Samstag, 30. August 2008

Oase in Basel: CityGolf Bachgraben


Am 20. September beginnt sie wieder, die CityGolf Saison im Bachgraben. Ein Stück Heimat. Viel Entspannung und Genuss. Ich bin stolz darauf.

Hier eine paar Impressionen (Galerie erscheint beim Klicken auf das Bild)

City Golf

Sonntag, 24. August 2008

Radovan Karadzic: AUCH ein guter Mensch?

(Auch eine Antwort auf Martinas Kommentar zum Artikel "Wir sind alle verführbar.")

Schauen wir dem Menschen Radovan Karadzic in die Augen. Er ist verantwortlich für beispiellose Greuel, unbeschreibliches Elend und Verzweiflung. Und er hat auch viele gute Menschen zu Mördern gemacht. Aber ich muss trotzdem davon ausgehen, dass Radovan Karadzic AUCH ein guter Mensch ist. Ich weiss, das muss ich erklären:

"Ihr Menschenbrüder, lasst mich euch erzählen, ....". So beginnt das Vorwort zum (fiktiven) Lebensbericht von Maximilian Aue im aufwühlenden Roman "Die Wohlgesinnten" von Jonathan Littell. Maximilian Aue ist die Inkarnation des Bösen, ein SS-Offizier, ein Masssenmörder. Ganz bewusst stellt er sich gleich zu Beginn mit seinen Lesern auf eine Ebene. Er nennt sie "Menschenbrüder". Er weiss, dass sich die meisten seiner Leser gegen diesen Uebergriff verwahren werden, aber er zwingt sie/uns auf seine Ebene: "Ich bin wie ihr." "Ich bin ein Mensch wie jeder andere, ich bin ein Mensch wie ihr." Max will sich nicht rechtfertigen, er bittet auch nicht um Verzeihung. Er weiss um seine Schuld: "Ich habe die dunklen Ufer überschritten, all das Böse drang in mein Leben, und nichts von all dem kann wiedergutgemacht werden." Aber Max sagt seinem Leser, er solle sich nichts einbilden und mit dem Finger auf ihn zeigen: "Wenn ihr in einem Land und in einer Zeit geboren seid, wo nicht nur niemand kommt, um eure Frau und eure Kinder zu töten, sondern auch niemand, um von euch zu verlangen, dass ihr die Frauen und Kinder anderer tötet, dann danket Gott und ziehet hin in Frieden."
Hier die sehr eindrückliche Lesung des Vorworts von "Die Wohlgesinnten" im FAZ-Forum:



Der Roman von Jonathan Littell über Max Aue, den Massenmörder, ist eine Anhäufung von Schrecklichkeiten, beschrieben bis in alle Details. Und in Ich-Form. So abstossend die Inhalte sind - und je länger je mehr auch ermüdend; man hat die Botschaft nicht erst am Ende der fast 1400 Seite begriffen - so verstörend die Feststellung: man beginnt sich in Max hinein zu versetzen, man beginnt mit ihm zu fühlen. Man beginnt sich zu fragen, wo hätte Max/ich aussteigen können/müssen? Wie hätte ich gehandelt?. Der jüdisch-stämmige Autor Jonathan Littell, der sich als Ich-Erzähler in die Rolle des SS-Schlächters Max versetzt, hat sein Ziel erreicht, seine Botschaft ist schon längst rübergekommen: "Ich bin wie ihr".

Es ist für mich nur auf den ersten Blick tröstlich zu wissen, dass ich zu der privilegierten Gruppe von Menschen gehöre, die - dank der liebevollen Erziehung meiner Eltern in behüteten Umständen - eine etwas bessere Chance hat, nicht zum Täter zu werden, wie mir die von Martina in ihrem Kommentar zitierte Psychologin und Philosophin Alice Miller (hat in Basel studiert) versichert:
"Menschen, deren Integrität in der Kindheit nicht verletzt wurde, die bei ihren Eltern Schutz, Respekt und Ehrlichkeit erfahren durften, werden in ihrer Jugend und auch später intelligent, sensibel, einfühlsam und hoch empfindungsfähig sein. Sie werden Freude am Leben haben und kein Bedürfnis verspüren, jemanden oder sich selber zu schädigen oder gar umzubringen." Und ganz ähnlich schätzt das ja auch Philip G. Zimbardo im Interview mit der Zeit ein.
Doch ich bin weit davon entfernt zu glauben, dass ich nicht auch gefährdet bin, selbst zum Täter zu werden, "dem Druck zu widerstehen, dem Gruppendruck, dem Druck der Autorität. .... Ein wichtiger Faktor ist das akzeptierte Sozialverhalten in der Gruppe. Was tun die anderen? Für was wird man belohnt?" (Zimbardo). Vorallem bin ich weit davon entfernt, Menschen, die zum Beispiel unter den Umständen eines Kriegs und dem, was sie dort erleben, zu Tätern werden.

