Sonntag, 28. September 2008

Die Vereisung der Schweiz

Eben ist ein Buch auf den Markt gekommen, von dem ich weiss, dass es mich beschäftigen wird. Und ärgern:
Der neue Roman eines in Deutschland lebenden Schweizers, der in Deutschland auf einen Schlag Kult geworden ist: Christian Kracht. Der Roman heisst: "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten."

Er sieht schon richtig ungesund und etwas verwöhnt aus, dieser Christian Kracht.
"Legendär" ist Krachts Auftritt in der Harald Schmidt-Show 2001, Thema war damals Krachts Roman "Faserland", welches die FAZ als "das am meisten missverstandene Buch der neunziger Jahre" bezeichnet. Es zeigt wunderbar seine Masche der scheuen Schnodderigkeit.



Die FAZ beschreibt den Inhalt des neuen Romans so:
"Christian Krachts neuer Roman „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“ ist die Beschreibung einer Welt, wie sie sein könnte, wenn Lenin damals, 1917, den plombierten Zug nach Russland nicht bestiegen hätte und stattdessen in der Schweiz geblieben wäre, um dort die Schweizer Sowjetrepublik SSR zu gründen. Ein winziges Steinchen hat er aus dem Turm der Weltgeschichte gezogen, alles stürzte ein, und Kracht hat es neu zusammengesetzt zu einem Roman aus einer fremden Welt.

Zum kalten Inhalt gibt es ein ebenso skurill-depressives Video, vertont vom Autor selbst.




Das neue Kracht-Buch "Ich werde hier sein ...." erinnert mich im Übrigen stark an Christian Ransmayr's "Morbus Kitahara", das ich beim ersten Lesen heftrig abgelehnt habe, das heute aber eines der Bücher ist, welches ich bei einem Hochwasser bei uns im dritten Stock als mit als Erstes retten würde.
Der Oesterreicher Christoph Ransmayr fragte sich darin, was gewesen wäre, wenn die westlichen Siegermächte nach dem Zweiten Weltkrieg nicht Wiederaufbau und Demokratisierung gefördert, sondern ein repressives Besatzungsregime errichtet hätten.

Und wenn die Schweiz Pleite ginge?

Zumindest Gedanken-anregend der kommentierende Artikel im "Magazin" von Sven Behrisch:

Krisenmanagement: Rezession!

Und wenn die ganze Schweiz pleite ginge?

Dazu passt ein anderes spannendes Gedankenspiel: Der neue Roman von Christian Kracht:"Ich werde hier sein, im Sonnenschein und im Schatten".

Mehr dazu im nächsten Post.

Samstag, 27. September 2008

16 Milliarden für die Armen, 700 Milliarden für die Banken


Der Armutsgipfel der UNO hat Finanzzusagen von 16 Milliarden US-Dollar erbracht. Ein Erfolg, der "alle Erwartungen übertrifft", meint UN-Generalsekretär Ban Ki Moon. Schande, finde ich.

Abgesehen davon, dass es sehr unsicher, wieviel die verschiedenen Geberstaaten von dem Geld, das sie jetzt beim UNO-Gipfel zur Armutsbekämpfung versprochen haben, auch wirklich bezahlen werden, reicht das Geld nirgends hin. Es unterstreicht die Erkenntnis, dass die hehren Milleniumsziele, die die "Internationale Gemeinschaft" 2000 beschlossen haben, mit Sicherheit bis 2015 bei Weitem nicht erreicht werden. Der britischen Hilfsorganisation Oxfam ist in ihrem Urteil beizupflichten, die Gipfelteilnehmer (rund 100, der 192 UNO-Mitgliedstaaten) hätten "versagt", insbesondere mit Blick auf die eskalierende Hungerkatastrophe.

Die ganze Peinlichkeit der 16 Milliarden wird aber erst richtig klar, wenn man sie mit den 700 Milliarden Dollar vergleicht, die die US-Regierung jetzt zur Rettung der Banken ausgeben will.

Andreas Zumach - Kollege aus der Zeit der Balkankriege und wirklich einer der Journalisten, die meinen uneingeschränkten Respekt geniessen - nennt in seinem Kommentar zum Armutsgipfel in der taz aufschlussreiche Vergleichszahlen:

- Mit den 700 Milliarden ließen sich für die nächsten 46 Jahre die Aidsmedikamente für die zehn Millionen Menschen finanzieren, die für ihr Überleben auf die sogenannte antiretrovirale Therapie angewiesen sind, sich diese aber wegen der zu hohen Kosten bislang nicht leisten können.

- Etwa die Hälfte dieser Summe, rund 350 Milliarden Dollar, geben die USA, EU, Kanada und Japan seit Mitte der Neunzigerjahre pro Jahr aus, um ihre Farmer und Bauern hoch zu subventionieren - diese setzen ihre Überproduktion dann mit Dumpingpreisen auf den Märkten der Länder des Südens ab, wodurch sie die Existenz vieler Bauern in diesen Ländern zerstören.

- 350 Milliarden US-Dollar - einmalig, nicht jährlich! - wären erforderlich, um den Anteil der Hungernden in der Welt und der "extrem armen" Menschen, die mit maximal 1,25 Dollar pro Tag auskommen müssen, bis zum Jahr 2015 nicht nur zu halbieren, wie es die Millenniumsziele vorsehen, sondern sogar auf null zu bringen.

-Ein Vierhundertfünfundsiebzigstel der 700 Milliarden US-Dollar würde ausreichen, um allen 250 Millionen Menschen, die sich jährlich mit Malaria anstecken, ein imprägniertes Moskitonetz zur Verfügung zu stellen. 880.000 Menschen, zumeist Kinder unter fünf Jahre, sterben daran.

Freitag, 26. September 2008

Vertrauen, Vertrauen... No panic, no panic

Ein Wort rückt mit aller Gewalt ins Zentrum der internationalen und nationalen Diskussion:

VERTRAUEN.

Alle brauchen es. Die Wirtschaftsbosse und die Politiker beschwören die Welt: Bitte, bitte keine Panik, habt Vertrauen.
Nur: Die Beschwörung des Vertrauens belegt genau eines: Wir sind mitten drin in der Vertrauenskrise.

Das hat inzwischen sogar Präsident Bush gemerkt. Er ist zwar einer der grössten Totengräber des Vertrauens, aber immerhin macht er jetzt nicht mehr auf Beschwichtigung, sondern nennt das Kind beim Namen: "Wir haben ein grosses Problem."



All die, die endlos beschwichtigen, sind zusehends unglaubwürdig, weil eben immer mehr Leute, der ganzen Sache nicht mehr trauen. Nicht nur in Amerika, sondern auch bei uns. Und was dieser Vertrauensverlust bedeuten kann, habe ich weiter unten beschrieben: "Es gibt kein Halten mehr. Nur noch Panik und Herdentrieb."

Kein Tag ohne neue Hiobsbotschaften: Auf dem internationalen Level sind's immer neue Banken-Crashes, in der Schweiz heute zum Beispiel wieder die Pensionskassen: Immer mehr Kassen müssen zugeben, dass sie gefährliche Deckungslücken aufweisen. U.a. die eben erst mit viel Steuergeldern sanierte Pensionskasse des Basler Staatspersonals.

30 Milliarden Franken haben die Schweizer Pensionskassen mit der Finanzkrise bisher verloren. Da hilft keine Beschwichtigung: Die 2. Säule wankt.

Eben hat der Bund den Umwandlungssatz bei der 2. Säule von 7,1% auf 6,8 % gesenkt. Was nach einer kleinen, technischen Korrektur aussieht, heisst in der Praxis: Ein heute 65-Jähriger mit einem Alterskapital von CHF 100'000.-, der heute eine Jahresrente von CHF 7100.- bekommt, wird sich bis 2014 mit CHF 6800.- begnügen müssen.
Allerdings ist das mit Sicherheit nicht die letzte Anpassung, denn die Situation wird sich weiter verschlimmern. Wer heute alt ist, hat's gut. Für Leute ab Jahrgang 50 und jünger wird's bitter. Sie werden nur einen schwindenden Teil dessen als Rente zurückbekommen, was sie in ihrem Arbeitsleben einbezahlt haben. Bis sie (ich!) im Rentenalter sind, wird schlicht nicht mehr genügend Geld vorhanden sein, um unsere immer älter werdenden Alten weiterhin gleich grosszügig zu finanzieren, wie wir das mit unseren Gelder für die heutigen Rentner möglich gemacht haben.

