mit dem Motto: "Abfall = Nahrung" auf den Punkt. Und dass das keine esoterische Fantasterei ist, belegt die praktische Umsetzung Prinzips in Produkten von Firmen wie Nike, Ford, Shaw, Unilever oder Trigema oder Rohner oder Schlossberg. Doch das habe ich schon in einem früheren Contextlink-Beitrag (inkl. Film) beschrieben.

Sonntag, 14. Dezember 2008

Basel Winter 08 Rhein

Sonntag 14. Dezember 2008. Bilder Handy-Kamera N95 (ein Klick auf die Fotos bringt die Vergrösserung)



Freitag, 12. Dezember 2008

Donnerstag, 11. Dezember 2008

Das Versagen der UNO im Congo - Unsere Mitschuld

Robert Stewart hat mich auf dieses Video hingewiesen, das die New York Times heute veröffentlicht hat.
Es "beweist", dass es Truppen von Rebellenführer Laurent Nkunda waren, die das Massaker in Kiwanja Anfang Oktober angerichtet haben.
Doch dieses Video kann ich so nicht stehen lassen. Ich habe Robert heute Abend diese Antwort gemailt:

"What does it really prove? A massacre by the rebels? The only "evidence" the video shows is a rebel-leader walking down the street of Kiwanja. We hear witnesses, yes, but .... .
The footage and the content tell an other story, the failure, the helpnessless of the UN (MONUC). Again.

Don't understand me wrong: I am very sure that the soldiers of Nkunda commit war crimes as described. All the soldiers do, not only in Congo or Africa. Our brave "Alte Eidgenossen" did it in Marignano 1515, the Germans did it in Russia 1943, the Americans did it in Vietnam, the Serbian Chetniks did it in Bosnia and tomorrow may be the Indians will do it Pakistan.

The fact, that it is done - and in Africa as in the Balkan even systematically - does not at all reduce the guilt of the soldiers (and their leaders) comitting these crimes.

The story New York Tims is telling is more than correct: It is blaming UN. Not these helpless guys from Pakistan or Bangla Desh doing that horrible job as UN-soldiers, but the world community, specially us Westerners representing the UN. We have an major guilt in that, going back to 1994: It would have needed even not 5000 additional UN-troops in Rwanda to prevent the genocide. Preventing the slaughtering of 800'000 Rwandans (mostly so called Tutsis), would have prevented the mass flight of the "genocidaires", the Hutus over the border to the Congo and the followong catastrophy causing until now up to 5 million deaths among civilians.

And again: I am far away of excusing the Ugandans or the Rwandans for there direct or indirect involvment in the congolese catastrophy."

Und genau diese Mitschuld der UNO, der westlichen Welt, an der andauernden Katastrophe im Kongo thematisiert auch Andrea Böhm in ihrem Artikel "Die Mörder und wir" in der neusten Ausgabe der "Zeit" (51/2008). Sie erinnert auch an die "responsibility to protect", die Schutzverantwortung, welche sich die UNO an ihrem Welt-Gipfel in Tunis im September 2005 auf die Fahne geschrieben hat: Wenn ein Staat nicht willens oder in der Lage ist, seine Bevölkerung vor schwersten Menschenrechtsverletzungen zu schützen, dann steht die internationale Gemeinschaft in der Pflicht - im Notfall auch militärisch.

Doch für den Kongo scheint das nicht zu gelten. Die "EU erwägt einen Militäreinsatz im Kongo", sie "erwägt": Die Belgier ud Franzosen wollen Truppen in den Kongo schicken, die Briten und die Deutschen aber wehren sich.

Gestern war der 60. Geburtstag der Einführung der Menschenrechte durch die UNO (1948). Al-jazeera hat gestern dazu ein informatives, aber auch sehr kritisches Dossier publiziert, welches erschreckend deutlich, die häufig selektive Gültigkeit dieser "grössten Errungenschaft der Menschheit" aufzeigt.

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Mittwoch, 10. Dezember 2008

Hooligans


Mich frappiert seit einiger Zeit die Aehnlichkeit der Phänomene Hooligans/gewalttätige Fans, Soldaten/Marodeure. Und in dieses Bild passen auch die gewalttätigen Jugendlichen in Athen.