Ich habe selbst Menschen kennengelernt, die schlecht und böse sind wie Max, die Menschen getötet haben, nicht nur in Notwehr, und ich habe mit Schrecken feststellen müssen, dass ich diese Menschen irgendwie doch gemocht habe, obwohl ich um ihre Taten wusste.

Deshalb muss ich davon ausgehen, dass Radovan Karadzic AUCH ein guter Mensch ist/sein kann.
Genauso wie ich überzeugt bin, dass Max Aue AUCH ein guter Mensch war. Genauso wie Borislav Herak, das "Monster" von Vogosca/Sarajevo (Bild rechts) AUCH ein guter Mensch ist . Ich weiss, das "Jasna's Goran" ("Krieg im Kopf") ein guter Mensch ist, obwohl er daran zugrunde geht, was er im Krieg getan hat, und ich weiss, dass Ramush Haradinaj, der UCK-Kommandant, ein guter Mensch ist, auch wenn er mit grosser Sicherheit für Unakzeptables, was im Kosova geschehen ist, zumindest verantwortlich ist, auch wenn ihn das Haager Kriegstribunal mangels Beweisen freigesprochen hat.
Und ich weiss, dass ich selbst ein guter Mensch bin, aber ich muss für mich akzeptieren, dass ich - unter anderen Umständen und trotz guten familiären und gesellschaftlichen Voraussetzungen - auch fähig sein könnte, abgrundtief Böses zu tun. Auch ich könnte in Den Haag angeklagt sein.

Es geht nicht darum, sich einfach zurückzulehnen und den Umstand zu akzeptieren, dass wir Menschen "im Kern halt einfach böse" sind. Es gibt keine Entschuldigung (oder "Vergebung") für die Bösen (Max sucht sie auch nicht), sie müssen Rechenschaft ablegen für das, was sie getan haben, sie sollen dafür bestraft werden. Es geht auch nicht darum, sich einfach aus der Verantwortung zu stehlen, weil wir Menschen "halt so sind und nicht anders können". Im Gegenteil: Es ist unsere Verantwortung, alles in unseren Möglichkeiten Stehende dazu beizutragen, dass Menschen nicht in die Situation kommen, Böses zu tun.

Freitag, 22. August 2008

Generation des Zorns

Die NZZ-Online hat ihr hervorragendes "Dossier: Wie begegnen wir dem Islamismus" durch einen weiteren, sehr lesenswerten Artikel ergänzt: "Generation des Zorns". Autor ist der Politologe Volker Perthes. Er leitet die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin und hat zahlreiche Studien über den Nahen und Mittleren Osten veröffentlicht.

Er sieht keinen "Clash der Zivilisationen", des Westens mit der arabisch-muslimischen Welt: "Es gibt keinen Kulturkonflikt, der «den Westen» gegen «den Islam» positioniert. Der eigentliche clash findet innerhalb der arabisch-islamischen Zivilisation statt. Er verläuft zwischen denjenigen, die ihre Länder in die Globalisierung führen wollen, und reaktionären Utopisten, die ihren Gesellschaften totalitäre Zwangsjacken verpassen möchten." "Gleichwohl darf man nicht übersehen, dass es in weiten Teilen der arabischen und muslimischen Welt eine transnationale Stimmung gibt, die eine gewaltsame Mobilisierung im Namen eines kämpferischen Islam zumindest erleichtert. Auch wenn die gesellschaftliche Mehrheit dieser Länder keineswegs radikal oder gewaltorientiert ist, finden wir von Marokko bis Pakistan und auch in der muslimischen Diaspora in Europa mittlerweile mindestens zwei Generationen junger Männer – und einiger Frauen –, deren Zorn in Gewaltbereitschaft oder in Indifferenz gegenüber Gewaltaktionen umschlägt."

Diese Generation ist die Generation nach Al-Qaida. sie wurde "im Schatten des amerikanischen Kriegs gegen den Terror sozialisiert, den viele als Kampf des Westens gegen den Islam verstehen. Der Zorn dieser Generationen wird nicht mehr von revolutionären Regimen oder nationalen Befreiungsbewegungen kanalisiert. Der Zorn ist weiter politisch, die Zornigen aber, vor allem ihre Vordenker, bedienen sich einer religiösen Sprache, um den radikalstmöglichen Widerstand gegen die Verhältnisse zu legitimieren.


