Mittwoch, 30. Juli 2008

Basel lebt

Das Kulturfloss "ImFluss" am 30.7.2008
(Bilder geschossen mit Nokia N95)



Dienstag, 29. Juli 2008

Tino ist müde


Aus "technischen Gründen" konnte leider das unten eingefügte Video von dem kurzen Gespräch, das ich heute Abend mit Tino Krattiger, dem Erfinder ud Betreiber des Kulturflosses (www.imfluss.ch) geführt habe, nicht auf die Seite von baz.online, respektive den dazugehörigen Blog des neuen Online-Portals (Start am 8.8.) hochgeladen werden.
Weil das aber doch sehr schade ist und vorallem weil Tino doch sehr Persönliches, aber umso besorgniserregenderes dari erzählt, habe ich es das Video jetzt wenigsten in meinen Privaten Blog hochgeladen:



Tino Krattiger ist müde. Mürbe von ewigen Kampf gegen behördliche Auflagen und private Einsprachen von Anwohnern. Wiedereinmal spricht er vom Auswandern.
Etwas beunruhigt frage ich mich schon, was tut dieses Stadt eigentlich, um einen wie Tino bei der Stange oder am Fluss zu halten, statt ihm immer aufs Neue, Steine in den Weg zu legen?

Viel Glück zum Start, Tino. Bleib uns und der Stadt erhalten.
Auf das wir auch in den kommenden Jahren die einmalige Atmosphäre Deines Flosses erleben dürfen. ImFluss gehört einfach zum Basler Sommer.

Viele Bilder und Videos finden sich auf der Web-Page von ImFluss: www.imfluss.ch.

Sonntag, 27. Juli 2008

Der Blocher der alten Eidgenossen

Einer der edlen Ritter auf dem Bild aus dem "Codex Manesse" ist Werner von Homberg.
Sie kennen ihn nicht? Schande über Sie und über Ihren Geschichtslehrer.

Nicht nur, weil Werner von Homberg so wichtig war für seine Zeit, die Zeit aus der unsere Landesväter im 19. Jahrhundert den Gründungs-Mythos der Schweiz mit ihrem wehrhaften Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung erfunden haben , sondern weil sich mit seiner Figur auch wunderbare Parallelen zu unserem aktuellen "Helden der freien Schweiz" basteln lassen:

Zu Christoph Bocher.

Werner von Homberg ist definitiv eine der wichtigsten Figuren der Geschichte des Raums Zürichsee - Vierwaldstättersee des frühen 13. Jahrhunderts: Er war der Graf von Rapperswil, Stiefsohn von Rudolf von Habsburg-Laufenburg und seit 1309 Reichsvogt der Waldstätte, also des Gebiets, das man später als "Urschweiz"betitelt hat.

Dass der ganze Mythos um die alten Eidgenossen und all die Geschichten um Willy Tell, das Rütli oder Morgarten nicht viel mit den realen Geschehnissen der Zeit gemein haben, haben inzwischen wohl auch die hartgesottensten SVP-ler zur Kenntnis nehmen müssen.
Jetzt fügt das neue Buch des Historikers Roger Sablonier, Professor für Schweizer Geschichte an der Uni Zürich: "Gründungszeit ohne Eidgenossen" (rezensiert in der NZZ am Sonntag vom 28.Juli 2008) neue, spannende Fakten bei:

Hintergrund der Geschehnisse in den Waldstätten zu Beginn des 14. Jahrhunderts war ein Wandel der Herrschaftsverhältnisse. "Die alten Führungseliten mussten sich gegen neue territoriale Ansprüche von aussen, so der Habsburger, zur Wehr setzen. Zentral war etwa der Erbstreit um die alte Rapperswiler Herrschaft, die damals bis weit in die Innerschweizer Gebiete hineinreichte. In diesem Streit suchten sich die Habsburger Rechte der ehemaligen Grafen von Rapperswil anzueignen, wogegen sich insbesondere der Rapperswiler Erbe
Werner von Homberg im Verein mit Zürchern und Schwyzern zur
Wehr setzte." (Zitate gemäss NZZ am Sonntag).

Wirklich spannend die nüchterne Betrachtung der Schlacht an Morgarten und wunderbar amüsant die neue Deutung:

Die "wackeren Eidgenossen" haben die schlecht vorbereiteten Ritter im Zuge des habsburgischen Herzogs Leopold nicht in Selbstverteidigung  angegriffen. Sie waren ein Instrument Werner von Hombergs, der sie für Verteidigung seiner privaten territorialen Ansprüche nutzte.
Er kannte die Schwyzer Haudegen: Sie hatte schon in Italien als Söldner in seinem Dienst gestanden, wobei sie auch die Taktik gelernt hatten, die sie dann bei Morgarten so erfolgreich angewendet haben.
Die Schwyzer haben sich bei Morgarten von Werner erneut gern einspannen lassen, nicht zuletzt wegen der Aussicht auf fette Beute, "schliesslich zeigte sich in ihrem Gebiet nicht alle Tage ein reiches adliges Gefolge".

Und da scheinen mir die Parallelen von Werner von Homburg und Christoph Blocher doch in die Augen springend:
Ein hoher Herr mit Villa am Zürichsee nutzt zu kurz gekommene, aber um so kampfeslustigere Hinterwäldler zur Durchsetzung seiner eigenen Machtinteressen, lässt sie aber grosszügig an der Beute teilhaben.

Und wenn es schon "keine direkte Linie von 1300 bis .... zum Bundesstaat im 19. Jahrhundert» gibt, wie uns die Historiker lehren, so ist zumindest der Geist und Cleverness der Obrigkeit derselbe geblieben.

Mittwoch, 23. Juli 2008

Karadzic: Die Geister der Vergangenheit

Natürlich beschäftigt mich die Verhaftung Karadzics sehr. Verschiedene Freunde haben mich darauf angesprochen, sie vermissten meine Blog-Beitrag zu den aktuellen Ereignissen im Balkan. Aber es fällt mir schwer darüber zu schreiben.