Aber eben: "Keine Panik, die Fakten sind zwar erschreckend, aber ... habt Vertrauen."

Agglotrottel als Objekt der Begierde

Es gibt ihn noch, den guten Journalismus. Sogar im eigenen Haus. Tut gut.
Der Artikel von Philipp Löpfe auf baz.online ist eine Perle in Sachen Relevanz und flotter Schreibe im besten Sinn.
Sehr lesenswert:

"Wenn für Grosskapitalisten Kleingeld zählt".

Mittwoch, 24. September 2008

Das US-amerikanische Zeitalter geht zu Ende. Und: Die USA macht Angst.

Die USA haben den Zweiten Weltkrieg gewonnen und damit de facto die Weltherrschaft übernommen. Mit dem Zusammenbruch der Sowietunion Ende der 80er-Jahre konnte sich das anglo-amerikanische System, basierend auf den christlichen Werten (Menschenrechte) und der - ebenfalls auf den christlichen Werten basierenden – „freien“ Marktwirtschaft weltweit, dann globalisiert durchsetzen.
Spätestens seit den 60er Jahren haben die USA bestimmt, wer zur zivilisierten Welt gehörte und wer nicht, "notfalls" haben sie ihr „Recht“, das quasi allgemeingültige Recht,  auch mit Gewalt durchgesetzt, sei es mit offenen Kriegen, sei es  indirekt über Komplotte, „Hilfsprogramme“ oder mit Hilfe von Wirtschafts-Sanktionen.

Die USA waren für Jahrzehnte das gelobte Land, "das Land der unbegrenzten Möglichkeiten"  und tatsächlich ist die USA wohl auch noch heute das Land, welches diejenigen, die gut und erfolgreich sind, belohnt. Leider musste aber eine Mehrheit der Welt, müssen ganze Kontinente und auch eine Mehrheit der Bevölkerung in den USA die schmerzhafte Erfahrung machen, dass das versprochene Heil, dass von der Marktwirtschaft schliesslich Alle profitieren werden, ein Mythos war, der nicht stattgefunden hat, aber einige Wenige reich und mächtig gemacht hat.

Zusammenbruch des US-Amerikanischen Finanzsystems

Mit dem "Ende des desaströsen Businessmodells" (Zitat Wirtschaftsnobelpreisträger und US-Präsidentenberater Joseph Stiglitz), des amerikanischen Finanzwesens, dürfte nach Einschätzung fast aller publizierender Experten auch das weltweite System des freien Finanzmarktes zu Ende sein und damit auch die Dominanz der USA als Welt -(finanz) Macht.
Triumphierend stellt der linke Autor Michael Hardt (Co-Autor von "Empire") in der TAZ fest: "Die Finanzkrise ist der letzte Sargnagel für die Großmachtfantasien der USA."
Doch es gibt keinen Grund zu triumphieren oder Schadenfreude zu verspüren.

Die USA brauchen Hilfe
Die Weltwirtschaft - und mit ihr Europa und in kleinem Rahmen auch die Schweiz - wird alles daran setzen, dass sich nicht nur das amerikanische Finanzsystem wieder stabilisiert. Unsere Abhängigkeit vom amerikanischen System ist so gross, dass wir gezwungen sind, den USA zu helfen.
Und Amerika ist dringend auf diese Hilfe angewiesen. Amerika kann sich nicht aus eigener Kraft aus der Krise befreien, es ist nicht nur finanziell, sondern auch moralisch Pleite.


Die USA lebt seit Jahren auf Pump
Dass Amerika schon seit vielen Jahren auf Pump lebt, ist nichts Neues, dürfte sich jetzt aber noch weiter akzentuieren.
Ronald Gehrt bringt es in seinem zynischen, aber umso treffenderen Artikel "Haste mal ne Milliarde, ey" auf "Zeitenwende.ch" auf den Punkt: Die USA gleicht heute einem Bettler oder zumindest einem Schnorrer in der Steinenvorstadt in Basel oder im Shopville in Zürich.

Die USA sind Pleite, eigentlich nicht erst seit der „Finanzkrise“. Seit Jahren geben die USA mehr Geld aus, als sie verdienen. Die aktuelle Schuldenlast beträgt rund 20 Billionen Franken, 15'507 Milliarden US Dollar. Das Leistungsbilanzdefizit wächst seit Jahren unaufhaltsam. Der Rest der Welt finanziert es mit seinen eigenen Handelsbilanzüberschüssen. Amerika zählt seit Jahren darauf, dass es heute zwei Hamburger kauft - und isst, aber bald nur einen davon auch wirklich bezahlen muss.
Dass die US-Regierung jetzt das eigene Finanzsystem mit einen Billionenspritze "retten" will, klingt wie ein Hohn:
„Wie kann man eigentlich davon faseln, irgendwelche Staatsgelder zur Verfügung zu stellen, wenn man das größte Loch aller Zeiten in den Staatssäckel gepfuscht hat?“ schimpft Ronald Gehrt nicht ganz zu unrecht.

Aber nicht nur die Regierung der USA lebt auf Pump, das ganze amerikanische Volk hält es genauso. Schulden gehören in den USA zum Alltag wie Burger und Pommes. In einem Durchschnittshaushalt gehen 14 Prozent des verfügbaren Monatseinkommens für das Abbezahlen von Schulden drauf. (u.a. nachzulesen auf n-tv.de "Die Kreditkultur in den USA").
Arte hat dazu schon vor 2 Jahren einen eindrücklichen Dokumentarfilm ganz nah bei den gewöhnlichen Amerikanern gedreht. Titel: "Auf Pump".



Amerika und seine Mächtigen haben das Vertrauen verspielt
Die Glaubwürdigkeit der USA ist nicht nur gegen aussen zerstört - neben der Katastrophe der Finanzkrise auch wegen den gescheiterten militärischen Operationen im Irak -, sondern vorallem auch gegen innen. Der Traum von der Wohlfahrt für Alle ist in den USA schon länger ausgeträumt. Die Zahl der Armen in den USA wächst seit Jahren.
Alle wissen, auch die Bürger der USA: Die Zeche für das „Rettungsprogramm“ der US-Regierung für die Banken, welche in den letzten Jahren Milliardengewinne eingestrichen haben, bezahlen die Steuerzahler. Neue Kürzungen in den Bereichen Bildung, soziale Wohlfahrt oder Gesundheit scheinen auch für einen neuen Präsidenten unausweichlich. Zahllose Amerikaner werden ihre auf Pump gekauften Häuser verlieren, es drohen steigende Arbeitslosenzahlen und ganz allgemein wird die Schere zwischen den oberen und unteren Einkommensschichten weiter aufgehen.
„Wie kann man sich dann wie Finanzminister Paulson, Ex-Goldman Sachs-Chef, ohne rot zu werden hinstellen und der Welt mitteilen: 'Der amerikanische Bürger soll wissen, dass er seinem Finanzsystem voll und ganz vertrauen kann?“ (nochmals Ronald Gehrt)

Das kann nicht lange gut gehen und immer mehr Amerikaner werden erleben, dass das Beten in ihren fundamentalistischen Kirchen auch nicht hilft. Immer mehr haben sie in der Praxis erlebt: Der amerikanische Traum verwirklicht sich nur für die Allerwenigsten. Die Vertrauenskrise kann sich sehr schnell zur innenpolitischen Krise ausweiten.

Jetzt ist Amerika gefährlich
Die USA werden mit Sicherheit einer der wichtigen Player dieser Welt bleiben. Der amerikanische Markt ist viel zu wichtig. Nicht nur China braucht ihn als Abnehmer seiner Konsumgüter. Vorallem ist Amerika noch immer die mit Abstand wichtigste Militärmacht dieser Welt und dass amerikanische Präsidenten bereit sind, diese Militärmacht überall auf der Welt auch gegen alle Vernunft einzusetzen, wurde zuletzt im Irak bewiesen.