Mit dem Zorn greift Volker Perthes ein Element auf, das auch Peter Sloterdijk 2006 in seinem "Zorn und Zeit" als zentrales Element der Aggression fundamentalistisch-muslimischer Kreise ansieht. Sloterdij entwickelt eine Theorie der "Weltbank des Zorns": Ueber Generationen hätte sich eine Frustration in der arabischen Welt gegnüber dem Westen aufgestaut und wie Kapital auf einer Bank akkumuliert, welches jetzt politisch von religös-extremistischen Strömungen genutzt werden könne. Der Fundamentalismus ist für Sloterdijk weniger eine Sache des Glaubens, sondern er ist eine "Aufreizung zum Handeln", eine "Bereitstellung von Rollen, durch welche grosse Zahlen potentieller Akteure in den Stand gesetzt werden, von der Theorie zur Praxis überzugehen - eher noch von der Frustration zur Praxis."
"Die Religion liefert zusätzliches Oel für ein Feuer, dessen Ausgangsbrennstoff nicht von ihr stammt." Sloterdijk zitiert hier aus Gunnar Heinsohns "Söhne und Weltmacht".

Der islamische Terror als Racheakt für die Demütigungen, welche die arabische Welt und die islamische Kultur in den letzten Jahrhunderten vom "Westen" erlitten hat.

Sloterdijk kombiniert seine Philosophie der Zornbank mit der Theorie von Gunnar Heinssohn des "Jungmännerüberschusses": "Junge, männliche Singles als Bedrohung der Ordnung". Der Elan und die Rekrutierungsstärke des islamischen Fundamentalismus an gewaltbereiten Jungen Männern resultiert laut Sloterdijk "aus dem Vitalitätsüberschuss einer unaufhaltsam anschwellenden Riesenwelle von arbeitslosen und sozial hoffnungslosen männlichen Jugendlichen zwischen 15 und 30 Jahren".
"Indem die islamistischen Organisationen in ihren Basisländern Gegenwelten zu den bestehenden Ordnungen schaffen, kreieren sie Gitter von alternativen Positionen, in denen sich zornige junge Männer mit Ambitionen wichtig fühlen dürfen - dazu gehört der Drang zum Losschlagen gegen nahe und ferne Feinde, lieber heute als morgen."

...... und: Warum nur erinnert mich das an die Saubannerzüge der "Eidgenossen" im Mittelalter und gleichzeitig an die Fussball-Hooligans?

Samstag, 16. August 2008

oder: "Der Glaube als Nebenwirkung der Evolution"


Die Zeit online bringt unter dem Titel "Der sanfte Atheist" einen spannenden Artikel, in dem der französisch-amerikanische Religions-Anthropologe Pascal Boyer die Religion als Nebeneffekt der biologischen Selektion erklärt. Ein Glaubensgegner ist Boyer deshalb nach Meinung der "Zeit" nicht.

... oder: "Der Kampf um die Bedeutung des Islam"


Die NZZ.online hat dem aufgeschlossenen syrischen Denker Sadik al-Azm eine Plattform geboten. Er versucht etwas differenziertere Einblicke in den Islam und seine moderne Zukunft in der globalisierten Welt zu geben.

Der nzz-Artikel hier.

Zum Beispiel: "Wir alle sind verführbar"


Die Frankfurter Rundschau (online) fragt den berühmten Psychologieprofessor Philip G. Zimbardo: "Ist der Mensch im Kern böse?"

Zimbardo hat schon 1971, das berühmte Experiment im Gefängnis von Stanford durchgeführt. Damals ließ er 24 Studenten zwei Wochen lang eine Gefängnis-Situation simulieren – zwölf waren die Häftlinge, zwölf die Wärter. Zimbardo wollte beobachten, wie es sich auf das Verhalten auswirkt, wenn man eine bestimmte Rolle einnimmt.
Die Misshandlungen der "Wärter" eskalierten aber in kürzester Zeit so, dass er das Experiment nach sechs Tagen abbrechen musste. Auch die "Guten" unter den Wärtern hatten nicht bei Alarm geschlagen und Zimbardo selbst hatte in der Rolle des Gefängnisdirektors fast sechs Tage lang indifferent den schlimmen Misshandlungen zugesehen.

Die Parallelen zu den Ereignissen im Foltergefängnis der US-Armee in Abu Ghraib (Irak) sind so frappierend wie logisch.

"Wir sind alle fasziniert vom Bösen" sagt er im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau.

FR-online: "Glauben Sie trotz Ihrer Erkenntnisse, dass es gute Menschen gibt, die niemals auf den schlechten Pfad geführt werden könnten?"

Zimbardo: "Wenige schaffen es, dem Druck zu widerstehen, dem Gruppendruck, dem Druck der Autorität. Faszinierend finde ich, dass wir nie vorhersagen können, wer das sein wird. Ein wichtiger Faktor ist das akzeptierte Sozialverhalten in der Gruppe. Was tun die anderen? Für was wird man belohnt?"