Die Verhaftung Karadzics löst zahlreiche persönliche Erinnerungen bei mir aus. Speziell, wenn ich im Schweizer Fernsehen Bilder sehe, die ich selbst gedreht habe und auf denen ich selbst zu sehen bin, wie im dritten Teil des 10vor10-Beitrags vom 22.7.08:



Autorin des SF-Beitrags ist Jasna Bastic, meine alte, gute Freundin aus der Zeit unmittelbar nach dem Krieg in Bosnien. Wir waren zusammen in Srebrenica und in den Leichentunneln in Tuzla, die im Film zu sehen sind.

Neben all den Greueln habe ich aber auch sehr viele, sehr positive Erinnerung. An Menschen, die wir getroffen haben, mit denen wir viel Zeit verbracht haben. Schwer traumatisiert die Meisten, aber fast alle sehr offen, sehr menschlich, oft herzlich.

Die Erinnerung ist aufwühlend, sehr emotional. Für die Menschen in Bosnien ist es wie ein Schock: Mit der Verhaftung Karadzics ist die kaum verdrängte Erinnerung auf einen Schlag wieder brutal präsent. (Und ich merke, dass dies alles auch bei mir selbst noch nicht wirklich verarbeitet ist.)

Jasna ist viel kompetenter, darüber zu reden und zu schreiben. Deshalb hier ihr Artikel, den sie heute in Stern.online veröffentlicht hat:

In Sarajevo fällt die große Feier aus


© Koca Sulejmanovic/EPA/DPA
Fast alle Zeitungen in Serbien titeln mit der Verhaftung von Radovan Karadzic

Von Jasna Bastic

Zwei Tage nach der Verhaftung von Radovan Karadzic mischt sich bei seinen Opfern Euphorie, Bitterkeit und Enttäuschung: Die Menschen hatten jahrelang vergeblich auf das Ereignis gewartet. Viele sehen darin deshalb nur einen Schachzug der neuen pro-europäischen Regierung.

Die Nachricht wurde seit 13 Jahren erwartet. Doch als sie endlich eintrifft, sind die Menschen in Sarajevo geschockt: "Mich überwältigt Glück, aber auch Traurigkeit. So viele Mütter von Srebrenica sind nicht mehr am Leben und können diese Nachricht nicht mehr hören", sagt Munira Subasic, Leiterin der Gesellschaft "Mütter von Srebrenica".

Auch ihr Sohn und ihr Mann wurden in Srebrenica ermordet, einem Massaker an 7500 muslimischen Männern und Jungen, das zum grausamen Symbol der Kriege nach dem Auseinanderfallen Jugoslawiens geworden ist. In der Nacht auf den Montag fuhren ein paar Autocorsos hupend durchs Zentrum. Schon am Dienstagmorgen aber ist kein Zeichen der Euphorie mehr im Stadtbild zu sehen. Keine Fahnen, keine Feste, keine öffentlichen Kundgebungen. Ernüchterung.

Karadzic ist das Tagesgespräch
"Ich bin enttäuscht. Serbien wird gelobt für die Verhaftung vielleicht mit der Aufnahme in die EU belohnt werden", sagt Sabina Cudic, eine junge Forscherin an der Hochschule für Technologie, "aber die Verhaftung kam viel zu spät. Karadzic hatte ein großes Netzwerk von Helfern hinter sich, das immer noch funktioniert."

Trotz der Enttäuschung ist Karadzic das Tagesgespräch. Nicht öffentlich, aber zu Hause, unter Freunden. Begierig nehmen die Menschen jedes neue Detail über sein angebliches Leben im Untergrund aus den lokalen Medien auf: "hatte große Liebe in Belgrad" oder "Karadzic hielt öffentliche Ansprache in Serbien" lauten die Überschriften.

Das Gericht in Den Haag wird einen guten Job machen
Auch der Architekt Borislav Curic verbrachte am Dienstag viele Stunden vor dem Fernseher. "Karadzic und Milosevic haben uns während der Belagerung Sarajevos das Leben zur Hölle gemacht", schimpft er. "Das Gericht in Den Haag wird sicherlich einen guten Job machen. Unsere Probleme werden dadurch aber nicht gelöst. Wie kann Bosnien ein funktionierender Staat werden?"

Er besteht heute aus zwei Teilstaaten: Der "Föderation Bosnien und Herzegowina" und der "Republika Srpska", die 49 Prozent des Staatsterritoriums ausmacht. Es besteht aber nicht ein mal eine Landverbindung zwischen beiden Teilen. Vor dem Krieg lebten in der Republika Srpska 350.000 Bosniaken. Heute nur noch ein Zehntel davon, der Rest ist geflohen, wurde vertrieben oder ermordet. Vertreibungen gab es auch auf der Gegenseite, aber nicht im Ausmaß eines Srebrenica, das heute ebenfalls zur Republika Srpska gehört.

Trauriger Erfolg der ethnischen Säuberung
Das Friedensabkommen von Dayton legte 1995 die genauen Grenzen fest. In Sarajevo - de jure die Landeshauptstadt beider Teile - wird die Existenz der Republica Srpska deshalb als ein trauriger Erfolg der ethnischen Säuberungen betrachtet.

Neben Milosevic soll nun Karadzic als der wichtigste Urheber dieser Teilung zur Verantwortung gezogen werden. Er war während des Krieges Vorsitzender der Serbischen Demokratischen Partei in Bosnien und der zweite Präsident der Republika Srpska. Er strebte die Abspaltung der serbischen Siedlungsgebiete vom jungen Staat Bosnien-Herzegowina und die Vertreibung der dort lebenden Bosniaken und Kroaten an. Sein Ziel war die Vereinigung der "gesäuberten" Gebiete mit einem "Großserbien".

Projekt von Karadzic und Milosevic lebt noch
Nach der Vertragsunterzeichnung von Dayton verzichtete Karadzic auf alle politischen Ämter. Im Austausch gegen seine Immunität, behaupten Analysten. Im Jahr darauf tauchte er ab. Karadzics Nachfolger haben in den Folgejahren immer wieder mit einem Referendum und der Abspaltung der Republica Srpska vom Staat Bosnien-Herzegowina gedroht.