Egal wer die Wahl gewinnt: Der neue US-Präsident wird kämpfen müssen, um die grosse Vertrauenskrise, welche vor allem in der amerikanischen Bevölkerung droht, zu überwinden. Die Gefahr ist gross, dass sich die grosse Masse der Unterprivilegierten bald nicht mehr von den mystischen Heilsbotschaften ihrer Prediger trösten lässt, sondern ihr Recht, ihren Anteil einfordert und gegen das Establishment, diejenigen die in Amerika weiter immer reicher werden, obwohl sie versagt haben, aufbegehrt.

Es ist ein altes politisches Prinzip: Steht eine Regierung vor unlösbaren inneren Konflikten, schafft sie sich eine äussere Bedrohung, welche die Bevölkerung „hinter der Fahne“ eint. „Externalisierung interner Konflikte“ heisst das in der Fachsprache der Politologen.
Bush hat sich das Feindbild Bin Laden und Islam geschaffen. Es hat sich als teures Phantom erwiesen. Die Gefahr ist real, dass sich ein künftiger Präsident des von Bush in den letzten Jahren aufgebauten Feindbildes Iran bedient, um die eigene Bevölkerung hinter sich zu bringen und sich der Welt weiter als Sicherheitsgarant oder auch nur Weltpolizist zu verkaufen.
Das ist ein gefährliches, aber leider nicht unrealistisches Szenario. Eine Katastrophe für die Welt, ein übles „Abschiedsgeschenk“ der scheidenden Weltmacht USA.

Es bleibt die Hoffnung, dass die neuen Mächte: China, Europa, bald vielleicht Indien dies zu verhindern wissen. Oder vielleicht ist Amerika sogar so pleite, dass es sich einen solch teuren Krieg mit unsicherem Ausgang schlicht nicht mehr leisten kann.

Dienstag, 23. September 2008

Erste Anzeichen des Sturms oder nur ein paar Querulanten?

Die Sparer und Kleinanleger in der Schweiz beginnen sich zu wehren. Der Ombudsman hat gemäss Berichten von baz.online jede Menge zu tun. Ebenso die Banken selbst, wie ebenfalls bazonline zum Beispiel im Artikel "CS-Kunden fühlen sich betrogen".
Schon allein, dass die Medien nicht nur die Durchhalteparolen der Machthabenden mulziplizieren, sondern über das wachsende Aufbegehren der Kleinsparer zu berichten beginnen wie im Artikel "Ich will mein Geld zurück", ist für das System bedrohlich. Denn wenn jetzt das Misstrauen einzelner, sich ausbreitet und bei den Kleinsparern der berühmte Herdentrieb einsetzt, dann ist wie in den 30-er Jahren "kein Halten mehr". (siehe meinen Artikel gleich unterhalb).

Spannend auch die Kommentare der Leser zu den Artikeln auf bazonline. Noch scheinen es nur ein paar ewige Motzer zu sein, aber weil es tatsächlich handfeste Gründe für die Wut dieser Leute gibt, könnte dies ansteckend sein. Gott - oder wer auch immer - bewahre.

Montag, 22. September 2008

Ein Wahnsinn, dieses Finanzsystem. Oder: Warum trotzdem niemand auf die Strasse geht.

„Ein Wahnsinn“, alle sind sich einig. Es ist nicht nur ein Wahnsinn, was zur Zeit abgeht in der Finanzwirtschaft weltweit, sondern, was in den letzten Jahren alles abgegangen ist, ohne dass irgend jemand wirklich Halt gerufen hat. Es hat diese „Finanzkrise“ gebraucht, damit uns bewusst wurde, – oder besser, dass die, die schon länger gesagt haben, dieses System sei ein Irrsinn, endlich angehört werden - dass da „irgendwo Verrückte herumlaufen, die bisher nicht aufgefallen sind, weil ihr Wahn identisch war mit der Logik des etablierten Systems“, wie es Frank Schirrmacher in seinem Artikel auf FAZnet „Mehr als eine Finanzkrise“ treffend formu-liert.

Schulden wurden als Guthaben gehandelt, ungedeckte Checks als Wertpapiere ausgegeben, verschleiert durch undurchsichtige Transaktionen, bis niemand mehr den Überblick behielt. „Das Modell basiert im Grunde darauf, das Risiko an ahnungslose Dritte weiterzureichen“, sagte der Branchenveteran und Finanzexperte Martin Mayer gegenüber der Zeit (Ausgabe 39/2008).

Und: „Eine sogenannte „Finanzkrise“ kann in einer Gesellschaft, wo Finanzen die Synonyme für gesellschaftliche Rationalität geworden sind, nichts anderes sein als eine brutale VERNUNFTKRISE.“ (immer noch Schirrmacher).

Die Welt - die Menschen innerhalb und ausserhalb der Bankinstitute - hat das Vertrauen in das Finanzsystem verloren. Mit Nobelpreisträger Joseph Stiglitz sind sich eigentlich alle Kommentatoren einig: Das amerikanische Finanzsystem hat seine Glaubwürdigkeit verloren. Und weil das amerikanische System nicht nur der Kern des weltweiten freien Marktes ist, sondern auch alle anderen Wirtschaftssysteme direkt von ihm abhängig sind, ist die Glaubwürdigkeit des gesamten Systems schwer erschüttert.

Wenn aber „Vertrauen, das Elixier des Kapitalismus zerstört ist, dann gibt es kein Halten mehr. Dann herrschen nur noch Panik und Herdentrieb“ (Robert von Heusinger, fr-online). Bisher ist die Panik mit darauffolgendem Herdentrieb erstaunlicherweise erst im Innern des Systems, bei den Finanzhändlern und der Bossen ausgebrochen. Glücklicherweise, denn die Macht der Mächtigen basiert gemäss Jan Philipp Reemtsma („Vertrauen und Gewalt“ S. 160ff) auf dem Vertrauen der (breiten Masse) der Unterprivilegierten, dass ihnen die Machthabenden eine Ordnung garantieren, die ihnen Sicherheit bietet, dass „man weiss, woran man ist“. Und dieses Vertrauen der Unteren muss durch die Machthabenden honoriert werden, eben mit Sicherheit, nicht zuletzt auch mit materieller Sicherheit. Und zumindest in der westlichen Welt konnte ein Grossteil der Bevölkerung ja eigentlich zufrieden sein, mit der Gratifikation, die sie bisher erhalten hat. Die Mächtigen haben zwar mächtig abgesahnt, aber auch die Minderprivilegierten haben einen Anteil erhalten, mit dem sie sich deutlich von den wirklich Benachteiligten abhoben. Nur: Wenn die Minderprivilegierten ihr Vertrauen verlieren, wenn sie nicht mehr dran glauben, dass die Mächtigen ihnen die nötige Ordnungssicherheit bieten, so dass sie ihren Anteil weiter erhalten, können sie den Mächtigen dieses Vertrauen entziehen. (Immer in Anlehnung an Reemtsma).

Und genau das fürchten die Bosse aus Wirtschaft und Politik: Dass die grosse Masse der Menschen, die mit ihrer täglichen Arbeit, ihrem Konsumieren/Kaufen und mit ihren Sparguthaben auf den Banken das System überhaupt erst ermöglicht, jetzt das Vertrauen verliert. Indem die „normale“ Bevölkerung zum Beispiel ihre Ersparnisse bei der Bank abhebt oder noch schlimmer, ihre Rechte einfordert, sei es in Form eines höheren Lohnes oder mit Garantien für die Sicherung ihrer Altersguthaben. Die Machthaber fürchten, dass die Untergebenen nicht mehr die Vertreter des Systems wählen (und dazu gehören heute ja auch die Sozialdemokraten), sondern Kreise, Leute, die ihnen eine echte (oder vermeintliche) Alternative anbieten.

Aus Angst vor dem Entzug des Vertrauens durch die breiten Massen und damit dem Verlust ihrer eigenen Macht und aller damit verbundenen Privilegien, haben sich die Mächtigen (von BR Merz über Bundeskanzlerin Merkel bis US-Finanzminister Paulson) beflissen beeilt, die Leute zu beschwichtigen. „Nicht so schlimm“, „Die Schweiz (oder Deutschland) wird nur marginal betroffen sein“, usw..