Immerhin stellt Zimbardo fest: "Wer ein Konzept von sich als 'wertvoll, geliebt, geschätzt' hat, ist weniger in Gefahr, dem Gruppendruck nachzugeben. Die Situation kann aber trotzdem so mächtig sein, dass man ihr nachgibt. C.S. Lewis hat 1941 in einer berühmten Rede Cambridge-Studenten davor gewarnt, dass sie irgendwann im Leben
verführt werden, Teil eines inneren Zirkels von Privilegierten zu werden. Für die meisten Menschen ist das unwiderstehlich. Lewis sagte: Manche derjenigen, die sich verführen lassen, werden Schurken und manche berühmte Politiker - aber beide haben dasselbe getan."

"Gerade wer sich für etwas Besonderes hält, ist noch leichter verführbar. Jeder Mensch ist in Gefahr, den Kräften der Situation zu erliegen."

Und:
"In meiner Kindheit waren die meisten Helden Kriegshelden - Männer, die Leute getötet hatten."

Das ganze Interview: hier.

Es gibt ihn noch, den anspruchsvollen Journalismus.


Lange war ich ziemlich verzweifelt, ob all dem Bullshit, der mir aus den Medien, die ich mehr oder weniger freiwllig konsumiere, entgegen sabberte. Mit meiner Rückkehr zum Journalismus muss ich naturgemäss wieder eine etwas freundlicher Position der Identität gegenüber entwickeln, die mich im Grunde genommen selbst ausmacht und in die ich zur Zeit meine ganze Energie verwende.
Die neue berufliche Auseinandersetzung mit dem Journalismus im Internet hat mir aber auch ein Fenster geöffnet: Neben einer unendlichen Masse von Mist, stosse ich im Netz auch immer häufiger auf Exzellentes. Das Internet ist nicht nur ein Müllhaufen von Belanglosigkeiten, sondern gleichzeitig auch ein Hort von erstklassigem, anspruchsvollem Journalismus, mit dem ich mich identifiziere.
Ein grosse Hilfe sind dabei die Internetseiten vieler grosser Verlage, von denen ich natürlich, wenn auch nicht ausschliesslich, vorallem die deutschsprachigen konsumiere: spiegel.online, Die Zeit online, facts 2.0 oder nzz.online.

Un weil mir momentan schlicht die Energie fehlt, meinen Blog mit eigenem Material zu bedienen, das mir Wert scheint, von Anderen gelesen zu werden, möchte ich mich häufiger damit begnügen, wenigsten Dinge in den Blog zu stellen, die mir gefallen, die mich beschäftigen.

Zum Beispiel das: (siehe den nächsten Post weiter oben)

Montag, 11. August 2008

Still alive

Bald kommt wieder was.
Tut mir leid, aber ich bin völlig zugebunkert mit dem Start von baz.online: www.baz.ch.
Bald tauch ich wieder auf un schreibe mehr.

Dienstag, 5. August 2008

Basel lebt 3


Münsterplatz, Montag 4. August.
Openairkino.
Es hat bös geregnet.

Sonntag, 3. August 2008

Swissness


Ich hab mir schon gedacht, dass ich nicht ganz allein bin mit meinen unangenehmen Gefühlen dem gegenüber, was uns rund um den 1. August als "typisch schweizerisch" dargestellt wir. (siehe mein Blogbeitrag "Kuhscheizer" weiter unten)

Der Schriftsteller Hugo Lötscher teilt auch mein Unbehagen gegenüber dem Bild, das wir Schweizer gegenüber dem Ausland abgeben.
In seinem Artikel "Bin ich als Schweizer zur Swissness verpflichtet" auf NZZ.Online nennt er es "trottelig" und: "Es sind aber nicht zuletzt Schweizer selber, die das Trottelige als Markenzeichen propagieren".

Wunderbar zynisch beschreibt er sein Gefühl, wenn er am Flughafen Kloten im Shuttle mit Muhen und Kuhglockengeläut begrüsst wird: "Ich werde jeweils verlegen, da ich keinen Melkschemel im Gepäck habe."

Lötscher erinnert daran, dass sich sogar die Klischees der Ausländer gegenüber der Schweiz ändern:
"Da gab es die Zeit, als ich mich gegen das Image wehrte, Swissness auf Kühe und Schokolade zu reduzieren. Jetzt muss ich darauf bestehen, dass ich zu den Schweizern gehöre, die nicht eine Bank zu Hause haben."

Lötscher ist überzeugt, dass typisch Schweizerische, die Swissness existiere gar nicht oder höchstens als Prozess. Aber: "Wehe, wenn dies der Parlamentarier liest, der bei der Bemerkung «La Suisse n'existe pas» nicht begriff, dass die Schweiz etwas ist, das stets neu definiert werden muss."

Es ist immer sehr wohltuend, etwas zu lesen, vom man denkt: Stimmt genau, das beschreibt genau das, was schon immer sagen wollte". Danke Herr Lötscher.