Jetzt hat weltonline.de einen Artikel mit dem Titel "Jugendkultur" über die Forschungsarbeit des britischen Autors ("Punkchronist") Jon Savage veröffentlicht, der doch einigen theoretischen Hintergrund bietet und meine Ueberlegungen stützt. Auch die "Zeit" hat zum Thema einen Hintergrundartikel geschrieben mit einem Titel, der für all diese verschiedenen Erscheinungsformen desselben Phänomens "Jugendgewalt" Gültigkeit zu haben scheint: "Wut, Frust, Lust".
Auf der Basis einer im Frust geborenen Wut des Aufbegehrens gegen alles Obrigkeitliche, gegen das Establishments, die Welt der Erwachsenen und jede Ordnung, manifestiert sich bei einer eigentlich beliebigen Gelegenheit nicht nur anarchische Gewalt, sondern immer auch die pure Lust an der Gewalt. Die Lust, sich zu spüren, unmittelbare Wirkung zu erzielen.

Savage wagt auch - was ich bisher stark empfunden, aber nicht gewagt habe zu schreiben - die Paralleln zwischen dem "normalen" Hooliganismus" und der Gewalt im Krieg zu zeigen.

Es ist wohl naheliegend, dass die Jugendlichen in den Strassenschlachten in Athen dieselben Sensationen erleben wie die Fussballhooligans im Tränengasnebel der Basler Polizei: Sie sind vollgepumpt mit Adrenalin in einer Mischung aus Aggressivität, Euphorie und Angst. Dazu kommt ein starkes Gefühl der Identifikation mit anderen Mitgliedern der Gruppe und die bedingungslose Unterordnung unter die Führerschaft einzelner informeller Chefs. Es ist eine Art Rausch, mitreissend, irgendwie losgelöst. Das alte Wort "Raserei" passt auch, das, was die Römer "Furor" genannt haben. Peter Sloterdijk spricht von der "thymotischen Energie" von aufgestautem Frust, der sich mit der Zeit anreichert und bei Gelegenheit als verhehrender, rächender Zorn ausbricht.
In diesem Zustand sind die involvierten (Randalierer und häufig auch die Polizisten) zu Aktionen und Handlungen fähig, die sie sich selbst nie zugetraut haben.
Und - ich wage die Behauptung - ganz ähnliche Sensationen erleben auch die (meist sehr jungen) Soldaten im Krieg. Gestern oder/und heute. Heute im Kongo bei der Stürmung und Plünderung eines Dorfes, damals die GIs in Vietnam oder die Tschetniks in Bosnien oder noch früher die "alten" (sehr jungen) Eidgenossen auf ihren Kriegszügen.

Samstag, 6. Dezember 2008

Einstein


Man kann ein Problem nicht mit der Denkweise lösen, die es erschaffen hat. Albert Einstein

Stichworte, die mir dazu in den Sinn kommen:

Finanz- und Wirtschaftskrise
Das Regierungsteam von Barack Obama
Die Bundesratswahl
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Dieser Blog Contextlink versucht immer wieder, sich für andere Sichten auf die Welt zu öffnen, nicht zuletzt auch, um Andere besser zu verstehen. Aber vorallem auch, um zu lernen und dazu beizutragen, sich von den bisherigen Denkmustern zu lösen und sich anderen Lösungsansätzen anzunähern.


Freitag, 5. Dezember 2008

Abfall = Nahrung

Ueber dieses Thema habe ich jetzt schon einige Zeit nachgedacht und versucht zu schreiben:
Waste = Food; Abfall ist Nahrung.
Doch alles, was ich nüchtern analysierend zu schreiben versuche, kommt total schwärmerisch heraus.

Das Prinzip "Cradle to Cradle" des amerikanischen Architekten William Mc Donough und seines deutschen Kollegen, Michael Braungart, Professor für Verfahrenstechnik an der Universität Lüneburg, scheint alles, was wir bisher über Oekologie gedacht und gesagt haben, über den Haufen zu werfen. Der Titel ihres Buch "Die nächste industrielle Revolution" scheint nicht einmal übertrieben. Das Prinzip ist so unglaublich logisch, einfach, überzeugend, so unglaublich anders, so positiv. Die "Welt" titelt ihren Leitartikel zum Thema denn auch schlicht: "Wie wir die Welt retten können."