Unterstützt werden sie von den Wirtschafts-Prognostikern. Das BAK Basel zum Beispiel hat seine Prognosen für das nächste Jahr zwar etwas nach unten korrigiert , geht aber weiterhin von einer „robusten Wirtschaftsentwicklung“ aus und prognostiziert, das, was alle hoffen: die Konsumentenstimmung bleibe gut.

Die Frage ist heute erlaubt: Wie glaubwürdig sind dieses Prognosen? Sie sind nach Modellen und Gesetzmässigkeiten gerechnet, die sich als irreal, weil in Krisen nicht haltbar, erwiesen haben. Vor allem nicht berechnet ist eine erneute irrationale Panik bei den Händlern und nicht zuletzt ein Vertrauensentzug durch die Sparer und Konsumenten.

Und die Zeichen stehen nicht wirklich gut: Offenbar glauben die System-Insider ihren eigenen Beschwichtigungen und Prognosen nicht: Täglich kommen neue Hiobsbotschaften über Firmenpleiten, Umstrukturierungen und fallende Börsenkurse.

Fast ein Rätsel ist es, warum die normalen Arbeitnehmer und Konsumenten auch in de Schweiz noch daran zu glauben scheinen, sich beschwichtigen lassen, respektive es ist höchst erstaunlich, warum sie nicht rea-gieren und aufbegehren. Fast stoisch nehmen sie neue Negativ-Information hin, in der Schweiz zum Beispiel dass die 2. Säule, die Pensionskasse wegen den wahnsinnigen Spekulationen der Mächtigen echt gefährdet ist. Auch in der Schweiz geht niemand auf die Strasse. Die Arbeitgeber können fast damit rechnen, dass die Arbeitnehmer bei den Lohnverhandlungen im Herbst „vernünftig“ sein werden. Jetzt erst recht, wo es doch „Sorge zur Wirtschaft zu tragen gilt“.

Ich wage zu bezweifeln, dass die breite Masse der Bevölkerung wirklich an die Rezepte glaubt, die die Mächtigen jetzt zur Bewältigung der Krise vorschlagen. Um glaubhaft zu sein muss man glaubWUERDIG sein und warum sollte man jetzt darauf vertrauen, dass ein US-Finanzminister Paulson jetzt plötzlich die Lösung für die Krise kennen soll, der bis vor Kurzem der Chef der wohl wichtigsten (gescheiterten) Investmentbank (Goldman und Sachs) war und heute deswegen selbst am Pranger steht.
Vorallem, wenn diese Lösung in erster Linie auf Kosten der Steuerzahler geht.

Es wird zwar geschimpft an de Stammtischen und in den Blogs, aber wirklich wehren, tut sich niemand.

Die Antwort für diese Passivität scheint mir eine doppelte zu sein:

1. Eine philosophische: Die „Passivität des Einordnens in eine Ordnung“ ist ein Grundbedürfnis der Menschen. „Auf eigene Faust zu handeln würde ein ungleich höheres Mass an Zukunftsunsicherheit mit sich bringen...“ (Reemtsma S. 161). Die Meisten haben schon zuviel in das aktuelle System investiert, sie sind nicht bereit, das Risiko einer ungewissen, radikale Veränderung einzugehen, weil sie „daran interessiert sind, den Ertrag ihrer Handlungen nicht zu verlieren.“ Und: „So wird er (der Untergebene) auch am (Weiter-) Bestehen der Ordnung interessiert sein, in die er diese Handlungen eingezahlt hat (Reemtsma zitiert Heinrich Popitz: „Phänomene der Macht“). Die Machthabende könne also auf die Passivität und das Sicherheitsbedürfnis der „gewöhnlichen Leute“ zählen. Nach dem Motto: Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Vorallem, wenn man keine Ahnung hat, ob überhaupt eine Taube auf dem Dach sitzt. Den das scheint mir der Hauptgrund, die zweite Antwort:

2. Eine rational-resignative: Es fehlen schlicht Alternativen oder es sind zumindest keine sichtbar. Man sagt uns: „Vogel friss oder stirb“, und wir scheinen bereit zu sein, die Suppe auszulöffeln, auch wenn sie magerer ist, als das, womit man uns bisher abgespiesen hat. Solange es doch noch für die Freien reicht und „irgendwie wird es schon weitergehen“.


Doch insgesamt ist dieser Vertrauensverlust in das System und noch mehr die fehlende Alternative eine grosse Gefahr: Leute werden bereit sein, einer einfachen Alternative hinterherzulaufen, an sie zu glauben und denen, die sie vertreten, die Macht zu geben in der Hoffnung, wieder sicher sein zu können, wieder zu wissen, woran man ist.

Eine andere Gefahr ist, dass die aktuelle (noch) Mächtigen in der Not der fehlenden Lösungen für das interne Probleme, ein externes Problem hochstilisieren, welches als kurzfristig dringender zu lösen erscheint. Dies nennt man in der Politik „die Externalisierung von internen Konflikten“, meist ist das ein Krieg.

Ein Feindbild habe die USA jetzt über Jahre aufgebaut, den Iran. Ich fürchte, Amerika ist in der jetzige Situation für uns alle äusserst gefährlich.

Doch dazu mehr in eine nächsten Beitrag.

Noch ein Täter: Henry Paulson: Heilsbringer, Totengräber ... und Hoffnungsträger

Ich habe mich schon immer mehr für die Täter interessiert als für die Opfer. Hier ist einer der besonderen Art: Er trägt keine Uniform, sondern Anzug und Kravatte und (auch) er wird wohl nie vor ein Gericht gestellt:

Henry M. Paulson, Jr. (* 28. März 1946 in Palm Beach, Florida; vollständiger Name Henry Merritt Paulson, Rufname Hank) ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Paulson ist ein gläubiger Christ, ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Seit 2006 ist er US-Finanzminister und ist heute die treibende Kraft des Milliarden-teuren Plans der USA-Regierung zur Rettung des amerikanischen Finanzsystems.

Zuvor war oberster Chef der scheinbar allmächtigen Investmentbank Goldman Sachs ist so etwas wie die Inkarnation der aktuellen Finanzkatastrophe. Die Zeit nennt ihn einen der „Hohenpriester“ des Finanzsystems, die sich als die „Master of the Universe“ verstehen. Er war (und ist und bleibt) einer der wichtigsten Strippenzieher in einem System, welches Vorgab, nach wissenschaftlichen, quasi natur- oder gar gottgegeben Gesetzen und rationalen Mechanismen zu funktionieren, ein Systems, das sich jetzt als pure Ideologie entpuppt hat, als ein desaströses Geschäftsmodell (siehe den entsprechenden Artikel weiter unten).

Wenn er nicht auf’s Schaffott gehört, was ja in Amerika immer noch möglich ist, so müsste er doch zumindest den Rest seines Lebens am Bettelstab gehen, bar jeder Rechte, verachtet vom Establishment, bespuckt von den Massen, denen er einst das Heil versprochen hatte: Nicht nur ein eigenes Haus, auch wenn man es sich nicht leisten konnte, sondern auch Teilhaben am Segen des freien Marktes, endloser Konsum und ewige Sicherheit.

Doch nichts davon: Henry Paulson wird wie Seinesgleichen - mögen sie Ospel, Ackermann oder Blocher heissen - weiterhin nicht nur steinreich bleiben, sondern auch in Amt und Ehren. Er ist zwar mitverantwortlich für die Vernichtung unvorstellbarer Vermögen, direkt und indirekt für das endlosen Leiden von Millionen von Menschen und eben hat er dem „System“ noch Milliarde als Gewinne entzogen und in seine eigenen Taschen und die seines „Klerus“ gestopft. Aber Herr Paulson darf jetzt trotzdem als Retter des Systems auftreten, indem er als fürsorglicher Finanzminister Milliarden von Steuergeldern in das abgewirtschaftete Finanz-System pumpt. Ein bisschen mehr staatliche Kontrolle soll plötzlich segensreich sein.

Und die ganze Welt muss darauf hoffen, dass Paulsons’s Rezept einigermassen aufgeht. Denn alle wissen, wenn die Abwärtsspirale des amerikanischen Finanzsystems nicht gestoppt werden kann, wird die ganze Welt in den Negativ-Strudel gezogen. Da werden wir als Steuerzahler doch wohl Verständnis dafür haben, dass wir noch länger auf eine angemessenen Anteil an dem Kuchen verzichten müssen oder sogar in Kauf nehmen müssen, dass unser Anteil halt wieder ein wenig kleiner wird. Denn wenn wir die amerikanischen Rezepte nicht akzeptieren, wird es uns allen an den Kragen gehen – auf jeden Fall sicher uns gewöhnlichen Steuerzahlern.