Kaum jemand glaubt deshalb in Sarajevo, dass die Verhaftung Karadics Zeichen eines politischen Umdenkens Richtung einer gemeinsamen Zukunft ist. Als Beleg dient meist der Verweis auf den immer noch in Freiheit lebenden Oberbefehlshaber der serbischen Truppen während des Krieges, Ratko Mladic.

"Das Projekt von Karadzic und Milosevic ist immer noch am Leben", behauptet Haris Silajdzic, der immerhin der bosniakische Vertreter im dreiköpfigen Staatspräsidium von Bosnien-Herzegowina ist. Und Sulejman Rihic, Vorsitzender der stärksten Partei der bosniakischen Muslime, sagt: "Die Republik Srpska existiert noch und wir hoffen, dass die internationale Gemeinschaft auch diese Ungerechtigkeit berichtigen wird."


Liebe Jasna, vielen Dank für alles!

Sonntag, 20. Juli 2008

Freiheit für den Sport

Ich plädiere für eine Befreiung des Sports aus seiner Zwangsjacke, dem Saubermann-Mänteli ... und ersparen wir Stars wie Riccardo Ricco künftig solche Demütigungen:



Riccardo Ricco wurde als "Dopingsünder" überführt und abgeführt wie ein Verbrecher. Verurteilt nicht nur von den Behörden, sondern von seinen Sportskollegen, seinen Verbandsfunktionären, den Sport-Jounalisten und den meisten Sport-Konsumenten.

Das muss aufhören. Nicht das Doping, sondern die Verlogenheit darum.

Nocheinmal:
Freiheit für den Sport, Freiheit für die Spitzensportler.
Die Rede ist hier vom Spitzen- und/oder Showsport, einem kleinen, exklusiven Teil der Sportbewegung. Der Sport, von dem die Medien berichten und der uns in Massen als Konsumenten in den Bann schlägt. Wir reden hier nicht vom Breitensport oder gar von der aktiven Bewegung in der Freizeit, welche die Massen aktiv und zum Wohle ihrer physischen und psychischen Gesundheit betreiben.

Dieser Spitzensport ist in immer mehr Sportarten auch Hochleistungssport und schlicht der Beruf, der Job der Athleten.

Spitzensportler sind Höchstleister in ihrem Bereich, dem Sport, genauso wie einige Topmanager Höchstleister in ihrem Bereich sind, zum Beispiel im Finanzbusiness oder Künstler in ihrem Bereich, zu Beispiel der Musik.

Niemand käme auf die Idee, Herrn Vasella ein Berufsverbot zu erteilen, weil er am Morgen vor der entscheidenden Sitzung des Novartis-Verwaltungsrats ein starkes Anti-Grippemittel genommen hat, um trotz aufkommender Krankheit die Sitzung leiten zu können. Niemand verbietet einem Pianisten weiter Konzerte zu geben, weil er sich regelmässig mit medizinischen Mitteln zu Höchstleistungen aufpeitscht. Wen kümmert’s, dass ein Politiker, immer stärkere Schlafmittel nehmen muss, um trotz ständigem öffentlichem Druck einigermassen schlafen und sein Amt versehen zu können?

Es ist nicht einzusehen, warum man einer Berufsgattung, den Spitzensportlern, die Berechtigung abspricht, selber zu entscheiden, wann sie medizinische Hilfsmittel zur Ausübung ihres Berufes, ihrer Rolle in der Gesellschaft in Anspruch nehmen will.

Auch Sportler haben ein Recht auf persönliche Freiheit der Entscheidung. Sie haben ein Recht auf ihren eigenen Körper, das Instrument mit dem sie ihr Geld verdienen und nicht zuletzt haben sie ein Recht auf Chancengleichheit. Heute werden die raffinierteren Betrüger im Sport belohnt, diejenigen, die sich an die Regeln halten, haben keine Chance.

Wie kommt es bloss, dass für den Sport, für seine Spitzensportler, andere Regeln gelten sollen als in der übrigen Gesellschaft.

Wie kommt es bloss, dass sich einige, meist nicht mehr ganz fitte Kravattenträger (Funktionäre) zu allmächtigen Hohenpriestern aufschwingen können und mit Hilfe ihrer moralschwangeren Sittenwächter (Journalisten) „Sünder“, die gegen ihre weltfremden Regeln und Moralvorstellungen verstossen, an den Pranger stellen oder gar mit einem Berufsverbot bestrafen?
Dabei wissen sie ganz genau, dass sie auf die ständig noch extremeren Höchstleistungen ihrer Objekte angewiesen sind, um selbst in Amt du Würde zu bleiben.

Es ist überheblich und verlogen, wenn uns der Sport weiter als letzter Hort einer verlorenen „heilen Welt“ mit unschuldigen Helden der moralischen Sauberkeit, hehren Ehrlichkeit und ritterlichen Fairness verkauft wird, während wir jeden Tag die reale, unheile, aber umso faszinierendere Welt des Spitzensports sehen
Befreien wir den Spitzensport von diesem bestenfalls nostalgisch-moralischen Kitsch.
Und feiern wir seine Helden für das, was sie uns bieten und was wir konsumierend erleben wollen: Spektakel, Nervenkitzel, Extreme, Dramen. Nicht individuelle Bestleistungen, sondern absolute Maximalleistungen: „Weltrekord“, „Fabelzeit“, „der schnellste Mensch“, etc..

Wenn der Sport „ein Spiegel unserer Gesellschaft“ ist, dann ist der Hochleistungssport so etwas wie die Inkarnation der Leistungsgesellschaft. Hier gilt das Recht des Stärkeren nicht die Moral.

Ich freue mich auf die Olympischen Spiele. Wirklich.

Samstag, 19. Juli 2008

Wassergeschichten1: Mineralwasser CHF 12.-

Die spinnen: 12 Franken für ein Mineralwasser (1 Liter) haben wir im Restaurant Kunsthalle in Basel bezahlt.
Dafür war die Bedienung schlecht und mit Kreditkarte kann man in dem hochrenommierten (warum eigentlich) Restaurant auch nicht bezahlen.