Michael Braungart hat in der TAZ einen persönlichen Kommentar zum Prinzip Cradle to Cradle geschrieben, der auch sehr philosophisch ist.
Cradle to Cradle stellt einen zentralen Grundsatz der Ökobewegung auf den Kopf: „Es geht nicht mehr um Vermeidung und Verzicht, es geht um Lebensbejahung.“ Die Verschwendung, der Ueberfluss wird zur Tugend: „Tatsächlich herrscht in der Natur so etwas wie lustvolle Verschwendung, wie ein blühender Apfelbaum in jedem Frühjahr eindrücklich belegt.“

„Lustvolle Verschwendung“: Was für ein Paradigmawechsel.
Was für eine Befreiung. Geniessen ohne Schuldgefühl.

Und dass Cradle to Cradle keine bodenlose Fantasie irgendwelcher neuer grüner Spinner ist, sondern praktische Realität, zeigt die Kundenliste der Agentur, die Braungart und McDonough gemeinsam betreiben: Dazu gehören Konzerne wie Nike, BASF, Volkswagen, Ford und Unilever oder Airbus Industries. Auch Schweizer Firmen mischen mit: U.a. die Novartis oder Rohner Textilien.
Was diese Unternehmen überzeugt hat, ist nicht nur der Umweltgedanke, sondern auch der handfeste wirtschaftliche Wert. "This is business", sagt der oberste Chef des US-Autokonzerns Ford Motor Company, Martin Ford, im holländischen Dok-Film weiter unten.
Ford hat das ganze riesige Firmengelände in Detroit nach den Ideen und Plänen von McDonough/Braungart saniert und umgestaltet.

Der Konzernchef von Ford, hat die Prinzipien des Cradle to Cradle verinnerlicht: Abfall zu produzieren, hält er schlicht für Verschwendung. Alle in der Produktion verwendeten Materialien müssen nützlich sein, sei es, dass sie in einem ständigen Kreislauf der Nutzung und Wiedernutzung bleiben, sei es, dass sie der Natur wieder als "Nahrung" dienen.


(Die Handzeichnung habe ich aus der Magazin der Frankfurter Messe zur NUTEC, der "Internationalen Fachmesse zum ewigen Materialkreislauf" vom vergangenen November, kopiert.)

Bereits bei der Herstellung der Produkte, wird an deren Wiederverwertung nach Gebrauch gedacht. Es werden nur hochwertige Materialien benutzt und so verwertet, dass sie leicht wiederverwertbar sind. Und das rechnet sich, nicht nur bei Ford.

Auf seiner Firmen-Hompage formuliert Michael Braungart seine Vision und den Anspruch an "das Design" aller Cradle to Cradle-Produkte:
"Fort von einer 'Reduzierung der Nachteile' und hin zu einer "Maximierung des Nutzens". Diese neue Design-Perspektive erzeugt Triple Top Line-Wachstum: Produkte, die förderlich für die Natur und Kultur sind und gleichzeitig ökonomischen Wert haben. Das Design für die Triple Top Line orientiert sich an den Gesetzen der Natur und zeigt der Industrie Vorgehensweisen auf, um Systeme entwickeln zu können, die auch in Zukunft sicher funktionieren. In intelligent hergestellten Produkten, Prozessen und Produktionsstätten sind Werte und Qualität so enthalten, dass sie erfreuliche anstatt beklagenswerter Spuren hinterlassen."

Alles, was ich hier versuche, nüchtern zusammenzuschreiben erläutert ein holländischer Dokumentarfilm zum Thema "Waste = Food", welcher 2006 im niederländischen Fernsehen gezeigt wurde und in Holland richtig eingeschlagen hat. Der Film ist inzwischen selbst zu einem Ereignis geworden, von dem wir Journalisten meist nur träumen dürfen: er hat wirklich etwas bewegt:
Die Niederlande sind zum Vorreiter des Prinzips geworden und haben sich selbst zum Cradle to Cradle-Land erklärt. Die Provinz Limburg mit dem Zentrum Venlo will sich ganz dem neuen Prinzip verschreiben und seine Bau- und Umweltpolitik darauf ausrichten.

Ich werde versuchen, hier auf Contextlink auch noch Einiges zu Cradle to Cradle zu veröffentlicht. Vorerst aber nur der Film (und den gibt's leider nur auf englisch):

Mittwoch, 3. Dezember 2008

Von Pseudovermögen und realen Werten.