Das ist gleichzeitig ein guter Anlass, wiedereinmal in Lötschers wunderbarer Satire "Der Waschküchenschlüssel oder Was - wenn Gott Schweizer wäre" zu blättern.

Samstag, 2. August 2008

Einem Kriegsverbrecher in die Augen sehen


Dies sind die Augen von Radovan Karadzic. Aufgenommen von einem Fotografen der Agentur Reuters bei der ersten Verhandlung vor dem UNO-Tribunal für Kriegsverbrechen in Den Haag dieses Woche.

Natürlich kennen Sie seine Geschichte, respektive das, was ihm vorgeworfen wird. Aber versuchen Sie mal in die Augen dieses MENSCHEN zu sehen. Was sehen Sie? Was für innere Bilder und Filme laufen in Ihrem Kopf ab, wenn sie ihm in die Augen sehen? Was für ein Gefühl entsteht bei Ihnen? Was ist er für ein Mensch?

Moralischer Bankrott einer Kirche

Ein gescheiter Kommentar in der NZZ vom Samstag (hier auch online) zum Verfahren gegen Radovan Karadzic vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag, respektive der Gefahr eine Legenden Bildung rund um den Verantwortlichen für die Bomabrdierung Sarajevos und des Massakers von Srebrenica. Und vorallem die traurige Fesstellung des moralischen Bankrotts der serbisch-orthodoxe Kirche.

Wie die serbisch-orthodoxe Kirche selbst mitteilte, hat ihr oberster Geistlicher, Metropolit Amfilohije Radovic, Karadzic vor seiner Auslieferung nach Den Haag in seiner Zelle in Belgrad besucht. Der Angeklagte (rasiert oder nicht?) habe gebeichtet, und dem Geistlichen versichert haben, dass er sein persönliches und professionelles Leben nach den „Geboten von Jesus Christus“ führe. Schon 30 Jahre lang!

Zitat NZZ: "Indem sie Karadzic vorbehaltlos als frommen und guten Menschen hinstellt, trägt sie zur Verharmlosung von Kriegsverbrechen bei. Sie erklärt damit ihren eigenen moralischen Boykott."

Der montenegriner Metropolit Amfilohije (Radovic) hatte als Vorsitzender des Heiligen Synods, des obersten Rates der serbischen Bischofe, im Mai den senilen Patriarchen Pavle I. gegen dessen Wllen entmachtet und sich selbst zum Patriarchenverweser wählen lassen. Amfilohije Radovic ist ein nationalistischer Hardliner und reiht sich perfekt ein die üble Geschichte der serbisch-orthodoxen Kirche und ihrer "Würdenträger", welche auch in der jüngsten Balkangeschichte eine brandstiftenden Rolle gespielt hat.

Sie haben Slobodan Milosevic umringt bei seiner berühmt-berüchtigten Rede auf dem Amselfeld (Kosovo Polje) mit der er den Balkankrieg der 90er Jahre lanciert hat; Geistliche haben während dem Krieg Kanonen gesegnet und selbst mit automatischen Waffen posiert; ein Video zeigte wie der in Serbien populären Abt Gavrilo aus dem Kloster des heiligen Erzengels in Privina Glava bei Sid im Nordwesten von Belgrad die serbischen Mörder von sechs muslimischen Zivilisten aus Srebrenica segnet, usw..
Die Gesellschaft für Bedrohte Völker hat nach dem Krieg Belege für die aktive Komplizenschaft der serbisch orthodoxen Kirche gesammelt und sie scharf verurteilt: "Die Serbisch-orthodoxe Kirche hat die Ermordung und Vertreibung der bosnischen Muslime und damit die Auslöschung des 500 Jahre alten mitteleuropäischen Islam aus Bosnien bedingungslos unterstützt".

Doch wir sollten uns hüten, allzu sehr auf auf die serbische-orthodoxe Kirche zu zeigen. Auch "unsere" westlich-christliche Kirche, die römisch-katholische, hat viel Blut an den Händen. Angefangen bei der Heiligen Inquisition im Mittelalter oder die Eroberung Südamerikas durch die Europäer oder im zweiten Weltkrieg. Das bekanntestes Beispiel aus dem 2. Weltkrieg ist die Segnung des Flugzeugs, das die Atombombe ober Hiroshima abwarf. Der christliche Geistliche Sprach dabei das folgende Gebet:
»Allmächtiger Vater, der Du die Gebete jener erhörst, die Dich lieben, wir bitten Dich, denen beizustehen, die sich in die Höhen Deines Himmels wagen und den Kampf zu unseren Feinden vortragen... Wir werden im Vertrauen auf Dich weiter unseren Weg gehen...«

Auch in Ex-Jugoslavien hat sich die westlich-christliche mehrfach besudelt. Zuletzt 1998 bei der Seeligsprechung des kroatischen Kardinals Alojzije Stepinac, des ehemaligen Militärvikars der faschistischen Ustascha, welche sich schlimme Kriegsverbrechen an der .... serbischen Bevölkerung hat zu Schulden kommen lassen. Das kroatische Kriegsverbrechen an den Serben ist einer der Hintergründe für den serbischen Balkankrieg der 90er Jahre mit den Kriegsverbrechen der Serben an den Kroaten und vorallem den Muslimen.