„Das Ende eines desaströsen Geschäftsmodells“

Unglaublich, wie die Mächtigen aus Politik und Wirtschaft versuchen, die weltweite Finanzkrise klein zu reden – und die Medien beten ihre Schönfärbereien und Durchhalteparolen brav nach. Das Thema wird abge-handelt wie eine gottgegebenen Naturkatastrophe. Immerhin erscheinen jetzt auch vereinzelt Artikel, die die Katastrophe in ihre richtige Dimension rücken und auch die Ursachen und Verantwortlichen beim Namen nennen.

Frank Schirrmacher regt sich auf FAZnet zurecht auf in seinem Artikel „Mehr als eine Finanzkrise. Das Zeitalter des Unglücks“:

„Eine „Finanzkrise“? Mit gleichem Recht könnte man behaupten, dass die infame Spezialität
von Hurrikan „Ike“ darin bestehe, Open-Airkonzerte am dreißigsten Breitengrad zu stören, aber alles andere, das er auch durcheinanderwirbelt, verschweigen.“

Auch der amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger und Berater von Ex-US-Präsident Bill Clinton, Joseph Stiglitz, konstatiert schlicht «das Ende der Ideologie, dass freie, deregulierte Märkte immer funktionieren» und „Das Ende eines desaströsen Geschäftsmodells.

„Die Zeit“ fragt in ihrer Ausgabe vom 18. September „Ist der Finanzkapitalismus am Ende?“, um gleich die eigene Frage zu bejahen: „Jetzt birst die Blase des angelsächsischen Finanzkapitalimus. Aufgepumpt durch die Gier der Banker, .....“ Und: „... es ist das Ende der Herrschaft der angelsächsischen Finanzindustrie, der andere Länder nachstrebten und von der sie bedenkenlos Schulden übernahmen.“

Und Robert von Heusinger macht in der Frankfurter Rundschau in seinem Artikel "Lehrstunde in Kapitalismus" den logischen Link zur Religion, zum Glauben:
„Jeder, der liest, sieht und finanzielle Verluste bedauert, und sei es nur in künftig niedriger verzinsten Lebensversicherungen, muss VOM GLAUBEN abfallen. Vom Glauben an die Überlegenheit freier Märkte. Denn das Desaster, dessen Zeuge wir werden, haben unregulierte Finanzprodukte angerichtet, die auf unregulierten Märkten von oftmals unregulierten Vehikeln wie Hedgefonds oder Zweckgesellschaften gehandelt worden sind.“

Tatsächlich wurde uns die Marktwirtschaft und ihre Regeln quasi als Religion inklusive Heilsversprechung verkauft, deren Gesetze wenn nicht heilig, so doch naturgegeben sind. Der Kapitalismus und seine extreme Form der freien Marktwirtschaft als ein sich selbstregulierendes System, das schliesslich allen zum Glück verhelfen wird.


Die Katastrophe ist hausgemacht, "man-made".

Schon länger haben wir eigentlich alle gesehen, das etwas nicht stimmen konnte an „dem System“. Es machte die einen immer reicher, während immer mehr Menschen und ganze Kontinente immer weiter ver-tröstet wurden, sie würden dann schon noch am Erfolg teilhaben. Doch wer gewagt hat, kritische Fragen zu stellen, wurde entweder als Ignorant milde belächelt oder gar als Linker oder Kommunist - eben als Sytem-gefährder - verdächtigt und disqualifiziert. Ein berufliches (Karriere-) Risiko.

Jetzt müssen alle schmerzhaft erfahren, dass nicht nur dieses „System ganz offensichtlich nicht funktioniert, sondern dass es auch nicht von irgendwelchen „rationalen Gesetzen“ gesteuert wird, sondern von den ganz profanen, menschlich-biologischen Trieben der Top-Manager und ihren Zauberlehrlingen an den Börsen, die sich selbst gerne als „Herrscher des Universums“ sahen.
Unter dem Titel „Der Testosteron-Wahn der Broker“ fasst baz.online die Ergebnisse eines Forschungspro-jekts norwegischer Wissenschaftler zusammen: „Urzeitliche Reflexe, Herdentrieb und Hormone spielen aus Sicht von Psychologen und Biologen eine wichtige Rolle bei Kauf- und Verkaufsentscheidungen von Börsen- und Finanzhändlern.“ Ein zu hoher Testosteron- oder Cortisol-Spiegel verneble allzu oft das Urteilsvermögen der meist jungen Börsenhändler.
Die Chefs der jungen Wilden, welche mit ihren irrationalen Entscheiden Schicksal für ganze Finanzsystem spielen, geben - wie beim Fall der deutschen IKB - offen zu, „dass sie die Praxis, die
Handlungen und Verfahren nicht verstehen und nie verstanden haben.“
Sie haben es nicht verstanden!“

Fazit:
Schirrmacher: „Das Unglück, von dem man reden muss, ist ein hergestelltes, ein produziertes, ein vor unseren Augen zusammengeschraubtes Unglück - ein Unglück, das mit Fleiß in die Welt gesetzt wird und dessen Anstifter, Täter, Mittäter, Beihelfer, Mitwisser anders als bei einem
Wohnungseinbruch (um Enzensberger zu zitieren) nicht zu benennen sind.“

Die aktuelle „Finanzkrise“ hat eine tiefgreifende Dimension, nicht nur weil sie uns alle ganz direkt betrifft, sondern weil sie eine grundsätzliche Erschütterung des Vertrauens in die Marktwirtschaft bedeutet. Die folgen sind noch nicht offensichtlich, aber liegen eigentlich auf der Hand.

Aber dazu in einem nächsten Beitrag mehr.

Samstag, 20. September 2008

Arbeitsplatz: Leicht schreibhemmend


Dies als kleine Erklärung, warum ich zur Zeit etwas schreibgehemmt bin: Mallorca, Rest. Noah's, Cala Radjada

Montag, 15. September 2008

Fundstück: Eine Pflanze aus dem Meer in der Wüste als Energiespender der Zukunft?

Ein spannender Artikel auf Welt.online: "Carl Hodges will Wüsten mit Meerwasser begrünen. So würde er das Ernährungs- und das Energieproblem lösen. Und er ist kein Spinner. "

Ich frag mich nur: Eine Meerespflanze kultiviert in der Wüste? Hat Herr Hodges alle möglichen Vernetzungs-Kombinationen im Griff?

Samstag, 13. September 2008

Der "Fall" Calmy-Rey und die Medien


Die Arena des Schweizer Fernsehens von gestern Abend scheint mir vorallem aus einer Sicht wirklich spannend: Die Rolle der Medien, die Rolle von uns Journalisten.

Bundesrätin Calmy-Rey hat sehr gut ausgesehen gestern Abend. Weil sie argumentieren konnte, weil endlich mal eine Differenzierung möglich war. Und ihre Argumente sind sehr gut, weil die Aussenpolitik der Schweiz heute die einzig richtige ist.
Gut ausgesehen hat sie aber vorallem auch, weil sie von zwei der einflussreichsten Schweizer Medienmacher sekundiert und inhaltlich gestützt wurde: Felix E. Müller, Chefredaktor NZZ (Bild rechts) am Sonntag und Peter Rothenbühler, Chefredaktor Le Matin (Bild links).
Ich bin überzeugt, dass auch die Macher der anderen Verlage gleich denken.

Aber ihre Blätter und Publikationen bieten zur Zeit die Plattform für eine unglaubliche Hexenjagd auf Calmy-Rey, die der Schweiz - nicht Calmy-Rey - schadet. Die Medien lassen sich von den Hinterwäldlern der Schweizer Politik instrumentalisieren, die zwar keine Ahnung von Aussenpolitik haben, aber umso konsequenter Innen- und Parteipolitik betreiben. Die SVP und Teile der CVP haben die Aussenpolitik - respektive die Aussenmisterin - als Feld entdeckt, auf der sie parteipolitisch Punkte sammeln oder ihre eigene Bundesrätin bei den Ewiggestrigen profilieren können.