Dazu ein paar Fakten:

Das aus Italien angekarrte San Pellegrino ist rund 1000 mal unökologischer als unser Basler Hahnenwasser.
Bis wir das Mineralwasser aus Italien in der Basler Beiz trinken konnten, wurden (u.a. für den Transport) 3,1 Liter Erdöl verbraucht.
Insgesamt wurden 2007 307 Millionen Liter Mineralwasser in die Schweiz importiert. 1990 waren es noch 74 Millionen.
Pro Person haben wir Schweizer letztes Jahr 121 Liter Mineralwasser getrunken, soviel wie kein anderes Getränk.
1’000 Liter Trinkwasser, mit dem wir in der Schweiz ja auch duschen, kosten in der Schweiz im Schnitt Fr.1.60. Eine Familie mit zwei Kindern, die durchschnittlich viel Wasser verbraucht, zahlt pro Tag etwa einen Franken für ihren ganzen Wasserkonsum.
Das heisst: Mit den 12 Franken, die wir in der Kunsthalle für eine einzige Flasche Wasser bezahlt haben, kann eine Familie ihren gesamten Wasserbedarf von 12 Tagen finanzieren.

Da bleibt die Frage: Wer spinnt da eigentlich mehr? Die Beiz, die 12 Franken für das Wasser kassiert, oder ich selbst, der dieses Wasser in der Beiz überhaupt bestellt.


Freitag, 18. Juli 2008

Sharia in der Schweiz?


Unterschwellig ist es auch in der Schweiz schon heute ein Riesenthema: das Zusammenleben der Schweizerinnen und Schweizer mit den Muslimen, respektive die Diskussion über die Frage, wie sehr sich ein in der Schweiz lebender Ausländer zu assimilieren hat.

Oeffentlich wird die Thematik bisher nur punktuell behandelt, wenn es zum Beispiel um die Frage der Minarette oder der Kopftücher der Frauen geht oder zuletzt in Basel bei der Bespitzelung der türkisch-stämmigen Grossräte durch den Schweizer Staatsschutz.

Es wäre aber dringend nötig, das Thema generell und breit zu diskutieren, auch wenn dies sicher schmerzhaft und mit einiger Emotionalität verbunden ist. Die anhaltende Tabuisierung birgt aber mittelfristig grössere Risiken und führt dazu, dass die Thematik von Fundamentalisten auf allen Seiten für ihre Interessen missbraucht wird.

In England geben inzwischen wichtige Exponenten der Kirche und der Justiz mutige Impulse. Sie fordern, dass die Sharia den anderen kirchlichen Rechtsordnungen (christliche und jüdische) gleichgestellt wird. Die Aeusserungen des geistliche Oberhaupts der anglikanischen Staatskirche, Erzbischofs von Canterbury, die Sharia in das britische Rechtssystem zu integrieren, hat heftige Reaktionen ausgelöst:



Der oberste Geistliche Englands hat dann überraschend Unterstützung vom höchsten Richter von England und Wales, Lord Nicholas Phillips erhalten. Er sehe "keinen Grund, warum Grundsätze der Scharia oder andere Religionsgesetze nicht als Grundlage für außergerichtliche Schlichtungsverfahren dienen sollten" , sagte Nicholas Phillips bei einer Rede im Ostlondoner Muslimischen Zentrum.
Die Rede ist ausrücklich von "aussergerichtlichen Schlichtungsverfahren", die insbesondere den privaten Bereich betreffen. Sanktionen wie Auspeitschungen, Verstümmelungen oder Steinigungen, die von Scharia-Gerichten verhängt werden, kämen dabei "keinesfalls in Frage". Und tatsächlich gibt es in England schon seit einigen Jahren solche «Islamic Shari’a Councils». Die Richter beraten muslimische Familien und helfen, familiäre Probleme zu lösen.

Das Primat des staatlichen Rechts wird in England von niemandem angezweifelt, auch nicht von der staatlichen Kirche.

Das Nebeneinander des zivilen, staatlichen Rechts und des kirchlichen Rechts ist der Bevölkerung der Region Basel mit der Affäre um den Röschenzer Pfarrer Szabo ja wieder etwas mehr ins Bewusstsein gerückt. Leider musste man dabei feststellen, dass die Kirchenoberen in der Schweiz weit weniger tolerant denken und sich anders als ihre englischen Kollegen insbesondere mit dem Primat der staatlichen Rechts schwer tun:
Der Sprecher der Schweizerische Bischofskonferenz Erwin Tanner unterstreicht, dass Schweizer Katholiken sowohl der staatlichen wie der kirchlichen Rechtssprechung unterstehen: «Allerdings nur so weit, als staatliche Regelungen nach kirchlicher Ansicht nicht gegen
göttliches Recht verstossen oder kirchliches Recht nicht etwas anderes vorsieht.»("Plädoyer" 4/08).

Einen islamischen Geistlichen, der sich so äussert würde man wohl fundamentalistisch nennen. Die Baselbieter Gerichet und Behörden haben denn auch im Fall Szabo klar gemacht, wer heir das Primat hat. Kirchendirektor Adrian Ballmer (Regierungsrat BL): «Der Staat garantiert die Grundrechte, und daran hat sich auch die Landeskirche zu halten.»

Doch gläubige Katholiken wissen, dass sie sich trotz einem entlastenden Urteil der staatlichen Instanz mit einer kirchlichen Sanktion rechnen müssen. Die Konsequenzen – bis hin zur Exkommunikation – hätten sie «parallel zu tragen, da sie beiden Systemen mit bestem Wissen
und Gewissen zur Gehorsam verpflichtet sind" ("Plädoyer" 4/08, Scrrenshot Artikel siehe unten).