Basel lebt 2


Basel 2. August 2008. Innenstadt Barfüsserplatz 1900 Uhr:
Beachvolleyball und Bauchtanz.

(Foto geschossen mit Natel Nokia N95)

Kuhschweizer

Er ist vorbei, der Schweizer Nationalfeiertag. Zum Glück. Jedes Jahr in der Zeit um den 1. August fühle ich mich fremd in der Schweiz. Mit all dem, was da als "typisch schweizerisch" daherkommt und mit einem Heiligenschien versehen zelebriert wird, kann ich immer weniger anfangen.

Die bärtigen Hinterwäldler aus der Innerschweiz, die Jodelnden bauern aus dem Appenzell oder die komische (Ländler-) Musik direkt aus dem Museum oder die zugegeben urchigen Ringkämpfe, oder .....: mit all dem habe ich als Städter und speziell als Basler wirklich nichts am Hut.

Drei Viertel der Bevölkerung der Schweiz lebt in städtischen Gebieten, wie kann es nur sein, dass ihr eine rein bäuerlich-berglerische Kultur als "typisch schweizerisch" verkauft wird.
Meine "Heimat" sind nicht die Berge, sondern die Stadt. Ich schaue als Basler nicht nach Innen, sondern hinaus in den Welt, den Rhein hinunter, ins Elsass.
Dabei fühle ich mich sehr wohl als Schweizer. Hier ist es mir wohl, hier kenne ich mich aus und hier fühle mich auch (meist) zugehörig.
Aber so ein Schweizer, wie er da in allen Medien dargestellt ist, bin ich nun wirklich nicht.
Das Bild das man da von mir, Schweizer, zeichnet und auch international verbreitet, empfinde ich als peinlich.

Dieses Bild erinnert mich stark an die das negative Vorurteil, dass viele Nichteidgenossen seit dem ausgehenden Mittelalter von den Schweizern hatten: "die Kuhschweizer". Und dies war ein sehr negatives, bewusst sehr beleidigendes Bild, denn es bezog sich nicht einfach auf den häufigen Broterwerb der Schweizer als Milchbauern oder Viehzüchter, sondern es suggerierte, dass die einsamen Bergler oben auf ihrer weltfernen Alp, ihre sexuellen Nöte an den Kühen befriedigten. Sodomie in der Fachsprache.

Nichts soll die Schweizer Söldner zu Beispiel in Marignano mehr zur Weissglut und zur Aufgabe jeder taktischen Disziplin veranlasst haben, als die Beschimpfungen durch die deutschen Landsknechte als "Kuhschweizer".

Eine derartige Schmähung hatte eine heute schwer nachzu vollziehende Dimenison mit schwerwiegenden Konsequenzen, denn Sodomiter wurden traditionsgemäss mit Ketzern gleichgesetzt, die aus der christlichen Gesellschaft ausgeschlossen wurden.

Speziell in Basel hat man lange Jahre ein sehr negatives Image von den primitiven Kuhschweizern gepflegt. Schimpfwörter bezogen auf die Schweizer wie "Milchsüfer, Milchstinker, Chuefigger oder Chueschnäggler" haben sich in Basel umgangssprachlich lange gehalten. Und dies, obwohl die ganze Region Basel lange von der kriegerischen Unterstützung angewiesen.
Zuerst im 15. Jahrhundert gegen die Armagnaken aus Frankreich, von denen sich die jungen Schweizer in der Schlacht bei St. Jakob 1444 haben abschlachten lassen und später insbesondere gegen die Habsburger.
Die Hilfe der "Schweizer" war auch nicht ganz selbstlos. Immerhin galt das Elsass damals "Kornkammer und Weinkeller" der Eidgenossen und die Schweizer haben sich ihre Söldnerdienste teuer bezahlen lassen, was die Finanzen Basels und Mülhausen arg strapazierte. Und die wilden Horden haben sich den auch gütlich getan. Ihr Ruf war denkbar schlecht, der Bevölkerung der Region Basel (inkl. Esass) hat schwer unter den "Verbündeten" aus Schweiz gelitten. So sind die Eidgenossen Ende der 60er Jahre des 15. Jahrhunderst den Mülhausern zu Hilfe geeilt. Sozusagn im Vorbeigehen haben sie aber rund 60 Dörfer verwüstet. Was das für die Bevölkerung bedeutet hat, ist klar: Mord, Vergewaltigungen, Brandstiftung.