Schamlos machen die Medien jede noch so hanebüchene Anschuldigung der Hinterwäldler zu einer fetten Schlagzeilen. Dabei wissen die Journalisten ganz genau, wie falsch die Angriffe in der Sache sind. Doch genauso gut wissen die Journalisten, dass die Ani-Calmy-Rey-Kampagne ihrem Medium Quoten bringt.

Wir Journalisten wissen natürlich, welche Themen bei den Lesern mit grosser Wahrscheinlichkeit ankommen, welche "Geschcihten" häufig gelesen werden. Und es ist unser Handwerk, unsere Artikel/Beiträge so zu gestalten, dass sie für die Leser/Zuschauer attraktiv sind. Wir wissen auch, das man das Leserinteresse am leichtesten mit einem griffigen Titel abholt. Und im neuen Online-Medium können wir die Wirkung unserer Publikationen auch unmittelbar sehen. Ich brauche nur den Titel eines neuen Artikels im Netz zu lesen und weiss schon, ob die Leser in den Kommentarspalten reagieren werden. Ich könnte sogar drauf wetten, welche Leser kommentieren werden und wie.

Positive Effekte:
Klar rede ich auch von mir. Und ich weiss auch, wie ich mein schlechtes Gewissen beruhige:
Jede Kampagne hat auch die gegenteilige Wirkung als bezweckt. Die Angriffe auf Calmy-Rey haben auch positive Effekte:

Die Aussenpolitik ist heute ein Thema in der Schweiz. Die Rolle der Schweiz im Ausland wird öffentlich diskutiert; zwar personalisiert auf Calmy-Rey, aber immerhin. Die Bundesrätin und ihre Chefbeamten haben gestern denn auch die seltene Möglchkeit genutzt, im nationalen Fernsehen die Politik der Schweiz im internationalen Feld, ihre Aktivitäten, ihre Rolle als Kontakthalterin im Hintergrund und als Wegbereiterung für grössere und kleiner politische Prozesse ausführlich und einigermasse differenziert darzustellen.

Und: Je heftiger die Hinterwäldler via Medien auf Calmy-Rey einhauen, desto grösser wird ihr Heldenstatus. Sie ist inzwischen für Viele - ud vorallem auch für viele Frauen - zur einer Gallionsfigur geworden, der alle Sympathien gehören. Auch ihre Partei profitiert, dank der Solidarisierung vieler potentieller Wähler mit der Vielgescholtenen.

Dabei erzählen Insider immer offener, dass die Bundesrätin - wenn schon - nicht wegen ihrer politichen Arbeit, sondern wegen ihrem Umgang mit den Menschen in ihrem nächsten Umfeld zu kritisieren wäre. Sie gilt als arrogant ihren MitarbeiterInnen gegenüber, unnahbar und häufig gar verletzend. Die Stimmung im Departement sei schlecht - nicht wegen den Angriffen von aussen, sondern wegen internen Spanungen, für die häufig die Chefin verantwortlich sei.

Die "Arena" vom 12. September mit Bundesrätin Calmy-Rey hier:


Mittwoch, 10. September 2008

Basel-Stadt und - Land: „Zu EINEM Körper gehörend“

Offiziell etwas verschämt feierte Baselland 2008 175 Jahre Hülftenschanz 1833, die Schlacht, welche die Trennung von Stadt und Land bis heute besiegelt hat. Doch einflussreiche Kreise im Baselbiet kultivieren noch immer unverhohlen den Geist der Trennung.
Dabei war die Stimmung im Baselbiet nur 30 Jahre früher noch ganz anders: 1798 zelebrierten Städter und Landschäftler ein Fest der Zusammengehörigkeit: Die „Revolution im Kanton Basel“.

Im Grossen Rat der Stadt Basel war heute, 10. September 2008, ein Re-Print der Festschrift von Martin Birmann 1882 anlässlich des 50. Geburtstags des Kantons Baselland aufgelegt. Darin gleich zu Beginn en Kapitel zur Vorgeschichte: „Die Rechtsgleichheit des Jahres 1798“ bei der „Revolution im Kanton Basel“.

Damals forderten die Landausschüsse die Gleichheit mit der Stadt und die Planung einer gemeinsamen Zukunft in einem Vierpunkte-Forderungskatalog. Punkt drei: „Enge Vereinigung der Stadtbürger mit den Landbürgern als zu Einem Körper gehörend...“

Die Landmilizen kamen zur Feier der Revolution in die Stadt und wurden vor den Toren von der städtischen Freikompagnie abgeholt. Gemeinsam zogen die Truppen in die Stadt „im Marsch zu Zweien abwechselnd je ein Stadtbürger zur Rechte, ein Landbürger zur Linken ... Bevor sie in Quartiere sich begaben, schworen die Truppen gegeneinander den Eid und gaben sie sich den Bruderkuss.“

In der Kirche von Liestal unterzeichneten die Vertreter der Landgemeinden gemeinsam mit den Vertretern der Stadt die Freiheits- und Gleichheitsurkunde mit der „ die ehevorigen Verhältnisse zwischen Stadt und Land durchaus und als zernichtet erklärt“ wurden.
„Die ganze Bevölkerung war in einem Freudenrausch“. Damit hatte die in der Revolution vereinte Stadt und Landschaft eine einmalige Gelegenheit für eine erfolgreiche, gemeinsame Zukunft. Es scheint rückblickend unglaublich, wie die Stadt innerhalb von 30 Jahren diese Chance und allen Goodwill bei der Landbevölkerung verspielten und von den ehemaligen „Brüdern“ an der Hülftenschanz blutig aufs Haupt geschlagen wurden.

Die bittere Enttäuschung der Baselbieter, die die Jahrhunderte lange Unterdrückung und Demütigung durch die Städter mit der Revolution vergessen und sich mit den Städtern „in Gleichheit“ verbinden wollten, haben einflussreiche Kreise im Baselbiet bis heute nicht verdaut und sie sind bis heute nicht bereit, den Schritt ihrer Vorväter die Wiederholen und die alten Zerwürfnisse „als zernichtet" zu erklären und eine gemeinsame Zukunft zu wagen. Man beschwört lieber den Geist der Trennung von 1832/33 als den Geist der Gemeinsamkeit von 1798.

Sonntag, 7. September 2008

Schwingen: Swissness pur. Professionell, fremd.

"Stucki, Christian gewinnt das Kilchberg-Schwinget".

Es sind imponierende Typen dieses Schwinger. Stucki z.B.: 2 Meter gross, 140 Kilo schwer. Ihre sportliche Leistung ist erstklassig. Schwingen ist längst nicht einfach nur ein Hobby für ein paar Aelpler, sondern Leistungssport.

Genauso imponierend sind die Anlässe der Schwinger. Keine Spur von hinterwäldlerisch-amateurhaft. Im Gegenteil: Ein grosses Schwingfest setzt Standards, an denen sich viele andere Sportgrossereignisse orientieren sollten.

Ein Schwingfest ist heute ein perfekt organisierter Event mitten im Marketing-Mainstream: Die perfekte Inszenierung der Bodenständigkeit, Swissness pur. Das verkauft sich hervorragend. Beim Publikum und bei den Sponsoren.

Dahinter steckt ein schlaues Management. Es kann noch immer auf den (Gratis-) Einsatz eines ganzen Heers von Freiwilligen zählen, ohne die insbesondere die Riesenlogistik kaum zu bewältigen und vorallem kaum zu bezahlen wäre. Besonders geschickt: das Marketing. Es gibt in der zentralen Schwing-Arena keine Werbung. Das Produkt "Schwingen" wird rar gemacht, exklusiv. Das Gut "Werbung mit Schwingen" wird klein gehalten: Nur eine kleine Anzahl, sorgsam ausgewählte Sponsoren wird zugelassen.
Dasselbe System der Exklusivität gilt beim Kilchbergschwinget auch für die Zuschauerplätze. Am "Ereignis" teilnehmen können nur geladene Gäste.