Die Schweiz kennt im Uebrigen auch jüdische Schiedsgerichte, analog zu de englischen islamischen Einrichtungen. Sie beurteilen jährlich zwischen 10 und 20 Fälle "unter weitmöglichster Wahrung jüdische Rechts". Geprägt von ihrer jahrhundertelangen, schmerzhaften Erfahrung, sind die Juden sehr pragmatisch. Haben die Juden unter sich eine zivilrechtliche Auseinandersetzung, müssen sie diese eigentlich zuerst vor ein rabbinisches Schiedsgericht bringen. Ist eine Partei dazu aber nicht bereit, kann auch ein staatliches Gericht nagerufen werden. Eine sture Beurteilung nur nach jüdischem Recht lehnen die jüdischen Schiedsgerichte ab. Dies können zu "unbilligen Entscheiden" führen, solchen, die dem staatlichen Zivilrecht widersprechen, was man tunlichst vermeiden will, um die eigenen Glaubensbrüder nicht in Schwierigkeiten zu bringen (Zitate des Zürcher Anwalts Alfred Strauss gemäss dem Sharia-Artikel in "Plädoyer" 4/08, Scrrenshot Artikel siehe unten).

Die Toleranz und Offenheit der Englischen Würdenträger könnte uns ein Vorbild sein und uns ermutigen, die schwelende Thematik der Integration der fremden (diesmal muslimischen) Kultur mutig anzugehen. Die Juden könnten ein Vorbild sein für die Muslime und von deren Erfahrung in "Sich-Anpassen" sein. Doch sowohl die Muslime in England wie in der Schweiz meiden die Diskussion zum Thema Scharia aus einem ganz andren Grund: Sie fürchten eine erneute Diskriminierung durch extreme politischen Gruppe, sowohl in den eigenen Reihen, wie auch bei Schweizer Organisationen und Parteien.


Biergeschichten 1: Am Anfang war das Bier

Nicht das Brot stand am Anfang der Sesshaftigkeit der Menschen, sondern das Bier! Und das ist keine Bieridee aus der PR-Abteilung eines der grossen Brauhäuser.

Wir haben es ja schon immer gewusst. Und wenn es noch eine Erklärung für unsere Lust an dem vergorenen Gerstensaft gebraucht hätte, dann ist es diese ultimative Erkenntnis, welche uns der brilliante und streitbare Oekologieprofessor und Evolutionsbiologe aus München, Josef H. Reichholf in seinem erfrischenden und verblüffenden Buch "Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends" vermittelt.

Noch zur Zeit des nomadisierenden Jagens und Sammelns hatten die Menschen in den Gebieten, in denen es viele Beeren gab, die Gärung kennengelernt und mit der Zeit auch die Entgiftung des Alkohols (wohl durch Verdünnung und Mischung mit Anderem). Dieses Wissen wurde dann auf das Getreide angewandt. Reichholf: "Auch das Getreide wurde zunächst gesammelt, um durch Gärung in Tongefäßen alkoholische Getränke zu erzeugen, die zugleich nahrhaft waren. Die frühen Zeugnisse von Kultstätten und Töpferei bestätigen das ganz zwanglos. Am Beginn des Sesshaftwerdens stehen noch keine Dörfer, sondern einzelne Kultstätten, wo getrunken wurde." Diese "Kultstätten" haben in abgewandelter Form bis heute überlebt.

Am Anfang des Ackerbaus und der neolithischen Revolution im "Fruchtbaren Halbmond" stand demnach nicht das Getreide für das Brot als Nahrungsmittel, sondern für das Bier. Reichholf: "Aus dem Wildgetreide entstand ganz allmählich das Kulturgetreide. Hier machten die relativ kleinen Mengen, die zur Verfügung standen und die für die Ernährung gewiss nicht ausreichten, ja durchaus Sinn: Man konnte mit ihnen ein attraktives alkoholhaltiges Luxusgut erzeugen, das Bier. Am Anfang der Kultur steht der Ueberfluss und nicht der Mangel."

Bier gibt es seit 10'000 Jahren. Die alten Sumerer kannten bereits ein Dutzend verschiedener Biersorten und die Babylonier erweiterten die Palette noch um mindestens 34 verschiedene Biere.
Und das ist noch eine verblüffende Bierwahrheit: Das Bier kam aus dem (heute muslimischen = Alkoholverbot) Nahen Osten, vom Zweistromland Euphrat und Tigris, aus dem heutigen Irak.

Das Bier nicht nur als erstes Luxusgut, sondern als Kulturbringer! Prost.

Mittwoch, 16. Juli 2008

Rheingeschichten 2


Es gibt noch viele unentdeckte Idyllen in Basel. So nah.

Erstaunlich: Die Kraftwerksinsel Basel/Birsfelden ist kaum genutzt.
Oder vielleicht weniger erstaunlich: Offensichtlich wird hier alles unternommen, um möglichst viele Besucher fernzuhalten. Oder anders formuliert: .... möglichst viele Besucher davon abzuhalten, die Kraftwerksinsel als Erholungsidylle zu entdecken und zu nutzen.
Auf dass sie sich ins Auto setzen und ins ferne Grüne fahren.

Bilder unten von heute Abend 1930 Uhr. Handy-Fotos.

Statistisches:
Zeit: 16.7.08 1930 Uhr
Medium: Handy Ericsson 800i

Kraftwerkinsel:
Besitzer: Kraftwerk Birsfelden AG (Mehrheitsaktionar Stadt Basel)
Hoheitsgebiet: Baselland (Gemeinde Birsfelden)
Nutzer (1930 Uhr) 25 (geschätzt
WCs: 0
Beizen: 0
Clubhäuser (nicht öffentlich): 2
Erholfaktor: 95 (Skala 0 - 100)






Montag, 14. Juli 2008

Unwichtiges: Anti-China-PR bei Schweizer TV


Es gibt kaum mehr einen Bericht in den Schweizer Medien zu Afrika, der nicht in das amerikanische Propaganda-Lied der chinesischen Unterwanderung (Details siehe Post in diesem Blog vom 13. Juni "Feindbild China") einstimmt.
Heute Abend wiedereinmal die Tagesschau des Schweizer Fernsehens.

Eigentlich ist es ja erfreulich: Anlässlich der Klage des Internationalen Strafgerichtshofes gegen den sudanischen Staatspräsidenten berichtet die Tagesschau des Schweizer Fernsehens wieder einmal über die katastrophale Situation im Darfur. Nur: Dass sie dabei einmal mehr die amerikanische Propaganda über eine angebliche Unterwanderung Afrikas durch China ins Zentrum des Beitrags rückt, ist eine journalistisches Fehlleistung.