Einmal mehr erfrischend anders und die Gedanken schärfend: Peter Sloterdijk.
Er hat ein neues Buch geschrieben, „Natürlich“ zur Finanzkrise oder für ihn viel wichtiger zum „Kapitalismus“: „Im Weltinnenraum des Kapitals“. Darin beschreibt er die Entstehung der globalen Ökonomie im Zeichen der Seefahrt.

Auch diesmal helfen Interviews mit Peter Sloterdijk, die meist etwas ausufernden philosophischen Ausführungen in seinen Büchern in ihrer Essenz zu fassen. Aktuell das Interview von nzz.online "Wir lebten in einer Fivolitätsepoche":


Zentrale Sätze von Sloterdijk daraus:


„In den frühen Jahrhunderten der Globalisierung war der
Schiffbruch der Inbegriff von Kapitalvernichtung. Man schickte Schiffe
auf den Ozean, von denen man wusste, dass sie unter einem enormen
Havarierisiko segeln.“

„Bis heute lässt sich die Denkfigur des «return on
investment» auch nautisch darstellen. Ihr liegt die Vorstellung
zugrunde, dass die entsandten Schiffe mit reichen Schätzen beladen
zurückkehren: Das Geld läuft um die Erde und kommt vermehrt wieder
an seinem Ausgangspunkt an.“

Das Unternehmerische Risiko liegt eben in der Havarie, dem Schiffbruch.
Die aktuelle Finanzkrise scheint aber für Sloterdijk andere Dimensionen zu haben:

„Man darf bezweifeln, dass die Metapher des Schiffbruchs für das, was
heute mit den Vermögen geschieht, noch plausibel ist. Seriöse Leute
behaupten, dass von den realen Vermögenswerten gar nichts
verschwunden ist. Es sind keine Schiffe gesunken, es müssen jetzt
lediglich die surrealen Bewertungen revidiert werden, die während der
letzten zehn Jahre die meisten ökonomischen Transaktionen verzerrt
haben, insbesondere bei Betrieben, Immobilien und Kunstwerken.“

„Es gab einfach zu viel Geld, das blosses Spielgeld war, daher
gab es massenhaft illusorische Wertberechnungen und haltlose
Reichtumseinbildungen.“

„Die riesenhaften Pseudovermögen, die dabei «angehäuft» bzw. an der Börse
fingiert wurden, sind auf einen sinnvollen Massstab zurückzukorrigieren.“

„In der amerikanischen Hypothekenkrise sind ja die Häuser nicht
verschwunden. Die berühmten Realwerte sind alle noch vorhanden.“

Und hier trifft sich Sloterdijk mit Prof. Max Otte, der in einem gescheiten Artikel „Wo ist das Geld geblieben?“ in der Ausgabe 49 der "Zeit" prophezeit, dass sich die Aktienkurse wieder erholen werden (Otte hat auch den Crash vorausgesagt in sienem Buch Der Crash kommt.) und dass dann die Leute, die es riskieren – und es sich leisten können zu riskieren –, jetzt Aktien zu kaufen, morgen sehr reich sein werden. Zitat aus dem Lead des Zeitartikels: "Die Finanzkrise hat riesige Vermögen vernichtet. Doch die Milliarden sind nicht verschwunden – sie werden gerade neu verteilt." Es sind nicht nur Privatpersonen und darunter viele Frimeninhaber, die zur Zeit eigenen Aktien kaufen, sonder auch neue Player: zum Beispiel China. (siehe Contextlink-Beitrag "Fokus Asien").
Natürlich ist das auch wieder „Pseudovermögen“. Aber ich glaube, da irrt Sloterdijk. Mit diesen Pseudovermögen kann man reale Werte kaufen – und zum Beispiel ganze Firmen kaufen. Es können zur Zeit Aktien von Firmen gekauft werden, die mit Sicherheit mehr Wert sind, als durch den aktuellen Aktien-Preis ausgedrückt wird. Diese Firmen produzieren reale Werte: Güter, deren Verkauf mehr Wert ist als die Produktion. Dieser Gewinn ist reales Geld, mit dem weitere reale Güter gekauft werden können, z.B. Immobilien oder Rohstoffe - oder Politiker.

Ich find' auch Sloterdijks Homepage spannend, ohne dass ich mit allem einverstanden sein muss, was er denkt und sdcheibt. Die Sloterdij-Page ist hier.

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