Und das Wettkampfsystem eines Schwingfestes, die Folge der einzelnen "Gänge", ist so ausgeklügelt, dass die Fans - anders als zum Beispiel im Tennis - von ersten Kampf am frühen Morgen an immer spektakuläre Gänge zu sehen bekommen. Es kämpft immer die Nummer eins der "Setztenliste" gegen die Nummer zwei, die Drei gegen die Vier, usw.. Nach jeder Runde gibt's eine aktuelle Punkterangliste, gemäss der wieder nach dem System 1 gegen 2, etc. gekämpft wird. Ein Star kann sich so auch einmal eine Niederlage leisten und geht dem Anlass nicht verloren. Mit der Anzahl der Kämpfe trennt sich so langsam die Spreu vom Weizen und im krönenden Schlussgang stehen sich mit grösster Wahrscheinlichkeit zwei Stars gegenüber.

Die "Helden", auch kokettierend "die Bösen" genannt, sind die inszenierte Sauberkeit: Landburschen, richtige Mannen, aufrecht, stämmig, immer fair. Keine Werbung verunstaltet die Athleten als Plakatsäulen.

Mein Respekt: Ein grosses Schwingfest ist ein Top-Anlass.

Aber:
Die inszenierte Swissness wirkt auf mich mit jedem Anlass noch befremdlicher, fast aufdringlich. Reflexartig empfinde ich das Ganze als eine Werbeveranstaltung der SVP. Die Begeisterung in den Medien für die Schwingfeste und die Werbung der Gross-Sponsoren mit dem Schwingen empfinde ich schon fast als Nötigung: man versucht mir eine Schweiz reinzudrücken, mit der ich einfach nichts anzufangen weiss.

Samstag, 6. September 2008

Eine türkische Seifenoper als Kulturimperialismus

Noch eine spannende andere Sicht auf die Welt:

Seit Monaten bewegt eine türkische TV-Soap die Gemüter in der arabischen Welt: "Noor", die Geschichte eines modernen arabischen Ehepaars. Ausgestrahlt wird es vom saudischen Privatkanal MBC und ist in der gesamten arabischen Welt von Marokko bis Syrien ein "Strassenfeger". Vorallem die Frauen im arabischen Raum sind hin und weg.

Perfekt bedient die Serie, die in der Türkei selbst kein Erfolg war, Sehnsüchte. Sie spielt in einem islamischen Land, greift aber auch heikle Themen auf, die sonst tabuisiert sind. So hat der Serienheld, der von dem blauäugigen ehemaligen Modell Kivanc Tatlitug gespielt wird, vor der Ehe Beziehungen und ist bereits Vater eines Kindes. Auch öffentliche Zärtlichkeiten sind in der Serie zu sehen.



So sieht das aus:


Ein moderner "Orient"
Für uns mag das alles noch immer irgendwie exotisch, orientalisch anmuten, aber es hilft, auch uns, eine andere Sicht dieser arabische Welt zu erhalten, zu erkennen, dass es dort nicht nur rückständige, bärtige Fundamentalisten auf Kamelen oder Eselskarren in Beduinenzelten und unterdrückte, ungebildete Frauen hinter Schleiern gibt.

"Unislamisch, teuflisch"
Kein Wunder hat die Serie islamische Sittenwächter auf den Plan gerufen. Als "teuflisch und unmoralisch" bezeichnet der Großmufti Saudi- Arabiens die türkische Fernsehserie und forderte die TV-Stationen auf, ihren "Angriff auf Gott und seinen
Propheten" unverzüglich einzustellen.

"Kulturimperialistisch"
Noch viel spannender als die emanzipatorische Wirkung der TV-Soap ist der politische Hintergrund. In der arabischen Welt und speziell im Iran, dem alten Persien, wird die Soap auch als politisches Instrument zur Ausdehnung des türkischen Einflusses im Nahen Osten intrepretiert.

Die TheranTimes schreibt:
"Although these series are not high art, they are meant to raise Turkey’s profile in the region in order to reduce Iran’s political and cultural influence. "

Die alte Rivalität zwischen den Türken und den Persern ist im Nahen und Mittlere Osten immer noch präsent und der antitürkische (anti-osmanische) Reflex ist ein nach wie vor ein funktionierendes Mittel der arabischen und mehr noch der iranisch-persischen Propaganda.


Neue (alte) Rolle der Türkei:
Tatsächlich ist die Türkei daran, wieder eine zentrale Rolle im Nahen und Mittleren Osten zu spielen und darüberhinaus. Bekanntlich erstreckt sich der türkische Einfluss traditionell bis tief nach Mittelasien. Die ehemaligen Soviet-Republiken von Kasachstan über Krigisien bis Usbekistan sind Turk-stämmig und reden eine türkische Sprache, rund ein Viertel der Iraner sind türkisch-stämmig.
Nicht zuletzt ist das möglich geworden, weil die Türkei, seit sie mit der AK (Erdogan) wieder über eine "islamische" Regierung verfügt, im Nahen Osten wieder als zur eigenen (islamischen) Welt zugehörig und wegen ihres wirtschaftlichen rfolgs und der Nähe zu Europa als vorbildlich angesehen wird.

Europa tut deshalb gut daran, die Türkei als ihren wichtigsten Partner zu akzeptieren und zu nutzen, nicht nur bei der Entwicklung er Union für das Mittelmeer, sondern für die gesamte Friedenspolitik auf der Brücke zwischen Europa und Asien.

Freitag, 5. September 2008

Basel lebt: Münster-Pfalz 5.9. 1100 Uhr


Momentaufnahme: Basel Pfalz (Terrasse vor dem Münster) 5.9.08, 1100

1 Hochzeitsapéro, 1 Geburtstagsapéro (beide mit zirka 30 Personen und mitgebrachten Snacks auf Tischchen mit weissem Tischtuch). 3 Stadtführungen von Basel-Tourismus, „wilde“ Touristen.










Das Ende der amerikanischen Vorherrschaft


Die "Zeit" öffnet mal wieder den Blick. Besonders spannend, wenn dabei eine andere Sicht, eine nicht-westliche Sicht auf die Welt, ins Blickfeld gerückt wird. Es sind zwei indischstämmige Politologen/Publizisten, die eine Ende der Vorherrschaft Amerikas prognostizieren:

»Goodbye, America« – so lautet der bittere Refrain von Fareed Zakaria, dem in Bombay geborenen Politikwissenschaftler und Chefredakteur von Newsweek International. In seinem neune Buch "The Post-American World beschreibt er den »Aufstieg der Anderen«, den Aufstieg Asiens, genauer Chinas und Indiens.

Parag Khanna, Experte für Geopolitik bei der New America Foundation beschreibt ebenfalls das Ende der US-Vorherrschaft. In seinem Buch Der Kampf um die Zweite Welt (Berlin Verlag) tritt Amerika als gerupfter Riese auf, als gelähmte, von einem entfesselten Kapitalismus verunsicherte, im Irakkrieg blamierte Supermacht, die nun im Schmollwinkel der Weltgeschichte hockt und ihren Machtverlust noch gar nicht begriffen hat.

Khanna sieht die Welt künftig von drei Machtsphären beherrscht: von den Vereinigten Staaten, von China und, man staune, von der Europäischen Union.
Russland, welches zur Zeit mit einigem Getöse wieder versucht, ein entscheidender Player zu werden, ist für Khanna eine "aussterbende Nation". Russland gehöre künftig zur "Zweiten Welt", welche zwischen den drei »Imperien« USA, China und Europa liege, zum Beispiel in Osteuropa, dem Nahen Osten, Afrika und Lateinamerika.In dieser Zweiten Welt tobe der Kampf um Einflusszonen, und hier entscheide sich, wie viel Macht die geopolitischen Machtsphären in die Waagschale werfen können.

Europa als Vermittler zwischen den neuen Machtpolen Asien und Amerika:
Den Schlüssel zum Frieden halten gemäss Khanna die Diplomaten der Europäischen Union in der Hand, denn Brüssel komme eine Mittlerrolle zwischen den asiatischen Angreifern und der amerikanischen Supermacht zu. In Khannas romantischem Blick besitzt die EU genügend Einfluss, um sicherzustellen, dass der Aufstieg Chinas und anderer Mächte friedlich abläuft.