Die Ueberraschung und das Entsetzen war denn bei Vielen auch gross, als sich Basel 1501 de Bund der Eidgenossen anschloss. Nicht wenige Basler sind aus Protest damals ins (habsburgische) Rheinfelden oder ins Elsass ausgewandert.

Der Mülhauser Bürgermeister Ulrich Gerber, der am Bündnis mit den Basler und den Schweizern festhielt, fand am Pfingssonntag 1505 angeheftet an seinem Platz auf der Kirchenbank ein Blatt, mit der damals gängigen Verunglimpfung: Wer sich mit Basel und der
Eidgenossenschaft verband, suchte Kontakt mit Leuten, welche Sodomie mit Kühen trieben ("Kuhschweizer"). Und die Mülhauser mussten sich bei ihrer Rückkehr von einem Kirchweihfest in Liestal zum Beispiel beim Durchzug in Sierentz übel beschimpfen lassen: Erwartungsgemäss wurden sie als Kuhsodomiten und Verräter beschimpft; die gängige Form der Verleumdung war "gelbes Kuhmaul", denn Gelb bezeichnete traditionsgemäss das Vergehen des Verrats. Der Bund mit den Basler wurde aber 2006 trotzdem besiegelt (siehe Bild).

... und diese Geschichten kommen mir in den Sinn, anlässich der 1. Augustfeiern!!!

..... und: Ist es Zufall, dass Basel nicht am 1. August, sondern am 31. Juni ein Fest feiert?

Freitag, 1. August 2008

"Schweizer Helden"


Neben allen Lobhudeleien über die freiheitsliebenden Urschweizer erscheinen in der medialen Berichterstattung rund um den 1. August auch immer wieder Informationen, die ein anderes, übles Bild der "Heldentaten" unserer "wehrhaften Vorväter" durchscheinen lassen. Im Blog "Der Blocher der alten Eidgenossen" weiter unten habe ich schon Roger Sabloniers Schilderungen der "Schwyzer Haudegen" in der Schlacht von Morgarten in seinem neuen Buch "Gründungszeit ohne Eidgenossen" beleuchtet.

Im Tagesanzeiger Online wird jetzt eine Anekdote beschrieben, die aufzeigt, was für üble Typen wohl nicht wenige "unserer Helden von Marignano" waren:

"Schweizer Söldner waren überhaupt stolz und berühmt wegen ihrer Brutalität. Sie waren derart berüchtigte Vergewaltiger, dass nach der Schlacht von Marignano 1515 italienische Ärzte den toten Schweizern das Bauchfett herausschnitten. Sie verarbeiteten es zu einem teuren Potenzmittel, dem «Schweizerspeck».

Schilderungen über die Brutalität der "Reisläufer" aus dem Gebiet der heutigen Schweiz gibt es viele und dass die Vergewaltigung zum Alltag der Soldaten gehörte, kann niemanden verwundern. Sie sind Alltag in jedem Krieg, bis heute.

Das unschöne Bild der Schweizer Söldner, das hier gezeichnet wird, entspricht zweifellos der Realität.

Die Motivation eines jungen "Schweizers" in den Krieg zu ziehen, ist nicht schwer nachzuvollziehen: Statt Steine aus dem kargen elterlichen Acker zu lesen oder den Stall zu misten, statt unter den strengen Fittichen des Vaters oder den konservativen Normen der engen dörfliche Gesellschaft zu leiden, statt dem mühsamen, langweiligen Alltag daheim mit den Kumpels hinaus in die Welt zu ziehen, mit der Aussicht auf Abenteuer, Frauen und Alkohol und dabei erst noch Geld zu verdienen, .... niemand kann sich im Ernst wundern, warum die Jungs damals scharenweise gen Süden zogen.

Die "Schweizer Helden" waren wohl eher eine Art "Hooligans" ihrer Zeit, als tugendhafte Helden im Dienste einer gute Sache. Das Motiv der Söldner von damals war das gleiche wie das der Söldner in den modernen Kriegen: Geld, Abenteuerlust, Flucht vor der Verantwortung im eigenen Leben und Macht, sogar Macht über Leben und Tod.

Und niemand darf sich im Ernst wundern, dass die Soldaten damals neben dem Kämpfen und Sterben auch jede Menge Schweinereien anrichteten. Die Methoden des Krieges haben sich seither verändert, das Wesen des Krieges war in Marignano 1515 nicht anders als in Bosnien 1994 oder im Irak oder im Sudan heute: dreckig. Angst, Machismo, Raserei, Bestialität. Alle sind Opfer, auch die Täter.