Natürlich verwendet SF für den Bericht das Bild-Material, welches die Redaktion über den internationalen News-Exchange erhält, welches grossmehrheitlich aus amerikanischen oder britischen Quellen stammt. Problematischer ist, dass die Tagesschau offenbar auch die Agenturmeldungen aus den USA zum Thema multipliziert und deren so offensichtliche propagandistischen Gehalt unreflektiert in unsere Schweizer Stuben weiterverbreitet. (Leider hat SF den heute 14.7.2008 gesendeten Beitrag nicht ins Internet gestellt.)


In dem Tagesschau-Beitrag wurden die Waffenlieferungen Chinas an die kriegführenden Gruppen im Sudan angeprangert und unter anderem mit einem chinesischen Schriftzug auf einem alten Militärlastwagen (!!!) belegt. Der Lastwagen wie auch viele Waffen mögen aus China stammen und es ist tatsächlich zu kritisieren, dass China überhaupt Waffen nach Afrika und speziell in den Sudan liefert.

Der amerikanische Finger, der da aber einmal mehr auf China zeigt, ist nicht nur schmutzig, sondern mit Blut besudelt und eine minimalste Recherche der Tagesschau mit einem einzige Klick im Internet hätte es dem beauftragten Redaktor und seinem verantwortlichen Produzenten verbieten müssen, dieses Material ohne jegliche Einordnung zu senden.

Das weltweit anerkannte SIPRI (Stockholm International Peace Research Institute) hat in seinem Jahresbericht 2007 einmal mehr mit aller Deutlichkeit gezeigt, auf wen alle Finger zu richten sind, auch in Afrika: Fast 50 Prozent der Waffen (528,7 Milliarden USDollar oder 46%), welche weltweit 2006 produziert wurden, stammen aus den USA. China produziert nicht einmal einen Zehntel so viele Waffen (49,5 Milliarden USDollar oder 4% der Weltproduktion). 5 der 6 grössten Waffenproduktionsfirmen der Welt, sind amerikanische Unternehmen, welche ihr Business weltweit betreiben. China ist netto ein Waffenimporteur, sprich, es werden wesentlich mehr Waffen auf dem internationalen Markt eingekauft, als verkauft. Chinas Anteil am Export von Waffen beträgt gerade mal 2 Prozent des Weltmarktes und China rangiert damit in der Liste der Waffenexporteure sogar noch hinter Italien und nur ganz knapp vor Schweden. Marktführer USA kommt auf satte 30, 2 Prozent.









Sarkozy's Triumph


Noch ist es nur ein erster Schritt in die gute Richtung, aber der ist dem französichen Präsident gelungen:

Zitat FAZ-Online von heute 14. Juli

Sarkozys diplomatischer Coup

Das Repertoire des Friedenstifters

Der französische Präsident feiert in Paris einen diplomatischen Triumph. Bei der Gründung der Mittelmeerunion gelingen ihm Durchbrüche in entscheidenden Konflikten im Nahen Osten. Schon beginnt Sarkozy wie sein Vorgänger Chirac vom Friedensnobelpreis zu träumen.

Das Video der FaZ hier.

Donnerstag, 10. Juli 2008

Mare Nostrum

"Mare Nostrum"
"Mare Nostrum" nannten die Römer das Mittelmeer. In der Spätantike war das Mare Nostrum auch gleichbedeutend mit dem Erdkreis, schlicht die bekannte oder zumindest die relevante Welt. Und mit dem Zusatz "nostrum", "unser", wurde gleichzeitig den Besitz- und Machtanspruch Roms auf diese Welt umschrieben.

In Anlehnung an das "Mare Nostrum" der Römer titelt die "Zeit" in ihrer aktuellen Ausgabe "Unser Mittelmeer". Die aktuelle Verbindung ist so brisant wie intelligent: Es geht um die "Allianz für das Mittelmeer", mit welcher der französische Staatspräsident Sarkozy seit einiger Zeit kokettiert. Doch der kleine Mann mit dem grossen Geltungsdrang kokettiert nicht nur: Er hat als neuer Ratspräsident der EU auch die Macht, Nägel mit Köpfen zu machen.


Sarkozy's Ansatz "Unser Mittelmeer"

Sonntag/Montag zelebriert Sarkozy den Beginn „seines“ Jahres als höchster Europäer mit einem "Mittelmeergipfel". Und nach einigem zögernden Nasenrümpfen sind am Sonntag schliesslich praktisch alle wichtigen Machthaber des modernen Europa, zahlreiche Staatschefs der nordafrikanischen und nahöstlichen Anrainerstaaten und UNO-Generalsekretär Ban Ki Monn nach Paris angereist und haben dem "kleinen Napoleon" die Ehre erwiesen. Nicht zuletzt auch, weil diese "Union für das Mittelmeer" vielleicht der spannendste Zukunftsansatz und ein Ausweg aus der aussenpolitischen Ratlosigkeit des modernen Europas mit grossem Potential darstellt.
Es ist die Wiederausrichtung Europas auf seinen alten Kulturraum, den "Erdkreis" der (europäischen) Antike.
Logisch, dass zuerst die Briten (und die Deutschen) etwas irritiert auf Sarkozy’s Mittelmeer-Offensive reagieren. Sie fühlen sich als nicht-Mittelmeeranrainer ausgeschlossen und, vorallem, würde eine neu-alte Ausrichtung Europas Richtung Süden eine Relativierung der aktuell dominierenden, einseitig anglophonen, transatlantischen Ausrichtung Europas bedeuten. Bei allen reichlich pikierten Kommentaren der deutschen Medien am Wochenende, hat doch auch das Nachdenken, das Suchen nach einer Chance dieser Politik und das Rückbesinnen auf deren Tradition begonnen. So sub-titelt die Süddeutsche Zeitung am Wochenende „Europa war immer eine mittelmeerische Zivilisation“ und spricht vom Mittelmeer als „europäischer Kernraum“.