Doppelt spannend, dass der amerikanisch-indische Intellektuelle Khanna die Zukunft Europas auch in der Einbindung des Mittelmeerraums sieht. Wenn Europa auch noch ein "postmodernes römisches Reich" gründe und die Maghrebstaaten integriere, werde es endgültig zum »Gentle Civilizer« einer Weltgesellschaft, in der jeder brutal die Pläne des anderen durchkreuzen könne. Das ist das "Mare Nostrum", welches EU-Ratspräsident Nicolas Sarkozy zur Zeit mit seiner Union für das Mittelmeer anstrebt.
Wenn es gut gehe, würden sich unter europäischem Einfluss die besonnenen Köpfe durchsetzen und ihre wichtigsten Probleme gemeinsam lösen, als da wären: Terrorismus, Klimawandel, Armut und die Verteilung der Rohstoffe.

Doch Khanna befürchtet eine unsichere Weltzukunft. Er zeichnet das Bild einer fluiden, unberechenbaren und zerklüfteten Weltgesellschaft, in der reizbare Allianzen – die ständig wechselnden »Koalitionen der Willigen« – um drei Machtpole kreisen, die selbst wiederum um Vorherrschaft ringen. Dieses planetarische Gebilde sieht dem »Autoritäts-Durcheinander des Mittelalters ähnlicher als einem neuen Kalten Krieg mit klaren Fronten«.

Donnerstag, 4. September 2008

Aufgeben, Herr Bundesrat Schmid.


Wenn es überhaupt noch eines Beweises bedurft hätte, wie tief Bundesrat Schmid in der Scheisse steckt, dann war es sein heutiger Auftritt live im Studie der Tagesschau von SF in Leutschenbach. Nicht was er gesagt hat, - das war unglaubwürdig und peinlich genug - sondern vielmehr, dass er überhaupt dort war.



Ein Live-Besuch im Studio in Zürich ist eine Kommunikations-Todsünde. Ich weiss nicht, was sich seine Berater gedacht haben. Es gibt einige ungeschriebene Gesetze in der eidgenössischen Politik. Zum Beispiel:
Das Fernsehen hat zu einem Bundesrat zu gehen. Ein Bundesrat geht höchstens ins Bundeshausstudio in Bern, von wo aus er sich live von der Tagesschau interviewen lässt. Dass er sich jetzt selbst zum Gang nach Canossa ins Studio in Leutschenbach aufgemacht hat, zeigt, dass er politisch tot ist.

Schade für Samuel Schmid. Fast wehmütig erinnere ich mich an seine Auftritte bei mir in der Sendung "Bernerhof": Der anständigste SVP mit einer offenen Haltung nicht zuletzt auch in Fragen der internationalen Politik, wie zum Beispiel dem UNO-Beitritt der Schweiz oder dem Auslandeinsatz von Schweizer Soldaten.
Schade, dass den Zeitpunkt für einen einigermassen ansstädnigen Rücktritt verpasst hat. Sein Stolz ist falsch, sein pathetischer Spruch heute: "Es ist meine heilige Pflicht ...." ist nur peinlich.

Aufgeben ist manchmal besser, Herr Bundesrat. Lieber ein peinliches Ende, als eine endlose Peinlichkeit.

Sarkozy arbeitet weiter am Mare Nostrum


Eigentlich mag ich den "le petit Napoléon" Nicolas Sarkozy nicht, ich weiss auch nicht wirklich warum. Seine konsequente Mittelmeerpolitik, wie ich sie im Beitrag "Mare Nostrum" beschrieben habe, imponiert mir aber.
Heute hat Sarkozy, zur Zeit ja auch Ratspräsident der EU, seine Politik der Mittelmeerunion mit einem Besuch in Syrien fortgesetzt. Damit beendet er eine lange Isolation Syriens, das wegen seiner kriegerischen Haltung gegenüber Israel von den USA als "Terrorist" verurteilt und international geächtet wird. Sarkozy ist sei 5 Jahren der erste westliche Staatschef, der Syrien besucht. Das nächste Resultat von Sarkozys aktiver Mittelmeerpolitik und seines heutigen Besuchs in Syrien dürfte am nächste Donnerstag ein Vierergipfel zu Konflikt Israel-Syrien sein, an dem neben den Konfliktparteien Syrien und Israel auch der wichtigste Player im östliche Mittelmeer, die Türkei teilnehmen wird, plus der zur Zeit wichtigste arabische Vermittler: Der Emir von Qatar.

Syrien als Vermittler Europas mit dem Iran
Vielleicht noch wichtiger ist ein zweites Resultat des heutigen Syrienbesuchs von Sarkozy: Syrien wird sich bei den Gesprächen mit dem Iran in Sachen Atomenergie engagieren. Syrien, als wichtigster Verbündeter des Iran, lässt sich damit von Sarkozy (Europa) in seine Friedenspolitik gegenüber dem Iran einspannen, welche darauf abzielt, Iran friedlich einzubinden, anstatt weiter zu isolieren und in in eine Aggression zu drängen, wie das die USA anstreben.

Mit der Einbindung Syriens in die Friedenspolitik Europas im Nahen Osten ist ein wichtiger Schritt getan, um eine weitere Eskalation des Konflikts der USA mit dem Iran einzudämmen.

Mittwoch, 3. September 2008

Demokratie oder Ein einig Volk von Göttern


In einem alten NZZ Folio (10/95) gefunden: Etwas Gescheites, auch Amüsantes, auf jeden Fall Erbauliches.

"Ein einig Volk von Göttern"
Anpassungsfähig seit 2500 Jahren: die Demokratie.
Von Thomas Häberling.

Häberlings Fazit;
Zur Demokratie an sich gibt es keine vernünftige Alternative, doch die Demokratie steht angesichts der inneren und äusseren Überforderung das Staates vor einem Quantensprung; noch sind die Mittel nicht gefunden, mit denen er zu bewältigen ist.

Im selben NZZ-Folio auch ein schöner Artikel zum Thema "Stammtisch" von Peter Bichsel. Titel: "Die Totaldemokraten".
Bichsel kennt sich aus, sitzt er doch selber noch regelmässig in der Beiz in Solothurn "
mit einem geschmiedeten Aschenbecher". In schönster Bichsel-Manier schreibt er:
Auch Christoph Blocher ist ein Opfer einer romantischen Vorstellung von einem Stammtisch: ein Altherr einer Studentenverbindung, der noch voll im Saft ist und glaubt, dass das, was am Stamm geredet wird, alles ist, was geredet wird.
Und: Nein, hier am Biertisch sitzt nicht das Volk, hier sitzen nur die vom Biertisch.

Dienstag, 2. September 2008

Die Gesichter des Bösen


Der bayerische Künstler Hans Weishäupl versucht, mit seinen künstlerisch-gestalterischen Mitteln das auszudrücken, was ich mit Worten zu beschreiben versuche:
Das menschliche an und in den Menschen, die das Böse repräsentieren. Gewagt sein Versuch, aber er erreicht sein Ziel: man beginnt, nachzudenken, über sich selbst.

Der offizielle Text der eindrücklichen Homepage Faces-of-Evil zur Erklärung:
"FACES OF EVIL - zeigt die Gesichter der 13 bekanntesten und grausamsten Diktatoren der jüngeren Vergangenheit einschließlich heute, von Mao über Hitler bis zu Mugabe. Alle vertraut und doch irgendwie anders, denn hinter jedem Portrait versteckt sich eine Vielzahl von Menschen - genauso wie in der Realität. Hans Weishäupl hat in den entsprechenden Ländern jeweils über 350 Personen fotografiert und einzelne Gesichtsteile dieser unterschiedlichen Menschen so zusammengefügt, dass sich uns ein neuer und erschreckend lebendiger Blick in das Antlitz dieser bekannten Diktatoren eröffnet."

Die ganze Galerie ist hier zu finden. Von Mao über Stalin bis Mugabe.

Besonders eindrücklich das Making of Hitler. Weishäupls  Hitlerkollage zusammengebaut aus 37 Personen ist unglaublich faszinierend. Jede Falte, jede Augenbraue, jeden Leberfleck setzte er originalgetreu zusammen. Die Nase gehört einem Immobilienmakler aus Berlin, die Oberlippe ist von einem Schlosser aus Dresden und der Bart von einem Koch aus Wuppertal.

Oder wie Littell schreibt: "Ich bin wie ihr."