Erstaunlich, fast bewundernswert ist dagegen die kommunikative Leistung derjenigen unserer "Vorväter", die in der Mitte des 19. Jahrhunderts, Katastrophen wie Morgarten, Sempach, Novara oder Marignano zu Heldenepen hochstilisierten, und diese wilden Haufen von Hooligans des ausgehenden Mittelalters den Bürgern der modernen Schweiz als "Helden und Freiheitskämpfer" verkaufen konnten, die auch noch am 1. August 2008 besungen werden.

Danke, Herr Bundesrat


Es gibt auch noch Geistreiches zum 1. August. Definitiv ein Highlight, die Blogrede zum 1. August von Bundesrat Moritz Leuenberger. Sie ist erstaunlich patriotisch, allerdings schon etwas anders: Wohltuend offen, nicht nach innen oder rückwärtsgewandt:
"Hüten wir uns aber, „typisch Schweizerisches“ zu einem Klischee erstarren zu lassen. „Typisch schweizerisch“ ist nicht die Bewahrung eines idealisierten und erstarrten Urbildes sondern bedeutet, den grundsätzlichen, tiefen Gehalt der direkten Demokratie überall wahrzunehmen, auch weltweit."

Getretener Quark .....

Heute Morgen, unterwegs im Auto. Um mich zu unterhalten, surfe ich zunehmend verzweifelt von Radio-Sender zu Radio-Sender. Nicht nur, dass sie alle die immer gleiche Musik dudeln,
schon fast den Tatbestand der geistigen Folter erfüllen die Wortbeiträge zwischen durch.

Wohlwollend betrachtet, sind sie so etwas wie der endlose Beleg von Goethes Spruch "Getretener Quark wird breit - nicht stark".

Immer noch dümmere Spielchen werden ausgedacht und trotzdem finden sich immer noch Hörer, die bereit sind, auch die dümmsten Fragen zu beantworten, um einmal in ihrem Leben am Radio zu kommen.

Früher hat manchmal noch eine Flucht von den Lokalradios zum Landessender DRS geholfen, aber DRS3 schafft es zunehmend häufiger, auch die Nummer 1 im breiten Nonsens zu sein.
Die geniale Idee der DRS-Programmmacher zum 1. August war dieses Jahr, "das grosse Nationalfeierspiel", alle 10 Minuten wieder angeteast mit einem echoschwanger-bombastischen Trailer. Moderatorin Anna Maier (u.a. Miss Schweiz Wahlen) versucht den lieben langen Morgen mit angestrengt-anbiedernder Fröhlichkeit Hörer zum Anrufen zu animieren. Richtig beantwortete Fragen sollen dazu beitragen, dass "unser Nationalheld Wilhelm Tell" heute Abend auf dem Rütli eine Rede halten kann, oder so ähnlich. Soll das alles vielleicht zynisch sein? Egal. Hauptsache es plätschert und es ruft jemand an.

Zum Höhepunkt des Morgens, bejubelt von Frau Maier, die "in ganz stillen Momenten immer Zwiesprache" mit ihrer "früh verstorbenen Mutter" hält, wird ein 12-jähriges Mädchen, glaub' aus der Innerschweiz , welches auf seiner Trompete "unsere Nationalhymne" tutet. "So herzig".

Leider sind es fast nur Kinder, die anrufen und zum grossen Frust von Frau Maier, welche es "das Grösste" findet, sich "in den "Erzählsträngen zu verlieren", trotz ihren plumpsten Hilfen die an den Haare herbeigezogenen Fragen nicht richtig beantworten können.

Das geht zum Beispiel so: Am Telefon Anatol (11) oder so aus Basel. Annas Frage: "Auf welcher Seite des evangelisch-reformierten Kirchengesangsbuchs der deutschen Schweiz steht die Schweizer Nationalhyme?" - (ehrlich, das war die Frage, kein Scheiss!!)- "A: Seite 2, B: Seite 202 oder C: Seite 457? Und, Anatol, denk daran: Das ist ein gaaanz dickes Buch."
Selbstsicher und so aufgestellt, wie sich das gehört, entscheidet sich Anatol natürlich für: "B.: Seite 2002!" Frau Maier stöhnt auf, usw..

....... eben: "breit, nicht stark".

Oder ist es gar einfach das, was der amerikanische Philosph Harry G. Frankfurt "Bullshit" nennt? "Das meiste von dem, was ich in den Medien wahrnehme, ist Bullshit."

Uebrigens: irgendwann bin dann doch noch auf die erlösende Idee gekommen. Nein, nicht einfach abzuschalten, sondern halt doch einen neuen Versuch mit DRS 2 zu machen. Dort mag ich zwar die Musik nicht, aber immerhin gibt es ab und zu einen Wortbeitrag, der zumutbar ist.