Eigenständige (Amerika-unabhängige) Politik

Auch Mittelmeer-ferne Analytiker erkennen, dass in dieser Südausrichtung grosse Attraktionen und Chance liegt: Eine Befreiung Europas von der Abhängigkeit von der US-amerikanischen Politik und mehr Spielraum für eine eigenständige Politik nicht zuletzt im östlichen Mittelmeer. Schmerzlich mussten die Europäer in den letzten Jahren erfahren, wie sie immer gezwungen wurden, die rücksichtslose, aggressive Politik der USA im Nahen Osten mit zugehen und gar mitzutragen (u.a. Irak-Kriege), obwohl diese stets einseitig nur die Wirtschaftsinteressen der USA (Oel) und die politischen Interessen einer der wichtigsten Lobbies in den USA, der Juden, wahrgenommen hat.
Eine vermehrte Ausrichtung Europas Richtung Süden könnte Spielraum für eine Strategie schaffen, welche wirklich den Interessen Europas entspricht. Sie bietet die Chance, eigene Lösungen mit den unmittelbaren Nachbarn zu finden:
Im Kleinen zum Beispiel eine Lösung des Palästina-Konfliktes, welcher das Klima der Beziehungen zum wirtschaftlich so wichtigen Nachbarn am Ostende des Mittelmeers mit seinen gerade für Europa so wichtigen Rohstoffquellen jahrzehntelang vergiftet hat. Eine Lösung des Palästinakonflikts ist die Voraussetzung für eine Normalisierung unseres Verhältnisses mit der ganzen islamischen Welt, welche die USA zum Schaden des gesamten globalisierten Erdkreises zum neuen Feindbild der "zivilisierten Welt" empor stilisiert hat.



Vision "Der Nahe Osten als Partner Europas"

Noch kaum angedacht oder gar angesprochen erscheint mit Sarkozy's Intitiative eine Vision am orientalischen Horizont Europas: Die islamische Welt nicht als feindliche Bedrohung, sondern als Partner Europas bei Neuordnung des globalisierten Erdkreises.
Was Vielen auf den ersten Blick undenkbar erscheint, ist auf den zweiten Blick nicht nur physisch-geographisch naheliegend, sondern eigentlich vertraut, weil nichts Neues:

Unsere gemeinsame Geschichte
Unsere eurozentrische Geschichte, die wir alle in der Schule vermittelt bekommen haben, erzählt den antiken Erdkreis als "Wiege unserer Kultur". Mittelpunkt dieser, unserer Geschichte ist nicht das heutige Europa im Norden und Westen des Mittelmeers, sondern der Osten.

Der "Fruchtbare Halbmond" im heutigen Anatolien, wo wir uns erstmals sesshaft machten, die ersten städtischen "Hochkulturen" an Euphrat und Tigris, das alte Aegypten, die alten Griechen, deren Blickrichtung fast ausschliesslich nach Osten gerichtet war, wo ihr wichtigster Partner und Konkurrent die Perser: Das ist unsere Geschichte.

Hier, am östlicher Ende des Mittelmeers entstanden auch die Religionen, deren Werte heute die globalisierte Welt beherrschen: Das Christentum und vermehrt der Islam, die beide aus dem selben Kulturgut stammen.

Jesus war genauso ein "Araber" wie Mohammed.

Import der europäischen Kultur aus dem "Orient"
Es waren die arabischen Kulturzentren in Damaskus und Baghdad, welche "unsere" Kultur der Antike nach dem End der Römerzeit bewahrten und weiterentwickelten. Die germanischen Barbaren im Westen und Norden Europas hatte keine Ahnung von Aristoteles. Erst die muslimische Eroberung Nordafrikas und Spaniens brachte die Kultur der alten Griechen, angereichert mit dem Wissen des Orients zurück nach Europa und ermöglichte die "Renaissance" der Antike, inkl. die Kenntnisse ihrer Wissenschaft, Medizin, Mathematik,Philosophie etc..

Der Buchtipp dazu: Ilija Trojanow's "Kampfabsage". Der Titel ist natürlich ganz bewusst als Antithese zu Huntingtons "Kampf der Kulturen" gewählt.
Trojanow übernimmt die Theorie vom "Ineinanderfliessen der Kulturen": Die Berührungspunkte, die Ueberlappungen, der Austausch der Kulturen bilden traditionell der Nährboden für neue Entwicklungen und „Fortschritte“ ist. Die Abgrenzung gegen aussen und eine einseitige Identifikation nach innen, wie in den verschiedenen Formen des Nationalismus praktiziert wird, braucht Feindbilder und widerspricht langfristigen marktwirtschaftlichen Interessen.


Perspektiven:
Eine Partnerschaft Europas mit dem südlichen und östlichen Mittelmeerraum bietet jede Menge spannender Perspektiven. Nicht nur wirtschaftlich mit der Erschliessung und Entwicklung eines attraktiven Marktes. Ansätze einer fruchtbaren Mittelmeerpolitik Europas gibt es bereits, nicht nur mit dem von den deutschen und britischen Medien verniedlichten "Barcelona-Prozess" der EU. Auch ganz praktisch z.B. in der Klima und Energiepolitik (u.a. Solarpolitik).

Nicht zuletzt bietet eine friedliche Partnerschaft ein dringend notwendige sicherheitspolitische Perspektive. Nötig ist schon in Paris ein kurzfristiges Signal: Es kann nicht im Interesse Europas sein, erneut in einen amerikanischen Krieg im Nahen Osten verwickelt zu werden: in einen Krieg gegen den Iran. Dieser Krieg wäre nicht nur eine globale Katastrophe, sondern auch das sofortige Ende aller vorsichtigen Initiativen für eine neue Politik Europas rund um "unser Mittelmeer.

Sonntag, 6. Juli 2008

Die Geister der Vergangenheit (II) ......

... haben durchaus auch einen sehr unterhaltenden Wert und ich merke, dass auch bei mir als alter Oberbaselbieter die Anti-Basler Reflexe unterschwellig noch sehr präsent sind. Auch wenn ich heute wirklich wenig Verständnis dafür aufbringen kann, warum die beiden Basel nicht auch politisch das sind, wie sie wahrgenommen werden von aussen und auch von den Meisten innen: Eine Einheit.
Aber eben: Ich gehöre zu einer Generation, die noch die letzte Wiedervereinigungsinitiative (Abstimmung 1969) erlebt hat. Persönlich habe ich "Politik" wohl damals rund um diese Initiative erstmals richtig erlebt. Es war unser Sissacher Dorfpfarrer, ein Schaffhauser, der uns Jugendliche nach Münchenstein mitgenommen hat zu einer grossen Anti-Wiedervereinigunsgveranstaltung. So was prägt und ich hatte lange das Gefühl, dass ich eigentlich "mit denen, die das Tram haben" - und das fährt ja bezeichnenderweise nur bis kurz vor die Hülftenschanz - nichts zu tun habe.
Und wenn ich mir jetzt die Geschichte rund um die Hülftenschanz in Internet (u.a. wunderschön bei Alt-Basel) zu Gemüte führe, kommt das abstruse Rampass-Gefühl hoch: ein Stolz, eine Befriedigung, dass wir es den Basler, den Grosskotzen aus der Stadt, damals gezeigt haben und sie im wahrsten Sinne des Wortes "auf's Haupt geschlagen" haben.

Es bleibt ein verwundertes Schmunzel über mich selbst, aber: Diese Reflexe sind Realität bei vielen Baselbietern und nicht zuletzt bei der Generation, die jetzt an der Macht ist, die noch von diesen Reflexen geprägt ist. Je nach persönlichen Niveau ist diese Prägung mehr oder weniger kontrolliert-zivilisiert.

Die Geister der Vergangenheit ....

.... sind in Basel (Land) leider immer nicht kräftig kultivierte Realität.


In knapp einem Monat jährt sich die Schlacht an der Hülftenschanz vom 3. August 1833 zum 175. Mal. Man liest zwar zur Zeit erstaunlich wenig über das historische Ereignis trotz der Nähe zum "Jubiläum", aber im politischen Altag, abgebildet in den Medien, ist der Geist von damals omnipräsent.
Jüngste Beispiele aus der schier endlosen Geschichte:
- die Sonntagszeitung kündigt den Streit zwischen BS und BL um die Auftelung der Zusatzkosten für die Euro 08 an und
- erst am Freitag ist bekannt gworden, dass sich die Baselbieter Gemeinden erneut erfolgreich gegen eine höhere Abgeltung der Leistungen des Basler Theaters gewehrt haben (u.a BaZ: "Baselbieter lassen das Theater fallen").

Nach dem "Positiv-Beispiel" Universität dürfte das Thema "Zentrumsleistungen" mit der Theaterfrage wieder mit Macht an die Oberfläche kommen.


Freitag, 4. Juli 2008

Die Zeitung stirbt

Vin Crosbie, der Online-Guru in den USA (Online-News-Veteran, Consultant und Professor für Visual Interactive Communications an der Syracuse University) formuliert radikal,was wohl acuh für Europa und die Schweiz gilt.

"The newspaper industry is dying".

http://www.digitaldeliverance.com/blog/2008/06/second_annual_global_conferenc_1.html

Gleichzeitig formuliert Crosbie aber auch soetwas wie: "Die Zeitung ist tot, lang lebe die Zeitung." Aber eben nur, wenn sie sich wandelt und vorallem den Sprung ins Netz schafft.
Crosbies Hauptbotschaft:

individualisierte(«customized») Vermittlung von Informationen (News):
    «Billions of people today are using their new-found cornucopia of access to information. Each person is using it to hunt and gather whatever mix of information matches his unique individual mix of interests.

    And those billions of people are gravitating away from generic, analog products that deliver the same mix of news to everyone. They're moving away from the analog newspaper.
    That's why circulation is declining. This isn't a cyclical change. It's permanent. The cornucopia of access to information that consumer now have isn't going to go away. The traditional, analog newspaper is.
    […]
    Customization makes the daily newspaper more relevant to each person's interest and needs. It will make the daily newspaper much, much more valuable. Billions of people are leaving analog newspapers and going out to hunt and gather information that fits each of their own individually unique mixes of interests. Why should they hunt and gather?

    There's a huge business opportunity there. People talk about the missing business model for online publishing. Well this is it and always has been. And it's possible online and now in print.»

    Umsetzung: ab 8. August 2008 unter www.baz.ch

Geheimbericht Bio Fuel


Das ist sicher die relevanteste News der letzten Tag: Schuld an den dramatischen Preissteigerungen der Nahrungsmittel in den letzten Monate ist zu 75% die Produktion von "Bio-Treibstoff".

Zu diesem Schluss kommt eine seit April vorliegende, aber bisher nicht veröffentlichte Studie der Weltbank, welche der "Guardian" gestern public gemacht hat:
http://www.guardian.co.uk/environment/2008/jul/03/biofuels.renewableenergy

Die Studie birgt eine Menge politischen Sprengstoff. Denn der enorme Anstieg der Preise für Nahrungsmittel, der in vielen Staaten zu Hungerkrisen geführt hat, ist im Wesentlichen auf die massenhafte Produktion von Biokraftstoff zurückzuführen. So das Fazit einer bislang geheim gehaltenen Studie der Weltbank, die der britischen Zeitung "The Guardian" vorliegt. Bis zu 75 Prozent der Preissteigerungen sind demnach auf den Verbrauch von Agrarprodukten und -flächen für die Herstellung von sogenanntem Biodiesel zurückzuführen.

Brisant ist nicht nur der Inhalt, sondern auch die verzögerte Veröffentlichung. Der Verdacht liegt auf der Hand, dass die Weltbank den bericht bisher zurückgehalten hat, um ihren wichtigsten partner USA zu schonen. Bekanntlich subventioniert die USA den Anbau von Bio-Treibstoff durch ihre bauern massiv. Mehrfach hat die Regierung Bush die Schuld für die gestiegenen Nahrungsmittelpreis den sogenannten Schwellenländern zugewiesen und deren gesteigerten Bedarf. Dies hat sich jetzt als unständg-falsche Schuldzuweisung erwiesen.